|
Dresdner Neueste Nachrichten 4.1.2006
Suche nach Identität
Tomas Gärtner
„Das Exil im engeren Sinn – ein wichtiger, wenn auch bei weitem nicht ausschließlicher Inhalt meiner schriftstellerischen Arbeit – ist international und gleichzeitig die zugespitzte Form jener Erfahrung von Fremdsein und Identitätsverlust, die zu den wesentlichen Merkmalen unserer Zeit gehört.“ Das hat Vladimir Vertlib über seine Erzählungen und Romane gesagt. Jetzt kommt der Autor, 1966 in Leningrad (heute St. Petersburg) geboren, nach Dresden, um als Inhaber der Chamisso-Poetikdozentur der Sächsischen Akademie der Künste fünf Vorlesungen zu halten, die erste am Montag.
Seine wichtigsten Themen: Exil, Heimat, Fremdsein. Sie drängten sich ihm auf, weil sie zum Inhalt seines Lebens wurden. Als seine Eltern 1971 aus der Sowjetunion emigrierten, weil sie den alltäglichen Antisemitismus, dem sie als Juden ausgesetzt waren, nicht mehr ertrugen, war er keine fünf Jahre alt. In seinem Roman mit dem bezeichnenden Titel "Zwischenstationen" (1999) hat er, ganz dicht an seiner Biografie bleibend, die Suche seiner Familie nach einer neuen Heimat beschrieben. Israel - Österreich - Italien - Österreich - Niederlande - wieder Israel - wieder Italien - wieder Österreich - USA. Immer nur Zwischenstationen. Schließlich blieb die Familie 1981 in Österreich, Vladimir Vertlib lebt heute in Salzburg.
Als jüdischer Russe begab er sich in Österreich auf die Suche nach seiner Identität, erlebte Fremdsein und Ausgrenzung. Seine erste Buchveröffentlichung, die Erzählung "Abschiebung" (1995), handelt von der Emigration einer russisch-jüdischen Familie. In dem Roman "Das besondere Gedächtnis der Rosa Masur" (2001) erzählt er die Geschichte einer 92-jährigen Jüdin aus Weißrussland, die ausgewandert ist in eine deutsche Kleinstadt.
Um das Problem der jüdischen Identität geht es auch in seinem jüngsten Roman "Letzter Wunsch" (2003). Darin will ein Mann den letzten Willen seines Vaters erfüllen: ihn auf dem jüdischen Friedhof einer deutschen Kleinstadt neben seiner Mutter zu begraben. Doch das wird ihm verweigert. Jemand aus der Israelitischen Kultusgemeinde hat herausgefunden, dass die Großmutter mütterlicherseits Christin gewesen ist - damit ist er nach orthodox jüdischem Verständnis kein Jude.
Dresden, Blockhaus (Neustädter Markt), 9., 10., 11., 16., 19. Januar,jeweils 20 Uhr
Sächsische Zeitung 7./8.1.2006
Vladimir Vertlib
Heimatlosigkeit ist das Thema des russisch- jüdischen Schriftstellers Vladimir Vertlib. Seine Figuren irren durch wechselnde politische Systeme. Emigrantenquartiere und Wartesäle sind ihr Zuhause. Selbst dort, wo ihnen Freundschaft begegnet, fühlen sie sich als Fremde. Vertlib, 1966 in Leningrad geboren, erzählt aus eigener Erfahrung. Er war fünf Jahre alt, als seine Eltern die Sowjetunion verließen. Ein Jahrzehnt lang pendelten sie zwischen Israel, Österreich und den USA, zwischen Einwanderung und Abschiebung. Vertlib studierte Volkswirtschaftslehre in Wien und arbeitete in der Statistikabteilung einer Versicherung. „Mehre Jahre sollten vergehen, bevor ich es wagte, dem Schreiben den ihm gebührenden Platz in meinem Leben einzuräumen", sagte er. 1995 erschien Vertlibs erstes Buch "Abschiebung", Romane wie „Zwischenstation" und „Letzter Wunsch" folgten. Im Deuticke Verlag kommt demnächst der Geschichtenband „Mein erster Mörder" heraus. Am Montag beginnt Vladimir Vertlib in Dresden seine Vorlesungsreihe. Die „5. Dresdner Chamisso- Poetikdozentur" wird veranstaltet vom Mitteleuropazentrum der TU und der Sächsischen Akademie der Künste. Die Dozentur stellt Autoren vor, die mit dem Chamisso- Preis der Robert-Bosch- Stiftung ausgezeichnet werden.
