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Dresdner Neueste Nachrichten 14.1.2011

Polnische Entdeckungen
Einen Bilderbogen der Polska Architektura zeigt eine Ausstellung im Lichthof des Finanzministeriums


Silvia Halfter

Unweit der Neustädter Hauptstraße, wo der goldene August zu Pferde seinen Blick nach Osten richtet, ist bis zum 27. Januar „Polska Architektura - Architektur in Polen seit 1918“ zu sehen. Die Ausstellung verfolgt auf mehreren Tafeln die Architekturentwicklung des Nachbarlandes bis in die heutige Zeit und fördert selbst für Kenner kleine Überraschungen zutage. Muss eine Architektur in Polen zwangsläufig polnisch sein? Nach seiner Unabhängigkeit 1918 gab es eine Strömung in der polnischen Architektur die tatsächlich als Teil der volkstümlichen Identität Polens gelesen werden muss. Sowohl der polnische Gutshof „dwόr“ mit den dreieckigen Giebeln und hohen Schindeldächern als auch der Zakopane-Stil benannt nach den Holzvillen im Kurort Zakopane am Fuße der Hohen Tatra, sind eine patriotische Selbstvergewisserung.
Die Ausstellung zeigt jedoch, dass die Formen sich, zum Beispiel in Länder- und Leistungsschauen, von der Tradition befreien und als Zitate verselbstständigen. Parallel fasste die internationale Moderne mit den Vorbildern Le Corbusier und Mies van der Rohe von Anfang an Fuß in Polen, und das einflussreiche Architektenpaar Szymon und Helena Syrkus aus der Architektengruppe „Praesens“ vertrat das Land würdig auf den internationalen Kongressen für Neues Bauen.
Was ist marinistische Moderne? Gdynia sollte sich in den 30er Jahren, als großstädtische Hafenstadt vom deutsch geprägten Gdansk (Danzig) abheben. „Gestrandete Schiffe aus Backstein und Beton“ sah Henryk Chudzinski in den strahlenden neuen Gebäuden. Selbst die Polen hatten das Kleinod der marinistischen Moderne, die mit dem zweiten Weltkrieg ein jähes Ende fand, lange Zeit vergessen. Dabei ist Gdynia heute anscheinend eine authentischere Stadt als Danzig, dessen Wiederaufbau nach der Zerstörung 1945 unbestritten eine große Leistung darstellt. Dennoch gilt die Fälschung manchen Zynikern als besser denn das Original: Hinter den Fassaden mit ihren häufig korrigierten Malereien, die deutsches und niederländisches Erbe negieren, befinden sich moderne Grundrisse. Ähnlich wie auf dem Gebiet der ehemaligen DDR fällt in Polen der Umgang mit dem sozialistischen Architekturerbe schwer. Das mag für die meisten Wohnsiedlungen berechtigt sein, nicht aber für ausgewählte Einzelbauten und viele Ensembles, zum Beispiel den Supermarkt in Warschau, die „Kirche der Gottesmutter der Königin Polens“ in Nowa Huta oder die Sporthalle „Untertasse“ in Katowice. Die Entwicklungen nach 1989 halten uns einen Spiegel vor: viele Bausünden, riesige Einkaufszentren in den Innenstädten, Hypermärkte am Rande der Stadt. Die Ausstellung hat einen hoffnungsvollen Schwerpunkt ausschließlich auf das positive neuere polnische Bauschaffen gelegt. Hervorzuheben sind die Gedenkstätte im ehemaligen Nazi-Vernichtungslager für Juden in Belzec oder der polnische Pavillon zur Expo 2005. Die Kooperation der Sächsischen Akademie der Künste mit dem polnischen Institut Leipzig hat die Mängel von Wanderausstellungen: eine Reihung von Stelltafeln mit schlecht kommentierten Bildern, auf denen die Orientierung ohne Katalog schwer fällt. Sie ist trotzdem als Überblick und Bilderbogen sehr zu begrüßen, weil sie nach den früheren Architektur-Präsentationen der Outsider Slowakei und Tschechien nun auch im Falle von Polen größtenteils Unbekanntes erschließt und Lust macht, August dem Starken zu folgen. Oder wie es der Wiener Kurator Adolph Stiller zur Eröffnung ausdrückte „einen weißen Fleck mehr auf der kulturellen Landkarte zu löschen“.



Dresdner Kulturmagazin
22. Jg. Januar 2011

Unendliches Gespräch mit Francesco Micieli
Zur 10. Chamisso-Poetikdozentur im Blockhaus


Kai-Uwe Reinhold

Schenkt man dem diesjährigen Inhaber der Chamisso-Poetikdozentur Francesco Micieli Glauben, dann schießt die Literaturwissenschaft mit altertümlichen Kanonen auf Flugzeuge, die schon jenseits ihrer Reichweite auf einem anderen Kontinent verweilen: „Die Literaturwissenschaft (...) ist noch nicht da angekommen, wo diese (die sogenannte Migrationsliteratur) heute steht.“ Und man möchte dem Italo-Schweizer zustimmen, zumal er als Dramaturg, Schauspieler, Autor und nicht zuletzt als sozialpolitisch engagierter Künstler und Dozent an der Berner Hochschule der Künste die Erfahrung und das Wissen besitzt, was und wie es hinter den kulturwissenschaftlichen Kulissen läuft. Andererseits schöpft er aus diesem Fundus seine Poetik, die in ihrer Einfachheit zunächst verblüfft und dann schlichtweg begeistert.
Seine Literatur will „zu Träumereien, Visionen und eigenen Sätzen verleiten“. Der Leser soll zu weiteren Sätzen angeregt, er soll zum Autor werden. Freilich ist diese Idee keineswegs neu, aber man muss das Rad auch nicht neu erfinden. Wie die romantische Universalpoesie geht es Micieli um den Dialog, ob dieser nun fiktiv oder real geführt wird, ist dabei zunächst sekundär. Beide Möglichkeiten offeriert die Poetikvorlesung. An fünf Abenden im Januar kann man mit dem Autor entweder in einen realen Dialog treten oder sich von seiner körperlichen und poetischen Präsenz vereinnahmen lassen, um später im stillen Kämmerlein darüber zu schreiben. So oder so würde Micieli daran Gefallen finden.

10. Dresdner Chamisso-Poetikdozentur mit Francesco Micieli, Eröffnung der Veranstaltungsreihe am 18. Januar, 20 Uhr im Blockhaus am Neustädter Markt; weitere Termine 19., 20., 25. & 26. Januar, jeweils 20 Uhr ebenda.



Dresdner Neueste Nachrichten 18.1.2011

Mehrsprachig einsprachige Literatur
Ein Schweizer aus Italien mit albanischen Wurzeln: Francesco Micieli hält die Dresdner Chamisso-Poetikdozentur


Tomas Gärtner

Santa Sofia d'Epiro ist ein Ort mit knapp 3000 Einwohnern in den Bergen Kalabriens, ganz im Süden des italienischen Festlandes. Dort ist der Schriftsteller Francesco Micieli geboren,1956. Als Sohn einer Familie, die der albanischsprachigen Minderheit angehört. Vor mehr als 500 Jahren sind diese Menschen dorthin eingewandert. Kurz nacheinander habe er sich zwei fremde Sprachen aneignen müssen, berichtete er in einem Beitrag für die "Schweizer Monatshefte".
Die erste schon als Schulkind, Italienisch. Seine Muttersprache war ein uraltes Albanisch. Seine Vorfahren hatten es um 1450 aus Epiros mitgebracht, auf ihrer Flucht vor den Osmanen. Die zweite Fremdsprache war Deutsch, genauer: Schwyzerdeutsch. Die musste er 1965 lernen. Damals kam er mit seinen Eltern ins Schweizer Emmental.
Heute lebt er in Bern. Von dort kommt er heute nach Dresden, ins Blockhaus. Hier hält er die erste Vorlesung der Chamisso-Poetikdozentur. Mit der werden Träger des Adelbert-von-Chamisso-Förderpreises beauftragt. Eine Auszeichnung für Autoren, die deutsch schreiben, obwohl sie ursprünglich eine andere Muttersprache haben. 2002 hat Micieli diesen Preis erhalten. Als erstes will er darüber sprechen, wie aus den verschiedenen Sprachen, die er spricht, seine Schreibsprache geworden ist. In einem Interview hat er das in einer paradoxen Aussage zusammengefasst: "Meine Literatur ist mehrsprachig einsprachig. Ich schreibe nur Deutsch." Für ihn sei das Schreiben und damit die Sprache zur Heimat geworden.
Häufig wechselt er dabei in Gedanken die Sprache. "Plötzlich denke ich Italienisch oder Italo-Albanisch oder Schweizerdeutsch. Ich weiß nicht, weshalb sich eine dieser Sprachen meldet, aber meine Hand schreibt Deutsch." Oder er sucht nach einem ganz bestimmten Wort, das einen bestimmten Ton haben muss. "Ich weiß nur, daß mein Vater große Hände hat. Tagebuch eines Kindes" hieß der erste Prosatext, den Micieli 1986 veröffentlichte. Mit dem Stück "Das Lachen der Schafe" (1991) und "Meine italienische Reise" (1996) machte er eine Trilogie daraus.
Sein jüngstes Buch, 2010 erschienen, trägt den Titel „Liebe im Klimawandel“. Es handelt sich um das Protokoll einer Begegnung zweier Menschen, die durch ein alternatives Partnersuche-Inserat zusammenfinden. Das Protokoll des Glaubens an den Weltuntergang, eines Überlebenskampfes. Es erzählt von Menschen, die eines Morgens erwachen, und die Welt ist überschwemmt. Ratten werden verzehrt, Bücher verbrannt, aus den verborgensten Zonen der Hirne tauchen Bilder des vergessenen Glaubens auf.
Die Themen Micielis: Orientierungslosigkeit, Neugier, das Gefühl, erdrückt zu werden, Probleme der Kommunikation, kulturelle Unterschiede. Die Figuren in seinen Büchern werden oft von den Orten aufgezehrt, in denen sie leben. Sie zu verlassen, schaffen sie nicht. Anders als ihr Autor können sie die Chance des Aufbruchs nicht ergreifen. Jene, denen das gelingt, die Erfolgreichen, sagt Micieli, die interessierten ihn als Autor eben nicht. "Die sprechen mit ihrem Erfolg, mit ihrem Geld. Sie sind Jetsetter, sie langweilen mich. Sie gehören in einen anderen Blätterwald. Mein Schreiben ist denen gewidmet, die im Schatten stehen."
Doch Fremdsein - diese Erfahrung machen alle, meint Micieli, nicht nur die Migranten. Denn die heutige Gesellschaft ist nicht von allmählichen Entwicklungen bestimmt, sondern vom schnellen Wechsel, von Brüchen: "Wir verlassen alle irgendwann einmal eine Gegend, einen Menschen, eine Idee. Menschen, die glauben, dem sei nicht so, sind mir fremd."
Das Fremde wird in seinen Figuren sichtbar. Die suchen ihre vergangenen und künftigen Spuren in einer neuen Wirklichkeit. Doch die Erinnerungen scheitern, sie können Vergangenheit und Gegenwart nicht mehr miteinander verknüpfen.
Micieli, studierter Romanist und Germanist, hat auch gelehrt, einige Jahre an der Schule für Gestaltung Bern-Biel, heute an der Hochschule der Künste in Bern. Außerdem war er Schauspieler, Autor, Dramaturg und Regisseur an verschiedenen Theatern.
Texte, die er für das Theater verfasst, versteht er als Vorlagen für die Kreativität der Schauspieler, nicht als eigenständige Lesestücke. Neben Theaterstücken hat er auch Opernlibretti geschrieben. Deshalb spricht er in seiner dritten Vorlesung auch über das Schreiben fürs Musiktheater.



Sächsische Zeitung 18.1.2011

Akademie der Künste will mehr vernetzen

(SZ/bg) Die Sächsische Akademie der Künste will sich auch künftig "intensivst in die kulturpolitischen Debatten einbringen", sagte Akademie-Präsident Udo Zimmermann gestern bei der Vorstellung des Jahresprogramms. Themenschwerpunkte der Ausstellungen, Vorträge, Vorlesungsreihen und Foren 2011 werden u.a. polnische Architektur und Gegenwartskunst sowie Zukunftsvisionen in der Landschaftsgestaltung und Städteplanung in Sachsen sein. Forciert werden soll außerdem der Dialog mit der jungen Generation.
Noch bis 27. Januar zeigt die Akademie im Lichthof des Sächsischen Finanzministeriums die Ausstellung „Polnische Architektur“. Heute um 20 Uhr beginnt im Dresdner Blockhaus die 10. Dresdner Chamisso-Poetik-Dozentur mit fünf Vorlesungen des Autors, Schauspielers, Regisseurs Francesco Micieli.
Im Oktober werden die Akademie, die Landesstiftung Natur und Umwelt sowie Vattenfall Europe den mit 25 000 Euro dotierten Semper-Preis verleihen. Alle zwei Jahre wird damit ein deutscher Architekt für besondere Qualitäten im nachhaltigen Bauen geehrt.
In Leipzig organisiert die Akademie mit diversen Partnern vier Veranstaltungen, die der Editionsgeschichte ausgewählter Titel des Reclam Verlages nachspüren.
Die Sächsische Akademie der Künste wurde vor 15 Jahren gegründet und hat 156 Mitglieder. Frauen sind unterrepräsentiert. Die stärksten Klassen sind die für Literatur und. Musik. Auch gehe es nicht vordergründig darum, die Einrichtung zu verjüngen. "Die Weisheit der Akademie liegt auf den Schultern der älteren Generation", sagte Zimmermann. Wichtig sei es, die Klassen der Akademie, miteinander zu vernetzen.



