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Baunetz 23.4.2004

Nachkriegsmoderne
Broschüre über Dresden erschienen


Die Sächsische Akademie der Künste Dresden hat in der ersten Aprilwoche 2004 eine Broschüre zum Thema „Architektur und Städtebau der Nachkriegsmoderne in Dresden" herausgegeben. Das achtzig Seiten starke, bebilderte Heft stützt sich auf die Vorträge eines Symposiums der Klasse Baukunst der Akademie vom 30. Oktober 2003. Autoren sind unter anderem Werner Durth, Thomas Topfstedt, Klaus Trojan, Carsten Lorenzen, Oliver Elser, Wolfgang Kil und Carlo Weber. Letzterer leitet seit dem Jahr 2000 in der Nachfolge von Günther Behnisch die Klasse Baukunst.

In einem ersten Teil wird die Bedeutung der Architektur der Nachkriegsmoderne in Dresden - und dort vor allem der Prager Straße - erläutert. In einem zweiten Teil werden „Perspektiven für Bauten und Ensembles der Nachkriegsmoderne" aufgezeigt. Eine im Wortlaut wiedergegebene Podiumsdiskussion, unter anderem mit einem Beitrag von Stephan Braunfels „pro Prager Straße", rundet das Thema ab.

Die Broschüre ist zum Preis von 7,50 Euro im Buchhandel erhältlich oder bei der Sächsischen Akademie der Künste, Neustädter Markt 19, 01097 Dresden.



Tagesspiegel, 28.6.2004

Ein Herz für Straßenfluchten
Jürgen Tietz

Altlast oder Modellfall. Die Meinungen über die Prager Straße in Dresden sind kontrovers. Ein Sammelband, der über die Sächsische Akademie der Künste zu beziehen ist (Architektur der Nachkriegsmoderne in Dresden 7,50 Euro) spürt der Bedeutung der Straße nach. Als kürzeste Verbindung von Stadtkern und Hauptbahnhof war die Prager Straße bis zu ihrer Zerstörung 1945 von gründerzeitlichen Geschäfts- und Wohnhäusern flankiert. Eine Nutzung, die auch im Wiederaufbau der Sechzigerjahre aufgenommen wurde: Niedrige Geschäftshäuser werden von Wohnhochhäusern und Hotels flankiert. Als Zentrum des modernen Dresdens wird sie in einem Atemzug mit städtebaulichen Meilensteinen wie der Lijnbaan in Rotterdam genannt.
Eine „sorgsame Patenschaft" wie sie der Architekturhistoriker Werner Durth anmahnt, ist in Dresden jedoch nicht zu bemerken. Stattdessen hat sie ihre Funktion als zentrale Einkaufsmeile verloren; die Sanierung des lang gestreckten Wohnriegels steht an. Zudem haben die Eingriffe der letzten Jahre das Erscheinungsbild eher verschlechtert. Trotz dieser Schwierigkeiten fordert der Architekt Stephan Braunfels, dass die Stadt Dresden nicht ihre Planungshoheit zugunsten von Investoren aufgibt. Denn noch besteht die Möglichkeit „zur Weiterentwicklung des faszinierenden modernen Konzepts" Prager Straße, so der Architekturhistoriker Thomas Topfstedt. Sie muss nur gewollt werden."

Architektur und Städtebau der Nachkriegsmoderne in Dresden. Herausgegeben von der Sächsischen Akademie der Künste. Redaktion: Dr. Klaus Michael, Dresden 2005, ISBN 3-034367-11-9, Ladenpreis: 7,50 Euro.




Neue Zürcher Zeitung 3.9.2004

Fragment der Moderne
Die Prager Strasse in Dresden kämpft um ihre Zukunft


Jürgen Tietz

Vor wenigen Wochen erst wurde unter grosser öffentlicher Anteilnahme die Turmspitze auf die neu erstandene Dresdner Frauenkirche gesetzt. Derweil schaut nur einige hundert Meter weiter Richtung Hauptbahnhof ein Wahrzeichen der DDR-Moderne einer ungewissen Zukunft entgegen. Es handelt sich dabei um die Prager Strasse.

