Pressestimmen 2009 Dresdner Neueste Nachrichten 12. Januar 2009
Chamisso Poetikdozentur für Hussain Al-Mozany Der Autor aus dem Irak hält morgen seine erste Vorlesung im Dresdner Blockhaus
Tomas Gärtner
Inhaber der Dresdner Chamisso Poetikdozentur in diesem Jahr ist Hussain, Al-Mozany. Am 13. Januar soll er die erste von insgesamt fünf Vorlesungen bei der Sächsischen Akademie der Künste im Blockhaus halten. Hussain Al Mozany ist Jahrgang 1954 und stammt aus dem Irak. Geboren ist er im Marschland im Süden des Landes, in Amarah; aufgewachsen in der irakischen Hauptstadt Bagdad. Mit 24 Jahren hat er im Libanon angefangen, als Journalist zu arbeiten. 1980 ist er ins Exil in die Bundesrepublik gegangen. An der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster hat er Arabistik, Islamwissenschaft, Germanistik und Publizistik studiert. 1991 bis 1993 war er in der ägyptischen Hauptstadt Kairo, um dort zum Roman zu forschen.
Veröffentlicht hat Hussain Al-Mozany zunächst einige Erzählungen und Romane in arabischer Sprache. Dann auch Werke deutschsprachiger Autoren ins Arabische übersetzt, beispielsweise von Ingeborg Bachmann, Gottfried Benn, Robert Musil, Nicolas Born oder Günter Grass. Heute lebt er in Berlin. Sein erstes Buch, das auf Deutsch erschien, war 1999 "Der Marschländer" der Roman über einen Mann, der sich dem Krieg des irakischen Regimes verweigert. 2002 folgte der Roman "Mansur oder der Duft des Abendlandes". Ein ironischer Seitenhieb auf das Prinzip der Blutsverwandtschaft, das die Grundlage des deutschen Staatsbürgerschaftsrechtes bildet. In dem Buch versucht ein geflüchteter irakischer Soldat die deutsche Staatsbürgerschaft zu bekommen, indem er auf einen deutschen Vorfahren verweist nur handelt es sich bei dem um einen Wandermönch, der im Mittelalter gelebt hat. In tragikomischem Ton erzählt der Autor über Asylbewerberheime, muslimische Fanatiker, kulturelle Arroganz der Westeuropäer, über bürokratische Schikanen und Ausländerhass.
Sein jüngstes Buch hat er im Jahr 2007 veröffentlicht "Das Geständnis des Fleischhauers". Im Mittelpunkt steht ein Mörder, der seine Tat gesteht. Von Kritikern ist dieser Roman als spannendes Psychogramm eines Mensehen gelobt worden, der unfähig ist, tiefer über sich selbst nachzudenken.
2003 war Hussain Al-Mozany mit dem Chamisso Förderpreis ausgezeichnet worden. Verknüpft mit der Ehrung ist diese Poetik-Dozentur. Sie wird seit 2002 gemeinsam von den Literaturwissenschaftlern an der TU Dresden und der Robert Bosch Stiftung organisiert, seit 2005 ist die Sächsische Akademie der Künste beteiligt.
Zu den Vorlesungen eingeladen werden Autoren, die deutsch schreiben, aber eine andere Muttersprache haben. In ihren Vorträgen berichten und reflektieren sie über ihre Erfahrungen als Schriftsteller zwischen zwei oder auch mehr Sprachen, den damit verbundenen Traditionen und ihrem anderen Blickwinkel auf die deutsche Kultur. In vergangenen Jahr hatte das Zsuzsanna Gahse getan.
Sächsische Zeitung 15. Januar 2009
Vergnügen an Bollwerken des Deutschen Der irakische Autor Hussain Al-Mozany beschreibt in Dresden das Reisen zwischen den Sprachen
Gundula Sell
Schilf, Sumpf und Zugvögel bestimmen das Marschland am Tigris, wo der irakische Schriftsteller Hussain Al-Mozany 1954 geboren wurde. Die Männer erzählen in ihrem Dialekt Legenden von Ungeheuern, die Mütter und Großmütter schweigen, da gesprächige Frauen als unheilbringend gelten. Als Al-Mozanys Familie nach Bagdad zog, verließ er zugleich seine erste Sprache, zumal in Sadam Husseins Irak alles außer Hocharabisch verpönt war.
Al-Mozany, der in seiner Jugend Kommunist war und heute an keinem arabischen Politiker einen -uten Faden lässt, ging 1978 ins Exil und kam zwei Jahre später nach Deutschland. Hier hat er nach Lyrik und Erzählungen in arabischer Sprache drei Romane - zuletzt "Das Geständnis des Fleischhauers" - sowie Theaterstücke auf Deutsch veröffenthcht. Er mischt die alte orientalische Kultur des Geschichtenerzählens mit dem europäischen Schelmenroman, übersetzt Autoren wie Grass ins Arabische und arbeitet als Journalist.
Die Erfahrung des Migranten teilt Al-Mozany mit Millionen Menschen in aller Welt, die gezwungen sind, in einer fremden Kultur zurechtzukommen und ihre Balance zwischen Herkunft und Gegenwart zu finden. Der Adelbert-von-Chamisso-Preis, benannt nach dem deutschen Dichter mit französischen Wurzeln, wird von der Bayerischen Akademie der Künste an deutschsprachige Autorinnen und Autoren verliehen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Die Sächsische Akademie der Künste und das Mitteleuropazentrum der TU Dresden laden seit Jahren Träger dieses Preises nach Dresden zu Poetikvorlesungen ein. Die Preisträger berichten, wie sie bei freiwilligem oder unfreiwilligem Wechsel der Sprache literarisch arbeiten. Wie bei Al-Mozarry ergeben sich dabei hochinteressante Einblicke in die Herkunftskultur und ungewohnte Sichten auf Deutschland.
Sprache als Investition
Mit dem Vortrag "Die Opferung der Muttersprache" begann Al-Mozarry seinen Vorlesungszyklus am Dienstag im Dresdner Blockhaus vor zahlreichen Zuhörern, zum Großteil Studenten. In der Diskussion wurde der sehr strikte Begriff der "Opferung" teilweise zurückgenommen: Die Muttersprache wurde nicht preisgegeben, so Al-Mozany, sondern "investiert zur Gewinnmaximierung". Der Schriftsteller hat sich die deutsche Sprache hart erarbeitet, mehr noch von Kindern gelernt als an der Universität, wo er unter anderem Germanistik und Arabistik studierte. Seine wichtigsten Lehrer aber waren Autoren wie Kafka und Nietzsche - sicher keine einfache Schule. Das deutsche kulturelle Erbe erwies sich für ihn als "Trost, Geselligkeit und Zuversicht", sonst wäre der Preis für die Opferung der Muttersprache doch zu hoch gewesen. Am Deutschen schreckten ihn die zusammengesetzten Wörter als "mechanisch geschichtete Bollwerke", bis er merkte, was man damit alles machen kann, bis hin zur Poesie. Inzwischen weiß er die Realitätsnähe des Deutschen zu schätzen, das Hand und Fuß habe, anders als das Schwebend-Blumige Arabische, das gern im Ungefähren bleibe.
Al-Mozany beklagt den "Kulturrelativismus" vieler Deutschen, die nicht sehen wollen oder hinnehmen, dass in der arabischen Welt alle Staaten diktatorisch und korrupt seien und, wie er sagte, einig nur in der Unterdrückung der Bevölkerung. Aus seinem Zorn darüber war gleichermaßen Schmerz zu hören über eine Heimat, die Intellektuelle nicht zu brauchen meint und doch so nötig hat.
Dresdner Neueste Nachrichten 15. Januar 2009
Poetikdozentur: Hausen in der Sprache Hussain Al-Mozany spricht über Verluste und Gewinne
Tomas Gärtner
Was geschieht mit der eigenen Sprache, die jemand mitbringt in einen völlig anderen Sprachraum? Der aus dem Irak stammende Schriftsteller Hussain Al-Mozany, der seit 1980 im Exil in der Bundesrepublik lebt, hat diese Frage an den Anfang der fünf Vorträge seiner Chamisso-Poetikdozentur gestellt. Im Reflektieren darüber teilt er uns zugleich etwas Grundsätzliches mit über das Eigentümliche der Sprache und ihren künstlerischen Gebrauch. Eine einfache Antwort indes konnte Al-Mozany den etwa 90 Zuhörern im Dresdner Blockhaus nicht geben. Auch wenn es anfangs so schien. Auf seinem Weg zur deutschen Sprache habe er seine Muttersprache geopfert, lautete seine Ausgangsthese.
Nimmt er den Begriff Muttersprache wörtlich, findet er nur wenig Substanz. Im Südirak, im Marschland, seien die Frauen stets wortkarg gewesen, erzählt er. „Andernfalls hätte man sie für geschwätzig gehalten." Nicht mehr als ein paar knappe Sätze hätten Mutter und Großmutter mit ihm gesprochen. Der gängige Weg der Verständigung zwischen den Frauen, ihren Männern und Kindern dort waren Blicke und Gesten. "Meine Muttersprache, das waren die Augen meiner Mutter und die Tätowierungen auf ihrer Stirn."
Aufgewachsen sei er „in einem hermetisch abgeschlossenen Sprachraum". Das gesprochene Arabisch nämlich kennt zahlreiche Dialekte und unterscheidet sich beträchtlich vom geschriebenen Hocharabisch - einer bildhaften Sprache ohne klare Formulierungen zudem. Vieles wird weggelassen, der Hörer muss es im Kopf ergänzen. Hocharabisch war mithin die erste Sprache, die er lernte.
Als er in die Bundesrepublik kam, habe er sich gefühlt wie "ein Enthauster, der in der deutschen Sprache haust". Beim Lernen hat er klangähnfiche neue Wörter erfunden, die ihm den Sinn besser , zu erfassen schienen: "Staubsauber", "Schießrichter" oder "Hochschrauber". Nach und nach habe die fremde Sprache von ihm Besitz ergriffen, die eigene Sprache allmählich verdrängt. Die neue Sprache allerdings hat ihm die Tür zur deutschen Literatur geöffnet, ihm neue Gefährten beschert. Kafka und Nietzsche heißen die zum Beispiel. "Ich habe Trost in den Büchern gefunden. Es hat sich gelohnt. Sonst wäre der Preis, den ich gezahlt habe, viel zu hoch gewesen."
Die Muttersprache also - ein Verlust? Hussain Al-Mozany formuliert es im anschließenden Gespräch mit den Zuhörern noch etwas anders: "ich habe meine Sprache investiert in die deutsche Sprache und habe dabei meinen Gewinn maximiert." Ganz und gar verloren freilich hat er seine ursprüngliche Sprache nicht. Immerhin übersetzt er eifrig deutsche Literatur. "Mein Arabisch hat sich durch das Deutsche verändert. Im Kontakt zu beiden Sprachen habe ich etwas Neues entwickelt."
Leipziger Volkszeitung (Online) 10. März 2009
Sächsische Akademie der Künste beklagt Defizite und plant Salon
Die Sächsische Akademie der Künste will sich mit neuen Projekten stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken. Trotz aller Bemühungen werde sie noch zu wenig wahrgenommen und auch ihr Stellenwert bei der Politik müsse hinterfragt werden, sagte Präsident Udo Zimmermann am Dienstag nach der ersten Sitzung des neuen Senats in Dresden. Mit einer Satzungsänderung werde eine Verjüngung durch Zuwahl angestrebt. Zudem wurde beschlossen, einmal monatlich einen „Offenen Salon“ zur Diskussion über aktuelle politische Themen einzurichten. Eine Werkstatt „Bilanz“ soll den Mauerfall vor 20 Jahren und die Weiterentwicklung der Kunst seitdem betrachten.
Weitere Veranstaltungen zu Gegenwartskunst in Ungarn, Barockdichter Paul Fleming (1609-1640), zur Kultur- und Finanzkrise oder Architektur und Städtebau in Polen sollen zur Präsenz beitragen. Die Zuwahl jüngerer Mitglieder bedarf einer Satzungsänderung, für die die Mitgliederversammlung im Juni den Weg freimachen soll, sagte Senator Holk Freytag. Angesichts der finanziellen Grenzen müssen die Einrichtung eines Archiv und die Gründung einer Klasse Medienkunst sowie der jungen Akademie aber zurückgestellt werden. So schnell wie möglich soll aber ein Förderverein ins Leben gerufen werden, so Präsident Zimmermann.
Der 1996 gegründeten Akademie gehören derzeit 141 Mitglieder im In- und Ausland in fünf Klassen für Bildende Kunst, Darstellende Kunst und Film, Baukunst, Literatur und Sprachpflege sowie Musik an. Der Altersdurchschnitt liegt bei 68 Jahren. Vom Jahresetat in Höhe von 260 000 Euro blieben 47 000 Euro für die Programme, sagte Präsidialsekretär Klaus Michael. (dpa)
Sächsische Zeitung 11. März 2009
Aufbruch im Club der Pensionäre Sachsens Akademie der Künste will sich endlich verjüngen sowie offensiver im In- und Ausland wirken
Bernd Klempnow
Im Juni beginnt das neue Zeitalter. Zumindest für die Sächsische Akademie der Künste. Dann tagt das ehrenamtliche Gremium mit seinen Mitgliedern in Prag und damit erstmals im Ausland. So erhält die angestrebte inhaltliche Orientierung auf die osteuropäischen Nachbarländer Sachsens neuen Schwung. Zudem wird in Prag die Satzung geändert. Junge Mitglieder sollen künftig in die Akademie gewählt werden können. „Eine Verjüngung ist dringend notwendig", sagte Akademie-Präsident Udo Zimmermann gestern in Dresden. Das Durchschnittsalter der 141 Mitglieder ist 68 Jahre. Auch sonst scheint der neu gewählte Senat frischen Schwung in die ehrwürdige Akademie zu bringen. Neue und wiederbelebte Projekte wie ein monatlicher „Offener Salon" zur Diskussion über aktuelle politische und gesellschaftliche Themen sowie Werkstätten und Ehrungen sollen die Arbeit der Einrichtung stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken.
Erstmals auf der Buchmesse
„Nur mit einem offensiveren Erscheinungsbild werden wir im Land endlich wahrgenommen", sagte Holk Freytag, Sekretär der Klasse Darstellende Kunst/Film. Vor allem die mangelnde Akzeptanz in der Politik sei zu hinterfragen. Der Freistaat hatte zwar Anfang der 90er Jahre die Akademie initiiert, sie aber finanziell so gering ausgestattet, dass sie kaum arbeitsfähig ist. Vom Landeszuschuss mit 260 000 Euro bleiben nach Abzug aller Fixkosten für die Projekte der fünf Klassen nur 47 000 Euro. Der Aufbau eines Archivs, wie es die Satzung vorsieht, ist illusorisch. Und Nachfragen auf allen politischen Ebenen ließen derzeit keine weitere Hilfe erwarten, so Zimmermann: „Wir bleiben aber dran."
Angesichts des Etats sind die nächsten Vorhaben mehr als respektabel: Ab Donnerstag will sich die Akademie erstmals auf der Leipziger Buchmesse mit Wendebilanzen in der Kunst und Stadtentwicklung sowie mit einer Würdigung für den Barockdichter Paul Fleming präsentieren. Eine groß angelegte Werkstatt widmet sich im Herbst ausführlich der Kunstentwicklung seit 1989. Workshops und Diskussionen mit Kollegen aus Polen, Ungarn und der Ukraine kündigen die anderen Klassen an.
Dresdner Neueste Nachrichten 11. März 2009
Mit begrenzten Mitteln. Jahresprogramm der Akademie der Künste
Michael Bartsch
Die Textbausteine der vergangenen Jahre lassen sich auch 2009 wieder verwenden. Die Sächsische Akademie der Künste sei zwar in guter Absicht während der Ära Biedenkopf gegründet worden. Finanziell aber sei sie nur ungenügend ausgestattet und habe auch keinen entsprechenden Platz in der Öffentlichkeit zugewiesen bekommen. So klagt Akademiepräsident Prof. Udo Zimmermann nicht erst seit der Pressekonferenz nach den Wahlen zum Senat der Akademie. „Der Gründungsimpuls allein genügt nicht", fügte Präsidialsekretär Klaus Michael hinzu.
Ein Etat von 260 000 Euro, von dem nur 47 000 für die öffentlichkeitswirksame Programmarbeit bleiben, ist wahrlich nicht üppig. Die erhoffte weitere Mitarbeiterstelle wurde nicht bewilligt. Sowohl die Staatsregierung als auch der Kulturausschuss des Landtages verhinderten die geplante Einrichtung einer „Jungen Akademie", die künstlerischen Nachwuchs unterstützen sollte. Auch die Neugründung eine Klasse Medienkunst liegt weiter auf Eis.