Dresdner Neueste Nachrichten 18.1.2011

Verjüngt und neugierig auf das junge Polen
Sächsische Akademie der Künste stellt ihre Jahresvorhaben 2011 vor


Michael Bartsch

Das Wichtigste äußerte Akademiepräsident Prof. Udo Zimmermann bei der Vorstellung der Jahresvorhaben eher nebenbei. Seit die Beschränkung der Mitgliederzahl durch die Kunstministerinnen Stange und von Schorlemer gelockert wurde, hat sich die Sächsische Akademie der Künste durch Zuwahl von 21 neuen Mitgliedern spürbar verjüngt. 156 Mitglieder zählt sie nun, davon rund ein Drittel nicht aus Sachsen; 2012 können erneut weitere Mitglieder kooptiert werden. Zuvor wird aber am letzten Juniwochenende auf der dreitägigen ordentlichen Mitgliederversammlung ein neuer Akademiepräsident gewählt. Udo Zimmermann, mit 66 Jahren ungefähr im bisherigen Altersdurchschnitt liegend, will sich noch einmal um dieses Amt bewerben. Zugleich soll mit einer Veranstaltung im Plenarsaal des Landtages das 15-jährige Bestehen der Akademie gefeiert werden, das viele gute Spuren hinterlassen habe, so der Präsident.
Das Wasser steht zwar dicht vor dem Blockhaus am Dresdner Elbufer, dem Sitz der Akademie, aber es steht ihr noch nicht bis zum Hals. Der Etat ist mit dem Beschluss zum Doppelhaushalt 2011/12 nominell nicht gekürzt worden. Steigende Kosten entwerten die 260 000 Euro Zuschuss dennoch schleichend. An der Reduzierung der festen Mitarbeiterschaft um eine halbe auf zweieinhalb Stellen konnten weder die Ministerin noch Gespräche im Landtag etwas ändern. Klagen über die minimale Finanzausstattung aber traten gestern hinter die Programminhalte zurück. Die Vorhaben der Akademie für das Jahr 2011 führen begonnene Wege weiter. Exkursionen ins östliche Mitteleuropa zählen schon zur Akademietradition. In diesem Jahr ist Polen ein erklärter Schwerpunkt, das im zweiten Halbjahr 2011 die EU-Ratspräsidentschaft übernehmen wird. Noch bis Ende Januar läuft im Lichthof des Finanzministeriums die Ausstellung "Polska Architektura" (DNN berichteten). Um polnische Architektur und Städtebau geht es auch bei einer für den September geplanten Exkursion in die Städte Wroclaw, Opole und Kraków.
Die anderen Klassen der Akademie interessiert besonders die Gegenwartskunst im neuen Polen. Neugier treibe die Mitglieder an, erklärt Präsidialsekretär Klaus Michael. "Wir wissen nicht, was derzeit in Polen passiert." Hintergrund seien die demografischen Entwicklungen in Polen, die mit unseren deutlich kontrastieren. Das Nachbarland musste in den ersten Jahren nach dem Systemwechsel einen Verlust von etwa vier Millionen überwiegend jungen Menschen verkraften. Viele von ihnen kehren wieder zurück, und vor allem die jüngste Generation bleibt angesichts stabilerer wirtschaftlicher Verhältnisse im Land. Was bringt sie künstlerisch hervor? Überlagert wird diese Entwicklung von einem Strukturwandel in der Landwirtschaft, der den Zuzug in die großen Städte verstärkt.
Architektur und Stadtentwicklung bleibt ein Dauerthema der Akademie auch mit Bezug auf Sachsen und besonders Dresden. "Wir erhoffen uns direkten Einfluss auf die Stadtplanung in Dresden", bekennt Klaus Michael ganz offen. Die klassischen Modelle der Stadtplanung seien am Ende. So wird es April in Zusammenarbeit mit der TU Dresden um Landschaftsarchitektur und im Mai in Zwickau um Städtebau gehen. Eine Vorlesungsreihe befasst sich mit den Entwurfspotenzialen der „Digitalen Architektur". Im Oktober wird wieder der mit 25 000 Euro dotierte Gottfried-Semper-Architekturpreis verliehen, den die Akademie gemeinsam mit Vattenfall Europe und der Sächsischen Landesstiftung Natur und Umwelt stiftet. Gemeinsam mit dieser Stiftung gestaltet die Akademie beim Evangelischen Kirchentag Anfang Juni in Dresden auch drei Tage zum Engagement für Kultur und Natur. Erwähnung verdienen die literarischen Höhepunkte, voran die heute beginnende 10. Dresdner Chamisso-Poetikdozentur mit Francesco Micieli. Ein Symposium am 29. April ist dem 200. Todestag Heinrich von Kleists gewidmet. Die Veranstaltung "Bücher, Mythen und Verlage" am 3. Februar im Leipziger Haus des Buches verweist auf ein längerfristiges Ziel, das von der Akademie nachdrücklich unterstützt wird. Zunächst geht es um "Geschichten hinter den Büchern", in diesem Fall die Entstehung von "stimme, stimme" von Wolfgang Hilbig. Partner ist das Institut für Buchwissenschaften an der Leipziger Universität. Mit ihm und anderen wie etwa dem Museum für Druckkunst soll zumindest ein Teil des kulturellen Gedächtnisses der Stadt zurückgeholt werden, das mit der Schließung oder Abwanderung vieler Verlage verloren ging. Mit digitalisierten Archiven des Reclam-Verlages ist das schon teilweise gelun-gen. Mittelfristiges Ziel ist die Einrichtung eines Verlagsmuseums, wohl kaum in Landesträgerschaft, aber möglicherweise durch eine Stiftung getragen.
Und selbstverständlich werde man sich auch kulturpolitisch weiterhin einmischen, betont Akademiepräsident Udo Zimmermann. Zwei Interventionen gab es im Vorjahr, eine gegen die Absenkung der Städtebaufördermittel des Bundes, eine gegen die inzwischen beerdigte Novellierung des Sächsischen Denkmalschutzgesetzes. Ganz oben auf der Agenda steht nun die Unterstützung des Kulturkraftwerks Mitte in Dresden, das trotz des Einschwenkens von Oberbürgermeisterin Helma Orosz noch keineswegs gesichert ist.



Dresdner Morgenpost 18.1.2011

Sächsische Akademie der Künste feiert Jubiläum

Mit einem Festakt im Landtag feiert die Sächsische Akademie der Künste am 25. Juni ihren 15. Geburtstag. Das Jubiläumsjahr soll im Zeichen der Auseinandersetzung mit brennenden Gegenwarts- und Zukunftsfragen stehen. "Wir wollen unsere Positionen noch stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken und kulturpolitische Entscheidungen beeinflussen", kündigte Akademiepräsident Udo Zimmermann an.
Einfluss auf die Stadtplanung in Dresden verspricht er sich von einer prominent besetzten Vortragsreihe zum Thema Landschaftsarchitektur (ab 7.4.). Über "Engagement für Kultur und Natur" diskutieren im Rahmen des 33. Evangelischen Kirchentages Dresden (1.-5.6.) bekannte Schriftsteller (Volker Braun, Christoph Hein, Juli Zeh, Erich Loest) mit jungen Leuten. Nach Angaben von Präsidialsekretär Klaus Michael unterstützt die Akademie Pläne für die Errichtung eines Deutschen Verlagsmuseums in Leipzig. Angesichts des massiven Verlagssterbens in der Region gelte es das kulturelle Gedächtnis zu bewahren. Unter dem Titel "Bücher, Mythen und Verlage" geht ab 3. Februar eine Vortragsreihe der Entstehungsgeschichte von Reclam-Büchern nach.
Im Hinblick auf den europäischen Integrationsprozess gilt 2011 dem Nachbarland Polen besondere Aufmerksamkeit Besonders die städtebauliche und architektonische Entwicklung in Polen ist Gegenstand zahlreicher Veranstaltungen.



Bild Dresden 18.1.2011

Akademie der Künste will sich weiter einmischen

Dresden (dpa/sn) - Die Sächsische Akademie der Künste will sich weiter in die kulturelle Tagespolitik einmischen und Stellung beziehen. Es bleibe eine wesentliche Aufgabe, Dinge öffentlich ins Bewusstsein zu rücken und zu intervenieren, sagte Präsident Udo Zimmermann am Montag in Dresden. Die Akademie feiert in diesem Jahr ihren 15. Geburtstag. Derzeit gehören ihr 156 Mitglieder an. Die größten Klassen der Akademie sind die für Literatur und für Musik. Nach den Worten Zimmermanns geht es darum, die Einrichtung zu verjüngen. Wichtig sei eine gute Mischung: "Die Weisheit der Akademie liegt auf den Schultern der älteren Generation."



adrem 19.1.2011

Zwischen den Sprachen. Die zehnte Dresdner Chamisso-Poetikdozentur lädt zum lesenden Blick hinter die Literatur

Jian Tan

UNI EXTERN. Zum ersten Mal liegt die Organisation der "10. Dresdner Chamisso-Poetikdozentur" auch in Studentenhänden. Johannes Kleine hat ein Faible für Literatur. "In ihr treffen sich alle nur denkbaren Diskurse, Gedanken und Sujets", sagt er. Der 25-Jährige studiert Germanistik und Anglistik im Masterstudiengang an der TU Dresden. Zur Zeit organisiert er die "10. Chamisso-Poetikdozentur" mit, die noch bis zum Mittwoch (26.1.) den albanisch-italienischstämmigen Schriftsteller Francesco Micieli für insgesamt fünf Lesungen nach Dresden holt. Bereits seit einem Jahr widmet er sich der Chamisso-Poetikdozentur und anderen Projekten. "Wir gründen eine Internetplattform, um die Wissenschaftsarbeit zu praktizieren und unsere dadurch erworbenen Kenntnisse über die verschiedenen Autoren zu publizieren." erklärt er seine Arbeit. Zum ersten Mal sind auch Masterstudenten dabei. Sie organisieren die jährlich stattfindende Lesungsreihe mit, zu der stets Autoren eingeladen werden, die zwar auf Deutsch schreiben, aber keine deutschen Muttersprachler sind. Die Studenten helfen im Hintergrund, sorgen für die Öffentlichkeitsarbeit, für den reibungslosen Ablauf der Abende und setzen sich dabei intensiv mit den Werken der Eingeladenen auseinander. "So eröffnen sich lebensnahe Perspektiven auf die Wissenschaftskultur", zählt Johannes Kleine die Vorteile auf, "außerdem verwendet man andere Herangehensweisen, und man probiert zum Beispiel auch mal ganz andere Textsorten aus als in Hausarbeiten."
Neben den gerade stattfindenden Lesungen arbeitet er auch an einem Handbuch über die Entwicklung der Migrationsliteratur. Dafür hatte er sich bereits intensiv mit dem Chamisso-Förderpreisträger Francesco Micieli auseinandergesetzt und weiß, dass der in der Schweiz lebende Schriftsteller kein opulenter Geschichtenerzähler ist. Er sei keiner, der Ornamente häuft und ausufernd fabuliert, sagt Johannes Kleine über Micieli. Sein Stil sei vielmehr lakonisch. "Er will sich mit möglichst wenigen Worten ausdrücken. Dieser stark verdichtete Duktus zwingt den Leser zur Genauigkeit und verlangsamt das Lesen ungemein". Wie sich das genau anhört und liest, möchten die Dresdner Lesungen zeigen.



Sächsische Zeitung 20.1.2011

Mehrheimisch statt einheimisch. Der Schweizer Autor Francesco Micieli erzählt in Dresden vom Schreiben in fremden Sprachen.

Undine Materni

"In der Schule dürfen wir nicht albanesisch sprechen. Albanesisch ist keine Sprache, sagt der Lehrer. Er spricht nur italienisch." So beschreibt der Autor Francesco Micieli eine frühe Erfahrung mit verordneter Sprachlosigkeit.
Geboren wurde er 1956 im süditalienischen Kalabrien. Seine Muttersprache ist Aberesh, ein albanischer Dialekt, der heute von etwa 100.000 Menschen in verschiedenen Regionen Italiens gesprochen wird. "Ich lernte die Muttersprache von meiner Mutter, die versprach, mir am nächsten Tag frisches Brot zu bringen." Mit neun Jahren zog Micieli mit seiner Familie ins schweizerische Emmental, in einer Zeit, in der man in der Schweiz Einwanderern mit besonderer Feindseligkeit und Misstrauen begegnete. Wieder war da die Notwendigkeit, neue Sprachen zu lernen – Deutsch, Schweizerdeutsch und Französisch. Die Fremdheit potenziert sich, erhält eine andere Qualität. Jetzt galt es, die Dinge mit der Sprache zu beseelen oder aber umgekehrt.
Ja, aber ist er nun ein Schweizer Autor und gibt es sie, die schweizerische Literatur, in einem Land, in dem vier Sprachen gesprochen werden und unzählige Dialekte? Eine Frage, deren Antwort auf wunderbare Weise offenbleiben wird. "Ich habe vier Muttersprachen, drei lasse ich aus und spreche deutsch." Micieli studierte Romanistik und Germanistik, ist als Schauspieler, Autor und Regisseur tätig. Neben Theaterstücken und Opernlibretti entstehen Prosaarbeiten und Gedichte, die sich konzentriert mit der Erfahrung des Fremdseins in verschiedenen Bereichen des öffentlichen Lebens auseinandersetzen. "Wer schreibt, muss eine Sprache wählen. Für den Schreibenden werden das Schreiben und damit die Sprache zur Heimat", sagt der Autor. Jedoch finden sich immer wieder Spuren des Sprachwechsels; er sei, so Francesco Micieli, ein Sprach-Arlecchino", in jeder seiner Sprachen ein anderer. Daraus resultiert das Gefühl, mehrheimisch statt einheimisch zu leben. Derzeit schreibt er Gedichte an seinen Vater, auf Deutsch und Italo-Albanisch. Denn er möchte, dass sein Vater sie versteht. Mit seiner ersten Vorlesung im Rahmen der Chamisso-Poetikdozentur begeisterte Francesco Micieli am Dienstagabend im Dresdner Blockhaus sein Publikum im wohlgefüllten Saal mit einem ungeheuer dichten und klugen Diskurs über den Einfluss verschiedener Sprachen auf seine Schreibsprache. Sein Vortrag war angenehm zurückhaltend, frei von Geschwätz und Eitelkeiten.
Nach Hussein Al Mozany und Ota Filip tritt er eine würdige Nachfolge in einer engagierten Veranstaltungsreihe an. Sie kann sich seit immerhin zehn Jahren aufgrund der guten Zusammenarbeit zwischen dem Mitteleuropazentrum der TU Dresden, der Sächsischen Akademie der Künste, der Robert-Bosch-Stiftung und anderen Unterstützern in der Literaturszene Dresdens behaupten und wird mit wachsendem Interesse zur Kenntnis genommen.
Weitere Vorlesungen am 20., 25. und 26. Januar, jeweils 20 Uhr im Blockhaus Dresden. Der Eintritt ist frei.



Dresdner Neueste Nachrichten 20.1.2011

Heilendes Deutsch
Francesco Micieli über sein Ich in der Sprache


Tomas Gärtner

Wem nichts vertraut ist, der sieht genauer. Und wem die eigene Sprache nicht mehr selbstverständlich ist, der lernt mehr über sie. Hören wir von solchen Erfahrungen, begreifen auch wir Muttersprachler Gebliebenen die Bedeutung der Sprache für unsere Identität. Solche Erkenntnisse lassen sich bei der diesjährigen Chamisso-Poetikdozentur im Dresdner Blockhaus gewinnen, in den Vorlesungen von Francesco Micieli.
Zum Beispiel über die prägende Bedeutung des Erzählens für die Kindheit und die eigene Persönlichkeit. Micielis Großmutter erzählte ihm, die Vorfahren seien aus Albanien in Booten nach Italien gekommen, nachdem sie zuvor gegen die Osmanen gekämpft hätten. Noch heute strafft Micieli den Körper, hebt den Kopf mit dem gelichteten Lockenhaar, sobald die Rede auf Albanien kommt: "Wir waren Kämpfer." Und womöglich, denkt man, während man ihm lauscht, ist das Eigentliche das, wofür wir weder Stereoanlage, Bildschirm noch überhaupt Strom benötigen. Das, was ohne virtuelle Vermittlung zwischen Mensch und Mensch geschieht. "Das Erzählen", sagt er, "war unser Theater, unser Kino, unsere Oper".
Und dann schienen sie auf einmal verschwunden, die Erinnerungen an die ersten Jahre seines Lebens. Weil er deren Sprache, erst den vertrauten albanischen Dialekt seiner Familie, dann das Italienische, als er in die Schweiz kam, verlor. "Mein früheres Leben wurde Fiktion." Der Verlust der Sprache führte zum Verlust der Erzählung. Doch eines Tages geschah das Unerwartete: Die Erinnerung stellte sich plötzlich wieder ein. Nun jedoch in der anderen Sprache, in Deutsch. Dies ist auch die Sprache, in der Micieli zum Schriftsteller wurde.
Wann kommen Menschen von jenseits der Grenzen in einem Land an, fragen wir uns gelegentlich in den Debatten über Migration. Und wie sieht dieses Angekommensein aus? "Mein Ich ist in der Sprache", so lautet Micielis Antwort. Doch in der Gesellschaft, in der Kultur sei er fremd.
Einer wie er nimmt das Unheilvolle in der aggressiver und ausländerfeindlicher gewordenen Politik der Schweizerischen Volkspartei (SVP) sensibler wahr. Und macht uns das Absurde solchen Rauswerfen-und-Tür-zu-Denkens bewusst. Nicht nur, dass die Schweiz dann stillstünde. Fremdsein ist für Micieli eine grundsätzliche Eigenschaft des modernen Menschen: "Jagt man alle Fremden weg, offenbart sich das eigene Fremde."
Die Angst vor dem Verschwinden dessen, was als "Eigenes" konstruiert wird, ist das Problem. Das unter anderem macht uns Francesco Micieli begreiflich. Mit seiner Literatur schafft er einen Gegenentwurf. Das Wort "mehrheimisch" - im Gegensatz zu "einheimisch" - kommt darin vor. Er plädiert für Vielstimmigkeit, für ein darauswachsendes "heilendes Deutsch" als Literatursprache.