Die Vorlieben sind in Dresden eindeutig verteilt. Alle Leidenschaft gebührt der Architektur aus der Zeit vor 1900 - egal ob echt oder nachempfunden. Die Zeugnisse der Moderne, zumal aus der Zeit der DDR, haben dagegen einen schweren Stand. Und so richtete sich kürzlich die ganze Aufmerksamkeit von Öffentlichkeit und Medien einmal mehr auf die allmählich der Vollendung entgegengehende Rekonstruktion der Frauenkirche, die ihre goldglänzende Turmspitze erhielt, während unweit davon die Prager Strasse Stück für Stück ihr architektonisches Erscheinungsbild verändert. Es ist ein Niedergang in Etappen, der sich dort vollzieht, und ob er langfristig zu stoppen ist, erscheint fraglich. Dabei gilt die Prager Strasse, die die kürzeste Verbindung zwischen dem Hauptbahnhof und der Altstadt darstellt, unter Architekturhistorikern nicht allein als ein Meisterwerk der sozialistischen Stadtbaukunst der Nachkriegsmoderne. Sie wird auch in einem Atemzug mit anderen bedeutenden europäischen Projekten wie der Lijnbaan in Rotterdam genannt, die freilich noch ein Jahrzehnt älter ist. Geliebt wird die Prager Strasse dennoch nicht. Und natürlich steht sie noch immer nicht unter Denkmalschutz.

Monumentale Achse

Bis zu ihrer Zerstörung im Zweiten Weltkrieg säumten gründerzeitliche Geschäfts- und Wohnhäuser die im 19. Jahrhundert im Rahmen der Dresdner Stadterweiterung angelegte Strasse. Diese Nutzungsmischung wurde beim Wiederaufbau in den sechziger Jahren übernommen. Doch von einst 17 Metern wuchs die Strassenbreite auf monumentale 60 Meter an. Mit den neuen Abmessungen ging auch ein neues architektonisches Gepräge im Stil der internationalen Moderne einher. Flache Pavillonbauten flankieren den breiten Boulevard, während auf der einen Seite eine Reihe von quer dazu errichteten Hotels Höhendominanten bilden. Ihnen antwortet auf der anderen Seite ein 240 Meter langer Wohnriegel, der eine gewisse Ähnlichkeit mit Le Corbusiers Unité d'habitation aufweist. Den Endpunkt der Prager Strasse aber bilden zwei Solitäre: das Rundkino und das Centrum-Kaufhaus. Doch nach dem Bau eines neuen Multiplex-Kinos durch Coop Himmelb(l)au gleich nebenan hat das Rundkino seine ursprüngliche Funktion verloren, während das von den Ungarn Ference Simon und Ivan Fokvari in den siebziger Jahren errichtete Warenhaus noch immer seiner ursprünglichen Funktion dient - wenngleich längst mit neuem Nutzer. Und mit seiner plastisch durchgebildeten Fassade aus Aluminiumwaben weiss es dabei weit mehr zu faszinieren als der überambitionierte dekonstruktivistische Kinoneubau aus den neunziger Jahren.

Verantwortlich für das Projekt Prager Strasse, das in zwei Bauabschnitten zwischen 1965 und 1978 entstand, zeichnete ein Kollektiv aus Architekten und Stadtplanern, dem Peter Sniegon, Hans Konrad und Kurt Röthig angehörten. Doch vollständig fertig gestellt wurde die Strasse nie. Es fehlte die Anbindung an den Altmarkt, der im Stil der nationalen Tradition bereits in den fünfziger Jahren wieder aufgebaut worden war.

Blumengruss

Wer den Dresdner Hauptbahnhof in Richtung Innenstadt verliess, vor dem öffnete sich früher die Weite des Wiener Platzes. Mit Raum, so schien es, wurde hier verschwenderisch umgegangen. Am Ende des Platzes breitete eine stämmige junge Frau auf dem Wandbild «Dresden grüsst seine Gäste» die Arme zum Empfang. In der rechten Hand hielt sie den immergleichen Blumenstrauss - eine freundliche Geste des Willkommens, die heute fehlt. Stattdessen gleicht der Wiener Platz seit Jahren einer gewaltigen Baugrube, der nun endlich nach und nach Betonberge entwachsen. Nach einigem Suchen entdeckt man die Frau wieder. Statt auf den Platz schaut sie heute auf eine gelbliche Terrakotta-Wand, versteckt hinter einem Neubau aus den neunziger Jahren, durch den der weite Platz verdichtet wurde. Denn seit der Wende prägt auch in Dresden das Leitbild der dicht bebauten «europäischen Stadt» den architektonischen Diskurs. Für die aufgelockerte Stadt der Moderne bleibt da wenig Raum. Doch anstelle der erwünschten städtischen Dichte ist vor dem Wandbild eine öde Hinterhofsituation entstanden.

