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Dresdner Neueste Nachrichten 24.12.2005

Ein Architekt- zwei Paläste
Sächsische Akademie der Künste stellt im Blockhaus Arbeiten von Wolfgang Hänsch vor


Katrin Ulbricht

Von einer schlichten Deckenlampe auf einen prächtigen Kronenleuchter zu schließen, dazu braucht es schon in wenig Phantasie. Die eine hing in den fünfziger Jahren im Belegschaftsraum der Bramsschen Schnapsfabrik in der Dresdner Friedrichstadt, der andere strahlt seit zwanzig Jahren wieder in der Semperoper. Zwischen diesen beiden Lampen machte der Architekt Wolfgang Hänsch (Jahrgang 1929) mit leisem Schalk unlängst in einem Vortrag gewissermaßen sein Lebenswerk fest. Leicht fiel es dem Chefarchitekten für den Wiederaufbau der Semperoper nicht, nach 53 Jahren „Arbeit am Stadtkunstwerk Dresden" - wie es Kunstakademie- Präsident Ingo Zimmermann ausdrückte - eine Auswahl seiner Arbeiten für die nunmehr fünfte Ausstellung der Reihe „Baukunst und Umwelt" zu treffen. In dem Gemeinschaftsprojekt der Akademie und der Landesstiftung Natur und Umwelt werden internationale Architektenpersönlichkeiten vorgestellt. Mit dem „Haus der Presse" (1961) knüpfte Wolfgang Hänsch an die internationale Hochhaustypologie an. Und auch das Streitobjekt Kulturpalast „war eines der besten Bauwerke der internationalen Moderne, das in der DDR entstand", meint zumindest Professor Jürgen Paul von der Klasse Baukunst der SAK.

War der Belegschaftsraum sein erstes bedeutendes Projekt, so ist der Wiederaufbau des Opernhauses für Wolfgang Hänsch das Projekt ersten Ranges gewesen. Sein Name ist wohl wie kein anderer mit dem Wiederaufbau und der Nachkriegsmoderne in Dresden verbunden. Und wie bei keinem anderen Architekten wird seit Jahren an seine Bauten und Ensembles Hand angelegt, über sie diskutiert und manches zerredet. Ob nun Denkmalschutz, Abriss oder Umbau des Kulturpalastes - die aktuellen Debatten spielen in der Ausstellung nur eine untergeordnete Rolle. Mit Worten und Erklärungen geht man eher sparsam um. Wolfgang Hänsch präsentiert seine Arbeiten auf großen Fotos, Tuschezeichnungen, die allein schon sehenswert sind, und präzisen Bauzeichnungen.

Wer den Weg ins Blockhaus - je nach Veranstaltung im Haus ganz ohne Hinweis auf die Ausstellung - findet, der wird gleich von einer beeindruckenden Farbaufnahme angezogen. Sie zeigt kunstvolle Details aus dem Zuschauerraum der Semperoper, die man als Konzertbesucher bei all dem Glanz im Haus möglicherweise gar nicht wahrnimmt.
Es ist kaum vorstellbar, dass nach dem Wiederaufbau eigentlich nur die äußere Hülle des Semperbaus an den Prunk königlicher Herrschaft erinnern sollte. Modern und rein funktional hätte es den Berliner „Architekturzensoren" im Innenraum genügt. Für Wolfgang Hänsch und seine Mitstreiter waren die Jahre am Opernbau (1974- 1985) immer auch eine Herausforderung, die Vorgaben der sogenannten „Staatlichen Objektinitiative" aufzuweichen. Nicht immer gelang ihnen das Jahre zuvor beim Kulturpalast. Die geplante Kuppelschale musste dem mit Kupferblech verkleideten Saaldach weichen. Und heute verrottet auf einem ausgedienten Fabrikgelände in Königsbrück der Entwurf eines Wandreliefs des Bildhauers Rudolf Sitte, das für die gesamte Außenfront des Studiotheaters vorgesehen war. Der Vorschlag war damals politisch nicht tragbar, weil er nicht dem verordneten sozialistischen Realismus entsprach.

Aber Wolfgang Hänsch zeigt auch Wettbewerbsbeiträge und Visionen der letzten Jahre. Er plädiert dafür, an historischen Plätzen alte Architektur wieder zu errichten, wenn sie die Handschrift der Gegenwart trägt. Es sei „antigeschichtlich", wolle man historische Viertel originalgetreu wiederauferstehen lassen. „Erst ein ansprechendes Passepartout unterstreicht die Schönheit eines Bildes. Und ein Edelstein brilliert erst in einer ansehnlichen Fassung", argumentiert der Architekt. Genauso stellt er sich eine historische Fassade vor, die von modernen Bauten umrahmt wird. „Aber heute wird vieles schon genehmigt, wenn es nur finanzierbar ist", meint Hänsch, der immer noch am liebsten über die Brühlsche Terrasse bummelt. Vielleicht, weil dieses Stadtensemble nicht zerredet wird.



Sächsische Zeitung, 17. Dezember 2005

Man muss aussäen

Sachsens Akademiepräsident Ingo Zimmermann über das Balancieren zwischen Kunst und Politik.

Gespräch: Karin Großmann

Sie feiern an diesem Sonnabend 65. Geburtstag. Oft zieht man aus einem solchen Anlass Bilanz: Was ist gelungen, was nicht?

Ich habe mich immer im Dialog mit der Zeit und den Umständen gefühlt und versucht, das mir Mögliche aus einer Situation zu machen. Ich bin dankbar für alles, was mir gelungen ist. Dabei bin ich meinen Idealvorstellungen nach der Wende deutlich näher gekommen, obwohl ich auch die Zeit vorher mit großer Zufriedenheit betrachte. Ich habe Gewinn daraus gezogen. Aus theologischen Studien entstand die Erzählung „Junker Jörg", aus der Beschäftigung mit Sachsens Kulturgeschichte „La Collas Weinberg". Die Wende bot die Möglichkeit, als Abgeordneter der CDU an der Wiedererrichtung der Staatlichkeit Sachsens mitzuwirken.

Also keine unerfüllten Pläne?

Das sind die unvollendet gebliebenen literarischen Vorhaben. Ich hatte vor der Wende mehrere Buchprojekte im Sinn, eine Biografie über König Johann gehörte dazu. Ich habe diese Pläne der Mitwirkung an der Erneuerung geopfert. Neben der Arbeit im Landtag, an der Musikhochschule, im Musikrat, in der Akademie blieb kaum Zeit zum Schreiben. Man ist verpflichtet, das zu tun, was man kann.

Zu Ihren Talenten gehört die ständige Balance zwischen Kunst und Politik. Zu welcher Seite neigen Sie mehr?

Schon als Abgeordneter habe ich mich nie als Generalist gefühlt, ich habe mich nur zur Kultur und zum Hochschulwesen geäußert. Heute beschäftige ich mich der Not gehorchend aktiv mit Politik - weil ich weiß, dass sich die Künstler in einer pluralistischen Gesellschaft artikulieren müssen. Jeder, der in dieser Gesellschaft etwas will, muss sein Anliegen glaubhaft vertreten und andere dafür gewinnen können.

Sie haben zum Beispiel erreicht, dass die Akademie der Künste in die Koalitionsvereinbarung der sächsischen Regierung aufgenommen wurde. Wie schwierig war das?

Ich habe dafür lange Vorarbeit geleistet, habe intensiv mit den Fraktionen geredet und auch mit dem Ministerpräsidenten. Ich wollte den Etat gern um 50000 Euro erweitern, das ist durchgekommen.

Stimmen Sie zu, wenn man Sie einen geschickten Taktiker nennt?

Wenn ich ein Ziel verfolge, empfinde ich es als reizvoll, die richtigen Schritte zu suchen. Von nichts wird nichts. Man muss aussäen – wissend, dass nicht alle Blütenträume reifen.

Sie sind nach der Wende in einen regelrechten Gründungsrausch verfallen. Beunruhigt es Sie, dass manche Ihrer Kinder heute ums Überleben kämpfen?

Ich habe immer die Meinung vertreten, dass man in der Soziokultur Bedürfnisse, die erwachen, befriedigen sollte. Kultur kommt immer von unten. Die Politik muss solche Bestrebungen schützen wie ein Gärtner seine Pflanzen schützt. Manche brauchen besondere Pflege. Andere wachsen von selbst. Manche Einrichtungen können sich irgendwann allein tragen, andere werden wieder vergehen wie eine Mode. Das Dresdner Heinrich-Schütz-Konservatorium, das ich mit gegründet habe, hat heute rund 4000 Schüler. Das zeigt, wie groß das Bedürfnis vieler Eltern ist, ihre Kinder musisch zu bilden. Stipendien für besonders Bedürftige erleichtern das.

Plädieren Sie dafür, dass Kultur zur Pflichtaufgabe des Staates, der Kommunen erklärt wird?

Es wäre ein Idealzustand, wenn die Kultur wie Landesverteidigung oder Tierschutz zur Pflicht erhoben würde. Mit dem Kulturraumgesetz nähern wir uns in Sachsen diesem Ideal an, auch wenn es in der Verfassung nicht verankert und also nicht einklagbar ist. Das hat manchen Nachteil, aber auch einen Vorzug: Man ist gezwungen, sich immer neu mit der Kultur auseinander zu setzen. Immer wieder sind Bekenntnisse verlangt. Denn der Mensch lebt nicht allein für den Konsum, er interessiert sich nicht nur für Event-Häppchen oder ein gerechtes Steuersystem.

Kommen Ihnen beim Blick auf die TV-Einschaltquoten mitunter Zweifel an dieser These?

Alles Gescheite liegt in der Minorität, sagt Goethe. Ich halte den Spruch für undemokratisch. Die Masse der Menschen war früher der Kultur und der Bildung sehr viel ferner als heute. Mit der Medienrevolution Ende des 20. Jahrhunderts hat sich ihre Teilhabe an Information revolutionär verändert. Natürlich gibt es auch Surrogate, und natürlich wird man nicht klüger, wenn man das Internet beherrscht. Aber es schafft Möglichkeiten. Selbst wenn ich für den Augenblick erhebliche Defizite feststelle, erkenne ich doch Veränderungen.

Wo sehen Sie Defizite?

Ein Ausdruck von Defiziten sind die Pisa-Studien. Die Leistungstests für Schüler berücksichtigen weder Musik noch Geschichte und die Sprache nur insofern, als sie der Kommunikation dient. Das ist symptomatisch. Die Geisteswissenschaften müssen sich anstrengen, dass sie in ihrer Bedeutung erkennbar bleiben. Die Künste können dazu beitragen.

Was kann eine Akademie der Künste dabei leisten?

In fünf Klassen haben Künstler ein Forum, um sich auszutauschen. Sie müssen sich fragen, wie es um ihre Zeitgenossenschaft bestellt ist. Wir mischen uns ein, gefragt oder ungefragt. Ich halte die Akademie für eine großartige Chance für den Prozess der geistigen Erneuerung. Wenn der Geist einer Gesellschaft nicht ständig auf Erneuerung aus ist, verkrustet er. Die Pflege des Erbes genügt nicht.



Leipziger Volkszeitung, 17. Dezember 2005

Das „Wunder Literatur als Lebensaufgabe"

Präsident der Sächsischen Kunst-Akademie: Ingo Zimmermann ist heute 65

Ulf Heyse

Im Villenviertel von Dresden-Blasewitz nehmen besonders junge Künstler und Intellekturelle von jeher gern Quartier. Auch Ingo Zimmermann ist in der idyllischen Gegend zu Hause. Nicht weit von seiner Wohnung, im benachbarten Stadtteil Striesen, findet sich die Kreuzschule, die er einst absolvierte, allerdings, ohne Kruzianer zu sein. Sein Verhältnis zur Musik definierte er als „eher emotional". In der Jugend versuchte er eine Weile, sich die Klaviertechnik zu erkämpfen. Doch er sah, wie sich der mit absolutem Gehör begabte Bruder Udo ans Instrument setzte und mit Leichtigkeit Stücke vom Blatt spielte, für die er selbst Wochen übte, gab er auf. Dennoch sagt er von sich: „Ich bin ein musikalischer, aber kein musikantischer Mensch. Als Librettist bahnte er sich schließlich seinen individuellen Weg zur Tonkunst.
Als Udo ihn fragte, ob er nicht ein packendes Motiv für ein Musikdrama wisse, schlug er das Schicksal der Geschwister Scholl vor. So entstand mit „Die weiße Rose" das erste Gemeinschaftsprojekt, das an der Dresdner Musikhochschule erfolgreich Premiere hatte und später vom Staatstheater Schwerin übernommen wurde. Auch für das Experiment „Die zweite Entscheidung" lieferte Ingo wieder den Text. Doch das Werk, das von den Gefahren der Genetik handelt, fand auf der Bühne deutlich weniger Applaus. Ein paar Jahre darauf landete das Duo Udo und Ingo Zimmermann den großen Wurf: „Der Durchbruch kam für meinen Bruder mit meiner Bearbeitung von Bobrowskis Roman ,Lewins Mühle‘". In der Regie des Felsenstein-Schülers Harry Kupfer uraufgeführt, wurde die poetische Geschichte vom traurigen Ende multikultureller dörflicher Eintracht druchs DDR-Fernsehen aufgezeichnet und als Nova-Schallplatte produziert.

Gefragter Librettist

Ingo Zimmermann, der Mann mit dem freundlichen Wesen, den hellwachen Augen und dem raschen Verstand, avancierte danach zum gefragten Partner von Komponisten. Für Rainer Kunad bearbeitete er das Amphitryon-Thema, doch die Inszenierung mündete in einem Fiasko: Da Kunad einen Ausreiseantrag gestellt hatte, durfte das Opus in der Berliner Staatsoper Unter den Linden nur ein Mal laufen. Auch die Kooperation mit Eckehard Mayer stand unter keinem glücklichen Stern. Zimmermann hatt sich für ihn des E.-T.-A.-Hoffmann-Märchens „Der goldene Topf" angenommen, doch das Theaterereignis ging im Herbst 1989 unter. Seither hat er auf diesem Gebiet keinen weiteren Versuch unternommen. Mit dem Ziel angetreten, „künstlerisch zu reflektieren, was uns auf den Nägeln brennt", habe er jedoch nach der Wende keine solche Herausforderung mehr gefunden.
Innerlich lag ihm kein Stoff so sehr wie der von Johannes Bobrowski, als dessen Nachfolger er übrigens für kurze Zeit im Union Verlag amtierte. Als stellvertretender Cheflektor betreute er das Belletristik-Programm, doch das Umfeld blieb ihm fremd: „Ich habe mich nicht an Berlin gewöhnen können". Und das hing auch damit zusammen, dass sich das Verlagsgebäude unmittelbar an der Mauer befand: „Wenn ich aus dem Fenster meines Dienstzimmers schaute, hatte ich ständig diesen Stacheldraht und die Hunde vor mir." Zimmermann ging zurück in die Heimatstadt Dresden, schrieb Theaterkritiken für die Zeitung und genoss beste Aussichten, Feuilletonchef der „Union" zu werden. Doch weil er sich einst, als Bausoldat, geweigert hatte, „den Sozialismus mit der Waffe in der Hand zu verteidigen", kam er dann doch für eine Abteilungsleiterposition „nicht in Frage". Also wurde er freiberuflicher Autor, schrieb Erzählungen wie „Junker Jörg" und „La Collas Weinberg" sowie der hoch gelobte Sachbuch „Sachsens Markgrafen, Kurfürsten und Könige".
Ursprünglich hatte Ingo Zimmermann, dessen Bruder Udo im Aufbruchs-Jahrzehnt als ambitionierter Intendant die Leipziger Oper in die überregionale Wahrnehmung brachte, an der Universität der Messestadt Theologie studiert. Doch von Anfang an widmete er sich vor allem dem „Wunder Literatur", das er als Lebensaufgabe begreift: „Ich hätte unter heutigen Umständen Germanistik belegt, das war aber damals problematisch, da ich mich als bekennender Christ verstand. Ich wäre also nur mit Klimmzügen zu einem solchen Studienplatz gekommen." Auch wenn die Theologie für ihn zunächst nur eine „Verlegenheitslösung" darstellte, bereut er seine Entscheidung nicht, denn das Fach bot eine umfassende Erziehung – im geisteswissenschaftlichen Sinn.
Ingo Zimmermann promovierte über Reinhold Schneider, der ihm auch zum Begleiter auf Lebenszeit wurde. Zwei Bücher hat er über ihn verfasst, und die Reinhold-Schneider-Gesellschaft honorierte seine Verdienste um den Dichter mit einer Ehrenplakette. Vor ihm erhielten sie Prominente wie Bernhard Vogel, Johannes Rau und Carlfriedrich von Weizsäcker. Ganz im Sinne des „großen Geschichtsdenkers", der als „Gewissen Deutschlands" gilt, sah Ingo Z. sich auch nach dem Untergang des Real-Sozialismus verpflichtet, an der Neugestaltung der Gesellschaft teilzunehmen.

Zahlreiche Akzente

Als CDU-Landtagsabgeordneter hatte er wesentliche Aktien am Zustande-Kommen des vorbildlichen sächsischen Kulturraumgesetzes, in der Hochschulpolitik setzte er gleichfalls Akzente. Da er jedoch die Erfahrung machte, durch diese Tätigkeit restlos aufgesogen zu werden, strebte er keine zweite Legislaturperiode an. Erfüllung fand Ingo Zimmermann stattdessen während der letzten Jahre als Professor für Kulturgeschichte und Präsident des Sächsischen Musikrates. Späte Ehren wurden ihm mit der Wahl zum Präsidenten der Sächsischen Akademie der Künste zuteil. Diese Aufgabe führt ihn zurück auf den „Boden der Kreativität", dem er sich verhaftet fühlt. Quasi in konzentrischen Kreisen von Dresden-Blasewitz aus, wo er heute seinen 65. Geburtstag feiert, deshalb aber noch keinesfalls an etwas wie Ruhestand denkt.



„Traditionsstärke und Weltoffenheit"
Kunstakademie-Präsident Prof. Ingo Zimmermann wird 65 und ist voller Visionen zu Dresden und Sachsen

Gespräch: Tomas Petzold

Wenn ich Ihre Vita betrachte, denke ich an ein Leben in Episoden. Es gibt sicher nicht viele Leute, die wie Sie immer wieder Neues angefasst haben, beginnend beim Theologiestudium, über den Kulturpolitiker bis zum Akademiepräsidenten …

Also zunächst einmal: das Theologiestudium habe ich als Bildungsstudium betrieben, bewusst – ich hatte nie vor, in den kirchlichen Dienst zu gehen. Ich habe dann über das Spätwerk des Dichters Reinhold Schneider promoviert. In der praktischen Theologie ging das damals, weil die christliche Literatur von der Germanistik in der DDR etwas an den Rand geschoben wurde. Es kamen einige Zwischenstationen – unter anderem in der Redaktion der Union. Dann war ich bis zur Wende freier Autor und freiberuflicher Lektor, habe u. a. fünf Libretti geschrieben, nicht nur für meinen Bruder Udo, sondern auch für Rainer Kunad und Eckehard Mayer.