Man trinke deshalb aber nicht nur „aus der Tasse der Bitternis", relativierte Staatsschauspiel-Intendant Holk Freytag als Sekretär der Klasse Darstellende Kunst und Film die Klage. Die Akademie leiste mit den begrenzten Mitteln Außerordentliches. Was sie selbst bewegen kann, versucht sie zumindest anzugehen. So ist man sich längst der Gefahr bewusst, zu einem hermetischen Zirkel alternder Künstler zu erstarren. Mit 121 Mitgliedern ist die selbst gewählte Obergrenze eigentlich erreicht. Aber diese größtenteils in den neunziger Jahren berufenen und kooptierten Mitglieder erreichen mittlerweile ein Durchschnittsalter von 68 Jahren. Durch Zuwahl von fünf jüngeren Mitgliedern je Klasse will die Akademie eine Verjüngung erreichen. Voraussichtlich im Juni soll die Mitgliederversammlung eine entsprechende Satzungsänderung beschließen.
So profiliert einzelne Mitglieder auch sein mögen, wird doch die Akademie als ihr renommiertester Zusammenschluss in der Öffentlichkeit nur ungenügend wahrgenommen. Auch das ist kein neues Problem und kratzt am Selbstverständnis einer Einrichtung mit einem solch klangvollen Namen. Einem „offensiveren Erscheinungsbild", so Holk Freytag, soll künftig der Offene Salon dienen. Ein Jour fixe im Monatsrhythmus, voraussichtlich ein Montag ab 18 Uhr im Blockhaus, der aktuelle kultur- und allgemein-politische Themen diskutiert.
Selbstverständlich werden auch die Außenkontakte gepflegt, die erklärtermaßen nach Osteuropa gerichtet sind. Die Jahresmitgliederversammlung vom Juni wird in Prag stattfinden und unter dem Thema „Was ist Zeitgenossenschaft?" mit tschechischen Künstlern diskutieren. Die Klasse Baukunst ist nach Polen, Tschechien und der Slowakei nun in der Ukraine angekommen und wird unter anderem in Lemberg einen Städtebauworkshop organisieren. Sie begutachtet aber auch an mehreren Tagen Ende April die rekultivierten Tagebaulandschaften und wird am 8. Oktober das Planungsleitbild der Dresdner Innenstadt öffentlich diskutieren.
Die Bildende Kunst hat in diesem Jahr besonders die ungarische Kunst im Blick. Die Musiker planen Gesprächskonzerte, bei denen sächsische Komponisten wie Friedrich Schenker oder Jörg Herchet sich mit osteuropäischen Gästen austauschen. Friedrich Goldmann vertont wiederum Gedichte des vor 400 Jahren geborenen und jung verstorbenen Barockdichters Paul Fleming, dem sich die Klasse Literatur in diesem Jahr besonders widmet. Schon an diesem Donnerstag gibt es dazu auf der Buchmesse in Leipzig ein Gespräch. Am selben Abend und am Freitagvormittag folgen zwei weitere Diskussionen über Bilanzen der vergangenen 20 Jahre, einmal zur Entwicklung der Künste, zum anderen zur Stadtentwicklung in Ostdeutschland.
Ganz offen spricht Präsident Udo Zimmermann die Hoffnung aus, dass die Ende August anstehenden Landtagswahlen dazu beitragen werden, „der Akademie einen anderen Stellenwert zu geben". An welche Parteien oder Einzelpersonen diese Erwartung adressiert ist, sagte er nicht.
Märkische Allgemeine 14. März 2009
BUCHMESSE: Visionen und Bilanzen In Leipzig geben sich Literaten, Politiker, Gurus und Stars ein Stelldichein
Karim Saab
LEIPZIG - Warum immer wieder diese Aufregung ums Buch? Interessieren sich nicht viel mehr Menschen für neue Autos und Filme, Computer und Popstars?
Auf einer der 1900 Veranstaltungen auf der Leipziger Buchmesse, die noch bis Sonntag dauert, sagt die Schriftstellerin Angela Krauß plötzlich einen Satz, der die ungestellte Sinnfrage zu beantworten versucht: „Das Lesen entscheidet, dass wir nicht Masse sind, sondern demokratietaugliche Persönlichkeiten.“
Zuvor hatte sie von ihren Erfahrungen als Germanistik-Dozentin den USA berichtet. Die Studenten dort würden mit der Technik deutlich gewandter umgehen als mit ihren Mitmenschen und könnten sich nicht länger als 15 Minuten auf einen Text konzentrieren. „Wir werden uns alle in einer nicht gekannten Weise verändern“, prophezeite sie.
Eine Buchmesse ist der Ort, an dem eine Gesellschaft das Nachdenken über sich öffentlich macht. Natürlich geht es auch hier um Umsatzzahlen und technologische Entwicklungen. Aber gerade in Leipzig rücken jene Protagonisten in den Vordergrund, die das Vergangene erklären, Bestandsaufnahmen vornehmen, Alternativen und Visionen entwickeln. Und es sind die Bürger aus Leipzig und Umgebung, die zu den Veranstaltungen strömen wie vor 20 Jahren zu den Montagsdemonstrationen.
Christian Führer, einer der 89er Protagonisten und bis zu seiner Pensionierung Pfarrer an der Nikolaikirche, verbindet die Vorstellung seines Buchs „Und wir sind dabei gewesen“ mit einem Plädoyer für ein möglichst großes Freiheitsdenkmal auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz. Zuvor hatte sich in derselben Arena Autor Erich Loest dagegen ausgesprochen: „Wir brauchen kein weiteres Denkmal, wir haben die Nikolaikirche, die ist ein begehbares Denkmal.“
Natürlich nutzen auch viele Politiker die Gelegenheit, in den Messehallen ihre Message unter die Leute zu bringen. Zumal, wenn sie, wie Außenminister Frank-Walter Steinmeier, der neuerdings Frank genannt werden möchte, gerade eine Art Autobiografie geschrieben haben. Titel: „Mein Deutschland. Wofür ich stehe“. Der 53-Jährige hastet von Podium zu Podium, um sich als künftiger Bundeskanzler zu empfehlen. Im Gespräch räumt er die Schwächen der großen Koalition ein. Von Moderator Wolfgang Herles wird er mit einer Spitze verabschiedet: „Ich lege Wert auf den Walter – das ist auch mein zweiter Name.“
Auch zwei Bewerber um das Bundespräsidentenamt sind in Leipzig dabei. Peter Sodann, der Kandidat der Linken, bringt sich zunächst als Rezitator des Karl-May-Verlags ein. Danach spricht er sich für die Abschaffung der freien Marktwirtschaft aus. „Ich meine, man muss über Pläne reden und sich fragen, was braucht die Menschheit und was nicht“, sagt er. Seine SPD-Konkurrentin Gesine Schwan, die ihr Buch „Woraus wir leben“ bewirbt, will diese Konsequenz nicht ziehen. Aber auch sie gibt sich nachdenklich: „Ich meine, dass diese Krise auf dem Finanzmarkt nicht nur eine finanztechnische Krise ist, sondern eine tiefe kulturelle Krise“, sagt sie.
So denkt im Grunde genommen auch ein ergrauter Schlagersänger mit dünnem Pferdeschwanz, der nun als buddhistischer Guru unterwegs ist und die Finanzkrise für 2008 vorausgesagt haben will. Christian Anders präsentiert sein Buch „Der wahre Gott als Urgrund“, indem er in einer halbstündigen Rede die Vergänglichkeit aller Wahrnehmungen und Empfindungen herausstellt. Sein missionarischer Eifer steht ganz im Kontrast zur Selbstgefälligkeit der Puhdys, die angereist sind, um ihr Buch „Abenteuer Puhdys“ zu promoten. Auf dem ZDF-Sofa erzählen die einstigen DDR-Vorzeigerocker, dass sie am Tag des Mauerfalls zu den Leidtragenden gehörten. „Wir mussten am 10. November 1989 nach Mainz. Vorher war das einfach, aber jetzt standen da so viele Wartburgs und Trabis.“ Auch andere Popstars sind nach Leipzig gekommen und zeigen sich mit schmalen Lesebrillen auf der Nase: Herbert Grönemeyer, um weibliche Lyrik vorzutragen, Gunter Gabriel, um seine Erinnerungen „Wer einmal tief im Keller saß“ vorzustellen. Blixa Bargeld, Sänger der Einstürzenden Neubauten, löst das Problem mit den kleinen Buchstaben, indem er die Schrift auf dem Laptop groß stellt und im Stehen aus seinem Nobelrestaurant-Report „Europa kreuzweise“ vorliest.
Nach 18 Uhr, wenn die Messehallen am nördlichen Stadtrand endlich schließen, geht es in Leipzigs Innenstadt weiter, in den schönsten und abwegigsten Orten finden Lesungen und Veranstaltungen statt. Zum Beispiel in den großzügigen Räumen des Museums für Bildende Künste. Hier hat die Sächsische Akademie der Künste neben der Autorin Angela Krauß auch den Maler Hartwig Ebersbach und den Regisseur Wolfgang Engel zu einer Bilanz-Diskussion geladen. „1989-2009. Was ist aus den Künsten geworden?“
Keiner der Beteiligten jammert. Schließlich wisse inzwischen jeder, wogegen er sei. Der langjährige Intendant des Leipziger Theaters fordert ein Theater, in dem es „wieder um Bildung, Aufklärung und Herzensbildung geht – wie in alten Zeiten“. Eine Zeit des Mangels sei für die Kunst nämlich gar nicht so schlecht. Diesen verspüren die Fachbesucher am Ende eines jeden Messetags – da es diesmal so gut wie keine der rauschenden Verlagsempfänge gibt.
Dresdner Neueste Nachrichten 28.-29. März 2009
Der Einfänger Wilfried Schulz stellt das Ensemble vor, mit dem er im Herbst seine Dresdner Schauspielintendanz antritt
Tomas Petzold
Wilfried Schulz, derzeit noch Schauspielintendant und Geschäftsführer der Niedersächsischen Staatstheater Hannover, bereitet sich seit zwei Jahren auf den Wechsel nach Dresden vor, wo er im Herbst die Nachfolge von Holk Freytag als Intendant des Staatsschauspiels antreten wird. Gestern stellte er der Presse die Mannschaft vor, mit der er arbeiten wird. Das sind erst einmal 33 Schauspieler, zu denen noch drei oder vier hinzukommen sollen, vier Regisseure, davon sogar zwei fest engagierte, insgesamt sechs Dramaturgen, von denen einer auch als Hausautor arbeiten soll. Im Leitungsteam bringt Hergen Gräper als Kaufmännischer Geschäftsführer 13 Jahre Staatsschauspiel-Erfahrung mit, alle anderen Positionen werden neu besetzt. In vier Wochen will Schulz Auskunft geben über die Vorhaben seiner ersten Spielzeit.
Er nähere sich der neuen Aufgabe wie ein Ethnologe, was große Genauigkeit und Zuneigung, aber auch das Spüren einer gewissen Distanz bedeute, erklärte der kommende Intendant. Fast gleichlautend hatte er sich am Abend zuvor geäußert in einer Gesprächsrunde der Sächsischen Akademie der Künste, in der Kunst-Staatssekretär Knut Nevermann außer ihn noch Dieter Görne und Holk Freytag als drei Intendanten-Generationen befragte. Was dabei einem beschwichtigenden Gesamteindruck von Übereinstimmung und Kontinui-tät - Rolle des Theaters in der Gesellschaft, Bekenntnis zu Ensemble und Repertoire - entgegenstand, war in erster Linie das Erleben ganz unterschiedlicher Temperamente. Schulz wirkt da fast wie ein enfant terrible, und seine Sicht des Theaters als hierarchiefreiem Raum, in dem Texte, Schauspieler und die materiellen Dinge die gleiche Bedeutung als Mittel im Spiel haben, verstörte offenbar den Staatssekretär und führte wenigstens phasenweise zu einer Diskussion.
Es geht hier aber nicht nur um eine andere Art von Dynamik, sondern um das Ausblenden des Tellerrands, hin-ter dem Dresden bislang (in der) Provinz blieb, um mit der Konzentration auf den Ort ihn zugleich viel deutlicher auf der Landkarte des deutschsprachigen Theaters sichtbar zu machen, mit geistigen Direktverbindun gen nach Zürich und Wien, Hamburg und Berlin, Weimar, Frankfurt und Hannover. Das ist die gar nicht geheime Botschaft, die man allein schon aus den Viten der Künstler herauslesen kann. Das ist nicht die Umsetzung irgendeiner Idealbesetzung vom Kopf in die Realität, sondern Ergebnis einer Auseinandersetzung auf verschiedenen Ebenen und wohl auch geschickten Werbens. Denn immerhin so Schulz, stünden derzeit an gleich zehn deutschsprachigen Bühnen Wechsel an, und da habe man es schon mit einem umkämpften Markt zu tun. Argumente von zu riskant, zu weit weg oder womöglich zu teuer kannte Schulz anscheinend nicht, als er durch die Theaterlandschaft zog, um Interessenten und Mitstreiter für seine Ideen einzufangen.
Zum Beispiel ist er stolz auf Rosa Enskat, Schauspielerin und Sängerin, die bisher „ein herumirrender Stern" gewesen sei, aber auch schon mal in Dresden engagiert war. Mit Olivia Grigolli hat er eine Österreicherin engagiert, die sich als Marthaler-Schauspielerin eine Namen gemacht hat. Sascha Göpel war der junge Helmut Rahn im „Wunder von Bern" und drehte Serien, jetzt ist er erstmals in einem festen Engagement. Während Wolfgang Michalek einen Wiener Ton einbringen soll, steht Torsten Ranft, der sich damit gegen einen Wechsel in seine Heimatstadt entschied, für das Leipziger-Sächsisch. Die Namen der Regisseure, die mit den jetzt von Schulz verpflichteten Schauspielern in wichtigen Rollen gearbeitet haben, ergeben ein Who is Who der arrivierten Szene.
Auch eingedenk der Tatsache, das mancher dies völlig anders interpretieren wird: Schulz betont, dass er mit allen Schauspielern des alten Ensembles gesprochen habe wie vor einem Neuengagement, das sei einfach eine Frage der Würde. Und das Ergebnis der vielen Einzelgespräche sei eben nicht vorprogrammiert gewesen. Froh sei er über die Zusage von Philipp Lux, „der seine Koffer schon gepackt hatte", auch Karina Plachetka habe er „sehr umworben, bis sie bereit war hierzubleiben", und Tom Quaas musste er umstimmen, weil er ihn unbedingt als festes Ensemblemitglied haben wollte, nachdem der einmal in Hannover als Mackie Messer ausgeholfen hatte. Mit dem Rückkehrer Thomas Eisen (Stuttgart) und weiteren Stützen des bisherigen Ensembles besteht die Dresdner „Säule" aus 14 Darstellern.
Eher klein ist dagegen ist die Schar der direkt mit nach Dresden wechselnden Ex-Hannoveraner Schauspieler (fünf), darunter mit Christian Friedel einer der Nachwuchsschauspieler, auf den Schulz große Hoffnungen setzt und der gewissermaßen direkt nach den Dreharbeiten für Michael Hanekes neuen Film „Das weiße Band" (deutscher Cannes-Beitrag) nach Dresden kommt. Ein Achtungszeichen bedeuten auch vier junge Schauspieler aus Weimar. Drei der Neuen hat Schulz unmittelbar nach ihrem Abschluss an der Berliner Schauspielschule „Berieft Brecht" engagiert. Mit der aus Bratislava stammenden Lore Stefanek (geb. 1943), die über Wien, Frankfurt, Bochum und viele andere Stationen nach Berlin kam (Professur an der Schauspielschule, zuletzt Schaubühne - u.a. Hedda Gabler), hat er aber auch eine gereifte Darstellerin verpflichtet, von deren Präsenz man wohl von vornherein Überdurchschnittliches erwarten darf.
In dem insgesamt stark verjüngten Ensemble sieht Schulz offenbar mehrheitlich auch Protagonisten. Auf Fernsehstars in Gastrollen, die ohnehin nicht zu seinem Verständnis von Theater passen, kann er da wohl gut verzichten. Allerdings soll sich „um das Ensemble herum ein zweiter Kreis von Gästen" entwickeln. Eine Extra-Abteilung wie den neubau braucht er bei seinem Personal wahrscheinlich auch nicht. Julia Hölscher und Tilmann Köhler, seine Hausregisseure - vor zwei Jahren übrigens noch ein absolutes Unwort für ihn -, sind beide Jahrgang 1979 und haben bereits mit Gastinszenierungen, Uraufführungen, Festivalteilnahmen Aufsehen erregt. Für Friederike Heller, die nun erst recht zu den aufstrebenden Jungregisseuren zählt, steht eine regelmäßige, für sie auch sehremotionale Rückkehr in die Stadt an, wo sie bei Eva Heidrich im TIF die ersten Sporen verdiente. Einer der neuen Dramaturgen ist Martin Heckmanns, vom TIF her bestens bekannt durch „Disco" und „Schieß doch, Kaufhaus" - einer der produktivsten jungen Stückeschreiber, der nun auch in Dresden wieder Stoff für Uraufführungen liefern soll.