Diese Verdichtung stellt keinen Einzelfall dar, doch es gibt hier auch Sehenswertes zu entdecken: etwa das Hotel Newa, ein Scheibenhochhaus, das zusammen mit dem Wandbild den Eingang zur Prager Strasse markiert. Inzwischen hat das Hotel seine kleinteilige Fassadenstruktur gegen eine flächige Verglasung eingetauscht, die sich in das Erscheinungsbild eines Gebäudes im Stil der internationalen Moderne fügt. Und die Hotelgäste erhalten durch die grossen Glasfronten der Zimmer einen Blick auf Dresden - der aus den oberen Geschossen sogar bis zur Frauenkirche reicht. Weit weniger glücklich sieht hingegen die Entwicklung der Ladenzeilen aus, welche die drei anderen Hotelscheiben miteinander verbinden. Neu erstellt oder umgebaut, liegen die Läden allzu massig zwischen den Hochhäusern. Doch trotz den architektonischen Veränderungen sucht man hier vergebens attraktive Geschäfte. Stattdessen dominieren Würstchenbuden das Bild. Die sächsische Kaufkraft konzentriert sich im ECE-Shoppingcenter am Altmarkt. Da bleibt für die Prager Strasse nicht viel übrig, und die freistehenden Pavillons, die dem Wohnriegel vorgelagert sind, stehen ohnehin grösstenteils leer und bieten ein trostloses Bild fortschreitenden Verfalls. Schliesslich erweist sich auch der Wohnriegel als ein Problem: Das lange Gebäude ist sanierungsbedürftig, seine standardisierten Wohnungsgrundrisse sind zu klein, aber aufgrund der Mischkonstruktion aus Ortbeton und Plattenbau nur schwer zu verändern. Gleichwohl gibt es Entwürfe, den Bau attraktiver zu machen. Doch die kosten Geld, und das ist inzwischen auch in Dresden knapp.

Verdichtung statt Veredelung

Im oberen Abschnitt wurde der Boulevard durch den Bau von Kaufhäusern im Sandstein- Schick der neunziger Jahre auf seine ursprüngliche Breite zurückgeführt. Mit fataler Konsequenz. Denn nun ist der Solitär des Rundkinos - wie das Wandbild am Eingang zur Prager Strasse - in einer Hinterhofsituation gefangen, die Sichtbeziehung zum Kaufhaus ist zerstört. Auf Befreiung ist hier nicht mehr zu hoffen. So zerfällt heute das einst so stolze Ensemble in die - schmale - Prager Strasse und den breiten «Prager Platz». Immerhin bleiben dort bei der gegenwärtigen Umgestaltung des Aussenraums die abstrakten Brunnenskulpturen der Pusteblumen und Fliegenpilze erhalten, die in neue Wasserbecken versetzt werden.

Dennoch vermisst der Architekturhistoriker Werner Durth in einer jüngst von der Sächsischen Akademie der Künste herausgegebenen Publikation zur Prager Strasse zu Recht eine «sorgsame Patenschaft» im Umgang mit dem Boulevard, und auch die «Bauwelt» zeigte sich jüngst in einem Sonderheft (11/04; 19. 3. 04) kritisch. In Dresden ruhen die Augen seit der Wende so sehr auf dem verlorenen Bauerbe des Barock, dass der Blick für die Bedeutung der Architektur der Nachkriegsmoderne verstellt wurde. Und so wundert es kaum, dass mittlerweile sogar der historisierende Umbau des Kulturpalastes am Altmarkt durch die «Sachsenbau» nach einem Entwurf von Hans Kollhoff diskutiert wird. Doch dessen Retro-Konzept ist in Dresden heftig umstritten. Sogar eine Bürgerinitiative hat sich gebildet, die für den Erhalt des Kulturpalastes in seinem ursprünglichen Erscheinungsbild eintritt.