Und dann waren Sie plötzlich in der Politik …

Dann bin ich von heute auf morgen in die Politik gegangen, die kaum Spielraum ließ, habe zusätzlich die Ehrenämter übernommen. Sie haben schon recht, das sind Perioden, aber das ist nicht meine Intention gewesen, sondern das hat die Geschichte mit sich gebracht. Ich hätte bis 1989 an eine solche Entwicklung überhaupt nicht zu glauben gewagt. Als ein Mensch, der sich bemüht, habe ich natürlich die historische Chance, die mir zugefallen ist, unbedingt ergreifen müssen. Unseren Vätern und Großvätern sind nur die Weltkriege zugefallen als schreckliche Zäsur, uns ist eine friedliche Wende zugefallen, die Chance einer Erneuerung, die unsere Mitarbeit verlangte. Natürlich war das eine Zäsur, nachdem ich mich so lange vorbereitet hatte, kulturhistorischer Schriftsteller zu sein.

Also hat sich der Kern Ihres Daseins ins Öffentliche verschoben.

Das ist von innen heraus zu lesen. Ich habe ja nie eine öffentliche Wirksamkeit angestrebt. Der Sache war ich schon vorher verpflichtet. Ich komme aus der Dresdner Kreuzschule, bin mit Sachsen verbunden – dieses Anliegen, der Kultur Sachsen zu dienen als Schriftsteller, da bot sich plötzlich eine Möglichkeit, die ich gar nicht ungenutzt lassen konnte. Also habe ich mich in den Dienst der Erneuerung Sachsens gestellt. Auf meinem Gebiet, denn ich war nie Generalist, und da hab ich, im Zusammenwirken mit anderen, wie es in einer Demokratie sein soll, etwas erreicht. Bis heute geht es mir darum, dem Bewusstsein für unsere Kultur zu dienen, weil ich weiß, dass in einer Demokratie jede Sache vertreten werden muss durch Menschen, die sich dafür engagieren. Kultur kann ja nie etwas Dekretiertes, sie muss ein Lebensbedürfnis der Menschen sein. Was auf lange Zeit im Bewusstsein der Menschen bleibt, ist der Kulturfortschritt: welche Dichter haben gelebt, welche Stücke wurden gespielt, welche Musik entstand, welche Bilder wurden gemalt …

Welche Bauten wurden errichtet …

… ja ganz wichtig, das sind die bleibendsten Monumente. In einer pluralistischen Gesellschaft wie der unseren, in der sich auch die Vertreter von Entwicklung und Wirtschaft sich sehr bewusst zu Wort melden, müssen auch Menschen da sein, die sagen, vergesst um Himmels willen nicht, dass Wirtschaft und Finanzen im Grunde nur die dienende Funktion haben für das Gesamtbefinden – und das wird durch die Kultur bestimmt. Das ist mein Credo.

In diesem Kulturverständnis steckt christliche Tradition, aber auch die sozialistische Utopie. Sie versuchen, Konservatives einzubringen, aber zugleich Neues zu fördern.

Zum Begriff des Konservativen bekenne ich mich, aber im Sinne von Bewahren und Entwickeln. Alles, was man nur bewahren will, verkrustet, bleibt stehen. Es geht nicht um System-, sondern um Wertekonservatismus. Werte müssen dem sich entwickelnden Leben immer wieder angepasst werden.

Sie haben das auf auffällig vielen Positionen versucht …

Ich habe nie Multifunktionär sein wollen und auch die früheren Ämter aufgegeben. Die Akademie der Künste ist der folgerichtige und schönste Zielpunkt, den ich erreichen konnte, denn die Akademie ist geschaffen worden nach der Wende als Ausdruck einer kulturellen Erneuerung Sachsens, als eine Künstlersocietät, die auf hohem Niveau das Gespräch unter den Künsten ermöglicht, die Traditionen pflegt, die Künste fördert und gewissermaßen für den mitteldeutschen Raum als Sachwalter der Kultur Themen aufgreift. Das ist mir zugefallen. Für das, was ich intuitiv immer gewollt habe, ist das eigentlich der wirksamste Punkt.

Halten Sie es für chancenreich, sich noch mehr in Diskussionen zu anstehenden Entscheidungen einzubringen?

Wir haben in der Akademie die Köpfe dazu, das muss ich sagen. Sachsen hat natürlich auch den Kultursenat mit einer politischen Beratungsfunktion. Die Akademie hat das Recht, Fördervorschläge zu machen. Von daher leite ich unser Recht ab, einzugreifen in aktuelle Fragen wie zur Staatsoperette. Auch zum Kulturpalast hat sich die Akademie geäußert, als der Streit darüber begann.
Wir müssen nur darauf achten, dass das alles auf hohem Niveau geschieht. Wir sind auch keine Dresdner Akademie, in Dresden ist nur unser Sitz. Unser Architekten haben sich zur Leipziger Universitätskirche geäußert, zur Waldchlösschenbrücke. Wir lassen keinen aktuellen Brennpunkt aus.

Die Akademie geht immer mehr in die Öffentlichkeit, mit Ausstellungen, Vortragsreihen zur Zukunft von Oper und Schauspiel, mit Dialogkonzerten – aber der Rahmen ist nicht ideal.

Das Blockhaus, Sie haben recht, ist kein öffentlicher Raum geworden. Darunter leide ich auch. Wenn wir ein Restaurant im Haus hätten, wäre das schon etwas anderes. Aber ungeachtete dessen machen wir 2006 mit der Sächsischen Landesstiftung Natur und Umwelt eine Veranstaltungsreihe Dresdner Mimesis, also der Nachahmung der Natur, der Stadtlandschaft in den Künsten. Aus der Nachahmung entsteht ja das eigene Leben in der Kunst. Am 31. März beginnen wir im Kulturrathaus mit einem Festkolloqium zum Thema –Dresden als europäische Kunststadt – Anverwandlung und Eigentümlichkeitì was besagen will, in Dresden ist sehr viel Europäisches anverwandelt worden und trotzdem ist ein eigentümliches Kunstwerk aus Traditionsstärke und (hoffentlich) Weltoffenheit entstanden.

Zum Stadtjubiläum wird viel Geschichte reflektiert, nicht unbedingt sehr konfliktreich. Wie steht es aber mit der Betrachtung des 20. Jahrhunderts, speziell der DDR-Zeit, die auch von europäischen Tendenzen geprägt wurde?

Bis zum Ersten Weltkrieg gab es in Dresden eine hervorragende Bautätigkeit, die brach dann ab. Die Weimarer Republik war zu kurz für eine Neuformierung. 1933 bis 1989 folgten zwei unterschiedliche Diktaturen, die uns isoliert haben. Traditionsbewusstsein war das einzige Kontinuum in dieser Zeit als Selbstbehauptung gegen ideologische Überformungen. Aber der Kulturpalast zum Beispiel war eine sehr fortschrittliche Sache. Ich halte ihn für ein gelungenes Werk, das zu unserer Dresdner Stadtgeschichte gehört. Man muss überlegen, wie man das Umfeld gestaltet, aber ich habe kein gebrochenes Verhältnis zu vielem, was mit den geringen Mitteln unter schlechten Voraussetzungen damals gebaut wurde. Hier ist, auch was den Geschichtsverein betrifft, die Arbeit nicht zu Ende. Da spielen aber auch noch stark die Interessen der Beteiligten eine Rolle.

Wie stehen Sie zum Bauen heute?

Ich bin froh, dass der Bau der Frauenkirche die Entscheidung über den Neumarkt so lange verzögert hat, dass es relativ ausdiskutiert werden konnte zwischen den Verfechtern der Moderne und denen der Tradition, die gesagt haben: ja, in der Sprache unserer Zeit, aber im Geist des Alten Dresden muss ein Ort entstehen, wo geschichtliche Erinnerung wieder möglich ist. Die Idee eines Denkmals ist das Schützenswerte, das eigentlich Originale.

Die Frauenkirche gehört unbedingt zu Dresden, aber wird aus den Kopien ringsum nicht ein reines Tourismusviertel?

Es wird ja nicht nur die Leitbauten geben. Und für neues Bauen haben wir doch freie Flächen und übrigens auch schon einiges vorzuweisen: Synagoge, SLUB, Gläserne Manufaktur Behnischs Gymnasium, die Neue Terrasse mit Kulkas Landtag dem Kongresszentrum, aber jetzt vor allem mit dem Erlweinspeicher – ich halte es für gelungen.

Die Kulisse, die wir hier aus dem Blockhaus sehen, hatte selbst nach der Zerstörung noch ihre Aura. Was bedeutet sie für Sie?

Auch im Anblick der Ruinen und Stümpfe hatte man das Bild, das als Stadtkunstwerk verinnerlicht worden ist. Es ist eine Form der geistigen Selbstbehauptung gewesen. Um dann jeden Stein, der möglich war, wieder an seinen Platz zu bringen. Die Bewohner der Stadt haben sich eine Zukunft ermöglicht, indem sie an die Wiederkehr geglaubt haben. Die Kehrseite ist manchmal eine gewisse Introvertiertheit, die wir heute mit Weltoffenheit, mit dem Blick auf Europa verbinden müssen.
Die Elemente, die Europa seit alters her im geistigen Sinn konstituieren, sind die Künste, die Wissenschaft, und wo Kunst und Wissenschaft gedeihen, kommt die Wirtschaft hinzu. Sonst hätte sich diese Hochtechnologie nach der Wende nicht derart erfolgreich angesiedelt. Für uns kommt es jetzt darauf an Erneuerungselemente zu finden.

Was stellen Sie sich darunter praktisch vor?

Ich möchte beispielsweise die Operette erhalten, weil zu dieser traditionsbewussten Stadt auch das Heitere, das Liebenswürdige gehört. Wir brauchen Hellerau, wo noch einmal das Experiment vor dem Ersten Weltkrieg aufgenommen werden muss als eine Werkstatt der Künste für das 21. Jahrhundert. Ich freue mich, dass die Palucca-Tradition erhalten geblieben ist. Dresden braucht einen erstklassigen Konzertsaal. Der Kulturpalast ist von den Voraussetzungen her nicht schlecht, und ich halte es auch für die Staatskapelle auf die Dauer nicht richtig, dass sie die Semperoper als Konzertsaal benutzt. Wir brauchen weiter eine große, für Deutschland interessante Ausstellungsmöglichkeit für moderne Kunst. Wir müssen das möglicherweise der nächsten Generation als Merkposten übergeben, so wie Löffler unserer Generation gesagt hat, dass wir die Frauenkirche wieder aufbauen sollen, sobald die Möglichkeit besteht. Es muss gelingen, die Erinnerungsorte wiederherzustellen und für die Zukunft zu öffnen. Das wäre mein Konzept für Dresden, aber das pars pro toto gedacht, also für ganz Sachsen.

Sie sind trotz aller Probleme, die Sie auch persönlich überwinden mussten, ein unbelehrbarer Optimist …

Es hängt natürlich mit meiner christlichen Einstellung zusammen. Die Geschichte ist eine Mischung aus der Weisheit Gottes und der Dummheit der Menschen. Die Weisheit Gottes nimmt Rücksicht auf die Dummheit der Menschen; letztlich geht nicht alles so wie wir wollen. Die Dummheit ist nicht das letzte Wort. Nadler hat bekanntlich von sich gesagt, er sei fast immer der zweite Sieger gewesen – am Ende war er der erste, weil er auf die richtigen Werte gesetzt hat. Ich bin kein vordergründiger Optimist, aber ich weiß auch, dass die Dinge im Geistigen nie mit einem Machtwort beendet werden. Alles, wo lebendiger Geist drin steckt, erledigt sich nie, es mutiert nur. Ich hatte gewünscht, dass die Landesbibliothek in den Erlweinspeicher einzieht, den Kampf habe ich verloren damals, weil es für die Landesregierung zu teuer war. Ich akzeptiere heute auch die Argumente derer, die dann die SLUB daraus gemacht haben – es ist alles zusammengenommen die beste Lösung, und ich habe eben für die zweitbeste gekämpft. Heute kann ich ohne Groll damit leben und wenn ich jetzt sehe, wie das Hotel da entsteht, freut’s mich.

Gilt das auch für die Waldschlösschenbrücke?

Ich habe in Brücken immer etwas Verbindendes gesehen und für die Waldschlösschenbrücke gestimmt, weil über allem, was wir erörtern für mich die Entwicklung Dresdens zu einer großen europäischen Kunststadt steht und zu einem Wirtschaftssitz. Das heißt, wir brauchen die Verkehrswege. Auf lange Sicht hat für mich aber die Erhaltung des Weltkulturerbestatus absolute Priorität. Das ist etwas, was Dresden im touristischen Wettbewerb in Europa ein deutliches Element der Wahrnehmung geschenkt hat. Dafür wäre ich bereit, den gegenwärtigen Stand der Brückenplanung noch einmal zur Disposition zu stellen. Ich hoffe aber, es lässt sich beides machen.



Dresdner Neueste Nachrichten, 16. Dezember 2005

Orte der Identitätsstiftung

Ulrich Khuon sprach zur Zukunft des Schauspieltheaters

Thomas Petzold

Das deutsche Schauspieltheater hat eine gute Perspektive, wenn es sich zuvörderst als Stadttheater versteht. Der Intendant, der diese Grundüberzeugung aus Erfahrung gefiltert hat, kommt nicht aus der Provinz, sondern vom Thalia Theater Hamburg. Ulrich Khuon, der am Mittwoch in der Vortragsreihe der Sächsischen Akademie der Künste zu diesem Thema sprach, hat seine ersten Lebens- und Berufsjahre gleichwohl in einem Mittelzentrum verbracht, in Konstanz am Bodensee. Von der reichen Geschichte der Region und ihrer traditionsbewusst-gemütvollen Atmosphäre her suchte er einen Anknüpfungspunkt zur Situation in Dresden, die doch sozial (noch) weniger konfliktgeladen scheint als die in der Hansestadt.
Was in einer Kleinstadt unschätzbaren Reichtum und oft wohl oder übel das einzige kulturelle Zentrum darstellt, sieht Khuon auch für die Metropole als unverzichtbaren Ort der Gemeinschaftsbildung und Identitätsstiftung an. „Die Verschränkung von Öffentlichem und Privatem ist nirgends so intensiv und sinnlich", stellt er fest.
Die Selbstbehauptung des Theaters sucht er in mehreren Spannungsfeldern: Es darf weder von jedem geliebt sein wollen, noch mit seiner Provokanz darauf abzielen, auch den letzten interessierten Zuschauer aus dem Haus zu treiben. Zwischen künstlerischer Selbstgenügsamkeit und Domestizierung durch äußere Ansprüche müsse es eine Zone geben, in der ein „nicht fassbarer Überschuss" produziert wird, der für Khuon keineswegs gleichzusetzen ist mit fertigen Antworten. Vielmehr will er „die Rätsel produktiv halten". Freilich begibt er sich etwas auf philosophisches Glatteis, wenn er zur Verdeutlichung auf Schmuck, Kunstgewerbe oder Religion verweist. Vordergründig Theoretiker ist er jedenfalls nicht, aber ein engagierter Pragmatiker, der nach dem Essentiellen sucht, das Theater der Gesellschaft zu bieten hat und bieten muss. Das meint nicht Aufklärung, sondern die Suche nach dem offenen Ausgang, mit Blick auf gegenwärtige Phänomene wie Entsolidarisierung, Bindungslosigkeit in der Gesellschaft, deren Reflex Geschichten ohne Verbindlichkeit seien, die nur noch auf eine Pointe abzielten. Eine direkte Antwort auf die Auflösung des Zeitgeists sieht Khuon im Theater nicht, aber den Anlass für ein neues Nachdenken über den Orts-Begriff, um der Gefahr von Abschottung und unproduktiver Gemütlichkeit zu entgehen, stattdessen eine Form der sozialen Verwurzelung zu definieren, die sich mit Weltoffenheit verbindet.
Aus alledem folgt Offenheit in Bezug auf die theatralischen Mittel. „Beim Inszenieren kommt man nicht um Interpretationen herum, denn die Stücke sind als purer Text inkomplett", hält Khuon Werktreue-Verfechtern entgegen und plädiert für ein Theater der körperlichen Präsenz im Unterschied zum literarischen. In einer Welt, in der die Medien Ereignisse beliebig wiederholbar machen, streicht er die Einmaligkeit eines jeden Augenblicks auf der Bühne, die Begrenztheit von Ort und Zeit eines Theaterereignisses als sein wertvollstes Pfund heraus.



Sächsische Zeitung, 13. Dezember 2005

Ulrich Khuon

Die Antwort auf die Frage, warum er den Intendanten des Hamburger Thalia Theaters in seine Reden-Reihe „Perspektiven des Schauspieltheaters" eingeladen hat, fällt Dieter Görne, dem Vizepräsidenten der Sächsischen Akademie der Künste, leicht: „Ulrich Khuon ist einer der am künstlerischsten denkenden, klügsten Intendanten, die derzeit im deutschsprachigen Theater wirken. Sein Programm ist zeitgenössisch und modern im besten Sinne." Kunstverstand und Klugheit seien es auch, so Görne, die Khuon „außerordentlichen Erfolg" in Hannover und Hamburg beschert hätten.
Erfolgreich kann man den 1951 in Stuttgart geborenen Khuon tatsächlich nennen. Kaum hatte er seine Intendanz am Theater Konstanz beendet, machte er ab 1993 am Staatsschauspiel Hannover mit jungen Schauspielern, innovativen Regisseuren und der konsequenten Förderung junger Autoren von sich reden. Als er zur Spielzeit 2000/2001 zum Chef des renommierten Thalia Theaters Hamburg berufen wurde, setzte er seine Politik des jungen Theaters fort, das dennoch tradierte Sehgewohnheiten nicht verprellt. „Khuon steht für ein junges Theater – und ist doch fast ein altmodischer Typ: zäh und zuverlässig, loyal und genau", lobte ihn auch ein Autor der „Zeit".



Dresdner Neueste Nachrichten, 30. November 2005

Zwiespältiges Verhältnis

Tomas Gärtner

Die Schriftstellerin Kerstin Hensel und der Dichter Durs Grünbein sind neue Mitglieder der Sächsischen Akademie der Künste. Akademiepräsident Ingo Zimmermann hat ihnen am Montag im Blockhaus in Dresden die Urkunden über die Mitgliedschaft überreicht. Beide Autoren haben sich zu diesem Anlass mit einer Lesung vorgestellt.

