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Thomas Ranft




Thomas Ranft © privat

Sächsische Zeitung 19.8.2003

Idee vom Anderssein
Thomas Ranft erhält morgen in Dresden den Hans Theo Richter-Preis


Birgit Grimm

Die richtige Entscheidung traf er vor vier Jahrzehnten über Nacht. Thomas Ranft hatte die Bilder einer Freundin gesehen und sagte sich: „Das kann ich auch." Noch am selben Abend setzte er sich mit Stift und Papier an den Tisch. Ein Jahr später hielt der gelernte Gärtner seine Kunst für gut genug, um sich mit zehn Ölbildern und ein paar Zeichnungen an der Leipziger Hochschule für Graphik und Buchkunst vorzustellen. „Die haben sich wahrscheinlich sehr über mich amüsiert", meint er. Doch die Professoren muss dieser Typ so neugierig gemacht haben, dass sie ihn zur Aufnahmeprüfung zuließen – und schließlich immatrikulierten. Ihn, den Baumschulisten aus Thüringen, der auf die Frage, welche DDR-Künstler er kenne, Otto Dix, Hans Grundig und Max Beckmann nannte. „Plakat und freie Grafik habe ich studiert. In die Malklasse von Wolfgang Mattheuer wollte ich nicht, aber Tübkes Zeichnungen fand ich genial." Heinz Wagner brachte ihm das Zeichnen bei. Handwerk, auf das kein Künstler von Rang verzichtet. Von Karl Krug, dem Leiter der Druckwerkstätten, nahm der junge Ranft manche Raffinesse mit, die eine Grafik braucht, damit sie auf dem Papier genauso gut ist wie auf der Platte.

Leussow-Recycling und Fußball unter Künstlern

Nach dem Studium kam Thomas Ranft mit seiner ersten Frau, der Künstlerin Dagmar Schinke, nach Karl-Marx-Stadt – „ein Moloch in Sachen Kunst", sagt Ranft, „viel lieber wäre ich nach Weimar gegangen". Aber dort gab es keine Wohnung für die junge Familie. Und die Freunde waren in Karl-Marx-Stadt nah: Gregor-Torsten Schade, Michael Morgner und Carlfriedrich Claus. In der Adelsberger Str. 298 mieteten die Fünf für zehn Mark einen Kolonialwarenladen. Die Produzentengalerie „Clara Mosch" öffnete 1977, außerhalb des Kulturbundes, außerhalb des Staatlichen Kunsthandels der DDR. Ranfts Idee war das, und ihm fiel auch der Name ein, der sich aus den Anfangsbuchstaben der Künstlerfreunde ergab, „so quasi über Nacht". Die Künstler waren begeistert, die Offiziellen verstört. Denn die vermeintliche Widerstandskämpferin fand sich in keinem Geschichtsbuch. „Clara Mosch war eine Idee, eine Idee vom Anderssein", sagt Ranft.

Pleinairs wie das „Leussow-Recycling" oder die „Mehl-Art Glauchau" und Fußballspiele gegen Leipziger Künstler, das war ihre etwas verrückte und zugleich bodenständige Art gemeinsamen künstlerischen Tuns fernab vom Karl-Marx-Städter Mief. Es war auch ein Teil dessen, wofür der Grafiker Thomas Ranft im Erzgebirge blieb, als die Stasi Clara Mosch kaputt spielte – als Idee, als Galerie, als Gruppe. Die Freundschaften hielten oder entstanden mühsam neu, nachdem die Fronten geklärt werden konnten.

Die Idee vom Anderssein hat Thomas Ranft bis heute in sich bewahrt. Er blieb Grafiker, auch wenn dieses Genre heute eher ein stiefmütterliches Dasein führt. In der DDR wurde die Kunst auf Papier gesammelt, weil sie erschwinglich war und weil Künstler vom Schlage eines Thomas Ranft Qualität lieferten.