Es erscheint müssig, darüber zu streiten, ob die Prager Strasse heute besser dastünde, hätte die sächsische Denkmalpflege unter ihrem damaligen Landeskonservator Gerhard Glaser bereits zu Beginn der neunziger Jahre den Denkmalwert des Boulevards erkannt und Massnahmen zu dessen Schutz ergriffen. Inzwischen ist es höchste Zeit, will man die Strasse retten. Doch auch nach etlichen Wettbewerben und Diskussionen besteht noch eine kleine Chance «zur Weiterentwicklung des faszinierenden modernen Konzepts» Prager Strasse, so der Architekturhistoriker Thomas Topfstedt. Sie muss in Dresdner nur politisch auch gewollt werden.




Dresdner Neueste Nachrichten 31.10.2003

Eine Großartigkeit auch im Hässlichen

Heidrun Hannusch

Er wisse gar nicht so recht, was die ganze Diskussion solle. Sagte am Ende eines langen Tages mit der Klasse Baukunst der Akademie der Künste der Wiener Architekt Anton Schweighofer. Sieben Stunden lang war über Wert oder Unwert, über Erhalt oder Abriss der Prager Straße debattiert worden. Der Wiener war vor der Veranstaltung zur Prager Straße gefahren. Es war schlechtes Wetter, die Straße trotzdem voll, voller Dresdner, wie Schweighofer betonte. Die Straße, die eigentlich keine sei, sondern eher eine Gegend, würde also angenommen. Und das sei Argument genug für den Erhalt.

Ganz so einfach ist es wohl doch nicht. Sonst hätte es nicht so gegensätzliche Meinungen gegeben. Und auch keine Buh-Rufe. Die bekam Axel Schultes, der Architekt des Bundeskanzleramtes für seinen Ausspruch „Ich habe Schüttelfrost, wenn ich solch eine Nichtstadt sehe". Eine Architektur, die die unendliche Hilflosigkeit zeige, mit Stadt umzugehen. „Mein Gott, sehen Sie sich diese Hütten an", kommentierte er eine Ansicht der Pavillons.

Freundschaften gingen über dem Disput wohl nicht auseinander. Aber auch Freunde, sonst eher einer Meinung, fanden sich auf den gegensätzlichen Seiten der Wertungsskala wieder. Was nur beweist, dass die Prager Straße nicht gemacht ist für einfache Antworten. Stephan Braunfels, schon lange mit Schultes befreundet und auch einer aus der Führungsriege der deutschen Architekten: „Die Prager Straße gehört zu den besten Stadträumen der Nachkriegsmoderne in Europa", sagte er.

„Die Nachkriegsmoderne in Dresden" war das Thema der Tagung, die Prager Straße das Beispiel. Für die gefühlte Ungerechtigkeit beim Verdammen vor allem der ostdeutschen Bauten aus den 60er und 70er Jahren, legte der Darmstädter Werner Durth die Fakten nach. Er ordnete ost- und westdeutsche Nachkriegsmoderne zu und ein. Wohl der eindrucksvollste Vortrag, mit durchaus überraschenden Erkenntnissen. Wie diese: Die Hinwendung der Nachkriegsarchitekten zur Moderne mit großen freien Räumen habe auch etwas mit dem erfahrenen Schock zu tun, als die engen Innenstädte in den Bombennächten zu tödlichen Fallen geworden waren. Und man habe dem Krieg wenigstens eine positive Seite abringen wollen, indem die Chance für eine neue, menschlicheren Stadtplanung nach Vorstellungen der Vertreter der Moderne nutzte. Und das nicht nur im Osten. „A great desaster, but a great opportunity" („ein großes Desaster, aber eine große Gelegenheit") hatte Winston Churchill die Zerstörungen in London genannt, wo nun die Moderne zum Zug kommen könne. Auf dem Titel einer englischen Zeitung war 1946 ein Mann abgebildet, der den alten Londoner Stadtgrundriss auswischt. Pläne, wie sie in ihrer Radikalität zum Glück nie verwirklicht wurden. Auch nicht in Mainz, wo die Franzosen die gesamte Altstadt abreißen wollten und durch Le Corbusiers Hochhäusern ersetzen. Dorth führte Ähnlichkeiten vor von ost- und westdeutschen Bauprojekten, wie in Stalinstadt (später Eisenhüttenstadt) und Frankfurt am Main. Er lobte die Qualität der Bauten am Dresdner Altmarkt. Und er zeigte das Vorbild der Prager Straße: die Lijmbaan in Rotterdam. „Keiner käme heute auf die Idee, die Lijmbaan abzureißen", sagte er. Die Prager Straße, so Dorth, könne sich durchaus an internationalen Standards messen.