Durs Grünbein, 1962 in Dresden geboren, lebt heute in Berlin, hatte einen passenden Text zur Hand: seinen "Kurzen Bericht an eine Akademie", geschrieben vor Jahren zur Aufnahme in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt. Ein kleines Selbstporträt, in dem er von einer "fröhlich durchlebten Provinzkindheit" in Dresden spricht, von Novalis und Hölderlin als ersten literarischen Ahnen seiner frühen Gedichtversuche, von der entscheidenden Begegnung mit den Texten Ezra Pounds. Er bezeichnet sich als einen "politikfernen Tagedieb", der den Untergang der DDR weitgehend passiv als Zerfall erlebte. Vor den Ruinen von Pompeji bekommt er Aufschluss über sein Leben.

Die Bedeutung von Geschichte für sein Schaffen ist hier benannt. In den Gedichten, die Grünbein ausgewählt hatte, führte er weitere Grundthemen seiner Texte vor: Naturwissenschaft, Philosophie, Evolution, Malerei, die niederländische des 17. Jahrhunderts besonders. Einen für seine Dichtung signifikanten Begriff zitierte er aus seinen Aufzeichnungen "Das erste Jahr": "poetisches Denken". Ein Denken, "das an bestimmte, sonst nur schwer zugängliche Stellen kommt". Dessen Ziel: "die gemeinsame Vorstellungswelt zu erweitern".

Kerstin Hensel, 1961 in Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) geboren und ebenfalls in Berlin lebend, wo sie eine Professur für Deutsche Versgeschichte an der Hochschule für Schauspielkunst hat, las eine Passage aus ihrem neuen Roman "Falscher Hase". Denn, sagte sie: "Ich bin Geschichten-Erzähler".

Das Buch spielt in Berlin, wobei die Stadt lediglich Kulisse sei, wie sie betonte. Es handelt vom Sohn eines Brandmeisters. Der 1944 Geborene geht von West- nach Ostberlin, um einer Zahnarzthelferin zu folgen, in die er sich verliebt hat. Die aber nimmt einen anderen. Der Mann tötet die Frau im Traum. Es wird noch skurriler und turbulenter. Der Mann, inzwischen Volkspolizist geworden, verliebt sich in ein Ehepaar, bringt die beiden später mit Gas um. Im Herbst 1989 kocht er bei einer Übung im Oderbruch "falschen Hasen", während seine Genossen eine neue MPi ausprobieren und springt auf der Rückfahrt sturzbetrunken aus dem Zug.

Der Dichter Richard Pietraß, Moderator des Abends, befragte beide anschließend nach der Bedeutung ihrer sächsischen Heimat für ihr Schreiben. Sie befinde sich in einer Art "Zwischenreich", meinte Kerstin Hensel. Ihre Geburtsstadt erkennt sie immer weniger wieder. Sie kehrt gern dahin zurück, geht aber ebenso gern wieder weg - "das ist sehr zwiespältig". Für Durs Grünbein war weniger Sachsen prägend, mehr seine Geburtsstadt: Dresden, dieser "Brandherd von städtischem Ausmaß", wie es in seinem "Kurzen Bericht an eine Akademie" heißt.



Dresdner Neueste Nachrichten, 12. November 2005

Weit Entferntes in Freundschaft vereint
Sächsische Akademie der Künste mit neuer Reihe von Dialog-Konzerten

Von Alexander Keuk

Neu begonnen hat die Sächsische Akademie der Künste eine Reihe von Gesprächskonzerten unter dem Titel „Musikalischer Dialog". Dabei sollen jeweils zwei Komponisten – ein Mitglied der Akademie und einer aus einem anderen europäischen Land – musikalisch und verbal ins Gespräch gebracht werden. Es gehe um den gelebten europäischen Dialog auf den Fundamenten der Kunst, so Akademie-Präsident Ingo Zimmermann in seiner Begrüßung.
Dass ein solches Experiment ebenso spannend wie notwendig ist, zeigte gleich der erste Abend, in dem sich das Akademiemitglied Paul-Heinz Dittrich (geb. 1930) und der polnische Komponist Zygmunt Krauze (geb. 1938) vorstellten. Jörn-Peter Hiekel führte durch den Abend und stellte zunächst die aufzuführenden Werke vor, um nach der Musik dann näher auf Kompositionen und Autoren einzugehen. Interessant war es nur, Schnittstellen oder Divergierendes auszumachen. In schlicht hervorragender, atmender Interpretation gelangen zunächst die beiden anspruchsvollen Werke: Dittrichs „Kammermusik XIV. Journal d’une métamorphose structurelle" (mit Peter Bruns, Cello, Frank Gutschmidt, Klavier, und Ib Hausmann, Klarinette) und Krauzes „Quatuor pour la naissance", hier gesellte sich noch Theodor Flindell (Violine) hinzu. Die Verbindung zu Olivier Messiaen „Quartett auf das Ende der Zeit" war bei Krauzes Besetzungswahl und Titel offensichtlich; der Komponist bildet eine fast kontrastlose Klangwelt aus einem Guss, die zart und zerbrechlich wirkt. Demgegenüber steht eine komplex-ausschweifende, harte Tonsprache von Dittrich, in der emotionale Klanggesten eine fast sprachliche Atmosphäre bilden.
Eine deutliche Schnittstelle war in der Hinwendung zur bildenden Kunst der beiden – übrigens seit langem befreundeten – Komponisten erkennbar: Krauze zeigt sich vom polnischen Konstruktivisten Wladyslaw Stzeminski beeinflusst, Dittrich berichtete von seiner fast obsessiven Hinwendung zum Werk von Carlfriedrich Claus. Die musikästhetischen Positionen und kompositorischen Lösungen sind weit entfernt, und doch bestehen sie nebeneinander.
Im Gespräch entpuppte sich Krauze fast als kompositorischer Asket, der (Frankreich seine zweite Heimat nennend) selbst in der polnischen Avantgarde stets ein – allerdings musikalisch erfrischender – Außenseiter blieb. Dittrichs künstlerische Entwicklung war in der DDR und auch nach der Wende kaum einfacher, doch seine Aussage, „den Weg gefunden zu haben", wurde durch das stark wirkende Trio untermauert.
Widerspruch hätte ich allerdings gegen Dittrichs verbales Wettern gegen Verlage und junge Komponisten wie ältere Kollegen erwartet, doch im Publikum blieb es trotz des Angebotes zu Mitwirkung ruhig. Den künftigen Abenden ist eine Auflockerung der etwas reservierten Atmosphäre in Richtung fruchbarer Dialog zu wünschen.


Leipziger Volkszeitung, 9.11.2005

Natur trifft Kunst trifft Umwelt

Von Susan Weitershagen

Prominenter Besuch im Kubus des Umweltforschungszentrums Halle-Leipzig (UFZ): Gisela Prinzessin von Sachsen ist zur Eröffnung der Ausstellung „Die Elemente" gekommen. Doch geschah dies auch aufgrund eines Amtes, das die Prinzessin innehat. Sie ist nämlich die Vorsitzende des Förderkomitees der Sächsischen Landesstiftung Natur und Umwelt (LANU). Und die organisierte gemeinsam mit dem UFZ und der Sächsischen Akademie der Künste (SAK) diese Ausstellung.
Die Gegenwartskunst dürfe nicht nur abbilden und den Betrachter in Staunen versetzen über die einzigartige Schönheit der Natur. Es ginge auch darum, den Wert der Natur bewusst zu machen, so am Montagabend der Grundton aller Eröffnungsredner, von Landesstiftungs-Direktor Bernd-Dietmar Kammerschen über den Präsidenten der SAK, Ingo Zimmermann, bis hin zu Jutta Penndorf, Direktorin des Lindenau-Museums Altenburg und Kuratorin der Werkschau.
Und so hat man das symbolträchtige Quartett der „vier Elemente" ausgewählt. Jedem Künstler ist eines zugeordnet: Hartwig Ebersbach mit seinem schwarz-rot-gelben Kreide-Zyklus „verkörpert geradezu das Element Feuer", so Bernd-Dietmar Kammerschen. Eine Folge von Bleistiftzeichnungen von Thea Richter ordnet er dem Wasser zu. Wieland Förster bearbeitet das Thema Erde, indem er in seinen Kohle-Zeichnungen die löchrig-rissige Struktur des Elb-Sandsteins dokumentiert. Für das Element Luft hat Osmar Osten zwei Vogel-Folgen beigesteuert.
Und wie die Werke eine thematische Einheit bilden, so soll auch die Ausstellungseröffnung ein ganzheitliches Bild künstlerischer Auseinandersetzung mit der Natur zeichnen. Also liest der Dresdner Thomas Rosenlöcher Gedichte von jugendlicher Liebe im Gebüsch, vom Echo im Nadelwald und vom ersten Schnee. Etwas zu lieblich würde die Erzählung über eine Wanderung im Harz wirken, wären da nicht diese, die eigene Romantisierung belächelnden Sätze wie „eine Weile stand ich da und wartete auf ein Naturerlebnis".
Zwischen den Vernissage-Besuchern wartet derweil der Musiker Steffen Schleiermacher, eine Stoppuhr in der Hand. 17 Minuten, 35 Sekunden habe Rosenlöcher gelesen, also würden er und sein Ensemble Avantgarde jetzt ebenso lange spielen. „Wegen der Gleichberechtigung der Künste", sagt er grinsend und setzt sich samt seiner Stoppuhr an den Flügel. Auf halber Treppe haben vier Bläser einen Kreis gebildet. Die Streicher sitzen im Raum verteilt, so dass der Besucher zwischen ihnen hindurch spazieren kann. Während sich einige Besucher der Cellistin über die Schulter linsen, entscheiden sich die meisten Besucher für Laugengebäck, Wein und Saft. Was wiederum durchaus der Natur des Menschen entspricht ...
„Die Elemente. Natur - Kunst - Umwelt" bis 31. 1. 2006 im Kubus des Umweltforschungszentrums Leipzig (Permoserstraße 15; geöffnet Mo-Fr, 8-18 Uhr.



Dresdner Neueste Nachrichten 2.11.2005

Spaziergänge mit historischer Tiefe
Lenka Reinerova las aus ihrem neuen Buch „Närrisches Prag"


Von Tomas Gärtner

Wenn Lenka Reinerova in Dresden auftritt, wird sie mittlerweile begrüßt wie ein gute Bekannte. Für die rund 180 Zuhörer, die mit Applaus die 89-jährige deutschsprachige Schriftstellerin aus Prag begrüßten, die bei den Tschechischen Kulturtagen – präsentiert von DNN und MDR Figaro – zu Gast war, reichten die Stühle im großen Saal des Blockhauses nicht.
Was fasziniert so viele nicht nur an ihren Büchern, auch an ihrer Person? Ein gewisses Interesse an der Hauptstadt des Nachbarlandes mag eine Rolle spielen, denn an diesem Abend las sie aus ihrem neuen Buch „Närrisches Prag". Vor allem aber ist es wohl dies: Diese zierlich wirkende, weißhaarige Frau, die da, leicht gebeugt, mit vorsichtigen Schritten zum Tisch geht, begleitet von Frantisek Cerny, dem ehemaligen tschechischen Botschafter in Berlin, sie ist die letzte noch lebende Zeugin, in deren Biografie soviel Geschichte Platz gefunden hat, wie man es einem einzelnen Menschenleben nicht zutraut. Die Großen der deutschsprachigen Literatur Prags – sie hat sie fast alle gekannt. Die deutsche Besatzung hat sie erlebt, Exil, Rückkehr, Verhaftung, nun durch die „eigenen Leute", Prager Frühling, samtene Revolution. welch ein Fundus, ja Kosmos, aus dem sie in ihrer Erinnerung schöpfen kann. Bei ihr wird, wenn sie erzählt, Geschichte in Episoden lebendig. Nach ihr werden nur noch Texte sein.
Vielleicht ist es auch diese tiefe, zugleich heiter-gelassene Altersweisheit, die einen so an ihr beeindruckt. Das Schlimmste erlebt zu haben, was einem Menschen zustoßen kann, und dann doch diesen Blick für das alltägliche Komische zu besitzen.
Ein „leichteres Thema" habe dieses neue Buch, sagt sie. „Ein Bekenntnis", hat sie ihm als Untertitel gegeben. „Es ist eine bedingte Liebeserklärung an meine Stadt." Es klingt auch ganz leicht, wenn sie erzählt, wie sie durch die Zeltnergasse (Celetna) geht, das Geschäft, in dem sie sich Schuhe kaufen will, nicht mehr existiert – da wird jetzt Glas und Porzellan angeboten. Diese Spaziergänge aber sind nur die oberste Schicht dieser Texte. Denn unversehens ist sie in ihren Assoziationen in einer tieferen Schicht der Erinnerung: Pardubice, nach der Entlassung aus dem Gefängnis, ein Werk für „Haushaltsgebrauchsgegenstände" – Glas und Porzellan eben – in dem sie damals arbeiten musste.
Und dann ist da, als innere Stimme, Kisch ständig präsent. Hatte er nicht den Namen der Straße einst erklärt? Schon ist das Bruchstück eines Gesprächs wieder da, viele Jahrzehnte zurückliegend, aus einem anderen Zeitalter. Die Gegenwart – in diesen Texten begreifen wir sie als einen Teil der Geschichte, und das Vergangene als immer gegenwärtig. Das ist etwas, was so nur Lenka Reinerova kann. Das ist es, was diesen Texten historische Tiefe gibt, sie einzigartig macht. Da stehen auch Sätze wie: „Die deutsche Bevölkerung war nicht mehr im Land, die jüdische nicht mehr auf der Welt." Kann man diese ungeheure geschichtliche Veränderung auf eine kürzere Formel bringen?
Das berühmte alte Cafe Arco, in dem sich einst Schriftsteller wie Werfel und Brod trafen, ist heute eine Betriebskantine für die Polizei. In der Gasse, in der Kisch lebte, gibt es ein Sex-Museum, und vom Kisch-Denkmal auf dem Friedhof wird ständig der Bronzekopf geklaut – solche Geschichten vom „närrischen Prag" erzählt Lenka Reinerova.
Und sie will noch mehr dafür tun, dass die deutschsprachige Literatur Prags im Bewusstsein bleibt. Gemeinsam mit Frantisek Cerny plant sie ein „Literaturhaus für deutschsprachige Autoren aus Prag und Böhmen". Es soll dort neben einer Bibliothek auch eine Buchhandlung, ein Kaffeehaus und Veranstaltungsräume geben. Eine Stiftung haben die beiden bereits gegründet, ein Raum ist in Aussicht – nur am Geld fehlt es.



Sächsische Zeitung, 20. 10. 2005

Glück taugt nicht
Schauspiel. Regisseur Michael Thalheimer eröffnet neue Reihe in der Akademie der Künste.


Von Valeria Heintges

„Das Theater steckt seit der Antike in der Krise", sagt Michael Thalheimer, „denn es beschreibt Krisen. Zudem ist das Glück auf der Bühne wenig tauglich." Über die „Perspektiven des Schauspieltheaters" macht sich der bundesweit bekannte Regisseur deshalb keine Sorgen, wie er am Dienstag zur Eröffnung der gleichnamigen Redenreihe der Sächsischen Akademie der Künste im Blockhaus Dresden bekannte.
Thalheimer hat sich mit Klassikerinszenierungen in Dresden, Leipzig, mittlerweile vor allem in Berlin und Hamburg einen Namen gemacht. Seine Arbeiten reduzieren den Text auf die „Essenz", das „Filtrat", wie er selbst sagt. Denn der gebürtige Frankfurter verabscheut Requisiten und illustrierende Ausstattungen, vertraut vielmehr auf den Schauspieler, die schlichten Bühnenbilder seines langjährigen Mitarbeiters Olaf Altmann und das gesprochene Wort. „Ich halte von Texttreue überhaupt nichts, aber ich halte viel von Werktreue", bringt er dieses Prinzip auf den Punkt. Dabei seien seine Inszenierungen immer zeitgenössisch, weil von Zeitgenossen gemacht, und immer auch Interpretation. Thalheimer: „Das Original gibt es nicht, jede Aufführung ist notwendig Interpretation."
Dieter Görne, Moderator und Leiter der Klasse Darstellende Künste in der Akademie, bescheinigte Thalheimer, dass seine Werke sich um eine Titelfigur – wie Faust, Emilia Galotti oder Katja Kabanowa – gruppieren, die wahrhaft zum Zentrum wird. Thalheimer: „Eine gelungene Inszenierung ist wie ein Song von Neil Young. Der erzählt von einem Lebensgefühl, einem Weltbild. Er braucht dafür nicht länger als sechs Minuten."
Am 14. 12. spricht Ulrich Khuon, Intendant Thalia Theater Hamburg, Anfang März Dusan Parízek, der im Juni in Dresden Kleists „Prinz Friedrich von Homburg" inszeniert.



Dresdner Neueste Nachrichten, 20. 11. 2005

Grundvertrauen in die Kraft des Theaters und der Regie

Michael Bartsch

Die aus hiesiger Sicht wohl peinlichste Frage blieb Regisseur Michael Thalheimer am Dienstagabend erspart. Warum ließ er nach der Flut 2002 die Dresdner im Stich, als er Horváths „Der jüngste Tag" unter den provisorischen Ersatzbedingungen des Hellerauer Festspielhauses nicht inszenieren wollte? Gilt er doch als ein Mann der kargen Bühnen, ganz auf das Wort und die Schauspielerpräsenz fixiert.
Der freundliche Tenor der leider nicht so gut besuchten Akademieveranstaltung im Blockhaus wurde dadurch nicht getrübt. Der Auftakt zur neuen Diskussionsreihe „Perspektiven des Schauspieltheaters" verlief freilich ähnlich wie die vorausgegangenen Abende zur Zukunft der Oper. Aufgeworfene Fragen mündeten bald in ein Porträt des bekannten Gastes, dessen Handschrift einem ohnehin überwiegend aus Insidern bestehenden Publikum noch einmal vorgestellt wurde.
Akademie-Vizepräsident und Dresdner Ex-Intendant Dieter Görne nannte eingangs einige trockene Fakten. So die verbreitete Mindestentlohnung für einen Schauspieler von 1550 Euro brutto monatlich bei 48 Wochenarbeitsstunden und die zunehmende Kostenperspektive in der Kunst. Görne fragte unter Anspielung auf den Faust-Prolog, ob wirklich jedermann noch ein Fest erwarte? Thalheimer antwortete mit einer Reihe persönlicher Bekenntnisse. Gerade aus New York zurückkehrend, sei ihm der Schatz des subventionierten Theaters im deutschsprachigen Raum noch einmal bewusst geworden. Aus der Subvention erwachse der Auftrag, nicht nur zu unterhalten, sondern auf die Krise der Gesellschaft und humane Maßstäbe hinzuweisen. „Die Subvention gibt uns die Freiheit, das auch zu tun." Er glaube an die Sehnsucht der in Egomanie zerfallenden Gesellschaft an ein Wertesystem, sagte der Regisseur mit Blick auf seinen „Faust" am Deutschen Theater in Berlin.
Zum Reizwort „Regietheater" war von Michael Thalheimer viel Plausibles zu hören. „Ein Original gab es im Theater nie!" Auch Uraufführungen seien stets Interpretationen eines Textes gewesen. Folglich sei das Theater immer zeitgenössisch und jede Arbeit neu. „Ich halte nicht viel von Texttreue, mich aber für sehr werktreu", rechtfertigte Thalheimer beispielsweise den irritierenden Salzburger „Woyzeck". Der entfaltet hier auch aggressives Widerstandspotenzial und verharrt nicht in der Opferrolle. Es geht Thalheimer darum, ein Werk gründlich zu verstehen und in seinem Duktus neu zu erzählen. Das führt oft zu drastischen Reduzierungen wie etwa bei „Emilia Galotti", wo sich wunderbare Szenen reiner Körpersprache dem Publikum allerdings erst im Kontext guter Werkkenntnis erschließen. Deshalb arbeitet Thalheimer so gern mit dem auf starke Abstraktion setzenden und jeder Opulenz fernen Bühnenbildner Olaf Altmann zusammen. Am wenigsten erlaubt die „schwer anzugreifende" Oper die Thalheimersche Methode, wie er unter Verweis auf seine bisher einzige Inszenierung „Katja Kabanowa" zugestand.
Von solchen Beispielen lebte der Akademie-Abend und von den klaren Bekenntnissen Thalheimers zu einer strikt subjektiven, beinahe selbst schon wieder egomanischen Lesart der „Klassiker". Wie das Theater in 20 Jahren aussehen wird, müsse man den künftigen Regisseuren überlassen. Die realen und ganz praktischen Gefahren, die ihm derzeit drohen, verschwinden hinter dem Grundvertrauen in die „Unentbehrlichkeit und Unvergleichbarkeit" des Theaters, so Görnes Formulierung. „Seit der Antike ist das Theater in der Krise", konstatiert Thalheimer. Die Geschäftsführer der Häuser werden ob dieses Trostes nicht ruhiger schlafen.



