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Sächsische Zeitung, 9. Dezember 2004

Ein verratenes Stück Erde
Der Schriftsteller Richard Pietraß zeigt, wie Dichtung reagiert auf die Zerstörung der Natur.


Rudolf Scholz

Freies Geleit ins All wolle die Erde, "daß noch tausend und ein Morgen wird / von der alten Schönheit jungen Gnaden." Mit diesen mahnenden Worten der Dichterin Ingeborg Bachmann ließ Richard Pietraß die Poetikvorlesung am Mittwochabend in der Sächsischen Akademie der Künste in Dresden ausklingen. Es war die vierte und letzte Veranstaltung der Reihe, die Pietraß als Sekretär der Klasse Literatur und Sprachpflege selbst "angestiftet" hatte und in der bereits Wulf Kirsten, Volker Braun und Thomas Rosenlöcher zu Wort kamen.

Mit "Die verwundete Riesin. Bedrohte Natur im deutschsprachigen Gedicht des 20. Jahrhunderts" wählte er eine Thematik, die seine eigene poetische Konfession prägt. So überraschte es nicht, dass Beunruhigung und Bewegtheit mitschwangen in den Gedanken, die der 1946 im sächsischen Lichtenstein geborene Schriftsteller vor seinen Zuhörern ausbreitete.

Schockierende Erfahrung

Die Dichtung eines Jahrhunderts zitierte Pietraß herbei, um einen Begriff zu vermitteln, wie in ihm selbst "das Gespür für die bedrohte Mutter Erde" allmählich wuchs. Es begann, als er mit ersten eigenen Gedichten aus den "Wäldern meiner Kindheit" hervortrat. Damals, als sich die Schreckensspirale des Kalten Krieges existenzbedrohlich drehte, war es für ihn der Dichter Stephan Hermlin, der erste Warnzeichen setzte, mit den Sonetten "Die Vögel und der Test" und "Die Milch". Mit Günter Eich und seinen "Botschaften des Regens" hörte dann die Natur endgültig auf, eine Idylle zu sein. Nicht zuletzt war es die zunehmende und vielfach tabuisierte Umweltzerstörung, die ihn zum Schreiben drängte. Und noch immer ist die Beziehung zur natürlichen Umwelt für ihn ein großes Thema.

An signifikaten Beispielen von Kirsten, Braun und Rosenlöcher wies Pietraß nach, wie die Erfahrungen mit gefährdeter Natur von Dichtern seiner eigenen Generation gestaltet wurden. Für ihn selbst wurde das "todgeweihte Dorf Horno", das weggebaggert wurde, zu einer schockierenden Wirklichkeitserfahrung und zum Sinnbild der Zerstörung: "ein verratenes Stück Erde". Dazu die vergifteten Flüsse, die ausgerotteten Tiere: "Wie eine Schrift, die sich selber löscht." Kenntnisreich und an zahlreichen, bis zum Expressionsmus zurückreichenden Beispielen machte Pietraß deutlich, wie sensibel die Dichtung des 20. Jahrhunderts diese Thematik reflektierte.

Düstere Prognosen

Bei Peter Gosse, gleichfalls ein sächsischer Dichter von Rang, lagen Einführung und Moderation in besten Händen. Mit seiner Hölderlin-Interpretation unterstrich er den hohen geistigen Anspruchs des Abends. Er feierte den Dichter Pietraß als noblen Altruisten. Dieser neigte im Gespräch eher dazu, die künftige Welt in einem düsteren Licht zu sehen, gekennzeichnet durch das "galoppierende Schwinden der Natur". Immer schwerer werde es zu atmen. Als resigniere die Menschheit bereits vor dem, was ihr droht. Nicht zufällig erhielt Richard Pietraß gestern für sein umweltschützerisches Engagement den Erwin-Strittmatter-Preis des Landes Brandenburg. Gratulation!



Dresdner Neueste Nachrichten, 9. Dezember 2004

"Fauler Zwerg vor der verwundeten Riesin"
Richard Pietraß hielt seine Poetikvorlesung im Blockhaus


Thomas Gärtner

Der Dichter Richard Pietraß hat am Mittwoch den Erwin-Strittmatter-Preis erhalten. Das brandenburgische Agrar- und Umweltministerium würdigt damit literarische Arbeiten von Autoren, die sich für die Umwelt engagieren. Am Tag zuvor beschrieb Pietraß in seiner Poetikvorlesung im Dresdner Blockhaus die Veränderung, die sich in seinem Denken über die Natur vollzog, als allmählichen Perspektivwechsel: die "Verschiebung vom homozentristischen zum biozentristischen Weltbild."

Von den älteren Dichtern habe er in dieser Hinsicht nur wenig Anregung bekommen. Seit den fünfziger Jahren gab es zwar vereinzelt jene "Warngedichte", die die Zerstörung der Natur ins Bild setzten. Aber sie waren vom Kalten Krieg bestimmt. Ausnahme ist für Pietraß Günter Eich. Ihn sieht er bereits an dem Wendepunkt, "der schwärmerisches Unbedarftsein nicht mehr zulässt". Er selbst, so erinnert sich Pietraß, übte lange Zeit Enthaltsamkeit, weil er glaubte, alle großen Naturgedichte seien bereits geschrieben. Nicht die älteren Dichter, sondern Fachleute steckten ihm in dieser Hinsicht ein Licht auf.

Sein "Damaskus-Erlebnis" hatte er dann mit einem Straßenbaum. Daraus entstand 1979 sein Gedicht "Der Ringende". Ein Stück Natur im Todeskampf gegen die Zivilisation. Da ist das "Kohlgas" in der Luft. Dem Baum wird sein Bett bereits zur "Gruft", um ihn entfaltet sich das "asphaltne Leichentuch". Nun fand sich Pietraß als "Bekehrter" zwischen anderen "sehend Gewordenen": Wulf Kirsten, Volker Braun, Thomas Rosenlöcher.

Sie hatten vor ihm ihre Poetik-Vorlesungen in der Reihe "Die Elemente 2004. Natur - Kunst - Umwelt" gehalten. Pietraß schloss diese von der Sächsischen Akademie der Künste und der Landesstiftung Natur und Umwelt veranstaltete Reihe ab.

Jüngstes beeindruckendes Beispiel für die Unfähigkeit umzukehren, ist für ihn das brandenburgische Dorf Horno, das der Braunkohle "auf dem Altar des Arbeitsgötzen" geopfert wurde. Ein Dorf, für immer verschwunden, damit die Kohle darunter Energie für einige Stunden liefert. Pietraß registriert "Arbeitsstätten, die Richtstätten sind". Sieht sich im Angesicht dessen als ohnmächtiger Dichter. Poesie kann dieses Geschehen nicht aufhalten, allenfalls ein "symbolisches Ausharren auf verlorenem Posten" sein. Pietraß fühlt sich als "fauler Zwerg vor der verwundeten Riesin" Natur, die den Menschen womöglich eines Tages abschütteln werde.

Im anschließenden Gespräch fragte ihn sein Leipziger Dichterkollege Peter Gosse, wie er sich die Welt in 50 Jahren vorstelle. Pietraß sieht beunruhigt die neuen Industriemächte China und Indien in Bewegung kommen, sieht das galoppierende Schwinden riesiger Waldflächen, registriert zugleich eine resignierende Menschheit, die sich nur noch nicht offen eingestehen will, dass sie den Lauf der Dinge nicht mehr aufhalten kann. "Mir schwant wenig Gutes."



Dresdner Neueste Nachrichten, 22. November 2004

Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen

Gabriele Gorgas

Wenn im Großen Ballsaal sowie im Propositionssaal des Dresdner Residenzschlosses getanzt und musiziert wird, heißt das noch nicht, dass dieser Teil schon wieder hergestellt und permanent zugänglich ist. Nur ab und an öffneten sich bislang die Tore für Ausstellungen, Veranstaltungen, doch nun werden sie Besuchern für geraume Zeit verschlossen bleiben. Es beginnt die Rekonstruktion der Säle, und die letzten Gäste, die am Wochenende mit viel Muse des Schauens die Räume unverstellt, in ihrer von Feuersturm und Witterungsspuren gezeichneten Ästhetik wahrnehmen konnten, haben allein damit schon etwas Besonderes erlebt.

Gemeinsam hatten die Sächsische Akademie der Künste, Klasse Darstellende Kunst und Film, sowie die Sächsische Landesstiftung Natur und Umwelt zu einer langen Nacht der Natur und Kunst eingeladen, und der vorläufige Abschied von den Sälen brachte mit einem Abend unter dem Stern von Goethe das sinnenreiche Wechselspiel der Künste im Zusammenwirken von Dresdner Kulturstätten. Mit dabei waren die Staatlichen Kunstsammlungen, das Staatsschauspiel, die Hochschule für Musik "Carl Maria von Weber" sowie die Palucca Schule, und das Publikum wandelte zwischen den Räumen, erhielt zudem vom Hilton-Hotel zur Stärkung Speisen serviert, die nach Goethes Kochbuch bereitet wurden.
"Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen Und haben sich, eh man es denkt, gefunden." So zitierte der frühere Staatschauspiel-Intendant Dieter Görne den Wortgewaltigen zur Begrüßung der zahlreichen Gäste, darunter auch Gisela Prinzessin von Sachsen als Vorsitzende des Förderkomitees der Sächsischen Landesstiftung Natur und Umwelt. Mit dem faszinierenden Wechselspiel habe sich Goethe sein Leben lang künstlerisch, theoretisch und ganz praktisch auseinandergesetzt, in seinem universellen Werk unter immer neuen Gesichtspunkten das Verhältnis von menschlicher, künstlerischer Leistung und natürlicher Entwicklung thematisiert.

Keine Frage, dass sich das Staatsschauspiel an diesem Abend, dessen künstlerische Leitung insgesamt in den Händen von Intendant Holk Freytag lag, mit Ausschnitten aus dem "Faust" (in der szenischen Einrichtung von Klaus Dieter Kirst) zu Wort meldete. Und im speziell ausgeleuchteten Großen Ballsaal mit irren Lichtzeichnungen der Fenster und Spielräume erahnen ließ, was sich hinter Goethes Bemerkung verbirgt, der seinen Plan zur "Faust"-Dichtung eröffnet mit: "Ideales streben nach Einwircken und Einfühlen in die ganze Natur".

Zuvor hatte Andreas Henning von der Gemäldegalerie Alte Meister anhand ausgewählter Werke wie beispielsweise "Der Judenfriedhof bei Ouderkerk" (1653/55) von Jacob Isaacksz van Ruisdael oder "Das Kreuz im Gebirge" (1808) von Caspar David Friedrich einfühlend über Natursichten in der Kunst gesprochen - und mit welcher Intensität sich Goethe damit auseinandersetzte, unter anderen in seinem Aufsatz "Ruisdael als Dichter". Junge Musiker und Sänger der Musikhochschule stellten sich besonders mit Goethe-Liedern von Franz Schubert sowie Robert Schumann vor. Und im Beitrag der Palucca Schule assoziierten Studenten, betreut von Hanne Wandtke und Ingrid Borchardt, unverkennbar die Elemente Erde, Feuer, Wasser, Luft, verknüpften ihre Improvisationen mit Gundula Peutherts Choreographie "Quasi begin". Zum Schluss umkreisten die jungen Tänzer im dämmrig von außen beleuchteten Großen Ballsaal die am Boden friedlich ruhenden "Elemente". Man spürte, dass "Quasi begin" auch die Chance sein kann, verantwortungsbewusst mit der Natur umzugehen.



Sächsische Zeitung, 22. November 2004

Ein Abend mit Goethe
Begegnung. Die schönen Künste auf den Spuren des großen Naturkenners


Rainer Kasselt

Wo fass ich dich, unendliche Natur? Fausts Frage hat nicht nur Goethe beschäftigt. Sie bleibt eine Herausforderung an die Künste. Und sie war Thema eines vierstündigen Abends im Dresdner Schloss in der Nacht zum Sonntag.

Der Abend war Goethe gewidmet. Mit Musik, Tanz, Graphik und Theater. Selbst Goethes Kochbuch wurde zu Rate gezogen, und die Köche des Hilton-Hotels zauberten Bouillonsuppe, Kaltschale und Rahmstrudel nach Rezepten des Dichters aus dem Haus am Weimarer Frauenplan. Die Anregung zu dieser bekömmlichen Begegnung der Künste und Köche kam von der Sächsischen Akademie der Künste. Sie wurde zum Höhepunkt des Jahresprogramms "Die Elemente 2004", das sich den Beziehungen von Kunst und Natur verschrieben hat. Die Gesamtleitung lag in den Händen des Staatsschauspiel-Intendanten Holk Freytag.

Schlüsselszenen aus "Faust"

Natürlich kam der "Faust" mit Beispielen einiger Schlüsselszenen zum Thema zu seinem Recht. Dirk Glodde gab im Großen (noch nicht rekonstruierten) Ballsaal den Goetheschen Titelhelden, und Holger Hübner war ein sehr irdischer Mephistopheles mit viel Verständnis für die Nöte auf Erden: Die Menschen dauern mich in ihren Jammertagen. Das Staatsschauspiel wird zur 800-Jahr-Feier Dresdens 2006 beide Teile des "Faust" inszenieren, wie die SZ am Rande erfuhr. Zur Besetzung wollte sich Freytag noch nicht äußern. Möglich, dass die gut 200 Gäste des Abends schon einen Protagonisten erlebt haben. Gretchen wurde von Marianna Linden gespielt. So viel verriet der Intendant immerhin: Regie führt er selber. "Das ist Chefsache."

Die Palucca Schule improvisierte gekonnt und leidenschaftlich Variationen über die vier Elemente Erde, Feuer, Wasser, Luft. Mit beachtlichem stimmlichen und Ausdrucksvermögen interpretierten die Sopranistin Christiane Kapelle und Bassbariton Martin Gäbler Lieder von Schubert und Schumann nach bekannten Goethe-Gedichten. Wie ihre Kommilitonen vom Holzbläsertrio repräsentierten die Studenten die Hochschule für Musik "Carl Maria von Weber".

Ausstellung mit Graphiken

Den Abend hatte Konservator Andreas Hennig von den Staatlichen Kunstsammlungen mit einem Vortrag über Goethes Verhältnis zur romantischen Malerei eingeleitet, das bekanntlich problematisch war. Am Beispiel einiger Bilder aus der Dresdner Galerie schlug Hennig einen Bogen von Goethes Kunstästhetik bis hin zu dessen Farbenlehre. Eine kleine Ausstellung mit Blättern aus der Graphikmappe "Gleichnisse" komplettierte den abwechslungsreichen und leider einmaligen Abend.

Er zeigte, was möglich ist, wenn sich Akademie und Kunsteinrichtungen zusammentun. Der Erfolg sollte zum Weitermachen ermutigen. Verwunderlich, dass sich das gerettete Dresdner Goethe-Institut an diesem Abend nicht darstellte.



Sächsische Zeitung, 13. November 2004

Mörike-Murmler
Dritte Poetikvorlesung mit Thomas Rosenlöcher


Rudolf Scholz

Ja, es gibt sie, die Seelenverwandtschaften der Dichter, die über die Grenzen der Zeiten reichen. Thomas Rosenlöcher, der tief im Sächsischen verwurzelte, in Beerwalde bei Dresden lebende Dichter, hatte für die 3. Poetikvorlesung, die am Donnerstag in der von Sächsischer Akademie der Künste und Landesstiftung Natur und Umwelt initiierten Reihe "Die Elemente 2004" stattfand, mit Eduard Mörike einen solchen Seelenerwandten gewählt.

Gleich zu Beginn bekannte sich Rosenlöcher mit dem ihm eigenen, selbstbekennerisch-ironischen Hintersinn. Einen "Mörike-Murmler" nannte er sich, der immer wieder die Nähe zur Poesie des großen Schwaben sucht. Und natürlich wollte er auch nicht gelten lassen, dass das Lesen von Mörike nicht mehr zeitgemäß sei. Mit liebevoller Selbstversenkung wusste er die Wunder der Poesie und den Zauber der alten Worte zu deuten. Immer nah und genau an den Texten, enthüllte er deren Geheimnis und befragte die Mörikeschen "Allerweltsgedichte" nach ihren Ursprüngen.

Wie verteufelt deutsch die Texte erst klangen

Feinsinnig seine Deutungen: Das merkwürdig Altertümliche, die Entrücktheit, mit dem da ein Mensch neben seiner Zeit steht und im formelhaft Reduzierten dennoch das noch heute Gültige in hoher Sprachvollkommenheit aussagt, die Unschuldsgesten und feinen Bedeutungsverschiebungen, die Ungestilltheiten und Sehnsüchte. Faszinierend, wie Rosenlöcher dies am Beispiel des Gedichts "Im Frühling" zum Ereignis werden ließ. Unverkennbar aber auch, dass er damit zugleich im Spiegel des alten Dichters seine eigene poetische Konfession lieferte, in die Frage mündend: "Warum darf ich selbst kein Mörike sein?" Auch Heiterkeit ließ seine anekdotisch gewürzte Darstellung nicht vermissen.

Umso eindrucksvoller das Stenogramm der eigenen Erfahrungen mit Mörike: Wie verteufelt deutsch ihm die Texte bei der ersten Begegnung klangen und welch inneres Erschrecken ihn überkam, sich auf eigene Lebensprobleme verwiesen zu sehen. Auch für die oft verpönte Idylle brach er eine Lanze, für einen Kunstbegriff, der aufs Gespräch setzt. Zugleich wurde eindrucksvoll deutlich, dass Dichten auch für ihn Ringen um Atem und den genauen poetischen Begriff ist.