Die Huldigung beendet aber noch nicht das Problem. Und das besteht am heutigen Zustand der Prager Straße, der für die Woba-Holding auch zum wirtschaftlichen Problem wird. Es war durchaus mutig von Geschäfsführer Reinhard Keller, vor der Pro-Prager-Straße-Front der Architekten auch über pekuniäre Nöte zu sprechen, die eventuell sogar den Abriss der langen Wohnzeile mit 591 Wohnungen nötig machen könnten. Eine aufwändige Sanierung koste zwischen 20 und 25 Millionen Euro, die die Gesellschaft einfach nicht habe, gab er zu bedenken. Und eine einfache Renovierung bringe nichts, weil die Wohnungen danach nicht vermietbar seien. Zumal die Ostseite auch als Einkaufsstraße nicht funktioniere. „Zwischen Pavillon und der Häuserzeile sind nichts als Angsträume, dort geht niemand lang", sagt er.

Vielleicht aber ist der Vorschlag des Dänen Carsten Lorenzen, Architekturprofessor an der TU Dresden, die Lösung. Er stellte einen Entwurf vor, der mit relativ wenig Aufwand die Tristesse vertreiben könnte. Teile des Plattenbaus würden danach zurückgebaut, schmaler werden. Die lange Front mit unterschiedlichen Balkonbrüstungen aufgelockert. Die jetzt durchgehenden Gänge in demHaus an einigen Stellen durchbrochen, so dass Wohnungen über die gesamte Tiefe des Gebäudes entstehen, also Blick nach Osten und nach Westen bieten. Auch einige Maisonettewohnungen sind vorgesehen, Penthäuser ebenso und eine Dachterrasse. Das Kasernenartige des Baus heute soll durch eine künftige Mischnutzung abgelöst werden. Seniorenwohnungen auf der einen Seite, ein Studentenwohnheim auf der anderen, ein Hotel, Single-Apartments und Familienwohnungen. Erst ein Vorschlag, aber Woba-Chef Keller hat sich schon mit Lorenzen inVerbindung gesetzt.

Stadtratsbeschlüsse, Bebauungspläne, Investorenverträge, Millionenspenden von Moderne-Fans - all das war von einer Tagung der Akademie der Künste nicht zu erwarten. Wohl aber ein wenig mehr Sicherheit im Urteil über ostdeutsche Nachkriegsmoderne nach einer lange Zeit der Verunsicherung, nach dem Rückzug auf das scheinbar Bewährte der ersten, zweiten oder dritten Barockreminiszenz in dem vergangenen Jahrzehnt. „Eine Veränderung, die keine Verbesserung bringt, ist eine Verschlechterung", das Zitat, an diesem Tag mehrmals genannt, könnte das Motto für denUmgang mit der Prager Straße werden. Nicht abreißen, sondern weiterbauen, war das Fazit, das Prof. Heiko Schellenberg am Ende zog. Und für zwei Wahrzeichen der Prager Straße ist Abriss auch gar nicht mehr möglich. Wie am Rande der Veranstaltung bekannt wurde, hat das Landesdenkmalamt am Donnerstag das Rundkino und die „Pusteblume" der Brunnen zu schützenswerten Denkmalen erklärt. Ob das auch mit der Häuserzeile auf der Ostseite der Prager Straße geschieht, wird noch diskutiert.

„Was käme denn nach dem Abriss des Wohnhauses", fragte Stephan Braunfels. Und lieferte die Antwort gleich nach: „Doch am Ende nur kleinkarierte kommerzielle Verdichtung". Die Prager Straße jetzt habe wenigstens noch eine gewisse Großartigkeit. Und wenn es in den Augen mancher Kritiker auch nur eine Großartigkeit im Hässlichen sei.




Süddeutsche Zeitung 30.10.2003

700 Meter Sehnsucht
In Dresden wird nicht nur um die „Prager Straße" gekämpft - sondern um eine Utopie


[Symposium der Klasse Baukunst „Architektur und Städtebau der Nachkriegsmoderne in Dresden" am 30.10.2003 in Zusammenarbeit mit dem Stadtplanungsamt der Landeshauptstadt Dresden]