Sächsische Zeitung 18. Oktober 2005

Michael Thalheimer

Dresdner, die den Namen Michael Thalheimer hören, könnten damit andere Assoziationen verbinden als Menschen in Berlin oder Hamburg. Die Dresdner erinnern sich an den Theaterregisseur, der es mittlerweile bis zum Leitenden Regisseur am Deutschen Theater Berlin geschafft hat, nicht nur wegen seiner bis auf den Textkern reduzierten Aufführungen und seines unheimlich spannenden Körpertheaters. Sie denken auch noch daran, dass Thalheimer das Dresdner Staatsschauspiel im Stich ließ, als dem Haus das Wasser buchstäblich bis zum Hals stand. Denn nach seiner spannenden „Wirtin" nach Turrini und dem „Fest" nach dem Dogma-Film sollte er im Schauspielhaus Horváths „Der jüngste Tag" erarbeiten. Als die Aufführung wegen der Flut ins Festspielhaus Hellerau verlegt wurde, zog Thalheimer es vor, die Regie abzugeben. Die Mitglieder der Sächsischen Akademie haben ihm das verziehen, werden seine Inszenierungen wie „Emilia Galotti", „Faust I" und „Faust II" inzwischen weltweit gefeiert.
Er darf daher die Reihe „Perspektiven des Schauspieltheaters" im Dresdner Blockhaus eröffnen. Ihm sollen ebenso illustre Theaterleute folgen: Ulrich Khuon, Chef am Thalia Theater Hamburg (14. 12.), Duðan David Paroízek aus Prag (März 2006), Wolfgang Engel, Intendant in Leipzig, Peymanns Dramaturg Hermann Beil und Volker Lösch, Regisseur der Dresdner „Weber". (SZ/vh)



Dresdner Neueste Nachrichten, 18. Oktober 2005

Michael Thalheimer eröffnet neue Redenreihe

Mit dem Berliner Regisseur Michael Thalheimer als Redner beginnt die Klasse Darstellende Kunst der Sächsischen Akademie der Künste heute eine Reihe zum Thema „Perspektiven des Schauspieltheaters". Nach der Redenreihe „Zukunft der Oper" (2003 bis 2005) sollen nun bedeutende Regisseure aus dem In- und Ausland öffentlich über den Stand und die Aussichten des Theaters im 21. Jahrhundert referieren. Welche Chancen hat die Institution Theater? Wie werden künstlerische Maßstäbe auf den Bühnenbrettern definiert? Wie frei darf ein Regisseur gegenüber einem Autor sein? Diese und andere Fragen sollen von den Gästen erörtert werden. Thalheimer, der heute ab 20 Uhr im Blockhaus am Neustädter Markt zu erleben ist, arbeitete unter anderem am Hamburger Thalia Theater und am Deutschen Theater Berlin. Er gilt als Regisseur, der Stücke radikal auf ihren Kern reduziert und das Publikum polarisiert.



Dresdner Neueste Nachrichten, 1. September 2005

Ein Straßengeher aus Passion

Lutz Fleischer erhielt den begehrten Hans Theo Richter Preis der Sächsischen Akademie der Künste

Von Gabriele Gorgas

So viel Entscheidungsfreude mit allen Risiken und Nebenwirkungen lässt sich nicht zwangsläufig von einer Jury erwarten. Zumal, wenn es um eine derart angesehene, mit 20000 Euro dotierte Auszeichnung wie den Hans Theo Richter Preis der Sächsischen Akademie der Künste geht. Hut ab also vor diesem Gremium, bestehend aus Mitgliedern der Klasse Bildende Kunst der Akademie, dem Vorstand der Hildegard-und-Hans-Theo-Richter-Stiftung sowie dem Direktor des Kupferstich-Kabinettes der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden.
Der von Hans Theo Richters Witwe gestiftete Preis, zunächst alljährlich, dann alle zwei Jahre für besondere Leistungen in der Malerei und Graphik vergeben, ging 1998 – von Hildegard Richter selbst festgelegt – an Max Uhlig in Dresden. Die folgenden, durch eine Jury bestimmten Preisträger waren 1999 Jirí Kolar (Prag), 2000 Paula Ribariu (Bukarest) und Werner Wittig (Dresden), 2001 Peter Graf (Dresden) sowie 2003 Thomas Ranft (Chemnitz). In diesem illustren Kreise wirkt Lutz Fleischer als Auserkorener 2005 wie ein bunter Neustadtvogel. Einer, der trotz zahlreicher Arbeiten, Projekte, Ausstellungen über Dresden hinaus kaum bekannt wurde – doch sein Verschulden ist das nicht. Was Fleischer mit Herz und Verstand schafft, wie er Gefundenes, Erspürtes, ihm Zugefallenes verwandelt und sinnig-skurril kommentiert, das besitzt wahrhafte Qualitäten. Und fördert zudem das Nachdenken. Es sind eigenwillige, ungewöhnliche Ideen, die er in eine satte Kulturlandschaft einbringt, in der Art wie Salz in der sächsischen Suppe, im besten Sinne geschmackgebend, unverzichtbar.
Bernhard Theilmann, den Lutz Fleischer als Freund und Kenner um die Laudatio zum Festakt im Blockhaus gebeten hatte, verkürzte das Biografische auf Wesentliches: Geboren am 2. Juni vor 49 Jahren in Dresden-Friedrichstadt, ging in Pieschen zehn Jahre zur Schule. Und damit Schluss mit der Aufzählung seiner Wohnorte – etwa 20 könnten es gewesen sein. Oft Notunterkünfte, nur eine davon linkselbisch. Während seiner Ausbildung zum Offsetretuscheur habe er die Abendschule der Akademie auf der Brühlschen Terrasse besucht. Zum angestrebten Studium kam er ebenso wenig wie Penck, Herrmann oder Graf. Kettner meinte zum Studienbegehren Fleischers, er wäre dafür zu reif und solle sich gleich im Verband bewerben. Zunächst gab es Ablehnungen, und so handelte er mit Samen, brachte als Postbote Päckchen, stapelte beim Holzhändler Bretter und Pfosten, kellnerte, heizte, restaurierte, gärtnerte auf dem Friedhof. Dabei lernte er jede Menge über das Leben.
Die Ausstellung im Foyer vom Blockhaus stellt den vielseitigen Lutz Fleischer vorwiegend mit Collagen vor. Da bekommt man wenigstens eine Ahnung von seiner besonderen Art, die Dinge zu sehen, spürt, dass er ein origineller Künstler ist. Sein Lappalienarchiv 3 beispielsweise lohnt das genauer Hinschauen, das „Lesen" der Nachrichten. Darunter ein Polizeibericht, dass zwei hungrige, alkoholisierte Heranwachsende sich am Sonntagmorgen aus einem Bäckereifahrzeug bedient haben. Ihre Beute: zwei alte Semmeln, zwei alte Mohnbrötchen, zwei Quarkbällchen und ein Pfannkuchen. Sie wurden verhaftet, verhört. Rätsel geben auch zwei erhabene Objekte unter Glashauben auf, museal beschriftet. Zum einen kenntlich gemacht als Rasierpinsel von Ernst Hassebrauk, zum anderen als Zahnbürste von Willi Wolff. Tatsächlich oder nicht, darüber sollte man weniger nachdenken. Mehr über den Kontext von Fleischer, im Brückenschlag zu Hassebrauk und Wolff. Zwei Jubilare.
Dieser Mann ist ein Unikum, seine Arbeiten sind Unikate. Unvergleichlich, wie er scheinbar banale Objekte zu Denkmalen erhebt oder als Jagd-Trophäen präsentiert. Dabei ist er ein gelassener Jäger, braucht weder Meute noch Munition. Die Dinge begegnen ihm, er erkennt sie, wo immer sie verlassen, verloren ihr Dasein fristen. „Da er weder Auto noch Fahrrad besitzt und Straßengeher aus Passion ist, liegen ihm die Stücke zu Füßen", sagte Theilmann. Im gewissen Sinne ist Lutz Fleischer ein Archäologe der Gegenwart, macht das scheinbar Belanglose zum Gegenstand einer hintergründigen Betrachtung. Simpel ist das nie. man müsste ihm irgendein verrücktes Gelände mit Spielraum zur Verfügung stellen und er würde uns eine einzigartige „Fundstelle" hinzaubern. Wenn man ihm dafür alle Freiheiten lässt und ihn unterstützt. Ideen hat er genug.
Der Dank für alle Worte, Klänge, Blumen des „sehr geehrten Lutz Fleischer" bei der Preisvergabe fiel erwartungsgemäßt lakonisch aus. Eine frappierend kurze Rede, an sich selbst und an die zahlreichen Gäste gerichtet, mit dem Schluss: „Ma guggen". Auch die Einladung zur heutigen Feier mit Freibier – man sollte den Preisträger nicht zu sehr schröpfen, schließlich will er mit dem verbleibenden Geld noch ein neues Projekt starten – ist unverkennbar. Darauf steht: „Hans Theo Richter zu Ehren", und handschriftlich folgt „Gruß fleischer".



Sächsische Zeitung 30. August 2005

So macht man Entdeckungen

Von Gregor Kunz

Ehrung. Der Dresdner Lutz Fleischer erhält den Hans-Theo-Richter-Preis der Sächsischen Akademie der Künste.

Kunstpreise gehen üblicherweise an junge Begabungen oder werden nach dem Prinzip Teufel verteilt: Wo schon etwas liegt, kommt noch etwas hinzu. Der Dresdner Künstler Lutz Fleischer, der heute den mit 20000 Euro dotierten Hans-Theo-Richter-Preis erhält, fällt da raus. Die Kategorie Junge Kunst hat er hinter sich und auch als Sammler von Preisen ist er bislang nicht aufgefallen. Schon das macht die Entscheidung der Klasse Bildende Kunst der Sächsischen Akademie der Künste besonders. Wichtiger ist freilich, dass Fleischer einer von den Guten ist und das nicht erst seit heute. Der Vorschlag kam von Osmar Osten und vermutlich aus einer verwandten Seelenlage, die Diskussion soll nicht lange gedauert haben.
„Zu rechnen war damit natürlich nicht", sagt Fleischer, „es hätte auch noch zwanzig Jahre so weitergehen können."

Ein Freund des Absurden

Lutz Fleischer, 1956 in Dresden geboren, hat in den 70ern Offsetretuscheur gelernt und etwa zeitgleich den Abendkurs der Dresdner Kunsthochschule besucht. Einen Studienplatz bekam er nicht. Fleischer blieb bei der Kunst, jobbte und bewarb sich beim Verband Bildender Künstler, der ihn tatsächlich 1981 aufnahm. Die Verbandsmitgliedschaft war Voraussetzung, um als freier Künstler arbeiten zu dürfen. Fleischer, ein Freund des Absurden in jedweder Erscheinung, dürfte der Witz an der Sache nicht entgangen sein. Das Jobben kam in den 90ern wieder dazu.
Am Anfang seiner Arbeit standen Zeichnung und expressive Malerei, dann wechselte Fleischer ins weite Feld der Collage über. „Halb hat es sich ergeben", sagt er, „dann wurde es Beschluss." Einen Anlass lieferte 1985 „Expressivität heute", eine Ausstellung in Berlin, Hauptstadt der DDR. Sechs Künstler waren auserwählt worden, darunter Fleischer, der sich dabei weder wohl noch ernst genommen gefühlt hat und sich am Ende ziemlich überflüssig vorkam. „Es hätten auch 30 sein können. Der Expressionismus wurde plötzlich hoffähig. Da war das eigentlich abgegessen." Fleischer legte den Pinsel weg und einige Zeit später den Stift dazu. Sein Karriereberater, wenn er einen gehabt hätte, wäre wohl ausgerastet. Künstler wird, wer nicht anders kann.
Nach Max Ernst ist Collage die systematische Ausbeutung der zufälligen oder provozierten Begegnung wesensfremder Realitäten auf eher ungeeignetem Feld – „und der Funke Poesie, welcher bei der Annäherung dieser Realitäten überspringt". Fleischers Collagenarbeit kann als eine Art Netzwerk der Begegnungen beschrieben werden, im ständigen Ausbau begriffen und montiert aus Collagen aller Art, Druckgrafik, Assamblage, Plastik, Performance, Film, Buch und wieder Collage. Die Übergänge sind fließend, die Kategorien öfter unzuständig oder überfordert. Das Material läuft ihm zu oder lässt sich finden, indem es „Hallo!" sagt. Systematik waltet dabei allenfalls partiell, die Spontaneität steht voran, und Humor ist immer dabei. Humor ist kein Spaß. „Diverse Teile, die sich von der Zivilisation, respektive der automobilen Gesellschaft verabschiedet haben und weggeflogen sind, konvertieren in eine neue Daseinsform und werden dem geneigten Kunstfreund, in zumeist ästhetisch verbrämter Form, vor Augen gehalten." Der Funken Poesie jedenfalls springt zuverlässig, wenn die Dinge sich am Ende berühren und ihre Energie zu fließen beginnt.

Ein Miteinander der Dinge

Wenn er etwas mache, sagt Fleischer, dann wisse er erst einmal nicht, worauf das hinauslaufe. So macht man Entdeckungen. Diese entdeckten Kunst-Dinge, die Fleischer dem weiten Feld der Collage entnommen wie hinzugefügt hat, stehen erstaunlich ruhig beisammen, mit dem Rücken halberwege zur Welt, wispernd mit ihren Angelegenheiten beschäftigt. Bei aller Materialfülle – neuerdings ist auch Musik dabei – ist die Familienähnlichkeit in Charakter und Auftreten nicht zu übersehen. Sie realisiert sich im Miteinander der Dinge, die oft so einfach sind, dass sie Raffinesse vermuten lassen: ein Lochblech und Schrauben beispielsweise, oder elektrisches Licht im Wasser. Wobei das Reagieren nicht endet, wenn die Arbeit fertig ist. Ein Betrachter, der sich darauf einlässt, wird diese Erfahrung machen.
„Vielleicht", fragt der Künstler, „ist der Schwachsinn, den ich all die Jahre gemacht habe, doch nicht so schwachsinnig?" Der geneigte Kunstfreund gratuliert.
Ausstellung von Arbeiten Lutz Fleischers bis 13. September im Foyer des Blockhauses Dresden, Neustädter Markt. Geöffnet montags bis freitags, 9 bis 17 Uhr und zu Veranstaltungen. Eintritt frei.



Dresdner Neueste Nachrichten 27. Juli 2005

Architektur ohne Architekten?

Von Katrin Ulbricht

Sind österreichische Almbauern die besseren Architekten? Oder indische Brunnenbauer? Darüber dachte der Wiener Architekt Anton Schweighofer unlängst in einem Vortrag nach. Anlass war die Eröffnung der nunmehr dritten Ausstellung in der Reihe „Baukunst und Umwelt", die von der Sächsischen Akademie der Künste (SAK) und der Sächsischen Landesstiftung für Natur und Umwelt präsentiert wird und internationale Architektenpersönlichkeiten vorstellt.
Im Foyer des Blockhauses werden derzeit Schweighofers wichtigste Projekte aus den vergangenen 40 Jahren vorgestellt. Der Professor (Jahrgang 1930) beruft sich in seinem Schaffen häufig auf die „Anonyme Architektur", wie sie vielerorts in Österreich, im Mittelmeerraum, aber auch in der russischen Arktis vorzufinden ist. Geschaffen wurde sie von jenen Vorfahren, die ihre Anwesen vor Jahrhunderten schon so gestalteten, dass sie ohne große Umstände ihren Alltag bestreiten konnten. Gebäude und Stallungen wurden nach streng ökonomischen Gesichtspunkten angeordnet. Kurze Wege und bestmögliche Auslastung des vorhandenen Raumes kennzeichnen noch heute die Gehöfte, Wohnanlagen und zentralen Gemeinschaftseinrichtungen. Intuitiv schufen die Menschen auf ihre Art eine Architektur ganz ohne Architekten.
Nach ähnlichem Muster entstanden auch die Bauten Anton Schweighofers. Vordergründige, raffinierte Details und glanzvolle Oberflächen wird man bei ihm nicht finden. Mit Skizzen und eng beschriebenen Blättern aus Architekturzeitschriften werden seine Arbeiten vorgestellt. Darunter befindet sich neben dem SOS-Kinderdorf in Neu-Delhi und dem Entwurf einer Forschungsstation in der Arktis auch sein Atelier- und Wohnhaus, das er selbst als „Baumhaus" bezeichnet. Fast chronologisch schuf er in Wien die „Stadt des Kindes", das Studentenheim in einem Vorort und das Geriatriezentrum des Kaiser-Franz-Josef-Spitals – ein Haus für würdevolles Altern. Seiner Philosophie entsprechend wählte er Maße, Formen und Symbolik so, dass sie dem jeweiligen Ort, dem Material und dem Gebrauch gerecht werden. „Man muss Architektur auch lesen können", verlangt Anton Schweighofer.
Die Ausstellung verlangt großes Interesse und guten Willen, denn der Gestaltung ist anzusehen, dass manche Fotos und Beschreibungen schon einmal anderen Zwecken dienten. Da das Blockhaus von verschiedenen Mietern genutzt wird, passiert es, dass man eher auf Flohmarktatmosphäre im Dämmerlicht trifft als auf eine fein ausgeleuchtete Präsentation. Dieses Problem kennt der Präsident der Sächsischen Akademie der Künste. „Es ist kein sehr lukrativer, aber dafür ein intensiver Ausstellungsort", sagt Professor Ingo Zimmermann.
Fortgesetzt wird die Reihe mit einem Dresdner. Gegen Ende des Jahres kann man die architektonische Handschrift Wolfgang Hänschs (Kulturpalast, Wiederaufbau der Semperoper) in Augenschein nehmen. Trotz aller Widrigkeiten bietet diese Ausstellung tatsächlich eine Möglichkeit, „Architektur lesen zu lernen".



