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Jiří Kolař erhält den Hans Theo Richter Preis 1999




Jiří Kolař © Hana Hamplová


Jiří T. Kotalik

Laudatio auf Jiří Kolař
zur Verleihung des Hans Theo Richter-Preises der Sächsischen Akademie der Künste am 15. September 1999 in der Deutschen Botschaft in Prag


Der Dichter und bildende Künstler Jiří Kolař gehört zu den vielseitigsten und anregendsten Persönlichkeiten der tschechischen modernen Kultur und ihrer Repräsentanten auf der Weltkunstszene. Er wurde am 24. September 1914 im südböhmischen Provitin als Sohn eines Bäckers geboren, der bald darauf nach Kladno umzog. Hier, an der Industrie-Peripherie Prags, verbrachte Jiří Kolař seine Kindheit und Jugend und erfuhr anschließend in zahlreichen Berufen die harte Schule des Lebens. Seine künstlerische wie menschliche Persönlichkeit wurzelt fest in der Atmosphäre der Vorkriegsavantgarde. Nach den ersten dichterischen Versuchen, zu denen auch einige 1937 im „Mozarteum“ ausgestellte Collagen zu zählen sind, entwickelte sich die Poetik Kolařs im Rahmen der berühmten „Gruppe 42“, wo er gemeinsam mit seinen Generationsgenossen auf eigenwillige Weise die Impulse des Surrealisnius und Zivilismus reflektierte. Kolařs dichterisches Schaffen, begonnen mit der „Sammlung Taufschein“, erfuhr seinen Höhepunkt kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, als er binnen weniger Jahre die Herausgabe einer Reihe von Gedichtsammlungen vorbereitete, von denen einige aufgrund der veränderten Verhältnisse nach dem Umsturz im Februar 1948 nicht mehr erscheinen konnten. Die insgesamt sechzehn Gedichtsammlungen Kolars gehören zu den Höhepunkten der tschechischen Poesie. Kolař schrieb außerdem zwei Theaterstücke, sieben Kinderbücher und arbeitete als Übersetzer.

In den fünfziger Jahren, als Jiří Kolař politisch verfolgt bzw. im Gefängnis war, schwieg er eine Zeit lang, um sich danach um so intensiver dem eigenen Werk zu widmen, das nun von einem definitiven Abschied vom Wort und von Experimenten mit evidenter, visueller und nonverbaler Poesie charakterisiert ist. Die Auffassung des bildnerischen Werks als Gegenstandsgedicht - im Geiste der Überzeugung des Künstlers, daß es „einmal möglich sein wird, aus allem ein Gedicht zu machen“ - findet ihren Höhepunkt schließlich in den Collagen, die zur ureigensten Domäne Kolařs wurden, zum Material seiner formalen Errungenschaften und zum Medium seiner Mitteilung. Das Ergebnis mehrere Jahrzehnte konzentrierter Arbeit stellte Kolař der Öffentlichkeit in einer bedeutenden Ausstellung vor, die im Jahre 1968 in der Spála-Galerie in Prag stattfand und zugleich den Weg Jiří Kolařs in die Welt, d. h. zu prestigeträchtigen Ausstellungen bildender Kunst und in führende Galerien der Welt öffnete. Erinnert sei nur an Kolars Beteiligung an der Weltausstelltung EXPO ‘67 in Osaka, an der X. Biennale Sao Paulo 1969, an der Biennale in Venedig 1990 und seine Ausstellungen im Guggenheim-Museum in New York, im Centre Pompidou, der Galerie Meght in Paris, im Nürnberger Institut für moderne Kunst, im Kunstverein in München und schließlich in der Galerie Schwarz in Mailand. Jiří Kolař ist in zahlreichen Anthologien der experimentellen Poesie vertreten, er hat etwa zwei Dutzend Buchtitel mit seinen Illustrationen begleitet und außerdem zahlreiche visuelle und Collagengedichte sowie Lithographien insbesondere in Deutschland und Frankreich publiziert. Sein Werk ist viele Male ausgezeichnet worden, so u. a. mit dem Gottfried-von-Herder-Preis im Jahre 1971, vor allem aber mit der Verleihung der höchsten staatlichen Auszeichnung seines Landes, dem Tomas-Garrigue-Masaryk-Orden.

