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Kito Lorenc



Nachruf
„Aber in welcher Sprache, daß ihr mich hört“ – Zum Tode von Kito Lorenc

Die Sächsische Akademie der Künste trauert um ihr Mitglied Kito Lorenc, der am 24. September 2017 in Bautzen verstarb.

Der bedeutende deutsch-sorbische Schriftsteller war der Akademie seit ihrer Gründung eng verbunden. Bereits auf der ersten Mitgliederversammlung 1996 zugewählt, bereicherte er auf vielfältige Weise das Akademie-Leben. Mehrfach stellte er sein eigenes, vor allem lyrisches Werk im Rahmen der Akademie vor und zur Diskussion. Vor allem aber sensibilisierte er die Aufmerksamkeit einer breiten Öffentlichkeit für eine Literatur, die geographisch im sächsischen Raum verortet ist, aber sprachlich-kulturell und geschichtlich eine eigene Tradition inaugurierte, die der Mehrheitsgesellschaft in Deutschland nahezubringen eine Lebensaufgabe für Kito Lorenc war. In den Anthologien Sorbisches Lesebuch (Leipzig 1981) und Das Meer, Die Insel, Das Schiff. Sorbische Dichtung von den Anfängen bis zur Gegenwart (Heidelberg 2004) übergab er die Früchte einer immensen Forschungs-, Sammlungs- und Übersetzungsarbeit der deutschen Öffentlichkeit. Eine Sisyphos-Arbeit, die Kito Lorenc im November 2006 zusammen mit Roza Domascyna in der Sächsischen Akademie präsentierte. Maßgeblich war er auch an der Vorbereitung und Gestaltung der Autorentagung "Sorbische Literatur" im April 2006 in Bautzen beteiligt. Die Sächsische Akademie der Künste würdigt die Verdienste von Kito Lorenc um den Transfer zwischen der sorbischen und deutschen Kultur, die nicht hoch genug zu veranschlagen sind.

Kito Lorenc wird aber auch vor allem in Erinnerung bleiben als Dichter. Als ein Dichter, der fernab jeder Provinzialität seit den siebziger Jahren mit Ingrimm und Sarkasmus die Absurditäten realsozialistischer Provenienz auf den Punkt brachte: listig, genau, pointiert. So etwa in dem weiland aufsehenerregenden Gedicht "Mitteilung", das eine vorgebliche Mitteilung des Postministeriums – in Wirklichkeit war es ein Politbüro-Beschluss - über das Verbot der sowjetischen Zeitschrift Sputnik im Zentralorgan der SED Neues Deutschland palimpsestiert: wie da miniterium mitteilt / it der ipunkt getrichen worden / er bringt keinen beitrag / der der fetigung dient / tatt deen verzerrende beiträge / zur gechichte / (Nach der Zeitungsmeldung vom 19.11.1988). Solcherart Konterbande verbreitete sich in Windeseile im sterbenden Staat DDR, auch wenn sie gesammelt erst 1990 im Gedichtband Gegen den großen Popanz erscheinen konnte. Bereits 1983 gab Lorenc in einem Interview Rechenschaft über einen "Wandel in der Sprechweise meiner Gedichte. (…) Ich merkte, daß ich mich zunehmend rieb an der Sprache der Massenmedien und an vorherrschenden öffentlichen 'Sprachregelungen'." Zu dieser Zeit war Kito Lorenc längst zu einem weithin anerkannten Dichter und Mittler zwischen der deutschen und sorbischen Kultur avanciert, wie es die Gedichtbände Struga (1971) und Flurbereinigung (1973/1988) eindrucksvoll belegen. Die intensive Zuwendung zur Lausitzer Landschaft bestimmte das Zentrum seiner Lyrik, wie es Verse aus dem Gedicht Struga programmatisch bestimmen: Die Struga / in uns eine Saite, wie tönt sie. Ich geh / sie zu stimmen, heut / geh ich zur Quelle. In den Gedichtbänden der letzten Jahre, darunter einem von Peter Handke bevorworteten Auswahlband (2013), beschwört der Dichter eindrucksvoll das Schwinden von Natur, aber auch der eigenen Lebenszeit: Aber auch ohnedies / nehme ich deutlich jetzt / das Vorrücken / der Zeit wahr / sehe, höre /die Zeiger zustoßen / Sekunde / um / Sekunde.“ Nun sind die Zeiger der Lebensuhr jäh angehalten worden.

Peter Geist für die Klasse Literatur und Sprachpflege

Kito Lorenc
Geboren am 4. März 1938 in Schleife (Lausitz) · 1956–1961 Studium der Slawistik an der Karl-Marx-Universität Leipzig · 1961–1972 Mitarbeiter am Institut für sorbische Volksforschung in Bautzen · 1961 erste literarische Veröffentlichung auf Sorbisch · 1972–1979 Dramaturg am Staatlichen Ensemble für sorbische Volkskunst · seit 1979 freischaffender Schriftsteller · 2008 Ehrendoktorwürde der TU Dresden · am 24. September 2017 in Bautzen verstorben.

Preise

1962 Literaturpreis der Domowina · 1974 Heinrich Heine-Preis · 1990 Ći¨inski-Preis · 1991 Heinrich Mann-Preis · 2009 Lessing-Preis des Freistaates Sachsen · 2012 Petrarca-Preis · 2016 Christian Wagner-Preis 2016

Publikationen

Nowe časy – nowe kwasy. Basnje ze studentskich lět Neue Zeiten - neue Hochzeiten. Gedichte aus den Studentenjahren. Bautzen 1961 · Struga. Wobrazy na¨eje krajiny (Bilder einer Landschaft). Gedichte. Bautzen 1967 · Flurbereinigung. Gedichte. Berlin und Weimar 1973 · Gedichte. Poesiealbum 143. Berlin 1979 · Die Rasselbande im Schlamassellande. Gedichte für Robert und Jacob und andre Kindsköpfe. Berlin 1983 · Wortland. Gedichte aus zwanzig Jahren. Leipzig 1984 · Gegen den großen Popanz. Gedichte. Berlin und Weimar 1990 · Cevapcici für die Katze Hermine. Calw 1997 · An einem schönbemalten Sonntag. Gedichte zu Gedichten. Ottensheim 2000 · die unerheblichkeit berlins. Texte aus den Neunzigern. München 2002 · Achtzehn Gedichte der Jahre 1992-2002 (Auswahl Manfred Peter Hein). Warmbronn 2003 · Die wendische Schiffahrt. Zwei Dramen. Bautzen 2004 · Erinnerung an eine Nacht im Freien. Gedichte. Klagenfurt und Wien 2009 · Podomok. Basnje a druha nadoba z dwanatka let. Bautzen 2010. · Nach Morau, nach Krokau. Gereimtes und Ungereimtes für Kinder und Enkel. 2011 · Gedichte. Ausgewählt und mit einem Vorwort versehen von Peter Handke. Berlin 2013. · Im Filter des Gedichts. Essays, Gespräche, Notate. Přez křidu basnje. Eseje, rozmołwy, nastawki. Bautzen 2013.

Herausgaben: seit 1973 Herausgeber der Reihe Serbska Poezija · Serbska čitanka. Sorbisches Lesebuch. Zweisprachige Anthologie aus fünf Jahrhunderten sorbischer Literatur. Leipzig 1981 · (Mithg.): Aus jenseitigen Dörfern. Zeitgenössische sorbische Literatur. Bremerhaven 1992 · Das Meer. Die Insel. Das Schiff. Sorbische Dichtung von den Anfängen bis zur Gegenwart. Heidelberg 2004