Dresdner Neueste Nachrichten 11.1.2006
Vladimir Vertlib hielt Poetik-Vorlesung im Blockhaus
Tomas Gärtner
Was ist autobiografisch, also "wirklich", "authentisch", was literarisch, "erfunden" also? Diese Frage bekommt Vladimir Vertlib häufig gestellt. Wohl, weil seine Bücher, besonders die frühen, als stark autobiografisch gelten. Seine erste, 1995 als Buch veröffentlichte Erzählung "Abschiebung" sei aus Tagebuchaufzeichnungen entstanden, erzählte er in seiner ersten von fünf Poetik-Vorlesung am Montag im Dresdner Blockhaus. Vertlib ist in diesem Jahr Inhaber der Chamisso-Poetik-Dozentur der Sächsischen Akademie der Künste und des Mitteleuropa-Zentrums der TU Dresden.
Was er in seinen Tagebüchern notiert hatte, schmückte er mit erfundenen Geschichten aus. Denn schon damals, 1980, er war 14, wartete mit Mutter und Vater auf die Einbürgerung in die USA, da begriff er: "Die Realität der Welt ist vielschichtiger als die Welt der Fakten." Bevor er allerdings seine Tagebuchaufzeichnungen umschrieb, mussten Jahre vergehen. "Ich habe fast 15 Jahre gebraucht, um das Thema Emigration literarisch aufzugreifen." Inzwischen lebte er in Österreich, in Salzburg. Die Distanz von Zeit und Raum war eine Voraussetzung für diesen "Transformationsprozess", in dem aus privaten Notizen Literatur entstand. Zu Erfahrenem kamen "kreative Ergänzungen", Erfundenes also hinzu. War nun das Vertraute, da zu etwas Fremdem geworden, vielleicht besser greifbar?
Hier wurde Vertlib grundsätzlich: Selbst eine Autobiografie, wie stark das Bestreben nach Authentizität auch sein möge, sei Fiktion. Denn auch unsere Erinnerung spiele uns Streiche. Folglich, so formulierte er es am Ende als letzte seiner drei Thesen, sei der autobiografische Hintergrund des Autors für den Leser gleichgültig. "Alle wahren Geschichten sind Fiktionen, während alle Fiktionen einen autobiografischen Kern besitzen."
Doch Literatur bedarf noch einer weiteren Voraussetzung: Sie müsse über die eigene Person hinausgehen, etwas Exemplarisches bekommen. "Sonst bleibt es Therapie." Das ist für Vertlib das Wesentlichste: "Dass diese Mischung aus Erlebtem, Assoziiertem, Hinzugedachtem etwas Exemplarisches werden kann." Das heißt: "ein Spiegel eigener Ängste und Sehnsüchte für den Leser".
Vertlib näherte sich dem spannenden Punkt, der Frage, wie ein Autor, sich zwischen Realität und Phantasie bewegend, das Leben in Literatur verwandelt. Doch hier musste er passen: "Der Autor balanciert mit geschlossenen Augen auf einem schmalen Grat. Auf der einen Seite Tagebuch, reine Selbst-Therapie, auf der anderen Seite schön Erfundenes, das aber die Farbe verlieren, zu einem abstrakten Gebilde werden würde." Es ist ein "intuitives Wandeln", deshalb musste Vertlib die Antwort letztlich schuldig bleiben. Aber er gibt mit diesen Reflexionen über sein Schreiben uns Lesern wichtige Hinweise, die für Literatur grundsätzlich gelten, nicht zuletzt für ihre ästhetische Bewertung.
Ebenso für die Einordnung der Literatur Zugewanderter. Dazu formulierte er die anderen zwei Thesen. Die erste: Die Literatur von Zuwanderern sei nicht, wie oft behauptet, eine Bereicherung der Literatur eines Landes, sondern stelle in ihr Normalität her. Weil zur Vielfalt des Lebens, die Literatur ja abbilden solle, eben auch Zuwanderer zählen. Die zweite: Da es keine Nationalstaaten und nationalen Literaturen mehr gebe, sei die Literatur von Zuwanderern sogar authentischer. Denn sie lasse "Uneindeutigkeit, Offenheit, permanente Veränderung und Mehrfach-Identitäten" zu.
Sächsische Zeitung 11.1.2006
Leben im Zwischenraum Der Autor Vladimir Vertlib erzählt mit feiner Ironie von der Suche nach Heimat
Undine Materni
Vladimir Vertlib, „ein deutsch schreibender jüdischer Russe, der zur Zeit in Österreich lebt", wie der Autor augenzwinkernd die Beschreibung seiner Person durch einen Rezensenten zitiert, ist derzeit willkommener Gast in Dresden. Im Jahr 2001 wurde der Autor mit dem Förderpreis zum Adelbert- von Chamisso- Preis der Robert- Bosch- Stiftung ausgezeichnet. Der Preis wird seit 1985 an in deutscher Sprache schreibende nicht- deutsche Autoren vergeben.