Weitere Vorlesungen heute sowie 25. und 26. Januar, jeweils 20 Uhr, Blockhaus, Neustädter Markt 19



Dresdner Neueste Nachrichten 14.2.2011

Neue sächsische Lyrik

„Es gibt eine andere Welt“ - die unter diesem Titel erschienene neue Anthologie mit Gedichten von zeitgenössischen sächsischen Autoren wird heute, 20.30 Uhr im Café des Stadtmuseums Dresden mit einer Lesung vorgestellt. Organisiert von der Sächsischen Akademie der Künste, lesen auf dem Podium die Autoren Peter Gosse, Kerstin Hensel, Ulrike Almut Sandig, Richard Pietraß und Axel Helbig. Die Moderation übernimmt Jörg Bernig.
Dass Sachsen ein Land der Dichter ist - dieser Vermutung sind die Herausgeber des Buches Andreas Altmann und Axel Helbig nachgegangen. Die Anthologie versammelt Gedichte von Autoren, die entweder in Sachsen geboren und aufgewachsen sind oder erst in den letzten Jahren hier ihren Lebensmittelpunkt gefunden haben. Neben bekannten und inzwischen kanonisierten Dichtern wie Wolfgang Hilbig oder Kurt Drawert können in der Sammlung auch ganz neue Stimmen vernommen werden. Entstanden ist so ein Werk, das ein umfangreiches und repräsentatives Panorama des lyrischen Schaffens in Sachsen der letzten zehn bis zwanzig Jahre vermittelt.



Sächsische Zeitung 16.2.2011

Hohe Dichterdichte

Karin Grossmann

Sachsens Poeten in einem Band: Eine Lesung in Dresden macht mit einer kühnen Edition bekannt.
Was ist es, was die Dichter aus Sachsen eint? Ist es ein unverwechselbarer Sound, wie die Schriftstellerin Kerstin Hensel vermutet? Ist es eine gewisse Skepsis gegenüber der Obrigkeit, ein sanguinisches Temperament, ein eher objektivierender Blick auf die Wirklichkeit, wie der Schriftsteller Peter Gosse meint? Oder ist es der Handwerkerernst, dieser hohe Stilwille, der in der Malerei seit Lucas Cranach und in der Literatur seit Paul Fleming in dieser Region vor-herrscht, wie der Maler Hubertus Giebe konstatiert?
Vermutlich lassen sich die Gemeinsamkeiten zeitgenössischer Lyrik aus Sachsen nicht auf einen einzigen Nenner bringen. Zu unterschiedlich klingen die Stimmen aus drei Generationen. Die Veranstaltung am Montagabend im Dresdner Stadtmuseum gab dafür ein Beispiel. Mit rund hundert Gästen war der Saal bemerkenswert gut gefüllt. Wer will da behaupten, dass Lyrik ein Nischendasein führt?
Unter der Leselampe saßen die Autoren Kerstin Hensel, Ulrike Almut Sandig, Peter Gosse und Richard Pietraß. Sie lasen von Wollläusen und Käferkot, Unorten und Heimatorten, Russenwald und Ruhestand. In den Texten verbinden sich Gegenwart und Erinnerung, kleine Welt und große Welt. Der hohe Ton ist ebenso selbstverständlich wie ein ironisch gefärbter. Die Lust am Wort, so Moderator Jörg Bernig, wird spürbar und ein sinnliches Verhältnis zur Sprache. Hübsch, wie hier und da etwas durch die Gedichte "witschte" - zumindest dieses Wort ist Sachsen gemeinsam.
Die Autoren lasen eigene Texte und die von Kollegen, sie stellten die Anthologie "Es gibt eine andere Welt" vor. Ein bewegendes Gedicht von Volker Braun über die Flut von 2002 gab dem Band den Titel. Dieses kühne Editionsprojekt vereint zeitgenössische Lyrik aus Sachsen - Gedichte von mehr als hundert Schriftstellern. Die hiesige Region bietet eine "extrem hohe Dichterdichte", so Herausgeber Axel Helbig. Eine solche hochkarätige Sammlung lässt sich für kein anderes Bundesland denken. Für Berlin vielleicht - aber auch da dichten vornehmlich Sachsen.



Dresdner Neueste Nachrichten 16.2.2011

Neues aus der Kernprovinz der Lyrik
Eine Anthologie offenbart Sachsen als Land der Dichter


Tomas Gärtner

"Sachsen war seit der frühen Neuzeit eine Kernprovinz deutschsprachiger Poesie." So sieht es Peter Geist, Literaturwissenschaftler und Lyrikspezialist. Durch große Namen aus der Vergangenheit ist das verbürgt, wie er in seinem fundierten Nachwort zu dem Band "Es gibt eine andere Welt" darlegt. Letzteres ist eine neue Lyrikanthologie, mit der zwei Kenner der Szene etwas belegen wollten. Der eine, der Dichter Andreas Altmann, der heute in Berlin lebt, aber aus Hainichen stammt (wo Christian Fürchtegott Geliert geboren ist, einer jener Großen aus Sachsen), fragte in einem Brief Axel Helbig, Redakteur der Dresdner Literatur- und Kunstzeitschrift "Ostragehege", ob das mit Sachsen als Land der Dichter heute noch stimme. Den Beweis anzutreten traue sich ja niemand. "Wollen wir's wagen?"
Sie haben's getan. 132 Dichter aus Sachsen zu Zeugen aufgerufen, sie um ihre wichtigsten Gedichte gebeten, entstanden nach der Jahrtausendwende. Oder es selbst übernommen bei denen, die nicht mehr leben, Wolfgang Hilbig und Karl Mickel etwa. Von jedem haben sie maximal vier Werke ausgewählt. 400 Seiten füllen diese Beweise und sind in der Mehrzahl absolut stichhaltig: Wir haben es mit einer Essenz beeindruckender und gültiger Gedichte zu tun.
"Die haben auch das Ordnungsprinzip vorgegeben", berichtet Axel Helbig.
Die zwölf Kapitel sind nach Motiven zusammengefasst, jeweils überschrieben mit einer Gedichtzeile. "Wir haben sie so nebeneinander gestellt, dass sie sich gut die Hand geben können." Etwa so, wie die Dichter bei der Buchvorstellung im Stadtmuseum, zu einer ersten „Tonprobe", wie Moderator Jörg Bernig meinte, der selbst mit zwei Gedichten vertreten ist.
Da nimmt uns Ulrike Almut Sandig, mit 31 Jahren eine der jüngeren sächsischen Dichterinnen, in Un-Orte wie den mit Warnungen und Verboten umzäunten „russenwald" ihrer Kindheit mit. Peter Gosse, einer der gestandenen älteren Lyriker aus Leipzig, Jahrgang 1938, bewegt sich wortakrobatisch zwischen sprachpraller Erotik und dem "schwarzen Schmerz", unserer Endlichkeit. Selbst dem Dunkelsten gewinnt er noch eigentümliche Schönheit ab, indem er von einer weiblichen "Todin" spricht. Richard Pietraß, acht Jahre jünger als Gosse, nimmt Abschied von Horno, jenem Dorf, das ein Energiekonzern für das bisschen Braunkohle darunter hat wegbaggern lassen. Denkt über den jungen, wilden, nun ins künstliche Flussbett gepferchten Rhein nach und vernimmt die sächsische Flut 2002 aus den Niederlanden als fernes Rauschen im Telefon.
Kehraus hält Kerstin Hensel, die im Mai 50 wird, mit den Dingen einer Kindheit in Karl-Marx-Stadt zwischen Pioniernachmittag und Krippenspiel und jagt in einem rasanten "Neuen Fürschtenzug" zungenbrecherisch durch sächsische Ortsnamen voller Zischlauthäufungen. Und dann lassen alle, die da lesen, uns auch von ihren Lieblingsgedichten in dem Band etwas hören, denen, die sie am tiefsten berühren oder die sie für Weltliteratur halten. Damit haben dann auch Texte von Sandra Trojan, Thomas Rosenlöcher, Gundula Sell, Michael Wüstefeld oder Volker Braun ihren kurzen Auftritt.
Gibt es bei diesen Dichtern - den hier Geborenen und Weggegangenen, den Gebliebenen, den Zugezogenen - etwas Sächsisches? Gemeinsames, trotz aller Vielstimmigkeit, die ja das Spannende ist an dieser Auswahl? Im "Sound, der unten drunter liegt", hört es Kerstin Hensel. Peter Gosse erkennt es in einer spezifisch sächsischen "Sanguinik", einer Skepsis der Obrigkeit gegenüber, ferner im Bestehen auf Vernunft und Handwerksernst sowie in einer nicht übertriebenen Subjektivität.
Ist nicht das schon geeignet, trotzigen Stolz zu nähren? Pfeift auf Industriestandorte und pralle Einkaufstüten. Lasst uns Selbstbewusstsein aus Gedichten schöpfen. Auf diesen Buchdeckel klopfend sagen: Ja, es gibt diese andere Welt, besiedelt von Poesie. Diese Anthologie beweist es uns, beweist uns außerdem: Sachsen ist einer ihrer besten Nährböden.



Sächsische Zeitung 4.4.2011

Akademie der Künste für Konzertsaal

(SZ/ale) In der Debatte um den Umbau des Kulturpalastes meldet sich die Sächsische Akademie der Künste zu Wort. „Wir plädieren nach wie vor für den Neubau eines Konzerthauses“, schrieb Präsident Udo Zimmermann in einem offenen Brief an Dirigent Hartmut Haenchen. Dieser hatte zuvor ebenfalls ein eigenständiges Konzerthaus gefordert. Zimmermann verwies auf eine Resolution der Akademie aus dem Jahr 2003. Darin heißt es: „Im Umgang mit den Zeugnissen der DDR-Baugeschichte sollte die Zeit der Bilderstürmerei vorbei sein.“
Die Stadt plant den Umbau des „Kulti“-Mehrzwecksaals zu einem akustisch hochwertigen Konzertsaal. In das denkmalgeschützte Gebäude sollen auch die Herkuleskeule und die Bibliothek einziehen. Der Umbau kostet mindestens 70,5 Millionen Euro. Knapp die Hälfte soll aus Fördermitteln des Landes finanziert werden. Der Stadtrat hat den Umbau des 1969 eröffneten Gebäudes bereits beschlossen. Architekt Wolfgang Hänsch sieht seine Urheberrechte verletzt und klagt gegen das Projekt.



Dresdner Neueste Nachrichten 28.4.2011

Kleist-Symposium
Neu-Entdeckung eines Dramatikers


Im Kleist-Jahr 2011 widmen sich die Mitglieder der Sächsischen Akademie der Künste morgen in zwei Veranstaltungsteilen dem Dramatiker und Erzähler Heinrich von Kleist. Beim Kleist-Symposium soll es vor allem darum gehen, den Autor aus verschiedenen Blickwinkeln neu zu entdecken. So beleuchten ab 15 Uhr vier Vorträge die aktuelle Rezeption Kleists in Ungarn, Deutschland, Frankreich und Polen. Den Einführungsvortrag hält Laszlo F. Földenyi, der Mitherausgeber der ungarischen Kleist-Gesamtausgabe. Seinen Worten folgen Vorträge von Prof. Bernd Leistner zum Thema „Kleist in Dresden“, von Irène Kuhn, die sich dem Aufenthalt Kleists in Frankreich widmet sowie von Marek Zybura, der über die polnische Rezeption des Autors referiert. Im zweiten Teil des Symposiums sind ab 20 Uhr die Mitglieder der Klasse Literatur und Sprachpflege der Sächsischen Akademie der Künste dazu eingeladen, aus Kleists Werken und Briefen zu lesen und ihre Textwahl zu begründen. Die Lesung mit anschließender Podiumsdiskussion steht unter dem Motto „Himmel, was ist das für eine Welt!“. Sowohl die Vorträge als auch die Lesung finden im Festsaal der Sächsischen Akademie der Künste, Neustädter Markt 19, statt. Der Eintritt zu beiden Veranstaltungen ist frei.



Sächsische Zeitung 2.5.2011

Auf den Spuren des Meisters
Die Sächsische Akademie der Künste würdigte den Dichter Heinrich von Kleist mit Lesungen und einem Symposium.


Michael Ernst

Viermal ist er in Dresden gewesen. Drei kurzen Besuchen folgte von 1807 bis 1809 ein längerer Aufenthalt, bei dem der Dichter Heinrich von Kleist mit namhaften Künstlerkollegen zusammentraf. Neben Gesprächen mit Friedrich Schiller, Theodor Körner, Caspar David Friedrich und manch ande-rem war es die Begegnung mit dem heute fast vergessenen Adam Müller, die nachhaltig Spuren hinterließ. Mit ihm zusammen gab Kleist die Zeitschrift „Phöbus“ heraus, in der zahlreiche eigene Texte erstmals erschienen.
Eine fruchtbare Zeit also. Dennoch nahm sich der Autor, der pommerschem Altadel entstammte, zwei Jahre später am Kleinen Wannsee bei Berlin das Leben. Das Kleist-Jahr 2011 zum 200. Todestag soll nun an den früh-Vollendeten und jung Gescheiterten erinnern. Die Sächsische Akademie der Künste setzte sich am Freitag mit Leben und Werk Heinrich von Kleists auseinander. Einem vormittäglichen Stadtrundgang auf den Spuren des Gastes folgten ein internationales Symposium und abendliche Lesungen im Blockhaus.
Interessant, dass selbst in Ungarn die zu DDR-Zeiten erschienene Ausgabe des Berliner Aufbau-Verlags der ersten Annäherung an Kleists Schaffen diente. Literaturwissenschaftler Lászlo Földényi aus Budapest fand hierin den Quell seiner Beschäftigung mit dem Meister, den er in eine Ahnenreihe mit Empedokles, Sokrates, Seneca und Jesus. stellte. Tod als Erlösung von einer tödlichen Welt war ihnen gemein.
Beim Leipziger Germanisten Bernd Leistner ging es mehr ums Leben, er untersuchte vor allem den längeren Dresden-Besuch Kleists. Die Französin Irène Kuhn hingegen widmete sich der Kleist-Rezeption in ihrem Heimatland und würdigte den Schriftsteller als einen „Urvater des modernen Theaters“. Bühnenreif trug Marek Zybura aus Wroclaw vor, warum missbräuchlich vereinnahmte Stücke wie „Die Hermannsschlacht“ in Polen als „Vorboten des Hitler'schen Grauens“ zu sehen waren. Dennoch sei Kleist der erste deutschsprachige Autor gewesen, der 1949 wieder an einem polnischen Theater aufgeführt wurde. Erhellende und durchweg spannende Vorträge, die interessante Sichten auf den für seine 34 Lebensjahre ungemein produktiven Dichter erlaubten. Am Abend folgte Teil drei des gelebten Gedenkens an Kleist. Akademie-Autoren von Wilhelm Bartsch und Volker Braun bis zu Richard Pietraß und Thomas Rosenlöcher lasen im Klub des toten Dichters aus Briefen und Werken des Genius aus Frankfurt/Oder. Besonders Elke Erb und Angela Krauß gelangen mit Kurzgeschichten und einer Strichfassung des Essays „Über das Marionettentheater“ lebensnahe Momente. Und natürlich machte ein Auszug aus „Michael Kohlhaas“ sofort wieder Lust, im Bücherregal nach Heinrich von Kleist zu greifen.