In ihrer Einführung hatte Róza Domašcyna bereits auf die Übereinstimmungen zwischen beiden Dichtern aufmerksam gemacht, auf das beiden gemeinsame Naturbild, auf das Menschlich-Abgründige, das auch das Politische einschließt, auf das "Denk es, o Seele" in Kleinzschachwitz. Im Gespräch ging es auch um Schaffensfragen: Welche poetische Elle legst du beim Finden der Worte an? In welchen Sprach-Gärten wilderst du? Immer sei es eine Zeile, die ihm lange nachgehe, war eine der Antworten. Immer leide er am eigenen Ungenügen. Oder er sagte bündig: "Das weeß'sch nich."

Zum Abschluss las er noch ein paar seiner schönen, hintersinnigen Gedichte, ein "Heimspiel" vor zahlreich erschienener, begeistert applaudierender Zuhörerschaft.



Sächsische Zeitung, 10. November 2004

Der Dichter als Wandersmann
Thomas Rosenlöcher aus Beerwalde über Mörike, Wanderungen, Dresden und Rom


Die Sächsische Akademie der Künste und die Landesstiftung Natur und Umwelt haben vier sächsische Dichter zu Poetikvorlesungen zum Thema "Natur und Literatur" eingeladen. Thomas Rosenlöcher aus Beerwalde bei Dippoldiswalde widmet sich am Donnerstag in Dresden dem Naturbild bei Eduard Mörike (1804 bis 1875): "Herbstkräftig die gedämpfte Welt."

Gespräch: Thomas Morgenroth

Herr Rosenlöcher, was ist eine Poetikvorlesung?

Ein Dichter erzählt etwas über einen anderen Dichter und dabei auch über sich selbst. Poetik bedeutet, dass man seine Anschauung über das Dichten vorträgt. Ich könnte das so machen, dass ich nur über mich rede. Aber mir ist es lieber, dass ich über einen alten Dichter spreche, an dem sich viele Dinge spiegeln können. So kann ich meine eigenen Anschauungen diskret und, hoffentlich, nicht so eitel vortragen.

Warum haben Sie gerade Mörike ausgewählt?

Er ist für mich ein ganz wichtiger Dichter. Außerdem ist in diesem Jahr sein 200. Geburtstag, da dachte ich, das passt eigentlich ganz gut.

Die Veranstaltung ist eine sächsische mit sächsischen Dichtern. Ein Sachse aber war der Schwabe Mörike nicht.

Das wäre ja nun doch zu eng gewesen, wenn man sich nur aufs Sächsische begrenzt. In meiner Jugend in dem kleinen Ländchen DDR sind die Romantiker und die Dichter, die danach kamen, wichtig gewesen. Vielleicht habe ich damit auch unwillkürlich meine Sehnsüchte nach dem Ganzen ausgedrückt. Für mich war Heidelberg immer so ein Traum, auch Stuttgart. Und da kamen dann auch die großen Enttäuschungen hinterher, die Erwartungen waren einfach viel zu hoch.

Was gefällt Ihnen an Mörike?

Er ist ein sehr aus der Anschauung kommender Dichter, der nie etwas völlig erfindet. Alles, was er schreibt, hat Erlebniskerne und ist selber gesehen und dann im Wort ausgedrückt. Es ist für mich immer wichtig gewesen, in einer abstrahierenden Welt, wo man immer "irgendwie" sagt, etwas genau zu sagen, sich etwas wirklich anzuschauen und die Zeit zu haben, Dinge, Menschen und Natur zu betrachten.

Das hört sich wie eine Beschreibung Ihrer eigenen Arbeitsmethoden an.

Ja, vielleicht gibt es da eine Verwandtschaft mit Mörike.

"Liebst du mich ich liebe dich" ist Ihr bislang letztes Buch, erschienen 2002. Wann gibt es einen neuen Rosenlöcher?

Zwei Texte habe ich nun endlich fertig. Sie sind als "Dresden-Erzählungen" untertitelt und werden im Frühjahr in der Insel-Bücherei erscheinen. Das Buch wird heißen: "Wie ich in Ludwig Richters Brautzug verschwand." Da setze ich mich noch einmal mit meinem Verhältnis zu Dresden auseinander. Ich komme von der Stadt nie ganz los, und damit spielen die Texte, mit der Entfernung und der Nähe zu Dresden. Zurzeit schreibe ich an einem Nachwort für eine Auswahl von Schiller-Gedichten, die ich für den Insel-Verlag getroffen habe. Dann will ich ein Wanderbüchlein schreiben, das ist auch schon angefangen.

Wohin sind Sie unterwegs?

Es wird eine Wanderung sein von Beerwalde in das Vogtland. Ich hoffe, dass es gelingt. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das hinkriege.

Wie weit ist es bis zum Ziel?

Die Kilometer weiß ich nie, ich gehe ja kreuz und quer. Ich brauche fünf bis sechs Tage für eine Richtung.

Bis Italien werden Sie vermutlich nicht laufen. Anfang nächsten Jahres gehen Sie für drei Monate nach Rom. Welche Erwartungen knüpfen Sie an diesen Aufenthalt?

Zum Beispiel die Hoffnung, dass ich wieder zu Gedichten komme. Das ist mein Eigentliches. Es ist mein Ehrgeiz, dabeizubleiben. In Rom trifft viel an Kultur zusammen, ich habe das Gefühl, dass diese Eindrücke gut sind für mich. Es kann natürlich auch passieren, ich sitze in Rom und schreibe über das Erzgebirge.



Dresdner Neueste Nachrichten, 28. Oktober 2004

"Genossen, wer liest die schon?"
Matthias Braun stellte Geschichte von "Sinn und Form" vor


Tomas Gärtner

Eines Tages soll Erich Mielke "Sinn und Form" auf die Tagesordnung einer Versammlung im Ministerium für Staatssicherheit gesetzt haben. Die Literaturzeitschrift halte sich zwar nicht an die politisch-ideologischen Vorgaben, sagte der Minister. "Aber, Genossen, wer liest die schon?" Ob die Stasi sie unterschätzte oder ob sie dem Projekt intellektuelle einfach nicht gewachsen war, vermag Matthias Braun nicht zu sagen. Wie auch immer - Kulturpolitik habe das MfS nicht gemacht. Dafür - und damit auch für die Zeitschrift - war die Kulturabteilung des ZK der SED verantwortlich.
Matthias Braun, seit 1992 in der Stasi-Unterlagen-Behörde tätig, hat die Geschichte der Hefte, sie seit 1949 bis heute ohne Unterbrechung erschienen, in dem Buch "Die Literaturzeitschrift ,Sinn und Fom'" dargestellt, auch die Rolle der Stasi dabei. Am Dienstag stellt er es bei der Sächsischen Akademie der Künste im Blockhaus vor.

Im Untertitel nennt er die Zeitschrift ein „ungeliebtes Aushängeschild der SED Kulturpolitik“. Das klingt etwas paradox, deutet aber die Grenzen an, innerhalb derer sie lavieren musste. Die verstand ihr erster Chefredakteur, der Dichter Peter Huchel, am weitesten auszuschreiten - bis er 1962 abgesetzt wurde. Nach seiner Vorstellung sollte die Zeitschrift "fern von Ästhetizismus dem Geist der Sprache und der Dichtung" dienen. Schon 1953, kurz nach Stalins Tod, brach der Gegensatz zur engen SED-Kulturpolitik in offene Kontroversen hinter den Mauern der Akademie aus. Wie heftig es da bisweilen zuging, hat Braun erst aus einem Stasi-Bericht des "Geheimen Informators" "Ernst" - das war Alexander Abusch - rekonstruieren können.

Braun macht deutlich, welche Zäsur jeder Wechsel des Chefredakteurs bedeutete. Nach Huchel sollte die Zeitschrift strenger den sozialistischen Sozialismus vertreten. Doch Girnus wollte ihren guten Ruf in der DDR, aber auch im Ausland bewahren, holte daher jüngere Autoren herein, Heiner Müller, Peter Hacks, Christa Wolf, die für mehr Offenheit standen. Er schmuggelte auch mal einen Text an den Literaturwächtern vorbei in das Heft - Volker Brauns "Unvollendete Geschichte" etwa - und bot ein Podium für Debatten. Das brachte als gern gesehenen Nebeneffekt jedesmal einen Schub neuer "Devisen-Abonnenten" aus dem Westen.

Max Walter Schulz hingegen war vorsichtiger. Die Zeitschrift, konformer denn je, konnte ab Mitte der 80er Jahre deshalb nicht zum "Motor des Herannahenden" werden, so Braun. Heute sind die Hefte dünner, die Auflage liegt unter 3000. Aber, immerhin, es gibt sie noch.



Sächsische Zeitung, 25. Oktober 2004

Und nicht verspricht die Erde noch zu dauern
Der Dichter Volker Braun spricht in der Sächsischen Akademie der Künste über das problematische Verhältnis von Natur, Gesellschaft und Kunst


Rainer Kasselt

Soll sich die Literatur in die Vorgänge der Politik einmischen, hat sie in den Tagesfragen etwas zu suchen? Volker Braun weicht solchen Fragen nicht aus, rettet sich nicht in ein wankelmütiges Einerseits und Andererseits. Er sagt: "Die Literatur hat Formen, mit dem Politischen fertig zu werden; der Dichtung aber steht an, das Massiv der Verhältnisse zu zeigen."

Das heißt, in Publizistik oder Essay soll der Autor dem Tag geben, was des Tages ist. In der Dichtung aber, ob Roman oder Drama, geht es ums Ganze der Verhältnisse. Dort soll der Autor der Kunst geben, was der Kunst ist. Goethe hatte in Anspielung auf Napoleons Wort, die Politik sei unser Schicksal, seine Zunft davor gewarnt, die Politik als das Schicksal der Poesie anzunehmen. Das Vaterland seiner poetischen Kräfte sei keine Provinz, er sei „darin dem Adler gleich, der mit freiem Blick über Ländern schwebt und dem es gleichviel ist, ob der Hase, auf den er hinabschießt, in Preußen oder Sachsen läuft.“

Das leibliche Band droht zu zerreißen

Der zitatenkundige Büchnerpreisträger Volker Braun erinnerte in seinem Vortrag "Goethe und Kafka in der Natur" an diese Sentenz. Seine Poetikvorlesung in der Sächsischen Akademie für Künste war Bestandteil der anregenden Reihe "Die Elemente 2004", die mit Wulf Kirsten begonnen wurde und mit Reden von Thomas Rosenlöcher sowie Richard Pietraß fortgesetzt wird. Da es sich bei dem Radikaldemokraten Volker Braun nicht um einen Heideautor à la Hermann Löns handelt, auch um keinen "schreibenden Naturschützer", wie der Literaturwissenschaftler Bernd Leistner formulierte, der den Abend einleitete und souverän moderierte, war klar, wie Braun das Thema behandeln würde: Als problemreichen Exkurs über das immer schwierigere Verhältnis von Natur und Gesellschaft.

Die Menschheit in ihrem Fortschritts- und Globalisierungsglauben ist längst an einem Punkt angekommen, wo sie ihren Naturzusammenhang, "unseren Lebensgrund", wo sie ihr leibliches "Band ganz zu zerreißen" droht, wie Braun sagt. Schon 1987 hatte er in seinem Gedicht "Die dunklen Orte" geschrieben: "Und nicht verspricht die Erde noch zu dauern". Er warnt vor der problematischen Gangart der Gattung und benennt ihr geschichtliches Drama, "das sie aufführt in Kohlerevieren und Regenwäldern". Goethe behandelte dieses Drama schon vor mehr als zweihundert Jahren. Er sah, wie die Menschen darangingen, die Natur zu ihrem größtmöglichen Vorteil auszubeuten, als sie nicht aufhörten, das "Kapitel der Unnatur" aufzuschlagen.

Der Teufel steckt hier schon im Ganzen

Goethes Faust beansprucht den ganzen Erdenkreis. Große Herrschaft gewinnt er und gewaltiges Eigentum. "Dies ist ohne den Teufel nicht zu machen, und er steht auf Goethes Bühne bereit", sagt Braun. Und er fährt fort: Der Teufel steckt hier schon im Ganzen. Eine kühne Metapher, "die den widersprüchlichen Fortschritt fasst, der uns zugleich voran- und herabbringt." Den Teufelspakt wird "bald ein Dr. Marx als Widerspruch von Kapital und Arbeit definieren." Braun sagt: "Die Kunst vermag dergleichen Wissenschaft vorzuahnen, wo sie sich in gehörige Felsenhöhe oder Abgrundtiefe begibt, auf gleichsam naturgeschichtlichen Standpunkt."

Wo Goethe die Unnatur der Gesellschaft aufdeckt, zeigt Franz Kafka sie als "Unnatur der Bürokratie". Er hat mit seinen amtlichen Schriften und außerdienstlichen Geheimnissen das "Drama des Apparats" geschrieben. Kafka hatte, sagt Braun, bei seinen Untersuchungen kein Hämmerchen bei sich, um in den Stein zu gehen, wie es der Bergwerksdirektor und Weimarische Geheimrat Goethe tat. Er pochte mit dem Knöchel auf die Akten, "aber wenn er in die Hände klatschte, waren es Presslufthämmer". Großer Beifall für Brauns Vortrag über das "Freudenelend des Lebens".



Dresdner Neueste Nachrichten, 4. Oktober 2004

Elementares - Wulf Kirsten eröffnete die Reihe der Poetikvorlesungen im Blockhaus

Bertram Kronenberger

Im Rahmen des gemeinsamen Jahresprogramms der Sächsischen Akademie der Künste und der Sächsischen Landesstiftung Natur und Umwelt "Die Elemente 2004. Natur - Kunst - Umwelt" sind insgesamt vier Poetikvorlesungen sächsischer Dichter vorgesehen, die sich unter verschiedenen Aspekten dem Gegenstand "Natur und Literatur" zu nähern versuchen.
Die Eröffnungsvorlesung hielt Wulf Kirsten, dessen Thema, anknüpfend an seinen neuen, fünf Jahrzehnte umfassenden Sammelband "erdlebenbilder", im Untertitel "Versuch einer Abgrenzung gegen das pure Naturgedicht" heißt. Pure, oder um ein Synonym aufzugreifen: "reine" Naturgedichte verfassten weder seine "Erweckungs"-Dichter Peter Huchel und Johannes Bobrowski, noch Oskar Loerke oder Wilhelm Lehmann, eingedenk eines Wortes von Georg Maurer über "bedeutende Naturlyrik": "Was der Dichter von seinem Verhältnis zur Natur sagt, sagt er von der Gesellschaft, in der er lebt."

Kirstens erstes Anliegen war folgerichtig, sich gegen dieses Vorurteil zu wehren. Naturgedichte, geschweige denn pure, waren die seinen m. E. schon deshalb niemals, weil zu ihnen von Anbeginn Motiv- und Stilzitate, Anspielungen, Konterkarierungen, Adaptionen und Paraphrasen, Parodistisches, geistes- und literaturgeschichtliche Verweise zählen, überdies gelegentlich Repliken. Somit versichert sich Kirsten jener Tiefendimension des abendländischen Kulturkreises, die von Werdegang und Wandlungen unserer Wertehierarchie kündet. Insofern sind Gedichten "einverleibte" oder darin mitschwingende Grund-Sätze wie der des Prothagoras, dass der Mensch das Maß aller Dinge sei, auch Prüfsteine für die Gegenwart, die sich, wiewohl nicht mit großer Berechtigung, trotzdem gern auf diese beruft.

Das gilt auch dafür, was wir leichtfertig und wider bessere Einsichten die "freie Natur" nennen, die seit längerem offene Wundmale trägt, geschunden vom sich zum Beherrscher aufwerfenden Menschen, der sich dadurch, wer weiß, eines gar nicht sehr fernen Tages buchstäblich selbst den Boden unter den Füßen entzieht.
Kirstens ausführlicher Diskurs über die sowohl philosophisch als literarisch bislang diffus gebrauchte Begrifflichkeit von "Natur" und "Landschaft" zeigte nicht nur, dass sich Natur zu Landschaft verhält wie Allgemeines zum Besonderen: "Natur ist überall, Landschaft immer anders", vielmehr seine dichterische Herangehensweise und Präferenz. Denn unablässig besitzt ihn die Landschaft, wiederkehrend die seiner Heimat, und das Wort, zumal das gesprochene. Er sucht seinerseits, beides sich quasi "rückzuübereignen" mittels poetischer Evokationen.

Seine Arbeitsmaxime basiert auf eigenständiger Verwendung und Genauigkeit der Sprache, der Stringenz des Textes sowie der Technik, Landschaften als Texturen zu lesen und dabei deren Rhythmizität von Hügel, Senke, Welle etc. im Vers nachzuformen. So ist ihm neben den ruhig gezeichneten, zunehmend dennoch irritierenden Sprachbildern der Landstriche das "Grundwort" eines der wesentlichen Strukturelemente geblieben und per definitionem ein "Erfahrungswert, der etwas über das Verhältnis zu den Dingen sagt, die den Menschen umgeben."

Ein Dichter, für den Landschaft einen "Raum des Menschlichen" bedeutet, erkennt die Abdrücke und Hinterlassenschaften ganzer Epochen selbst dort, wo sie der Unbefangene nicht einmal vermutet. Die Landschaften Mitteleuropas sind, einmal ganz abgesehen von höchst sinnfällig verrottenden Industriegebieten, sogar bis in ihre Brachen weitestgehend Kulturlandschaften: ehemals Felder, Weiden, bewirtschafteter Wald, und als solche gleichsam nonverbale "Zeichensysteme", die durchaus nach einem gültigen sprachlichen Ausdruck verlangen. Kirsten hat hierzu Beträchtliches beigetragen und darüber hinaus etwas betrieben, was man eine "Schatzgräberkunde" der Wörter nennen könnte. Immer wieder neu entdeckt er vor allem für seine Lyrik mundartliche Besonderheiten, von bereits verloren gegangenen ("abgesunkenem Wortgut") bis zu vermeintlich allmählich verloren gehenden; und wann immer man den etymologischen Kern erfasst oder den Stimmbezug aus eigener Dialektkenntnis herstellt, folgt eine Überraschung, die mich an die Cicero-Sentenz: "Hat man die Worte, folgen [sequentur] die Dinge" gemahnt.