Mit Vladimir Vertlib würde die erste Generation der Migrantenliteratur abgelöst, da man seine Bücher nicht aus Rücksicht auf den Migrationshintergrund schätze, sondern weil sie literarisch großartig seien, sagte der Germanist Walter Schmitz in seiner Vorrede am Montag im Dresdner Blockhaus.
Vertlib widmete seine erste Vorlesung dem Thema „Die Erfindung des Lebens als Literatur: Emigration und ´autobiografisches` Schreiben". 1966 in Leningrad geboren, verließ er mit seinen Eltern Russland bereits als Fünfjähriger, da die Familie wegen ihrer jüdischen Herkunft offen diskriminiert wurde. Seither war die Familie, vor allem auf Drängen des Vaters, viele Jahre auf der Suche nach dem „idealen Land", pendelte zwischen Israel, Österreich, Italien, Holland und Amerika, um sich schließlich in Österreich niederzulassen.
Er habe, erzählt Vladimir Vertlib, 15 Jahre gebraucht, um darüber zu schreiben, das Erlebte zu verfremden und zu Literatur zu verdichten. 1995 erschien sein erstes Buch unter dem Titel „Abschiebung". Der Autor las verschiedene Passagen aus seinem zweiten Buch "Zwischenstationen", in dem jeder Etappe der Migration eine Episode gewidmet ist. So schilderte er lebendig und voller feiner Ironie die Ankunft eines sechsjährigen Jungen in Wien. Da ist zum Beispiel jenes ältere Paar in der Wohnung gegenüber, das jeden Tag, fein gekleidet, am Fenster verbringt, um in die Wohnung der Neuankömmlinge zu starren wie auf eine Bühne ... Es sei jenes Verhältnis zwischen Realität und Fiktion, sagt Vertlib, das der Autor immer wieder abschreiten solle; ein schmaler Grat: Fällt man auf die Seite der puren Realität, wird das Geschriebene zur Selbsttherapie, fällt man auf die andere, die der puren Erfindung, wird es seelenlos und formal.
Gangbarer Kompromiss
Auf die Frage, wo er denn seine Wurzeln sehe, antwortete Vladimir Vertlib auf seine ruhige und aufmerksame Art, darauf könne er keine befriedigende Antwort geben. Doch habe er für sich einen gangbaren Kompromiss formuliert: Seine Wurzeln liegen in einer Art Zwischenraum, zwischen den Ländern, zwischen den Sprachen, und immer wieder sei er dabei, diese Zwischenräume abzuschreiten. Die folgenden Vorlesungen sind viel versprechend, vor allem für Zuhörer, die bereit sind, Zustände jenseits von Klischees, jenen einfach definierten Wirklichkeiten, zu ergründen und auszuhalten.
Dresdner Neueste Nachrichten 21./22.1.2006
Zu Hause im Grenzgebiet Die Chamisso-Poetik-Vorlesungen von Vladimir Vertlib in Dresden
Tomas Gärtner
Am Donnerstag hat der österreichische Schriftsteller Vladimir Vertlib die letzte der fünf Poetik-Vorlesungen seiner Chamisso-Poetik-Dozentur in Dresden gehalten. Lässt sich ein Resümee ziehen? Im Sinne einer Quintessenz all dessen, was er über sein Schreiben, über Heimat, Sprache oder die Reaktionen auf seine Bücher gesagt hat, sicher nicht. Ein Eindruck jedoch, der bleiben wird: Wir sind einem wunderbaren Geschichtenerzähler begegnet. Nie hat sich Vertlib im luftleeren Raum der Abstraktion verloren. Verallgemeinerungen - ja, selbstverständlich. Aber er schreckt davor zurück, die Wirklichkeit in begrifflichen Schubladen abzulegen. Da erzählte er lieber. Fügte deshalb auch Passagen aus seinen Prosatexten ein. Und wie häufig hörten wir dies: „Eine Anekdote, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte...". Es folgte eine Episode. Und schon waren da statt toter Begriffe Personen, Vorgänge.