„Die Krise kam mit der Wende und der Eitelkeit des Sammlers, der nur ein Unikat will. Protzen kann man nur mit einem Gemälde, das 200 000 Euro kostet." Außerdem, so bedauert der 58-Jährige, würden junge Künstler heute kaum noch die Mühen der Grafik auf sich nehmen. Drei Drucker hat Ranft ausgebildet: „Der Erste war nur an der Steuernummer interessiert, der hat sonst was gemacht, aber nicht gedruckt. Der Zweite hat unheimlich viel gedruckt und dabei unheimlich viel falsch gemacht. Mit dem Dritten, Matthias Mann, arbeite ich bis heute zusammen." Ein weiterer wichtiger Mitstreiter ist ein Schmied. Der schweißt die Stahlobjekte, die Ranft entwirft, damit sie seine Lithosteine und Radierplatten tragen: „Mir tat es immer leid, die Lithotusche vom Stein zu waschen, wenn die Auflage gedruckt war." Tisch, Stuhl, Lesepult verkauften sich gut. Jetzt warten im Atelier ein Leiterwagen und eine Eckkonsole auf Vollendung, liegen eine Kupferkugel und Zeichnungen für ein geteiltes Boot, Marke zersägte Jungfrau. Eine Sammlerin möchte ein kunstvolles Nähkästchen, Geheimfächer inklusive.

Das Kupferstich-Kabinett Dresden nimmt nach wie vor „nur" Papierarbeiten. Zeichnungen und drei Mappen – darunter Ranfts jüngstes Werk „Nebelhüllen" mit zwölf wunderbaren Radierungen zu „Faust II" – haben die Museumsleute im Atelier ausgesucht. Der Künstler schenkt sie dem Museum. Morgen sind die Werke ausgestellt im Dresdner Blockhaus, wenn Thomas Ranft dort den Hans Theo Richter-Preis der Sächsischen Akademie der Künste erhält.




Dresdner Neueste Nachrichten 22.8.2003

Virtuose der feinen Linie
Thomas Ranft erhielt gestern den Hans-Theo-Richter-Preis der Sächsischen Akademie der Künste


Lisa Werner-Art

Ein Preis ist eine feine Sache. Nicht nur weil es wie im Fall des Hans-Theo-Richter-Preises - zu den Ausgezeichneten gehörten bisher Max Uhlig, Jiri Kolar, Werner Wittich und Paula Ribariu sowie Peter Graf - ein Preisgeld von 20000 Euro gibt, sondern auch weil eine schöne Sitte damit verbunden ist. Dem Kupferstich-Kabinett fließen von den Geehrten immer ansehnliche Konvolute zu. Seit gestern ist die jahrzehntelang von Werner Schmidt (unter seiner Obhut befindet sich die Hans-Theo-Richter-Stiftung) und jetzt von Wolfgang Holler geleitete Sammlung um eine stattliche Auswahl Radierungen, Zeichnungen und Collagen des Chemnitzer Thomas Ranft (Jg. 1945) reicher - des Preisträgers von 2003. Darunter sind Arbeiten aus den Mappen „InSicht" (2001) und „Nebelhüllen" (2002) sowie auch Einzel-blätter wie die wunderbare Gold- und Silberstift-Zeichnung „Surreale Landschaft mit Apfel" (1997) oder eine undatierte Collage, dem Freund und Kollegen Michael Morgner gewidmet („Hommage an M. Morgner").

Natürlich sind das nicht die ersten Blätter Ranfts im Kabinett. Denn mit dem Richter-Preis werden Künstler ausgezeichnet, die seit Jahrzehnten für ihre eigenständige, andere befruchtende Arbeit bekannt sind. Für den Chemnitzer gilt das in zweierlei Hinsicht: Das eine ist sein Wirken als Grafiker und Zeichner. Seine Arbeiten fallen durch eine ungeheuer feine Linienführung auf, mit der er Vorstellungen von Welt, ja „innere Landschaften", in Bilder zu kleiden sucht. Oft scheint über den phantasiereichen Kompositionen ein surrealer Geist zu schweben.

Thomas Ranft gehört neben Gerhard Altenbourg oder Carl Friedrich Claus - beiden war er eng verbunden - zu den Künstlern im Osten Deutschlands, die etwas sehr Besonderes, außerhalb von Strömungen Liegendes geschaffen haben. Dass dies auch Ausdruck der besonderen Situation ist, in der sich Künstler befanden, die sich in der DDR nicht in den gewünschten „Mainstream" einordnen wollten, sollte nicht vergessen werden. Und dass einige vor allem die Grafik als Ausdrucksmittel wählten, hatte wohl auch etwas mit der geistigen, noch mehr vielleicht mit der politischen Situation der DDR zu tun. In der Grafik fiel den selbsternannten Kontrolleuren manches nicht so ins Auge, und sie kam zugleich leichter unter die Leute, etwa bei Grafikauktionen.