Lausitzer Rundschau, 9.7.2005

Fünf vor 12 in Sachen Stadtumbau

Als Reaktion auf die Vorstellung des Buches „Stadtumbau Ost …" am 30. Juni schreiben Grit Obst, Peter Biernath, Uwe Mildner und Manfred Rudolph:

„Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt!" Die Vorstellung des neuen Buches „Stadtumbau Ost - Superumbau Hoyerswerda" am Donnerstag, 30. Juni, war eine Sternstunde der Wahrheit. Dank an alle, die dieses Buch ermöglicht, daran mitgewirkt und es uns vorgestellt haben. Warum eine Sternstunde?
Wir waren tief erschüttert zu hören, was bereits vor fünf Jahren, allerdings hinter verschlossenen Türen (im Buch Seite 94) diskutiert, empfohlen und gewarnt wurde, und wie diese wichtigen Erkenntnisse der Öffentlichkeit, den Bürgern und damit den direkt Betroffenen mit großer Energie vorenthalten wurde.
Schon vor fünf Jahren wurde davor gewarnt, den Stadtumbau dem Selbstlauf zu überlassen. Das Ergebnis heute: Es gibt kein aktuelles, schlüssiges und zukunftsorientiertes, städtebauliches Entwicklungskonzept für Hoyerswerda-Neustadt.
Stattdessen Wunschvorstellungen, Utopien, ein „sich sonnen" in der Vorreiterrolle der „Avantgardeposition" beim Stadtumbau und im Lob der höheren Dienststellen in Dresden und Berlin „… wir reißen schon ab, wo andere noch nachdenken …"
Selbst wenn es zeitweilige Zwänge und falsch angewendete Förderungsregularien für Abrisse zu geben scheint, sind die Ergebnisse in unserer Stadt weit davon entfernt, ein Zentrum mit regionaler Attraktivität zu schaffen.
Aus dem Vortrag und der folgenden Diskussion ist klar geworden, dass es so nicht weitergeht. Wir stehen vor dem Scherbenhaufen des Stadtumbaus in Hoyerswerda und damit vor einem Wendepunkt. Der Stadtumbau, wie er von den Verantwortlichen der Stadt bisher verstanden wurde, wird in nächster Zeit nur aus weiterem Abriss bestehen. So ist es zumindest bei der Veranstaltung am Donnerstag klar geworden.
Es ist unstrittig, dass Hoyerswerda-Neustadt einen gewaltigen Rückbaubedarf hat. Im Schrumpfungsprozess, der sich zur Zeit in vielen ostdeutschen Städten abspielt, nimmt Hoyerswerda eine Vorreiterrolle ein. Gerade deshalb sind hier klare Konzepte gefragt, ist der Rückzug in den Kernbereich der Neustadt und dessen Aufwertung notwendig.
„Die Kassen sind leer", also gibt es nur noch Abriss - das ist eine zu kurz gedachte Schlussfolgerung der handelnden Akteure. Die Stadt hat bereits wesentliche Teile ihres Image bildenden Baubestandes verloren, jeder kann sich davon im Stadtzentrum überzeugen. Die guten Ideen zur Aufwertung des Stadtzentrums zur „Neuen Mitte" sind allesamt undurchführbar, weil nicht bezahlbar. So die Antwort der Stadtverwaltung. Zur Bewahrung der Identität der Stadt gehört auch der Umbau und die Aufwertung des Bestandes. Will man den Niedergang von Hoyerswerda-Neustadt verhindern, ist ein sofortiger Abrissstopp im Kernbereich, besonders im Stadtzentrum notwendig.
Schon jetzt ist der Schaden, den unsere wunderbare Stadt genommen hat, nur noch schwer reparabel - die Abrissbagger laufen weiter und warten auf ihre nächsten Opfer. (…)
Was jetzt Not tut, ist ein Schrei aus Hoyerswerda, der die Öffentlichkeit und die oberen Dienststellen in Dresden und Berlin bis zum Bauminister aufrüttelt und zu Sofortmaßnahmen zur Rettung unserer Stadt veranlasst. Die Verantwortlichen unserer Stadt und der Großvermieter müssen den Ernst der Lage erkennen und sich zu einem gemeinsamen Schrei zusammentun. Die Vereine der Stadt und viele Bürger helfen sicher mit!
Es ist fünf vor 12! Im nächsten Jahr brauchen wir über den Flächennutzungsplan, den Rückbau von außen nach innen und die Aufwertung der Mitte nicht mehr reden. Denn dann gibt es nach den derzeitigen Planungen der Verwaltung und der Großvermieter diese Mitte nicht mehr, nur noch vier ganz unmotiviert in der Gegend herumstehende Hochhäuser - von Brachflächen umgeben. Ein Sammelsurium von Rudimenten. So weit darf es nicht kommen, eine sofortige Umkehr ist notwendig.
Ihr Verantwortlichen, schaut auf diese Stadt und erkennt, dass Ihr sie nicht aufgeben könnt und aufgeben dürft. Wir fordern den sofortigen Abrissstopp im Stadtzentrum und einen runden Tisch zur Stadtentwicklung.



Lausitzer Rundschau 2.7.2005

Bürgerbeteiligung angemahnt
Diskussion zum Stadtumbau wieder beleben


Catrin Würz

Nach dem Kunstprojekt „Superumbau" und mehreren Fernsehdokumentationen rief diesmal ein kleines Büchlein zur öffentlichen Diskussion über den Stadtumbau-Prozess in Hoyerswerda. Donnerstagabend wurde die jüngste Veröffentlichung der Sächsischen Akademie der Künste in der Buch- und Musikhandlung Sygusch vorgestellt. Die 120 Seiten starke Broschüre mit dem Titel „Stadtumbau Ost - Superumbau Hoyerswerda" erhebt dabei keinen geringeren Anspruch, als eine jahrelang geführte Fach-Debatte der Architekten, Stadtplaner, Philosophen, Wohnungsunternehmen und Kommunen in einem bemerkenswerten Umfang zusammenzufassen.
Eine anspruchsvolle Lektüre also. Um am vergangenen Donnerstag aber den Einstieg in eine öffentliche Diskussion anzuregen, stellte die Hoyerswerdaer Architektin Kirsten Böhme zunächst nur einige wesentliche Thesen der im Buch geballten Ladung Kompetenz in einer Diashow an den Anfang. Und Klaus Michael, Präsidialsekretär der Sächsischen Akademie der Künste, machte klar, warum sich die Klasse Baukunst der Akademie seit Ende der 90er Jahre wiederholt vor allem mit Hoyerswerda beschäftigt hat. „Die Stadt ist von einem Prozess betroffen, der sich momentan in ganz Deutschland abspielt: das Schrumpfen der Städte aufgrund rückläufiger Bevölkerungsentwicklung. Aber in Hoyerswerda läuft dieser Prozess in einer Klarheit und in einem Tempo ab, sodass er wie in einem Brennspiegel fokussiert ist", sagte er.
Eine schockierende Zahl nannte Kirsten Böhme: Realistische Einschätzungen nennen für Hoyerswerda eine Einwohnerzahl von nur noch 24 000 Einwohnern in der Kernstadt (ohne Ortsteile) im Jahr 2020. Gerechnet wird mit 15 000 Einwohnern in der Neustadt und 9 000 Einwohnern in der Altstadt. Mit diesen Zahlen seien die heutigen Wohnkomplexe 1 bis 5 als relativ stabil einzuschätzen. Für die Wohnkomplexe 8 bis 10 steht fest, dass sie auf längere Sicht nicht mehr existieren werden. Diese Prognose betreffe allerdings Zeiträume etwa von 2015 bis 2020.
Für viele Bürger sind diese Vorstellungen grausam. „Viele Menschen sagen: Wir haben kein Bild von der Zukunft unserer Stadt", warf die Architektin Dorit Baumeister ein. Dort solle die „Orange Box" ansetzen, die als ein Bürgerzentrum für den Stadtumbau entstehen soll (siehe auch Seite 11). Peter Biernath bemerkte, dass mit dem konsequenten Abriss für viele Menschen der Eindruck entsteht, es werden Werte und zugleich Geschichte eingestampft, vernichtet. „Es müsste mehr Möglichkeiten geben, die Umgestaltung sichtbar zu machen - und die Menschen müssten größere Mitwirkungsmöglichkeiten haben", forderte er. In diese Wunde stach auch Grit Obst vom Verein „Stadtumbau und Bürgerbeteiligung - SuBVersionen". „Die Bürger werden nicht wirklich in dem Prozess mitgenommen, haben keine wirklichen Mitbestimmungsrechte. Wen wundert´s, dass die Menschen heute sagen: Mir ist alles egal, es ist doch eh schon alles entschieden."
Das dürfe nicht passieren, sagte Klaus Michael. Dass die Stadt einen Moderator für den Prozess der Umgestaltung brauche, könnte eine Lösung sein, schlug er vor. Und Michael Köllner brachte die Idee von den Quartiermanagern ein: „Die Menschen brauchen Ansprechpartner, die für sie erreichbar sind. Kontaktpersonen, mit denen sich konkrete Veränderungen machen lassen, Dinge bewegen lassen."
Die Podiumsdiskussion, zu der auch Baubürgermeister Stefan Skora Rede und Antwort stand, war ein erster Schritt, die Bürgerdiskussion in Hoyerswerda etwas zu beleben. Die neue „Orange Box" soll diesen Prozess fortsetzen.



Sächsische Zeitung, 2. 7. 2005 (Ausgabe Hoyerswerda)

„Orange box" soll über Stadtumbau informieren
Podiumsdiskussion. Bei der Präsentation des Buches „Stadtumbau Ost - Superumbau Hoyerswerda" wurde die Entwicklung der Stadt debattiert.


Von Rainer Könen

Hoyerswerda. Es ist 120 Seiten stark, kostet 7,50 Euro, hat die ISBN-Nummer 3-934367-07-0 und ist in der Buch- und Musikhandlung der Altstadt, Friedrichsstr. 37, zu erwerben. Das von der Sächsischen Akademie der Künste und der Stadt Hoyerswerda gefertigte Buch wurde am Donnerstagabend im Rahmen einer Podiumsdiskussion vorgestellt.

Man sei ja „heute wieder unter uns", meinte einer der anwesenden Architekten, die diese Veranstaltung besuchten, in deren Verlauf die freien Architekten Kirsten Böhme, Dorit Baumeister und Thomas Gröbe gemeinsam mit Hoyerswerdas Baubürgermeister Stefan Skora und Klaus Michael, dem Präsidialsekretär der Sächsischen Akademie der Künste, über das diskutierten, was sich derzeit in vielen „ostdeutschen Städten abspielt und Hoyerswerda eine Avantgardeposition besetzt", wie das Klaus Michael fand. Der Schrumpfungsprozess, den die Stadt Hoyerswerda durchmache, den könne man in etwa mit den „Zeiten des Dreißigjährigen Krieges vergleichen".
Immer mehr Menschen kehrten der Stadt den Rücken, viele Blöcke werden abgerissen, die Stadt werde immer kleiner, so Michael. In so einer Situation kippe dann auch das Leitbild der Architekten. „Die können dann nicht mehr bauen, sondern müssen Pläne entwickeln, wie man die Gebäude abreißt", so Michael weiter. Bei diesem Prozess, wie er in Hoyerswerda in Gang gesetzt worden sei, müsse man die Bürger stärker involvieren, fand Thomas Gröbe. Aus diesen Gründen werde man eine „orange box", ein Bürgerinformationszentrum, schaffen, wo man sich künftig auch über den aktuellen Stadtumbau-Stand informieren könne, meinte Hoyerswerdas Baubürgermeister Stefan Skora. Initiatoren dieses Projektes werden die Stadtverwaltung und die „Stadtwerkstatt 15+9" sein. „Wir wollen, dass die Stadt weiterhin eine Qualität hat, die sie attraktiv für die hier Lebenden macht", meinte Dorit Baumeister. Die Einrichtung einer solchen orange box solle da mithelfen.
Ein Platz für das Informationszentrum ist schon gefunden: an der Bonhoeffer-Straße, an der Sandfläche zur Buswendeschleife. Man wolle diese orange box mit einem bipolaren Charakter versehen. An der Nahtstelle zwischen Alt- und Neustadt solle die Box in traditioneller Ziegelbauweise errichtet werden, so Thomas Gröbe. Das Material sollen, so die Vorstellung der Initiatoren, die Bürger der Stadt zusammentragen. „Wir wollen da eine Ziegelbörse einrichten", so Gröbe weiter. Start für diese Börse ist am 11. Juli. Von diesem Tag an könne man dann das Material am geplanten Standort abgeben, so Gröbe weiter. Überhaupt sollen mit der Installierung dieser orange box die Bürger enger mit dem Stadtumbau verwoben werden, erklärte Skora.
Allerdings: Im Laufe der Podiumsdiskussion mehrten sich die Stimmen, die meinten, dass „es schwer sei, viele der betroffenen Bürger für diese Sache zu gewinnen".
Aus Sicht von Klaus Michael könne man das Interesse der Betroffenen nur dadurch wecken, dass „der Umbauprozess professionell moderiert wird". Man müsse öffentliche Hearings veranstalten, um den Bürgern der Stadt die Möglichkeit zu bieten, sich zum Umbau zu artikulieren, so Michael weiter.



Sächsische Zeitung, 29. 6. 2005 (Ausgabe Hoyerswerda)

Wie in einem Brennspiegel
Neuerscheinung. Wer sich für Stadtentwicklung interessiert, kommt an dem Buch „Stadtumbau Ost – Superumbau Hoyerswerda nicht vorbei.


Von Uwe Schulz

Hoyerswerda. Es ist eines dieser typischen Low-Budget-Fachbücher unserer Zeit. Viele wollen es herausbringen, aber keiner hat das Geld dafür. Also arbeiten alle unentgeltlich, werden Texte und Fotografien honorarfrei zur Verfügung gestellt, klemmt sich irgendwann jemand mit unzähligen Stunden Freizeit dahinter, um alles zusammenzuzimmern. In diesem Fall waren es maßgeblich die mittlerweile in Dresden lebende Hoyerswerdaer Architektin Kirsten Böhme und Dr. Klaus Michael von der Sächsischen Akademie der Künste. Ausgehend von der Dokumentation von Workshops zum Stadtumbau seit 2001, ergänzt durch aktuelle Beiträge, macht die Klasse Baukunst der Akademie Vorschläge zum Stadtumbau von Hoyerswerda-Neustadt. Den Rückbau von außen nach innen findet man hier wieder und dass der Rückbau kulturalisiert werden soll. Die Forderung nach Zwischennutzungen der Abbruchflächen ist immer noch überaus interessant, findet sie doch bislang zu einem großen Teil in der Form statt, dass die entstehenden Wiesen später vielleicht einmal einer Wiederaufforstungsfläche weichen werden, wenn gar kein Haus mehr da steht. Projekte wie „Superumbau" haben Seltenheitswert, wenngleich die Masse der Hoyerswerdaer für diese Formen der Kunst augenscheinlich eh nichts übrig hatte. Doch Kunst, egal in welchem Rahmen, trifft eh immer nur den Nerv einer bestimmten Gruppe.
Das Buch ist eine Momentaufnahme – entstanden zu einer Zeit, als die Einstein-Straße 1-5 gerade so noch stand, in der Stadtpromenade noch einige Leute wohnten und im WK IX gerade mal die Schwimmhalle abgebrochen war. Die Fotos in dem Buch sind bedeutend weiter. Sie zeigen schon Zustände von 2004. Insofern ist das Buch in den Stadtumbau-Prozess integriert. Worüber gestern noch geredet wurde, ist heute teilweise schon Geschichte. Anderes wird es nie geben. Und mancher Nachwende-Stadtplaner, der in dem Buch noch zu Wort kommt, ist schon nahezu vergessen. So ist das in solch großen Debatten von dieser Dimension.

Alles im Fluss

Klar geht es um das Wollen und Nichtwollen, die ewigen Anregungen zum Bilden von Gesprächs- und Entscheidungsforen, die Frage nach dem lieben Geld, das keiner hat. Das Buch „Stadtumbau Ost - Superumbau Hoyerswerda" ist wie eine Momentaufnahme, ein Nachschlagewerk aus jener Zeit, als der Stadtumbau gerade so ins Laufen gekommen war. Für Leser in einer Zukunft, die all das genauso bewerten und mit dem jeweiligen Ist-Zustand vergleichen werden, wie heutzutage die alten Planungen von Hoyerswerda zu Rate gezogen werden. Alles im Fluss. Alles ein Prozess. Über manche Argumente wird man lächeln, andere für ihre Weitsicht bewundern. Immerhin trägt Hoyerswerda nach wie vor eine Vorreiterrrolle. Es gilt der letzte Absatz der Einleitung des Buches: „Vor allem hat die Auseinandersetzung mit der Hoyerswerdaer Neustadt gezeigt, dass der Prozess des Stadtumbaus nicht nur typisch für Hoyerswerda ist, sondern dass ihm fast alle Städte Ostdeutschlands und zahlreiche Städte der osteuropäischen Nachbarländer unterworfen sind. Die Auseinandersetzung hat auch gezeigt, dass Umbau, Rückbau und Abriss in wenigen Jahren die meisten Städte Westdeutschlands ereilen werden. In Hoyerswerda sind diese Entwicklungen wie in einem Brennspiegel vorweggenommen."
Und das in Zeiten, wo die Finanzen überaus knapp sind, Hoyerswerda bereits auf Bedarfszuweisungen spekuliert. Schön, dass es dennoch gelingt, irgendwo ein paar hundert Euro zusammenzukratzen (aus dem Stadtsäckel konnte allerdings nichts beigesteuert werden), um ein solches Buch heraus zu bringen. Schön, dass es Menschen gibt, denen es wichtig ist, es zu produzieren.
„Stadtumbau Ost – Superumbau Hoyerswerda". 120 Seiten, mit Abbildungen, Preis 7,50 Euro. ISBN 3-934367-07-0.



Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23. 6. 2005

Fahrlässige Amtsgewalt
Drei Akademien zur Rechschreibreform


Die drei Akademien der Künste in Berlin, München und Dresden haben einen Appell an die Ministerpräsidenten gerichtet. Darin protestieren sie gegen den jüngsten Beschluß der Kultusministerkonferenz (KMK), die neue Rechtschreibung an den Schulen vom 1. August an zur Pflicht zu machen (F.A.Z. vom 6. Juni): Das stelle Schüler und Lehrer vor „unlösbare Aufgaben", da die vorgesehene Fassung „noch in keinem Schulbuch vollständig dargestellt" sei: „Die Lehrkäfte dürfen nicht gezwungen werden, als falsch zu werten, was eigentlich richtig ist und nach wie vor in Zeitungen und Büchern gedruckt wird." Vor der heutigen Ministerpräsidentenkonferenz, die den KMK-Bschluß berät, fordern die Akademien im wesentlichen eine Rückkehrzur bewährten Rechtschreibung. Dies entspreche auch den bisherigen Ergebnissen des Rechtschreibrats, der in den Bereichen, über die er bereits diskutieren konnte - der Getrennt- und Zusammenschreibung, der Silbentrennung und der zeichensetzung - für eine weitgehende Rücknahme der Reform plädierte. Das übrige sei aber keineswegs „unstrittig", wie die KMK behaupte: Solange die Reform der Reform nicht vollzogen sei, wäre es „in hohem Maße fahrlässig, Partiallösungen mit Amtsgewalt zu fixieren". Werden die Landeschefs heute ihre letzte Chance ergreifen, der KMK in den Arm zu fallen und so den Weg zu einer einheitlichen Rechtschreibung zu eröffnen?




Berliner Zeitung (online), 22. 6. 2005

Wier schraiben jetz frei nahch Schnautze

Von Torsten Harmsen

Mehrere deutsche Akademien verlangen in einer Erklärung, die geplante Einführung der neuen Rechtschreibung zu stoppen. Zu ihnen gehören die Akademien der Künste in Berlin, Bayern und Sachsen. Dasselbe fordern etwa sechzig deutsche Rechtswissenschaftler.
Sie tun recht daran, ihre Stimme zu erheben. Denn die Kultusminister bringen mit ihrem Beschluss, Teile der Reform vom 1. August an notenwirksam werden zu lassen, Schüler und Lehrer in eine unerträgliche Lage. Die neue Rechtschreibung, so erklären die Akademien, liege in zwei Fassungen vor - von 1996 und 2004. Die letzte sei in noch keinem Schulbuch vollständig dargestellt. Und jene Bereiche, die die Kultusminister eigenmächtig für unstrittig erklärt hätten, seien nie wirklich unstrittig gewesen.
Die Juristen wiederum sehen es als rechtlich äußerst problematisch an, dass Schüler verpflichtet werden, „grammatikalisch und sprachlogisch falsche Schreibweisen" zu erlernen (Beispiele: gestern Abend, Pleite gehen, zu Eigen machen), während korrekte Schreibweisen als Fehler gewertet werden. „Rechtsstaatlich höchst bedenklich" finden sie, dass für Schüler und Lehrer häufig unklar bleibt, was als richtig oder falsch gilt.
Die Adressaten der Erklärungen sind die Ministerpräsidenten, die am Donnerstag tagen. Sie sollen die Einführung der Reform stoppen. Bereits in der vergangenen Woche hatte sich Hans Zehetmair, der Chef des Ende 2004 ins Leben gerufenen Rechtschreibrates, für ein Moratorium ausgesprochen. Solange der Rat nicht die gesamte neue Rechtschreibung überprüft und einen Konsens gefunden hat, sollte kein Teil in Kraft treten. Die Politik schreibt sonst die Zersplitterung der Sprachgemeinschaft fest und tut damit genau das Gegenteil von dem, was mit der Einsetzung des Rates erreichen werden sollte: die Wiederherstellung des „Rechtschreibfriedens".
Was soll man nun angesichts des politischen Versagens tun? Was soll man machen als Erziehungsberechtigter zweier Schulkinder, wenn diese künftig miese Noten erhalten für das, was man selber schreibt? Muss man den Mund halten, um den Schulfrieden nicht zu gefährden, auch wenn man sich immer noch „schneuzt, wenn es not tut", während sie sich „schnäuzen, wenn es Not tut"? Obwohl man noch immer Stengel schreibt statt Stängel, Tip statt Tipp, bankrott gehen statt Bankrott gehen? Was soll man tun, wenn keine allgemeinen Regeln mehr gelten?
Ach, lassen wir doch alles sausen und schreiben einfach wieder wie Goethes Mutter - frei nach Schnauze: Ich trage ales mit Gedult und warte auf beßre Zeyten.



Dresdner Neueste Nachrichten, 22. Juni 2005

Akademisches Bewahren, sokratisches Suchen

Von Michael Bartsch

Bekanntlich hat sich Nennenswertes nur dann tatsächlich ereignet, wenn es auch in einem Bericht auftaucht. So gesehen lässt allein schon das 371 Seiten starke Jahrbuch der Sächsischen Akademie der Künste für die vergangenen beiden Jahre auf beachtliche Aktivitäten schließen. Und das bei einem Jahresbudget von knapp 200.000 Euro, etwa 169.000 davon aus dem Landeshaushalt. „Es ist eigentlich ein Wunder, was wir damit an Breite und Intensität möglich gemacht haben", lobte Präsident Prof. Ingo Zimmermann bei der Vorstellung des Jahresberichtes den effektiven Mitteleinsatz. Dank der SPD-CDU-Koalitionsvereinbarung soll der staatliche Zuschuss nun um 50.000 Euro jährlich steigen. Zimmermann hofft, dass es angesichts der jüngsten Sparauflagen aus dem Finanzministerium auch dazu kommt.
Partnerschaften tragen zu dieser Sparsamkeit entscheidend bei. Voran die mit der Landesstiftung Natur und Umwelt, die gleichfalls im Dresdner Blockhaus ihr Domizil hat. „Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen, und haben sich, eh man es denkt, gefunden." So sprach Goethe und musste wohl die Zusammenarbeit beider Institutionen gemeint haben. Der Besuch der gemeinsamen Veranstaltungen, so etwa das Symposium „Musik und Natur" letzten September, hätte alle Erwartungen übertroffen, sagte Zimmermann. Die vier damit verknüpften Ausstellungen werden jetzt im Umweltforschungszentrum Leipzig/Halle gezeigt.
Auch hinsichtlich der Resonanz auf die anderen öffentlichen Reihen im Dresdner Blockhaus zeigte sich der Präsident zufrieden. Das gilt insbesondere für die diskussionsfreudigen Auftritte namhafter Komponisten und Regisseure, die zur „Zukunft der Oper" sprachen. Von den auswärtigen Tagungen verdient die der Klasse Baukunst im April 2003 besondere Beachtung. Mit ihrem Thema der Baukultur vor dem Hintergrund schrumpfender Städte korrespondiert eine jetzt erschienene Dokumentation früherer Tagungen in Hoyerswerda. Ihr verwandt ist ein zweisprachiger Bericht über eine Tagung in Brünn zur „Tradition und Zukunft der Moderne" in Architektur und Städtebau.
Dass man nicht nur „Repräsentationskörperschaft der in ihr vertretenen Kunstsparten" sein will, wie Ingo Zimmermann im Vorwort zum Jahrbuch schreibt, zeigen die zahlreichen aktuellen Einmischungsversuche in innere und äußere Angelegenheiten unseres Landes. Sie reichen von Dresdner Lokalproblemen wie die Waldschlösschenbrücke oder Kulturkürzungen über die Sorge um das Kulturaumgesetz des Freistaates oder um das Künstlerhaus Schloss Wiepersdorf bis hin zum Irak-Krieg. Nicht zu vergessen den Dauerbrenner Rechtschreibreform, wo insbesondere Vizepräsident Friedrich Dieckmann gegen die „Absurditäten" der „unter den Auspizien des absoluten Staates" verordneten sogenannten Reform polemisierte. Die Akademie sieht auch den durch die Kultusminister freigegebenen Teil der Rechtschreibreform kritisch. Die einheitliche deutsche Orthographie lasse sich nicht durch einen überstürzten Administrationsakt wiederherstellen.
Auch auf der am Wochenende in Leipzig abgehaltenen Jahrestagung hat sich die Akademie bei weitem nicht nur als Bewahrerin der Künste im mitteldeutschen - also einst kursächsischen Raum erwiesen. Ausgehend von Wagners Aufforderung „Kinder, macht Neues!" befasste man sich mit Fragen der Innovation in der Kunst. So weitgehend, dass man sich mit Hilfe von Biologen die Frage stellte, ob es überhaupt Neues an sich geben könne oder vielmehr nur ein Vordringen zu bereits Angelegtem in der Schöpfung, will heißen zu neuen Kombinationen bekannter Muster in Sprache, Musik und bildender Kunst. Die Akademie der Künste wollte sich hierin weniger akademisch geben als vielmehr der sokratischen Methode des Suchens und Infragestellens folgen. Als Aufbruch kann man auch die personellen Veränderungen vom Wochenende interpretieren. Bei den Sekretären der fünf Klassen sind nun mit Jutta Penndorf (Bildende Kunst) und Annette Jahns (Darstellende Kunst) erstmals zwei weibliche Gesichter zu begrüßen.
Eher retrospektiv wird sich die Akademie der Künste im kommenden Jahr zum 800. Dresdner Stadtjubiläum zeigen. Das Kolloquium nach dem Festakt vom 31.März trägt den Titel „Anverwandlung und Eigentümlichkeit". Es verweist auf die zahlreichen auswärtigen Einflüsse auf Dresden, etwa den italienischen oder den schlesischen, die nicht im Widerspruch zur Unverwechselbarkeit der Stadt stehen müssen. Bleibt zu erwähnen, dass man im kommenden Jahr neben dem Hans-Theo-Richter-Preis erstmals auch einen Novalis-Preis für Literatur stiften will. Das blaue Mauerblümchen der Romantik rückte so wieder an einen zentraleren Platz.



Sächsische Zeitung, 21. 6. 2005

Wenig Mittel, aber ein ansehnlicher Effekt
Die Sächsische Akademie der Künste setzt auf engagierte Partner.


Von Karin Großmann

Ingo Zimmermann, am Wochenende als Präsident der Sächsischen Akademie der Künste wiedergewählt, begräbt einen Traum. Die Idee, dass sich diese Akademie zuständig fühlen sollte für den gesamten Kulturraum Mitteldeutschland, bleibt utopisch. Künstler aus Thüringen und Sachsen-Anhalt dürfen sich zwar gern einbezogen fühlen – aber von dortigen Finanzministern ist nichts zu holen. Zimmermann hofft, dass zumindest das Land Sachsen den anhaltend schmalen Jahresetat von knapp 165 000 Euro auf 227 000 Euro aufstockt – „auch wenn wir gelernt haben, mit wenig Mitteln relativ viel zu leisten", sagte Zimmermann gestern beim Pressegespräch.
Als Erfolgsgeheimnis bezeichnete er die Kooperation mit engagierten Partnern. Ohne sie wäre etwa die Redenreihe „Zur Zukunft der Oper", das Projekt „Die Elemente 2004" mit Poetikvorlesungen und Ausstellungen oder eine Diskussi onsrunde deutscher und polnischer Literaten kaum möglich geworden.
Auch künftig will die Akademie kulturelle Brücken in die neuen EU-Mitgliedsstaaten bauen. Eine nächste Reden-Reihe gilt der Zukunft des Schauspiels. Das Projekt „Dresdner Mimesis" beleuchtet Nachahmungen der Natur durch die Künste. Die Landesstiftung Umwelt will sich dafür ebenso engagieren wie für einen Literaturpreis, der erstmals 2006 vergeben und nach Novalis benannt werden soll, Wissenschaftler und Dichter.
Zur 800-Jahrfeier von Dresden veranstaltet die Akademie das Kolloquium „Dresden als europäische Kunststadt". Das Bewahren, so Ingo Zimmermann, gehört zur Aufgabe der Akademie ebenso wie der Streit um Innovationen.



Dresdner Neueste Nachrichten, 21. 6. 2005

Sächsische Akademie der Künste will Brücken nach Osteuropa bauen Dresden

(dpa) Die Sächsische Akademie der Künste will in den einzelnen Klassen kulturelle Brücken in die neuen EU-Mitgliedsländer bauen. „In den meisten Bereichen gibt es dort die gleichen Probleme wie hier", sagte Präsident Ingo Zimmermann am Montag in Dresden. Die Klassen Literatur sowie Baukunst hätten bereits mit Hilfe der Goethe- Institute erste Tagungen im Ausland abgehalten. Andere Klassen würden in den nächsten Monaten nachziehen. „Wir hoffen, dass wir die dazu notwendigen 227 000 Euro Etat für 2005 bekommen."
Der Theologe und Schriftsteller wurde am Wochenende von der Mitgliederversammlung für weitere drei Jahre als Präsident bestätigt. Neuer Vizepräsident ist der früherer Intendant des Staatsschauspiels Dresden, Dieter Görne. Für die Klassen Bildende sowie Darstellende Kunst wurden die Direktorin des Altenburger Lindenau-Museums, Jutta Penndorf, sowie die Sängerin und Regisseurin Annette Jahns zu Sekretären gewählt. Zudem wurden zehn neue Ordentliche Mitglieder berufen.
Die Akademie denkt laut Zimmermann mit der Landesstiftung Umwelt über die Vergabe eines Novalis-Preises für Literatur im Dienste der Umwelt nach. „Wir hoffen, dass wir ihn erstmals zu unserem zehnjährigen Bestehen im nächsten Jahr verleihen können." Bislang verleiht die Akademie einen mit 20 000 Euro dotierten Kunstpreis. Der 1996 gegründeten jüngsten Mehrklassen-Kunstakademie Deutschlands gehören in den fünf Klassen Baukunst, Bildende Kunst, Darstellende Kunst und Film, Literatur und Musik knapp 140 Mitglieder an.
Wegen des knappen Etats könne die Akademie Programme und Projekte nur mit Hilfe von Partnern und Kooperationen realisieren, sagte Zimmermann. „Wir sind für schwere Zeiten gerüstet und unsere Existenz ist nicht gefährdet, weil wir gelernt haben, mit wenig Mitteln relativ viel zu leisten." Besitzstände könnten nur erhalten werden, wenn man bereit sei, sie zu ändern und an die jeweiligen Erfordernisse anzupassen. „Letztlich zählt nicht, was man im Geldbeutel hat, sondern was man daraus macht." Es zählten Geist und Bereitschaft, Dinge anzugehen.



Dresdner Neueste Nachrichten, 1. 6. 2005

Von der Provokation zur Inspiration

Von Katrin Ulbricht

Unpraktisch und viel zu klein sei das neue Haus der Akademie der Künste an historischer Stelle gleich neben dem Brandenburger Tor in Berlin. Und dennoch sei es Liebe auf den ersten Blick gewesen, verriet ihr Präsident Adolf Muschg in einem Rundfunkinterview. Der Neubau ist nicht nur Herberge der Kunst, sondern selbst eine. „Das Haus ist eine Inspiration", meint der Schweizer Schriftsteller. Entworfen wurde das Gebäude mit der umstrittenen Fassade vom Architekten Günter Behnisch.
Wer sich davon inspirieren lassen will, muss nicht erst nach Berlin reisen. Die Sächsische Akademie der Künste präsentiert derzeit gemeinsam mit der Sächsischen Landesstiftung Natur und Umwelt Arbeiten des Architekturbüros Behnisch & Partner im Blockhaus Dresden. Es ist bereits die zweite Ausstellung der Reihe „Baukunst und Umwelt", in der europäische Architektenpersönlichkeiten und Mitglieder der Klasse Baukunst der Sächsischen Kunstakademie vorgestellt werden.
Zehn Projekte werden auf großformatigen Tafeln ausführlich beschrieben und mit Fotos und Grundrissen dokumentiert. Die Palette reicht vom Olympiapark in München bis zum weniger spektakulären Gebäude des Europäischen Berufsbildungswerks in Bitburg. Mit dem Entwurf der olympischen Anlagen erreichte Professor Günter Behnisch (Jahrgang 1922) seinen internationalen Durchbruch. Die gewagte Zeltdachkonstruktion des Olympiastadions war bis dahin ohne Beispiel. Heute gehören kühne Dachkonstruktionen beinahe zum Standard namhafter Architekten. Auch seine Geburtsstadt Dresden profitiert davon: Das Membrandach des Hauptbahnhofes (Architekt: Norman Foster) wird auch nach der Fertigstellung genauso aufmerksame Blicke auf sich ziehen wie die Überdachung des Kleinen Schlosshofes (Architekt: Peter Kulka).
Wie sich Baukunst und Umwelt vereinbaren lassen, zeigen die baulichen Akzente, die Behnisch nicht nur in Dresden setzte. Das wie ein Band geschwungene Mildred-Scheel-Haus der Universitätsklinik, die Badehalle im Kurmittelhaus Bad Elster oder der ehemalige Plenarbereich des Deutschen Bundestages in Bonn haben eines gemeinsam: Es dominiert die Farbe Grün. Nicht unbedingt in der Bausubstanz und auch nicht in der Inneneinrichtung. Da bestimmen Farbigkeit, Licht und Transparenz die Atmosphäre. Aber wo immer es möglich ist, geht der Blick ins Grüne. Von den Zimmern der Kinderkrebsstation schaut man unweigerlich in den dicht bepflanzten Garten mit seinen Wasserspielen. Die Badehalle des Kurortes gibt den Blick frei auf die Wälder des Vogtlandes. Wo keine Aussicht in die Landschaft realisierbar ist, wird die Natur in die Weite eines großzügig gestalteten Atriums geholt.
Anhand der unkompliziert geschriebenen Begleittexte erfährt der Ausstellungsbesucher Beweggründe für oder gegen einen Neubau, wie notwendige technische Anlagen in die Architektur eines Hauses eingebunden wurden oder warum ein moderner Bibliotheksbau nicht in einer historischen Innenstadt errichtet wurde. Allerdings würden Modelle oder andere griffige Darstellungsformen die Ausstellung auflockern. Schade nur, dass die vielen Passanten achtlos am Blockhaus vorbeieilen, weil nichts auf diese interessante Schau hinweist. An der Nahtstelle zwischen barocker Altstadt und architektonischem Aufbruch auf Neustädter Seite vergibt man sich die Gelegenheit, wenigstens indirekt das Gespräch mit dem Architekten anzubieten. Denn in Dresden wie in Berlin zeigt sich: Was für den Architekten Inspiration, ist für manch andere Provokation.