Dresdner Neueste Nachrichten 2.5.2011

Lobpreis zu elf Stimmen
Dichter präsentierten ihre bevorzugten Kleist-Texte


Tomas Gärtner

Dieses Jahr, am 21. November, gedenken wir des zweihundertsten Todestages des 1777 geborenen Dichters Heinrich von Kleist. Was Ehrungen angeht, hat es Lessing einmal auf eine Formel gebracht, die etwas verkürzt lautet: Weniger loben, fleißiger lesen.
Auf alle Fälle aber preist, wer öffentlich liest - zumal, wenn dafür elf hochkarätige Schriftsteller aufgeboten werden, von denen einer zugleich Übersetzer ist. Was die Zuhörer mithin bei der Veranstaltung der Sächsischen Akademie der Künste im Blockhaus geboten bekamen, war eine Art Lobgesang zu elf Stimmen: Beteiligt - in alphabetischer Reihenfolge, wie bei der Akademie üblich: Wilhelm Bartsch, Jörg Bernig, Volker Braun, Friedrich Dieckmann, Ro¾a Doma¹cyna, Elke Erb, Rainer Kirsch, Angela Krauß, Alain Lance, Richard Pietraß, Thomas Rosenlöcher. Moderiert von dem Literaturwissenschaftler Bernd Leistner. Text: Heinrich von Kleist.
Den kann man schwerlich höher preisen als Volker Braun: „Kleist ist einer der wenigen Autoren, von dem jede überlieferte Zeile als Literatur gehandelt wird.“ Selbst Zeitungsnotizen – eine redaktionelle Mitteilung oder die Berichtigung eines Druckfehlers. Wo immer man seine Kleist-Ausgabe aufschlägt, stets findet man diese von Braun gerühmte „körperlich exakte Sprache“.
Und was hat der Mann für Briefe geschrieben. Pietraß ließ uns vernehmen, wie er darin zum Beispiel Landschaften zu beschreiben vermag. Trug dann noch ein Glanzstück an Henriette Vogel vor: Aneinandergereihte Kosenamen, die sich zu einer Litanei der Innigkeit fügen Und einen an das Hohelied der Bibel erinnern.
Welche Spannung sich durch seine Satzperioden zieht, wie sich seine Dialoge steigern und welche Wucht sich in ihnen entlädt, führte uns Thomas Rosenlöcher recht lebhaft mit Passagen aus der „Kohlhaas“-Novelle vor Augen.
Selbst eine Anekdote wie die „Aus dem letzten preußischen Kriege“ wird bei Kleist zu großer Dramatik. Jörg Bernig riss sie nachgerade hin zu einem schauspielerischen Auftritt, bei dem er die Ausrufe des furchtlosen preußischen Söldners hervorschmetterte, dass die Damen in der ersten Reihe jedes Mal zusammenzuckten.
Einen bemerkenswerten Lyriker entdeckt uns Kirsch in ihm, einen nämlich, der die Königsdisziplin der Stanze beherrschte. Elke Erb demonstrierte, wie äußerste Gegensätze in dieser Prosa aufeinanderkrachen - von Hunden zerfleischte Kinder und Mutterliebe. Und dass der bisweilen abgründige Kleist - in der Anekdote „Der neue (glücklichere) Werther“ etwa - durchaus ungeheuer humorvoll sein konnte.



Sächsische Zeitung 9.5.2011

Erfreulich empört
Die Autorin Monika Maron erklärt Integration zur Bringschuld und kritisiert die Beurteilung des Einzelnen nach Effizienz


Karin Großmann

Ein Mädchen fällt aus der Rolle kurz nach Kriegsende in der Schule in Berlin-Neukölln. Die Vorfahren sind jüdisch, polnisch und kommunistisch. „Und geschielt hab ich auch noch“, sagt Monika Maron. „Ich war allein, und ich hatte recht; mit dieser Erfahrung bin ich aufgewachsen.“ Das Nichtangepasste und das Beharren auf dem eigenen Ich wurde fast zwangsläufig zum Lebensmuster - und zum Thema ihrer Romane.
Davon erzählte die Berliner Autorin gestern im Gespräch mit dem Journalisten Michael Hametner im Kleinen Haus des Dresdner Staatsschauspiels. Im Wechsel von Lesen und Reden entwickelte sich ein anregender Exkurs durch Biografie und Werk. Jüngster Höhepunkt: die Dankrede, die Monika Maron kürzlich in Kamenz zum Lessing-Preis hielt. Im Gespräch bekräftigt sie ihre Thesen: „Integration ist eine Bringschuld.“ Und: „Man kann nicht wollen, dass der Islam zu Deutschland gehört“ Monika Maron begründet das unter anderem mit der Rechtsprechung und der Nichtgleichstellung der Frau und führt den Gedanken fort: „Bestimmte Gruppen tragen den Islam vor sich her, um eine Schneise für Religion in die Gesellschaft zu schlagen.“ Noch nie sei so viel wie heute über christlich-jüdische Herkunft gesprochen worden. „Doch in der Realität laufen den Kirchen die Leute weg.“ Monika Maron kritisiert, dass Deutschland „kein konsequent säkularer Staat“ ist.
Seit ihrem Romandebüt „Flugasche“ von 1981 provoziert sie das Denken. In diesem Buch schrieb sie über Umweltfrevel der DDR und erzwungene Lebensverhinderung. „Ich soll mir abgewöhnen, ich zu sein“, stellt die Hauptfigur erbost fest. Diese Erfahrung, so Monika Maron, macht mancher heute erneut: „Die Verplanung des Menschen mit Blick auf seine Effizienz ist auch erschreckend.“
Nicht einmal mit dem Älterwerden mag sich die Berliner Autorin abfinden. Im Juni wird sie 70. „Es ist eine Zumutung, mit dem sich nähernden Tod zu leben!“ Der Gedanke, die Waschmaschine, die sie jetzt kaufte, könnte die letzte sein, kann sie herzlich empören. Empörung ist wohl nicht das schlechteste Rezept für ein langes Leben.



Dresdner Neueste Nachrichten 11.5.2011

Das Verhältnis von Kunst und Architektur

In einer Vortragsreihe der Hochschule für Bildende Künste Dresden (HfBK) treten im Mai zum Thema „Baukunst-Analog und Digital: Über das Verhältnis der Architektur zu den Künsten“ zwei Architekten an das Rednerpult. Den Anfang macht heute um 20 Uhr der in Prag lebende Jan Schindler, gefolgt von Dr. Jan Willmann, der am 25. Mai ebenfalls um 20 Uhr referiert. Die diesjährige Vortragsreihe befasst sich mit dem Einfluss der Computertechnologie auf die Architektur. Die Moderation der beiden Abende übernimmt Olaf Lauströer, Professor für Architektur und übergreifende Raumgestaltung an der HfBK. Die Vorträge finden jeweils im Großen Hörsaal (2. OG) der HfBK, Güntzstraße 34, statt. Der Eintritt ist frei.



Morgenpost 11.5.2011

„Die Kräfte der Künste bündeln“
SAdK-Präsident Udo Zimmermann über die Initiative für ein Literaturhaus in Dresden

Guido Glaner

Der Ruf nach einem Literaturhaus für Dresden im Kulturkraftwerk Mitte wird lauter. Vom Schriftsteller Uwe Tellkamp bis zum Schauspiel-Intendanten Wilfried Schulz reicht die Reihe der prominenten Unterstützer, zu denen auch Udo Zimmermann, Präsident der Sächsischen Akademie der Künste (SAdK), gehört.
MORGENPOST: Herr Zimmermann, Dresden ist eine Stadt der darstellenden Kunst - Oper, Schauspiel -, der Musik und der bildenden Kunst. Ist Dresden auch eine Stadt der Literatur?
Udo Zimmermann: Angesichts dessen, was sich literarisch tut in der Stadt, angesichts all der Schriftsteller, die inzwischen in Dresden leben, möchte ich sagen: unbedingt. Dresden hat enorm viel Potenzial, eine literarisch wichtige Stadt zu sein.
MORGENPOST: Die Klasse Literatur und Sprachpflege der SAdK vereint eine Reihe illustrer Namen. Was tut die SAdK, um das literarische Leben in Dresden zu fördern?
Udo Zimmermann: Wir veranstalten Kolloquien und Symposien und nehmen so den Ort auch geistig in Besitz. In den vergangenen Jahren haben wir 60 bis 70 derartige Veranstaltungen durchgeführt, zuletzt zum Thema Heinrich von Kleist angesichts des 200. Todestags. Insofern tragen wir einen guten Teil dazu bei, dass Dresden als Ort der Literatur an Attraktivität gewinnt.
MORGENPOST: Die Oper braucht ein Opernhaus, das Schauspiel ein Theater, die bildende Kunst ein Museum. Braucht die Literatur ein Literaturhaus?
Udo Zimmermann: Ja, davon bin ich überzeugt. So ein Ort zieht an, Begegnungen finden statt, Kräfte werden gebündelt. In der nächsten Senatssitzung am Freitag will ich eine entsprechende Entschließung beraten. Als Präsident der SAdK spreche ich mich nachdrücklich dafür aus.
MORGENPOST: Es ist doch aber nicht so, dass es keine Orte für literarisches Leben gäbe in Dresden. Im Kästner-Museum, in den Städtischen Bibliotheken und in vielen Buchhandlungen findet Literatur in Form von Lesungen statt. Was kann ein Literaturhaus leisten, das von diesen Institutionen nicht schon geleistet wird?
Udo Zimmermann: An eben dieser Vielfalt können Sie ermessen, wie wichtig ein zentraler Ort für die Literatur ist. In der Zersplitterung des literarischen Lebens, wie wir es im Moment haben, lassen sich die Kräfte nicht zusammenfassen. Was das literarische Leben in Dresden braucht, ist die bessere Vernetzung von Autoren, Buchhändlern und Literatur-Veranstaltern. Ohne einen zentralen Ort, an dem diese Leute zusammenkommen können, ist diese Entwicklung gehemmt.
MORGENPOST: Kästner-Museum und Literaturbüro haben zu Jahresbeginn den Ausbau der Villa Augustin zum Literaturhaus angekündigt, die Stadt steigt ein. Nun gibt es diese zweite Initiative. Ist das wirklich notwendig?
Udo Zimmermann: Ich will die beiden Initiativen nicht werten. Jede Initiative für die Literatur ist mir recht. Ich habe aber große Sympathie für den Vorschlag, ein Literaturhaus im Kulturkraftwerk Mitte anzusiedeln, wo im Verbund mit Staatsoperette und Theater Junge Generation ein Kulturzentrum von enormer Anziehungskraft für das Publikum entstehen könnte. Die Kräfte der Künste bündeln ist immer der richtige Weg.



Sächsische Zeitung 21./22.5.2011

Die traurigen Schnürsenkel eines alten Bibliothekars
Thomas Rosenlöcher und Renatus Deckert: sprechen über Literatur in Dresden und das Erfinden von wahrer Erinnerung.


Karin Großmann

Helmut Deckert war ein hoch gewachsener Mann. Vielleicht besaß er im Alter einen Mantel mit Fischgrätmuster. Gewiss ist, dass er über die Geschichte der Dresdner Maya-Handschrift schrieb, das Neue Blumenbuch der Sibylla Merian herausgab und den schriftlichen Nachlass von Victor Klemperer sichtete. Deckert arbeitete an der Sächsischen Landesbibliothek Dresden. Er erlebte die Büchersammlung noch im Japanischen Palais, Und er verzeichnete die Kriegsverluste, die das Haus dort erlitt.
Ein Schriftsteller, der sich für Literatur und für die Geschichte der Stadt interessiert, muss von einem solchen Mann fasziniert sein. Helmut Deckert wird zur Romanfigur. Als Herr Arndt steht er im Zentrum das Buches, an dem Renatus Deckert gerade schreibt. „Nein“, sagt der 33-Jährige, „es wird kein Buch über meinen Großvater, ich lasse es offen, in welchem Verhältnis er zum Erzähler steht. Aber die Erlebnisse des Großvaters haben mich inspiriert.“
Wie verbindet sich das Erlebte mit dem Erfundenen? Ist nicht über Dresden alles gesagt und geschrieben? Wie viel Vergangenheitsbewusstsein benötigt die Gegenwart? Die Dresdner Autoren Renatus Deckert und Thomas Rosenlöcher suchen am Donnerstagabend in der Sächsischen Akademie der Künste in einem angeregten Gespräch nach Antworten. Sie sind sich einig, dass die Gegenwart zur Selbstversicherung einen Rückzugsraum im Gestern braucht -weil sie rasend schnell vergisst und sich verändert. Dresden eignet sich dafür so gut wie jede andere Stadt. „Man muss seine Wurzeln haben und sein Biotop; das schreibt sich nicht aus“, sagt Rosenlöcher. „Denn es geht nicht um Dresden, sondern um Literatur; um Literatur, die widerständig genug ist und nicht leicht davonzufegen.“
Renatus Deckert, der sich als Essayist und Herausgeber verdient gemacht hat und jüngst den Lessing-Förderpreis erhielt, lässt in seinem ersten Roman die Kulisse der Stadt erahnen, ohne dass ihr Name fällt. Das Kapitel, aus dem er an diesem Abend liest, beschreibt die bröckelnden Gründerzeitbauten der Neustadt Anfang der Neunzigerjahre. Er notiert die verbeulten Blechbriefkästen im Hausflur, den abblätternden gelben Putz und wie sich das Treppengeländer anfühlt. Der Text fließt in einem ruhigen, noblen und ganz unmodischen Ton dahin. „Wir werden hier einen akribischen Erinnerungskünstler bekommen“, sagt Rosenlöcher. Deckert beschreibt sein Verfahren als „erfundene Erinnerung“.
Der junge Mann in seinem Roman betritt die Wohnung des Bibliothekars Arndt wenige Tage nach dessen Tod. Im Flur stehen die abgetragenen Schuhe mit traurigen Schnürsenkeln. Am Garderobenhaken hängt der Mantel mit Fischgrätmuster.



Dresdner Neueste Nachrichten 21./22.5.2011

Akribische Erinnerungen
Renatus Deckert schreibt Roman über Nachwendezeit


Tomas Gärtner

Renatas Deckert, Jahrgang 1977, Dresdner, der heute in Berlin lebt,, ist als Herausgeber bekannt geworden und zuletzt mit einem Buch über Adolf Endlers (1930-2009) frühe Jahre, ein langes Gespräch. Nun allerdings schreibt er an einem Roman. Dessen 2. Kapitel, aus dem er jetzt im Blockhaus gelesen hat, führt in die Jahre 1991/92. In ein Gründerzeithaus im Dresdner Hechtviertel. Der Erzähler ist ein junger Mann, der dorthin, an den Ort seiner Kindheit zurückkehrt. Der Anlass: Ein ihm sehr nahestehender alter Bibliothekar ist gestorben.
Auffällig an diesem Auszug ist zweierlei: erstens das nahezu auf Zeitlupe gedrosselte Erzähltempo, zweitens die detailfreudige Beschreibung von Dingen. Gegenstände - ein Bücherregal, ein Apfel, ein Brotkorb oder ein Paar ,Schuhe -, an denen der Betrachter zu entdecken sucht, was sie über ihren Besitzer erzählen. Wir spüren die Verlassenheit, die aus ihnen spricht. Das gelingt diesem Text: eine Atmosphäre zu schaffen. Es ist die Stille einer Wohnung nach dem Verschwinden eines Menschen.
Thomas Rosenlöcher, Deckerts Gesprächspartner in der Veranstaltung der Sächsischen Akademie der Künste, fasste den ersten Höreindruck prägnant zusammen: „Es ist ein sehr akribischer Erinnerungskünstler, den wir da bekommen werden." Erinnerung ist Renatus Deckert das Wichtigste: „Es ist das, was zuerst wegbricht. Der Gegenwart kann ich mich immer noch zuwenden." Jene Zeit des Umbruchs Anfang der 90er interessiert ihn besonders. „Davon möchte ich etwas festhalten." Der Blick des damals 14-Jährigen soll eine Perspektive in diesem Buch sein. Die andere: die des alten Bibliothekars, der auf das Jahr 1945 zurückschaut, die Zerstörung der Stadt. Von der Renatus Deckert nicht sprechen mag, ohne das Davor, die Nazizeit, die Schuld der Dresdner zu erwähnen.