Geschichten lassen ja, selbst wenn die eine eindeutige Aussage veranschaulichen sollen, stets ein bisschen was offen. Manches kann man so, aber auch anders sehen. Vertlib konnte uns ein klein wenig von dem Vergnügen spüren lassen, die Welt nicht zu eindimensional wahrzunehmen. Das erwies sich denn auch als ein wiederkehrendes Leitthema: Sein Erzählen will die Klischees unterwandern. Durchaus auch ironisch, durchaus diese Dinge, wie er sagte, „mit Humor und dennoch ernst" nehmen. Wer als einer, der noch in der Sowjetunion (in Leningrad, dem heutigen St. Petersburg) geboren wurde, jüdischer Abstammung ist und nach vielen Stationen heute im österreichischen Salzburg lebt, muss sich häufiger als andere dieser Zuschreibung erwehren. „Als jüdischer Mensch und Zuwanderer wird man schnell zum Repräsentanten gemacht." Sein Gegenmittel: Das Spiel mit den Identitäten. Mit seiner Biografie ist er sicher ein Sonderfall, als Ausnahme aber sieht er sich keineswegs: „Selbst einer, der nur an einem Ort gelebt hat, besitzt diese Mehrfachidentitäten." Es sei Aufgabe des Schriftstellers, sagte er an einer Stelle, „auf die globalen Aspekte des Exils hinzuweisen." Einer seiner Kernsätze lautete: „Mein Ort ist der Grenzbereich." In einem anderen bezeichnete er die Heimatlosigkeit als seine literarische Heimat. Dass er nicht russisch schreibt, in seiner Muttersprache, sondern deutsch, das er , allerdings noch als Kind, gelernt hat, gehört zu diesem Dazwischen-Sein. Russisch sei ihm emotional näher. „Im Deutschen haben die Worte für mich eine Bedeutung, im Russischen einen tieferen Sinn." Er sieht durchaus auch Nachteile der Mehrsprachigkeit. Aber sie zwingt ihn, um der Präzision willen länger an seinen Sätzen zu feilen.
Vieles Grundsätzliche zur Literatur hat er dargelegt. Zum Beispiel seine Ansicht, ein Kunstwerk dürfe moralisch nicht neutral oder beliebig sein. Oder auch dies: Dass ein Buch, wenn es leicht verständlich ist, nicht trivial sein muss. Weil Trivialität keine Frage der Form, sondern des Inhalts, etwa von Klischees ist. „Gute Literatur muss unterhalten können. Wenn sie nicht unterhält, kann sie auch andere Inhalte nicht transportieren." Wer diese kurze Bekanntschaft mit dem Erzähler Vladimir Vertlib verlängern möchte, hat ja seine Bücher. Demnächst ist im Buchhandel sein neues zu haben: „Mein erster Mörder" (bei Zsolnay in Wien erschienen, 19,90 Euro), drei „wahrhaftige Geschichten" von Menschen, die, gleich ob daheim oder in einem anderen Land, Fremde sind, stets „zwischen den Stühlen sitzen."
Dresdner Neueste Nachrichten 16.2.2006
„Liebe als Provokation"
Thomas Gärtner
Vier Poetikvorlesungen hat die 1950 in Chemnitz geborene, heute in Leipzig lebende Angela Krauß 2004 an der Universität in Frankfurt/ Main gehalten. Unter dem Titel „Die Gesamtliebe und die Einzelliebe" sind sie inzwischen bei Suhrkamp veröffentlicht. Mit diesem Titel hat Krauß auch ihren Vortrag überschrieben, in dem sie heute über ihr Schreiben sprechen möchte. Im Mittelpunkt steht dabei das Thema „Liebe als Provokation". Veranstalter ist die Sächsische Akademie der Künste, der Krauß angehört. Die Autorin, die immer wieder durch Genauigkeit der Wahrnehmung, Präzision im Ausdruck und Sorgfalt in der Formulierung besticht, hat zuletzt die Erzählung „Weggeküßt" veröffentlicht. Bekannt geworden ist sie 1984 in der DDR mit dem Roman „Das Vergnügen".
Sächsische Zeitung 11./12. März 2006
Eitelkeiten der Regie führen in die Sackgasse Redenreihe. Dramaturg Hermann Beil diskutiert über Regisseure, Kritiker und die Zukunft des Schauspieltheaters.
Rainer Kasselt
Nein, nein, er hat nichts gegen das Regietheater, wenn es Sinn macht, wenn es die Fantasie befördert, wenn es die Welt meint - und nicht den eigenen Bauchnabel. Aber zu oft sieht der Dramaturg Hermann Beil (64) auf deutschen Bühnen Aufführungen, die ihn erblassen lassen. Er versteht nicht, dass Schauspieler auf die schönsten Szenen bei Shakespeare verzichten, wenn sie nicht in das Konzept der Regie passen. Er versteht nicht, dass jüngere Regisseure sich oft mehr für äußere Wirkungen auf der Bühne als für die Wirklichkeit des Lebens interessieren. Er versteht nicht, dass sie keine Fragen stellen, sondern schon alle Antworten wissen. „Regie-Eitelkeiten führen in die Sackgasse."
Theaterliebe ist Nächstenliebe
Der Österreicher Hermann Beil, der mit dem Intendanten des Berliner Ensembles Claus Peymann seit über dreißig Jahren eng zusammenarbeitet, erst in Stuttgart und Bochum, dann 13 Jahre am Burgtheater und nun als künstlerischer Mitarbeiter am BE, war am Donnerstag Gast der Sächsischen Aka-demie der Künste im Dresdner Blockhaus. Als dritter Redner (nach Michael Thalheimer und Ulrich Khuon) der Reihe „Perspektiven des Schauspieltheaters" hielt er einen leidenschaftlichen und anregenden Vortrag über Glanz und Elend des Theaters. Einige seiner Kerngedanken: Theater dient der Wahrheit, zerstört jedes Dogma. Theater ist wie jede Kunst Zukunftsforschung. Theater kann das Glück für einen Moment festhalten. Theaterliebe ist eine Form der Nächstenliebe. Theater ist für die Menschen unentbehrlich.