Ranft ist übrigens nicht nur selbst ein begnadeter Grafiker, sondern zugleich ein begnadeter Drucker für andere gewesen. So ist seine enge Verbundenheit mit Claus und Altenbourg auch aus solcher Zusammenarbeit gewachsen. Werner Schmidt wiederum stieß schon sehr früh auf den Künstler. Es war kurz nach dem Diplom an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst, wo Ranft zwischen 1967 und 1972 studierte. Damals erwarb Schmidt - das heißt kaufte und ließ sich schenken - 21 Blätter. Seit dieser Zeit geschah das immer wieder, genauso wie Ranft immer wieder DDR-weit und seit den 80ern auch darüber hinaus in Galerien und Ausstellungen vertreten war.

Über den Künstler zu sprechen und zu schreiben wäre unvollständig, wenn man nicht sein besonderes Talent einbezöge, Menschen zu gemeinsamen Unternehmungen „anzustiften" und sie auch „bei der Stange zu halten". Noch heute nennt man ihn den „Obermosch", zurückgehend auf die wundersame Dame Clara Mosch. Einst fanden sich in Chemnitz einige junge Künstler zusammen, denen der Sinn nach „Größerem" als einem Bild und zugleich nach Gemeinschaft und Spaß stand. Ein klein wenig wider den Stachel der Biederkeit und Starrheit löcken wollte man. So wurde Kunst gebacken und genäht oder „kunstvoll" Fußball gespielt. Manchmal war man bei Performances, Pleinairs oder Landart-Aktionen mehr oder weniger unter sich, manchmal gestalteten sich Eröffnungen und Aktionen zu Volksfesten, zu denen Chemnitzer, Leipziger, Dresdner, ja selbst Berliner in Scharen kamen. Zur Truppe zählten neben Thomas Ranft Dagmar Ranft-Schinke, Michael Morgner, Thomas Schade (Kozik) sowie als geistig-künstlerischer Begleiter Carl Friedrich Claus.

Und die Idee zum Namen? Die hatte Ranft im „Traum" ereilt, als sich die Anfangssilben von Claus, Ranft, Morgner, Schade zusammenfügten. Die „Dame" machte zwischen 1977 und 1982 kräftig von sich reden, was auch die professionellen Lauscher der Staatsmacht auf den Plan rief, und zwar in Massen, wie man heute weiß. Was da initiiert wurde, war nicht lustig, auch wenn man aus der Perspektive des Jahres 2003 sich das Lachen nicht verkneifen kann angesichts von Formulierungen aus Stasi-Berichten, so auch gestern abend, als der 1992 vom MDR über „Clara Mosch" gedrehte Film gezeigt wurde.

Dass Manches von den früheren Gemeinsamkeiten geblieben ist, zeigen heutige Aktivitäten mit dem Kunst für Chemnitz e.V. und im Heck-Art-Haus, in dem sich Ausstellungsräume und eine Kneipe finden. Ohne einstige „Moschs", besonders Ranft, ist dies alles nicht vorstellbar. Gewiss auch nicht ohne die Galeristen Barthel und Tetzner, die zu diesem „Netzwerk" gehören und den „Moschs" die Treue hielten, soweit sie nicht andere Wege suchten. Thomas Ranft hat in diesem Kreis und darüber hinaus bis heute eine ganz besondere Bedeutung als Künstler und Anreger.




Freie Presse 22.8.2003


Ein Meister des grafischen Dialogs
Thomas Ranft erhielt am Mittwochabend in Dresden den Hans-Theo-Richter-Preis der Sächsischen Akademie der Künste


Von Reinhold Lindner

Ein Festakt der grafischen Kunst und immer wieder dasselbe Lied: Ihr Verlust ist ausgerechnet dort zu beklagen, wo die Grafik in Blüte steht. Thomas Ranft bekam am Mittwochabend in Dresden den Hans-Theo-Richter-Preis, die mit 20.000 Euro dotierte Auszeichnung der Sächsischen Akademie der Künste. Eine „Gegenleistung", bekannte der ehemalige Direktor der Staatlichen Kunstsammlungen Werner Schmidt, ist die „stattliche Kollektion" von Radierungen des Preisträgers, die er dem Kupferstichkabinett übereignet.

