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Dresdner Neueste Nachrichten 29. September 2008

Jetzt langsamer, aber besser bauen
Leitfaden für die weitere Entwicklung am Neumarkt


Genia Bleier

Als einen „Sonderfall der Stadtentwicklung" beschreibt der scheidende Baubürgermeister Herbert Feßenmayr (CDU) den Neumarkt. Wo gibt es das schon, den zerstörten innersten Kern einer Stadt vollkommen neu entstehen zu lassen und zwar auf dem alten Grundriss und in zumeist historischer Architektursprache. Dieser Sonderfall - gestartet im Frühjahr 2003 mit der zentralen Tiefgarage und im Herbst 2004 mit der Bebauung des ersten Quartiers (QF) - ist ein sehr ambivalentes Projekt. Hochgelobt als Vorbild für andere deutsche Städte, die sich gleichfalls ihrer gebauten Vergangenheit erinnern, oder als Disneyland und hohle Fassadenkulisse kritisiert, polarisiert der Neumarkt bis heute.

Dass das Herz der Stadt um die Frauenkirche wieder erstehen soll, stand außer Frage. Auch dass es - im Schatten der akribisch wieder errichteten barocken Kirche - besonders gut werden soll, war im Grunde nie strittig. Aber was ist gut, was richtig für diesen Platz? Und was realistisch? Wo zeigen Nutzbarkeit, Wirtschaftsinteressen oder Baugesetze Grenzen auf? Die Vielzahl der emotional geführten Debatten um Leitbauten - deren gewünschte Anzahl schwankte zwischen 20 und 80 - und „erlaubte" oder selbstbewusste zeitgenössische Architektur hat weder einen Abschluss gefunden, noch eine wesentliche Annäherung gebracht. Inzwischen können Anspruch und Wirklichkeit des Großbauprojekts in der Praxis überprüft werden. Die ersten Ergebnisse zeigen, dass es um viel mehr als einen Fassadenstreit geht. Es geht um Qualität und zwar auch hinter der Fassade, um Qualität beim historischen Detail wie beim markanten zeitgenössischen Ausdruck. Die weitere Auseinandersetzung ist geradezu herausgefordert.

In vier Veranstaltungen der Sächsischen Akademie der Künste und des
Stadtplanungsamtes zum Neumarkt haben von März bis Oktober 2007 Architekten, Architekturtheoretiker, Kunstwissenschaftler, Denkmalpfleger, Stadtplaner und weitere Experten ihre Ansichten ausgetauscht. Die Vorträge und Diskussionen liegen jetzt auch gedruckt vor. Sie skizzieren die Entwicklung bis zum ersten Baggerhub, befassen sich mit ästhetischen, philosophischen und sozialen Fragen und ziehen Vergleiche des Zusammenspiels alt — neu mit anderen Städten. Dabei zeigt sich aber auch, Dresden ist anders. Hier suchen Bürger ihre verlorene Mitte, ihre Identität wieder und vertreten ihre Ansichten dazu so hartnäckig, dass Feßenmayr wie folgt Stellung nimmt: „Stadtplanung hat auch zur Befriedung der öffentlichen Diskussionen, aber vor allem des Zusammenlebens in der Stadt beizutragen." Als zweite Besonderheit nennt er die angestaute Erwartung, dass möglichst viel in kurzer Zeit gebaut werde — bei anfangs sehr verhaltenem Investoreninteresse.

Das hat sich mittlerweile geändert. Der Druck ist weg. Man könnte sich jetzt mehr Zeit nehmen und begangene Fehler künftig vermeiden. Dazu gehört zuallererst auch die Eliminierung von Geschichte in Form der vielen weggebaggerten historischen Keller, heftig kritisiert von den Denkmalpflegern Rosemarie Pohlack und Gerhard Glaser. Die vorgelegte Publikation will auch ein Leitfaden für die nächsten Bauschritte sein. In einem Resümee sind deshalb neben dem Zeitfaktor (längerer Entscheidungsprozess) und dem Erhalt authentischer Zeugnisse (Keller) sowie generell höherer Qualität weitere Vorschläge der Expertenrunde festgehalten: Lieber weniger Leitbauten, dafür aber komplette vom Grundriss, über den Innenhof bis zum Dach. Bloße Leitfassaden ohne innere Entsprechung werden abgelehnt. Zeitgemäße Bauten sollen sich nicht „anpassen", sondern Neues zeigen, aber in typologischer Verwandtschaft. Wichtig werden die städtebaulichen Anschlüsse zum Kulturpalast und zur Wilsdruffer Straße. Deshalb sei der Blick nicht nur vom Neumarkt aus zu beachten, sondern auch umgekehrt. Das Gewandhaus sollte aus städtebaulichen Gründen unbedingt kommen und zwar in heutiger Architektursprache. Empfohlen werden keine weiteren Einkaufspassagen, sondern Kleinteiligkeit mit öffentlicher Nutzung, mehr Wohnungen und bauliche Möglichkeiten für einen Nutzungswandel.

Ganz aktuell kann eine solche Publikation nicht sein. So ist der Bauboom am Neumarkt schon weiter fortgeschritten. Zu Coselpalais und den Quartieren I und II kommen jetzt noch die fertiggestellten Projekte Quartier III sowie die Häuser An der Frauenkirche 16/17. Die Schützresidenz steht kurz vor ihrer Eröffnung.

Das Buch ist erhältlich bei der Sächsischen Akademie der Künste, Neustädter Markt 19, 01097 Dresden, Tel.: 81416766, Fax: 81416777, E-Mail: sak_dresden@web.de, oder über den Buchhandel, ISBN-13978-3934367-16-6; Preis: 10 Euro.