Das Schönste, was ihm ein Zuschauer über die Wirkung des Theaters gesagt hat, hörte Beil auf einer Zugfahrt von Dresden nach Berlin. Die Aufführungen, die er gesehen habe, sagte der Zuschauer, hätten ihm geholfen, nicht auf Lügen hereinzufallen. Der Dramatiker Thomas Bernhard sieht den Ursprung des Theaters in der Verlogenheit des Menschen.
Bilden Sie sich selber ein Urteil
In der Diskussion, moderiert vom Vizepräsidenten der Akademie Dieter Görne, wurde Beil nach seinem Verhältnis zur Kritik gefragt. Er beobachtet einen Wandel, statt redlicher und seriöser Besprechung sei heute die unterhaltsame Rezension gefragt. Die Kritik beurteile oft nicht, sondern verfolge eigene Interessen, hebe eine Aufführung in den Himmel oder mache sie runter Er entdecke beim Besuch eines besprochenen Stückes häufig eine riesige Diskrepanz zwischen der Kritik und der Theaterwirklichkeit, sagt Beil. Und er fügte hinzu: „Gehen Sie so oft Sie können ins Theater, schauen Sie sich die Stücke an, bilden Sie sich selber ein Urteil!"
Sächsische Zeitung 14. März 2006
Räume für das Wohlbefinden Das Schaffen von Architekt Ulf Zimmermann in einer Ausstellung im Blockhaus
Katharina Haas
In der Reihe Baukunst und Umwelt präsentieren die Sächsische Akademie der Künste sowie die Landesstiftung Natur und Umwelt jetzt das Schaffen des Architekten Ulf Zimmermann seit 1963. Damals, nach seinem Studium an der TU, begann der gebürtige Freiberger seine berufliche Laufbahn im Entwurfsinstitut von Rolf Göpfert.
Mit den Speiseräumen der Hochschulen Wildau und Ilmenau fing er an, 14 Mensen in der DDR, darunter die der TU Dresden und der Humboldt-Universität Berlin trugen schließlich Zimmermanns Handschrift. Sechs davon wurden nach ein und demselben, für gut befundenen Entwurf gebaut und sind dennoch alles andere als verwechselbar. Mit dem Austausch der „raumprägenden Elemente", wie es Zimmermann nennt, gelang es ihm, den Gebäuden ihr jeweils individuelles Gesicht zu geben: angefangen beim Baustoff der Wände über die Farbwahl, die meist selbst entworfenen Tische, Lampen, Stühle bis hin zur Auswahl der Objekte Bildender Kunst.
Die Bauten, die jetzt als Fotodokumentation im Blockhaus (an der Augustusbrücke) zu sehen sind, erlauben einen Einblick in Zimmermanns gestalterische Ziele. „Räume", sagt Zimmermann, der sich 1991 selbstständig machte und in seiner Eigenschaft als Mitglied der Meisterklasse Baukunst ausstellt, „sollen körperliches, geistiges und seelisches Wohlbefinden vermitteln." Wichtig sind ihm dabei die Identifikation der Nutzer mit dem Gebäude, aber auch das Bemühen um eine „ästhetische Erziehung". Beispiel: Das 1897 errichtete Gebäude der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in der Lukasstraße, trägt auf seinen alten Mauern ein modernes, zusätzliches Stockwerk, im Innern befindet sich heute eine Halle mit Atrium. Besonders in Zimmermanns Nach-Wende-Bauten dominieren die Farben rot, blau, gelb und orange, wie etwa in dem sanierten Studentenwohnheim St. Petersburger Straße, für das Zimmermann 2001 den Erlweinpreis der Stadt Dresden erhielt.
Die in der Ausstellung mit knappen Sätzen erläuterten Entwürfe aus jüngerer Zeit umfassen nicht nur öffentlich zugängliche Bauten wie das Mensa- und Bibliotheksgebäude der Forstwissenschaftlichen Fakultät in Tharandt oder das umgebaute Bürogebäude der Wohnungsgenossenschaft Johannstadt, sondern auch die Wohnanlagen Leubnitzer Höhe und Sonnenhügel an der Goppelner Straße.