Dresden am Wochenende 4./5.6.2011

Performance „Vor dem Tore“
Poesie und Musik am Neptunbrunnen


Ein Brunnen geflutet mit Poesie, Gesang und Celloton -das erwartet die Besucher der Performance „Vor dem Tore“ am Neptunbrunnen auf dem Gelände des Krankenhauses Friedrichstadt am Sonntag um 15 Uhr. Die Dichterin Angela Krauß, die Sängerin Annette Jahns und die Cellistin Sabine Grüner setzen den noch wasserlosen Brunnen mit gesprochenen und gesungenen Gedichten in Szene.
Das literarische Konzert ist die 4. Veranstaltung ihrer Art am Neptunbrunnen. Veranstaltet wird die Performance vom Verein der Freunde des Krankenhauses Dresden-Friedrichstadt e.V. in Kooperation mit der Sächsischen Akademie der Künste, unterstützt vom Europäischen Zentrum der Künste Hellerau. Der Eintritt zum literarischen Konzert ist frei. Es wird jedoch um Spenden gebeten, die der weiteren Sanierung des Neptunbrunnens zugutekommen werden.
Die Brunnenanlage gehört zu den bedeutendsten des 17. und 18. Jahrhunderts in Europa. Fast 160 Jahre lang dauerten die Debatten um den Standort des 1745/46 fertiggestellten Brunnens. Heute besteht bei den Verantwortlichen in Stadt und Land Einigkeit darüber, dass der Neptunbrunnen an seinen angestammten Platz - in den Garten des Marcolini-Palais - gehört. Somit konnte endlich auch damit begonnen werden, dem zunehmenden Verfall der Anlage Einhalt zu gebieten. Unlängst konnte die Teilsanierung des Brunnens abgeschlossen werden. Die zentrale Figurengruppe und das obere Becken wurden saniert. Details wie der Lorbeerkranz in den Händen Neptuns und das Zepter der Amphitrite entsprechen nun wieder dem Originalzustand des 18. Jahrhunderts. Auch das Umfeld des Brunnens wurde in der ersten Sanierungsphase ansprechend gestaltet. Möglich geworden ist die Sanierung durch das Engagement und die zahlreichen Spenden vieler Dresdner. Der Verein der Freunde des Krankenhauses Dresden-Friedrichstadt e.V. hat die Restaurierung des Brunnens zu einem seiner Hauptanliegen gemacht. Nicht zuletzt flössen auch europäische Fördermittel und Gelder der Stadt in die Teilsanierung.
In einer zweiten Bauphase sollen die unteren Becken, die Brunnenstube und die Vasen saniert werden. Durch weitere Spenden und Mittel der Landeshauptstadt stehen die Chancen gut, dass der Neptunbrunnen im Herbst 2012 wieder in altem beziehungsweise neuem Glanz erstrahlt und das Wasser wieder sprudelt.
Zunächst steht der teilsanierte Brunnen am Sonntag, 5. Juni, wieder ganz im Zeichen von Kunst und Kultur. Für die Dresdner Sängerin und Regisseurin Annette Jahns, die die Performance „Vor dem Tore“ konzipiert hat, ist der Auftritt am Neptunbrunnen ihr persönlicher Beitrag zur Rettung der Anlage. „Mit der Performance kann ich unterstützen und mich mit meinen künstlerischen Mitteln einbringen", so die Dresdnerin. (hawa)



Sächsische Zeitung 24.6.2011

Händedruck in Dresden – Goldmedaille in München
Udo Zimmermann gibt überraschend den Vorsitz der Akademie der Künste auf. Er will mehr Zeit fürs Komponieren haben.


Bernd Klempnow

Der Sinneswandel kommt nicht ganz freiwillig. Unlängst gab sich Udo Zimmermann noch kämpferisch: Er wollte seine nun endende, dreijährige Amtszeit als Präsident der Sächsischen Akademie der Künste verlängern, wollte sich mit dem Gremium „stärker in die Kulturpolitik des Landes einmischen und die begonnene Öffnung nach Osteuropa stringent fortsetzen“. Doch am Wochenende, wenn die Präsidentenwahl in Dresden ansteht, stellt sich der 67-Jährige nicht noch einmal zur Wahl. Für das Amt kandidieren der Dirigent Peter Gülke sowie der Chemnitzer Operndirektor Michael Heinicke. „Die administrative Arbeit in der finanziell bedeutungslos ausgestatteten Akademie lässt mir zu wenig Freiraum für künstlerische Arbeit“, sagt Zimmermann. „Ich will wieder mehr komponieren. Aber ich bleibe aktives Akademie-Mitglied.“
Noch einmal wird sich Zimmermanns Handschrift am Wochenende zeigen. Der Festakt zum 15-jährigen Bestehen der Akademie steht an, mit Reden und Musik, als Bilanz und Ausblick. Das Thema lautet „Gegen den Strom und mit der Zeit" - es ist eigentlich das Zimmermann'sche Lebensmotto. Damit hat er viel erreicht. So ist beispielsweise seine Kammeroper „Weiße Rose“ mit über 400 Inszenierungen die meistgespielte der Gegenwart. Als Intendant von Musikzentren und Theatern setzte er gehörig zeitgenössische Akzente. 175 Uraufführungen von Talenten, wie den größten Neutönern, initiierte er in der gewichtigen Modem-Reihe „musica viva“ des Bayerischen Rundfunks. Seit 15 Jahren leitet er die Reihe - und gibt dieses Amt Anfang Juli ab. Er verabschiedet sich mit einer eigenen Uraufführung, die von seiner ungebrochenen Kreativität zeugen dürfte. Zimmermann hat das 20-minütige vokalsinfonische Werk mit „Wie kannst du ohne Hoffnung sein“ überschrieben. Das Besondere dieser Arbeit: Sie greift zwei über 500 Jahre alte, „überaus sensible und zutiefst menschliche“ Chansons von Guillaume Dufay auf, der einst die Musikwelt prägte wie später wohl nur Beethoven und Wagner. Diese Chansons werden mit einem neuen Text von Christoph Hein konfrontiert.
Die Uraufführung singen dessen Lebenspartnerin, die Sopranistin Maria Husmann, und das Leipziger Ensemble Amarcord. Das Herrenquintett erreicht dabei eine größtmögliche Flächigkeit im Sinne von absoluter Musik, sagen Experten, welche die Partitur kennen.
So klingt schöne Musik, könnte man auch sagen. Zimmermann spricht lieber von „Musik, die das Weltverstehen im Fühlen und Denken unterstützt“. Recht hat er. Die komponierten Dissonanzen vieler Kollegen haben sich totgelaufen und dem Publikum die Moderne lange genug vergällt. Beim Bayerischen Rundfunk jedenfalls weiß man, was Zimmermann in den vergangenen 15 Jahren geleistet hat. Zum Abschluss seiner Amtszeit erhält er die Goldene BR-Medaille.
Mehr Zeit für die Noten - nachdem der Cellist Jan Vogler 2009 Udo Zimmermann nach dessen zwölfjähriger Komponierpause zu einem ergreifenden Konzert überreden konnte, denkt der Altmeister wieder stärker in Tönen. Er dirigiert auch wieder. Die Geigerin Elena Denisova hat ein Violinkonzert bestellt. Und intensiver als früher beschäftigt ihn ein Musiktheater-Projekt. In Oper war er einst groß - seine letzte kam 1986 heraus.
In seinem Kopf geistert derzeit ein altes Projekt herum: eine Oper nach dem Max-Frisch-Roman „Mein Name sei Gantenbein“. Der Stoff über einen Mann, der die Identitäten wechselt, ist faszinierend. „Ein Sehender spielt den Blinden - was für ein komödiantischer wie philosophischer Kosmos öffnet sich da“, sagt er. Wer weiß, ob es diesmal wird? Udo Zimmermann kann nur nach enormer geistiger Vorarbeit schreiben: „Ich werde doch nichts wiederholen, wo schon alles mal komponiert ist. Ich suche noch nach dem Schlüssel zur Tür, die mich zu neuen Musikgrenzen und -möglichkeiten führt.“



Dresdner Neueste Nachrichten 25./26.6.2011

Auf dem Weg zur Denkwerkstatt?
Das 15-jährige Bestehen der Sächsischen Akademie der Künste ist vom Blick nach vorn geprägt


Michael Bartsch

Die Grund-Gesetzgebung der ersten Legislaturperiode war abgeschlossen, die Luftschlösser wie Kurt Biedenkopfs gewaltige Kulturstiftung vom Zeitenwind verweht, da konnte das stolze Sachsen daran gehen, sein künstlerisches Renommee auch institutionell zu repräsentieren. Was Berlin, München, Stuttgart und andere können, vermag Dresden erst recht! Es war ein weiter Weg vom Heros Akademos und dem ihm geweihten Hain bei Athen, der Platons Philosophenschule seinen Namen gab, über den geradezu inflationären Akademiebegriff bis hin zur Sächsischen Akademie der Künste. Eine Akademie, deren Aufgabe nach dem Gesetz von 1994 darin besteht, „die Kunst zu fördern, Vorschläge zu ihrer Förderung zu machen und die Überlieferungen des traditionellen sächsischen Kulturraums zu pflegen.“ An diesem Wochenende blickt sie auf 15 Jahre ihres Bestehens zurück und will sich über ihre künftige Ausrichtung verständigen. Gefeiert wird nicht im Blockhaus am Neustädter Markt, sondern im Landtagsplenarsaal. „Damit einige junge Abgeordnete mal das Staunen lernen, was in den neunziger Jahren so alles gegründet wurde“, wird hinter vorgehaltener Hand geflachst.
Es dauerte damals rund zwei Jahre, bis der Kultursenat die 30 Gründungsmitglieder vorgeschlagen hatte und die Akademie arbeitsfähig wurde. Mit Sarah Kirsch befand sich eine einzige Frau unter diesen Auserwählten, und schon damals lag der Altersdurchschnitt bei 59 Jahren. Heute liegt er noch rund zehn Jahre höher. „Wir sind keine Jugendherberge“, lächelt der scheidende Präsident Prof. Udo Zimmermann und verweist auf die Verdienste, die man nun einmal erworben haben muss, um in die Akademie kooptiert zu werden. 50 ordentliche Mitglieder musste die Akademie anfangs durch Zuwahlen erreichen, um eine Satzung verabschieden und ihre Organe einrichten zu können. Die zunächst begrenzte Zuwahl von Mitgliedern ist inzwischen zugunsten jüngerer Mitglieder geöffnet worden. Sie versammeln sich in fünf Klassen: Baukunst, Bildende Kunst, Darstellende Kunst und Film, Literatur und Sprachpflege sowie Musik. Im ersten Gesetzentwurf hatte man den Film noch vergessen, und bis heute fristet er ein Schattendasein in der Akademie.
Die Namen der Mitglieder, von denen hier niemand herausgehoben werden soll, nötigen allemal Respekt ab. Von einem solchen Zusammenschluss kann man geballte Intellektualität und künstlerische Spiegelkraft erwarten. Dennoch bleiben die von der Akademie ausgehenden Kraftvektoren über den Gründungsimpuls hinaus bis heute seltsam unbestimmt, sucht die Akademie immer noch ihre Rolle im gesellschaftlichen Diskurs. Die ist ihr vom Gesetz nicht zugewiesen, und anders als der Sächsische Kultursenat verfügt sie nicht über eine erklärte Beratungskompetenz für die Politiker des Freistaates. Diesen Passus strich der Landtag aus dem ersten Gesetzentwurf der Staatsregierung. Was die Akademie nicht gehindert hat, zu konkreten städtebaulichen Vorhaben gerade in Dresden sehr brisant und entschieden Stellung zu nehmen, etwa zum Neumarkt oder zum Konzerthaus, oder sich in die Haushaltberatungen des vorigen Herbstes einzumischen. Welches Gewicht das mahnende und gründlich reflektierende Wort hat, bleibt freilich spekulativ. „Von innen nach außen wirken“, beschreibt Udo Zimmermann die Aktivitäten der Akademie. In der Tat ist eine Akademie der Künste auch ein Ort der Selbstverständigung, des Austausches untereinander und des Lernens voneinander. „Societät“ ist ein gern gebrauchter Begriff im Blockhaus.
Die Akademie ist eine Art interdisziplinäre Mittlerin zwischen künstlerischer Produktion sowie ihrer Rezeption und Interpretation“, wird Kunstministerin Prof. Sabine von Schorlemer (parteilos) am Abend in ihrer Festansprache sagen. Daraus wächst das nach außen sichtbare Engagement in aktuellen Fragen, die Mitwirkung an dem, „was öffentliches Bewusstsein konstituiert“, so Udo Zimmermann. Davon hätte das Ministerium allerdings gern mehr gesehen. Am 6. Dezember des Vorjahres gab es ein Treffen des Senats mit der Ministerin, in dem statt einer wachsenden Veranstaltungsbreite eine Konzentration auf Zukunftsthemen erwartet wurde. Hier soll die Akademie nun doch als Denkwerkstatt und Beraterin agieren. Von einer „Kulturalisierung des Wandels“ spricht der langjährige Akademiesekretär Klaus Michael. Innovative Kräfte haben es schwer. Das Kulturraumgesetz versucht eher Bestehendes zu retten, die Möglichkeiten der Kulturstiftung sind begrenzt. Nun gibt es zwar auch in der Akademie starke Beharrungskräfte. Runde Geburtstage großer Geister der Vergangenheit inspirieren zu Projekten, von denen das im Gedenken an den 400. Geburtstag des Barockdichters Paul Fleming vielleicht das spektakulärste war. Aber ebenso wenig wie Innen- und Außenwirkung einen unüberbrückbaren Gegensatz bilden, können Retrospektive und Zeitgenossenschaft gegeneinander ausgespielt werden. Bewahrendes und die viel zitierte „Diskurs- und Arbeitsakademie“ bilden ein dialektisches Paar. Am deutlichsten erscheint die Einmischung in akute Probleme bei der Klasse Baukunst. Städtebauliche Beratung hat es nicht nur in Dresden, Hoyerswerda und Sachsen gegeben, sondern in Ost-und Südosteuropa bis ins ferne Kiew. Der Blick über den Tellerrand und die Vernetzung der Akademie in europäischen Dimensionen haben sich besonders in der sechsjährigen Präsidentschaft von Prof. Ingo Zimmermann erweitert. Wie überhaupt der im Gesetz genannte Kulturraum längst weiter als das Territorium des Freistaates gefasst wird. Tagungen in Altenburg oder Weimar erschließen den mitteldeutschen Raum, wobei es in Sachsen-Anhalt und Thüringen, die keine eigene Akademie unterhalten, noch ein weites Feld zu bestellen gibt.
Das führt auf ein Problem, das Udo Zimmermann von seinem Bruder Ingo übernommen hat und keiner Lösung entgegensieht. Gemeinsam mit der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig sollte eine „Junge Akademie" eingerichtet werden, die nicht nur der Verjüngung, sondern auch der intensiveren Kommunikation über Zukunftsfragen dienen soll. Sie wäre Bestandteil der so genannten zweiten Ausbaustufe der eigentlich auf Wachstum angelegten Akademie. Dafür aber wird es nicht mehr Geld als die gegenwärtig rund 280 000 Euro geben, mit der die Akademie neben den Sachkosten ganze eineinhalb Stellen finanzieren kann. Ein lange beklagtes finanzielles Limit, das zu erwähnen Udo Zimmermann allmählich leid ist.
Der angestrebte Wandel von einer repräsentativen zu einer mehr diskursiven Akademie aber kostet zunächst kein Geld. Dazu gehört beispielsweise eine geplante kulturpolitische Reihe vor dem Hintergrund des demografischen und des sozialen Wandels. Für einen Anachronismus in der Satzung hält Sekretär Klaus Michael die Unterscheidung zwischen ordentlichen Mitgliedern, für die die deutsche Staatsbürgerschaft Voraussetzung, ist, und den korrespondierenden Mitgliedern. Die Gründung einer neuen Klasse „Film und Medienkunst“ wird diskutiert. Die Kontakte nach Polen, in die Ukraine oder nach Kroatien sollen ausgebaut werden. Als Favorit für die am heutigen Sonnabend anstehenden Wahlen zur Präsidentschaft und für den Senat gilt der Dirigent und Musikwissenschaftler Peter Gülke. Den älteren Dresdnern als Kapellmeister an der Staatsoper noch gut in Erinnerung, kann Gülke trotz seiner 77 Jahre als hellwach, innovativ und vital beschrieben werden. Zweiter Kandidat ist der Chemnitzer Operndirektor Michael Heinicke. Mit ein bisschen Nachdruck hat der langsamer werdende Udo Zimmermann auf eine erneute Kandidatur verzichtet. Neben anderen Kompositionsaufträgen will er sich dem mindestens 15 Jahre gärenden Projekt widmen, auf Max Frischs Identitätsroman „Mein Name sei Gantenbein“ eine Oper zu komponieren. Die Akademie aber werde immer seine „ferne Geliebte“ bleiben, betont der scheidende Präsident sichtlich gerührt.