Vielleicht ist es angesichts all dieser Fakten nur eine schwache Präventivmaßnahme, wenn Schulz versichert, dass er auch die Dresdner Bürgerlichkeit respektiert und sich auf sie einlassen will. Der neue optische Auftritt des Staatsschauspiels, kein geschlossenes Logo, sondern der Löwe und die zwei gelben Streifen aus dem Stadtwappen, sollen für ein offenes Verhältnis des Theaters zu seinem Publikum stehen, „kennzeichnen: aber nicht verletzen".
Im Kleinen Haus soll sogar eine ganze Spielplanlinie für die einladende Offenheit stehen. „Die Bürgerbühne" ist der Arbeitstitel dieser Sparte (Leitung Miriam Tscholl), in die folgerichtig der bewährte Bürgerchor integriert werden soll, die offen ist für Laien aus allen Gruppierungen und Schichten, die sonst eher wenig mit Theater zu tun haben. Dabei gehe es nicht etwa um theaterpädagogische Projekte, sondern um Kunst, um richtige Aufführungen. Den Anfang sollen „Die Nibelungen" (teils nach Hebbel) mit Dresdner Jugendlichen machen - fast 25 Jahre nach der legendären Inszenierung von Wolfgang Engel.
Wie in einem Kino wird es im Kleinen Haus künftig drei nummerierte Bühnen geben; mit der 1 den Theatersaal, mit der 2 eine fest eingerichtete Spielmöglichkeit auf der Bühne (150 Plätze) und mit der 3 unter dem Dach eine Studiobühne für 100 Besucher. Geplant sei auf der Glacisstraße eine „stärkere Frequenz" bei teilweise parallel laufenden Vorstellungen.
Ein paar bauliche Veränderungen und eine neue, versprochen modernere und auch nach den Vorstellungen einladende Gastronomie wird es auch im Schauspielhaus geben. Durchbrüche zwischen den Aufgängen zum 1. und 2. Rang sol-len Besuchern unnütze Wege ersparen, und auch für die Mitarbeiter sollen „auf sehr einfache Weise" Erleichterungen geschaffen werden. Der neue Fahrstuhl in die Intendanz sei hingegen ein Gerücht, so Schulz. Doch bis sich im September der erste Vorhang über seiner Ära hebt, wird noch Zeit sein für genügend Spekulationen. Zumal Friederike Heller bereits mit der Inszenierung nach einem Romanklassiker „und wieder keinem ordentlichen Stück" begonnen hat. Aber wie sollte denn auch Vorfreude aufkommen, wenn es an Spannung fehlte?
DPA 8. April 2009
Kultur keine Zwei-Klassen-Gesellschaft
Dresden (dpa/sn) - Die Sächsische Akademie der Künste hat vor einem Ost-West-Konflikt in der Kulturpolitik gewarnt. 20 Jahre nach dem Fall der Mauer dürfe es nicht sein, dass die «deutsche Kultur noch als Zwei-Klassen-Gesellschaft» begriffen wird, schrieb Präsident Udo Zimmermann am Mittwoch in einem offenen Brief an Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU). Hintergrund ist das Projekt «60 Jahre, 60 Werke» in Regie der «Bild»-Zeitung und des Energiekonzerns RWE. Dabei werden wichtige Werke deutscher Künstler vorgestellt und später in einer Schau zusammengefasst. Im 14-köpfigen Beraterteam gibt es nur einen Sachverständigen aus dem Osten. Zimmermann kritisierte, dass keiner der Museumsleute, Publizisten und Galeristen beteiligt wurde, «die sich in der DDR gegen ideologische Restriktionen zur Wehr gesetzt und um künstlerische Freiheit gerungen haben». Er bat Schäuble darum, seinen Einfluss geltend zu machen, um das Beratergremium vor allem mit Blick auf die vom 1. Mai bis 14. Juni in Berlin geplante Ausstellung zu erweitern. Zugleich dankte er den Initiatoren des Projektes für ihr Engagement. Der Komponist Udo Zimmermann gehört zu den international bekanntesten deutschen Künstlern. Bis Ende 2008 hatte er auch das Europäische Zentrum der Künste im Dresdner Festspielhaus Hellerau geleitet.
Sächsische Zeitung 16. April 2009
Berlin feiert mit einer Kunstausstellung 60 Jahre BRD - und die Sächsische Akademie der Künste würde gern mitfeiern.
Birgit Grimm
Wieder einmal ist es eine Ausstellung mit Kunst aus der jüngsten deutschen Geschichte und aus der Gegenwart, die für Diskussionen sorgt, noch bevor sie eröffnet wird. „60 Jahre - 60 Werke" heißt die Schau zum Jubiläum des Inkrafttretens der Verfassung der Bundesrepublik. Sechzig „kunstgeschichtlich herausragende Arbeiten der Malerei, Skulptur, Fotografie und Installationskunst, die seit 1949 entstanden sind", sollen ab 1. Mai im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen sein, teilt die Bonner Stiftung für Kunst und Kultur mit. Unterstützt wird sie dabei auch vom Bundesinnenministerium.
Es waren einmal zwei 60 Jahre BRD - das klammert 40 Jahre DDR aus. Denn zwischen 1949 und 1989 gab es zwei souveräne deutsche Staaten. Dass in der DDR entstandene Kunst schon wieder einmal unterbelichtet wird, bringt einige Mitglieder der Sächsischen Akademie der Künste auf die Palme. Der Komponist und Akademie-Präsident Udo Zimmermann kritisiert, dass keiner der Museumsleute, Publizisten und Galeristen an der Schau beteiligt wurde, „die sich in der DDR gegen ideologische Restriktionen zur Wehr gesetzt und um künstlerische Freiheit gerungen haben". In einem offenen Brief bat Udo Zimmermann Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble, seinen Einfluss geltend zu machen, um das Beratergremium zu erweitern. Doch was soll das so kurz vor Ausstellungs-Eröffnung noch bringen? Der Katalog ist im Druck, die Leihverträge sind längst unterschrieben und die Kunstwerke quasi auf dem Weg nach Berlin.
Die Liste der ausgewählten Künstler bietet nun so gar keine Überraschungen: Große Namen wie Gerhard Richter und Georg Baselitz sind selbstverständlich dabei.
A. R. Penck ist als dritter Sachse im Bunde. Jeder dieser Künstler verließ die DDR in frühen Jahren und machte in der BRD eine aufsehenerregende Karriere.
Auch Joseph Beuys, Jörg Immendorff, Sigrnar Polke und die unlängst verstorbene Hanne Darboven fehlen nicht in der Berliner Schau. Als einziger Maler aus der DDR ist Wolfgang Mattheuer mit von der Partie - konsequenterweise mit einem Bild, das 1993 entstand, als es die DDR schon nicht mehr gab: „Hinter den 7 x 7 Bergen".
Die Chemnitzer Museumschefin Ingrid Mössinger - sie kam erst nach der Wende und aus Hessen - ist die einzige Ostdeutsche und eine von zwei Frauen im neunköpfigen Kuratorenteam der Berliner Schau. Es darf vermutet werden, dass sie es war, die Wolfgang Mattheuer sowie die jüngeren Künstler aus Sachsen ins Spiel brachte. Und es darf auch vermutet werden, dass sie damit schnell Zustimmung fand. Denn Christiane Baumgartner und Neo Rauch aus Leipzig, der Chemnitzer Carsten Nicolai und der Dresdner Eberhard Havekost - beide leben jetzt in Berlin - sind in der Bundesrepublik längst keine Unbekannten mehr.
Man könnte kritisieren, dass die Kuratoren deutlich mehr Arbeiten von Künstlern als von Künstlerinnen für bedeutungsvoll halten. Aber man kann ihnen nicht vorwerfen, dass sie ihre Auswahl am Konzept vorbei getroffen hätten. Allein die Idee, das Jubiläum der BRD künstlerisch feiern zu wollen und dabei einen Teil des Landes auszuklammern, der seit fast 20 Jahren dazugehört, wirkt ignorant, ungeschickt und irgendwie hinterwäldlerisch. Zeitgemäß wäre es, deutsche Kunst aus 60 Jahren zu zeigen. Man kann drauf wetten: Auch damit hätten die Kuratoren sich beizeiten ins Gerede gebracht. Weil man prima streiten kann, wer so eine Schau vorbereiten und wer darin ausgestellt werden soll.
Freie Presse 30. April 2009
Die Bundeskunst zum Republikgeburtstag Im Berliner Martin-Gropius-Bau werden ab morgen "60 Jahre - 60 Werke" gezeigt - Eine Schau mit Grenzen zwischen Ost und West
Ulrich Hammerschmidt
Berlin/Chemnitz. Die Bundesrepublik Deutschland hat es auch schon vor 1989 gegeben. Nun ist sie 20 Jahre älter und feiert ihren 60. Geburtstag - unter anderem mit der Kunst-Schau "60 Jahre - 60 Werke". Diese wird heute von Kanzlerin Angela Merkel in Berlin eröffnet und ist ab morgen dann im Gropius-Bau zu sehen. Die ersten 40 Jahre BRD: Das sind vier Jahrzehnte ohne DDR. Logisch, oder? Nein, ein Skandal!
Denn Kritiker wie Udo Zimmermann, Präsident der Sächsischen Akademie der Künste, lasten dem Konzept der Ausstellung einen Kunst-Fehler an: Auch wenn für die Zeit nach 1989 ostdeutsche Bilder-Macher wie der im vogtländischen Reichenbach geborene Wolfgang Mattheuer (mit dem 1993 entstandenen Gemälde "Hinter den 7 x 7 Bergen"), Neo Rauch aus Leipzig oder der Chemnitzer Carsten Nicolai im Gropius-Bau als Stellvertreter für die gesamtdeutsche Kunst-Szene stehen, hätten (fast) nur Wessis das Sagen gehabt, als es darum ging, die Schau zusammenzustellen.
Fast nur, das heißt: Ingrid Mössinger gehörte zu den neun Kuratoren, zum Auswahl-Gremium. Die Chemnitzer Kunstsammlungschefin, die ursprünglich aus Schwaben stammt, war somit die einzige Ost-Frau, die mitreden durfte. "Löblich ist doch", meint sie, "dass beim Republik-Jubiläum nicht nur die Politik oder die Erinnerung an den ersten Mini-Rock eine Rolle spielen, sondern auch die Kunst."
Dass sie als Frau und Direktorin eines ostdeutschen Museums eine Minderheit in der Kuratoren-Mannschaft darstellte, war ihr bewusst. "Natürlich habe ich es als meine Aufgabe gesehen, mich vor allem für Ost-Künstler einzusetzen", betont sie und bezieht dies auf die Zeit nach der Wende. Doch auch für die Zeit davor gelte: "Ohne Künstler mit ostdeutschen Wurzeln wäre diese Schau nicht denkbar gewesen."
Ingrid Mössinger zählt auf: Georg Baselitz, A. R. Penck, Gerhard Richter, Imi Knoebel, Markus Lüpertz, Blinky Palermo und, und, und... - allesamt in Sachsen geboren oder aufgewachsen. "Wenn man die alle zusammenzählt, bleibt vom Westen eigentlich nicht mehr viel übrig." Sicher, dass es sich dabei durch die Bank um Exil-Ossis handelt, bleibt ein Schönheitsfehler. In diesem wiederum spiegelt sich jedoch deutsch-deutsche (Kunst-)Geschichte wider - der Exodus am Ende des "Bitterfelder Weges", der vor 50 Jahren in der DDR begann. Damals markierte eine Kultur-Konferenz in Bitterfeld den Anfang vom Ende der Kunst-Freiheit. Leitmotiv der Schau "60 Jahre - 60 Werke" dagegen war die Freiheit der Kunst, wie sie das bundesrepublikanische Grundgesetz garantiert (Artikel 5, Absatz 3). So klar sind die Grenzen, die das Konzept zieht. "Sicher wäre auch ein anderes denkbar gewesen", so Mössinger. 60 Jahre - 120 Werke zum Beispiel, für jedes Jahr zwei Kunst-Beispiele, eines aus dem Osten, eines aus dem Westen.
So wäre auch die Untergrund-Kunst der DDR zum Zuge gekommen - die Freiheit, die sich die Künstler hierzulande trotz und abseits des "Bitterfelder Weges" nahmen. "Und damit wäre diese Ausstellung sicher auch näher an den Menschen dran, die sich nun ausgeklammert fühlen könnten", gibt die Chemnitzerin zu bedenken. Trotz alledem: Weniger die Ausstellung, sondern vielmehr die Kritik daran zeigt, dass die Mauer in den Köpfen noch meterhoch steht. Man stelle sich vor, das Thema hätte gelautet: 40 Jahre Kunst in der DDR - 40 Werke. Und Bayerns Akademie-Präsident würde bemängeln, dass unter den Ausstellungsmachern kein Wessi sei ...
Und doch wächst hinter den "7 x 7 Bergen" zusammen, was zusammengehört, fließen die Grenzen zwischen Ost und West: So kommt zum Beispiel die Plakat-Kunst des westdeutschen Altlinken Klaus Staeck (in Pulsnitz geboren, in Heidelberg daheim), die ab heute im Gropius-Bau hängt, aus den Beständen der Kunstsammlungen Chemnitz.
Sächische Zeitung 17. April 2009
Wieder im Takt Udo Zimmermann sprach mit Jan Vogler
Michael Bartsch
Jetzt komponiert er wieder, gottseidank! Eine solche Überschrift hätte den Verlauf des Werkstattgesprächs zwischen Udo Zimmermann und Jan Vogler in der Akademie der Künste gewiss besser getroffen als „Grenzen und Möglichkeiten heutiger Musik". Denn die überaus kluge Moderatorin Margarete Zander vom NDR schien sich fast eine Stunde lang nur für das Werk zu interessieren, mit dem Akademiepräsident Udo Zimmermann nach 12 Jahren Schaffenspause wieder als Komponist in Erscheinung tritt. Etwa die dreifache Dauer jenes Stückes, das nicht Cellokonzert heißen wird und das Jan Vogler im Rahmen der Musikfestspiele am 4. Juni in der Frauenkirche uraufführen wird. Vogler brachte sein Cello, die Noten und seine suggestive Tongebung mit, .die Ohren auf dieses Ereignis einzustimmen. Nur einen Notenständer hatte er nicht dabei - den kann sich die Akademie im Blockhaus mit ihrem knappen Etat offenbar nicht leisten.
Es tat auch dem Hörer gut, Udo Zimmermann endlich wieder in seinem ursprünglichen Element zu erleben. Er selbst deutete eingangs nur an, wie sehr sein kreatives Innenleben von den organisatorischen Pflichten und den Rückschlägen der Intendanzen in Leipzig, Berlin und Hellerau erdrückt worden ist. Ein halbes Jahr habe er für 'die Wiederentdeckung des Handwerks und die Dramaturgie des kurzen Werkes benötigt. Aus seiner näheren Umgebung wusste man, wie mühsam Zimmermann wieder zu sich selber kam Nun aber bedankte sich Jan Vogler, „noch nie so früh" die Noten einer Uraufführung, die er aus dem Komponisten „herauskitzeln" konnte, in der Hand gehalten zu haben.
Der Tod seiner Frau Elzbieta hinterlässt in diesem Werk ebenfalls unüberhörbare Spuren. Nicht nur dem Titel nach, dem Gedicht „Lieder von einer Insel" von Ingeborg Bachmann entlehnt, Lyrik von der Gewalt des Abschieds und der ungewissen Wiederkunft. Und nicht nur nach dem ersten Thema, bei Schumann nachgehört. Eine melancholische, liedhafte, ja elegische Grundstimmung durchzieht, was Vogler als Hörprobe anspielte. Nichts von manchen agitatorischen Klängen früherer Jahre. Stilmittel, so räumte Zimmermann ein, die auch aus dem 19. Jahrhundert stammen könnten.
Damit berührte man schließlich doch einige Inseln der ursprünglichen Thematik. Umso mehr, als im gleichen Konzert der Musikfestspiele Zimmermann sein 101-jähriger (!) amerikanischer Kollege Elliot Carter mit seinem ebenfalls tonalen, aber in Stil und Gestus völlig kontrastierenden Cellokonzert gegenüberstehen wird. Da herrschte denn ein postmodernes, aber nicht rat- und substanzloses „laissez faire" vor, weil niemand mehr einen Kanon zeitgenössischer Avantgarde definieren will. Das Spiel mit den Stilen sei doch legitim, und dem Publikum sollten getrost „freie Assoziationsräume" gelassen werden. „Möglichkeiten gibt es viele, aber keine Grenzen", ließ Zimmermann wie nebenbei fallen. Und Vogler leitete aus seiner Konzerterfahrung den Maßstab der Ergriffenheit des Publikums für die Qualität eines Werkes ab. Ein dringendes Argument für den persönlichen Besuch des Konzertsaales zur Erschließung zeitgenössischer Werke, verstärkte Moderatorin Zander noch. Dieser Zugang sei dem mühevollen über Audiomedien auf jeden Fall vorzuziehen.