Unerlässlich zur Arbeit am Wortwerk ist nicht zuletzt das Erinnern, und so läuft ihm nach eigenem Bekunden fast alles - "auf Chronik und Lebensbericht hinaus". Wobei es, angesichts seiner frühen Diktion: "saataufgang heißt mein satzanfang. / die entwürfe in grün überflügeln / meiner wortfelder langsamen wuchs", schließlich ein ebenso beschwerlicher wie schmerzlicher Weg von der "poetischen Rede" übers Meißnische Land als einer "preisenden" bis zum verunsicherten Konstatieren: "wo haben wir wirklich gelebt?", also gleichermaßen in der Durchdringung des Sprachmaterials wie in der erfahrenen Realität gewesen sein muss.

Allerdings liegt dazwischen auch ein Zeit-Raum von fast einem Vierteljahrhundert, in dem sich ein weiterer tiefer Gesellschaftsbruch des eben erst vergangenen Säkulums, die "friedliche Revolution" von 1989 mit allen ihren Folgen vollzogen hatte, und von denen der jetzt 70-Jährige ja vorher schon den Zweiten Weltkrieg und den Staatssozialismus der untergegangenen DDR erlebt hatte. Das Abgründige der Schreibanlässe bleibt also trotz Heines bittersüßer Mutmaßung offenkundig erhalten. Was wunder, wenn mir seit den 1990er Jahren eine Weiterung in Wulf Kirstens dichterischen Gegenständen auffällig scheinen will, die sich etwa dem Zweifel am Fortschrittsbegriff, der wachsenden Anonymisierung des Einzelnen oder gar der Ohnmacht des Worts einer unüberhörbaren Zivilisationskritik verschreibt und diesen Zustand beispielsweise als "weltbild" im "sehschlitzformat" oder in "frohe(r) botschaft" deutlich benennt.

Dergestalt war denn sein Resümee im Hinblick auf theoretische und angewandte Ökologie, die dem gründlichen Missverständnis nachging, dass das Erkennen eines Problems bereits dessen Lösung impliziere.

Unmissverständlich für die Zuhörer hingegen, ohne diese Tatsache im Vortrag expressis verbis ausgeführt zu finden, dass unsere menschliche Natur ohne das Element der Poesie, ohne die "standbilder" der "wortfiguren" um sehr vieles ärmer wäre.



Sächsische Zeitung 2. Oktober 2004

Jeder hat seine eigene Landschaft
Der Dichter Wulf Kirsten eröffnet die Poetikvorlesungen der Sächsischen Akademie der Künste


Rudolf Scholz

Die Gefährdung von Natur und Kunst in der globalisierten Welt signalisiert die Gefährdung des Menschen, des Menschlichen überhaupt. Mit diesem Konflikt befasst sich das Projekt "Die Elemente 2004" der Sächsischen Akademie der Künste und der Stiftung Natur und Umwelt. Die Klasse Literatur und Sprachpflege der Akademie begleitet dieses Projekt mit Poetikvorlesungen.

Wulf Kirsten gab am Donnerstag im Dresdner Blockhaus den Auftakt, einer der wichtigsten, tief im Sächsischen verwurzelten Vertreter moderner deutscher Landschaftsdichtung. Bereits in seinem frühen Gedicht "Erde bei Meißen" hatte der 1934 in Klipphausen geborene Kirsten seinen Gestus poetischen Sprechens gefunden. Schon in "Satzanfang", seinem ersten Gedichtband, wusste er: "Die Bedeutung einer an Landschaft gebundenen Naturlyrik liegt nicht in der Betonung geographischer Gegebenheiten, vielmehr erlaubt dieser Aspekt ein tieferes Eindringen in die Natur, eine auf sinnlich vollkommene Rede abzielende Gegenständlichkeit, eine Mehrstimmigkeit, mit der soziale und historische Bezüge ins Naturbild kommen."
Kirsten gab seiner Vorlesung den Titel "Erdlebenbilder. Versuch einer Abgrenzung gegen das pure Naturgedicht". Fast ein wenig unwirsch polemisierte er dagegen, vordergründig als Natur-Dichter vereinnahmt zu werden - ein Seitenhieb zugleich auf den Moderator des Abends Richard Pietraß, der ihn in diese Tradition eingeordnet hatte.

Der Versuch, den mehrdeutig auslegbaren Begriff "Landschaft" zu bestimmen und im Sinne seiner eigenen Poetik zu definieren, geriet zu einem aufschlussreichen Exkurs. Beim Nachdenken darüber, wie er in der Beschränkung auf die Meißnerische Region das zentrale Thema seines Schaffens und die eigene poetische Konfession fand, kam Kirsten wiederholt auf Johannes Bobrowski zurück. Bei diesem Dichter fand er die thematische Eingrenzung auf ein Terrain, "in dem ich mich auskannte", beispielhaft vor.

Gedichte entstehen als Wanderprotokolle

Immer bedeutet Landschaft ihm menschlicher, agrarisch geprägter, von zunehmender Selbstzerstörung bedrohter Lebensraum, doch nie nur Abbild, sondern Gegenwelt, die ihre eigene Sprache erfordere. Wobei die Textlandschaft zur Simulation der Kunstlandschaft werde. Mit dem Anspruch größter Genauigkeit müsse der Dichter, so Kirsten, seinen Text auf den Punkt bringen: Erziehung der Augen, Imaginationsarbeit, die Dichten als sensible "Mathematik des Wortes" versteht.
Kirsten sprach auch über die "lange Brücke des Lektürevorrats", aus dem Impulse fürs Eigne wachsen. Den Dichter Peter Huchel nannte er einen seiner wichtigsten Anreger. "Jeder hat seine eigene Landschaft", stellte Kirsten fest. Die meisten seiner Gedichte seien "Wanderprotokolle". So rundete sich der Vortrag, der den zahlreich erschienenen Zuhörern hohe Konzentration abverlangte, zum Selbstporträt eines originären Dichters.



Dresdner Neueste Nachrichten, 28. September 2004

Zeichnen als Navigation
Arbeiten auf Papier zu „Kaspars Tierkreis" von Hartwig Ebersbach im Blockhaus


Heinz Weißflog

"So also wird der Mensch aus Göttern/und so erkennt er sie wieder/in Träumen als Steine, Sterne und Tiere", heißt es in einem Gedicht des Malers Hartwig Ebersbach (geb. 1940 in Zwickau). Die uralte Verwandlung der sichtbaren Dinge in der Fantasie des Menschen, insbesondere durch den Schamanen, später durch den Künstler bewegt den Leipziger Maler und Grafiker seit Anbeginn seiner künstlerischen Arbeit. Umso geeigneter sind seine jetzt im Blockhaus ausgestellten Bilder zum Thema "Kaspars Tierkreis" - ein Beitrag zu den in diesem Jahr von der Sächsischen Akademie der Künste initiierten Ausstellungen, Gesprächen, Vorträgen, Musikveranstaltungen und Lesungen, die unter dem Titel "Natur, Kunst und Umwelt" zusammengefasst sind.

Ebersbach bringt Wichtiges ein, stellt er doch auf bildnerische Weise ein zentrales Problem des sich aus der Natur emanzipierenden Menschen dar, bei dem die Mythen ein bildhaftes Mittel für Ursprungs- und Welterklärung sind. Als heutiger Künstler, durch das Zeitalter der Industrialisierung der Welt und einer maschinenhaften Auffassung der Natur irritiert, ist die "Heiligkeit" des Lebendigen, wie sie in den Mythen zelebriert wurde, ein Ausgangspunkt auch für Hartwig Ebersbach gewesen. Eine Befragung findet statt, durch Reisen nach Japan (1989), Afrika (1992) und China in Gang gesetzt: Vor der Authentizität des fremden Ortes hat Ebersbach plötzlich dessen mythische Dimension, die er im Kopf trug, verstanden.

Die Realität offenbarte sich für ihn plötzlich in der Verhüllung, vergleichbar mit Moses auf dem Berge oder Paulus' kurzzeitiger Erblindung: Eine Ahnung des Göttlichen kam über ihn, die Mythen begannen zu leben. Unter diesem Eindruck entstand eine Reihe von Arbeiten auf Papier, die im Blockhaus zu sehen ist und sich mit den von Ebersbach individuell aufgefassten Tierkreiszeichen malerisch auseinandersetzt. In sie wurden sowohl die asiatischen Tierkreiszeichen wie auch der afrikanische Muttermythos integriert. Ein Langgedicht mit der Darstellung von Ebersbachs Vorstellungen, in die er Interpretationsversuche und individuelle Standorte einfügt, ist der gedankliche Leitfaden der Ausstellung und sollte vom Betrachter unbedingt gelesen werden.

Dass Ebersbach die alte Verkleidung als "Kaspar", wie er sein alter ego seit 1973 in einem mehrteiligen Bild auf einer Kunstausstellung benennt, immer wieder in die Signatur übernimmt, ist eine Seite der Ironie und Relativierung seiner Erlebnisse beim Entstehen seiner Bilder, die zeigen soll, dass Mythos und Fantasie sich überlagern, als bildnerische Realität "wahr" sind, aber eben nur als virtuelle Erscheinungen.

Kaspar, das erinnert an die alte Handpuppe, der Ebersbach auf seinen Bildern die Verantwortung überträgt, für ihn Freudiges und Trauriges als ein anderer zu spielen. Hinter der er sich verbirgt wie ein Pseudonym und auf die er auch alles Negative wirft, was ihn bedrückt. In den Tierkreisbildern hat Ebersbach sich auf gestisch-informelle Weise mit dem Phänomen Tier und Mythos beschäftigt. Große Spannung erzeugt er durch vertikal-betonte, zügige Schwünge, die chinesische Kalligrafie assoziieren. Schwarz, Rot und Gelb entfachen ein mehr oder weniger heftiges Feuer, das an seine Spitzen verraucht. Diese Art von Zeichnen ist individuelle Navigation, Befragung des Mythos', Ortsbestimmung des künstlerischen Subjekts, Standortsuche, momentanes Innehalten inmitten der Tätigkeit der Hand, des Stiftes.

Auf einer großen Industriepappe ruht die Schildkröte, den heftigen Bewegungen auf den anderen Bildern entgegengesetzt: In ihrem Panzer ist alles "eingebettet, was sich im Sterben befindet" (H. E.) im ewigen Kreislauf von Leben und Tod. Eine sehr poetische Metapher, die den Ängsten entgegenwirkt und die Natur des Todes als eine selbstverständliche Antipode zum Leben angenommen hat. Das Hineinnehmen der Ängste in die Dinge des Bildes durch das Zeichnen ähnelt den sympathetischen Praktiken der Naturvölker, wo durch die Verbindung von Mythos und Realität das Subjekt erlöst wird. Hartwig Ebersbach studierte an der HGB Leipzig bei Hans Mayer-Foreyt und Bernhard Heisig von 1959 bis 1964. Er ist seit 1996 Mitglied der Sächsischen Akademie der Künste Dresden und Mitglied der Akademie der Künste Berlin-Brandenburg. Er lebt und arbeitet in Leipzig.



Dresdner Neueste Nachrichten, 28. September 2004

Vielschichtigkeit eines ungewöhnlichen Themas
Theorie und Praxis beim Symposium "Musik und Natur"


C. Hoppe

Gibt es "natürliche" Musik? Wo und wie werden Naturphänomene musikalisch abgebildet? Wann läuft Musik Gefahr, in akustische Umweltverschmutzung umzuschlagen? - Nur drei von unzähligen Fragen, die sich auftun, denkt man über Zusammenhänge, Gemeinsamkeiten, Abhängigkeiten von "Musik und Natur" nach. Allein die unterschiedlichen Denkrichtungen sind Hinweis auf die Vielschichtigkeit des schon seit Jahrhunderten diskutierten Themas. Diese zu reflektieren, veranstalteten die Sächsische Akademie der Künste (SAK) und die Sächsische Landesstiftung Natur und Umwelt (LANU) im Rahmen ihrer Reihe "Die Elemente 2004. Natur - Kunst - Umwelt" ein Symposium "Musik und Natur" im Blockhaus.

Beleuchtet werden sollten geschichtliche wie aktuelle Aspekte des Themas, und die Verantwortlichen Prof. Dr. Frank Schneider (SAK) und Dr. Hans-Joachim Gericke (LANU) hatten dazu Wissenschaftler und praktizierende Künstler geladen. Einerseits ging es um die übergeordnete Frage nach der Möglichkeit der Vermittlung des Unvermittelten, also um die Schaffung der Zugänge zur Kunst über die Natur, und zur Natur über die Kunst, andererseits sollte auch die wissenschaftliche Debatte über die lange, facettenreiche Beziehung von Kunst, Umwelt und Natur im Allgemeinen nicht zu kurz kommen. Entsprechend wurde der Tag in drei unterschiedliche, sich teils ergänzende, teils aufeinander aufbauende Diskussionsrunden geteilt. Viele Fragen, aber keine allgemein gültige Antwort In der ersten, überschrieben "Natur der Musik - Musik wider die Natur", standen theoretische Fragen im Vordergrund, etwa die, ob Musik durch Naturwissenschaften erklärbar ist oder welche Prägung Musik durch das soziale Leben erfährt. Bei der Beantwortung spielten Dinge wie Hörgewohnheiten und die Bereitschaft, sich mit "Neuem" auseinander zu setzen, eine entscheidende Rolle, wobei nicht selten die Fragestellung bereits die Antwort beeinflusste. Die zweite Diskussionsrunde "Musik in der Natur - Wege ins Freie" beschäftigte sich konkreter mit der Frage, was Nachahmung der Natur in der Musik heißt und ob nachbildende Kunstfertigkeit überhaupt eine künstlerische Berechtigung hat. Hier wie im vorangegangenen Teil des Symposiums stellte sich recht schnell heraus, dass die Ergebnisse der unterschiedlichen Überlegungen stets entscheidend mit den verschiedenen Definitionen von Natur korrelieren: Die Natur wird vom Menschen stets optional aussondiert. Solange hier keine Einigkeit besteht, kann auch eine Diskussion zu keinem allgemeingültigen Ergebnis kommen.

Unter welchen Umständen Musik im Freien gut aufgehoben ist oder ob eine künstlerische Berechtigung besteht für die Gebundenheit von Aufführungen an geschlossene Räume - solche Fragen stellte eine dritte Runde mit dem Versuch, praxisorientierter an das große Thema heranzugehen. Bei diesem Ansatz, der sich umgekehrt mit der Frage der Musik in der Natur auseinandersetzen sollte, tat sich der "Weg ins Freie", der in der Überschrift proklamiert wurde, allerdings vor allem seitens der Komponisten Günter Neubert und Benjamin Schweitzer schnell als zwiespältige Angelegenheit heraus: Wegen der Unkalkulierbarkeit von Reflexion und Nebengeräuschen könne man nicht jedes Werk im Freien aufführen, ohne dass es an Wirkung verliere. Andererseits ergibt sich aber vor allem für den laienhaften Hörer eine gelungene Mischung aus der Natürlichkeit der Kulisse und der Musik.

Begeisterndes Konzert zum Abschluss Zum Abschluss des Symposiums führte das "ensemble courage" unter Titus Engel Werke zeitgenössischer Komponisten auf, die sich mit "Natur" auseinandersetzen. Zwar sind in allen Werktiteln Naturbegriffe von zentraler Bedeutung, doch finden sich die Naturbezüge auf unterschiedlichste Art wieder, wie Moderator Benjamin Schweitzer bemerkte: Von Klangmalerei wie in "Deltaic Squirm" des Finnen Perttu Haapanen (geb. 1972) bis zu abstrakten Naturbezügen in "Figuren im Gras" von Sergej Newski (geb. 1972) versammelten sich viele Möglichkeiten der Bearbeitung der Natur. Selbst das Paradoxon, räumliche und menschliche Abgründe durch ein Stück für Solo-Flöte (gespielt von Carin Levine) ausdrücken zu wollen, wie es Helena Tulve (geb. 1972) in "abysses" versucht, birgt lange nicht die Gefahr des Unnatürlichen. Als Höhepunkt des Konzerts kann die Uraufführung des eigens zum Symposium bestellten Werks "Valuable Natural Resources" des US-Amerikaners David T. Little (geb. 1978) gelten, ein Stück, das eine unverzichtbare Ebene des Themas beleuchtet: die Ausbeutung der Natur durch den Menschen, aber auch die Ausbeutung des Menschen als Teil der Natur.
So sehr die Meinungen den Tag über auseinandergingen: In der Begeisterung für das äußerst nuanciert musizierende Ensemble fanden sie zueinander. Und da auch in der praktischen Umsetzung die unterschiedlichen Ansätze nicht wegdiskutierbar scheinen, kann man wohl auch mit dem theoretischen Umkreisen - das erwartungsgemäß nicht zu einer einhelligen Lösung kommt, aber doch einiges pointieren konnte - durchaus zufrieden sein.



Sächsische Zeitung, 17. September 2004

Des Menschen zweite Natur

Appell zur Fortsetzung des Kulturraumgesetzes

Dresden. Gefahren für Sachsens kulturellen Reichtum sehen Kulturschaffende. Sie fordern die Weiterführung des sächsischen Kulturraumgesetzes, zu dem es bisher kaum Bekenntnisse der Politisch-Verantwortlichen auf Landes- wie kommunaler Ebene gibt. Auch wenn das Gesetz noch bis 2007 läuft, müsse auf Grund der langen parlamentarischen Vorarbeit jetzt mit der Diskussion begonnen werden, informierte die Sächsische Akademie der Künste in Dresden. Einen entsprechenden Appell haben deshalb der Sächsische Kultursenat, die Akademie der Künste und der Landesverband Sachsen des Deutschen Bühnenvereins gestartet. In dem Papier wird an die in der Verfassung des Freistaates festgeschriebene Kulturpflege als Pflichtaufgabe und die entsprechende finanzielle Verpflichtung des Landes erinnert. Das Kulturraumgesetz ermögliche ein beispielhaftes Solidarprinzip der gemeinsamen Erhaltung und Förderung kultureller Einrichtungen durch die Kommunen und das Land. Es bewährt sich seit 1993.

