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Dieter Goltzsche erhält den Hans Theo Richter-Preis 2010 der Sächsischen Akademie der Künste.



Dieter Goltzsche © Sigrid Walther


Laudatio zur Hans Theo Richter-Preisverleihung am 8. November 2010
Prof. Dr. Bernhard Maaz

Haltung bewahren und Experimentierfreude erhalten – so könnte man das Motto Dieter Goltzsches zumindest ausschnitthaft beschreiben, soweit einem bloßen Betrachter oder gelegentlichen Gesprächspartner ein derartiges, kühn verallgemeinerndes Resümee des Lebenskonzeptes eines anderen Menschen denn je zusteht.
Dieter Goltzsche wurde Ende 1934 in Dresden geboren; Kindheit und Schulzeit erscheinen, da Ort und Zeit hinlänglich bekannt sind, leicht ausmalbar. Dessen bedarf es hier nicht. Die Früchte der 1952 abgeschlossenen Lehrjahre als Textilmusterzeichner mit der gattungsgemäß vordringlichen Wertschätzung von Ornament und Flächengestaltung wirken in seinem gesamten Lebenswerk weiter, doch erlag Goltzsche nicht der naheliegender Gefahr dekorativer Oberflächlichkeit, sondern suchte stets nach weiterreichenden Fragen der Gestaltung.
Wenn die Sächsische Akademie der Künste ihm nun den Hans Theo Richter-Preis überreicht, so ist dies eine Auszeichnung, die in Erinnerung an diesen Dresdner Zeichner, der etliche Generationen jüngerer Künstler prägte und ihnen den Wert ganz eigentlich er-arbeiteter Zeichenkunst verdeutlichte, verliehen wird. Und es ist ein Preis, der sich dem eigentlichen wie dem geistigen Erbe Richters verdankt, also finanziell einer privatbürgerlichen Stiftung und mental einer Haltung.
Dieter Goltzsche studierte ab 1952 in Dresden bei Max Schwimmer, dessen Meisterschüler er später war, und bei Hans Theo Richter selber: so schließen sich zuweilen unerwartet Lebenskreise, oder sollte man doch eher sagen: folgerichtig? Wenngleich Goltzsche seit 1960 in Berlin tätig ist und zu den Altmeistern dortiger Zeichenkunst gehört, sind die Dresdner Wurzeln nicht ausgelöscht.
Ich habe Dieter Goltzsche vor fast 20 Jahren in Paris kennengelernt, in einem Café am legendären Boulevard St. Germain, vielleicht war es sogar das Café de Flore, wo er auf mich wirkte – so ist das erinnerte Bild – wie ein Künstler, der ganz selbstverständlich geistig in Paris beheimatet sei: Diese Selbstverständlichkeit kurz nach dem Mauerfall ist nicht überraschend, und zweifellos ging ihr in den Jahren der Ummauerung eine intensive geistige Auseinandersetzung mit Frankreich voraus – mit Henri Matisse ebenso wie mit Guillaume Apollinaire, um hier nur zwei mögliche Blickrichtungen zu offerieren. Die Nähe zu dichterisch-denkerischem Worte jedenfalls ist unbestreitbar, das Schwebende französischer Poesie ihm nahe.
Zahlreiche Ausstellungen haben siet der ersten Beteiligung im Jahre 1964 Dieter Goltzsches oft von zart-poetischen Stimmungen getragenes Schaffen weithin bekannt gemacht und zur Wertschätzung dieser Blätter beigetragen. Druckgraphik verschiedenster Technik und Zeichnung sind seine unendlich variierten Ausdrucksmittel, das von Goltzsche kultivierte Aquarell begleitete sein Künstlerleben ebenfalls seit jenem Jahr 1964. Gerade diese leise Ausdrucksform mit sublimierter Lichte und Dichte kultivierte er stetig, die Transparenz der mit weichem Pinsel gelegten Flächen ebenso auskostend wie die Lineamente der trocknenden Wasserränder, denen er ein kartographisch anmutendes Eigenleben gestattete oder gar abverlangte. Die transparente Aquarellfarbe mit ihrer Nähe zum ungetrübten Naturpigment siegte hier über die offensiven oder plakativen Öl- oder Dispersionsfarbstrategien der offiziellen Kunst in der DDR: Die Wahl der Mittel ist Ausdruck einer Haltung, nämlich einer poetischen Zurückgezogenheit in die Welten der Feinsinnigkeit und Feinheit. Daß überdies die auf dem Kontinent nicht genug bekannte bürgerlich-weltläufige britische Tradition des Aquarells im Hintergrund stand, sei mehr der Vollständigkeit halber angeführt; hier sind Autoritätsbeweise überflüssig.
Goltzsche versteht Zeichnung, Aquarell und Grafik nicht als abbildhafte Wirklichkeitswiedergabe, sondern nutzt das Papier als Gestaltungsfläche, als Experimentierraum oder -feld, und er nutzt das Motiv als Gestaltungsanregung. In der Regel betreibt Goltzsche eine weitreichende Abstraktion bis zur Zeichenhaftigkeit, aber abstrakte, also nur aus dem Formenspiel erwachsende Komposition sind nie sein Anliegen gewesen. Erst in jüngster Zeit tastet er sich heran an die Unternehmung lakonisch-abstrahierter Formen.