Die Welt, 19. 4. 2005

„Heimat" klingt in Polen besser als in Deutschland
Autoren beider Länder trafen sich in Breslau


Von Gerhard Gnauck

Als Uwe Johnson sein erstes Romanmanuskript vorlegte, war ihm wenig Glück beschieden. „Ingrid Babendererde" wurde zurückgewiesen: Zuviel Heimat, Landschaft, Bodenständigkeit. Der Suhrkamp-Verlag sah in dem Werk, das vom Zusammenstoß Mecklenburgs, wo der Autor im Krisenjahr 1953 lebte, mit dem Stalinismus handelt, „fatale Anklänge" an die Blut-und-Boden-Ideologie. Erst 1985, nach dem Tod Johnsons, wurde der Roman als letzter dieses Schriftstellers veröffentlicht. Dieses gern zitierte Beispiel steht für den schwierigen Umgang mit Heimat und Region.
Der Fall Suhrkamp/Johnson kam am Wochenende auf einer Autorentagung im polnischen Breslau zur Sprache. Die Sächsische Akademie der Künste und das Willy-Brandt-Zentrum der Universität Wroclaw hatten sie in Schlesien angesetzt, wo sich das überlieferte deutsche und das neue polnische Heimatbewußtsein verschränken. Wo liegen also Rolle und Zukunft literarischer Regionen in Europa?
Die deutsche Antwort fiel nüchtern aus. Der Publizist Friedrich Dieckmann verwies den Begriff „Region" in das Gatter der Wirtschaftsplanung und Tourismusförderung. Von dort ist es nicht weit zum Konzept der Kompensation wirtschaftlichen Niedergangs durch kulturelle „Leuchttürme", mit denen etwa das Ruhrgebiet wirbt. Doch daß die Verbundenheit mit einer Region Sinn, Kraft oder einfach Freude spenden könne, mochte niemand der deutschen Gäste aussprechen. Selbst der Begriff „Heimat", so der Germanist Walter Schmitz, werde Untersuchungen zufolge in Deutschland „umkodiert" und weniger regional, mehr und mehr als Gesamtheit von Freunden und Bekannten verstanden.
Tatsächlich? Hat es die „Heimat"-Filme aus dem Hunsrück nicht gegeben, nicht die vielen Masuren- und Schlesien-Romane? Oder sind wir anno 2005 am Ende dieses Kapitels angelangt? Die überbesetzten Podien im Breslauer Rathaus kamen nicht dazu, zu diskutieren. Doch wenigstens die Konfrontation mit der polnischen Sicht war fruchtbar. Autoren, die sich auch mit der Aneignung deutscher Kultur und Geschichte einen Namen gemacht haben, lasen aus ihren Werken (Olga Tokarczuk, Artur D. Liskowacki, Tomasz Rozycki). Die Einreihung des Erbes der Deutschen in die eigene Traditionslinie nimmt inzwischen völlig unbekümmerte Formen an. Offenbar hat die in den Hauptstädten geführte deutsch-polnische Debatte über ein „Zentrum gegen Vertreibungen" oder wechselseitige Entschädigungen die kulturelle Zusammenarbeit und Amalgamierung an der Basis kaum beeinträchtigt.
Höhepunkt der Begegnungen war der improvisierte Auftritt des Schriftstellers Marek Nowakowski. Er hatte zur Lesung das falsche Buch mitgebracht und war so gezwungen, darzulegen, warum er in seinem „Realismus der Peripherie" so gerne Randmilieus skizzierte: „In der Volksrepublik Polen war das Zentrum der Sozialismus. Die Peripherie war ein Ort der Erinnerung und der Freiheit." Heute ist nicht mehr der Staat die Bedrohung, sondern die Kultur der Globalisierung, deren Durchmarsch die örtliche Kultur herausfordere und ins Museum abzudrängen drohe, warnte ein polnischer Philologe: „Sie ist nicht oppressiv, aber sehr expansiv. Jahr für Jahr eröffnet sie neue Kioske."



Sächsische Zeitung, 19. April 2005

Das W im Wappen und die Forelle in Mandeln
Deutsche und polnische Dichter diskutieren über Regionales, Ost und West


Von Gundula Sell

Breslau? Wroc³aw? Das W im Wappen steht seit 1530 für Wratislavia, und die Stadt an der Oder macht einen lebendigen und jungen Eindruck, der zu Grenzüberschreitungen geradezu einlädt. Im barocken Oratorium Marianum der Universität und im gotischen Rathaus trafen sich am Wochenende deutsche und polnische Schriftsteller, Literaturwissenschaftler und Redakteure von Literaturzeitschriften. Sie kamen auf Einladung der Sächsischen Akademie der Künste und des Willy-Brandt-Zentrums der Breslauer Universität (sowie etlicher Partner und Förderer von beiderseits der Grenze) und diskutierten über die Frage: „Was ist Osten, was ist Westen? Rolle und Zukunft literarischer Regionen".
Für polnische Autoren waren die neunziger Jahre eine Wiederentdeckung des Regionalen in der Literatur, nachdem der sozialistische Zentralismus vom Tisch gefegt worden war. Regionen wurden Thema der Literatur und Ort literarischen Lebens. Zeitschriften, die sich aus vorhandenen offiziellen oder im Samisdat verlegten entwickelten, bilden Kristallisationskerne, wie „Odra" in Breslau. Die Literatur- und Kultur-Zeitschriften und die Autoren der mittleren Generation befassen sich nun sehr differenziert mit zuvor verschwiegenen Schichten der Geschichte, wie Artur Liskowacki aus Stettin (Szczecin) oder die Zeitschrift „Ziemia K³odzka" (Glatzer Land).

Heimat – ein heikles Thema

Robert Traba, Chefredakteur der in Allenstein (Olsztyn) erscheinenden „Borussia", nannte diese Tendenz eine „Anreicherung des polnischen kulturellen Kanons mit dem Wiedererkennen des Andersseins". Diese so früher undenkbare, erfreulich unaufgeregte Diskussion spiegelte sich ganz sinnfällig darin, dass im Foyer des Breslauer Rathauses zwischen den deutschen und polnischen Dichtern Marmorbüsten großer Söhne und Töchter der Stadt stehen, ungeachtet der Nationalität. Die Selbstverständlichkeit des Andersseins zeigte sich auch in den Texten, die gelesen wurden, wie von Christoph Hein aus seinem jüngsten Roman „Landnahme" oder Friedrich Dieckmanns Gedicht „Schlesisches Himmelreich" mit einem traurigen Schutzengel.
Man war sich einig darin, dass Region ein heikles Thema sein kann, auch genannt „Heimat", „Landschaft" oder „Provinz", Letztere mit dem Beiwort „literarische" veredelt. Sie allein macht keine Literatur und kann zu Enge führen. Dass dem nicht so sein muss, sondern aus dem Bezug zum konkreten Ort Allgemeingültiges entstehen kann, bewies etwa Olga Tokarczuk mit einer sacht ironischen Erzählung, in der eine Kleinstadt sich auf einmal als genau so erwies, wie sie sie zuvor geschildert hatte, mit Weihnachtskrippe und Forelle in Mandeln. Beeindruckend der literarische Reichtum, der sich aus verschiedenen polnischen Gegenden erhob mit den Stimmen der Dichter Jakub Ekier, Mariusz Grzebalski, Ewa Lipska und Tomasz Ró¿ycki, der Prosaautoren Marek Nowakowski und Henryk Waniek.

Blick rückt ins Weite

Die deutschen Sichten auf das Thema der Tagung erwiesen sich als verzweigt. Zumal neben den Mitgliedern der Klasse Literatur eigens einige Autoren aus Breslaus Partnerstadt Dresden – Jörg Bernig, Norbert Weiß, Michael Wüstefeld – angereist waren und in ihren Texten fruchtbare lokale Verwurzelung demonstrierten. Andererseits gehören zur Akademie-Klasse Literatur neben Dichtern und Literaturwissenschaftlern wie Volker Braun, Peter Gosse, Bernd Leistner, Richard Pietraß Autoren, die zwar mit Sachsen verbunden, aber nicht alle Deutsche sind. Es stellten sich die Sorben Ró¸a Doma¨cyna und Kito Lorenc, der Pole Ryszard Krynicki, der Ungar György Dalos und der Franzose Alain Lance vor. So rückte der Blick ins Weite und erfasste die andere Hälfte des Themas: Ost und West. Dieses, bezogen nicht nur auf Deutschland, sondern auf Europa, fasste Christoph Hein in die Formel: „Der Westen ruht in sich, der Osten sehnt sich".
Przemys³aw Czapliñski, Literaturprofessor in Posen (Poznañ) warnte vor der schleichenden Zerstörung regionaler Identität durch Globalisierung und Freiluftmusealisierung – eine Gefahr, die letztlich den Osten wie den Westen bedroht.



Dresdner Morgenpost, 8. April 2005

Friedrich-Wilhelm Junge über die „Weber"-Inszenierung am Staatsschauspiel: „Ein Etikettenschwindel hat hier stattgefunden"

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Dresden – Was darf die Kunst und was nicht? Aktuell geworden ist diese uralte Frage zuletzt in der Auseinandersetzung um Volker Löschs Inszenierung von Hauptmanns „Die Weber". Für die Sächsische Akademie der Künste Anlaß, gemeinsam mit dem Staatsschauspiel am Sonntag, nach der Aufführung der „Dresdner Weber", eine Diskussionsveranstaltung anzusetzen. Thema: „Was heißt Freiheit der Kunst?" Der geladene ehemalige Brettl-Chef Friedrich-Wilhelm Junge mußte seine Teilnahme an der Diskussion zwar kurzfristig absagen, nimmt aber im Morgenpost-Interview Stellung.

Herr Junge, Sie haben die Auseinandersetzungen um „Die Weber" verfolgt. Haben Sie das Stück auch gesehen?

Friedrich-Wilhelm Junge: Ja.

Der Theaterverlag Felix Bloch Erben hat eine einstweilige Verfügung gegen die Inszenierung durchgesetzt, weil er das Urheberrecht verletzt sieht. In der Tat ist der Originaltext stark verändert worden. Viel Text wurde gestrichen, dafür neuer hinzugefügt. Darf das die Kunst?

Ich halte es für zwingend notwendig, daß es den Urheberrechtsschutz für geistiges Eigentum gibt. Daher bin ich im Kern gegen dieses Vorgehen. Ein Etikettenschwindel hat hier stattgefunden: Angekündigt wurden „Die Weber" von Gerhart Hauptmann. Gesehen habe ich ein anderes Stück.

Die Theaterleute, Intendant wie Regisseur, berufen sich auf das Recht des Theaters, Stoffe neuen Zeitströmungen anzupassen und fortzuschreiben.

Was für ein Recht soll das sein? Wenn einer der Meinung ist, daß es ein aktuelles gesellschaftliches Problem gibt, das auf der Bühne dargestellt werden muß, dann soll er ein Stück schreiben. Oder seine Fantasie anstrengen und an einem vorhandenen Text herausarbeiten, was ihm wichtig ist. Wenn ihm dazu nichts einfällt, muß er sich ein anderes Stück suchen. Ein Werk der Weltliteratur zu zertrümmern, um auf den Ruinen eine eigene Hütte zu bauen, empfinde ich als fantasielos und anmaßend.

Im Regietheater ist das eine übliche Praxis.

Es gibt auf vielen Bühnen zunehmend die Tendenz, dem Zuschauer auf moralisierende Weise die Welt zu erklären. Das ist nicht die Aufgabe des Theaters.

Was ist falsch daran, wenn das Theater gesellschaftliche Probleme wie Massenarbeitslosigkeit oder Rechtsextremismus aufgreift und erklärt?

Es ist durch die Brust ins Auge geschossen. Wir müssen doch nicht ins Theater gehen, um zu erfahren, wie das Leben ist. Wir wissen, wie diese Dinge entstehen. Das ist unser Alltag.

Wenn sich das Theater darum nicht mehr kümmern soll, verliert es dann nicht seine Bedeutung für die Gesellschaft?

Ich sage nicht, daß Gesellschaftspolitisches für das Theater tabu sein soll. Ich wende mich nur gegen diese Form des Agitationstheaters, das den Zuschauern seine Art der Weltinterpretation verkündet. Es ist mir zu platt. Ich erinnere daran, wie wir in der DDR Theater gemacht haben. Da haben wir vor dem Hintergrund gesellschaftspolitischer Probleme Klassikertexte so inszeniert, daß die Zuschauer im Saal sehr wohl verstanden haben, um was es uns ging. Und nicht ein Wort wurde dabei verändert.




Dresdner Neueste Nachrichten, 24. März 2005

Pegasus in der Waschküche
Friedrich Dieckmann las über „den jungen Mann Schiller"


Bruno Jordan

Der Schauplatz konnte inspirierter kaum sein: Im Blockhaus am Elbufer, Sitz der Sächsischen Akademie der Künste, stellte der in Dresden aufgewachsene, heute in Berlin lebende Schriftsteller Friedrich Dieckmann am Dienstag sein Buch ",Diesen Kuß der ganzen Welt!" Der junge Mann Schiller" vor. Wenige Meter entfernt, im Park des heutigen Hotels Bellevue, erinnert ein kleines Denkmal an den Ort, wo Gottfried Körner und sein Freundeskreis Friedrich Schiller 1785 nach abenteuerlicher Flucht aus dem Westen und Jahren der Unbehaustheit gastfreundlich aufgenommen hatten.
Körners Dresden-Neustädter Haus existiert heute nicht mehr, wohl aber sein Haus und Pavillon im Weinberg in Loschwitz, die in wenigen Wochen wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden; alles Schauplätze, die Dieckmann in seinem Buch lebendig werden lässt. Schillers Dresdner Jahre bis 1787 machen einen Großteil des Buches aus. Dieses ist in seiner Mischung aus biografischer und historischer Detailsammlung, genauer Personenzeichnung und gedankenreicher Verknüpfung mit dem Werk Schillers so unterhaltsam wie erhellend.
Dieckmann lässt die Epoche seines Helden förmlich miterleben, mit all der Enge, aus der das Werk des Klassikers wachsen musste, von Herzog Karl Eugens militärischer Pflanzschule in Stuttgart bis zum bigotten Dresdner Hof und seinen duckmäuserischen Untertanen. Um so strahlender hebt sich Schillers Freundeskreis ab, der den Dichter nicht nur zu "Don Carlos", der Zeitschrift "Thalia" und anderem, sondern auch zur Ode "An die Freude" inspiriert hat. Dieckmann weist anhand von Indizien überzeugend nach, dass sie in Loschwitz statt in Leipzig entstanden sein muss.
Der Kunstgriff des Biografen besteht darin, nicht nur die Ergebnisse seiner Recherchen auszubreiten, sondern auch einen vielstimmigen Chor von Zeitgenossen heranzuzitieren. Schiller erscheint nicht auf einem Denkmalssockel, sondern als Mensch mit Stärken und Schwächen. Dieckmann wehrt auch den Vorwurf ab, Schiller habe Pathos, aber keinen Humor gehabt. Nicht zuletzt an einem Spottgedicht Schillers auf seine Arbeitsbedingungen zeigt er, wie der Dichter in schönster Selbstironie beides verbindet: "Die Wäsche klatscht vor meiner Tür, / es scharrt die Kammerzofe / und mich mich ruft das Flügeltier / nach König Philipps Hofe." Der Pegasus in der Waschküche hat nicht verhindert, ja, vielleicht sogar dazu beigetragen, dass Schiller sich in der universalen Häuslichkeit seiner Dresdner Freunde "angekommen wie noch nie in seinem Leben" fühlt, wie Dieckmann schreibt. Kein Wunder, nach Jahren, in denen Gläubiger und gebrochene Mädchenherzen seinen Weg säumten.
Dieckmann schreibt sein Buch insbesondere auch für junge Leute, die sich in Schillers Aufbruch und Idealismus wiedererkennen und bestärkt fühlen mögen. Seine Sprache lehnt sich aber eher an die Schillers als an die der Generation der Coolness an, was ein hochzuschätzender Vorzug des Buches ist. Ein weiterer sind die zeitgenössischen Abbildungen, darunter eine Art Comic, die Schiller und der gemeinsame Freund Huber für Körner verfassten, die zur Lebendigkeit des Werkes beitragen.



Sächsische Zeitung 24.3.2005

Es scharrt die Küchenzofe
Friedrich Dieckmann schreibt über Schillers Jahre in Dresden.


Wolfgang David

"Der junge Mann Schiller", untertitelt der Berliner Kritiker und Essayist Friedrich Dieckmann sein Schillerbuch, was tautologisch klingt. Goethe ist uns in jedem Lebensalter gegenwärtig, Schiller als Mittvierziger zu denken, fällt schwerer. Er ist, daran haben Generationen von Schulmeistern gearbeitet, personifizierte Jugendlichkeit.

Rund die Hälfte des Werkes, aus dem Dieckmann am Dienstag auf Einladung der Sächsischen Akademie der Künste las, handelt von Schillers Zeit in Dresden. Fast zwei Jahre war er Gast der Familie Körner. Die Stelle, an der ihr Haus stand, ist einige Minuten Fußweg vom Blockhaus, dem Veranstaltungsort, entfernt. Das Buch bestätigt, woran Akademiepräsident Ingo Zimmermann zufolge überzeugte Dresdner nie zweifelten: dass Schillers Aufenthalt in der kursächsischen Metropole mehr war als die Vorbereitung auf Weimar.

Dieckmann ist nicht darauf aus, mit einem eigenen Schillerbild aufzutrumpfen. Klischees wie das von Schillers Humorlosigkeit, korrigiert er, indem er die Fakten sprechen lässt. Ein Beispiel: Das Zimmer, in dem der Schwabe am "Karlos" arbeitet, grenzt an eine Waschküche, aus der heraus störende Geräusche dringen. Darauf bedacht, sich Ruhe zu verschaffen, ohne seine Gastgeber zu verärgern, dichtet der 26-Jährige eine Petition, in der sich ein "niedergeschlagener Trauerspieldichter" an die Hausfrau wendet: "Die Wäsche klatscht vor meiner Tür/es scharrt die Küchenzofe/ und mich, mich ruft das Flügeltier/nach König Philipps Hofe." Doch Klagen, ahnt er, genügt nicht, deshalb gibt er vor, eine Liebesszene zu Papier bringen zu wollen: "Schon ruft das schöne Weib Triumph/schon hör ich Tod und Hölle!/Was hör ich? einen nassen Strumpf/geworfen in die Welle."

Mit dem Stereotyp vom unpraktischen, "idealistischen" Schiller räumt das Buch ebenfalls auf. Ein Brief, in dem er bei einer Leipziger Bekannten Stoff für einen Frack ordert und vorschlägt, ihr im Gegenzug Garn und Schmalz zu besorgen, erinnert in seiner Detailfreudigkeit an die Bestellliste eines Schwarzmarkthändlers.