Die Unterzeichner, darunter Kultursenats-Präsident Bernhard Freiherr von Loeffelholz und der Chemnitzer Rolf Stiska, warnen davor, dass sich der Freistaat weiterer kulturell-ästhetischer Bildungsaufgaben wie die Finanzierung der Musikschulen entledigt und diese an die damit überforderten Kulturräume überträgt. "Verantwortliches politisches Handeln schließt die Obhutspflicht für die kulturelle Lebenssphäre ein. Kultur ist gleichsam die zweite Natur des Menschen", heißt es in dem Appell. Dieser wurde dem Landtag, der Staatsregierung und den Konventen der Kulturräume zugeleitet. (SZ/bkl)



Dresdner Morgenpost, 11. September 2004

Kulturfunktionäre fordern: Weiter mit dem Kulturraumgesetz

Der Sächsische Kultursenat, die Sächsische Akademie der Künste und der Landesverband des Deutschen Bühnenvereins haben schriftlich an die Landesregierung appelliert, das Kulturraumgesetz nach 2007 weiterzuführen. Das Gesetz, 1993 verabschiedet und 2002 fortgeschrieben, definiert die Kulturpflege als Pflichtaufgabe von Gemeinden und Landkreisen. "Zu einer Weiterführung dieses Gesetzes gibt es nach unserer Einsicht keine Alternative, wenn Sachsen seinen kulturellen Reichtum, der Ausdruck einer sozialen Kulturgesellschaft ist, nicht aufs Spiel setzen will", heißt es.



Sächsische Zeitung, 8. September 2004

Sternbilddeutung in Nationalfarben
Zeichnungen von Hartwig Ebersbach im Dresdner Blockhaus / Vortrag von Bazon Brock


Bernhard Theilmann

„Die Sderne, mein Gott, die Sderne“ ließ Thomas Mann in seinem Roman "Tonio Kröger" schwärmen; ohne Nacht in der Wüste, wo das Vielfache an Sternen wie in Europa zu sehen ist. Sterne, in Tierkreiszeichen zusammengefasst, brachten es durch die Astrologie zur traurigen Berühmtheit für massenweises Abschalten des Menschenverstandes. Woher aber kommen die Sternbilder mit Tiernamen und wieso haben sie nicht das Geringste mit den Körpern ihrer Namensgeber zu tun?
Diese Frage stellte sich der Geograf Kai Helge Wirth und fand eine verblüffende Erklärung. Er übertrug die scheinbar willkürlich ausgewählten Sterne und ihre Verbindungslinien auf die Weltkarte und fand eine frappierend genaue Beschreibung der Konturen von Küsten, Inseln, Binnenmeeren, Flussläufen und Meeresströmungen des nordatlantischen Raumes bis zum Schwarzen Meer. Sein Schluss daraus: Während der Steinzeit gab es Seefahrer, die sich an Sternen orientierten. Kühne These, die von der Archäologie und Kollegen gestützt wird, während andere Wissenschaftler darob den Kopf schütteln.

Ein unwirklicher Himmel voller Assoziationen

Hartwig Ebersbach nahm die bisher nicht widerlegten Thesen Kai Helge Wirths zum Anlass, eine Folge Zeichnungen zu schaffen, von denen einige im Blockhaus ausgestellt sind. Der Titel des Zyklus von 2004 heißt "Kaspars Tierkreis". Kaspar ist schon seit Jahrzehnten für Ebersbach die Zentralfigur und sein Double im Geist, wie die letzte Strophe eines 1989 geschriebenen Gedichtes belegt: So also lieber in Träumen aufgehen, / wo sich Wirklichkeiten wandeln, / wo Welten wechseln, / da steht Kaspar, / für Welt, für Wirklichkeit, für mich.

Die großen Blätter sind alle im Hochformat, obwohl jeder Mensch, der zwei Augen hat, beim Blick in den Himmel ein querformatiges Sternenpanorama sieht. Ebersbach geht es schon lange nicht mehr wie in Werken der 70er Jahre um strengen Realitätsbezug, sondern, wie im Faltblatt der Sächsischen Akademie der Künste geschrieben steht, um "einen unwirklichen Himmel voller Assoziationen". Einen imaginären Himmel der Träume hat jeder; was ist ein unwirklicher Himmel?
Die Zeichnungen sind mit Fettkreide ausgeführt, in drei Farben: schwarz, rot, gelb; minimale Einsprengsel von schwarzblau oder grün tun nichts zur Sache. Alle Blätter tragen Titel nach Sternkreiszeichen. Sie sind untenrum schwungvoll mit Hartwig Ebersbach signiert, der Name umschlossen von einer Linie, wie bei dem Blatt "Schildkröte" Afrika, einer Küstenlinie ähnlich. Das ist nicht nur ideologisch, das ist auch notwendig für die Zeichnungen. Der flammende Gestus der Linien, die sich verbreiten zu kleinen Farbflächen, füllt die Blätter nicht. Es bleibt viel offenes, kraftloses Weiß für Titel mit Sprüchen: "aus dem Seelenschlaf, traumlos noch, in einen Kreis geworfen" oder "Fische an meinem Arm, Fische fressen einen Hund". Die starken Farben in Linie und Strichkomplott bleiben im Bild eher kraftlos: Gestik in Echauffierung, hingerotzt, genialisch? Womöglich.

Aufklärung aus dem Selbstzeugnis des Malers

Die größte Arbeit der Ausstellung auf ungebleichtem Karton, 235 mal 450 cm, bezieht sich auf das Sternbild Schildkröte. Lasierende, tuscheartige Farbe mit unlöslichen Pigmenten, es könnte Ruß sein, hat Ebersbach mit den Füßen geformt, im Detail nicht ohne Reiz: "Seine neuen Bilder sind größtenteils Fußmalereien." "Dennoch-Kunst" nach Versehrten, action-paintings à la Yves Klein waren etwas völlig anderes. Zehenspuren, ein Fußabdruck und die handschriftliche Verkündigung im nackschen Part des Bildes: Sterbend in Schildkröte eingebettet. Wer vor der Arbeit grübelt, erfährt vielleicht Aufklärung aus dem Selbstzeugnis des Malers: "Also auf dem Opfer tanzend, sich vom Gegenstand zum Zeichen, zur Kalligrafie wendend, so will ich meine Welt signieren." Gehöriger Anspruch.

Am 15. September, 20 Uhr, spricht Bazon Brock zum Thema: "Evidenz der Wahrheit? Gegen die scheinbare Sinnfälligkeit von Bildern"

Der Referent:
Bazon Brock wurde 1936 in Stolp in Pommern (heute Slupsk) geboren. Nach Flucht und Internierung in Dänemark siedelt er sich 1947 in Schleswig-Holstein an.
1957 bis 1961 Ausbildung zum Dramaturgen.
1957 bis 1964 Studium Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaften in Zürich, Hamburg, Frankfurt am Main.
1957 Beginn seiner umfangreichen Publikationstätigkeit.
Ab 1968 war Brock an Besucherschulen der documenta in Kassel tätig.
Als Professor lehrte er Ästhetik an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg, an der Hochschule für Angewandte Kunst in Wien und seit 1980 an der Bergischen Universität Wuppertal.
Er bestritt zahlreiche Veranstaltungen in Museen, Akademien, Hochschulen, Galerien und im Fernsehen in Deutschland und im Ausland, unter anderem in der Sendung "Bilderstreit" im Süd-West-Rundfunk.



Sächsische Zeitung, 19. August 2004

Absage an falsche Hoffnungen

Rainer Kasselt

Kann man den Beruf des Regisseurs lernen? B.K. Tragelehn, Meisterschüler bei Brecht, versucht eine Antwort: "Wenn man Lernen versteht als Erfahrung machen, kann man. Talent vorausgesetzt. Talent ist Interesse." Auch von Tragelehn, dem heiteren Dialektiker, kann man viel über den Beruf erfahren. Auf leicht fassbare Weise spricht er über die schwierigsten Fragen. Er hatte sich für die "Regiewerkstatt Heiner Müller" der Sächsischen Akademie der Künste als Leiter zur Verfügung gestellt. Vierzehn junge Theaterleute aus Österreich, Frankreich, Deutschland, der Schweiz und den USA wollten ihn in Dresden erleben, meldeten sich zu dem Kurs an.

Tragelehn befindet sich seit Sonntag im Krankenhaus. Die Veranstalter saßen in der Klemme. Einige der Teilnehmer reisten ab. Wo in der Ferienzeit so schnell Ersatz hernehmen. Bernd Böhmel, Dramaturg der legendären Dresdner "Umsiedlerin"-Aufführung von 1985 (Regie: Tragelehn), übernahm die Leitung der Werkstatt, Stephan Suschke, einige Jahre künstlerischer Leiter des Berliner Ensembles, wird einen Tag mit den Teilnehmern arbeiten. Dresdens Schauspielchef Holk Freytag und sein Vorgänger Dieter Görne springen ein. Die Regiewerkstatt wird, wie geplant, bis zum 29. August im Societaetstheater stattfinden. Und vielleicht, so die Hoffnung, wird B.K. Tragelehn schnell gesund und kann noch kommen.

Im Societaetstheater gab es am Dienstagabend eine öffentliche Veranstaltung der Werkstatt. Es gehört zu den sympathischen Seiten der Akadmeie, dass sie sich immer mehr für ein interessierendes Publikum öffnet. Theaterwissenschaftler Nikolaus Müller-Schöll referierte über "Heine Müllers Schweigen". Er machte deutlich, dass Heiner Müller, der in diesem Jahr 75 geworden wäre, ein höchst aktueller und provokanter Autor geblieben ist. Junge Regisseure, jüngst vor allem in Frankreich, entdecken verstärkt seine Stücke. Zu den besonderen Vorzügen Müllers zählt der Gastredner dessen Absage an falsche Hoffnungen, die Rigorosität seiner Texte, die nicht einfach abbilden, sondern von der Sehnsucht oder Ahnung „eines möglichen anderen" künden. "Wir sind mit Heiner Müllers Fragen noch lange nicht fertig", sagt er.

Öffentliche Veranstaltung der Sächsischen Akademie der Künste: Stephan Suschke spricht über seine Regieerfahrungen, Dienstag, 24. August, 20 Uhr, Societaetstheater Dresden, Eintritt frei.



Dresdner Neueste Nachrichten 14. August 2004

Regiewerkstatt zu Heiner Müller

Die Sächsische Akademie der Künste veranstaltet in der kommenden Woche gemeinsam mit dem Societaetstheater und der Internationalen Heiner-Müller-Gesellschaft eine Regiewerkstatt zu Ehren und als produktive Auseinandersetzung mit Stücken des Dramatikers Heiner Müller, der in diesem Jahr 75 Jahre alt geworden wäre.
Die Werkstatt wird geleitet von B.K. Tragelehn unter Mitarbeit von Bernd Böhmel. Die Teilnehmer sind junge Regisseure, Dramaturgen, Bühnenbildner und Schauspieler.

Im Verlauf der Regiewerkstatt gibt es zwei öffentliche Veranstaltungen im Societaetstheater. Am Dienstag hält Nikolaus Müller-Schöll einen Vortrag mit anschließendem Gespräch unter dem Titel "'... die Wolken still / Sprachlos die Winde' Heiner Müllers Schweigen". Eine Woche später geben B.K. Tragelehn, Bernd Böhmel und die Teilnehmer der Werkstatt unter dem Titel "Der Künstler und das Kind. Zum Bilde Heiner Müllers" Einblick in die Regiewerkstatt.



Osterländer Volkszeitung, 30. Juni 2004

Kunstmarkt versus Kulturprinzip

Klaus Peschel

Zur diesjährigen Jahrestagung traf sich die Sächsische Akademie der Künste Ende vergangener Woche im Altenburger Lindenau-Museum. Im Zusammenhang mit der Mitgliederversammlung fand am Freitagnachmittag eine Podiumsdiskussion zum Thema "Was macht die Kunst?" - Kunst und Öffentlichkeit - statt.

Der Vizepräsident der Sächsischen Akademie Dr. h.c. Friedrich Dieckmann leitete sie. Seinen Fragen stellten sich der Präsident der Sächsischen Akademie der Künste Prof. Dr. Ingo Zimmermann, Schriftsteller und Kulturhistoriker aus Dresden, der Kunsthistoriker Prof. Dr. Wieland Schmied, Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, die Schriftstellerin und Kunsthistorikerin Dr. Nike Wagner, Leiterin des Kunstfestes Weimar, die Kunstwissenschaftlerin Jutta Penndorf sowie der Maler Hartwig Ebersbach.

"Was macht die Kunst?", lässt Lessing in Emilia Galotti, Erster Aufzug zweiter Auftritt, den Prinzen von Guastalla den Maler Conti fragen. Die Kunst gehe nach Brot, lautete dessen Antwort. Die Beziehung zwischen Staat und Kunst, zu Lessings Zeiten und heute, das war das Thema einer zweistündigen Debatte.
"Wann hat Sie zum letzten Mal ein Vertreter des Staates danach gefragt, was die Kunst mache", damit eröffnete Friedrich Dieckmann die Diskussion und richtete diese Frage zuerst an den Maler Hartwig Ebersbach. Dieser nannte einen Namen und ein Jahrzehnt: Dietmar Keller, 80er Jahre DDR. Es sei damals um eine Westreise gegangen.

Dieckmann nannte das Lindenau-Museum einen der schönsten Orte und eines der publikumsoffensten Museen. Jutte Penndorf, Direktorin des Museums und Mitglied der Akademie, fielen auf die Frage des Moderators gleichfalls die 80er Jahre ein. In einer Libuda-Ausstellung sei es gewesen, als ein Vertreter des Staates ihr die Frage stellte: "Darf man das denn jetzt?" Heute seien die Politiker froh, wenn sie nicht nach Kunst fragen müssten. Wie es um die Kunst stehe, sei jedoch eine Frage, die sie sich und ihre Mitarbeiter täglich stellen, in einem Museum ohne Öffentlichkeit.

Eine andere Sicht auf die Beziehung Staat versus Kunst hatte Nike Wagner. Als Organisatorin eines Kunstfestes stehe sie zwischen Staatsmacht und Künstlern und das Verhältnis zur Staatsmacht sei ungewöhnlich gut. Es fließe Geld von Bund und Staat und Stadt. Ihre Erklärung: Ein Kunstfest sei eine kurzfristige Sache, ein Zeitraum, der für Politiker überschaubar bleibe. Als BRD-Linke habe sie in den 70er Jahren den Staat angegriffen, heute sei der Staat gegenüber dem Markt das kleinere Übel. Sie brachte damit ein Thema in die Debatte, das den Disput bis zum Schlusswort bestimmte.
Wieland Schmied konstatierte, dass im Unterschied zu Lessings Zeiten die Künstler für den Markt arbeiten und nicht "auf Bestellung". Die Preise für Kunst laufen heute so davon, dass Museen kaum noch in der Lage seien, etwas aufzukaufen. Entweder entwickele man ein Programm weiter oder man gehe auf den Markt ein, warf Jutta Penndorf in die Debatte. Für ersteres spreche, dass derzeit in Altenburg ein Fest für den Museumsgründer Bernhard von Lindenau stattfinde. Fünf Ausstellungen für einen Mann, der die Vision hatte, Kunst aus privater Hand der Öffentlichkeit zugängig zu machen.

Akademiepräsident Ingo Zimmermann brachte das Ergebnis der spannenden Debatte mit einer Frage auf den Punkt: "Wird das Marktprinzip dominieren oder halten wir das Kulturprinzip durch?" Es gehe bei Kunst um Werte, die lange wirken. Politiker haben Verantwortung für kommende Generationen und nicht nur für die Wähler in vier Jahren, so Zimmermann.



Baunetz 23.4.2004

Nachkriegsmoderne
Broschüre über Dresden erschienen


Die Sächsische Akademie der Künste Dresden hat in der ersten Aprilwoche 2004 eine Broschüre zum Thema "Architektur und Städtebau der Nachkriegsmoderne in Dresden" herausgegeben. Das achtzig Seiten starke, bebilderte Heft stützt sich auf die Vorträge eines Symposiums der Klasse Baukunst der Akademie vom 30. Oktober 2003. Autoren sind unter anderem Werner Durth, Thomas Topfstedt, Klaus Trojan, Carsten Lorenzen, Oliver Elser, Wolfgang Kil und Carlo Weber. Letzterer leitet seit dem Jahr 2000 in der Nachfolge von Günther Behnisch die Klasse Baukunst.

In einem ersten Teil wird die Bedeutung der Architektur der Nachkriegsmoderne in Dresden - und dort vor allem der Prager Straße - erläutert. In einem zweiten Teil werden „Perspektiven für Bauten und Ensembles der Nachkriegsmoderne" aufgezeigt. Eine im Wortlaut wiedergegebene Podiumsdiskussion, unter anderem mit einem Beitrag von Stephan Braunfels "pro Prager Straße", rundet das Thema ab.

Die Broschüre ist zum Preis von 7,50 Euro im Buchhandel erhältlich oder bei der Sächsischen Akademie der Künste, Neustädter Markt 19, 01097 Dresden.



Tagesspiegel, 28.6.2004

Ein Herz für Straßenfluchten

Jürgen Tietz

Altlast oder Modellfall. Die Meinungen über die Prager Straße in Dresden sind kontrovers. Ein Sammelband, der über die Sächsische Akademie der Künste zu beziehen ist (Architektur der Nachkriegsmoderne in Dresden 7,50 Euro) spürt der Bedeutung der Straße nach. Als kürzeste Verbindung von Stadtkern und Hauptbahnhof war die Prager Straße bis zu ihrer Zerstörung 1945 von gründerzeitlichen Geschäfts- und Wohnhäusern flankiert. Eine Nutzung, die auch im Wiederaufbau der Sechzigerjahre aufgenommen wurde: Niedrige Geschäftshäuser werden von Wohnhochhäusern und Hotels flankiert. Als Zentrum des modernen Dresdens wird sie in einem Atemzug mit städtebaulichen Meilensteinen wie der Lijnbaan in Rotterdam genannt.