Wolfgang Kil

Noch vor nicht allzu langer Zeit wurde jeder, der aus dem Dresdner Hauptbahnhof trat mit einer unvergeßlichen Geste begrüßt. Nicht, daß die blumenschwingende Frau am Giebel des Gaststättenwürfels „Bastei" einer Kunstmetropole sonderlich zu Ehren gereicht hätte. Aber nun, da sie hinter einem trostlosen Neubau verschwunden ist, fehlt einfach etwas. Sie war das sympathische „bißchen Zuviel" an dem grandios inszenierten Entree, das sich die Elbestadt beinahe vierzig Jahre lang geleistet hat: Hohe Häuser, bunte Reklamen, sprudelnde Wasserkünste. Willkommen in der Neuen Zeit!
Mit 700 Metern Länge und 80 Metern Breite war die Prager Straße einer der verschwenderischsten Stadträume in der DDR: Am Eingang das 15geschossige Luxushotel, dahinter zwölfgeschossig ein superlanges Appartementhaus, kammartig gegenüber drei Touristenhotels, alles verbunden durch doppelgeschossige Ladenzonen, der große Innenraum mit Pavillons möbliert. Anders als in normalen Einkaufsstraßen blieb hier ausreichend Spielfläche für urbanen Müßiggang. Selbst um die trockengelegten Brunnen sitzen manchjmal Sonnensucher, treiben sich Selbstdarsteller, Händler und Musiker zwischen den Passanten herum.
Damals, nach dem Wettbewerb von 1963, war diese frei komponierte Stadtfigur von Peter Sniegon ein Fanal. Sie bedeutete das Ende jener muffigen „Nationalen Traditionen", deren biedere Stilistik seit dem Krieg alles Baugeschehen beherrscht hatte - besonders prominent am Altmarkt, dem ein Kulturhochhaus nach Warschauer Manier gerade noch erspart geblieben war. Nun wurde alles aufgefahren, was bis eben als „kosmopolitische Dekadenz" in schlimmsten Verruf gestanden hatte: Geradlinige Kuben, himmelan aufstrebend und rhythmisch gruppiert, mit Fassaden, die Statt Lochfenstern die Raster serieller Montagetechnologie zeigten. Enorme Glasflächen suggerierten an den Pavillons fließende Übergänge zwischen Innen und Außen, sie feierten ein vollkommen neues Raumgefühl. Ungeniert hatte man sich von den Helden des International Style inspirieren lassen, von Franzosen und Holländern im Städtebau, von Südamerikanern und Schweden in der Architektur. Um womöglich alle noch zu übertreffen, denn in einer Frage war man denen voraus - in der freien Verfügbarkeit des Bodens. Luxuriös komplettiert mit aufwendigen Wasserspielen, Pergolen und „Stadtgärten" bei den Hotels, entstand eine Gebäudelandschaft wie aus Ernst Blochs Geist der Utopie.
War das Stadtkunstwerk zum Bahnhof hin komplett unvollendet, so blieb es in Richtung Altmarkt Fragment. Das als Gelenkpunkt gedachte Rundkino blieb ein Ufo, gestrandet an endlosen Wiesen. Weil das dahinter geplante Hochhaus nie über seine Fundamente hinausgelangt war, stieß die lange Hochhausscheibe ziellos ins Leere. Mitte der Achtzigerjahre begann man dort, in „Platte" gegen die Solitäre der Moderne anzubauen. Schon in der spät DDR also sollten im Hinterland wieder „Altstadtgassen" herbeizitiert werden. Nach 1990 wurde die stadtästhetische Kritik dann noch politisch aufgeladen und mündete in Rufen nach dem Abriß des Ensembles. Was die Aufbaugeneration sich nach zwanzig Trümmerjahren voller Sehnsucht gegönnt hatte, galt plötzlich als „totalitär".