Dresdner Neueste Nachrichten 23.3.2006
„Vergleichsweise zahm" und kopflastig Sächsische Komponisten vertonten Texte sächsischer Dichter
Peter Zacher
Vor die Musik hatten die Dichter die Texte gesetzt. Die Idee, die sich dann herauskristallisierte, ist auf den ersten Blick bestechend: Mitglieder der Klasse Musik der Sächsischen Akademie der Künste sollten Gedichte vertonen, die von Mitgliedern der Klasse Literatur und Sprachpflege geschrieben wurden. Diese Dichter sind Volker Braun, (geboren 1939), Wolfgang Hilbig (1941), Reiner Kunze (1933) und der Dresdner Thomas Rosenlöcher (1947). Das sind nun alles mehr oder weniger betagte Herren, denen auch die Komponisten an Alter nicht nachstehen. Steffen Schleiermacher (Jahrgang 1960) ist mit weitem Abstand der Jüngste, wogegen Friedrich Goldmann (1941), Günter Neubert (1936), Friedrich Schenker (1942), und Siegfried Thiele (1934) durchweg der Generation der über 60-Jährigen angehören. Das ist dem System immanent; Mitglieder deutscher Akademien der Künste waren noch nie durch ihr jugendliches Alter ausgezeichnet. Es ist auch einigermaßen unerheblich und ein Generationenproblem soll hier ganz gewiss nicht konstruiert werden.
Die Randbedingungen des Projekts waren die günstigsten nicht. Der Mangel an Geld zwang zu Minimalaufwand, noch dazu mit festgelegter Besetzung, bestehend aus Bariton, Klarinette, Violoncello und Klavier. Siegfried Thiele wählte aus einem großen Stapel von Gedichtbänden dreißig Texte aus, deren Zahl noch einmal reduziert wurde. Jedem Komponisten war freigestellt, welche und wie viele Gedichte er vertont. Der Wunsch, dass möglichst viele Gedichte von mehreren Komponisten vertont würden, ging kaum in Erfüllung; nur in den Vertonungen Neuberts und Thieles gibt es Schnittmengen. Trotzdem gibt es Gemeinsamkeiten. Eine davon fasste Schleiermacher im anschließenden Gespräch der Dichter und Komponisten in den Satz: „Wir waren vergleichsweise zahm."
Provokationen durch gar zu avanciertes Material blieben tatsächlich aus, aber eine Komposition, die die Zuhörer im Blockhaus gepackt und von Anfang bis Ende nicht mehr losgelassen hätte, war unter den vierzehn Vertonungen auch nicht. Es drängte sich der Eindruck auf, die Komponisten hätten sich der Aufgabe zwar brav gestellt, die Dichtungen jedoch nur aus Pflichtbewusstsein gewählt, nicht aber deshalb, weil sie von ihnen so gefesselt waren, dass sie sich von der Faszination nur durch Vertonungen frei machen konnten. Am deutlichsten sprach das Goldmann aus, als er mit ebenso entwaffnender wie entlarvender Offenheit seine Faulheit als Schreibhemmung benannte. Das muss nicht für die anderen Komponisten zutreffen, aber von einem spontanen inneren Drang zur Verarbeitung der Texte sprach keiner von ihnen. Eher ist von einem schwierigen Zugang zu den Texten und einem entsprechend komplizierten Produktionsprozess auszugehen. Mag auch jedes Lied eine ordentliche und ehrliche Arbeit sein, von allen Komponisten war schon weit Stärkeres zu hören.
Es wurden fast durchweg kopflastige Lieder, denen etwas mehr Sinnlichkeit durchaus gut getan hätte. Das bedeutet nicht, dass die Kompositionen nicht auch dramatisch und eruptiv wären, und ebenso wenig sollte der Verweis auf Fehlendes als Qualitätsurteil fehlgedeutet werden. Neubert sprach von einer faszinierenden Gedanklichkeit einiger Texte.
Vielleicht wäre es aber gerade deshalb gut gewesen, das Programm auf die Hälfte zu beschränken und alle Lieder zweimal aufzuführen. Damit wären Stärken und Schwächen klarer zutage getreten, wäre auch die Chance einer detaillierten Bewertung gegeben. So bleibt ein Mangel zu beklagen, der weniger an den einzelnen Ergebnissen als an der Systematik der Vermittlung festzumachen ist. An den vier Interpreten - Christopher Jung, Bariton; Josef Christof, Klavier, Stefan Gartmayer, Cello, Hendrik Schnöke, Klarinette - hat das nicht gelegen, denn sie waren mit großem Ernst und noch mehr Intensität bei der Sache.
Sächsische Zeitung 23.3.2006
Tönende Verse Austausch. Dichter und Komponisten aus Sachsen verbünden sich zu gemeinsamen Werken.
Undine Materni
Für den Schriftsteller Thomas Rosenlöcher bedeuten Vertonungen seiner Texte eine andere Form der Wahrnehmung: Pathetischer, gruseliger und schwärzer scheinen ihm seine Texte. Die Musik, meint er, deckt jene Grausamkeit auf, die zweifelsohne im Text enthalten ist, wenn auch im scheinbar beiläufigen Fluss der Worte verborgen.