Eine "sorgsame Patenschaft" wie sie der Architekturhistoriker Werner Durth anmahnt, ist in Dresden jedoch nicht zu bemerken. Stattdessen hat sie ihre Funktion als zentrale Einkaufsmeile verloren; die Sanierung des lang gestreckten Wohnriegels steht an. Zudem haben die Eingriffe der letzten Jahre das Erscheinungsbild eher verschlechtert. Trotz dieser Schwierigkeiten fordert der Architekt Stephan Braunfels, dass die Stadt Dresden nicht ihre Planungshoheit zugunsten von Investoren aufgibt. Denn noch besteht die Möglichkeit "zur Weiterentwicklung des faszinierenden modernen Konzepts" Prager Straße, so der Architekturhistoriker Thomas Topfstedt. Sie muss nur gewollt werden."

Architektur und Städtebau der Nachkriegsmoderne in Dresden. Herausgegeben von der Sächsischen Akademie der Künste. Redaktion: Dr. Klaus Michael, Dresden 2005, ISBN 3-034367-11-9, Ladenpreis: 7,50 Euro.




Dresdner Neueste Nachrichten, 2. Juni 2004

Lust am Spiel mit der Sprache
Alain Lance in der Sächsischen Akademie der Künste


Elke Egger

Aus der Gaststadt Paris wurde innerhalb der Reihe "Musik und andere Künste" - in Zusammenarbeit mit der Sächsischen Akademie der Künste - ein Dichter zu den Festspielen eingeladen: Der 1939 in Bonsecours bei Rouen geborenen Alain Lance, Lyriker und Übersetzer, las im Blockhaus aus seinem Band "Und wünschte kein Ende dem Umweg" (Edition Karlsberg 1994, ISBN 3-930204-04-5) sowie noch unveröffentlichte Gedichte. Gerademal elf Zuhörer waren gekommen, was Lance humorvoll damit begründete, dass zeitgleich das TV-Melodram über die persische Kaiserin Soraya ausgestrahlt wurde. Es könnte aber auch damit zu tun haben, dass der Franzose nur einer begrenzten Anzahl Leser bekannt sein dürfte.

Dabei wurde Lance schon zu DDR-Zeiten publiziert. Statt nämlich, wie vorgesehen, in der BRD zu studieren, ging er im November 1962 nach Leipzig, um dort sein Germanistik-Studium fortzusetzen. "Das hatte mit der aufgeputschten Stimmung in Westdeutschland, kurz nach dem Mauerbau, zu tun", erklärte er. Und es hatte mit seiner politischen Einstellung zu tun. Zudem, erinnert sich Lance, bedurfte es eines Umweges über das Ausland (Lance weilte auch im Iran und in Persien), um ein Franzose zu werden. Ende 1964 jedenfalls lernte Lance Volker Braun kennen, der heute neben Ludwig Harig, Roland Erb und Paul Wiens Lances Gedichte ins Deutsche überträgt. Lance wiederum übersetzte Werke von Braun, Franz Fühmann, Ingo Schulze und Christina Wolf ins Französische. Gegenwärtig leitet er das Schriftstellerhaus in Paris.

Seine Gedichte wurden an diesem Abend zunächst von Gundula Sell (Akademie der Künste) auf Deutsch vorgetragen. Danach las Lance das Original. Ein ungleicher Wettstreit der Sprachen, denn der enormen Musikalität des Französischen genügt keine noch so gefühlvolle Rezitation im Deutschen. Die Lesung sein auch Dank und Gruß an die übersetzenden Freunde und Kollegen, weshalb gleich zu Beginn das Gedicht "An die Freunde im Osten" aus den 80er Jahren zu hören war: "Während sich unsere Grüße kreuzen/ in den deutsch-französischen Postsäcken/ (Die Kutscher des Bonaparte eilten nicht minder mit Weile)/ Während wir in der Distanz das Glas erheben/ (Unter der Stolzen Sonne Rot: die euch eher/ ernüchtert, wohingegen ihr wartet/ bis morgen auf die nagenden Regen)/ Während wir, während friedlicher Treffen/ (Zivile Flugzeuge! Poröse Grenzen!)/ Texte tauschen und Flüssigkeiten/ Während während während/ Kaderwelsch oder Warenknechte". Hier habe Volker Braun ein gutes Äquivalent zum Schüttelreim des Gedichtes gefunden. Überhaupt: Braun kann kein Französisch, er dichtet Lances Verse nach einer "internen" Übersetzung des Autors nach.

"Und keiner da, der uns kapiert", heißt es am Ende eines Gedichtes, in dem die meisten Wörter frei erfunden sind. Lance hat Lust am Spiel mit der Sprache. Und doch ist er vor allem ein politischer Dichter, den Kriege und Visionen und alles bewegt, was mit dem "märchenhaften Fortschritt der Massaker" zu tun hat. Darum gebeten, für eine Anthologie ein Gedicht zum Thema Hoffnung zu schreiben, meint Lance: "Das ist fast eine Provokation". Und dann schrieb er:

Die Hoffnung "verlässt uns nachts wegen ferner Katastrophen, sie lässt uns auf dem Mond spazieren, - sie ist mobil, recyclebar, wiederverwertbar, sie wird in den Kliniken verwaltet, sie wird mit dem Automaten ausgespuckt, - es wird ihr die Luft ausgehen, sie hat immer Zeit abzugeben im Überfluss."



Sächsische Zeitung, 1. Juni 2004

Fest der unbeschwerten Stühle
Kaum Interesse am Dichter Alain Lance aus der diesjährigen Gaststadt Paris


Michael Wüstefeld

Freitagabend vor Pfingsten. Ein schlechter Termin für Literatur? Noch zehn Minuten vor Beginn der Lesung spielt im Blockhausfoyer ein Akkordeonist. Zahlreiche Zuhörer wiegen sich zu Musetteklängen. Aber wo sind sie hin, als der aus Paris angereiste Dichter Alain Lance, 1939 in Bonsecours bei Rouen geboren, in den Saal bittet? Die wenigsten folgen seiner Einladung. Ganz zu schweigen von ortsansässigen Schriftverstellern, die wie üblich im eigenen Saft geschmort und mit Abwesenheit glänzen. Wenigstens ist Akademiemitglied Róza Domascyna aus Bautzen angereist, um dem korrespondierenden Mitglied Dr. Lance die Ehre zu erweisen. Musikfestspiel-Intendant Hartmut Haenchen eröffnet den Abend, beteuert, dass er, trotz geringer Resonanz, auch zukünftig an der Kooperation mit der Sächsischen Akademie der Künste festhalten will.

In diesem Jahr sind Paris und Alain Lance in der themenbezogenen Festspielreihe "Dresden & Europa" zu Gast. Aufmerksamen Lesern aus dem verblühten Leseland dürfte der französische Dichter ein Begriff sein. 1977 erschien eine Auswahl seiner Gedichte übertragen von Paul Wiens und Volker Braun als Heft 114 der legendären Reihe Poesiealbum. Und 1979 war Lance Mitherausgeber der bei "Volk und Welt" erschienenen Anthologie "Französische Lyrik der Gegenwart". Seit seinem Germanistikstudium an der Pariser Sorbonne und der Leipziger Karl-Marx-Universität betätigt er sich als vielfältiger Brückenbauer zwischen den Sprachen. Nicht nur übersetzt er Bücher von Volker Braun, Christa Wolf, Franz Fühmann ins Französische, er war und ist auch Deutschlehrer, Leiter der französischen Kulturinstitute in Frankfurt/Main und Saarbrücken sowie der "Maison des écrivains" zu Paris.

In Dresden bietet Alain Lance, assistiert von Gundula Sell, einen Querschnitt seiner Arbeiten. Er liest das frühe Gedicht "1944", das mit dem schönen Vers ausklingt: "Gegen Abend explodieren in den Kastanienbäumen/die kleinkalibrigen Vögel", liest Texte, die sein Verhältnis zu Deutschland aufzeigen, spricht über Ereignisse und Anlässe, die Gedichte entstehen ließen. Lance erweist sich als ebenso politisch engagierter, wie reim- und wortverspielter Dichter. Mehrfach ist von Volker Braun die Rede. Seit vierzig Jahren ist er mit Lance befreundet. Vielleicht hätten die zwei Freunde in Dresden gemeinsam der Poesie zu einem Fest verhelfen können. So aber blieben hauptsächlich die Stühle unbeschwert.



Deutsches Architektenblatt, Ausgabe Ost 6/2004

Wider den "Reisearchitekten"!

Prof. Ingo Andreas Wolf

Im Rahmen einer dreitägigen Konferenz an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur HTWK- Leipzig zu "Stadtumbau und Stadterneuerung in Tschechien und Ostdeutschland nach 1990 - Leipzig und Brünn im Vergleich" wurden entwurfliche Strategien für die Umweltgestaltung, Reökonomisierung und Nachhaltigkeit der Partnerstädte vorgestellt und diskutiert.

In gemeinsamer Organisation durch die Bauklasse der Sächsischen Akademie der Künste, der Technischen Universität Brünn, die HTWK-Leipzig sowie den beiden Stadtplanungsämtern und gefördert durch den Deutsch- Tschechischen- Zukunftsfond konnten eine Vielzahl thematischer Gemeinsamkeiten hinsichtlich der historischen wie aktuellen Stadtentwicklungsproblematik herausgearbeitet werden.

Übereinstimmend wurde konstatiert, dass im Zuge der anstehenden EU- Erweiterung und angesichts des allgegenwärtigen Globalisierungsdrucks nicht eine oberflächliche Internationalisierung als "Reisearchitekten" (Kil) die Perspektive sein kann, sondern der konkrete langjährige Ortsbezug als Grundlage unserer Berufstätigkeit im architektonischen wie auch politischen Sinne immer wichtiger wird!

Solcher Art kontextuell sind auch die 50 Studienprojekte aus Seminararbeiten beider Hochschulen angelegt, die noch bis zum 19. Juni 2004 im Neuen Rathaus Leipzig zu sehen sind und dann in Brünn ausgestellt werden.




Sächsische Zeitung, 22. Mai 2004

Schreckgespenst vom Dienst
Stuttgarter Intendant Zehelein zur Zukunft der Oper


Rainer Kasselt

"Sprengt die Opernhäuser in die Luft!" Es ist fast vierzig Jahre her, dass der Komponist Pierre Boulez diesen Satz in einem Interview äußerte. Er meinte damit die satte Institution Oper, die mit dem immergleichen Repertoire von Mozart, Wagner oder Verdi sich selbst genügt. Boulez wollte mit dem provokanten Satz eine Lanze für das neue Werk brechen.

Genutzt hat es wenig. Zeitgenössische Stücke fristen an den meisten Häusern ein Schattendasein. Es gebe eine ganze Generation von Musikern, die nicht ein einziges zeitgenössisches Werk gespielt hätten, sagte Stuttgarts Opernchef Klaus Zehelein. Er war Gast der Redenreihe "Zur Zukunft der Oper" der Sächsischen Akademie der Künste.

Die Besucher im Dresdner Blockhaus waren sich einig: So vehement, überzeugend und engagiert hat selten jemand für die zeitgenössische Oper gefochten. Zehelein ist seit 1991 Chef der Stuttgarter Staatsoper, die unter seiner Leitung viermal als "Opernhaus des Jahres" ausgezeichnet wurde. Sein Haus ist ohne den Einsatz für das neue Werk nicht denkbar. Er kennt alle gängigen Argumente gegen die neue Musik, als "behördlich zugelassenes Schreckgespenst vom Dienst", wie er ironisch sagte. Gebetsmühlenhaft hält er dagegen: Neue Musik setzt sich nur durch, wenn sie kontinuierlich angesetzt wird. Von Sängern (und ihren Ausbildern) erwartet er, dass sie Monteverdi und Luigi Nono interpretieren können.

Am Beispiel von Stuttgarter Operninszenierungen - unter anderem Helmut Lachenmanns "Das Mädchen mit den Schwefelhölzern" - zeigte Zehelein, wie Vorbehalte im Publikum und bei den Protagonisten abgebaut werden. Auch die Zuschauer sehnten sich nicht immerfort nur nach der "Zauberflöte". Man dürfe ihnen allerdings nicht mit Hochmut begegnen und sie für überfordert erklären, wenn ein neues Stück auf den Spielplan kommt. Er sei früher auch nicht frei von diesem Hochmut gewesen, sagte Zehelein, der auch Präsident des Deutschen Bühnenvereins ist. Das Theater habe sich als Vermittler zwischen Werk und Zuschauer zu verstehen. Bei allen neuen Werken an seinem Haus hat der Intendant persönlich eine halbe Stunde vor Beginn eine Hinführung zum Stück gegeben. "Hinführung, nicht Einführung", sagte Zehelein.



Dresdner Neueste Nachrichten, 30. April 2004

Sieg des Zwitscherwinkels
Barbara Köhler las in Osmar Ostens Ausstellung im Blockhaus


Gundula Sell

Minimalistisch nahm sich die Kunst aus im Blockhaus bei der Ausstellung des Chemnitzer Malers Osmar Osten (Jg. 1960) und der Lesung seiner heute in Duisburg lebenden "Landsmännin" Barbara Köhler (geb. 1959 bei Amerika/Sa.). Ausstellung und Veranstaltung gehören zum gemeinsamen Programm der Sächsischen Akademie der Künste, deren Mitglied Osten ist, und der Sächsischen Landesstiftung Natur und Umwelt "Die Elemente 2004".
Elementar kann man Ostens Monotypien nennen, die auf schwarzem Grund je einen spontan gewischt-gekratzten Vogel zeigen, als sei es der erste Sänger noch tief in der Nacht. Jeden Tag ein neuer? Der, der singt, und der, der hinsieht oder hinhört, können nicht diesselben sein wie am Tag zuvor.

Jutta Penndorf, Direktorin des Lindenau-Museums Altenburg beschreibt in ihrer Rede Ostens Bindung an das heimatliche Erzgebirge. Dieser verdankt die Ausstellung den Titel: "2:1 für Anton Günther", den erzgebirgischen Dichter, Komponisten und Sänger. Den Spielstand für Günther kann man auch interpretieren als Sieg des Kräh-, nein Zwitscherwinkels über das globalisierte Heute. Wobei in der Kunst der präzise Blick an keinen Grenzen haltmacht. Das bewies die Lyrikerin, Essayisten und Konzeptkünstlerin Barbara Köhler anhand ihrer Auseinandersetzung mit der amerikanischen Autorin Gertrude Stein, deren Texte "Tender Buttons" ("Zärtliche Knöpfe"; 1913) sie nachgedichtet hat. Stein ist bekanntlich die mit "a rose is a rose is a rose". Köhler, die Sprach-Mikroskopiererin, ging den Verzweigungen dieser Rose genüsslich nach und fand nicht nur Rosette und Brause, das Verb aufstehen im Imperfekt, die Farbe rosa und den Frauennamen. Unendliche Möglichkeiten, und das war nur der Anfang.

Köhlers gestochen scharfe Vortragsweise in Englisch und Deutsch entsprach dem genauen Blick der Dichterin auf Dinge des Alltags: Karaffe, Kissen, Teller. Sie geben Anlass für fast surrealistisches Spielen mit Sprache, aus dem Unterbewusstsein hervor - was fürs Nachdichten harte Arbeit heißt, die Leichtigkeit des Entschwebens wiederzugeben. Die knappen Texte zwischen Gedicht und Prosa huschten hin wie die Vögel, fast schon weggeflogen, auf ihrem schwarzem Grund. Die Karaffe zu Beispiel: "ein durchschauspiel und keines falls fremd eine alleine wund farbe und systematisch arrangiertes auf deut hin" Eindeutig? Deutlich? Andeutend - so sind sie, die Künstler.



Sächsische Zeitung, 23. April 2004

Kronenwächter Stoiber

Der Fortbestand des brandenburgischen Schlosses Wiepersdorf als Stipendiaten-Ort für Schriftsteller und Künstler ist akut gefährdet, da nach dem Freistaat Sachsen auch Thüringen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern ihren Finanzierungsanteil zurückgezogen haben. In einem offenen Brief an Bayerns Ministerpräsidenten Edmund Stoiber schlägt die Sächsische Akademie der Künste nun vor, der Freistaat Bayern solle Schloss Wiepersdorf übernehmen:

Sehr verehrter Herr Ministerpräsident!

Das Künstlerhaus Wiepersdorf, das in einem Dorf im Fläming zwischen den Städten Jüterbog und Dahme liegt, kann für das älteste deutsche Literaturhaus gelten. Schon bald nach der Besetzung Brandenburgs durch sowjetische Truppen gelang es der Malerin Bettina Encke, einer Urenkelin Achim und Bettina v. Arnims, die Verantwortung für ein Anwesen, das diesem eminenten Schriftstellerehepaar der deutschen Romantik einst Zuflucht und Lebensunterhalt geboten hatte, einer Deutschen Dichterstiftung zu übertragen, aus deren Händen es später in das Eigentum des Kulturfonds der DDR überging.

Von Arnold Zweig und Anna Seghers bis hin zu Christa Wolf, Sarah Kirsch und vielen anderen haben Autorinnen und Autoren des östlichen Deutschlands dort bis zum Ende der achtziger Jahre eine Arbeitsstätte gefunden. Deren Umwandlung in ein allen Künsten geöffnetes Stipendiaten-Haus gelang in den folgenden Jahren unter der Ägide einer Stiftung, die nun von den sechs östlichen Bundesländern getragen wurde und sich aus den Zinsen des von der DDR-Stiftung übernommenen Kapitals finanzierte. Kunstschaffende aus allen deutschen Ländern und vielen ausländischen Staaten – Schriftsteller, Komponisten, Bildhauer und Maler – haben dort in den letzten fünfzehn Jahren einen Ort konzentrierter Arbeit und geselligen Austauschs gefunden.