Unsäglich kitschig

Zur Abkühlung der erhitzten Gemüter bot 1992 ein Wettbewerb folgenden Kompromiß: Weiterbau Richtung Altstadt, allerdings in den neuen Partien auf das historische Profil der alten Prager Straße eingeengt. Nachdem so mit einigen Kaufhäusern der offene Durchblick zum Altmarkt alsbald verstellt war, wurde auch die Torsituation zum Bahnhof durch einen unsensiblen Neubau verstopft. Da endlich merkten die Planungsverantwortlichen, daß auch die großzügigste Raumkomposition der Modern sich nicht grenzenlos strapazieren läßt. Also tauften sie den Rest der verstümmelten Fußgängerachse um: Aus „Prager Straße" wurde „Prager Platz".
Seit langem gehört die Stadtreparatur Dresdens zu den wichtigeren Themen neudeutscher urbanistischer Debatten. Allerdings lag das Hauptgewicht der Probleme bisher eher im historischen Umfeld. Schon über zehn Jahre hält die Frauenkirche das deutsche Feuilleton auf Trab – erst mit dem Streit um den Wiederaufbau, inzwischen als prominentes Fallbeispiel, wie sich Denkmalpflege mit Argumenten der Eventkultur unter Druck setzen läßt: Weild ie Kirchenreplik zur nationalen Erfolgsgeschichte wurde, kostet es jetzt endlose Mühen, Stadtbildnostalgikern die originalgetreue Rekonstruktion des gesamten Neumarktviertels auszureden. Selbst die kitschige Überformung, mit der Hans Kolhoff dem Kulturpalast aus den Sechzigern den Garaus machen will, würde sich im touristischen Dunstkreis zwischen Kreuzkirche und Semperoper abspielen.
Im Vergleich dazu war das überörtliche Interesse am Schicksal der Prager Straße eher gering.
Vielleicht, weil die hier in Frage stehende Architektur noch nicht ganz so viele Freunde zu mobilisieren vermag. Doch jetzt scheint Gefahr im Verzug. Die kommunale WOBA Südwest, Eigentümerin des Appartementhauses, denkt an einen Abriß des langen Riegels zugunsten eines neuen Bürogebäudes nach. Nun geht das Planungsamt, unterstützt von der Sächsischen Akademie der Künste, mit einem internationalen Symposium an die Öffentlichkeit. Denn offenbar läuft alles auf einen Wettlauf mit der Zeit hinaus. Die jüngst zurückliegende Bauperiode ist in Gefahr, bis zur Unkenntlichkeit „korrigiert" zu werden. Während eine wachsende Generation die „Coolness" und abstrakte Emphase des modernistischen Designs gerade für sich entdeckt und dessen vernachlässigte Räume voller Enthusiasmus neu besetzt, kämpft die entscheidungsbefugte Garde der Modernekritiker, die vor dreißig Jahren antrat, die angeblich „totalitären Träume" zu entzaubern, verbissen für das Credo ihrer Berufsbiographie: „Nieder mit den seelenlosen Kisten!"
Doch aus notwendigen Auseinandersetzungen gehen die Highlights der Moderne zunehmend gesichert hervor. Bereits 1987 hatte die Unesco die Reißbrettmetropole Brasilia zum Weltkulturerbe erklärt. 2000 kamen die Universitätsstadt von Caracas, Rietvelds Schroederhuis in Utrecht, die „Zeche Zollverein" in Essen sowie die Bauhaus-Bauten auf die Liste. Als sich herumsprach, daß man in Rotterdam die Lijnbaan, die Urform und deshalb berühmteste aller Fußgängerzonen Europas, neuen Shoppingbedürfnissen anzupassen gedachte, inspizierte eine weltweit alarmierte Architektengemeinde argwöhnisch das Vorhaben auf seine baukulturelle Verträglichkeit.
Die sächsische Denkmalpflege hat in Sachen moderner DDR-Planungen durchaus Gespür und Stehvermögen bewiesen ... leider nur in Chemnitz, wo seit Anfang der neunziger Jahre die Straße der Nationen unter Ensembleschutz steht. Offenbar war im barockseligen „Elbflorenz" der Gegenwind allzeit stärker. Dabei hat Dresden mit seiner Prager Straße zur Weltkultur der Nachkriegsmoderne genauso viel international Überragendes zu bieten wie mit Zwinger und Frauenkirche zur Weltkultur des Barock.




Dresden, 21. 6. 2003

Offener Brief der Klasse Baukunst der Sächsischen Akademie der Künste an den Oberbürgermeister der Stadt Dresden
Zu den Umbauplänen für den Kulturpalast Dresden