Dresdner Neueste Nachrichten 27.6.2011

Peter Gülke neuer Akademiepräsident

(DNN) Die Sächsische Akademie der Künste hat auf ihrer Mitgliederversammlung am Sonnabend in Dresden wie erwartet den Dirigenten und Musikwissenschaftler Peter Gülke zum neuen Präsidenten gekürt. Er folgt Udo Zimmermann, der nach dreijähriger Tätigkeit aus dem Amt scheidet. Neuer Vizepräsident ist der Komponist und langjährige Rektor der Hochschule für Musik Dresden Wilfried Krätzschmar. Gülke war unter anderem Kapellmeister der Staatsoper Dresden und Lehrbeauftragter an der Hochschule für Musik Dresden, bevor er Generalmusikdirektor am Deutschen Nationaltheater Weimar wurde. Er lebt in Berlin.
Neuer Sekretär der Klasse Baukunst ist der Berliner Stadtplaner Engelbert Lütke Daldrup, Stellvertreter der Leipziger Architekt Andreas Wolf. In der Klasse Bildende Kunst wurden Wolfgang Holler, Generaldirektor der Museen der Klassik Stiftung Weimar, als Sekretär und der Dresdner Künstler Jürgen Schön als Stellvertreter bestätigt. Die Klasse Darstellende Kunst und Film wird geschäftsführend von Michael Heinicke, Operndirektor Chemnitz, und der Regisseurin Annette Jahns geleitet. In der Klasse Literatur und Sprachpflege wird der Hallenser Romancier und Lyriker Wilhelm Bartsch neuer Sekretär, Stellvertreterin die sorbische Dichterin Ró¾a Doma¹cyna. Jörn Peter Hiekel leitet weiterhin die Klasse Musik, neuer Stellvertreter wird der Komponist Manos Tsangaris.



Sächsische Zeitung 27.6.2011

Besser investieren statt subventionieren
Die Sächsische Akademie der Künste feierte Jubiläum und wählte Peter Gülke zum neuen Präsidenten


Wolfgang David

Jubiläumsveranstaltungen sind, wie sie sind. Der täppische Satz will einer Wertung nicht ausweichen, sondern sagen: Das, was am Sonnabend im Plenarsaal des Sächsischen Landtags stattfand, hat so ähnlich jeder schon einmal erlebt. Man eröffnet, spult Titulaturen ab, blickt auf die Anfänge zurück, dankt Weggefährten, rühmt Erreichtes, beschreibt Versäumnisse als zu Vollbringendes. Es gibt Überschneidungen und Leerlauf und zwischendurch Kunst. So sind Rituale - wer sie nicht mag, gehe ihnen aus dem Weg.
Doch die Jubiläumsmaschinerie zum 15. Jahrestag der Sächsischen Akademie der Künste produzierte nicht nur Festtagsroutine. Ex-Ministerpräsident Kurt Biedenkopf bedauerte, dass Kunst aus dem öffentlichen Bereich zunehmend ins Private abgedrängt werde, während die Ökonomie im selben Tempo nachrücke. Staunend hörte man, dass sich nicht nur die Akademie, sondern auch die Politik gegen diese Entwicklung gestemmt hätte.
Wer es erlebte, fand eher, dass die schleichende Privatisierung der Kosten von Kunst politisch gewollt war - und ist. Wird sich das ändern? Von allein sicher nicht. Demografische Trends, das Auslaufen des Solidarpaktes und der Rückgang der EU-Förderung werden laut Wissenschafts- und Kunstministerin Sabine von Schorlemer den Freistaat nicht reicher machen. Man müsse überlegen, wie das Bestehende dennoch zu erhalten sei.
Zuweilen durfte gelacht werden. Friedrich Wilhelm Junge trug eine Ballade Friedhelm Kändlers vor, die zwei Volksmärchen in eine urkomische Pointe münden lässt. Um in die Akademie aufgenommen zu werden, muss man sich vorschlagen lassen; Selbstanbieter weist sie zurück. Doch sei es, erinnert der Lyriker Richard Pietraß, nicht verboten, eine zu gründen: Wenn einem „der Kamm schwillt“, könne man sie einberufen.
Von einem speziellen Humor zeugte der Auftritt Peter Gülkes, Nachfolger Udo Zimmermanns im Präsidentenamt. Da knapp zwei Stunden vergangen seien, wisse er, was das Publikum denke: „Wann hört er endlich auf?“ Unter dem Druck dieser Erwartung, so der namhafte Musikwissenschaftler und Dirigent, wolle er sich kurz fassen - was er daraufhin fast 45 Minuten lang tat. Sein Schlusssatz indes von unschlagbarer Prägnanz: Entsetzlich sei es, in Bezug auf Kunst von Subventionen zu sprechen. Investitionen müsse es heißen.
Verspielt gab sich der Kunsthistoriker Wolfgang Holler. Nach einer Würdigung von Leibniz als Vordenker der Akademie-Idee lässt Holler die Zuhörer wissen, dieser habe sogar über die Bezahlung des Präsidenten nachgedacht. Statt einer Aufwandsentschädigung habe Leibniz das Salär eines Spitzenbeamten vorgesehen und das Geld von diversen Steuern abzweigen wollen. Der Einfall lasse sich aktualisieren: Warum nicht den Nutzern der Waldschlößchenbrücke Brückenzoll abknöpfen?
Peter Gülke, Dirigent, Musikwissenschaftler und Musikschriftsteller ist neuer Präsident der Sächsischen Akademie der Künste, die er vor 15 Jahren mit gründete. Gülke, geb. 1934 in Weimar, leitete diverse Orchester. Er war u. a. Kapellmeister der Staatsoper Dresden und GMD der Staatskapelle am Deutschen Nationaltheater Weimar. 1983 hatte er die DDR verlassen. Jetzt lebt er in Berlin.



Dresdner Neueste Nachrichten Online 27.6.2011

25.000 Euro für nachhaltiges Bauen: Frank Zimmermann gewinnt Architekturpreis

Leonie Born

Dresden. Der Gewinner des diesjährigen Gottfried Semper Architekturpreises steht fest: Das fünfköpfige Kuratorium aus Vertretern der Sächsischen Akademie der Künste, der Sächsischen Landesstiftung Natur und Umwelt und des Energieunternehmens Vattenfall hat am Montag Frank Zimmermann zum Sieger gekürt.
Alle zwei Jahre wird mit dem Gottfried Semper Architekturpreis eine Architektenpersönlichkeit gewürdigt, deren Arbeit sich durch besondere Qualitäten ökologischen Bauens auszeichnet. Den Preis, der mit 25.000 Euro dotiert ist, nimmt Zimmermann am 20. Oktober auf Schloss Wackerbarth in Radebeul entgegen.
Der 1959 in Schwerin geborene Architekt fiel 2002 mit dem spektakulären Rückbau eines elfgeschossigen Hochhauses in Plattenbauweise auf: Aus den wieder verwendbaren Bauelementen konstruierte er in Cottbus zwei- und dreigeschossige Mehrfamilien-Würfelhäuser. Die umfangreiche Weiterverwendung vorhandener Betonfertigteile und Ausstattungen ermöglichte einen sparsamen Ausbau. „Aus Sicht der Sächsischen Akademie der Künste erfüllt der Preisträger die drei Grundpfeiler gelungener Architektur: Ästhetik, Funktion und Wirtschaftlichkeit", begründete Professor Carlo Weber als Mitglied die Entscheidung des Kuratoriums.
Demografischer Wandel, Stadtschrumpfung und Beseitigung von überschüssigen Wohnungen- Zimmermann befasst sich in seinen Arbeiten nach Angaben der Jury seit mehr als einem Jahrzehnt mit dem Aufgabenfeld des nachhaltigen Bauens. Sein besonderes Interesse gilt dabei dem industriellen Massenwohnungsbau der DDR, dessen Produkte er einmal als „zu früh bezogene Rohbauten“ bezeichnete, die heutzutage durchaus mithilfe von ästhetischen Aufwertungen und technischen Modernisierungen als Wohnwelten taugten.
Auch in seinen anderen Arbeiten bewies der Architekt seine Phantasie für den Erhalt alter Bauten: So verwandelte er etwa im Jahre 2006 eine militärische Fahrzeughalle in eine Probebühne des Cottbuser Staatstheaters.



Bild Online 27.6.2011

Semper Architekturpreis für Frank Zimmermann

Dresden (dpa/sn) - Der aus Schwerin stammende Architekt Frank Zimmermann erhält den mit 25.000 Euro dotierten Gottfried Semper Architekturpreis 2011. Mit der Auszeichnung werde Zimmermanns Umgang mit dem industriellen Massenwohnungsbau der DDR gewürdigt, teilte die Sächsische Akademie der Künste nach der Entscheidung des Kuratoriums am Montag in Dresden mit. Die Plattenbauten habe der 1959 Geborene als „zu früh bezogene Rohbauten“ bezeichnet, die nur einer nobleren Fertigstellung bedürften, um als heutige Wohnwelten zu taugen. Mit seiner Arbeit erfülle er Ästhetik, Funktion und Wirtschaftlichkeit und damit die drei Grundpfeiler gelungener Architektur, wurde die Wahl begründet.



Sächsische Zeitung Online 27.6.2011

Semper Architekturpreis für Frank Zimmermann

(dpa) Der aus Schwerin stammende Architekt Frank Zimmermann erhält den mit 25.000 Euro dotierten Gottfried Semper Architekturpreis 2011. Mit der Auszeichnung werde Zimmermanns Umgang mit dem industriellen Massenwohnungsbau der DDR gewürdigt, teilte die Sächsische Akademie der Künste nach der Entscheidung des Kuratoriums am Montag in Dresden mit. Die Plattenbauten habe der 1959 Geborene als «zu früh bezogene Rohbauten» bezeichnet, die nur einer nobleren Fertigstellung bedürften, um als heutige Wohnwelten zu taugen. Mit seiner Arbeit erfülle er Ästhetik, Funktion und Wirtschaftlichkeit und damit die drei Grundpfeiler gelungener Architektur, wurde die Wahl begründet.
Zimmermann machte sich mit dem Rückbau eines Plattenbau-Hochhauses einen Namen. Aus den wiederverwendbaren Bauelementen konstruierte er drei- und zweigeschossige Mehrfamilien-Würfelhäuser. Außerdem baute der in Cottbus tätige Architekt eine alte Fabrik zum Behördenzentrum, eine DDR-Plattenbauschule zum Sportgymnasium und eine militärische Fahrzeughalle zur Probebühne eines Theaters um.
Der Semper Architekturpreis wird seit 2007 von der Akademie und der Landesstiftung Natur und Umwelt für herausragende Leistungen beim umweltverträglichen Bauen vergeben. Stifter ist der Energiekonzern Vattenfall Europe. Die Auszeichnung wird am 20. Oktober in Radebeul verliehen.



Kunstmarkt.com 27.6.2011

Frank Zimmermann mit Gottfried Semper Architekturpreis 2011 ausgezeichnet

Johannes Sander

Der Gottfried Semper Architekturpreis geht in diesem Jahr an den ostdeutschen Architekten Frank Zimmermann. Das gab das Kuratorium des Preises, das sich aus Vertretern der Sächsischen Akademie der Künste, der Sächsischen Landesstiftung Natur und Umwelt und des Energieunternehmens Vattenfall zusammensetzt, heute bekannt. Die Auszeichnung würdigt eine bundesweit ausgewiesene Architektenpersönlichkeit, deren Werk sich durch besondere Qualitäten nachhaltigen Bauens auszeichnet. Diesen Anspruch erfüllte Zimmermann nach Ansicht der Jury unter anderem mit dem Rückbau eines elfgeschossigen Plattenbaus und der Wiederverwendung der Materialien beim Neubau zwei- und dreigeschossiger Mehrfamilienhäuser im Jahr 2002. Damit habe der 1959 in Schwerin geborene Architekt „die drei Grundpfeiler gelungener Architektur: Ästhetik, Funktion und Wirtschaftlichkeit" erfüllt, so Architekt und Hochschullehrer Carlo Weber, Mitglied des Kuratoriums.
In seinem Werk widmet sich Frank Zimmermann den Problemen des demografischen Wandels, schrumpfender Städte und der aus diesen Entwicklungen resultierenden Beseitigung überschüssiger Wohnungen. Stets spielen dabei der Erhalt und die Wiederverwendung vorhandener Bausubstanz eine große Rolle, nicht allein aus denkmalpflegerischen als vielmehr aus ökologischen und ökonomischen Gründen. Auch die vielgeschmähten Plattenbauten der Ex-DDR werden durch Zimmermann neu gewürdigt. Er bezeichnete sie als „zu früh bezogene Rohbauten", die lediglich einer ästhetisch ansprechenderen und technisch reiferen Fertigstellung bedürften, um auch heute noch als Wohnwelten zu taugen. Zu Zimmermanns bekanntesten Projekten gehört der Umbau einer militärischen Fahrzeughalle zur Probebühne für das Staatstheater Cottbus im Jahr 2006. In der südostbrandenburgischen Stadt lebt und arbeitet Zimmermann heute.
Der Gottfried Semper Architekturpreis wird seit 2007 vergeben und ist mit 25.000 Euro dotiert. Stifter ist der Energiekonzern Vattenfall Europe. Bisherige Preisträger waren zunächst Erich Schneider-Wessling und 2009 Günter Pfeifer. Die Auszeichnung an Zimmermann wird am 20. Oktober auf Schloss Wackerbarth bei Dresden stattfinden.