Das Rätsel ist gelöst

Beeindruckend, wie Dieckmann nicht nur sein Wissen mit dem Leser teilt, sondern auch seine Fragen. Dass Schiller, vom linkselbischen Meißen kommend, Dresden zuerst in der rechtselbischen "Neustatt" betreten haben will, lässt ihm keine Ruhe. Einem Zuhörer ist bekannt, dass in Meißen eine Holzbrücke über den Fluss führte. Der Autor, sein noch druckfeuchtes Buch in der Hand, hätte davon vermutlich gern ein paar Wochen früher gehört. Doch Ärger merkt man ihm nicht an. Das Rätsel ist gelöst; nur das scheint zu zählen.

Friedrich Dieckmann: Diesen Kuß der ganzen Welt!, Der junge Mann Schiller. Insel Verlag, 450 S., 22,90 Euro



Sächsische Zeitung 17. März 2005

Warten auf Daphne, Minetti und die Jelinek
Wieland Förster stiftet Dresden 58 plastische Arbeiten und veröffentlicht das Buch "Im Atelier abgefragt"


Birgit Grimm

Die Redner fassten sich kurz, obwohl der Anlass einen Festvortrag gerechtfertigt hätte. Statt Blumen und einer großartigen Laudatio gab es am Dienstagabend im Dresdner Residenzschloss Musik und einen Film. Michael Trabitzsch hatte 1992 den „Stillen Rebellen" Wieland Förster porträtiert und damit auch eine gültige und würdige Einordnung seines Werkes vorgenommen, aus dem ein repräsentativer Querschnitt als Stiftung an die Skulpturensammlung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden geht.

Aus diesem Anlass erschien das Buch „Im Atelier abgefragt", in dem Förster, einer der wichtigsten deutschen Bildhauer des 20. Jahrhunderts, Grundfragen des plastischen Gestaltens erörtert. Dem Leser bietet sich ein faszinierender Einblick in Försters geistige Welt, in seine Ideen, Zweifel und inneren Kämpfe, in seinen Schaffensprozess. Für den gebürtigen Dresdner, der seit 1961 in Berlin lebt und arbeitet und der 1996 die Sächsische Akademie der Künste mit gründete, erfüllt das Buch durchaus auch einen praktischen Zweck: Er muss sich nun nicht mehr so oft den anstrengenden und dabei doch immer wieder ähnlichen Fragen von Journalisten, Kunsthistorikern und Studenten stellen, die seit den 90er Jahren in sein Atelier drängen.

Noch zehn Jahre früher war das Interesse eher gebremst. Försters Plastiken, die immer auch mit seiner Biografie zu tun haben und sich nicht an irgendwelche Moden anbiedern, waren im inneren Kreis der Kunst geachtet. Aber im öffentlichen Raum, wo sie wichtige Debatten hätten auslösen können, sah die DDR-Obrigkeit Försters Werke gar nicht gern.

So erinnerte Gerhard Glaser, Sächsischer Landeskonservator im Ruhestand, daran, wie schwer sich Dresden in den 80er Jahren mit Wieland Försters Bronze „Großer Trauernder" tat: Ein in sich zusammengesunkener nackter Mann, der nach Krieg und Zerstörung nicht energisch zum Wiederaufbau schreitet, sondern ergreifend trauert. Nach diversen Umzügen im Dresdner Stadtzentrum steht die Bronzefigur nun an der Sophienstraße. Angekommen – wie Försters „Nike 89" am Landtag – ist der „Trauernde" auch am Zwinger noch nicht.

Die 58 Skulpturen der Stiftung werden so bald in Dresden nicht zu sehen sein: die Porträts von Erich Arendt (1968), Bernhard Minetti (1991) und Elfriede Jelinek (2000). Aktfiguren wie „Großer schreitender Mann" (1969), symbolhafte Schicksalsgestalten wie „Geschlagener" (1989) oder „Das Opfer" (1994) . Weibliche Torsi wie die fünf „Daphne"-Plastiken (1995/96). Im neuen Albertinum sollen sie einen würdigen Platz bekommen. Doch die Sanierung des Ausstellungshauses an der Brühlschen Terrasse beginnt nicht vor 2006. Ab 2. April zeigt das Georg-Kolbe-Museum Berlin eine Förster-Ausstellung – auch mit Arbeiten für Dresden.



Dresdner Neueste Nachrichten 17. Februar 2005

Kampf mit dem Visuellen

Alexander Keuk

Wenngleich Prof. Udo Zimmermann als Redner in der Reihe „Zur Zukunft der Oper" der Sächsischen Akademie der Künste seinen Vortrag vor allem auf gesellschaftskritische Säulen stellte, so ist in der Rückschau wie auch in der Betrachtung dieses Vortrags eine Konstante festzustellen: die Dominanz des Visuellen in Kunst wie Gesellschaft, mit der bereits Nike Wagner konstatierend und Peter Konwitschny inspirativ umgegangen waren. Udo Zimmermann, der erste Komponist in der Reihe der Redner, legte den Fokus in seinem dreiviertelstündigen, sehr dichten Vortrag nicht etwa auf die ihm bekannten Mechanismen der heutigen Institution Oper, auch eine musikalische Bestandsaufnahme mit Beispielen war nicht sein Anliegen. Vielmehr war es eine Reihung von scharfen Beobachtungen und Gedanken innerhalb wie außerhalb der Oper, ein subjektives, durchaus pessimistisches Bild der Gesellschaft, an dessen Ende aber überraschenderweise das Fazit stand: die Oper hat Zukunft.

Zimmermann beschreibt die Grenzfallsituation der Gegenwart, in der, so Heiner Müller, „die Reflexion am Ende ist. Die Zukunft gehört der Kunst". Dazu sei die Neudefinition des hinlänglich Bekannten notwendig, Zimmermann zog dafür das Beispiel Hellerau heran, wo die einmalige Chance bestehe, über einen offen gestalteten Theaterraum die Parameter von Licht, Bild, Bewegung und Klang neu zu definieren. Ein weiterer, auch in Zimmermanns eigener Biografie stetig zu findender Begriff ist die Utopie. Zukunft entstehe nicht durch Planung, sondern im Menschen selbst. Zimmermann rief zu Vertrauen, zur Selbstsicherheit gegenüber inneren Stimmen auf.

Weiter spielte Verinnerlichung (als Ziel) in seinem Vortrag eine große Rolle. Oper müsse grundsätzlich entrümpelt werden, um sie (erneut) dahin zu führen, wo sie ihren Platz hat: als Seelenaussprache, als Beweis, dass Gefühle zählen und verlässliche Konstante in einer beunruhigenden, irritierenden Gesellschaft sind. Konkret auf die Oper bezogen, wünschte sich Zimmermann die „Entrümpelung" besonders als Vorgang der Rückkehr zur Partitur als Regiebuch aller szenischen Fantasien, der Prüfung des szenischen Raumes und der Infragestellung von visueller Überfütterung.

Bei allen wichtigen Beobachtungen Zimmermanns (und bisheriger Redner) ist auffällig, dass gegenwärtige mediale Veränderungen der Oper und der Kunst im Allgemeinen bereits kurz nach deren Beobachtung als Krise beurteilt werden, statt zunächst deren Potenziale zu analysieren. So vermisste ich in Zimmermanns Vortrag ein wenig, dass die unbedingt notwendigen Utopien nicht nur mittels Zurücksehnen nach einem verschwommenen „Wesentlichen" formuliert werden, sondern aus der Gegenwart heraus. Genau darauf kam Zimmermann aber im Nachgespräch noch zu sprechen: Der Traum von einer Gesamtaufführung von Stockhausens „Licht"-Zyklus in Hellerau steht als Beispiel genau für diese utopischen wie experimentellen Gedanken, von denen wir in heutiger Zeit durchaus mehr vertragen können.



Sächsische Zeitung 25. Januar 2005

Heimisch in der deutschen Sprache
Literatur. Autorin Ilma Rakusa gibt Einblick in ihre poetische Werkstatt.


Sven Hacker

Der Raum ist abgedunkelt. Das Trommeln des Regens an der Scheibe bildet die einzige Geräuschkulisse. Mit klaren Worten durchdringt die Stimme von Ilma Rakusa die Stille. Die Leselampe lenkt alle Aufmerksamkeit auf den Tisch in der Mitte des Raumes. Am Mittwochabend haben sich etwa 40 Zuhörer im Erich-Kästner-Museum eingefunden, um der Autorin zu lauschen.

Die in der Schweiz lebende Schriftstellerin, Übersetzerin und Publizistin hat in diesem Jahr die so genannte Dresdner Poetikdozentur für Migrantenliteratur inne. In insgesamt fünf Vorlesungen will sie einen Einblick in ihr poetisches Schaffen geben. Ilma Rakusa, 1946 in der Slowakei geboren, machte bereits früh Erfahrungen mit fremden Sprachen und Kulturen. „Ich habe dies stets als Bereicherung empfunden", sagt sie. In ihren Texten führt sie „einen Dialog mit anderen Kulturen auf Deutsch."

Die Autorin erhielt 2003 den Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung. Dieser wird an Autoren nicht-deutscher Herkunft vergeben, die auf Deutsch schreiben und mit ihren Texten wichtige Beiträge zur zeitgenössischen deutschen Literatur leisten. Namensgeber ist der in Frankreich geborene Schriftsteller Adelbert von Chamisso, der nach der Revolution von 1789 nach Berlin emigrierte und dessen auf Deutsch erschienene Texte zur Weltliteratur gehören. Sein bekanntestes Werk ist „Peter Schlehmils wundersame Geschichte".

„Die Dresdner Dozentur soll es ermöglichen, die Preisträger auch einem breiteren Publikum bekannt zu machen", erläutert Germanistikstudent Oliver Geisler. „Wir wollen ein Podium für Migrantenliteratur bieten und zum Dialog einladen." Die Autoren sollen über ihre Erfahrungen mit dem Schreiben in einem fremden Land berichten.

Ins Leben gerufen wurde die Dozentur vor fünf Jahren vom Mitteleuropazentrum und dem Lehrstuhl für Neuere deutsche Literaturwissenschaften an der TU Dresden. Zusätzlich dazu findet in diesem Semester ein Seminar zur Migrantenliteratur statt. Die Veranstaltung richtet sich keineswegs nur an Studenten, sondern an alle literaturbegeisterten Dresdner. „Es geht darum, Begegnungen mit Autoren zu ermöglichen und die Besucher dazu einzuladen, selber weiterzulesen", sagt Professor Walter Schmitz, Direktor des Zentrums.



Sächsische Zeitung 21. Januar 2005

Ich bin hier und zugleich anderswo
Literatur. Grandioser Auftakt der 4. Chamisso- Poetikdozentur mit der Preisträgerin Ilma Rakusa.


Undine Materni

Nach Yüksel Pazarkaya, Carmine Gino Chiellino und Adel Karasholi übernahm die Chamisso-Preisträgerin des Jahres 2003, Ilma Rakusa, die diesjährige Dresdner Poetikdozentur. Sie ist, im Unterschied zu ihren Vorgängern, keine zweisprachige Autorin, sondern „eine einsprachige, mit einem großen Stimmenorchester im Kopf".

Daheim im Dazwischen

Die Veranstaltung, initiiert durch das Mitteleuropa-Zentrum für Staats-, Wirtschafts- und Kulturwissenschaften an der TU Dresden, gefördert durch die Robert Bosch Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl für Neuere deutsche Literatur an der TU Dresden und der Sächsischen Akademie der Künste findet im Dresdner Literaturbüro statt. Dass die bescheidenen Maße des Veranstaltungsraumes den Raum als gut gefüllt erscheinen ließen, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sowohl das Zuhören als Tugend in einer multimedialen Welt immer weniger ausgeprägt wirkt, als auch das Interesse am Thema Migration und Sprache vorwiegend bei einer Art Fachpublikum besteht. Das ist insofern bedauerlich, weil die Ausführungen der äußerst vielseitigen Dichterin, Erzählerin, Übersetzerin und Publizistin Ilma Rakusa eine große Bereicherung für die geistig-kulturelle Atmosphäre dieser Stadt darstellen.

Den ersten Abend ihrer fünfteiligen Vorlesungsreihe widmete sie dem Thema „Transit-Transfinit/Who am I". Sie selbst bezeichnet sich als eine deutschsprachige Autorin, die in Zürich lebt. Ihr Migrationshintergrund ist jedoch äußerst vielseitig: 1946 wurde sie als Tochter eines Slowenen und einer Ungarin in der Slowakei geboren, verbrachte ihre Kindheit in Budapest, Ljubljana und Triest, besuchte die Volksschule und das Gymnasium in Zürich. Später studierte sie Slawistik und Romanistik in Zürich, Paris und St. Petersburg. Nunmehr sieht sie sich als schreibende Grenzgängerin und Übersetzerin (u. a. von Margeruite Duras, Danilo Ki¨, Marina Zwetajewa und Imre Kertész), versehen mit Luftwurzeln, denn Heimat sei für sie etwas Unfassbares, sie sei „daheim im Dazwischen".

Als eben diese Grenzgängerin versuche sie schreibend „die Grenze in ihrer produktiven Doppeldeutigkeit als Brücke und Schranke" zu begreifen. Der Hauptimpuls ihres Schaffens sei „die Sehnsucht nach Lebensfülle und Totalität"; Letzteres beinhaltet auch die Lust an der Form, worüber die Gedichte der Autorin eindrucksvoll Auskunft geben. Eine Utopie ist für sie ein vielsprachiger Text, ein Amalgam vieler Sprachen, eine „sprachschöpferische Babelei". Hierbei kämen die Temperaturen und Hallräume der Sprachen zur Geltung.

Lust an der Formulierung

Ilma Rakusas Vortrag war sowohl geprägt von einer ungeheuren Lust an der Formulierung als auch von einer klugen Belesenheit und Weltläufigkeit. Glücklicherweise wird es eine Publikation ihrer Vorlesungen geben, denn die Fülle des Gedachten und Gesagten übersteigt bei Weitem das Maß des an wenigen Abenden Fassbaren.



Dresdner Neueste Nachrichten 15./16. Januar 2005

Arkadisch
Zeichnungen von Thea Richter in der Sächsischen Akademie der Künste


Lisa Werner-Art

Wer den Namen Thea Richter (Jg. 1945) hört, mag zuerst an die Bildhauerin denken, an ihre ab Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre entstandenen Environments. Man erinnert sich an die hellen, schmalen Figuren. Seltsam entrückt wirken sie, träumend. Teils kommunizieren sie zwar, bleiben sich dabei aber häufig offensichtlich fremd, selbst wenn sie sich am Tisch gegenübersitzen. Eine Verwandtschaft zu Hartmut Bonk zeigt sich, der in den 70er Jahren Figuren schuf, mit denen er die urbane Existenz des Menschen gleichermaßen fasziniert wie zivilisationskritisch betrachtete. Besonders interessant ist eine andere, kaum vermutete Parallele: Gemeint ist die zum Schaffen von Richters belgischer Altersgefährtin Hanneke Beaumont (Jg. 1947), von der vor rund einem Jahr in der Galerie Döbele Werke gezeigt wurden. Die Stimmung der Arbeiten der beiden Künstlerinnen, die auf spezifische Weise die Entfremdung des modernen Menschen thematisieren, ist ähnlich. Thea Richter überzeugte nicht nur in Dresden: 1994 erhielt sie den Gabriele-Münter-Preis und wurde für den Ernst Rietschel Kunstpreis für Bildhauerei nominiert.

Zugleich hat sich die Künstlerin, die von 1966 bis 1971 an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden studierte, wie die meisten ihrer Bildhauerkollegen als Zeichnerin einen Namen gemacht. Gerade in jüngster Zeit fällt sie verschiedentlich mit wunderschönen, großformatigen Zeichnungen auf Transparentpapier auf. Eine Kostprobe dieser der Natur huldigenden Arbeiten konnte man unlängst anlässlich der Ausstellung zum 25. Jubiläum der „Dresdner Sezession 89", der sie seit Gründung angehört, in der Volksbank entdecken.

Die Sächsische Akademie der Künste, als deren Mitglied Thea Richter 1998 berufen wurde, zeigt derzeit im Foyer des Blockhauses gut 20 solcher Arbeiten aus den Jahren 2003 und 2004. Die Ausstellung ordnet sich in eine Veranstaltungsreihe von Akademie und Landesstiftung Natur und Umwelt ein, die unter dem Motto „Die Elemente 2004. Natur – Kunst – Umwelt" im vergangenen Jahr stattfand.

Richters Zeichnungen scheinen in der Art alter Naturkundebücher aus vorfotografischer Zeit angelegt. Wie auf deren Seiten stellt sie einzelne Arten dar. Additiv setzt sie jeweils Blätter, Moosteile, Flechten, Pilze, Sporen, Blütenstände und Samen, mehr oder weniger „sortenrein", nebeneinander. Aber wie sie das macht! Darin scheint eine Geheimnis zu liegen. Denn beim Betrachten fühlt man sich in eine andere, „arkadische" Welt versetzt. Und dabei denkt man wohl weniger an das reale Arkadien, das eine besonders fruchtbare Landschaft auf dem Peleponnes ist. Eher denkt man an den sagenhaften Beiklang, den man mit dem Wort „arkadisch" verbindet, das der Ausstellung auch ihren Titel gab.

Fast verzückt schaut man auf die ganz groß gewordenen Mooszweiglein, die in enormer Vielfalt auf einem Bogen angesiedelt wurden und ein wundersam-verwunschenes Ganzes ergeben. Mitunter scheint sich ein Urwald aufzutun. Alles wirkt ein wenig surreal, manchmal, bei den Pilzen etwa, auch etwas wunderlich - spielerisch. Woanders entdeckt man Fruchtstände groß wie ein Kinderkopf oder wie ein Turm und ganz und gar barock wirkend. So wie Thea Richter diese Arbeiten anlegt, haben sie nichts mit einer „Neuauflage" der erwähnten Pflanzenbücher zu tun. In großzügigen Linien, weichen Schattierungen und kleinen Strichlagen entsteht eine zeichnerische Hymne einer heutigen Künstlerin an die Natur, fern jeder Süßlichkeit, stattdessen klar im Bewusstsein ihrer Schönheit, aber auch ihrer Gefährdetheit. Beim Betrachten glaubt man eine besondere Aura der Zeichnungen zu spüren.

Das gelingt allerdings nur, wenn man sich nicht von den äußeren Bedingungen beeinflussen lässt. Als Besucher fragt man sich, ob sich die Hausherren – Akademie der Künste, Landesstiftung für Natur und Umwelt sowie Sächsische Akademie der Wissenschaften – für die Präsentation noch verantwortlich fühlen. Denn: Beleuchtet sollten die Arbeiten schon sein. Ein Hinweis, wo das Licht anzumachen ist, wäre das Mindeste. Und dass Tische und Stühle wegen Arbeiten im Saal den „Nahblick" teilweise verstellen, wird hoffentlich nicht bis zum Ende der Präsentation anhalten.