Jiří Kolař wird heute bereits als ein Klassiker der Collage angesehen - eines Genres, dessen Genese mit den Anfängen der modernen Kunst zusammenhängt. Kolař ist es nicht nur gelungen, dieses Genre zu erneuern, sondern aus ihm eine eigenständige Disziplin der bildenden Kunst zu machen. Die Entwicklung und Ausdifferenzierung seiner Methoden hat der Künstler in seinem 1991 in Paris erschienenen Band Dictionnaire de Méthode beschrieben. Die Theoretiker und Historiker, die sich der Erläuterung und Analyse von Jiří Kolařs Schaffen widmen (einige von ihnen sind heute abend unter uns), stimmen darin überein, daß dazu die außergewöhnliche Originalität seiner Persönlichkeit, die nie erlahmende schöpferische Erfindungsgabe, die wunderbare Bildhaftigkeit und der fast musikalische Sinn für Variationen beigetragen haben. Die ewige Sehnsucht zu entdecken und zu experimentieren, brachte immer neue schöpferische Anregungen, die jedoch nie mechanisch und formal angewendet wurden, sondern immer mit der Betonung auf der Intensität der inneren Mitteilung und auf ihren konkreten Inhalt auf der Ebene des Symbols oder des epischen Geschehens. Für Jiří Kolař sind enormer Arbeitseinsatz, technische Bravour, aber vor allem eine fast animalische Freude am Schaffen, ironische Distanz und liebenswürdiger Humor bezeichnend.

Zur Zeit der „Normalisierung“ nach 1968 wird Jiří Kolař zur persona non grata, insbesondere nach seiner Mitunterzeichnung der Charta 77. Obwohl er damit (wenn auch beschränkte) Möglichkeiten hatte, im Ausland auszustellen und weiterhin Stipendienangebote wahrzunehmen (z. B. das Berliner Stipendium 1981), haben ihn die politischen Umstände schließlich doch gezwungen, 1982 das Land zu verlassen und nach Paris zu gehen. Entsprechend hat sich Kolařs weitere Ausstellungs- und Publikationstätigkeit fortan außerhalb seines Geburtslandes entwickelt, in dem von 1971 bis 1989 nicht eines seiner Bücher erschienen ist und keine einzige Ausstellung stattfand. Dies zeugt in bezeichnender Weise von Kolařs Unnachgiebigkeit und Kompromißlosigkeit in Sachen Kunst und Moral. In gewisser Weise steht die Person Jiří Kolařs für das komplizierte Ringen um die Erhaltung der mehrmals gewaltsam unterbrochenen Kontinuität mitteleuropäischer zivilisatorischer Entwicklung, indem er sich in Zeiten der Bedrohung der tschechischen Kultur programmatisch für einen aktiven Widerstand gegenüber ideologischer Willkür und falschen Wertorientierungen einsetzte.

Jiří Kolař, begabt mit Offenheit und der Fähigkeit, Menschen zusammenzubringen, wurde auf seinem Lebensweg von einer Reihe enger Freunde und Kollegen begleitet, vor allem von seiner Gattin, Frau Bela. Kolařs Einfluß blieb nicht auf den engen Kreis der Freunde aus dem „Café Slavia“ beschränkt; seine gedanklichen Anregungen und seine Haltung als Bürger fanden in überraschend weiten Kreisen mehrerer Generationen Widerhall und spielten eine bedeutende Rolle für die Entwicklung der tschechischen Kultur. Jiří Kolař hat als Anreger schöpferischen Denkens in Zeiten der totalitären Unbewegtheit großzügig junge Künstler unterstützt und ermutigt, hat als Ko-Editor bei der Samisdat-Edition „Hinter Schloß und Riegel" mitgewirkt und die „Revue K" herausgegeben, die in Paris das Schaffen tschechischer Künstler im Exil darstellte.

Jiří Kolař bleibt jedoch in erster Linie Dichter, der im Raum zwischen Bild und Wort seine individuelle Symbiose der Poesie und der bildenden Kunst entwickelt, die übrigens in der tschechischen modernen Kunst eine lange Tradition hat. Die Komplexität und qualitative Ausgewogenheit von Kolařs Werk in der organischen Verbindung von Literatur und Bildender Kunst und den Bezügen von alter und neuer Kunst ist auch heute außergewöhnlich aktuell und inspirierend, wenn man nach dem Echo urteilt, das seine Ausstellungen und Bücher bei ihrer triumphalen Heimkehr zum heimischen Publikum finden.

Eine bedeutende Würdigung des langen künstlerisch-schöpferischen Wegs Jiří Kolařs ist die heutige Verleihung des Hans-Theo-Richter-Preises, den ihm die Sächsiche Akademie der Künste am Vorabend seines 85. Geburtstages verliehen hat. Es ist mehr als symbolisch, daß dies zu einem Zeitpunkt geschieht, an dem wir des zehnten Jahrestags nach dem Ende der DDR, des Falls der Berliner Mauer, der Prager Ereignisse des 17. November und des Falls der kommunistischen Macht in Mitteleuropa gedenken. Durch sein Leben und sein umfangreiches Werk, das eine unerschöpfliche Botschaft und Herausforderung bleibt, hat Jiří Kolař zu unserer Freiheit bedeutsam beigetragen.

Ph. Dr. Jiří T. Kotalik: Rektor der Akademie der Bildenden Künste in Prag