Die Sächsische Akademie der Künste hatte am Dienstagabend zum Thema „Vertonungen - Ein Geben, ein Nehmen?" ins Dresdner Blockhaus eingeladen. Präsentiert wurden ausschließlich Uraufführungen. Es sei ein lang gehegtes Anliegen, so Akademiepräsident Ingo Zimmermann, zwischen Mitgliedern unterschiedlicher Klassen einen kreativen und lebendigen Austausch zu pflegen. Eine Herrenrunde präsentierte sich dem Publikum. Kompositionen von Günther Neubert, Siegfried Thiele, Friedrich Goldmann, Friedrich Schenker erklangen und von Steffen Schleiermacher, dem mit Abstand jüngsten. Charmant und kenntnisreich moderierte er die Diskussion zwischen den Komponisten und Dichtern.
Vertont wurden Texte von Wolfgang Hilbig, Reiner Kunze, Volker Braun und Thomas Rosenlöcher. Eher der pekuniären Not gehorchend, hatte man sich auf drei Musiker und einen Sänger beschränkt, die von den Komponisten unterschiedlich eingesetzt wurden: Josef Christoph (Klavier), Stefan Gart-mayer (Violoncello), Henrik Schnöke (Klarinette) und - äußerst engagiert und vielseitig - der Bariton Christopher Jung. Er überzeugte besonders beim Vortrag von Hilbigs „Mondsüchtiger Tarantella" und Rosenlöchers „Dädalus". Letztere Vertonung durch Steffen Schleiermacher war unbestritten der Höhepunkt des Abends.
Das Gespräch beleuchtete die wechselseitigen Beziehungen zwischen Dichtern und Komponisten. Reiner Kunze meinte, dass man einen Text, der Musik nötig habe, schnellstens vergessen sollte. Vorsichtig setzte er hinzu, dass er dem Melodischen in der Musik hoffnungsvoll verfallen sei und moderne Musik zuweilen als akustische Folter empfinde. An diesem Abend jedoch, sagte er lächelnd, fühle er derartigen Schmerz nicht, ja, es gab sogar Momente wirklicher Rührung.
Mehr als Illustration
Dem Komponisten Friedrich Goldmann ging es in seiner Komposition vor allem darum, „jenes seltsame Gedicht Volker Brauns zu verstehen, das sich permanent selber kaputt macht", die Schichten abzutragen, um zum Kern der Aussage vorzudringen. Vertonungen von Texten, war zu lernen, sind mehr als Illustrationen, sie setzten intensive Auseinandersetzung voraus. Sie sind weder Ergänzung noch Vervollkommnung, sondern im besten Falle eine neue Qualität des Ausdrucks. Steffen Schleiermacher: „Ein guter Text braucht keine Vertonung, ein schlechter hat sie nicht verdient."
Sächsische Zeitung, 31. 3. 2006
Theater soll irritieren
Redenreihe. Regisseur Volker Lösch diskutiert über politisches Theater und die Zukunft des Schauspiels.
Rainer Kasselt
Von „gut gemeintem Aufklärungskitsch“ hält er gar nichts. Von hohlen Formeln wie „Theater von Menschen über Menschen für Menschen“ noch weniger. Was soll Theater denn sonst sein, fragt er. „Theater von Tieren über Tiere?“ Auch der gern gebrauchte Slogan „Theater muss sein!“ sei falsch. „Schlechtes Theater, das es viel zu oft gibt, muss nicht sein“, sagt Volker Lösch, 42.
Stücke als „Material“
Spätestens seit seiner Inszenierung von Gerhart Hauptmanns Schauspiel „Die Weber“ in Dresden und dem anschließenden Verbot der Aufführung durch den Verlag Felix Bloch Erben, ist Löschs Name in aller Munde. Die Theater reißen sich um ihn. Er wurde Hausregisseur in Stuttgart, brachte dort jüngst eine heftig bejubelte und heftig umstrittene Inszenierung „Faust 21“ (mit einem Bürgerchor!) heraus. Gestern begann er am Schauspiel Leipzig mit den Proben zu Jelineks „Sportstück“. Und mit dem Dresdner Chor von Laienschauspielern, mit dem Lösch so beeindruckend bei den „Webern“ und der „Orestie“ gearbeitet hatte, möchte er am Staatsschauspiel wieder ein Projekt auf die Brühne bringen. Die Rede ist, wie man hört, von Büchners „Woyzeck“. Einen Termin dafür gibt es noch nicht. Die Produktion ist teuer und deshalb habe das Theater einen Antrag an die Bundeskulturstiftung um finanzielle Unterstützung gestellt, sagt Lösch.