Dieser Kulturort ist in einem Grad gefährdet, dass, wenn nichts Außergewöhnliches geschieht, in der zweiten Jahreshälfte der Ausverkauf von Gebäuden, Ateliers, Park, Museum, Mobiliar bevorsteht. Nachdem der Freistaat Sachsen schon vor einigen Jahren den ihm zugefallenen Anteil aus dem Stiftungsvermögen an sich gezogen hat, haben die Länder Thüringen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern angesichts akuter Notstände neuerdings das Gleiche getan; die satzungsgemäße Folge ist die Liquidation der Stiftung Kulturfonds zum 31. Dezember 2004. Für das Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf, das mit einer jährlichen Etatsumme von 800 000 Euro die Kräfte des Landes Brandenburg weit übersteigt, bahnte sich im Rahmen der intendierten Vereinigung der Kulturstiftung der Länder mit der des Bundes eine Lösung an, die seine Zukunft gesichert hätte. An dem Einspruch Bayerns ist die Vereinigung der beiden Kulturstiftungen gescheitert. Die Sächsische Akademie der Künste erkennt in dem Verlust des Kulturguts, das sich mit dieser Einrichtung verbindet, eine Einbuße, die das ganze kulturelle Deutschland beträfe.

Wir appellieren an Sie: Ermöglichen Sie die Übernahme des Künstlerhauses Schloss Wiepersdorf durch den Freistaat Bayern! Dass Bayern ein Künstlerhaus auf brandenburgischem Boden unterhalten würde, sollte kein ernsthafter Einwand sein. Bis 1814 war das Ländchen Bärwalde, zu dem Wiepersdorf gehörte, eine preußische Enklave auf dem Gebiet des Königreichs Sachsen; warum sollte Wiepersdorf jetzt nicht eine bayerische Kulturenklave auf brandenburgischem Territorium bilden?

Wir bitten Sie herzlich und dringlich, sich für eine solche Lösung einzusetzen! „Die Kronenwächter“ hieß der Roman, den Achim v. Arnim einst in Wiepersdorf schrieb. Werden Sie, sehr verehrter Herr Ministerpräsident, namens des bayerischen Freistaates zum Hüter, Wächter und Inhaber dieser Krone deutscher Kulturhäuser!

Mit vorzüglicher Hochachtung

Prof. Dr. Ingo Zimmermann,
Friedrich Dieckmann



Frankfurter Rundschau 22.4.2004

Wiepersdorf: bayrisch?
Ein offener Brief auf dem Weg von Dresden nach München


Friedrich Dieckmann

Wiepersdorf, das ist ein Dorf im Fläming, in der Mitte zwischen den Städten Dahme und Jüterbog. Die deutsche Literaturgeschichte kennt den Ort als Heimstadt eines Autorenehepaars, das auf je eigene, durchaus unverwechselbare Weise eine zentrale Rolle in der deutschen Romantik spielte: Achim und Bettina von Arnim, denen das Schlösschen, das Achim unter etwas seltsamen Bedingungen geerbt hatte, Zuflucht und Lebensunterhalt zugleich bot. Seit die Malerin Bettina Encke, eine Urenkelin der beiden, das Haus, über das 1945 der Sturm der sowjetischen Besetzung hinweggegangen war, in die Hand einer soeben gegründeten deutschen Dichterstiftung legte, um es vor weiterer Ausplünderung zu retten, fungierte Schloss Wiepersdorf, das einige Jahre später unter die Ägide des Kulturfonds der DDR kam, in anderer Weise als eine Literaturherberge.

Von Arnold Zweig und Anna Seghers bis zu Christa Wolf, Sarah Kirsch und vielen anderen fanden hier Autoren des östlichen Deutschlands eine Stätte produktiver Muße, die sich Anfang der neunziger Jahre, nach umfassender baulicher Sanierung, in ein allen Künsten offen stehendes Stipendiatenhaus verwandelte. Es untersteht seither einer Stiftung, die, von den sechs östlichen Bundesländern getragen, die Nachfolge des DDR-Kulturfonds antrat und sich aus den Zinsen von dessen Stiftungsvermögen finanzierte. Kunstschaffende aus allen Gegenden nicht nur Deutschlands, sondern des ganzen Europa, fanden dort in den letzten 15 Jahren einen Ort des Austauschs.

Dieses Refugium, das für das älteste deutsche Literaturhaus gelten kann, ist in seinem Bestand bedroht. Schon vor einigen Jahren zog der Freistaat Sachsen den ihm zugefallenen Anteil aus der neuen „Stiftung Kulturfonds“ heraus, neuerdings haben dies Thüringen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg, zuletzt auch Berlin getan; Brandenburg allein kann die jährlichen Betriebskosten von 800 000 Euro nicht aufbringen.

Das Ende von Schloss und Park mit ihren Anbauten und Ateliers, dem wertvollen Mobiliar, dem reichen Bestand an Barockfiguren, dämmert herauf; alle Angestellten haben von der in Liquidation gegangenen Stiftung zum 31. Dezember die Kündigung erhalten. Denn eine Rettungskonstruktion, die die Weiterführung des Künstlerhauses ermöglicht hätte, ist am Einspruch Bayerns zerborsten; sie verband sich mit der unterschriftsreifen Vereinigung der Bundes- und der Länder-Kulturstiftung der Republik, deren Verbund den neuen Rahmen für das alte Haus abgegeben hätte.

In dieser verzweifelten Situation ist die Sächsische Akademie der Künste auf einen profunden Gedanken gekommen: Dass der Freistaat Bayern das Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf erwirbt und in Eigenverantwortung weiterführt. „Bis 1814“, heißt es in einem Brief des sächsischen Akademiepräsidenten Prof. Dr. Ingo Zimmermann an den bayrischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber, „war das Ländchen Bärwalde, zu dem Wiepersdorf gehörte, eine preußische Enklave auf dem Gebiet des Königreichs Sachsen; warum sollte Wiepersdorf jetzt nicht eine bayrische Kulturenklave auf brandenburgischem Territorium bilden? Aber man muss keine historischen Assoziationen bemühen, um eine solche Lösung als legitim zu erkennen.“

„Die Kronenwächter“, endet der Dresdner Ruf nach München, „hieß der Roman, den Achim von Arnim einst in Wiepersdorf schrieb. Werden Sie, sehr verehrter Herr Ministerpräsident, namens des Bayrischen Freistaates zum Hüter, Wächter und Inhaber dieser Krone deutscher Kulturhäuser!“

Der Autor ist Vizepräsident der Sächsischen Akademie der Künste.



Berliner Zeitung 22.4.2004

Bayerische Enklave in Brandenburg
Ein sächsischer Vorschlag zur Rettung von Schloss Wiepersdorf


Harald Jähner

Wiepersdorf, es liegt ein Fluch über deiner Anmut! Einen schöneren Gulag kann man sich nicht denken. Ein bescheidenes Schloss, ein zierlicher Park, nach hinten robuster werdend, wo das Ambiente in die struppige Weite des Niederen Flämings übergeht. Zauberhaft, wie Bau und Garten der schier endlosen Öde abgerungen wurden, aber ein Gulag bleibt es doch! Das ist für die Stipendiaten der Stiftung Kulturfonds so, die in Wiepersdorf arbeiten dürfen, das war für viele Gäste des Schriftstellerverbandes der DDR so, der hier ein Erhohlungsheim unterhielt, und das war für die Dichter Bettina und Achim von Arnim seit 1814 so, insbesondere für Bettina, der die Landwirtschaft so sauer war wie die Haushaltung, und die trotz aller Mühe nur Schulden aufhäufte.
Geldsorgen gehörten schon immer zu Wiepersdorf wie die Einsamkeit. Aus dem Kulturfonds, der das Künstlerhaus zuletzt trug, hatten sich die Länder nach und nach verkrümelt, und Brandenburg allein ist mit Wiepersdorf so überfordert wie einst Bettina. Zum Jahresende droht der Ausverkauf. Die sächsische Akademie der Künste, nur indirekt zuständig, aber beflügelt vom Zauber des Ortes, kam nun auf die Idee, dem bayerischen Ministerpräsidenten Stoiber Wiepersdorf als bayerische Enklave auf brandenburgischem Boden anzubieten – mit allen Rechten und Pflichten. Schließlich scheiterte am bayerischen Veto die Fusion der Kulturstiftung der Länder mit der des Bundes, die zur Rettung Wiepersdorfs geführt hätte.
Stoiber sollte diese märkische Stippensuppe auslöffeln. Wenigstens mal hinfahren, der Ort stimmt unbürokratisch. „,Die Kronenwächter‘ hieß der Roman, den Achim von Arnim in Wiepersdorf schrieb“, erwähnen die Akademiepräsidenten in ihrem Brief an Stoiber und folgern: „Werden Sie, sehr verehrter Herr Ministerpräsident, namens des bayerischen Freistaats zum Hüter, Wächter und Inhaber dieser Krone deutscher Kulturhäuser!“



Süddeutsche Zeitung, 21. April 2004

Denkmal der Literatur
Herr Stoiber, übernehmen Sie! Wiepersdorf darf nicht sterben


Wolfgang Schreiber

„Diese treffliche Einsamkeit macht mich glücklich“, lobt die alt gewordene Bettina von Arnim 1849 ihr Sommerschlösschen Wiepersdorf. Und mehr als hundert Jahre später dichtet die Lyrikerin Sarah Kirsch: „Hier ist das Versmaß elegisch / Das Tempus Praeteritum / Eine hübsche blassrosa Melancholia / Durch die geschorenen Hecken gewebt.“
Zum mythischen Ort der Romantik ist Schloss Wiepersdorf geworden, wo unter steinernen Grabplatten, vor der Kirche im Park, die Familie der Arnim begraben liegt – von Oster-Spaziergängern heute fleißig besucht: Achim von Arnim, Schriftsteller und Gutsherr, gestorben 1831, wurde einst hier bestattet – und seine Frau Bettina, Goethes Kind-Freundin, die Intellektuelle und sozial engagierte Schriftstellerin, samt einigen ihrer sieben Kinder. Doch Wiepersdorf ist auch ein gegenwärtiger Ort, als ältestes Künstlerhaus in Deutschland aktuelles Denk-Mal deutscher Literatur. Mit einem akuten Existenzproblem allerdings.

Geschichte und Geschichten – Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf, im so genannten Fläming eine Stunde südlich von Berlin gelegen, ruht scheinbar friedlich-einsam inmitten der märkischen Wälder, Wiesen und Felder Brandenburgs. Als würde Zeit hier still stehen und die Welt unendlich weit weg sein, dient Wiepersdorf der Konzentration aufs Dichten und Denken von Künstlern, die hier durch Jahrzehnte eben das Wichtigste, nämlich Zeit und Raum, für kurze Zeit geschenkt erhielten. Kaum zu glauben: heute wird in Berlin über den bedrohten Bestand des Hauses verhandelt, wenn der Rat der Stiftung Kulturfonds, des Trägers von Schloss Wiepersdorf, zusammentritt. Aber die Stiftung hält ihr Schicksal längst nicht mehr allein in der Hand, sie befindet sich nämlich „in Liquidation“, wie im Briefkopf einer Pressemitteilung korrekt geschrieben steht.

Kulturerbe in Gefahr

Darin wurde neulich verbreitet, dass sich mehr als 200 namhafte Schriftsteller, Dichter, Musiker, Maler und Publizisten für die von Schließung bedrohte Institution aussprechen, darunter Christa Wolf und Günter Grass, Sarah Kirsch und Martin Walser, Mauricio Kagel und Udo Zimmermann, Friedrich Schorlemmer und Michael Krüger. Sie alle, und noch viel mehr Freunde des Hauses, fordern im Offenen Brief die Kulturstaatsministerin Christina Weiss und den Ministerpräsidenten von Brandenburg Matthias Platzeck auf, Schloss Wiepersdorf vor der Abwicklung zu bewahren, die am Jahresende drohende Zerschlagung des Besitzes abzuwenden. Wiepersdorf, „Drehpunkt zwischen Ost und West“, gehöre „zu jener kulturellen Substanz, zu deren Erhaltung der Einigungsvertrag das vereinigte Deutschland verpflichtete“. Wie das alles überhaupt in Gefahr geraten konnte, hat mir der Geschichte des getrennten und dann geeinten Deutschland zu tun, genauso mit der heiklen Bund-Länder-Konstellation.

Die „Sollbruchstelle“ von Wiepersdorf nennt der Geschäftsführer der Stiftung Kulturfonds, Dietger Pforte, eine ganz bestimmte Vertragskonstellation der Stiftung. Aber zuerst die historische Reihenfolge: 1814 bezieht das junge Ehepaar Arnim das Schlösschen Wiepersdorf. Gegen Ende des Jahrhunderts lässt ein Enkel der Arnims das Gutshaus zu dem heute schmucken Barockschlösschen umbauen. 1947 wird in der DDR Wiepersdorf als „Arbeits- und Erholungsstätte für Schriftsteller und Künstler ,Bettina von Arnim‘“ etabliert: Anna Seghers und Christa Wolf, Peter Hacks, Arnold Zweig und Sarah Kirsch genießen dort politisch geförderte Kreativität.

Aus dem Kulturfonds der DDR wird nach der Wende die Stiftung Kulturfonds. Die Millionengelder aus PDS-Konten dienen dazu, das Künstlerhaus in Ganz zu halten. Aber die fünf Neuen Länder plus Berlin erwerben – Achtung: Sollbruchstelle! – das Recht, nach vier Jahren aus all dem auszusteigen und dabei jene Gelder „mitzunehmen“, die sie gar nicht eingegeben haben. Sachsen erliegt der Begehrlichkeit: Zum Jahresende haben Sachsen-Anhalt, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern den Vertrag gekündigt. Brandenburg allein kann die jährlich
850 000 Euro, die Wiepersdorf, seine zwölf Mitarbeiter und die Stipendiaten kosten, nicht aufbringen. Die Stiftung geht am Jahresende in Liquidation, wenn nicht Bund, Länder, Sponsoren oder Stiftungen verhindern, dass Park, Gebäude, Ateliers, das kostbare Mobiliar von Schloss Wiepersdorf – darin das kleine schöne „Bettina-und-Achim-von-Arnim-Museum“ – auf dem Markt wie Ramsch feilgeboten werden.

Bedenkt man, wofür in diesem Land Geld vorhanden ist – etwa gigantische Managerabfindungen oder allein die 17 Millionen, die der Neubau der Akademie der Künste in Berlin mehr kostet als geplant –, so kann die Gedankenlosigkeit, mit der ein einzigartiges Kulturerbe womöglich der Zerstörung anheim gegeben wird, nur erschrecken.

Seit einem Jahr verhandeln die brandenburgische Kulturministerin Johanna Wanka und auch Christina Weiss über das Schicksal von Wiepersdorf – bisher vergeblich. Die rettende Fusion der beiden großen Kulturstiftungen, derjenigen der Länder und des Bundes, konnten auch sie nicht herbeiführen: Bayern verhinderte sie mit seinem Einspruch. Aus dem Kultusministerium in München erklingen da immerhin Hoffnungstöne. Doch wo sind die Kulturstiftungen der Banken, der deutsch-globalen Großkonzerne, wenn es darum geht, einen Symbolort eigener Kultur, zur Hälfte Gästen aus dem Ausland als Ort der Begegnung dienstbar, ehrenhaft, auf Dauer, zudem kostengünstig zu unterhalten? Für manche Unternehmen heißt Kulturförderung ja lediglich Eventförderung, am besten mit Superstars für den Werbeeffekt …

Da richtet jetzt die Sächsische Akademie der Künste, die mit der Bayrischen zusammenarbeitet, einen listigen, vielleicht nur scheinbar unrealistischen Appell an Bayerns Ministerpräsidenten. Edmund Stoiber soll, so die Akademiepräsidenten Ingo Zimmermann und Friedrich Dieckmann, Wiepersdorf als „Ort konzentrierter Arbeit und geselligen Austauschs“ schlicht übernehmen. „Dass Bayern ein Künstlerhaus auf brandenburgischem Boden unterhalten würde, sollte kein ernsthafter Einwand sein, wenn die Verfügung über das Haus ganz in den Händen des Freistaates läge.“ Eine historische Reminiszenz hilft der brillanten Idee auf, denn Wiepersdorf wahr bis 1814 preußische Enklave im Königreich Sachsen. Bayern könnte leisten, was in dem Offenen Brief der Künstler gefordert war: „Gefragt ist Mut zur Langfristigkeit.“



Sächsische Zeitung, 2. April 2004

Kleiner Kreis der Kenner
Nike Wagner spricht über „Oper – Musik mit Bildern?"


Rainer Kasselt

Vielleicht waren die Erwartungen zu hoch geschraubt. Nach der aufregenden Diskussion mit Peter Konwitschny zum Thema „Zur Zukunft der Oper“ hatte man sich für die Fortsetzung dieser Reihe der Sächsischen Akademie der Künste ähnlichen Zündstoff erhofft. Der Name der Referentin besitzt Zugkraft. Nike Wagner (58) ist Schriftstellerin, Leiterin des Kunstfestes Weimar und Ururenkelin Richard Wagners. Doch in ihrem Vortrag „Oper – Musik mit Bildern?“ hatte sie weniger die Zukunft der Oper im Blick, mehr deren Historie.

Ihre Thesen über das schwankende Verhältnis von Musik, Text und Bild in der Geschichte der Oper entbehrten nicht der Pikanterie und Provokation. Siegte das Wort zu Wagners Zeiten über die Musik? Rettete das Regietheater die Oper vor der Musealität? Kapituliert die Oper heute vor der Bilderwucht? In einem streitbaren Querschnitts-Ritt, Einseitigkeiten nicht scheuend, warf die Referentin ihre Fragen gleichsam in den Raum.