Da hätte es beinahe doch noch einen Streit über den Altersdurchschnitt der Besucher der Dresdner Philharmonie beispielsweise und das aktive Zugehen auf junges Publikum gegeben. Wobei gerade Udo Zimmermann doch nichts gegen die Betriebs-Abos aus DDR-Zeiten haben kann, von denen die Phil teils heute noch lebt. Bei der gegenseitigen Sympathie der Diskutanten aber kam der Streit gar nicht richtig auf und war beim Motto der bevorstehenden Musikfestspiele schnell begraben. „Neue Welt", das ist nicht nur die alte neue aus Dvoraks Neunter. Das sind auch die genreverbindenden neuen Welten, wie man sie von Voglers Moritzburg-Festival schon gewöhnt ist und die er nun als Intendant der. Musikfestspiele verstärkt in die Stadt trägt. Das Lob Udo Zimmermanns dafür bekam er vorab schon einmal zugesteckt.
BILD, 9. Juni 2009
Akademie der Künste tagt erstmals auswärts
Dresden (dpa/sn) - Erstmals seit ihrer Gründung 1996 hält die Sächsische Akademie der Künste ihre Mitgliederversammlung nicht in Dresden, sondern im Ausland ab. Das Gremium kommt vom 12. bis zum 14. Juni in der tschechischen Hauptstadt Prag zusammen, teilte die Akademie heute in Dresden mit. Tagungsorte seien das Prager Nationaltheater und das Goethe-Institut Prag. Im Plenum soll über die Verjüngung der Akademie sowie über Projekte zur Öffnung nach Europa hin diskutiert werden, hieß es. Dabei solle per Satzungsänderung der Weg für die Zuwahl jüngerer Mitglieder freigemacht werden. Der derzeitige Altersdurchschnitt liegt bei 68 Jahren.
Morgenpost, 17.Juni 2009
Sächsische Akademie der Künste tagt in Prag und vergibt Architekturpreis
,Wir müssen unsere Provinzialität ablegen’ DRESDEN - Die Sächsische Akademie der Künste hat ein Zeichen für mehr Internationalität gesetzt. Auf ihrer Jahresmitglieder versammlung am vergangenen Wochenende in Prag beschloss sie verstärkte Arbeitskontakte zum Nachbarland. Auch in einer Resolution zum Neubau eines Konzerthauses in Dresden, mit dem man die „musikalische und musikliebende Welt anlocken“ könne, betonte das Gremium die Bedeutung über Landesgrenzen hinaus.
„Wir müssen endlich diese Dresdner Provinzialität ablegen", sagt Akademiepräsident Udo Zimmermann. Künftig will er einmal im Jahr mit der Akademie in einem Nachbarland tagen, um neue Impulse aufzunehmen. Von Prag aus wurden beispielsweise binationale Gesprächskonzerte - Aufführungen mit anschließender Diskussion, eine Architekturtagung in Tschechien und die Beteiligung am Prager Theaterfestival Deutscher Sprache angestoßen.
Zum Diskussionsschwerpunkt wurde einmal mehr der von der Stadt Dresden beschlossene Umbau des Kulturpalastes in ein Konzerthaus. „Es gab ein einhelliges Votum gegen dieses Vorhaben, das lediglich aus einer Not eine Tugend macht, aber von einer glücklichen Lösung weit entfernt ist", sagt Udo Zimmermann. Die Mitgliederversammlung forderte die Erhaltung des Kulturpalasts als multifunktionales Kulturzentrum und den Neubau eines akustisch und architektonisch erstrangigen Konzerthauses, das von beiden Spitzenorchestern der Stadt bespielt werden kann, internationale Künstler anzieht und internationale Ausstrahlung hat. Eine „grundsätzliche Machbarkeitsstudie“ liege vor. „Es ist keine Frage des Geldes, sondern des Wollen“, so Udo Zimmermann. Um die Würdigung besonderer Qualitäten nachhaltigen Bauens ging es gestern in der Akademie: Bekannt gegeben wurde der zweite Preisträger des seit 2007 alle zwei Jahre von der Sächsischen Akademie der Künste, der Sächsischen Landesstiftung Natur und Umwelt sowie der Vattenfall Europe Mining& Generation (Stifter) vergebenen Gottfried-Semper-Architekturpreises (25.000 Euro). Er geht an den badischen Architekten Günter Pfeifer (66), der sich weltweit am konsequentesten um die Einheit von ästhetischem und energieeffizientem Bauen verdient gemacht habe.
Sächsische Zeitung 17. Juni 2009
Semper-Preis 2009 für den Architekten Günter Pfeifer
Der Gottfried Semper Architekturpreis geht in diesem Jahr an Günter Pfeifer, einen 66-jährigen Architekten aus Freiburg. Pfeifer entwirft Wohnhäuser, Kirchen, Institute und Industriegebäude.
Es sind Niedrigenergiehäuser, die dank ihrer ausgeklügelten Raumstruktur weder aufwendige Haustechnik noch künstliche Wärmedämmstoffe brauchen. Pfeifer ist Spezialist für Luft- und Wärmekreisläufe und galt schon als konsequenter Verfechter des ökologischen Bauens, als das noch nicht modern war. Der Preis würdigt seit 2007 herausragende deutsche Architekten. Bei der Auswahl spielen städtebauliche Einbindung, Landschaftsbezug sowie klima-, ressourcen- und flächenschonendes Bauen eine Rolle. Er wird von der Sächsischen Akademie der Künste und der Landesstiftung für Natur und Umwelt am 23.Oktober verliehen. Die 25000 Euro Preisgeld stiftet das Unternehmen Vattenfall. (SZ/bg)
Die Welt 17. Juni 2009
Semper Architekturpreis für Günter Pfeifer
Der Freiburger Architekt Günter Pfeifer erhält den mit 25 000 Euro dotierten Gottfried Semper Architekturpreis. Das teilte die Sächsische Akademie der Künste in Dresden mit. Die Auszeichnung würdigt herausragende Leistungen beim umweltverträglichen Bauen. Sie wird nach 2007 zum zweiten Mal von der Akademie und der Sächsischen Landesstiftung Natur und Umwelt vergeben. Stifter ist das Energieunternehmen Vattenfall Europe Mining & Generation. Der Preis wird am 23. Oktober auf Schloss Wackerbarth in Radebeul bei Dresden verliehen. dpa
Bild Dresden, 17. Juni 2009
Semper-Architekturpreis an Schwaben [sic.] verliehen
Dresden - Ein großer Name, ein großer Preis. Gestern verlieh die Sächsische Akademie der Künste zum 2. Mal den Gottfried-Semper-Architekturpreis - an Prof. Günter Pfeifer (66).
Der Architekt aus Baden- Württemberg gilt als Wegbereiter der Energiesparhäuser. Dafür setzt er besonders wärmedämmende Baumaterialien ein, wie z.B. schwere Mauerstein- und Betonwände, massive 15-20 cm starke Holzbauteile oder riesige Glasflächen als Sonnenwärmespeichercher. Außerdem wurde die Schönheit seiner Bauwerke gelobt.
Der Preis ist mit 25.000 Euro dotiert und wird von dem Energieunternehmen Vattenfall gesponsert. Die Preisverleihung findet am 23. Oktober auf Schloss Wackerbarth statt.
Der Architekt. Zeitschrift des Bundes Deutscher Architekten BDA. Heft 4/2009
Dresden: Gottfried-Semper-Preis für Günter Pfeifer
Alle zwei Jahre vergibt die Sächsische Akademie der Künste mit der Sächsischen Landesstiftung Natur und Umwelt (LaNU) und Vattenfall Europe Mining & Generation den mit 25.000 Euro dotierten Gottfried-Semper-Architekturpreis. Gewürdigt wird jeweils eine deutsche Architektenpersönlichkeit, die sich in besonderem Maße mit „Architekturqualität, der städtebaulichen Einbindung, des Landschaftsbezugs sowie des klima-, ressourcen- und flächenschonenden Bauens" hervorgetan hat.
In diesem Jahr erhält den Preis der Freiburger Architekt und Darmstädter Architekturprofessor Günter Pfeifer. In der Begründung heißt es: „Günter Pfeifer ist ein Pionier des ökologischen Bauens und ein international geachteter Architekt. 1943 geboren, gehört Günter Pfeifer zu jenen Architekten, die aus der Energie- und Ökologiekrise nicht nur technisch-physikalische Lösungen, sondern eine Architektur eigener Wesensart entwickelt haben, die beispielgebend Ästhetik, praktische Nutzungen, Technik und Ökologie zu verbinden versteht. Pfeifer vermag es, Sonnenlicht, Erdenergie und die Eigenschaften des Baumaterials auf einzigartige Weise ökologisch wie künstlerisch einzusetzen. Pfeifers Werk umfasst eine Vielzahl von Wohnbauten, öffentlichen Bauten, Kirchengebäuden und gewerblichen Anlagen, die zu Modellen ökologischen Bauens in Deutschland wurden."
Baunetz 17. Juni 2009
Semper-Architekturpreis für Günter Pfeifer Alternativen Entwurfsstrategien zum solaren Bauen
Die Sächsische Akademie der Künste (SAK) und die Sächsische Landesstiftung Natur und Umwelt (LaNU) verleihen dem Freiburger Architekten Günter Pfeifer den mit 25.000 Euro dotierten Gottfried-Semper-Architekturpreis. Die Auszeichnung, die in diesem Jahr zum zweiten Mal vergeben wird, würdigt herausragende Leistungen beim umweltverträglichen Bauen.
Pfeifer, seit 1992 Professor für Entwerfen und Wohnungsbau an der TU Darmstadt, befasst sich mit alternativen Entwurfsstrategien zum solaren Bauen. Wie die LaNU mitteilt, wird Pfeifer geehrt, da er ein Pionier des ökologischen Bauens sei. Er gehöre zu jenen Architekten, die aus der Energie- und Ökologiekrise nicht nur technisch-physikalische Lösungen, sondern eine Architektur eigener Wesensart entwickelt habe, die beispielgebend Ästhetik, praktische Nutzungen, Technik und Ökologie zu verbinden verstehe.
Pfeifers Werk umfasst eine Vielzahl von Wohnbauten, öffentlichen Bauten, Kirchengebäuden und gewerblichen Anlagen, die zu Modellen ökologischen Bauens in Deutschland wurden.
Informationsdienst Wissenschaft 18. Juni 2009
Auszeichnung für Pionier des ökologischen Bauens - Gottfried-Semper-Preis für Prof. Günter Pfeifer
Jörg Feuck
Prof. Günter Pfeifer vom Fachgebiet Entwerfen und Wohnungsbau am Fachbereich Architektur der TU Darmstadt erhält den Gottfried-Semper-Architekturpreis der Sächsischen Akademie der Künste und der Sächsischen Landesstiftung Natur und Umwelt.
In einer Mitteilung des Kuratoriums des Gottfried-Semper-Architekturpreises heißt es: "Günter Pfeifer ist ein Pionier des ökologischen Bauens und ein international geachteter Architekt. 1943 geboren, gehört Günter Pfeifer zu jenen Architekten, die aus der Energie- und Ökologiekrise nicht nur technisch-physikalische Lösungen, sondern eine Architektur eigener Wesensart entwickelt haben, die beispielgebend Ästhetik, praktische Nutzungen, Technik und Ökologie zu verbinden versteht. Pfeifer vermag es, Sonnenlicht, Erdenergie und die Eigenschaften des Baumaterials auf einzigartige Weise ökologisch wie künstlerisch einzusetzen. Pfeifers Werk umfasst eine Vielzahl von Wohnbauten, öffentlichen Bauten, Kirchengebäuden und gewerblichen Anlagen, die zu Modellen ökologischen Bauens in Deutschland wurden".
Mit dem Gottfried-Semper-Architekturpreis sollen "Architekturpersönlichkeiten gewürdigt werden, die sich mit ihrem Werk insbesondere auf den Gebieten der Architekturqualität, der städtebaulichen Einbindung, des Landschaftsbezugs sowie des Klima, Ressourcen und Flächen schonenden Bauens auszeichnen". Der Preis wird seit 2007 im Turnus von zwei Jahren vergeben und ist mit 25.000 Euro dotiert. Der Semper-Preis wird Prof. Pfeifer am 23. Oktober 2009 auf Schloss Wackerbarth in Radebeul verliehen.
Günter Pfeifer ist seit 1975 als frei schaffender Architekt in Lörrach und Freiburg tätig. Er lehrt und forscht als Professor seit 1992 an der Technischen Universität Darmstadt am Fachbereich Architektur. Während seiner Arbeit als entwerfender und bauender Architekt entwickelte er kontinuierlich experimentelle Gebäudetypen, die durch die strukturelle Beschaffenheit und den Einsatz einfacher passiver Strategien natürlich energieeffizient und ökologisch sind. Die kontinuierliche System-Optimierung führte zu energetisch hocheffizienten Gebäuden.
Am Fachbereich Architektur spezialisierte sich Günter Pfeifer auf die Analyse traditioneller Haustypen und deren Transformationsstrategien in die aktuelle Architektursprache. Aus dem daraus resultierenden Gebiet der energetischen Systemanalyse von Haustypen ergibt sich das weiterführende Forschungsfeld der 'low-tech-Energieeffizienz in Folge struktureller Prinzipien'.
Gottfried Semper (1803-1879) war einer der bedeutendsten Architekten Europas und bahnte den Weg aus dem Historismus des 19. Jahrhunderts in die Moderne. Als genialer Entwerfer von Theatergebäuden und monumentalen Museen, als ein in allen Baugattungen erfahrener Baumeister und als umfassend gebildeter Theoretiker hat er die Architekturgeschichte geprägt. Basis seines Lebenswerks ist die Tätigkeit in Dresden ab 1834. Zu seinen bedeutendsten Bauten dort gehören die Oper und die Synagoge.
Badische Zeitung 3. Juli 2009
Das Büro war immer Labor
Die Sächsische Akademie der Künste und die Sächsische Landesstiftung Natur und Umwelt haben den Architekten Günter Pfeifer mit dem Gottfried-Semper-Architekturpreis ausgezeichnet. Der mit 25 000 Euro dotierte Preis würdigt Pfeifer als einen "Pionier des ökologischen Bauens". Pfeifer, der mit dem Kollegen Christoph Kuhn in Freiburg ein Architekturbüro unterhält und Professor an der TU Darmstadt ist, sprach mit Volker Bauermeister über seine Arbeit.
BZ: Herr Pfeifer, was ist für Sie umweltverträgliches, ökologisches Bauen?
Günter Pfeifer: Seitdem ich an der Universität bin, hat mich beschäftigt, dass wir eigentlich etwas Widersinniges machen: Dass wir uns gegen die solare Energie – den "kosmischen Herd", wie Peter Sloterdijk sagt – abdichten, abdämmen. Da kann etwas nicht stimmen. Deshalb habe ich schon früh mit Energiegärten gearbeitet. Wenn man die richtig ins Haus integriert, bekommt man tatsächlich eine ganze Menge Energie geliefert. Das haben wir auch rechnerisch ermittelt. Und dann Häuser gebaut, in denen die Energiegärten so platziert sind, dass sich möglichst viele Räume daran angliedern.
BZ: Energiegarten – das ist, was früher einmal Wintergarten hieß?
Pfeifer: Wir nennen das – es ist ein gebräuchlicher Begriff – Energiegarten. Wichtig ist, dass man die damit gewonnene Solarenergie einspeichert. Das kann man mit Wänden, die aus Beton sind oder aus massivem Holz. Daraus haben wir über Jahre eine eigene Strategie entwickelt. Es wurde möglich, Häuser zu bauen, die vollkommen ohne Dämmung auskommen. Wir haben das Büro immer als Labor verstanden.
BZ: Sie probieren doch auch neue Materialien aus.
Pfeifer: Wir haben viel mit Holz gearbeitet, das man zur Masse binden, zusammenkleben oder -nageln kann. Dann haben wir mit verschiedenen Gläsern operiert und festgestellt, dass man mit Polycarbonatplatten arbeiten kann. Ein Wohnhaus in Müllheim funktioniert tatsächlich nur über Thermik. Die Außenhülle ist aus Polycarbonatplatten, die vier Zentimeter stark sind. Damit entsteht eine Luftschicht, die zusammen mit den Speichermassen thermisch konditioniert wird. Auch das Dach ist massiv Holz, es speichert die Wärme ein und gibt sie zeitversetzt ab. Wir bauen in Rheinfelden gerade eine Bibliothek mit Leichtbetonwänden, davor sind nur Polycarbonatplatten installiert – und das reicht. Damit haben wir eine sogenannte dynamische Dämmung. Der springende Punkt ist: Wir suchen überall Lösungen, die keine große Technik verlangen. Entscheidend ist das richtige Verhältnis von Hüllfläche, Speichermasse und Thermodynamik. Ich habe die Vision, dass wir, wenn wir richtig planen: den Solareintrag sammeln, verteilen, in Speichermassen integrieren, Gebäude bauen können, die energieautark sind.