Goltzsches künstlerische Haltung ist bis heute von Experimenten und gleichsam – dieses Wort sei erlaubt – vom Fortschreiben des Lebenswerks geprägt. Erkennbar ist, dass sich nunmehr das Thema der Übermalung eigener früherer Werke als zentraler Aspekt seiner künstlerischen Auseinandersetzung etabliert hat. Folge einer weiteren stilistischen Wandlung. Sprödigkeit und Spontanität, Paradox und Poesie begegnen sich hier vehement. Man erinnert sich des Altersstiles von Paul Klee, der aus der feinteiligen Federzeichnungspoesie in einen großformigen Lakonismus hinüberwechselte. Diese Formensprache, die etwas von fernhin lesbaren Zeichen und Runen hat, ist derjenigen des heutig-gegenwärtigen Goltzsche geistesverwandt.
Am Tage der Preisverleihung werden also meist jüngere Arbeiten von Goltzsches zu sehen sein, die zeigen, wie sehr seine Haltung bis heute von Experimenten geprägt ist und wie er sich nunmehr das Thema der Übermalung eigener früherer Werke als zentraler Aspekt seiner künstlerischen Auseinandersetzung etabliert hat.
Übermalung ist nicht Auslöschung – das betont der Zeichner selber –, sondern indiziert Überarbeiten, Überdenken und Nachdenken: Was wird bleiben, und was ist wert, so zu bleiben, wie es entstanden war? Das überarbeitende Weitergehen ist ein Indiz für Neugier und Offenheit. So, wie sich in diesen Blättern die Zeiten mischen und überlagern, so mischt er hie und da auch die Materialien. Druck, Fettkreide, Tuschpinsel – oder Linie, Fläche, Gerade, Gekurvtes – oder punktuelle Signalfarbe versus Düsterschwarz: Goltzsche reizt die Reize aus, sucht den produktiven Kontrast, die Reibung des Divergierenden. Die Zeitlosigkeit dieses beharrenden Kampfes um die richtigen Formen wird da besonders erfühlbar, wo das benutzte Papier nicht schneeweiß, sondern leicht tonig gewählt ist, und je toniger sie sind, desto sublimer ist die Gesamtheit.
Es ist ein Moment der Zeitlosigkeit und des Rückblickes gekommen, und nicht zufällig hören wir hier die Stimme von Volker Braun, einem Sachsen in Berlin, vom 26. November 1977. In seinem Arbeitsbuch „Werktage“ findet sich unter jenem Datum ein anderthalb Zeilen kurzer Tageseintrag, der auf Lothar Lang und andere Zeitgenossen verweist: „bei langs in freienbrink, mit goltzsche, claus, metzkes, magnus, rehfeldt, henkel, böhme u.a.“ Mancher der Erwähnten lebt nicht mehr, aber der sich in dem Zirkel manifestierende Geist einer geistigen Konzentration bei spielerischer Gemeinschaftlichkeit lebt weiter. Volker Braun läßt in seinem großzügig gesetzten Buch unter diesen Worten eine ganze Seite frei: sie weckt unweigerlich das Verlangen, diese karge Botschaft in ein Bild des gesprächsweisen Austausches zu verwandeln.
Der hier erwähnte Lothar Lang darf im übrigen auch als verläßlichen und kundigen Gewährsmann für die damaligen Perspektiven und Einsichten bemüht werden. Er schrieb 1983 mit dem bekannten Draufblick über die landeseigene Künstlerschaft, es müsse darauf aufmerksam gemacht werden, „daß künstlerische Impulse, die von Dresdener Lehrern kamen (von Schwimmer, von Wilhelm Lachnit), nicht (oder kaum) in der Malermetropole an der Elbe aufgegriffen worden sind. Befähigte Künstler der mittleren Generation gingen nach Berlin (Böttcher, Metzkes, Goltzsche) und tragen hier das Erbe ihrer Lehrer fort.“ Und man könnte wohl anschließen – so wie seinerseits Goltzsche beispielsweise das Erbe Max Beckmanns und des deutschen Expressionismus fortträgt.
Für seine Arbeit erfuhr Goltzsche schon etliche Würdigungen, sei es die Mitgliedschaft in der Berliner Akademie der Künste 1990 oder der Hannah Höch-Preis 1998. Das Nachwendejahr 1990 mochte eine besondere Zäsur verkörpern, eine – wie oben im Zusammenhang mit Paris anklang – eine nennenswerte Befreiung. Damals entstand ein Blatt, Collageprinzip und Zeichnungslineament verbindend, das beschriftet ist: „Das Leben als letzte Gelegenheit“ – ein Nachklang von Klee’s „Angelus“, frech und nachdenklich, nicht clownesk, aber ambivalent. Das tagtägliche Bewußtsein potenziell letzter Gelegenheiten stachelt an zur Arbeit, die durch poetische Gelassenheit kompensiert wird.
Die beiden letzten Jahrzehnte hat Goltzsche das Leben als "Gelegenheit" mit sanfter Entschiedenheit genutzt und fruchtbar gemacht. Er schrieb mir jüngst ein kleines Bekenntnis, und man darf voraussetzen, daß er wußte, es werde dieses Credo vielleicht in eine Lebensbilanz-Laudatio einfließen. Daher sei es hier zitiert.
Der Satz stammt von Alberto Savinio, dem Bruder Giorgio de Chiricos, und lautet „Romantisch ist eine Seele, die verliert.“ Aber die umgekehrte Formulierung drängt sich sogleich auf: Verliert eine Seele, wenn sie romantisch ist? Wird die Seele romantisch, wenn sie verliert? Die Begriffe des "Verlierens" und des "Romantischen" in einen solchen Satz zu flechten ist das eine, diesen Gedanken in das eigene Weltbild einzufügen, das andere. Es gibt, das sei thesenhaft postuliert, keine Seele, die nicht verliert; die romantisch-empfindsame Seele aber gewinnt bei der rechten Balance mit vernünftiger Reflexion hinzu, nämlich Einsicht, Relativierung, Bescheidenheit. Und damit waren wir wieder bei Goltzsche.