Doch es kam keine Antwort. Der angerissene Abend fand keine Fortsetzung. Niemand hatte Lust oder fühlte sich imstande, die Thesen zu diskutieren. Selbst dem versierten Moderator Dieter Görne fehlten die Worte. Nike Wagner verzichtete auf jedes Einspiel, hatte keine Film- oder Hörbeispiele mitgebracht. Sie führte viele Erfahrungen mit neuer Musik von Kagel bis Lachenmann an, zählte Inszenierungen von München bis Bayreuth, Salzburg bis Hamburg auf – doch wer von den Zuhörern konnte da mitreden?



Dresdner Neueste Nachrichten 1. April 2004

Oper – Musik mit Bildern?
Ein streitbares Referat von Nike Wagner bei der Sächsischen Akademie der Künste


Alexander Keuk

Die Schriftstellerin Nike Wagner, seit 2003 korrespondierendes Mitglied der Klasse Literatur und Sprachpflege der Sächsischen Akademie der Künste sowie Leiterin des Kunstfestes Weimar, stellte sich einem interessierten Publikum im Blockhaus mit einem Vortrag innerhalb der Reihe „Zur Zukunft der Oper“ vor. Jüngst hatte Peter Konwitschny seine Theaterwelten und die ihn umgebende Gegenwart betrachtet und vor Kulturraub gewarnt. Nike Wagner, Urenkelin Richard Wagners, hatte ein Referat mit dem Titel „Oper – Musik mit Bildern?“ vorbereitet, ein Essay in fein geschliffener Sprache, bei dem zumindest bei mir schließlich ziemliche Enttäuschung über die Defizite des Vortrages überwog. Eine Diskussion entfiel, es schien, dass die Zuhörer am Ende ziemlich erschlagen waren von Nike Wagners wildem Ritt durch die Musikgeschichte von Jacopo Peri bis hin zu Helmut Lachenmann.

Operngattungen, Komponisten und Regisseurnamen verbanden sich mit einer fixen Kategorisierung(Heiner Goebbels = Polystilistik, Richard Wagner = Begründer des deutschen Operntypus usw.) und einer Einordnung des jeweiligen Opus in das Oberthema des Referates, das Begriffsdreieck Text – Musik – Bild. Doch es geht einfach zuviel unter, wenn man nur innerhalb des Dreiecks argumentiert und nicht den Blick weitet. So war ihre Aussage „Das Wort hat über die Bilderfluten gesiegt“ zwar durchaus für das Wagnersche Musikdrama anwendbar, in Bezug auf das 19.Jahrhundert und die Romantik insgesamt jedoch zu pauschal.

Bei allen durchaus richtigen Beobachtungen vor allem zur zeitgenössischen Musik waren immer wieder gefährlich zwischen Fakt und Meinung unentschlossen schwankende Sätze von ihr zu hören, sicher zum Teil beabsichtigt im essayistischen Genre, das sich ja vor Angriffen oder Replik gar nicht schützen will. Jedoch verstand ich nicht, warum Nike Wagner beim Thema Regietheater von einzelnen „Skandälchen„ erzählte, die aus dem Zusammenhang der jeweiligen Operninszenierung gerissen waren und von ihr lediglich aus Gründen des „besonders Extremen“ im Vortrag auftauchten. Das provozierte nur die Ewiggestrigen erneut und verärgerte die Freunde der Gegenwart aufgrund der fehlenden Tiefe der Betrachtung des Gegenstandes.

In der Fülle der zum Teil leider opernführerhaften Aufzählungen waren dann viele Angriffspunkte zu finden: Zu oft tauchte das Wort „Krise“ auf, zu vehement führte Nike Wagner den Begriff „Luxus“ ins Feld, nicht institutionalisiertes Musiktheater fehlte bei ihrem Vortrag ebenso wie das Genre Kammeroper, und wenn sie das weite Thema „Literaturoper“ würdigt, dann doch bitte auch den Grenzfall Bernd Alois Zimmermann, ohne den Oper(oder die Negation der Oper) in den 70er und 80er Jahren gar nicht denkbar wäre. Genau diese vor allem aus der Musikentwicklung begründbaren Zusammenhänge überging sie zugunsten einer Hervorhebung des „Zeitalter des Bildlichen“. Zum Schluss landete sie bei Lachenmanns „Mädchen mit den Schwefelhölzern“ und leitete daraus über das Begriffspaar Musik/Bilder einen „Unterschied zwischen Kunst und Kommerz“ ab. Aber selbst ein Avantgardekomponist wie Lachmann ist schon längst von seiner eigenen Patina überholt worden, was als Phänomen nicht positiv bewertet werden muss, aber im Vortrag fehlte.

Schließlich fragte ein Zuhörer mit Recht nach der Musik, die im Vortrag viel zu kurz gekommen sei, und traf damit ziemlich genau den Kern: Prozesse in der zeitgenössischen Kunst sind nicht nur aus den Gattungen heraus zu begründen (außer bei der Literaturoper, die leider heute oft nur noch geschrieben wird, weil es dafür sichere Geldüberweisungen der Theater gibt), und selbst ein gebildeter Zuhörer wollte sicher nach der fünfzehnten erwähnten, kürzlich uraufgeführten Skandaloper zumindest ein Beispiel hören oder sehen. Ein Vortrag über „Musik mit Bildern“ ohne Musik, ohne Bilder. Und Moderator Prof. Dieter Görne blieb am Ende nur noch, Nike Wagners „Fülle der Fakten und Kenntnisse“ zu loben. Gesicherte Ergebnisse gab es nicht, und möglicherweise hat das sein Gutes.



Dresdner Neueste Nachrichten, 6./7. März 2004

Diskussion um die Zukunft der Dresdner Kultur
Weltweiter Ruf Dresdens würde dauerhaft beschädigt


Zum vorgesehenen Kulturabbau in Dresden

Die in der Öffentlichkeit kursierenden jüngsten Finanzkonzepte der Landeshauptstadt Dresden sehen Kürzungen im kulturellen Bereich vor, die zu einem gravierenden Verfall des Ansehens der Kunststadt Dresden führen und den weltweiten Ruf der Stadt dauerhaft schädigen würden. Entscheidungen, die kurzfristig materielle Erleichterungen für den städtischen Haushalt brächten, verursachten langfristige immaterielle Verluste, die für Generationen nicht wieder gutzumachen wären.
Der Senat der Sächsischen Akademie der Künste wendet sich in großer Betroffenheit und Bestürzung an Sie und die gewählten politischen Verantwortungsträger mit der dringlichen Aufforderung, drohenden Schaden von dem durch Jahrhunderte erworbenen kulturellen Rang Dresdens in Europa und in der Welt abzuwenden.
Künstler und Kulturschaffende haben den Ernst der Situation für den Haushalt der Stadt durchaus begriffen und ihrerseits Bemühungen unternommen, die zu einem effizienteren und sparsameren Umgang mit öffentlichen Mitteln beitragen können, ohne dass dadurch die künstlerische und kulturelle Substanz dieser Stadt in Mitleidenschaft gezogen wird. Bisher ist es bei allen Schwierigkeiten gelungen, die geistige und künstlerische Bedeutung Dresdens als eines wesentlichen Unterpfands seiner Rolle im künftigen Europa zu bewahren.
Dass in der gegenwärtigen komplizierten Lage das Gespräch zwischen den Beteiligten zum Erliegen gekommen ist, dass betroffene Künstler und Kultureinrichtungen immer neue und häufig einander widersprechende Absichten und Beschlüsse der Stadt aus den Medien erfahren, macht uns im Hinblick auf die politische Kultur und die Kultur des menschlichen Umgangs große Sorge. Wir halten das klärende Gespräch, selbst wenn es mühsam erscheint, für dringend geboten. Die Sächsische Akademie der Künste steht in dieser, das ganze Land betreffenden Notsituation mit der in ihr vereinten Kompetenz in künstlerischen Fragen ausdrücklich bereit, um die Zukunft der Kunststadt Dresden auf vernünftigen Wegen gewährleisten zu helfen.

Prof. Dr. Ingo Zimmermann, Präsident, Sächsische Akademie der Künste
Friedrich Dieckmann, Vizepräsident
Prof. Carlo Weber
Prof. Dr. h.c. Werner Schmidt
Prof. Dr. Dieter Görne
Richard Pietraß
Prof. Dr. Frank Schneider



Sächsische Zeitung, 23. Februar 2004

Herab vom Sockel der Ahnen
Festliche Eröffnung des Ernst-Rietschel-Jahres 2004 in der Nicolaikirche


Andreas Kirschke

Das Schiller-Goethe-Denkmal in Weimar, das Luther-Denkmal in Worms, das Lessing-Denkmal in Braunschweig … „Es gibt wohl kaum einen bedeutenden Künstler, dessen Werke so bekannt sind wie seine, dessen Namen aber selbst in der kunstinteressierten Öffentlichkeit nur wenige auf Anhieb zu nennen wüssten“, schrieb Bundespräsident Johannes Rau am 11. August 2003 über den Bildhauer Ernst Rietschel. Ohne Umschweife übernahm er die Schirmherrschaft für ein ganzes Ehrenjahr, das den Künstler würdigt. [...]

Experte fordert Denkmals-Umsetzung

An ein Meisterwerk Rietschels in Dresden erinnerte Professor Werner Schmidt. „Soweit ich weiß, ist es einzigartig, dass ein Herrscher als Nachdenklicher, als Sitzender dargestellt wird“, meinte der Experte für Bildende Kunst der Sächsischen Akademie der Künste über das Denkmal für König Friedrich August I. (1768–1827). Historiker Karl-Heinz Blaschke hatte 1999 die Friedfertigkeit, Rechtschaffenheit, Besonnenheit und Verantwortung des Herrschers hervorgehoben. All dies widerspiegelt das 1843 im Zwingerhof aufgestellte Denkmal. Ernst Rietschel schuf die Figur, Gottfried Semper den Sockel. 1926 wurde das Denkmal umgesetzt. Heute steht es zwischen Japanischem Palais und Ampelkreuzung Große Meißener Gasse. „Abseitig und seiner künstlerischen Wirkung abträglich“, ärgert sich Werner Schmidt. Er sprach sich für eine Umsetzung auf den Dresdner Schloßplatz aus. Dies wäre ein würdiger Beitrag zum Rietschel-Jahr. Eine inhaltliche wie historische Aufwertung des Schloßplatzes. „Alle Gesichtspunkte sprechen dafür, das Denkmal aus seiner ,Verbannung’ zu befreien“, so der Experte. „Es geht allein darum, einem der bedeutendsten Werke der Plastik des 19. Jahrhunderts einen angemessenen Wirkungsort wieder zu geben. Zu Nutz und Frommen Dresdens, Sachsens und ganz Deutschlands.“ [...]


Dresdner Neueste Nachrichten 22. Februar 2004)

Begründer der Dresdner Bildhauerschule

Lisa Werner-Art

Wer am Wochenende in Pulsnitz über den Markt ging, konnte sich verwundert die Augen reiben. Denn dort begegnete Rietschel Goethe und Schiller – natürlich nicht wirklich, sondern in Bronze. Während das Rietscheldenkmal, gestaltet von Gustav Kietz (1824–1908), hier seit 1890 seinen Platz hat, waren die Dichtergenies aus Weimar in Gestalt einer Kopie des Denkmals vor dem Nationaltheater eingeschwebt. Es ist wohl das berühmteste Werk Ernst Rietschels (1804–1861). Diese Begegnung war nicht zufällig, wurde im festlichen Rahmen der Pulsnitzer Kirche doch am Sonnabend – es war der 143. Todestag des Bildhauers – das unter Schirmherrschaft des Bundespräsidenten stehende Rietschel-Jahr 2004 in Anwesenheit von Mitgliedern des Familienverbandes eröffnet. [...]

Werner Schmidt, Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden i. R., nahm die Veranstaltung zum Anlass, um im Namen der Sächsischen Akademie der Künste einen bemerkenswerten Vorschlag zu unterbreiten: Rietschels 1926 aus dem Zwinger entferntes und etwas stiefmütterlich neben dem Japanischen Palais platziertes Denkmal für König Friedrich August I. soll wieder einen wirkungsvolleren Standort erhalten – auf dem Schlossplatz, vor dem von Wallot errichteten Ständehaus, heute Oberlandesgericht und zugleich Sitz des Präsidenten des sächsischen Landtages. Das im Andenken an Friedrich August I., der den Beinamen der Gerechte trug, 1843 aufgestellte Werk sollte auch deshalb an einen würdigeren Platz stehen, weil es in seiner Art etwas Besonderes ist, wie Schmidt begründete. Anders als viele Standbilder von Potentaten handelt es sich um eine Sitzstatue. Rietschel zeige den sächsischen König „als Nachdenkenden, sich Besinnenden“, so Schmidt. Diese Darstellung sei Ausdruck einer neuen Auffassung von Königtum im 19. Jahrhundert, die in Sachsen unter schwierigen Bedingungen zu einem Aufschwung geführt habe. Schmidt begründete das Anliegen der Umsetzung weiter damit, dass Rietschel und Semper – letzterer gestaltete den Sockel – von vornherein an einen weiträumigen Platz für die Aufstellung gedacht hätten. Der Schlossplatz böte sich auch deshalb an, weil dort ein gestalterischer Akzent fehle. Bis zu seiner Beseitigung 1952 hatte das von Johannes Schilling (1828 - 1910) geschaffene Reiterstandbild König Alberts auf dem Schlossplatz gestanden. „Es geht um einen angemessenen Wirkungsort für eines der bedeutendsten Denkmäler Ernst Rietschels“, fasste Schmidt das Anliegen zusammen.


Süddeutsche Zeitung, 21. Februar 2004

Rechtschreibprotest
Offener Brief der Akademien


In einem Offenen Brief an die Kultusministerkonferenz haben zehn deutsche Akademien einen sofortigen Eingriff in die Rechtschreibreform gefordert. Insbesondere wenden sie sich dagegen, dass künftig die Zwischenstaatliche Kommission für deutsche Rechtschreibung in bestimmten Fällen die alleinige Zuständigkeit für die in Wörterbüchern niedergelegte deutsche Orthografie übernehmen soll. Dies sei „eine Gefahr für Bestand und Entwicklung der deutschen Schriftsprache“. Die Akademien appellieren an die Kultusminister, der Kommission keine erweiterten Befugnisse zu geben. „Die in ihr vertretenen Wissenschaftler haben ein Werk getan, das dringend der Überprüfung durch unabhängige sprachwissenschaftliche Instanzen bedarf, die ihrerseits die Zusammenarbeit mit Pädagogen, Schriftstellern, Journalisten und Verlegern suchen müssen“, heißt es in dem Brief. Zu den Unterzeichnern gehören unter anderem die Präsidenten Adolf Muschg von der Berliner Akademie der Künste, Wieland Schmied von der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, Peter Graf Kielmansegg von der Heidelberger Akademie der Wissenschaften , Helmut Sies von der Nordrhein-Westfälischen Aklademie der Wissenschaften und Ingo Zimmermann von der Sächsischen Akademie der Künste.“


Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19. Februar 2004

Eine Gefahr für die Schriftsprache

Sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren,

zum ersten Mal, seit es staatlich fundierte Akademien der Wissenschaften und der Künste in Deutschland gibt, haben im November vorigen Jahres die Präsidenten von acht solcher Akademien, denen sich im Dezember die Heidelberger Akademie der Wissenschaften anschloß, ihre Stimme vereinigt, um bei den Kultusministern der deutschen Bundesländer als den politisch unablösbar Verantwortlichen in aller Dringlichkeit eine Reform der 1995/96 von ihnen beschlossenen Rechtschreibreform anzumahnen.

Unsere Stimme ist ungehört verhallt; statt sich auf unsere Vorstellungen einzulassen, haben die deutschen Kultusministerien für die Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland (KMK) eine Beschlußvorlage entworfen, die die Urheberin jener Reform, die Zwischenstaatliche Kommission für deutsche Rechtschreibung, ermächtigen soll, unterhalb von „Änderungen von grundsätzlicher Bedeutung“ – als Beispiel dafür wird „die Einführung der Kleinschreibung von Substantiven" angegeben – fortan die unmittelbare und alleinige Zuständigkeit für die in Wörterbüchern niedergelegte deutsche Orthographie zu übernehmen. Nach dieser Beschlußvorlage des KMK-Sekretariats soll die Zwischenstaatliche Kommission, der sechs Mitglieder aus Deutschland und je drei aus Österreich und der Schweiz angehören, bevollmächtigt werden, in einem Fünfjahresrhythmus alle orthographischen Veränderungen, die sich unterhalb dieser Schwelle bewegen, ohne die bisher noch bestehende Entscheidungsbefugnis der Landeskultusminister mit vollziehender Gewalt gegenüber Schulen und Ämtern anzuordnen.

Angesichts der bisherigen Arbeitsweise und der bisherigen Arbeitsergebnisse der Kommission halten wir eine solche Ermächtigung nicht nur für bedenklich, wir halten sie für eine Gefahr für Bestand und Entwicklung der deutschen Schriftsprache. Wir appellieren an Ihre verfassungsrechtlich verankerte Verantwortung, der Kommission keine erweiterten Befugnisse zu gewähren; vielmehr gilt es, sie im Rahmen des den deutschen Kultusministern Möglichen personell und strukturell umzubilden.

Die in ihr vertretenen Wissenschaftler haben ein Werk getan, das dringend der Überprüfung durch unabhängige sprachwissenschaftliche Instanzen bedarf, die ihrerseits die Zusammenarbeit mit Pädagogen, Schriftstellern, Journalisten und Verlegern suchen müssen. Für deren Einbeziehung gibt der bisherige Kommissionsbeirat kein zuständig besetztes Organ ab; er wird in keiner Weise seinem Anspruch gerecht, die professionell Schreibenden in Deutschland zu vertreten. Die unterzeichnenden Akademien erklären ihre Bereitschaft, Ihnen bei dem Nachdenken über die Neugestaltung der betreffenden Gremien mit dem in ihnen konzentrierten Sachverstand zur Seite zu stehen. In allem Ernst und in aller Öffentlichkeit appellieren wir an Sie: Nehmen Sie Ihre politische Verantwortung für die deutsche Rechtschreibkultur wahr!