Sehr geehrter Herr Roßberg,

da eine Entscheidung über die Zukunft des Dresdner Kulturpalastes erneut vertagt wurde, möchten die Mitglieder der Klasse Baukunst der Sächsischen Akademie der Künste im Rahmen der öffentlichen Debatte das folgende Votum abgeben.
Der Kulturpalast ist als nördliche Platzwand des Altmarkts für mindestens zwei Generationen Dresdner Bürger zu einem einprägsamen Merkzeichen des Dresdner Stadtbildes geworden. In seiner drei Jahrzehnte währenden Rolle als variabel nutzbare Kulturstätte, in der viele wichtige Ereignisse des Dresdner Kulturlebens stattfanden, hat er sich zum identitätsstiftenden Ort für viele kunst- und vor allem musikbegeisterte Dresdner entwickelt.
Nicht zuletzt jedoch ist der 196269 nach einem Entwurf von Prof. Leopold Wiel unter maßgeblicher Federführung von Wolfgang Hänsch errichtete Multifunktionsbau ein bauhistorisches Zeugnis von hohem Rang. In ihm manifestiert sich die Überwindung jenes Monumentalismus, dem zufolge bis Ende der fünfziger Jahre am selben Platz ein pompöses Hochhaus im Stile des Warschauer Kulturpalastes hätte entstehen sollen. Der statt dessen auf Drängen der Dresdner Bürger und gegen den Widerstand der Parteidogmatiker durchgesetzte, horizontal entwickelte Baukörper durfte damals als unmißverständliches Signal verstanden werden, daß die DDR-Architektur wieder Anschluß an die internationalen Nachkriegsentwicklungen gefunden hatte. Aus gebotenem zeitlichen Abstand läßt sich heute mit großer Gewißheit feststellen, daß im ästhetlschen Rahmen der Sechziger-Jahre-Moderne der Dresdner Kulturpalast von der großen Gestik der Außenfronten bis in die handwerkliche Ausführung der Innenraumgestaltungen einen sehr hohen Qualitätsstandard verkörpert.
Angesichts dieser Sachverhalte erscheint es uns in hohem Maße fragwürdig, mit welch grober Unachtsamkeit gegenüber der baukulturellen Leistung namhafter Dresdner Architekten in der Stadtöffentlichkeit über die Zerstörung des signifikanten Gebäudes debattiert wird. Auf eine solche liefen schließlich die bis zu Abriß und Totalneubau reichenden Umbauvorschläge hinaus. Insbesondere die Passagen-Pläne des Investros Sachsenbau stellen eine fundamentale Absage an die Geschichte dieses Ortes dar. Außerdem kollidieren sie mit ihrer vorgezogenen Platzfront auch städtebaulich mit der inzwischen beibehaltenen Fluchtlinie der Wilsdruffer Straße. In der seit Jahren andauernden Diskussion hat sich der Streit fast nur noch auf die Finanzierbarkeit der Maximalvarianten zugespitzt. Daß hier für immer noch ungesicherte Umnutzungs- und Verwertungskonzepte ein bedeutendes Bauwerk bedenkenlos zur Disposition gestellt wird, scheint im öffentlichen Bewußtsein schon keine Rolle mehr zu spielen.

Dieter Schölzel wie auch Wolfgang Hänsch als maßgeblicher Autor des bestehenden Gebäudes haben behutsame Umbauvorschläge gemacht, wie sich auch unter neuen Nutzungskonzeptionen die stadtbildprägende Wirkung des Kulturpalastes aufrechterhalten sowie die akustischen Bedingungen des großen Saales verbessern ließen. Die Klasse Baukunst der Sächsischen Akademie unterstützt diese (wie alle anderen gleichgesinnten) Versuche, ein hochrangiges Exempel der Dresdner Nachkriegsbaukultur vor gedankenloser Verschandelung oder gar Vernichtung zu bewahren. Im Umgang mit den Zeugnissen der DDR-Baugeschichte sollte die Zeit der Bilderstürmerei vorbei sein. Darüber hinaus sollte Dresden sich ersparen, in eine Skandalreihe mit Städten wie Bremen, Frankfurt/Main oder Berlin gestellt zu werden, wo derzeit ebenfalls Inkunabeln der (west)deutschen Nachkriegsmoderne von Roland Rainer, Egon Eiermann beziehungsweise Georges Candilis für geschichtsblinde Ersatzneubauten preisgegeben werden sollen. Mit dem Wiederaufbau der Frauenkirche hat Dresden ein weltweit respektiertes Signal kulturellen Engagements gesetzt. Wer Zeugnisse alter Baukunst detailgetreu rekonstruiert und zur gleichen Zeit Werke weniger alter Baukunst also wichtige Baudenkmale der Zukunft zur Zerstörung freigibt, setzt in der Kunstgeschichte und Baukultur seine Glaubwürdigkeit aufs Spiel.

Prof. Carlo Weber
Sekretär der Klasse Baukunst