Ein Preis des Preises. Immer war das so, sagte Schmidt, der viele Jahre das Kuperstichkabinett geleitet hatte, dass die Erwerbungen eine „Mischung von Schenken und Kaufen" waren. Nun, man kann sich seinen Reim darauf machen, wie heutzutage die Sächsische Akademie und ihre Preisjury mit den staatlichen Sammlungen korrespondiert. Vor Ranft erhielten unter anderem Max Uhlig, Werner Wittig und Peter Graf diesen Preis, da kann man schon einen Fundus bester deutscher, weil bester sächsischer Grafik auffüllen.

Der Preis wurde im Akademiesitz am Elbufer überreicht. Und bevor Ranfts Drucke in die Sammlung an der Brühlschen Terrasse gelangen, werden sie hier im barocken so genannten Blockhaus gezeigt: Es ist wie ein Existenznachweis, eine Versicherung der grafischen Kunst, denn Ranft repräsentiert ihre ungebrochene Lebensfähigkeit auf ganz besondere Weise. In technisch-zeichnerischer Meisterschaft und in „geistiger Bedeutsamkeit", wie Werner Schmidt sagte. Der kennt die Grafik des Künstlers seit den 70er Jahren. Nach dem Ende des Studiums, mit 28 Jahren, hat Thomas Ranft schon mal 21 Blätter bei Schmidt im Kupferstichkabinett untergebracht.

Das waren Zeiten, sagen beide, da die druckgrafische Kunst noch viel bedeutete. Sie war auch deshalb in der DDR so gefragt, weil sie preiswert gehandelt wurde. Und - kleinformatig wie sie war - von der Obrigkeit, nicht für so wichtig genommen wurde, wie Schmidt meinte. Dabei hat sich gerade in der Grafik zu Zeiten der DDR eine kritisch-hintergründige Tendenz der Kunst manifestiert. Dass Thomas Ranft nicht allein mit seinen Blättern hervortrat, sondern auch als meisterhafter Drucker für die Verbreitung des Werkes seiner Kollegen sorgte, wurde bei der Preisvergabe besonders gewürdigt.

Die Blätter von Carlfriedrich Claus und Gerhard Altenbourg kamen damals aus der Druckpresse Thomas Ranfts auf die Galerietische. Ranft erst hat die ersten Radierungen von Claus überhaupt gedruckt. Dass er derjenige ist, der den Verfall der Druckgrafik in heutiger Zeit besonders beklagt - Schmidt formulierte es als „Abseits" - lässt sich gut verstehen. Aber die ungebrochene Arbeit mit der Radierung, die Experimentierfreudigkeit auch in den jüngeren Arbeiten mit der Eisenplatte, gibt allen Hoffnungen Vorschub. Thomas Ranft bietet auch die Platten selbst in konstruktiv funktionellen Objekten an, regal- oder tischförmig, Schubfächer, sogar Beleuchtungsobjekte. Das ist Grafik als Urzustand, ästhetisierend bezogen auf den Wohngebrauch.

Sie waren selbstredend alle da, seine Freunde und Verwandten, Bekannten, Sponsoren, Galeristen. Ein besonderes Kapitel in Ranfts Künstlerleben ist sein kollegial-soziales Engagement. Pleinairs und Ausstellungen, gesellige Zusammenkünfte waren und sind Ranfts Anliegen, Künstler wie Kunstfreunde zusammenzubringen, zusammenzuhalten. Die legendäre Künstlervereinigung der Galerie Clara Mosch in Karl-Marx-Stadt wäre ohne seine Initiative nicht zustande gekommen, man sagte von ihm, er sei der „Obermosch". Umso mehr war Thomas Ranft im Blickpunkt der Stasi, die diese alternative Kunst von ihm, Dagmar Ranft-Schinke, Michael Morgner, Carlfriedrich Claus und Gregor Torsten Schade-Kozik mit verfolgerischem Argwohn observierte und auseinander nahm.

Ein Film über die Geschichte dieser Galerie schloss die Feierstunde der Preisverleihung in Dresden ab. Und es blieb ein doppelbödiger Eindruck der Wirksamkeit von gesellschaftsbezogener engagierter Kunst: Hätten wir sie nur in diesen früheren Dimensionen intimer Zwiesprache.