BZ: Bedeutet das einen Verzicht auf Ästhetik, auf Baukunst? Oder entwickelt sich da eine neue Ästhetik des Bauens?
Pfeifer: Es entwickelt sich daraus eine neue Ästhetik. Wir brauchen zum Beispiel viel größere Raumvolumen, damit wir Energie sammeln können. Wir müssen die Hüllfläche um ein Vielfaches vergrößern: damit wir klimaaktive Fassaden erhalten – wie die Bäume, die ihre Oberfläche im Blattwerk vergrößern. Jedes Element, das der Sonne ausgesetzt ist, kann Energie sammeln. Das wird die Architektur nachhaltig verändern.
BZ: Der Semper-Preis stellt ja eine schöne Anerkennung für Ihre Arbeit dar. Aber wie steht es denn eigentlich mit der Resonanz? Wird Ihnen das Interesse entgegengebracht, das Sie sich wünschen? Oder sehen Sie sich doch eher als Rufer in der Wüste?
Pfeifer: Ich glaube, dass dieser Preis hilft, unsere Ideen stärker ins Bewusstsein zu bringen. Wir gelten doch bislang ein wenig als Außenseiter. Manchmal werde ich als Pionier bezeichnet. Aber Pioniere hat man ja immer auch belächelt. Doch stoßen wir keineswegs nur auf ungläubiges Staunen. Eine Baugesellschaft in Wiesbaden will jetzt vier Experimentalhäuser mit uns bauen. In Solingen bauen wir ein großes Wohnungsbauprojekt. Man muss Bauherren sensibilisieren für diesen anderen Weg. Man muss Vertrauen aufbauen, dass diese Dinge funktionieren. Wir brauchen allerdings dazu auch die mutigen Bauherren. Ich werde demnächst 66, aber ich habe das Empfinden: Wir fangen erst an.
BZ: Nennen Sie doch noch ein gebautes Beispiel, an dem sich hier in der Region Ihr Konzept studieren lässt.
Pfeifer: Hier in Freiburg das Institut für Umweltmedizin. Das ist das erste Laborgebäude, das mit einem passiven Lüftungssystem zur Erwärmung und Kühlung auskommt (Bürozone). In der Fachwelt ein beachteter Bau, der über Thermik, Luftkollektoren und Energiegärten funktioniert. Und das eben wollen wir: Häuser ohne große technische Unterstützung. Die Idealvorstellung ist, dass die Leute in ihren Häusern, so wie früher, ein Bewusstsein fürs Klima entwickeln und dann nur wenige Elemente selbst bedienen müssen. Wie man sich mit der Kleidung entsprechend auf das Klima einstellt, so muss man eigentlich auch mit dem Haus umgehen.
Dresdner Neueste Nachrichten, 17. Juni 2009
Umbau des Kulturpalastes: Jury kürt die Preisträger Akademie der Künste fordert neues Konzerthaus
Thomas Hartwig
Heute und morgen tagt eine Jury unter Vorsitz des Hamburger Architekten Jörg Friedrich, um die Siegerentwürfe des Wettbewerbs zum Umbau des Kulturpalastes festzulegen. Das bestätigte das Presseamt der Stadtverwaltung. 28 Büros hatten sich an dem von der Stadt ausgelobten Wettbewerb beteiligt, sieben wurden im April aufgefordert, ihre Entwürfe zu vertiefen. Diese werden nun bewertet. Die Entscheidung der Jury soll am Freitag der Öffentlichkeit vorgestellt werden, kündigte das Presseamt an.
Unterdessen hat die Sächsische Akademie der Künste in einer Resolution auf ihrer jüngsten Mitgliederversammlung in Prag den Erhalt des Dresdner Kulturpalastes als Stadthalle und den Neubau eines Konzerthauses gefordert. „Der Kulturpalast ist als multifunktionales Kulturzentrum der Stadt und denkmalgeschütztes Gebäude zu erhalten.“ heißt es in der Resolution, die der DNN vorliegt.
Gleichzeitig fordert die Mitgliederversammlung den „dringend notwendigen Neubau eines akustisch und architektonisch erstrangigen Konzerthauses, das von beiden Spitzenorchestern der Stadt bespielt werden kann, internationale Künstler anzieht und internationale Ausstrahlung hat".
Ein Neubau mit zwei unterschiedlichen Sälen werde eine „entschieden positive" Auswirkung auf alle Künste haben, zeitgenössische Kunst fördern und neues Publikum anziehen, so die Mitgliederversammlung der Akademie. Mittlerweile gibt es Spekulationen, dass das Thema Kulturpalast im neuen Stadtrat wieder auf die Tagesordnung kommt. Die Fraktionen von Grünen und CDU sind für den Umbau des traditionsreichen Hauses, bei dem unter anderem ein für klassische Musik ausgerichteter Konzertsaal entstehen soll. SPD, Linke und FDP lehnten die städtischen Umbaupläne im Vorfeld der Kommunalwahl ab. Angesichts der Stimmenverteilung im neuen Stadtrat könnte es eng werden, Zünglein an der Waage die Bürgerfraktion sein.
„In welche Richtung sich unsere neue Fraktion positionieren wird, falls das Thema auf die Tagesordnung kommen sollte, ist noch nicht abzusehen", erklärte Fraktionsgeschäftsführer Andreas Röntsch gestern gegenüber DNN. Außerdem bleibe abzuwarten, ob die FDP jetzt nach der Wahl ihre ablehnende Haltung zu den Umbauplänen beibehalte oder sich von der CDU bekehren lasse.
Sächsische Zeitung 17. Juni 2009
Kunst-Akademie fordert, Kulturpalast zu erhalten
Die Mitglieder der Sächsischen Akademie der Künste haben auf ihrer Mitgliederversammlung in Prag dazu aufgerufen, den Kulturpalast als multifunktionales Kulturzentrum der Stadt und denkmalgeschütztes Gebäude zu erhalten und ein akustisch und architektonisch erstklassiges Konzerthaus neu zu bauen, teilt der Präsident Udo Zimmermann mit. Das Konzerthaus sollte von beiden Spitzenorchestern der Stadt bespielt werden und international bekannte Künstler anziehen. (SZ)
ddp 23. September 2009
Akademie der Künste erinnert an Barockdichter Paul Fleming
Die Grafiken sowie historische Dokumente zu Fleming und seiner Zeit sind bis Freitag in einer Ausstellung im Chemnitzer «Tietz»-Haus zu sehen Wertvollste Exponate seien ein im Besitz der Bibliothek befindlicher Originalbrief des Dichters aus dem Jahr 1622 und die Gedichtsammlung «Teutsche Poemata» von 1646, sagte Schumann.Weitere Lesungen gibt es am Samstag in Flemings Geburtsort Hartenstein, am Sonntag in Leipzig und am 12 Oktober in Dresden.
Dem 400. Geburtstag des Barockdichters Paul Fleming (1609 - 1640) widmet die Sächsische Akademie der Künste am Freitag in Chemnitz eine Festveranstaltung. Dabei stellen Autoren wie Volker Braun, Elke Erb, Peter Gosse, Kerstin Hensel und Richard Pietraß ihre Sicht auf Flemings Gedichte dar und lesen aus ihnen, wie Sabine Schumann von der Stadtbibliothek Chemnitz der Nachrichtenagentur ddp sagte. Die Texte seien gemeinsam mit Arbeiten sächsischer Grafiker in einem Erinnerungsband zum Jubiläumsjahr erschienen. Die Grafiken sowie historische Dokumente zu Fleming und seiner Zeit sind bis Freitag in einer Ausstellung im Chemnitzer Kulturkaufhaus «Tietz» zu sehen. Wertvollste Exponate seien ein im Besitz der Bibliothek befindlicher Originalbrief des Dichters aus dem Jahr 1622 und die Gedichtsammlung «Teutsche Poemata» von 1646, sagte Schumann. Weitere Lesungen gibt es am Samstag in Flemings Geburtsort Hartenstein, am Sonntag in Leipzig und am 12. Oktober in Dresden. Am Sonntag soll in der Grimmaischen Straße in Leipzig eine Gedenktafel für den einstigen Leipziger Philosophie- und Medizinstudenten enthüllt werden.
Leipziger Volkszeitung 24. September 2009
„Wo ist nun unser Muth?" Paul Fleming zum 400. Geburtstag: Volker Braun über einen der größten Dichter des Barock
Am 5. Oktober jährt sich zum 400. Mal der Geburtstag von Paul Fleming, eines der bedeutendsten deutschen Dichter des Barock. Anlass für zahlreiche Fest- und Gedenkveran-staltungen in Sachsen. In Hartenstein ist er geboren, in Leipzig war er Thomaner und hat er studiert. Volker Braun würdigt ihn an einem seiner schönsten – und politischsten – Gedichte entlang.
Volker Braun
Itzt - so beginnt das Gedicht, ein gegenwärtiges Geschehn wird aufgerufen: Itzt fällt man ins Konfect, man nascht nicht, man langt roh hinein, ins Feinste, ins Eingemachte, würde man heute sagen, das Sächsische Konfect ist der sprichwörtliche Wohlstand im neutralen Churfürstentum, die vollen Schalen, die es durch den Großen Krieg zu retten hofft. Der Heerführer der katholischen Liga, Tilly, hat Johann Georg längst (im August 1631) drohend wissen lassen, er habe seine Rüstungen zu stoppen und die eben aufgestellten Regimenter dem kaiserlichen Kommando zu unterstellen; und Churf. Durchl. soll geantwortet haben: nu willmer ans sächsische Konfekt. Mit zwei Versen ist Ort und Zeit bestimmt und die Stimmung vor Ort ausgemacht: man ist mutlos in Leipzig, und der Dichter nimmt sich nicht aus:
Wo ist nun unser Mut?
und das kriegerische Blut taugt nur für einen dunklen Reim. Aber gerade war da noch ein eitles Prahlen, von Helmbüschen und Uniformen, das Malen „der drey und zwanzig Fahnen geworbenen FußVolck", das Fleming mit vielen Vokalen nachmalt, er hat die Parade gesehen.
Das Ansehn ist sehr gut, lästert er, während Tillys Haufen schon Merseburg nehmen und seine Reiter (Ungarn und Kroaten darunter) Leipzig einschließen und die Vorstädte anzünden. Die Stadt kapituliert am 5. September und tags drauf die Pleißenburg (die Stadt übergibt sich, die soviel Konfekt gefressen), und verzichtet auf ihre Defensioner, deren Ansehn, mit ihrem „LeibFähnlein", gelb und schwarz, dem fanmäßigen Äußeren, nichts zum Schlagen thut gegen die Liga (im Fußball tuts das noch). Aber der rasche feige „Akkord" hat das reiche Leipzig womöglich davor bewahrt, wie das stolze Magdeburg unterzugehen. Der Stadtrat war nicht unterrichtet, daß sich Sachsen und Schweden am 1. September verbündet haben, sie werden den Feind am 7. auf dem „breyten feld" vernichtend schlagen. Von all dem sagt auch Fleming nichts; vielleicht ist das Sonett vor der Schlacht entstanden; er bleibt bei den Furchtsamen, und wiederum unter ihnen, er sagt:
Wir feigsten Krieger wir, und höhnt: Was ängsten wir uns doch und legen Rüstung an die doch der weiche Leib nicht ümm sich leiden kan?
Dieses dreimalige schneidende ei! und noch einmal sticht der Reimlaut zu, wenn auch noch der alte Helm zu weit ist, wem? dem Sohne (den er nun in Reserve hält); ätzender ist nur das ä, wenn den der Degen schändet. Die Schande trifft auch ihn:
Wir Männer ohne Mann wir starcken auff den Schein
Er weiß noch nicht, daß 3000 kaiserliche Söldner bei der Flucht durch den Harz von wütenden Bauern erschlagen werden; er gibts den untätigen Bürgern, er bleibt auf seine Weise am Mann und resümiert:
so ists ümm uns gethan, und greift zum rohesten Reim, der bereitliegt: Ich sags auch mir zum Hohne.
Das ist ein scharfer, politischer Text, im Druck unter die geistlichen Sachen gemischt, die unauffälligen Moralgedichte. Ein Text aus Fragen und blanken Argumenten, die ihn in Harnisch bringen. Das ist seine feste harte Form. Kein Raum für Ausflüchte; der Gedankengang wie außgestählt. Die Diktion, die sonst oft schön das Metrum umspielt, umtastet, ist vom Zorn gehämmert. Wo ist nun unser Mut? das ist der Vers, der haften bleibt und in jeder Jetztzeit wieder Antwort will. Er verbürgt die Wirkung jederzeit:
Doch eine Zeile fällt aus dem strikten Bau heraus. Wie! was ist da von dem Leib gesagt? der die Rüstung um sich nicht erträgt. Der weiche (verweichlichte) Leib der schneidende Ton schneidet ihn glatt weg. Der empfindliche, verletzliche Körper hat keinen Platz in der Politik. Hier ist nicht der „barocke Extremismus" (Mickel) am Werk, der den Gegensatz faßt; Fleming setzt schnell drüber weg. Morgen liegen die 15 000 Leiber totenweiß (und wochenlang) bei Breitenfeld. Aber der Widerhaken sitzt.
Das wirft andere Fragen, die eigentliche Frage auf: was das ganze Schlagen, Losschlagen, Totschlagen sei. Keine Red davon. Was seinen Leib betrifft, hat Fleming ihn vom Schlachtfeld geflüchtet. Er ist nicht zur Fahne gegangen sondern unter Segel, er hat sich, kaum er seine Examen gemacht, aus dem krieggeplagten Leipzig abgesetzt. Ein Schiff mit dem weichen Namen Friedrich trug ihn nach Astrachan und Isfahan hinunter. Das war ein anderer Mut, ein anderer Sinn, eine abenteuerliche Enderung.
„Ach, was ist das Leben doch / in dem nichts als sterben lebet", dichtet er 1633. Jener leise Bruch: daß da eine Zeile bloß und angreifbar liegt, arbeitet fort. Das Unausgekämpfte hat das Interesse dermahl eins. Denn so strenge, so moralisch sich das Gedicht gebärdet, so ungebrochen es agiert, giert es nach einem Gegentext. Er ist ihm eingeschrieben; wenn man nur ein wenig den friedenslüsternen Verfasser kennt und seine Sonette auf den Leib der Geliebten.
Thu die Waffen ab und sprich: hin, Schwerdt was beschwerst du mich. Dieser Helm wird nütze seyn daß die Schwalben nisten drein.
Ein großes Werk birgt die Extreme in sich, und läßt sie kämpfen, wie sies im Leben getan, und wenn es nur einunddreißig Jahre währte. Auf der Heimfahrt aus Persien denkt er, im Februar 1638, furchtsam an sein Meißner Land:
das von der Kriegesglut zu Pulver wird verbrannt.
Ach hast du noch nicht satt vom Schaden deiner Feinde? Was, Landsmann, schlägst du dich denn nun mit deinem Freunde?
Volker Brauns Text ist Teil des von der Sächsischen Akademie der Künste herausgegebenen Erinnerungsbandes „Ich bin ein schwaches Both ans große Schiff Gehangen. Die Lebensreise des Paul Fleming in seinen schönsten Gedichten". Mit Beiträgen von Volker Braun, Elke Erb, Peter Gosse, Kerstin Hensel, Richard Pietraß und anderen. Sie werden ergänzt durch Texte sächsischer Grafiker.
Er beklagt die Enderung und Furchtsamkeit itziger Deutschen.
Itzt fällt man ins Konfect/ in unsre vollen Schalen/ wie man uns längst gedräut. Wo ist nun unser Muth? der außgestählte Sinn? das kriegerische Blut? Es fällt kein Unger nicht von unserm eiteln pralen. Kein Pusch/ kein Schützen»Rock/ kein buntes Fahnen»mahlen schreckt den Krabaten ab. Das ansehn ist sehr gut/ das ansehn meyn’ ich nur/ daß nichts zum schlagen thut. Wir feigsten Krieger wir/ die Föbus kan bestrahlen. Was ängsten wir uns doch und legen Rüstung an/ die doch der weiche Leib nicht ümm sich leiden kan? Deß großen Vatern Helm ist viel zu weit dem Sohne. Der Degen schändet ihn. Wir Männer ohne Mann/ Wir starcken auff den Schein/ so ists ümm uns gethan/ uns Nahmens»deutsche nur. Ich sags auch mir zum Hohne.