Medienservice Sachsen 27.6.2011

Eine Chance für die „Platte"?
Frank Zimmermann wird mit dem Gottfried Semper Architekturpreis 2011 ausgezeichnet


Das Kuratorium des Gottfried Semper Architekturpreises aus Vertretern der Sächsischen Akademie der Künste, der Sächsischen Landesstiftung Natur und Umwelt und des Energieunternehmens Vattenfall hat heute den Architekten Frank Zimmermann zum Preisträger des Gottfried Semper Architekturpreises 2011 bestimmt.
Mit dem Gottfried Semper Architekturpreis wird eine bundesweit ausgewiesene Architektenpersönlichkeit gewürdigt, deren Werk sich durch besondere Qualitäten nachhaltigen Bauens auszeichnet. Der Preis wird alle zwei Jahre von der Sächsischen Akademie der Künste mit der Sächsischen Landesstiftung Natur und Umwelt (LaNU) und Vattenfall Europe Mining AG und Vattenfall Europe Generation AG (Stifter) vergeben und ist mit 25.000 Euro dotiert. Auch in Zukunft wird Vattenfall, so der Vorstandsvorsitzende der Bergbau- und Stromerzeugungssparte Dr. Hartmuth Zeiß, als Stifter dieses signifikanten Preises auftreten. „Ökologie und Nachhaltigkeit sind Themen der Zeit denen wir als Unternehmen versuchen gerecht zu werden."
Der diesjährige Preisträger Frank Zimmermann hat sich mit dem spektakulären Rückbau eines 11-geschossigen Hochhauses in Plattenbauweise einen Namen gemacht: Aus den wiederverwendbaren Bauelementen konstruierte er drei- und zweigeschossige Mehrfamilien-Würfelhäuser. Demografischer Wandel, Stadtschrumpfung, Beseitigung von überschüssigen Wohnungen sind das Aufgabenfeld, dem sich der 1959 in Schwerin geborene Architekt seit mehr als einem Jahrzehnt verpflichtet sieht.
Ob bei der Umnutzung einer alten Fabrik zum Behördenzentrum Peitz, bei der Erweiterung einer DDR-Typenschule zu einem Sportgymnasium (Cottbus 2006) oder bei der Verwandlung einer militärischen Fahrzeughalle zur Probebühne des Cottbuser Staatstheaters – der Phantasie für den Erhalt alter Baulichkeiten sind offenkundig keine Grenzen gesetzt.
Sein zentrales Interessen- und Aufgabenfeld fand und findet Zimmermann allerdings im Umgang mit dem industriellen Massenwohnungsbau der DDR, dessen Produkte er einmal als „zu früh bezogene Rohbauten" bezeichnete, die eigentlich nur eines nobleren Finishs bedurften, um als Wohnwelten auch für heute zu taugen. „Aus Sicht der Sächsischen Akademie der Künste erfüllt der Preisträger die drei Grundpfeiler gelungener Architektur: Ästhetik, Funktion und Wirtschaftlichkeit (Nachhaltigkeit)", so Professor Carlo Weber, Mitglied des Kuratoriums.
Eine Chance für die „Platte" also? Durch funktionale Anpassungen, urbane Vervielfältigungen, technische Modernisierungen und ästhetische Aufwertungen will Frank Zimmermann auch dem industriellen Massenwohnungsbau seinen legitimen Platz im Repertoire städtischer Wohnformen zuweisen. Solange Plattenbauten lediglich als „Rückbaureserve“ gelten, geht der Blick für die globale Dimension des Problems verloren. „Denn die globale Dimension ist eine ökologische und soziokulturelle“, so Dietmar Kammerschen, Stiftungsdirektor der Sächsischen Landesstiftung Natur und Umwelt, „und auch die Bausubstanz der Moderne ist Ressource!“
Der Gottfried Semper Architekturpreis 2011 wird am 20. Oktober 2011 auf Schloss Wackerbarth in Radebeul verliehen.



Dresdner Neueste Nachrichten 28.6.2011

Gewiefter Modernisierer der Platte
Frank Zimmermann erhält den Semper-Architekturpreis


(dpa) Der aus Schwerin stammende Architekt Frank Zimmermann erhält den mit
25.000 Euro dotierten Gottfried Semper Architekturpreis 2011. Mit der Auszeichnung werde Zimmermanns Umgang mit dem industriellen Massenwohnungsbau der DDR gewürdigt, teilte die Sächsische Akademie der Künste gestern nach der Entscheidung des Kuratoriums in Dres-den mit. Die Plattenbauten habe der 1959 Geborene als „zu früh bezogene Rohbauten“ bezeichnet, die nur einer nobleren Fertigstellung bedürften, um als heutige Wohnwelten zu taugen. Mit seiner Arbeit erfülle er Ästhetik, Funktion und Wirtschaftlichkeit und damit die drei Grundpfeiler gelungener Architektur, wurde die Wahl begründet. Zimmermann machte sich mit dem Rückbau eines Plattenbau-Hochhauses einen Namen. Aus den wiederverwendbaren Bauelementen konstruierte er drei- und zweigeschossige Mehrfamilien-Würfelhäuser. Außerdem baute der in Cottbus tätige Architekt eine alte Fabrik zum Behördenzentrum, eine DDR-Plattenbauschule zum Sportgymnasium und eine militärische Fahrzeughalle zur Probebühne eines Theaters um. Der Semper Architekturpreis wird seit 2007 von der Akademie und der Landesstiftung Natur und Umwelt für herausragende Leistungen beim umweltverträglichen Bauen vergeben. Stifter ist der Energiekonzern Vattenfall Europe. Die Auszeichnung wird am 20. Oktober in Radebeul verliehen.



Lausitzer Rundschau 28.6.2011

Semper-Preis für Cottbuser Architekten

Der Cottbuser Architekt Frank Zimmermann wird mit dem Gottfried Semper Architekturpreis 2011 ausgezeichnet. Mit diesem Preis wird ein Architekt gewürdigt, deren Werke sich durch nachhaltiges Bauen auszeichnen.
Zimmermann hat sich mit dem spektakulären Rückbau eines Elfgeschossers in Plattenbauweise einen Namen gemacht. Aus den wiederverwendbaren Bauelementen konstruierte er Mehrfamilien-Würfelhäuser. In Peitz entstand durch die Umnutzung einer alten Fabrik ein Behördenzentrum, aus einer militärischen Fahrzeughalle in Cottbus wurde die Probebühne des Staatstheaters. Der Preis wird alle zwei Jahre von der Sächsischen Akademie der Künste mit der Sächsischen Landesstiftung Natur und Umwelt und Vattenfall Europe Mining und Generation AG vergeben.



Sächsische Zeitung 28.6.2011

Eine Chance für die Platte
Frank Zimmermann aus Cottbus erhält den Semper Architekturpreis 2011


Dresden. Stadtschrumpfung, Wohnungsrückbau und demografischer Wandel sind das Aufgabenfeld des Cottbuser Architekten Frank Zimmermann. Einen Namen machte sich der 1959 in Schwerin geborene Zimmermann mit dem Rückbau eines Elfgeschossers in Cottbus. Aus den Betonelementen konstruierte er zwei- und dreigeschossige Mehrfamilien-Würfelhäuser. Den Massenwohnungsbau der DDR beschreibt der Architekt als „zu früh bezogene Rohbauten“. Zimmermann baute eine alte Fabrik in Peitz zum Behördenzentrum um, erweiterte in Cottbus eine Plattenbauschule zum Sportgymnasium und verwandelte eine militärische Fahrzeughalle in die Probebühne des Cottbuser Stadttheaters. Sein Engagement für die „Platte“ wird nun mit dem mit 25.000 Euro dotierten Gottfried Semper Architekturpreis 2011 gewürdigt. Die Ehrung wird in Dresden alle zwei Jahre von der Sächsischen Akademie der Künste, der Sächsischen Landesstiftung Natur und Umwelt und dem Energieunternehmen Vattenfall an einen Architekten vergeben, dessen Werk besondere Qualitäten nachhaltigen Bauens aufweist. (SZ)



Baunetz 29.6.2011

Plattenbau als heutige Wohnwelt
Semper-Preis geht an Frank Zimmermann


Gottfried Semper wurde in Hamburg geboren und starb in Rom. Dennoch war er Sachse: Er erhielt 1834 die sächsische Staatsbürgerschaft, nachdem er dem sächsischen König Anton dem Gütigen den Untertaneneid geleistet hatte. Semper ist auch Namensgeber des Gottfried-Semper-Architekturpreises, der im Jahr 2011 an den Cottbuser Architekten Frank Zimmermann, Jahrgang 1959, verliehen wird. Der Preis ist mit 25.000 Euro dotiert. Mit der Auszeichnung wird Zimmermanns Umgang mit dem industriellen Massenwohnungsbau der DDR gewürdigt, teilte die Sächsische Akademie der Künste als Ausloberin mit.
Die Plattenbauten habe der Architekt als „zu früh bezogene Rohbauten" bezeichnet, die nur einer nobleren Fertigstellung bedürften, um als heutige Wohnwelten zu taugen. Mit seiner Arbeit erfülle er Ästhetik, Funktion und Wirtschaftlichkeit und damit die drei Grundpfeiler gelungener Architektur, begründete die Akademie.
Zimmermann machte sich mit dem Rückbau eines Plattenbau-Hochhauses einen Namen. Aus den wiederverwendbaren Bauelementen entwarf er drei- und zweigeschossige Mehrfamilien-Würfelhäuser. Außerdem baute er eine alte Fabrik zum Behördenzentrum, eine DDR-Plattenbauschule zum Sportgymnasium und eine militärische Fahrzeughalle zur Probebühne eines Theaters um. Die Auszeichnung wird am 20. Oktober in Radebeul verliehen.



Dresdner Neueste Nachrichten 18.7.2011

"(Un-?)Bewusste Auflösung"
Nachdenken über gesellschaftliches Bewusstsein angesichts von Bekundungen zur Auflösung eines Orchesters


Wilfried Krätzschmar

Was ist passiert, dass jemand kundtut, ein Orchester auflösen zu müssen und damit ein Kulturgut ersten Ranges aus unserer Mitte zu tilgen?
Haben wir Krieg? Aber im Krieg wurden keine Orchester aufgelöst. Glocken wurden eingeschmolzen, weil verbrecherische Typen anordneten, dass deren Material zweckvoller einzusetzen sei; mit messbarem Effekt, den ihr erbauliches Geläut nie hätte bringen können.
Haben wir Hungersnot? Aber in den bitteren Jahren nach Kriegsende wurden auch keine Orchester aufgelöst. Im Gegenteil: der Hunger nach Kunsterleben war von elementarer Unbedingtheit, im Bewusstsein der Bedeutung für ein menschenwürdiges Leben. Ist es die erreichte Sattheit, dass solches Hungergefühl kaum noch wahr oder ernst genommen wird? Haben wir Diktatur, wo verbrecherische Machthaber in einem ideologisch verbrämten System Orgeln zerstören ließen, die dank sogenannter zukunftsweisender Beschlüsse zusammen mit Kirchenbauwerken in die Luft gesprengt wurden?
Nein. Wir haben Demokratie, und alle Gewalt geht vom Volk aus.
Woher also kommt solcher Zwang? Dass jemand, der Verantwortung trägt zur Pflege der Kulturlandschaft, zu solch einem ausweglosen Schritt getrieben werden kann? –
Schlimmer, als eine Glocke einzuschmelzen – wenn man abgebrüht genug ist, diesen Vergleich überhaupt anzustellen. Unvergleichlich schlimmer, als eine Orgel zu zerschmettern – wo es sich doch hier um ein kostbares Instrument aus lauter Menschen handelt.
Ein Anhaltspunkt findet sich im Sprachgebrauch. Da ist immer wieder von Fusion die Rede, was erkennen lässt, dass ein Begriff davon, was ein Orchester wirklich ausmacht, offenbar nicht existiert. Wie wenig Einsicht in das Wesen des so hochkomplexen Kunstgebildes vorhanden ist, teilt sich nahezu demonstrativ in dem leichtfertigen Umgang mit der trügerischen Vokabel der Orchesterfusion mit. Eine Ahnungslosigkeit, die vielleicht bei einem eher durchschnittlichen Anspruch an Lebenskenntnis nicht sofort Anlass zur Sorge sein müsste, in jedem Fall aber in Bezug auf politische Entscheidungsfindungen. Für die daran Beteiligten hat nichts außer der restlosen Sachkenntnis zu gelten. (Man stelle sich vergleichbare Dispositionen an Kompetenz im Flugverkehr vor oder auch nur für das schiedsrichterliche Agieren auf dem Fußballfeld ...)
Auch wenn von einem Entscheidungsträger nicht zu erwarten ist, dass er über Sachkompetenz in allen Bereichen verfügt, für die er Verantwortung angenommen hat, so weist doch die Konstruktion unseres demokratischen Gefüges ausreichend Wege, sachkompetente Beratung in die Entscheidungen einfließen zu lassen.
Was ist also davon zu halten, wenn eine Scheinkategorie wie die der Orchesterfusion Eingang in die Denkmodelle konzeptioneller Perspektiven findet? Wo doch jeder sachkundigen Einsicht klar ist, dass man Orchester ebensowenig wie etwa Orgeln "fusionieren" kann?
Es lässt eigentlich nur den Schluss zu, dass diese Einsicht nicht gelungen oder aber nicht genehm, so oder so jedenfalls der beratende Weg zur Entscheidung ungenutzt geblieben ist. Insofern ist der nunmehr aufgetauchte Begriff der Auflösung wenigstens ehrlicher als die Fusionsbeschwichtigungen. Was allerdings an der Sache nichts bessert, und auch die Frage des Warum bleibt nach wie vor bestehen, begleitet von Begründungsszenarien, die nichts beantworten.
Zu denen gehört an erster Stelle die Behauptung einer Verbesserung. Sie gibt sich zukunftsweisend, mit Schlagworten wie Mobilität und Rationalisierungseffekt. Bei tiefergehender Prüfung erweisen sich jedoch überall Ungewissheiten, die fragen lassen, warum sie die bestehenden Gewissheiten ablösen sollen. Und selbst wenn die Prüfung der Konzepte positiv ausfiele, bleibt die Frage immer noch übrig, warum man dafür ein Orchester zerschlagen muss.
An zweiter Stelle stehen die Relativierungen. Es wäre alles doch nicht so schlimm gegenüber den ernsten Herausforderungen unserer Zeit, die eben auch zu anderen Prioritäten zwängen. Das darf eigentlich niemand, solange die Kriegs- und Nachkriegsgenerationen noch zuhören können, öffentlich aussprechen! –
Die Gewalten können ja auch nicht überzeugend benannt werden, die angeblich unvermeidbar zum Entsorgen von Kulturgut führen, und das als klug vorausschauenden Akt erscheinen lassen sollen.
Dann gibt es noch die Argumente der Sozialverträglichkeit – ein zynischer und hilfloser Begriff. Wen könnte man "sozialverträglich" dazu verurteilen, seiner Berufung nicht mehr nachzugehen? Und alle Abwägungen führen wieder zu der Frage am Schluss: Wieso muss dafür ein Orchester vernichtet werden? –
Eine maßgebende Kategorie scheint die des Gegenwertes zu sein. Die Denkmuster unseres Gemeinwesens sehen alle Erscheinungen als in Gegenwerten berechenbare Größen, jedes mit jedem aufrechenbar. Logisches Handeln lässt sich direkt aus den Bilanzen ableiten, ein pragmatisches Denken, aus dem die Kategorie der ideellen Größe getilgt ist. Das ist eine Umformung des Bewusstseins, die den Alltag zunehmend durchsetzt. –
Leicht ist es, hier kulturpessimistische Klagen anzustimmen; schwieriger, Auswege zu versuchen, weil dieses Bewusstsein aus dem Wohlstandsbefinden erwächst. Entschlüsse wachsen aus den Böden des Wohlstands, in einem von Sattheit geformten Denken, welches ideellen Schmerz nicht spürt, weil die Rezeptoren dafür verkümmert sind. Das ist Demenz, die den eigenen Zustand kritisch zu registrieren nicht in der Lage ist, weil das fortgeschrittene Stadium den Verlust just durch denselben nicht wahrnimmt.