Die Präsidenten der Akademie der Künste, Berlin-Brandenburg, der Akademie der Wissenschaften in Göttingen, der Akademie der Wissenschaften und der Literatur zu Mainz, der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften, der Sächsischen Akademie der Wissenschaften, der Sächsischen Akademie der Künste



Sächsische Zeitung, 17. Februar 2004

Zwischenstadt und Randzone
Symposium zur Landschaftsgestaltung in Stadt und Dorf


Die Grenzen zwischen Stadt und Land verschwimmen immer mehr. Die Städte mit ihren Gewerbe- und Einkaufsgebieten breiten sich über ihre Ränder hinaus aus, viele Menschen möchten „im Grünen“ wohnen und nehmen die städtische Bau- und Lebensweise mit in zuvor ländliche Gebiete. In den Innenstädten will man auf das Grün gestalteter Landschaft nicht verzichten. Hier entstehen inzwischen neue Brachflächen. Überall sind Aufgaben für Stadtplaner und Landschaftsgestalter entstanden, die sich mit den Bedürfnissen der Stadt- und Landbewohner immer weiter wandeln.

Im Rahmen ihres gemeinsamen Jahresprogramms „Die Elemente 2004. Natur – Kunst – Umwelt“ veranstalten die Sächsische Akademie der Künste und die Sächsische Landesstiftung Natur und Umwelt in Verbindung mit dem Stadtplanungsamt Dresden ein öffentliches Architektur-Symposium unter dem Titel „Gestaltung im perforierten Raum – Arbeitsfeld für Städtebau, Landschaftsarchitektur und Kunst“. Im Zentrum stehen Fragen der Landschaftsgestaltung und Landschaftsarchitektur in der Stadtperipherie, in der Zwischenstadt, in urbanen Randzonen und perforierten Randlagen sowie des Umgangs mit der Zersiedlung.

Das Symposium leitet Prof. Thomas Sieverts, Stadtplaner aus Bonn, Mitglied der Klasse Baukunst der Sächsischen Akademie der Künste. Referate halten Prof. Jörg Dettmar, Landschaftsgestalter, und Dr. Iris Reuther, Stadtplanerin.



Dresdner Neueste Nachrichten, 27. Januar 2004

„Jedes geschlossene Theater ist ein Schritt auf dem Weg in die Barbarei"

Alexander Keuk

Den Regisseur Peter Konwitschny den Dresdnern vorzustellen hieße Eulen nach Athen tragen, viele Inszenierungen hat das Publikum hier wie andernorts schon erlebt. Oder ein Bild von ihm geradezurücken? Ihn nacherzählend darzustellen? Auch das wäre verfehlt. Dem Gesprächsabend bei der Sächsischen Akademie der Künste im Blockhaus zu begegnen heißt, die Forderung zu realisieren, die Konwitschny selbst an jede Inszenierungsarbeit stellt: nämlich die Dinge ernst zu nehmen. Das klingt einfach, doch Konwitschny sieht sich einer Theatergegenwart gestellt, die allzugerne „Mitteldinger“ inszeniert, also die „nette“, konventionelle Lesart der Oper oder das Event, die Abendunterhaltung mit Inhalt von sekundärem, gar nichtigen Wert.

Im Gespräch mit Gerhard Brunner, dem ehemaligen Intendanten der Vereinigten Bühnen Graz, wo Konwitschny insgesamt sieben Werke inszenierte, erläuterte der Regisseur wesentliche Aspekte seiner Arbeit. Weniger als das Thema des Abends „Die Zukunft der Oper“ kam dabei die Gegenwart seiner Inszenierungen zur Sprache, wobei Konwitschny sozusagen aus erster Hand Einblicke in die Regiewerkstatt gab. Er erwähnte die ewige Angreifbarkeit des Regisseurs, der ungeschützt mit dem Material „Mensch“ auf der Bühne arbeite, gipfelnd etwa darin, dass erste Leserbriefe gegen seine Inszenierungen bereits am Premierentag in der Zeitung zu lesen waren. Um die Begriffe Radikalität und Provokation ging es oft in diesem Gespräch, doch Konwitschny konnte vor allem an den gezeigten Ausschnitten aus den Hamburger Arbeiten „Wozzeck“ und „Blaubart“ und dem Leipziger „Onegin“ eindrückliche Hinweise geben, um was es ihm geht. Theater ist für Konwitschny Gegenwartskunst, und wenn er sich mit alten Texten für eine neue Inszenierung beschäftigt, dann interessiert ihn die Erzählung sinnvoller Inhalte für die heutige Welt. Reaktionäre Literaturvorlagenumsetzung sieht er nicht als seine Aufgabe und hält er aufgrund der dadurch präsentierten verkehrten Welt (Gegenwartspublikum sieht einen möglicherweise so und so stattgefundenen uralten Stoff in dicken Kostümen) auch für unmöglich.

Wenn jedoch Wozzeck einen Mord begeht, dann ist das keine Frage von Fakten und Schuld und Rechtsbruch, sondern Konwitschny interessiert der Mensch und sein Umfeld: Wie kann eine solche Situation zustande kommen? Ähnlich die Situation in „Eugen Onegin“. Heiter soll die Kunst sein, so lässt Tschaikowski nach dem Freundesmord gleich die Zuschauerpause und anschließend die beliebte Ballettmusik folgen. Wenn Konwitschny genau an dieser Stelle eingreift und zum Dreivierteltakt Onegins Begreifen des Furchtbaren darstellt, ist das nicht nur plausibel, sondern im Zuge seiner eigenen Erzählabsicht absolut notwendig.

Eine Erkenntnis dieses Gesprächsabend war in jedem Fall die vehemente Ermunterung zur Auseinandersetzung mit dem Dargebotenen. Konwitschny verglich dies mit dem gemalten Bild eines Kindes, das es schön findet, herumzeigt und verstanden werden will. Die theatralische Akzentuierung der wichtigen Punkte einer Oper ist ein natürlicher Vorgang einer Regie, doch die provokantesten Stücke seien genau die, die das Publikum glaubt zu kennen. Wenn keine Elefanten in „Aida“ auftauchen, ist der Zuschauer enttäuscht. Dass genau dies das Marginalste an dieser Oper ist, zeigte Konwitschny durch seine Grazer Inszenierung, in der er Verdis einzigartige und zugleich eigenartige Schlussmusik durch eine visionsartige Entrückung durch Öffnung der Bühnenhintertür auf die Straße unterstreicht.

Zur heutigen Situation in den Theatern befragt, zeigte sich Konwitschny resigniert bis wütend: Jedes geschlossene Theater sei ein Schritt auf dem Weg in die Barbarei. Theater bringe uns bei, was man tut und was nicht, es bereichert uns und ist gesund für eine Gesellschaft, dies sei bereits bei den Griechen der Fall gewesen. Angesichts der gegenwärtigen Kulturpolitik formulierte Konwitschny die Frage nach der Zukunft der Oper so: „Wenn sie uns denn bestehen bleibt, so ist es ein Untergang in Würde“. Wir, das Publikum, scheinen nun an der Reihe zu sein, Dingen ihren Lauf zu lassen, oder uns zu positionieren.



Sächsische Zeitung, 27. Januar 2004

Die Tomatenwerferin
Peter Konwitschny diskutierte im Dresdner Blockhaus über die Zukunft der Oper


Rainer Kasselt

Die Dame war wütend. Sie hatte sich auf einen schönen Abend in der Grazer Oper gefreut. "Aida" von Verdi stand auf dem Spielplan. Da weiß man doch, was einen erwartet: Herrliche Musik, stattliche Elefanten, ägyptischer Augenschmaus. Und was macht Konwitschny, dieser verrückte Regisseur aus Ostdeutschland? Er bürstet die Oper gegen den Strich, bietet statt Pomp und Paraden ein Kammerspiel. Mit zwei Plüschelefanten!

Die Dame hielt es auf ihrem Platz nicht mehr aus. Sie griff in die Tasche und holte eine besonders saftige Tomate heraus. Mit Schwung warf sie die Tomate auf die Bühne. In der Aufregung hatte sie nicht richtig gezielt. Das fruchtige Stück platschte gegen ein Cello.

Angstfreier Raum für die künstlerische Arbeit

Das passierte 1994 in Graz. Die "Aida"-Premiere musste wegen Tumulten zweimal unterbrochen werden. Als die Inszenierung nach sieben Jahren vom Spielplan genommen wurde, ging die Tomatenwerferin nach der Vorstellung auf Peter Konwitschny zu - und griff wieder in ihre Tasche. Sie holte drei Tomaten heraus. "Lassen Sie es sich schmecken. Sie sind aus meinem Garten. Ich denke heute anders über Ihre Aufführung." Die Dame war die Grazer Kulturreferentin einer bürgerlichen Partei.

Diese Episode erzählte Regisseur Peter Konwitschny am Sonntagabend im gut besuchten Dresdner Blockhaus. Die Sächsische Akademie der Künste hatte ihn zu ihrer Reihe "Zur Zukunft der Oper" eingeladen. Die nächsten Gäste sind Stuttgarts Opernintendant Klaus Zehelein und Weimars neue Kunstfest-Chefin Nike Wagner.

Konwitschny (58) brachte einen hochkarätigen "Befrager" mit: Gerhard Brunner, den langjährigen Grazer Intendanten. Jenen Mann also, der ihm nicht nur bei der "Aida" den Rücken freigehalten und einen "angstfreien Raum für die Arbeit" geschaffen hatte.

Sie entwickelten einen anregenden Dialog. Im Publikum saßen viele Mitglieder des Chores der Semperoper, die sich gern an die Arbeit mit Konwitschny erinnern. Er inszenierte sieben Mal an der Sächsischen Staatsoper. Dresden gehört neben Halle, Leipzig, Hamburg und Graz zu den fünf wichtigsten künstlerischen Stationen des Regisseurs.

Umso bedauerlicher das abrupte Ende der Beziehungen zur Semperoper nach dem Premieren-Skandal mit der "Csárdásfürstin" Silvester 1999 und der späteren künstlerischen Amputation dieser Inszenierung. Erst nach einem Gerichtsverfahren wurde sie mal in kompletter, mal in gestutzter Form auf die Bühne gelassen. Nach 16 ausverkauften Vorstellungen verschwand die Operette sang- und klanglos im Depot.

"Ich finde es schade, dass die Arbeit hier so einen Abschluss gefunden hat. Es war eine meiner schönsten Inszenierungen überhaupt", sagte Konwitschny. Wer die Arbeit nur aus der Zeitung kenne, habe den Eindruck, es sei in der "Csárdásfürstin" nur um Leichen und Kriege gegangen. "Dabei war die Aufführung sehr witzig und poetisch." Unter dem neuen Intendanten Gerd Uecker soll es wieder zu einer Konwitschny-Regie an der Semperoper kommen, allerdings kaum vor 2009. "Wir sind im Gespräch, ich werde etwas machen", sagte Konwitschny, wollte aber nichts über das Werk verraten.

Der viel gefragte Regisseur, der gestern in Stuttgart mit den Proben zur "Zauberflöte" begann, sagte über seine Auffassung von Opernregie: "Es ist unsere Aufgabe, sinnvolles Theater für die Gesellschaft zu machen." Sinnvoll sei, was der Gesellschaft helfe, sich zivilisiert zu verhalten.

Die Oper als "Event", als geistig tötende Unterhaltungsindustrie lehnt Konwitschny kompromisslos ab. "Das ist Verrat an der Gattung." Im Repräsentationstheater sieht er einen Missbrauch der Kunst. Die Oper sei keine Stätte bloßer, ablenkender Unterhaltung. Er kenne keine einzige Oper, weder von Mozart, Wagner oder Verdi, die nicht wund wäre von den Mauern ihrer Zeit, vom grässlichen Wahnsinn, den Menschen sich antun. Diese Botschaft müsse vermittelt werden, das Theater sei ein Korrektiv für die Geschichte.

Eine Phase von Zerstörung und Infamie

Anhand einiger Einspiele, vom Hamburger "Wozzeck" über die Grazer "Aida" bis zum Leipziger "Eugen Onegin", machte Konwitschny sinnfällig, worum es ihm geht. Für ihn ist und bleibt Theater eine menschenbildende, menschenverbindende Einrichtung. Lächelnd gestand Konwitschny, der in zehn Jahren fünf Mal zum "Regisseur des Jahres" gewählt worden war: "Es macht schon Spaß, heilige Kühe zu schlachten." Aber er provoziert nicht um des Schlachtens willen. Es geht ihm um einen klaren Blick auf die Welt, das Zerreißen der Lügengespinste, die Auseinandersetzung mit der Ablenkungsindustrie.

In der Diskussion bekannte Konwitschny, dass er der Politik zutiefst misstraue. "Wir befinden uns in einer Phase von Zerstörungswahn und Infamie." Er glaube nicht, dass es noch große Hoffnung gebe. Manchmal denke er, dass es die Aufgabe der Kunst, der Oper sein werde, das "Abendland" bis zu seinem Untergang zu begleiten. "Die Kunst wird uns helfen, in Würde unterzugehen."

Aber so weit sei es noch nicht. Und so wird Konwitschny weiter inszenieren, für die Zukunft der Oper streiten. "Es ist an der Zeit, dass wir uns einmischen und zur Wehr setzen", sagte er. Jedes Theater, das geschlossen werde, sei ein Schritt zur Barbarei.



Dresdner Neueste Nachrichten, 21. 1. 2004

Neues Naturgefühl ohne Rückkehr zur Romantik

Tomas Petzold

Dass sie im Dresdner Blockhaus unter einem Dach sitzen, ist eine Tatsache. Dass sie daraus eine gemeinsame Sache machen, mehr als nur der übliche Reflex auf knappe Mittel. Ein gesellschaftlicher Paradigmenwechsel führe die Sächsische Akademie der Künste und die Landesstiftung Natur und Umwelt zu ihrem ersten gemeinsamen Projekt zusammen, sagte gestern Akademiepräsident Ingo Zimmermann. Statt der Beherrschung der Natur gehe es heute um die Bewahrung der Natur durch den Menschen, kurz um eine neues Verhältnis zur Natur, keineswegs um ein romantisches oder nostalgisches. Springender Punkt dabei sei, dass dies keine rein technische Frage ist. Das trifft sich genau mit der Erfahrung von Hans-Joachim Gericke (Akademie der Landesstiftung), der feststellt: „Bei uns ist vieles sehr verkopft. Da wird ein Baum nur als Sauerstoffspender angesehen." Mit Verweis auf Jehudi Menuhin spricht Zimmermann von der notwendigen Verbindung von Umwelt- und "Innenweltschutz".
Die Kunst also als Mittler, um das neue Naturgefühl ins Innere des Menschen zu tragen. So hätte das gemeinsame Projekt "Elemente 2004" in der Erläuterung konsequent auch "Natur - Kunst - Innenwelt" heißen können, statt mit "Umwelt" als drittem Part auf die - auf Erden fast durchweg - vom Menschen modifizierte Natur zu verweisen. Doch sei's drum, mit den insgesamt 15 Einzelvorhaben in diesem Jahr lässt sich schon einiges an Bewusstseinserweiterung erreichen - für beide Veranstalter auch eine lebensnotwendige Perspektive. Übrigens auch eine für das Blockhaus, in dem die meisten Termine stattfinden und das laut Zimmermann wieder zu einer guten Adresse im öffentlichen Leben der Stadt werden soll. Erster Termin war bereits gestern Abend die Eröffnung der Studioausstellung mit Zeichnungen aus dem Labyrinthe-Zyklus von Wieland Förster, der darin über Jahre eine Metaphorik seines Naturerlebens entwickelt hat. Drei weitere Ausstellungen von Mitgliedern der Akademie der Künstewerden folgen. Ein weiteres Veranstaltungsquartett bieten die Poetik-Vorlesungen im Herbst, beginnen mit Wulf Kirsten zu dem Thema "Erdlebenbilder. Versuch einer Abgrenzung gegen das pure Naturgedicht". Die weiteren Dozenten sind Volker Braun, Thomas Rosenlöcher und Richard Pietraß.
Die Reihe der Symposien und Bildungsveranstaltungen eröffnet ebenfalls die Akademie der Künste unter dem Titel "Gestaltung im perforierten Raum - Arbeitsfeld für Städtebau, Landschaftsarchitektur und Kunst", einer Gemeinschaftsveranstaltung mit dem Stadtplanungsamt am 18. Februar im Blockhaus. Schon am Tag darauf lädt die Akademie der Landesstiftung Natur und Umwelt Jugendliche nach Schmiedeberg, um ihnen hier zum Naturerlebnis auch dessen Widerspiegelung in Musik und Literatur zu bieten. Ebenfalls an ein junges Publikum wendet sich zum Tag des Baumes am 25. April ein Kindermusical zum Thema Tropenwald mit dem Gymnasium Freital-Deuben. Mit "Naturwundern in Sachsen" will eine Videoinstallation mit musikalischem Rahmenprogramm vertraut machen, die unter anderem zur Landesausstellung in Torgau gezeigt wird. Dem Verhältnis von Musik und Natur ist schließlich auch noch ein Symposium mit dem Titel "Natur der Musik - Musik der Natur" gewidmet, ein weiteres beschäftigt sich mit Möglichkeiten von Kunst und Kultur für die Umweltbildung.

Die größte und sicherlich auch massenwirksamste Veranstaltung soll jedoch im November eine Lange Nacht der Natur und Kunst mit Schauspiel, Rezitation, Gesang und Musik im Dresdner Residenzschloss werden, wofür Staatschauspielintendant Holk Freytag die Leitung übernommen hat.