Zur Person
Paul Fleming wird am 5. Oktober 1609 im sächsischen Hartenstein Sohn des Stadtpastors Abraham Fleming geboren und stirbt am 2. April 1640 in Hamburg. Er ist einer der bedeutendsten Lyriker des deutschen Barock. Von seinem Vater erhält er den ersten Unterricht. Anschließend besucht er zunächst die Schule in Mittweida. Mit 14 Jahren wird er 1623 von Johann Hermann Schein in die Leipziger Thomasschule aufgenommen. 1628 immatrikuliert er sich an der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig und schließt das Studium 1633 mit dem Magistergrad ab. 1629 lernt er den Studienkameraden Georg Gloger (1603-1631) kennen, mit dem er bis zu dessen Tod freundschaftlich verbunden blieb. 1631 wird er zum Poeta laureatus gekrönt. Auf Einladung von Adam Olearius geht Fleming 1633 nach Holstein, wo Herzog Friedrich von Holstein-Gottorf ihn engagiert, als Hofjunker und Truchseß – und als Arzt – seine Gesandtschaft nach Russland zu begleiten. Anfang August 1634 erreicht die Reisegruppe Moskau. Ein Teil der Gesandtschaft kehrt im April 1635 nach Gottorp zurück, während Fleming mit dem Rest in Reval bleibt, dem heutigen Tallin. Im Oktober des gleichen Jahres reist Fleming mit der Gesandtschaft des Herzogs von Gottorf unter Leitung von Adam Olearius und Otto Brüggemann nach Persien. Im August 1637 erreichen sie Isphahan und bleiben dort bis 1639. Schon auf der Rückreise aus Russland 1635 lernt er in Reval die drei Töchter der Kaufmannsfamilie Niehusen kennen. In seinem Gedicht an Elsabe Niehusen „Ein getreues Hertze wissen" betonte er den Wert der Treue für die menschliche Selbstbehauptung. 1639 verlobt sich Fleming mit Anna Niehusen, der jüngeren Schwester Elsabes, nachdem Elsabe Im Juni 1637 einen anderen geheiratet hatte. In Verfolgung seiner beruflichen Karriere erwirbt Fleming 1640 an der Universität Leiden die medizinische Doktorwürde und beabsichtigt, nach Reval zu gehen, um sich dort als Arzt niederzulassen. Doch unterwegs stirbt Paul Fleming im Alter von 30 Jahren in Hamburg an einer Lungenentzündung. Er wird in der Hauptkirche St. Katharinen bestattet, wo sich sein Grabstein bis heute erhalten hat. (Quelle: Wikipedia)
Paul-Fleming-Gedenken
Sonntag, 27. September: 11 Uhr. Enthüllung der Gedenktafel der Sächsischen Akademie der Künste und der Stadt Leipzig in der Grimmaischen Straße (Lehmanns Buchhandlung). Es sprechen: Oberbürgermeister Burkhard Jung und Peter Gosse, Vizepräsident der Sächsischen Akademie der Künste. 11.30 Uhr: Festakt im Festsaal des Alten Rathauses: Es singt der Thomanerchor zu Ehren seines Kommilitonen. Anschließend Lesung von Mitgiedern der Sächsischen Akademie der Künste: Volker Braun, Friedrich Dieckmann, Peter Gosse, Angela Krauß, Bernd Leister, Richard Pietraß. 15.00 Uhr: Mediencampus, Villa Ida: Streitgespräch von MDR Figaro in Zusammenarbeit mit der Sächsischen Akademie der Künste: Roza Domascyna, Angela Krauß, Peter Gosse, Thomas Rosenlöcher, es moderiert Michael Hametner, Stefan König sorgt für die musikalische Untermalung. Noch bis morgen sind wertvolle Graphiken sowie historische Dokumente in einer Ausstellung im Chemnitzer Kulturkaufhaus „Tietz" zu sehen. Wertvollste Exponate seien ein Originalbrief des Dichters aus dem Jahr 1622 und die Gedichtsammlung „Teutsche Poemata" von 1646. Weite» Lesungen gibt es am Samstag in Flemings Geburtsort Hartenstein, und am 12. Oktober in Dresden.
Leipziger Internetzeitung 24. September 2009
Ehrung für einen fast Vergessenen: Paul Fleming bekommt eine Tafel zum 400. Geburtstag
Die Stadt Leipzig und die Sächsische Akademie der Künste wollen den großen sächsischen Barockdichter Paul Fleming ehren. Am Sonntag, 27. September, soll eine Gedenktafel für ihn enthüllt werden. Und danach gibt's eine Feierstunde im Alten Rathaus. Oberbürgermeister Burkhard Jung darf am Sonntag um 11 Uhr in der Grimmaischen Straße 10 am Gebäude von Lehmanns Buchhandlung zusammen mit Professor Udo Zimmermann, dem Präsidenten der Sächsischen Akademie der Künste, eine Gedenktafel enthüllen. Die Bronzetafel wurde von Professor Gert Wunderlich entworfen. Er bezog in seinen Entwurf eine Grafik von Max Uhlig und einen Vers von Paul Fleming ein. Die Tafel wurde in der Leipziger Bronzegießerei Noack hergestellt.
Der Text lautet:
"Dieser Helm wird nütze sein, daß die Schwalben nisten drein, daß man, wann der Frühling kömmt, junge Vögel da vernimmt."
Paul Fleming der sächsische Dichter, lebte und studierte 1622 - 1629 hier im Grimmaischen Viertel.
Die Sächsische Akademie der Künste Die Stadt Leipzig 2009
Fleming hat zwar nichts zu tun mit der Buchhandlung. Aber vielleicht kaufen hier ja ein paar neugierig Gewordene seine Gedichte. Wer Orte sucht, die mit dem 1609 in Hartenstein geborenen Dichter in Leipzig zu tun haben, dem sei das "Rote Kolleg" in der Ritterstraße empfohlen - in einem Vorgängerbau hat der Medizin-Student die Schulbank gedrückt - aber auch in Räumen der Nikolaikirche. Gewohnt hat er irgendwo im "Grimmischen Viertel", irgendwo zwischen Ritter- und Nikolaistraße also. Studiert hat er übrigens von 1628 bis 1631 - mitten in der Zeit des 30-jährigen Krieges. Und alt geworden ist er auch nicht - nur 30 Jahre. Er starb in Hamburg.
Nach der Tafelenthüllung findet um 11:30 Uhr im Festsaal des Alten Rathauses eine öffentliche Feierstunde statt. "Es singt der Thomanerchor zu Ehren seines ehemaligen Kommilitonen", schreibt die Stadt. Da darf man ja nicht vergessen: Fleming war ja auch Thomasschüler, bevor er aufs Studieren verfiel.
Berühmt geworden ist er als Dichter. Als einer, der auch heute noch beeindruckt - weil er eben nicht nur barock dichtete, sondern oft genug zutiefst einfach und eindrucksvoll. Zeitlos. Wenn die Thomaner gesungen haben, werden Mitglieder der Sächsischen Akademie der Künste aus Flemings Werk lesen, Kommentare zu diesem geben oder Eigenes zum Thema präsentieren. Angesagt haben sich Volker Braun, Friedrich Dieckmann, Peter Gosse, Angela Krauß, Bernd Leistner und Richard Pietraß.
Neues Deutschland 26. September 2009
Schwaches Boot an großem Schiff Richard Pietraß: Gedanken über Paul Fleming
Als Paul Fleming am 9. November 1633 in Travemünde im Range eines Truchseß und Hofjunkers als Mitglied der holsteinischen Gesandtschaft des Herzogs Friedrich von Gottorp an Bord eines seetüchtigen Seglers nach Riga ging, ahnte er nicht annähernd, was ihm in den nächsten sechs Jahren bevorstand. Dank der Fürsprache seines Leipziger Professors und Förderers Adam Olearius in dieses Abenteuer der Erkundung von Handelswegen nach Persien einbezogen und so Krieg und Pest entkommen, folgten Ernüchterung und Desillusionierung bald auf dem Fuße. Hatte er blauäugig angenommen, man werde sich seiner dichterischen Gaben für die Rolle eines Reisehofpoeten bedienen, sah er sich bald vor Aufgaben gestellt, die Gemüt und Gaben überstiegen.
So wurde Magister Fleming kurzerhand zum Leiter eines Vortrupps bestimmt, der unter Ausnutzung noch günstiger Witterung das schwere Gepäck der Gesandtschaft auf dem Landweg im Voraus nach Nowgorod am Ilmensee befördern sollte. Sein von Kindheit an eher der Anlehnung bedürftiger denn nach Anführertum strebender Charakter litt unter diesem Ruf nach Autorität, Entschlusskraft und Wagemut. Außer der Hoffnung auf Rettung des nackten Lebens hatte er sich auf die Unwägbarkeiten dieser Gesandtschaftsreise vor allem deshalb eingelassen, weil er hoffte, sie werde seiner Dichtung förderlich sein. Dass sich dies nur eingeschränkt erfüllte, man ihn außer für Gelegenheitsgedichte zu Geburts- und Namenstagen, Hochzeiten und Sterbefällen, Begrüßungen und Verabschiedungen, kaum zu suchen schien, nagte an seinem dichterischen Stolz.
Spätestens, als er sich nach den Moskauer Wochen in den Revaler Wartemonaten auf die Weiterreise gen Wolga, Kaspischem Meer und Persien in eine von drei Töchtern eines ansässigen deutschen Kaufmanns verliebte, in deren Armen sein Glück zu finden er zu träumen begann, spürte er mit einmal deutlich und schmerzlich, welch Rädchen eines Getriebes er war, das sich folgerichtig weiterdrehte und ihn unfühlend mit sich fortriss. Elsabe, seine nach längerem Werben errungene Liebste, hatte wenig Verständnis für seinen Aufbruch ins Ungefähre und Ungewisse und setzte ihn unter Druck. Sein halbherziger Versuch, nach dem zweiten Moskauaufenthalt, vor der Weiterreise nach Persien noch von Bord zu gehen und nach Reval in sein baltisches Idyll zurückzukehren, wird abgeschmettert. Niedergeschlagen fügt sich der kampfunerprobte Dichter in sein Schicksal, das er, damals weniger bedeutungsschwer, Verhängnüß nennt.
Mit jedem zurückgelegten Flussstück auf Moskwa, Oka und Wolga steigert sich seine Zerrissenheit zwischen Weltneugier samt Pflichtgefühl gegenüber dem übernommenen Auftrag einerseits und dem romantischen Wunsch, ins Liebesboot umzusteigen auf der anderen. Dornen oder Daunen, Räuberpistolen oder Kusskapriolen, Passionsweg oder privates Elysium. Reue greift Platz und erfährt ihre Ohnmacht. Das Bild des schon drei Jahre nicht mehr gesehnen alten Vaters, des Pastors, steigt auf und das der herzguten, die früh verlorene leibliche Mutter liebevoll ersetzenden Stiefmutter, von deren Tod er verspätet in den Weiten Rußlands erfährt.
Auch wenn das Gedicht An Deutschland gerichtet ist, aus der östlichen Ferne sieht der in fernem Frieden Abwesende das zerklüftete, zerfetzte, gebrandschatzte Meißner und Leipziger Land mit der visionären Klarheit eines Gesichts, trägt das mit Mutter Angesprochene unweigerlich auch familiär menschliche Züge, die sich überlagern und verschmelzen: »Ja Mutter es ist war. Ich habe diese Zeit/ die Jugend mehr als faul und übel angewendet./ Ich hab es nicht gethan/ wie ich mich dir verpfändet./ So lange bin ich aus/ und dencke noch so weit.«
Solch Eingeständnis öffnet unser pendelwundes Herz und lässt, eigener Neugiertritte und Unterlassungen eingedenk, die Seele weiter mitschwingen: »Ach Mutter zürne nicht; es ist mir mehr als leid// der Vorwitz dieser Muth hat mich zu sehr verblendet.// Nun hab ich allzu weit von dir / Trost/ abgeländet// und kann es endern nicht/ wie hoch es mich auch reut.« Da, beim ruhigen Einsehen des schicksalhaft Unabänderlichen haben wir den ganzen Fleming, den, wenn schon nicht Stoiker, so doch Stoizisten, der die aus der Balance geratene Lebenswaage wieder zum Einstand bringt. Und er untermauert es geradezu mit einem großen Sinnbild, einem Gleichnis, gültig für sein ganzes strebendes, sich drein- und drangebendes, zu- und unterordnendes Leben: »Ich bin ein schwaches Both ans große Schiff gehangen// muß folgen/ wie/ und / wenn/ und wo man denckt hinaus.// Ich will gleich/ oder nicht./ Es wird nichts anders draus.«
Soviel zum Schlepptau der Einsicht in die Unfreiheit. Fleming wäre nicht Fleming, hätte er nicht noch einen letzten Pfeil im Köcher: den der Aufhebung des Ortes. Sie lässt einen Menschen, der das Los anderer und ihr Wohl wenigstens bedenkt, sei er auch fern, immer am richtigen Platz sein. Zum Richtigen im Falschen. In Flemings gemeißelten Worten: »Indessen meyne nicht/ o du mein schwer Verlangen// Ich dencke nicht auff dich/ und was dir frommen bringt.// Der wohnet überall/ der nach der Tugend ringt.«
Der das, im Jahre 1636, als Siebenundzwanzigjähriger auf einem der mächtigen russischen Flüsse schrieb, hatte da die größten Prüfungen seines kurzen Lebens noch vor sich: den Schiffbruch auf dem Kaspischen Meer, den Verlust der nicht wartenden Geliebten an den Revaler Hauslehrer, das Usbekenscharmützel im persischen Isphahan, aus dem er sich in eine armenische Kirche rettete, den Landrückweg durch die Hunger- und Salzsteppen Dagestans und schließlich das tödliche Fieber, das ihn, den frisch gebackenen Doktor der Medizin, auf dem Weg von seiner Promotion im niederländischen Leyden zu seiner in Reval fast schon ausgerichteten Hochzeit mit Anna, der jüngeren Schwester Elsabes, in Hamburg ereilt. Und das er mit einem weiteren, seinem ultimativen, Bilanzgedicht besiegt, seiner Grabschrift, drei Tage vor seinem seeligen Absterben, die ihn, er hat es zu seinem Trost gewußt, endgültig in die Liste der Unsterblichen schrieb.
An Deutschland
Ja Mutter es ist war. Ich habe diese Zeit die Jugend mehr als faul und übel angewendet. Ich hab es nicht gethan/ wie ich mich dir verpfändet. So lange bin ich aus/ und dencke noch so weit.
Ach Mutter zürne nicht; es ist mir mehr als leid der Vorwitz dieser Muth hat mich zu sehr verblendet. Nun hab ich allzu weit von dir/ Trost/ abgeländet und kan es endern nicht/ wie hoch es mich auch reut.
Ich bin ein schwaches Both ans große Schiff gehangen/ muß folgen/ wie/ und wenn/ und wo man denckt hinaus. Ich will gleich/ oder nicht. Es wird nichts anders draus.
Indessen meyne nicht/ O du mein schwer Verlangen/ Ich dencke nicht auff dich/ und was mir frommen bringt. Der wohnet überall/ der nach der Tugend ringt.
Neues Deutschland 26. September 2009
Flemings Nowgorod-Gedicht
Peter Gosse
Fleming, diese Lichtgestalt der deutschen Dichtung, leuchtet in vielen, in sehr vielen Farben. Mit welcher Düsternis er uns etwa aufwartet: Gedichte sind gut für die Fische, als Futter/ Für Schabe und Holzwurm und anderes Viehzeug oder dazu/ daß der Gewürzkrämer seine Ware drin einpackt... Ähnlich wird es zweihundert Jahre später Heinrich Heine sagen, aber Paul Fleming sagt es noch ärger: oder damit eine häßliche Vettel was hat, sich den duftenden Hintern zu wischen.
Gänzlich anders ein Briefgedicht an den Freund Grahmann, den späteren Leibarzt des Zaren, gip-felnd in der Beschwörung, nur ja sein, Flemings, Werk als das an ihm einzig Wesentliche einer Nachwelt zu bewahren. Denn Sonst alles ander stirbt: was eine Feder schreibt/ Die Glut und Seele hat, das glaube, daß es bleibt/ Wenn nichts mehr etwas ist!. Ich kann nicht ganz verwesen/ Mein bester Teil bleibt frisch.
Oder aber der Fleming als ein Verzweifelnder; tief in Asien zieht er entsetzliche Bilanz: Gedenk ich nun an mich, so schauret mir die Haut./ Mein Schiff, das ist entzwei, mein Gut ist weggeschwommen/Nichts mehr, das ist mein Rest, das machet kurze Summen/ Ich habe Müh und Angst, ein ander meine Braut.