Bild Online 14.10.2011

Semper-Architekturpreis für Cottbuser Baumeister

Dresden/Cottbus (dpa) - Der Cottbuser Frank Zimmermann erhält am 20. Oktober den Gottfried Semper Architekturpreis. Er ist mit 25.000 Euro dotiert und wird von der Sächsischen Akademie der Künste und der Landesstiftung Natur und Umwelt verliehen. Zimmermann habe sich mit einem spektakulären Rückbau eines elfgeschossigen Plattenbaus einen Namen gemacht, teilte die Stiftung am Freitag in Dresden mit. Aus den wieder verwendbaren Bauelementen habe er drei - und zweigeschossige Mehrfamilienhäuser konstruiert. „Solange Plattenbauten lediglich als Rückbaureserve gelten, geht der Blick für die globale Dimension des Problems verloren“, erklärte Stiftungsdirektor Dietmar Kammerschen. Geldgeber für den Preis ist der Energiekonzern Vattenfall.



Bild Online 20.10.2011

Semper-Architekturpreis an Cottbuser vergeben

Radebeul (dpa/sn) - Der Cottbuser Baumeister Frank Zimmermann erhält heute um 18.30 Uhr den Gottfried Semper Architekturpreis. Er ist mit 25.000 Euro dotiert und wird von der Sächsischen Akademie der Künste und der Landesstiftung Natur und Umwelt verliehen. Zimmermann habe sich vor allem mit dem spektakulären Rückbau eines elfgeschossigen Plattenbaus einen Namen gemacht, hieß es zur Begründung. Aus den wieder verwendbaren Bauelementen habe er zwei- und dreigeschossige Mehrfamilienhäuser in Form eines Würfels entworfen. Der Architekturpreis wird auf dem Radebeuler Staatsweingut Schloss Wackerbarth überreicht.



Sächsische Zeitung 20.10.2011

Adieu, Tristesse
Der Cottbuser Architekt Frank Zimmermann nutzt das Potenzial der Platte und erhält dafür heute den Gottfried Semper-Preis.


Birgit Grimm

Die Idee ist so einfach, dass sie genial ist. Man demontiere ein Hochhaus und konstruiere aus den ausgebauten Wänden neue Häuser mit neuen Grundrissen - kleiner, neuer, hochwertiger, barrierefrei. Der Architekt Frank Zimmermann hat das in Cottbus so gemacht Er meint: „Die Platte hat Potenzial, das man nutzen kann, und sie ist keinesfalls schlechter als vieles, was neu entsteht im Mietwohnungsbau für die breite Masse.“
Zimmermann stammt aus Schwerin und wuchs in einem Mietshaus auf, das in den 60er-Jahren gebaut wurde. Er weiß, wie klein ein Kinderzimmer sein kann. Dennoch verteidigt er die industriell gefertigten Bauten, die in der DDR in die Zentren mancher Orte gepflanzt wurden oder die als „Schlafregale“ am Rande der Großstädte aus dem Boden wuchsen, weil wenige Kilometer entfernt Industriegiganten ihre Arbeit aufnahmen - wie Schwarze Pumpe bei Hoyerswerda, Leuna bei Halle. Oder weil die Wohnungsnot groß war - wie in einer im Krieg zerbombten Stadt wie Dresden: „Damals war das eine Leistung. Heute ist der Begriff der Platte negativ besetzt wegen der Monotonie. Die Häuser sind zu hoch, zu lang, zu eintönig.“ Zimmermann bricht diese Monotonie - mit großem Erfolg und erhält dafür heute den mit 25.000 Euro dotierten Gottfried - Semper Architekturpreis. Der wird von der Sächsischen Akademie der Künste und der Sächsischen Landesstiftung Natur und Umwelt bereits zum dritten Mal vergeben. Gestiftet wird er vom Energieunternehmen Vattenfall. Bekommen haben ihn 2007 bereits Erich Schneider-Wessling und 2009 Günter Pfeifer. Das sind Architekten, die Herausragendes leisten in Baukultur und räumlicher Entwicklung. Architekten, die es genau nehmen mit nachhaltigen und ökologischen Bauen. Das gilt auch für den Cottbuser Frank Zimmermann, seine zwei Büro-Partner und sieben Mitarbeiter. Mitte der 90er Jahre gewann das Büro Zimmermann+Partner Architekten einen Wettbewerb für die Sanierung von bewohnten Hochhäusern in Cottbus. „Als wir die letzten drei Elfgeschosser sanieren wollten, war der Leerstand schon bei dreißig Prozent. Aber niemand wollte über Abriss reden“, erinnert sich der Architekt. Damals wehrten sich sogar Politiker dagegen. Unworte wie „Rückbaureserve“ als Synonym für Plattenbausiedlung waren noch nicht erfunden oder zumindest noch nicht in aller Munde. Den letzten unsanierten Elfgeschosser ließen die Architekten in seine Einzelteile zerlegen und aus den Betonelementen Drei- und Zweigeschosser errichten, in denen die Wohnungen sehr verschieden aussehen. „Insgesamt dreizehn Wohnungen, maximal drei pro Haus, von 45 Quadratmetern Größe bis hin zu einem zweigeschossigen Einfamilienhaus mit 105 Quadratmetern“, sagt Zimmermann. Man sieht den Häusern an, woraus sie sind: „Wir wollten, dass sie die Familie nicht verlassen, in der sie geboren sind.“ Diverse Belastungstests und Zertifizierungen waren zunächst nötig, denn die Betonplatten aus dem Wohnungsbau der DDR waren nach deutschem Baurecht nicht zugelassen. Nachhaltigkeit und clevere Lösungen für das Bauen im Bestand sind die Themen, an denen das Büro arbeitet. Zimmermann+Partner Architekten sanieren Schulen und nutzen Industriedenkmäler um wie die Biotürme der alten Kokerei in Lauchhammer. Sie haben eine Flugzeughalle zur Probebühne des Cottbuser Theaters umgebaut. Und für München entwarfen sie 125 Wohnungen mit dem Gedankengut des DDR-Plattenbaus: klare Struktur, klare Rasterung, hoher Vorfertigungsgrad, schnelle Bauzeit, kostengünstig. „Wenn man dennoch eine hohe Qualität in Konstruktion und Gestaltung herausarbeiten will, muss man sich als Architekt mit Bauherrn und Nutzern auf Augenhöhe begeben. Bauen wir .eine Schule, versuchen wir, die Sicht der Schüler einzunehmen. Bauen wir fürs Theater, sprechen wir mit Schauspielern, Sängern, Musikern. Wenn man dazu bereit ist, hat man eine Grundlage für. ein erfolgreiches Projekt gelegt.



Dresdner Neueste Nachrichten Online 25.10.2011

Ausstellung "Kunst im Werden" zeigt in der SLUB Dresden Arbeitsschritte von Mitgliedern der Akademieklasse Bildende Kunst

Lisa Werner-Art

Im Buchmuseum der Sächsischen Landesbibliothek - Staats- und Universitätsbibliothek (SLUB) ist wieder einmal eine interessante Kunstausstellung zu sehen. Sie - ihr Titel "Kunst im Werden" verrät es - will am Prozess des "Machens" teilhaben lassen. Die Idee dazu hatte der Bildhauer und Objektkünstler Jürgen Schön (Jg. 1956), seit 2002 Mitglied der Sächsischen Akademie der Künste. Im Jahr ihres 15. Gründungsjubiläums inspirierte er seine Kollegen der Klasse Bildende Kunst, Schritte ihres Schaffens sichtbar zu machen. In Ermangelung eigener Ausstellungsräume der Akademie stellen sich 18 namhafte Künstler mit Skizzen, Entwürfen, aber auch schriftlich Niedergelegtem über ihre Absichten oder gewonnene Eindrücke vor. Ergänzend werden Filme präsentiert, die einen Teil der Akademiemitglieder, darunter Strawalde und Max Uhlig, beim Arbeiten zeigen, einen Blick in ihre Ateliers gewähren und/oder ihre Ansichten zum künstlerischen Schaffen vermitteln.
Mit traditionellen Entwurfsskizzen, Skizzenbüchern, aber auch Materialsammlungen zeigen sich Künstler wie Wieland Förster, Carsten Nicolai, Günther Uecker, Max Uhlig, Jürgen Schön, Eberhard Göschel, Michael Morgner, Ralf Kerbach, Hartwig Ebersbach und Gerda Lepke. Wieland Försters (Jg. 1930, 1996 Gründungsmitglied der Akademie) Skizzen etwa mündeten direkt in Skulpturen: in die Bronze "Beginn 2000" und ins "Idol". Carsten Nicolai (Jg. 1965, seit 2002 Akademiemitglied) hat seine Materialsammlung "Anti Reflex" eingebracht, welche die Ausstellung in der Frankfurter Schirn (2005) vorbereitete. Ebenfalls der Vorbereitung einer Ausstellung (1989 in Chicago) diente Günther Uecker (Jg. 1930, seit 1996 Akademiemitglied) eine umfangreiche Zeichnungsfolge der Ruinen eines römischen Aquädukts, der Römersteine, im Zahlbachtal bei Mainz, die er in 47 Radierungen und eine Installation umsetzte. Von Max Uhlig (Jg. 1937, 1995/96 Akademiegründungsmitglied) entdeckt man neben entspannten Ölkreidezeichnungen vom Strandleben an der Außen-Alster Weinstockstudien aus Südfrankreich, die zu einigen der bekannten größeren Arbeiten führten. Bei Ulrich Lindner (Jg. 1938, Akademiemitglied seit 1998) scheint der Weg umgekehrt: Er benutzt "fertige" Fotografien. Teile dieser montiert er, fotografiert sie erneut, bearbeitet sie zu seinen Fotografiken.
Ausstellungsinspirator Jürgen Schön steuerte Skizzenbücher bei - jedes während einer Reise mit schnell, teils im Vorbeifahren wahrgenommenen Beobachtungen gefüllt. Eberhard Göschel (Jg. 1943, Akademiemitglied seit 1996) überrascht mit seinen Skizzenbüchlein: Sie zeigen unter anderem mit wenigen Strichen notierte Silhouettenvarianten von Dresden. Michael Morgner (Jg. 1942, Gründungsmitglied 1996) beteiligt den Betrachter am Entstehen des Künstlerbuches "Ecce Homo" (1994). Am Schluss lässt er aus Entwurfszeichnungen per Asphaltabklatsch von Radierplatten noch eigenständige Kunstwerke werden. Im gleichen Genre bewegt sich Ralf Kerbach (Jg. 1956, seit 2010 Akademiemitglied) mit seinen Skizzen für das Künstlerbuch "Porzellan", das zu Texten von Durs Grünbein entstand. Ein Leporello von Hartwig Ebersbach (Jg. 1940, Akademiemitglied seit 1996) dagegen dokumentiert im Nachhinein den Entstehungsprozess des Gemäldes "Regenbogenreiter Wuyi". Und Gerda Lepke benutzt eine gebundene Serie von Radierungen mit Arbeiterporträts von 1986 heute als Arbeitsblätter.
Mitunter bleibt die "Kunst im Werden" auch eine Option, die nur potenziell auf ein "fertiges" Kunstwerk hinausläuft. In diese Kategorie fällt etwa Thea Richters (Jg. 1945, Akademiemitglied seit 1998) Leporello "Harzduft", das auf Kindheitserfahrungen mit der Welt ihrer Großeltern beruht. Gleiches gilt für Cornelia Schleimes (Jg. 1953, seit 2000 Akademiemitglied) Bildtagebücher aus Kenia, in denen auch wunderbare Aquarell-Tuschzeichnungen der Tierwelt festgehalten sind. Vergleichbar damit ist auch das Tagebuch, das Gundula Schulze Eldowy (Jg. 1954, Akademiemitglied seit 2010) im Jahr 2004 in Peru führte und das unter anderem den Einfluss des amerikanischen Fotografen Robert Frank auf sie verdeutlicht. Osmar Osten (Jg. 1959, seit 2002 Akademiemitglied) wiederum füllt Skizzenhefte mit kleinen bildhaften Notaten und Texten, die manchmal an konkrete Poesie erinnern. Oft findet sich hier jener hintergründige Humor, der auch seine Malerei prägt.
Beispiele dafür, wie wenig Prätentiöses zum autonomen Kunstwerk werden kann, finden sich ebenso. Bei Strawalde (Jg. 1931, seit 1998 Akademiemitglied) scheiterte 1993, obgleich er zuvor den Darmstädter Kunstpreis erhalten hatte, die damit verbundene Ausstellung. Den Ärger darüber ar- beitete er am Katalog eines früheren Preisträgers (Parmiggiani) ab, schuf daraus über Jahre ein Künstlerbuch. Gotthard Graubner (Jg. 1930, Gründungsmitglied 1996) ist mit einem "Sickerbuch" (1964) vertreten, dessen Seiten flächig von den Farben überzogen sind. Walter Libuda (Jg. 1950, seit 1998 Akademiemitglied) hat reizvolle Minibuchobjekte geschaffen.
Wer seinen Eindruck von der "Kunst im Werden" vertiefen möchte, ist bei der Finissage am morgigen Mittwoch richtig, bei der Künstlerfilme gezeigt werden, und anschließend ein Gespräch mit Strawalde und Max Uhlig der Frage "Wo beginnt Kunst?" nachgehen soll.
Bis 5. November (verlängert), geöffnet Mo-Sa 8-18 Uhr
Finissage: 26. Oktober, 19 Uhr, Vortragssaal SLUB



Dresdner Neueste Nachrichten 22.11.2011

Musik wozu?
Symposion und Wandelkonzert


Wer mit Musik intensiv zu tun hat, weiß um deren Unverzichtbarkeit. Andererseits geht es im heutigen Kulturbetrieb oft wenig um die Entdeckung des Ungewohnten. Wird die Musik dadurch, zu dem degradiert, was schon Richard Wagner seinen Zeitgenossen vorhielt: zur bloßen Unterhaltung der Gelang weilten? Fragen wie diese diskutiert am Mittwoch das Symposion „Musik wozu?“, an dem namhafte Komponisten, Musikwissenschaftler sowie Kunsthistoriker beteiligt sind. Das von Jörn Peter Hiekel geleitete Symposion will nicht in erster Linie eine „Klagemauer“ errichten, sondern eher danach fragen, worin die Faszinationskraft jener Erfahrungen und Ausdrucksmöglichkeiten liegen kann, die wir mit heute komponierter Musik unterschiedlichster stilistischer Ausrichtung verbinden. Diese gemeinsame Veranstaltung der Musikhochschule und der Sächsischen Akademie der Künste ist nach vier Jahren Förderung durch die Kulturstiftung des Bundes zugleich eine Art Zwischenbilanz von KlangNetz Dresden das im nächsten Jahr, auch ohne Bundesförderung und dann in neuer Struktur, weitergeführt werden soll.
Am selben Abend wird das Symposionsthema in ungewöhnlicher Weise im Rahmen der erfolgreichen Reihe „Binationale Gesprächskonzerte“ aufgenommen. Denn in diesem Konzert mit dem Ensemble AuditivVokal unter Leitung von Olaf Katzer wird erstmals überhaupt das gesamte Blockhaus, der Sitz der Sächsischen Akademie der Künste, in unterschiedlichsten Räumen bespielt: Die aufgeführten Miniaturen von Manos Tsangaris verstehen sich als mobiles „Stationentheater“, das die Zuhörenden durch das ganze Haus wandeln lässt. Mit Sergej Newski wird zugleich einer der interessantesten russischen Komponisten der jüngeren Generation vorgestellt.