Hinwiederum tritt er vor uns, und dies oft und tief glaubwürdig, mit einer wundervoll rüstigen Selbstgewissheit, mit einem nicht so sehr Beschwören als vielmehr Bestätigen personalen unumstößlichen Eigenwerts: so sei ein wenig deine/ mein Fleming, weil du kannst. Du hast noch dieses Eine/ von allem, was du hattst: dich, den dir niemand nimmt./ Geh, sieh dich selbsten durch! Du selbst bist dir die Welt!/ Verstehst du dich aus dir, so hast du's wohlbestellt. Also: hülle dich in dich!
Ich zitiere Verse aus dem Gedicht „In Neugart der Reußen 1634", also „In Nowgorod, in Neustadt der Russen" - die Stadt liegt, zwischen Petersburg und Moskau, in einer schier endlosen grünen Ebene. Angemessener gesagt: sie lagert. Sie lagert, anheimelnd hineingeschmiegt in das ungemeine In-sich-Ruhen der Landmasse, in die scheinbare Unstörbarkeit des erhabenen Himmelsgewölbes. Sodass, als ich dort stand, am Ilmensee, das Empfinden mich überkam, die Mauer des Nowgoroder Kreml, der Burg, stünde ganz unstatthaft in diesem wie zivilisationsfernen zeitlosen Gefilde, sie entbehre erfreulich jeden Sinnes, sie sei glücklich eine Absurdität. Vielleicht hatte der Dichter Rainer Maria Rilke, der - wie er von sich sagte - tief slawisch Fühlende, hier (als er mit Freundin Lou an diesem Ort weilte) die hypnotische Preisung russischer Erde, nur leise berührt von den ähnlichen Ernten, geschrieben?: Ich kann (...) dich nicht an die Blätter binden/ und das zitterndste Bild, das mir meine Sinne erfinden/ du würdest es blind durch dein einfaches Sein übertreiben.
Einfaches Sein, ja - auch Fleming schaut oder vielmehr sieht es; wachen bewundernden Auges blickt er ins Nowgoroder Alltagsleben. Ihn besticht die wahrgenommene (oder doch nur erhoffte?), schon als idyllisch zu bezeichnende Friedfertigkeit jener Weltgegend - nicht eben erstaunlich angesichts der Verheerungen, denen der Sachse im Leipzig des 30-jährigen Krieges ausgesetzt gewesen war. Dies verlautbart, in Auszügen, das Nowgorod-Gedicht: Er ist darzu geboren/ daß er vergnügt kann sein. Man klaget nichts verloren/ wenn sich der Vater leget: seinesgleichen, er, wächst auf/ der wohlgezogne Sohn. (...) Kein Geld gehört zum Leben./ Bekömmt er Lust zum Weibe-/ Des Nachbars Tochter will - ein Mensch, das schön am Leibe/ Und gut von Herzen ist; die, daß er sie mehr liebt/ dem sonst nicht blassen Mund ein lichters Färblein gibt./ So leben sie in Stille. Kein Argwohn kömmt in sie.
Arkadien - nichts Minderes! Selbst der Tod schreckt nicht: Der Vater hat ja den Sohn ins gemächlich fortschreitende Leben gesetzt; der wird ein Gleiches tun. Und daß die Frau, um versuchender zusein, den Lippen ein „lichters Färblein" gibt, also sich schminkt, erscheint schier als ein Überviel an Zivilisation. Auf die will ja aber gerade Verzicht getan werden: Sein Wind- und Federspiel ist Flitzbogen und Pfeil/ die er wohl selbst gemacht. Ein Messer und ein Beil/ das ist ihm Werkzeugs satt/ Die schöne Nachtigall/ leucht über seinen Kopf, verführt so manchen Schall/ und schläft den Müden ein. Da liegt er bis zu morgen/ Ihn plagt kein schwerer Traum, ist weit von allen Sorgen/ die uns den Schlaf zerreißt. Kein Dieb bricht bei ihm ein/ Frau Armut läßt ihn wohl vor diesem sicher sein.
Armut als hilfreich, Bescheidung als dem Leben förderlich - eine durchaus denkenswürdige, durchaus aktuelle Maxime, deucht mich: in Zeiten, da wir die Existenz von Drittwelt, Umwelt und Nachwelt in Frage stellen. Der Hartensteiner fährt so fort: Des Glückes Troß, der Neid/ kömmt nicht in dieses Land. Zu des Saturnus Zeit/ ward ebenso gelebt. Da war kein Mein und Dein.
Fleming nimmt nichts Minderes als die Besitzverhältnisse ins Visier. Und da er sie, die ihm unstatthaften, am Ilmensee aufgehoben sieht oder zu sehen begehrt, erinnert sich ihm die vorzeusische Ära des Saturn, also das Goldene Zeitalter kommunen Produzierens und kommunen Konsumierens. Hochfliegende Vision - wie sehr glaubt er ihr? Habe sich Ehre und Redlichkeit aus dem Sächsischen ins christlich-urkommunistische Russische verlagert?
Ist hier dasjen'ge Land, da Ehr und Redlichkeit von uns sich hingewandt?
Wirklichkeitsverhaftet wie er ist, schließt Fleming mit einer Frage. Diese Frage oder andere - er stellt sie an uns wie alle große Dichtung. Nur, geben wir Antworten?
MDR FIGARO 27. September 2009
Wie er wollte geküsset sein - Dichter über Dichter
Vier zeitgenössische Dichter haben sich auf den Barock-Lyriker Paul Fleming eingelassen: Róza Domascyna, Angela Krauß, Peter Gosse und Thomas Rosenlöcher. Was reizt sie an der Kunst des in Vergessenheit geratenen Poeten? Dieser Frage und Fragen über Dichtung im Allgemeinen gehen sie gemeinsam mit Michael Hametner im Lese-Café nach, diesmal in der Villa Ida in Leipzig.
Wie lässt man sich auf einen Dichter ein, der vor 400 Jahren geboren wurde? Warum lässt man sich auf einen Barock-Lyriker ein? Das fragt MDR FIGARO vier Dichter unserer Tage: Róza Domascyna, Angela Krauß, Peter Gosse und Thomas Rosenlöcher. Was haben sie bei Fläming gefunden? Im Gespräch werden sie ihre Hommage-Gedichte vorstellen und über ihre Wege zu Fläming sprechen, der vielleicht einer der ersten Dichter deutscher Sprache ist, der sein Gefühl nicht hinter Rethorischem verborgen hat. Außerdem wird dieses Lese-Café ein Gespräch über das weite Feld der Gedichte und Gedichtlektüre.
Der Arzt Paul Fleming als leidenschaftlicher Lyriker
Paul Fleming (1609-1640) stammt aus dem sächsischen Hartenstein, besucht in Mittweida die Lateinschule und studiert in Leipzig. Die Gelegenheit zu einer großen Reise nach Moskau und Persien nimmt er gern an, konnte er doch so dem 30-jährigen Krieg entkommen. Dabei gewann er viele Eindrücke für seine Dichtung, verlor aber seine Braut, die nicht auf ihn warten wollte. Er verfasst Dutzende von Liebesgedichten, die auch heute noch zu Herzen gehen. 1640 erwirbt Fleming an der Universität Leiden (Niederlande) die medizinische Doktorwürde. Er plant, sich als Arzt niederzulassen. Im Alter von 30 Jahren stirbt Fleming in Hamburg an einer Lungenentzündung.
Gäste in der Sendung
Angela Krauß, 1950 in Chemnitz geboren, studierte Werbung und Gestaltung in Berlin und arbeitete für Messen und Ausstellungen. Von 1976 bis 1979 studierte sie dann das Schreiben am Leipziger Literaturinstitut. Noch als "DDR-Schriftstellerin" wurde sie mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet. Das war 1988 und der Erfolg blieb ihr treu. Heute lebt Angela Krauß in Leipzig. Ihr Insel-Büchlein "Ich muß mein Herz üben" ist nach Prosatexten wie "Die Überfliegerin", "Milliarden neuer Sterne", "Weggeküßt" und "Wie weiter" ihr erster Band mit Gedichten. Sie zeichnen sich durch dichteste Sprache und subtilste poetische Weltbetrachtung aus.
Die sorbische Lyrikerin und Übersetzerin Róza Domascyna wurde 1951 in Zerna im Landkreis Kamenz geboren. 1968 begann sie in der Redaktion der sorbischen Kinder- und Jugendzeitschrift Plomjo und auch der Tageszeitung Nowa doba mitzuarbeiten. Seit 1970 veröffentlichte sie Gedichte in der sorbischen Presse. Sie studierte Bergbau und arbeitete anschließend als Schreibkraft und Materialwirtschaftlerin in Knappenrode. Von 1985 bis 1989 studierte sie am Leipziger Literaturinstitut "Johannes R. Becher" und ist seit 1990 freie Schriftstellerin. Der literarische Durchbruch gelang ihr mit der Wende in der DDR. Seit ihrem ersten Gedichtband 1990 erscheinen weitere Bände mit Gedichten und Märchen, die in zahlreiche slawische und westeuropäische Sprachen übersetzt worden sind. Markenzeichen ihrer Texte sind das Spiel mit Zweisprachigkeit und Traditionen. Róza Domascyna ist Mitglied des P.E.N. und der Sächsischen Akademie der Künste.
Geboren 1947 in Dresden, studierte Thomas Rosenlöcher zunächst bis 1974 Betriebswirtschaft an der TU Dresden. Bereits in dieser Zeit beschäftigte er sich mit dem Schreiben und studierte von 1976 bis 1979 am Literaturinstitut "Johannes R. Becher" in Leipzig. Seither lebt er als freier Lyriker und Schriftsteller in der Nähe von Dresden. Er ist Mitglied der Sächsischen Akademie der Künste und der Akademie der Künste in Berlin. Für sein Werk erhielt er zahlreiche Preise und Auszeichnungen, unter anderem 2008 den erstmals verliehene "Hölty-Preis für Lyrik der Landeshauptstadt und der Sparkasse Hannover" für sein lyrisches Gesamtwerk. Zuletzt erschienen beim Suhrkamp-Verlag in einer Neuauflage "Die verkauften Pflastersteine", "Am Wegrand steht Apollo" und "Die Dresdner Kunstausübung".
Der Leipziger Peter Gosse, Jahrgang 1938, ist Lyriker, Prosaautor und Essayist. Er studierte Hochfrequenztechnik in Moskau. Nach einer Tätigkeit als Ingenieur arbeitet Gosse seit 1968 als freischaffender Schriftsteller. Er schreibt in deutscher und sorbisch-wendischer Sprache. Seit 1985 war er Dozent für Lyrik am Leipziger Literaturinstitut "Johannes R. Becher", dessen kommissarischer Direktor er 1993 wurde. Das P.E.N.-Mitglied Gosse ist seit Juni 2008 Vizepräsident der Sächsischen Akademie der Künste.
Sächsische Zeitung 17.-18. Oktober 2009
Aufstand Dresdner Künstler
Der Stadtrat soll seinen Beschluss zum Umbau des Kulturpalastes kippen. Das fordern jetzt prominente Dresdner Künstler
Peter Ufer
Ein neues Konzerthaus für die Dresdner Philharmonie und die Sächsische Staätskapelle fordern jetzt in einer neuen Petition die Mitglieder der Sächsischen Akademie der Künste. Mit der Forderung verbunden ist die dringende Bitte an den Dresdner Stadtrat, ihren Beschluss zum Umbau des Kulturpalastes zu einem klassischen Konzertsaal zurückzunehmen.
Gipfeltreffen für Konzerthaus
Gefordert haben dies bei einer großen Diskussionsrunde in der Akademie der Künste am späten Donnerstagabend prominente Dresdner Künstler. Die Forderung unterstützen der Dirigent Haftmut Haenchen, der Komponist und frühere Rektor der Musikhochschule Wilfried Krätschmar, der Trompeter Ludwig Güttier, der Pianist Peter Rösel, die Sänger Peter Schreier, Theo Adam und Günther Erinnerlich sowie der Musiker und Konzertveranstalter Bernd Aust.
Der Komponist und Präsident der Akademie, Udo Zimmermann, sagte: „Mit dem ganzen Gewicht der 141 Mitglieder sprechen wir uns für den Bau eines eigenständigen Konzerthauses an prominenter Stelle aus." Es müsse jetzt ein Gipfeltreffen zwischen Stadt und Land geben. Daran sollen auch die Orchestervorstände der Sächsischen Staatskapelle und der Dresdner Philharmonie teilnehmen.
Hintergrund der Forderung ist der Streit um den Umbau des Kulturpalastes. Im Juli 2008 hatte der Stadtrat beschlössen, den 1969 eröffneten Kulturpalast für 65 Millionen Euro umzubauen. Allerdings gibt es Zweifel, ob diese Summe reicht. Denn die Philharmonie und die auch im Palast angesiedelte „heitere Muse" benötigen eine Ausweichspielstätte. Ein aktuelles Gutachten beziffert die zu erwartenden Gesamtkosten auf 118 Millionen Euro. Ein neues Konzerthaus schlägt in dem Gutachten mit 143 Millionen Euro zu Buche - der Anteil der Stadt soll bei 87 Millionen Euro, der des Landes bei 56 Millionen Euro liegen.
Philharmonie für Kulti-Umbau
Konzertveranstalter Bernd Aust wies an dem Abend daraufhin, dass die Stadträte ihren Beschluss unter völlig falschen Voraussetzungen gefasst hätten. Die Verwaltung habe das Parlament falsch informiert. Deshalb müsse der Rat seinen Beschluss überdenken und neu fassen. Der Komponist und frühere Rektor der Dresdner Musikhochschule, Wilfried Krätzschmar, sprach von einer Grundsatzentscheidung. Es gehe auch um die Frage, ob Dresden als Musikstadt künftig in der ersten Liga mitspielen könne. Deshalb gebe es zu einem neuen Konzerthaus keine Alternative. Die Konzertmeister der Philharmonie hatten dagegen unlängst nachdrücklich für die Umbau-Variante plädiert. Aus der Erfahrung der letzten 20 Jahre könne man sehr wohl zwischen utopischen und realistischen Wünschen unterscheiden.
Der Stadtrat wird in einer seiner nächsten Sitzungen noch einmal Experten zum Kulturpalast-Umbau und zum Konzerthaus anhören. Dies war eine Förderung der FDP. Zugleich sind bisher Bau-Ausschreibungen noch nicht auf den Weg gebracht. Erst soll es das Gipfeltreffen geben.
Sächsische Zeitung 17.-18. Oktober 2009
Diese Stimmen darf keiner ignorieren
Peter Ufer
Wenn Dresdner Künstler aufstehen, um sich für einen Kulturbau zu engagieren, dann darf das nicht ungehört bleiben. Das kulturelle Gewissen dieser Stadt, die 141 Mitglieder der Sächsischen Akademie der Künste, haben Gewicht und Kraft. Es wäre fatal, würde der Stadtrat, würde die Stadtverwaltung diese Stimmen ignorieren.
Wenn jetzt der Präsident der Akademie, Udo Zimmermann, ein Gipfeltreffen einfordert, um mit der Oberbürgermeistern! und der neuen sächsischen Kunstministerin über den Sinn eines neuen Konzerthauses zu diskutieren, so sollten sich die Politikerinnen nicht verweigern. Denn es geht um grundsätzliche Entscheidungen. Erstens: Wird mit dem Umbau des Kulturpalastes Stadtgeschichte zerstört? Zweitens: Kann mit einem Neu-bau ein Konzerthaus für beide Spitzenorchester entstehen. Und drittens: Ist der Neubau von Stadt und Land finanzierbar?
Es muss Zeit sein, darüber zu diskutieren, denn immerhin wollen laut SZ-Voting, an dem 13.000 Dresdner teilnahmen, 80 Prozent ein neues Konzerthaus. Gleichzeitig haben inzwischen 18.000 Dresdner eine Petition für den Erhalt des Kulturpalastes unterschrieben. Diese Stimmen kann, darf kein Stadtrat und keine Verwaltung einfach ignorieren.
Bild (Dresden) 16. Oktober 2009
Hoffnung auf Gipfeltreffen im Konzertsaal-Streit
Dresden (dpa/sn) - Im Streit um einen neuen Konzertsaal für Dresden hoffen die Musikfans nun auf ein Gipfeltreffen zwischen Stadt und Land. Nach dem Willen der Bürger sollen daran auch die Orchestervorstände der Sächsischen Staatskapelle und der Dresdner Philharmonie teilnehmen. Am Donnerstagabend hatten sich auf Einladung der Sächsischen Akademie der Künste vor allem die Befürworter eines völlig neuen Konzerthauses versammelt. Ihnen steht jene Fraktion gegenüber, die den Umbau des Kulturpalastes in einen modernen Saal für die Philharmoniker favorisiert. Dresden besitzt trotz zweier Spitzenorchester bis heute keinen akustisch guten Konzertsaal.
Musik in Dresden. Ein Spiegel der Dresdner Musikszene 17. Oktober 2009
Sächsische Akademie der Künste warnt vor dem Verlust des Kulturpalastes als Multifunktionsstätte
Peter Bäumler
Alle Weltstädte haben für ihre Orchester Konzerthäuser, Tokio davon gleich 105. Und das mit 75.000 Einwohnern vergleichsweise kleine Luzern am Schweizer Vierwaldstätter See leistet sich seit 1998 ein Kulturzentrum mit einem der besten Konzertsäle der Welt, das mit eigenen, Gastspielen von Weltorchestern und Festivals jährlich 200.000 Besucher in die Stadt holt. So zählte es der Dirigent Harmut Haenchen bei einer Podiumsdiskussion auf, zu der die Sächsische Akademie der Künste am 15. Oktober 2009 in das Blockhaus eingeladen hatte.
Professor Udo Zimmermann, Präsident der Sächsischen Akademie der Künste erklärte dazu: „Mit dem ganzen Gewicht der 141 Mitglieder sprechen wir uns für den Bau eines eigenständigen Konzerthauses an prominenter Stelle in Dresden für die beiden Spitzenorchester Staatskapelle und Philharmonie aus. Zugleich wenden wir uns gegen den Umbau des Kulturpalastes und warnen vor dem Verlust dieses Veranstaltungsortes als Multifunktionsstätte auch für Populärkultur."
Wolfgang Kil, Sekretär der Klasse Baukunst der Akademie, ergänzte, es sei ein Unding, die Substanz des Kulturpalastes zu opfern, denn nur vollständig, mit der markanten Außengestalt und innen behutsam restauriert, bleibe er ein Kulturdenkmal aus der inzwischen als bedeutsam angesehenen Bauepoche der Nachkriegsmoderne. Das letzte Kulturhaus nach Abriss des Palastes der Republik, sagte Kil, gelte es zu bewahren.
Fakt ist, dass die Stadt nach dem Beschluss des Stadtrates im Juli 2008 plant, den Festsaal zu einem reinen Konzertsaal für die Dresdner Philharmonie umzubauen - denn Fabio Luisi, Generalmusikdirektor der Staatskapelle, bekräftigte mehrmals, sein Orchester werde dort nicht spielen. Das Kabarett Herkuleskeule und die Stadtbibliothek sollen mit ins Haus ziehen. Für den Konzertsaal liegt auch schon ein Entwurf eines Architektenwettbewerbs der Preisträger Gerkan, Marg und Partner, Hamburg, vor. Dessen Akustik bedarf jedoch noch einer Vorprüfung, und seine Ausführung ist mit Risiken behaftet.
Über diese Risiken sprach Professor Ulrich Bauch (Kaiser Baucontrol Ingenieurgesellschaft), der in einem Gutachten auf Umbaukosten mit Risikozuschlag von 84,5 Millionen Euro kommt. Weitere 33 Millionen seien zu veranschlagen für eine adäquate Ersatzspielstätte für die ‚heitere Muse’, denn rund 80 Prozent solcher Veranstaltungen wären im umfunktionierten Kulturpalast nicht mehr möglich. Das bestätigte der Veranstalter Bernd Aust in seinem emotionalen Redebeitrag: „Seit 40 Jahren spielen wir mit meiner Band Electra im Festsaal, nach dem Umbau wären wir aus dem Kulturpalast vertrieben." Für eine Konzerthalle mit Kammermusiksaal errechnet Bauch 113 Millionen Euro einschließlich Grunderwerb. Für die Sanierung des zu erhaltenden multifunktionalen Kulturpalastes setzt er 30,4 Millionen an. Und nur ein Vergleich von Varianten mit gleichem Nutzungsgehalt, wie Bauch es sachlich nennt, ist reell.
Ex-Baubürgermeister Gunter Just brachte den stadtbaulichen Gewinn ins Gespräch. „Mit einer Philharmonie in außergewöhnlicher, neuer Architektur, die leuchtet, auf einer der vielen Brachen, die wir noch haben, sei es an der Elbe vis a vis Blockhaus, sei es am Postplatz. Das braucht Dresden für sein Image, nach außen, für den Tourismus - dringend!" Zwingend sei es auch, beiden Orchestern ein ihrem Rang angemessenes und ihre Qualität steigerndes Haus zu geben. Und damit auch den tradierten Musikruf Dresdens und Sachsens mit einer 460 Jahre durchgängig musizierenden Kapelle auch in Zukunft zu sichern. Beide Orchester unter einem Dach - Professor Wilfried Krätzschmar, Ex-Rektor der Hochschule für Musik Dresden, setzte sich dafür ein. „Sie haben das in der Geschichte ja schon gehabt, Befindlichkeiten dürfen da keine Rolle spielen", verlangt er das Zusammengehen der beiden Träger Stadt und Freistaat.
Im Resümee des Podiums wie aus dem Publikum des vollbesetzten Saales ging daher auch quasi als Auftrag an die Akademie, die Oberbürgermeisterin der Stadt, die zuständige Landesministerin, die Orchestervorstände und die bürgerschaftliche Interessengruppe Konzerthaus schnellstens an einen Tisch zu bringen. 14.000 Dresdner haben schon für den Erhalt des Kulturpalastes in seiner jetzigen Nutzungsform gestimmt. Dresden braucht ein Konzerthaus.
Sächsische Zeitung 23. Oktober 2008
Semper-Architekturpreis geht an Günter Pfeifer
Der Freiburger Architekt Günter Peifer erhält heute den Gottfried-Semper-Architekturpreis 2009. Zum zweiten Mal verleihen die Sächsische Akademie der Künste und die Sächsische Landesstiftung Natur und Umwelt diesen Preis, der mit 25.000 Euro dotiert ist. Pfeifer, Jahrgang 1943, ist ein Pionier des ökologischen Bauens. Sein Werk umfasst Wohn- und öffentliche Bauten, Kirchen udn Gewerbeanlagen. Eine Schau seiner Entwürfe zeigt 2010 das Dresdner Blockhaus.
MDR 23. Oktober 2009
Preisverleihung Architekt Günter Pfeifer erhält Semper-Preis
Der diesjährige Gottfried-Semper-Architekturpreis ist am Freitag in Radebeul auf Schloss Wackerbarth an Günter Pfeifer verliehen worden. Wie die Sächsische Akademie der Künste mitteilte, wird damit Pfeifers Engagement für nachhaltiges Bauen gewürdigt. Der Freiburger Architekt und Darmstädter Architekturprofessor verstehe es, "Sonnenlicht, Erdenenergie und die Eigenschaften des Baumaterials ökologisch wie künstlerisch einzusetzen", so die Akademie. Pfeifers Werk umfasst Wohnhäuser, öffentliche Gebäude und Kirchen. Der Architekt, Jahrgang 1943, gilt als Pionier des ökologischen Bauens.
Preis wird alle zwei Jahre vergeben
Der Preis wird alle zwei Jahre von der Sächsischen Akademie der Künste, der Sächsischen Landesstiftung Natur und Umwelt sowie Vattenfall als Stifter vergeben. Die Auszeichnung ist mit 25.000 Euro dotiert und wird an deutsche Architekten verliehen. Arbeiten des Architekten Pfeifer werden in Radebeul auf Schloss Wackerbarth sowie anschließend im Dresdner Blockhaus und den Vattenfall-Firmensitzen Cottbus, Berlin sowie Hamburg in einer Wanderausstellung gezeigt.
Dresdner Neueste Nachrichten 27.Oktober 2009
Semper Architekturpreis Pionier des ökologischen Bauens
Der Gottfried Semper Architekturpreis 2009 ist am Wochenende an den Freiburger Architekten und Darmstädter Architekturprofessor Günter Pfeifer verliehen worden. Unter den Gästen der Feierstunde auf dem Sächsischen Staatsweingut Schloss Wackerbarth in Radebeul befanden sich Vertreter regionaler und überregionaler Architektenverbände, Rektoren und Vertreter der Hochschulen und Vertreter der Staatsregierung.
Die Auszeichnung, die zum zweiten Mal von der Sächsischen Akademie der Künste und der Sächsischen Landesstiftung Natur und Umwelt verliehen wurde und herausragende Leistungen der Baukultur und räumlichen Entwicklung unter besonderer Berücksichtigung ökologischer Verträglichkeit würdigt, ist mit 25.000 Euro dotiert und wird durch das Energieunternehmen Vattenfall Europe Mining & Generation gestiftet.
Günter Pfeifer, 1943 in Schopfheim geboren, hat bereits in jungen Jahren für Architekten wie Tadeo Ando, Frank Gehry, Zaha Hadid und Alvaro Siza gearbeitet. Von Beginn an bewegt ihn die Frage, wie Architektur und Städtebau unter den Bedingungen radikal verminderten materiellen Wohlstands und einer radikal veränderten Energiesituation aussehen müssen. So gehört Pfeifer zu jenen Architekten, die aus der Energie- und Ökologiekrise nicht nur technisch-physikalische Lösungen, sondern eine Architektur eigener Wesensart entwickelt haben, die beispielgebend Ästhetik, praktische Nutzungen, Technik und Ökologie zu verbinden versteht. Pfeifers Werk umfasst eine Vielzahl von Wohn- und öffentlichen Bauten, Kirchengebäuden und gewerblichen Anlagen, die zu Modellen ökologischen Bauens in Deutschland wurden. Das ¼uvre des international geachteten Architekten umfasst über 80 Bauten für private und öffentliche Auftraggeber, für die er bis heute insgesamt fast 60 Auszeichnungen erhielt – u.a. den Honor Award (American Institute of Architects). Architekturwettbewerben hat er sich immer gestellt, in über 160 Verfahren war er bislang sechzigmal erfolgreich, davon vierzehnmal mit dem ersten Preis.
1992 wurde Pfeifer als Professor für Entwerfen und Hochbaukonstruktion an die Technische Universität Darmstadt berufen. Zahlreiche Fachbücher – u.a. Der Neue Holzbau, Mauerwerksatlas, Sichtbeton, sowie Wohnungsbau-Typologie-Bände – sind seit 1997 in verschiedenen Verlagen erschienen.
Einen Einblick in sein umfangreiches und international geachtetes Werk soll eine Ausstellung gewähren, die im Februar 2010 in der Sächsischen Akademie der Künste im Blockhaus mit einer Vorlesung des Architekten eröffnet wird.
Dpa 28. Oktober 2009
Architektur/Musik/ Akademie: Verwirrspiel beenden, Konzerthaus bauen
Dresden (dpa/sn) - Die Sächsische Akademie der Künste hält immer neue Ideen zum Bau eines Konzertsaals in Dresden für verwirrend und hinderlich. Am Mittwoch hatte die "Sächsische Zeitung" von Plänen berichtet, einen solchen Saal im Johanneum einzubauen. Dort befindet sich derzeit das Verkehrsmuseum. Akademie-Präsident Udo Zimmermann sprach von einer «abstrusen Debatte mit zunehmenden Irritationen». Die Akademie hatte sich wiederholt für den Bau eines neuen Konzerthauses und gegen den Umbau des Kulturpalastes zu diesem Zweck ausgesprochen. Die Stadt Dresden möchte den «Kulti» dagegen für 65 Millionen Euro umrüsten und dort einen neuen Saal integrieren. Am Mittwoch erneuerte die Akademie der Künste ihren Aufruf. «Ein akustisch und architektonisch erstrangiges Konzerthaus, das von beiden Spitzenorchestern der Stadt bespielt werden kann, wird internationale Künstler anziehen und internationale Ausstrahlung entfalten», hieß es. Ein solcher Neubau, der auch einen separaten Kammermusiksaal benötige, habe zudem Auswirkung auf alle Künste und sei dazu geeignet, neues Publikum anzuziehen. "Auch der Rang Dresdens als Musikstadt hängt in hohem Maße von der Existenz und Qualität eines neuen Konzerthauses ab." Dresden besitzt mit der Staatskapelle und der städtischen Philharmonie zwei Spitzenorchester, aber keinen guten Saal. Dieses Thema gibt derzeit den Ton in der kulturpolitischen Debatte an. Die Grünen hatten unlängst einen Runden Tisch vorgeschlagen, an dem neben dem Land und der Stadt auch die Orchester Platz nehmen sollen.
Sächsische Zeitung 20. Oktober 2009
Stadträte streiten um Konzertsaal-Idee
Von Thilo Alexe
Der Plan eines Klassiksaals im Verkehrsmuseum stößt auf Skepsis. Die Stadt hält am umstrittenen Umbau des Kulturpalastes fest.
Der Vorstoß der Gesellschaft Dresdner Konzertfreunde für einen Klassiksaal im Johanneum führt zu kontroversen Debatten. Während Linke und SPD im Stadtrat die Prüfung dieser Variante forderten, gaben sich die anderen Parteien skeptisch. CDU-Fraktionschefin Christa Müller sprach gar von einer „Lachnummer".
Die Gesellschaft unter Vorsitz von Ex-Justizminister Geert Mackenroth (CDU) hatte Pläne für den Einbau eines Saales in den jetzigen Sitz des Verkehrsmuseums erarbeitet. Nach dem Vorbild des Luzerner Kongresszentrums sollen rund 1500 Plätze im Parkett und auf Rängen entstehen. Die Klassikliebhaber gehen davon aus, dass das voraussichtlich für reichlich 40 Millionen Euro machbar ist. Der Kulturpalast soll in seiner jetzigen Form für rund 20 Millionen Euro saniert werden und keinen modernen Saal erhalten. Die Stadt dagegen will den „Kulti" entkernen und für 65 Millionen Euro einen modernen Saal einbauen.
„Wir halten an den Plänen zum Kulturpalast-Umbau fest", sagte CDU-Fraktionschefin Müller. Allerdings will ihre Fraktion einem FDP-Antrag zu einer Expertenanhörung im Stadtrat zustimmen. Da auch SPD und Grüne ihr Ja signalisieren, debattiert der Rat im November voraussichtlich noch einmal über das Für und Wider des bereits im Grundsatz beschlossenen „Kulti"-Umbaus. Die Liberalen streben dadurch die Versachlichung der Debatte an. Wegen der Anhörung soll die Vergabe der Akustik-Planung verschoben werden.
Der SPD geht das nicht weit genug. „Wir beantragen den Stopp aller Vergabe-Leistungen für den Umbau", sagte Finanzexperte Thomas Blümel. Fraktionschef Peter Lames bezeichnete den Kulturpalast-Umbau als „Irrweg". Ein Problem sei, dass das Gebäude seine Mehrzweckfunktion verliere und Unterhaltungskunst in die Messe abwandern müsse.
Kritiker des Johanneum-Plans wiesen darauf hin, dass das Verkehrsmuseum eine neue Heimat benötige. Zudem sei der tatsächliche Kostenrahmen unklar.
Udo Zimmermann, Präsident der Sächsischen Akademie der Künste: "Die Idee vom Johanneum-Umbau ist lächerlich. Außerdem haben wir jetzt ein Verwirrspiel der Ideen. Die Akademie sagt: Dresden braucht ein neu gebautes Konzerthaus."
Dresdner Neueste Nachrichten 29. Oktober 2009
Akademie der Künste: Verwirrspiel beenden, Konzerthaus bauen
Dresden. Die Sächsische Akademie der Künste hält immer neue Ideen zum Bau eines Konzertsaals in Dresden für verwirrend und hinderlich. Am Mittwoch hatte eine Zeitung von Plänen berichtet, einen solchen Saal im Johanneum einzubauen. Dort befindet sich derzeit das Verkehrsmuseum. Akademie-Präsident Udo Zimmermann sprach von einer "abstrusen Debatte mit zunehmenden Irritationen". Die Akademie hatte sich wiederholt für den Bau eines neuen Konzerthauses und gegen den Umbau des Kulturpalastes ausgesprochen. Die Stadt Dresden möchte den "Kulti" dagegen für 65 Millionen Euro umrüsten und einen neuen Saal integrieren.
Am Mittwoch erneuerte die Akademie der Künste ihren Aufruf. "Ein akustisch und architektonisch erstrangiges Konzerthaus, das von beiden Spitzenorchestern der Stadt bespielt werden kann, wird internationale Künstler anziehen und internationale Ausstrahlung entfalten", hieß es. Ein solcher Neubau, der auch einen separaten Kammermusiksaal benötige, habe zudem Auswirkung auf alle Künste und sei dazu geeignet, neues Publikum anzuziehen. "Auch der Rang Dresdens als Musikstadt hängt in hohem Maße von der Existenz und Qualität eines neuen Konzerthauses ab."
Dresden besitzt mit der landeseigenen Staatskapelle und der städtischen Philharmonie zwei Spitzenorchester, aber keinen guten Saal. Dieses Thema gibt derzeit den Ton in der kulturpolitischen Debatte an. Die Grünen hatten unlängst einen Runden Tisch vorgeschlagen, an dem neben Sachsen und der Stadt Dresden auch die Orchester Platz nehmen sollen. dpa
|