Hauptmann, Goethe, Büchner: In reiner Form sind diese Autoren bei Lösch nicht zu haben. Er nimmt für sich in Anspruch, schöpferisch mit dem „Material“ der Dramatiker umzugehen. Dabei will er ihre Intentionen durchaus wahren, die Stücke nicht im vulgären Sinne zertrümmern, sondern mit „heutiger Lebenswirklichkeit“ anreichern. So wie es mit dem Chor in den „Webern“ exemplarisch gelang. Lösch sieht in der Mischform, der Kopplung alter Stücke mit neuer sozialer Realität, eine Chance, Publikum zu gewinnen. „Mein Theater liefert keine Identifikation, sondern stellt sie in Frage.“
Am Mittwochabend war er im Dresdner Blockhaus Gast der Sächsischen Akademie der Künste in der anregenden Reihe „Perspektiven des Schauspieltheaters“. Er war nach Michael Thalheimer, Ulrich Khuon und Hermann Beil der vierte Redner. Lösch sagt: „Nur politisches Theater kann dem Schauspiel eine Perspektive geben.“ Unter politischem Theater versteht er Kunst, die sich in die Gesellschaft einmischt, die subversiv ist, gegen Konventionen angeht. „Mische ich mich ein oder bleibe ich draußen – das ist die Frage für jeden von uns“, sagt Lösch. Er sieht sich in der Tradition von Erwin Piscator und Bertolt Brecht. „Der Auftrag des Theaters liegt in der Irritation“, sagt er. Die Bühne müsse überraschen, provozieren und Gewissheiten erschüttern. Der Zuschauer solle das Theater mit anderen Gedanken und Fragen verlassen als beim Eintritt. „Wenn die Leute am Ausgang schon wieder über die Bundesliga reden, war es ein misslungener Abend.“
Angst der „Kulturhüter“
In der Diskussion, die in bewährter Weise von Dieter Görne geleitet wurde, geht Lösch polemisch auf den gegenwärtigen „Kulturkampf“ um das Regietheater ein. Der Vorwurf laute: Regietheater mache das Große klein, sagt er. Lösch vermutet hinter den Angriffen, an denen sich sogar Bundespräsident Köhler mit seiner Werktreue-Forderung beteiligt hatte, die Angst der „Kulturhüter“ vor dem Zeigen von sozialer Lebenswirklichkeit auf der Bühne. Und die Angst vor dem Aufgreifen von Problemen, für die die „Politik keine Lösungen“ hat. Als Gegenreaktion auf die „dreckige Welt“ draußen, möchten manche Kräfte das Theater offenbar „rein“ halten, als seligen Hort des Schönen bewahren. Lösch kommentiert das ironisch: „Wenn das Abendland unterzugehen droht, sollten die Theater nicht abseits stehen.“
Sächsische Zeitung 29. 3. 2006
Dresden, Europa und die Kunst Festkolloquium. Die Sächsische Akademie der Künste lädt am Jubiläums-wochenende zur Diskussion ein.
Katja Solbrig
„Anverwandlung und Eigentümlichkeit", so ist das Festkolloquium der Sächsischen Akademie der Künste überschrieben, auf dem sie „Dresden als europäische Kunststadt" verorten will. Dazu sind namhafte Künstler und Wissenschaftler eingeladen, um in Vorträgen und bei Podiumsdiskussionen am Sonnabend den europäischen Rang Dresdens zu begründen oder - wer weiß - womöglich in Frage zu stellen, zu relativieren, zu bekräftigen.
Die Quellen der Kultur
In ihrer wechselvollen Geschichte wirkten verschiedenartige Einflüsse aus unterschiedlichsten Kulturkreisen auf die Stadt, die sie zu einer ihr eigentümlichen Lebensform fortentwickelt hat. Genau diese besondere Mischung hat das Ausformen der schönen Künste in Dresden möglich gemacht. Ingo Zimmermann, Präsident der Sächsischen Akademie der Künste, wird in seinem Eröffnungsvortrag am Freitagabend auf die Quellen für die Kunstschaffenden aufmerksam machen: Dresdens Aufstieg aus der Randlage hin zu einer Stadt europäischen Ranges, der Einfluss der Reformation und ihrer humanistischen Denker auf Musik und Architektur; der zunächst bescheidene Beginn der Kunstsammlungen, die bald internationale Bedeutung errangen; die Literatur, die oft die Literaten selbst als für Dresden weniger bedeutend einschätzen - eine Einschätzung, die es spätestens bei der Diskussion zum „Dresden der Dichter" zu widerlegen gilt.
Stadt und Landschaft
Doch wer denkt, dass nur im Vergangenen geschwellt wird, der wird spätestens beim Podiumsgespräch zu „Dresdens Stadtlandschaft in der europäischen Architekturentwicklung" an ganz aktuellen Diskussionen teilnehmen können. Wurde doch just das Elbtal in seinem harmonischen Zusammenklang von Natur und Architektur, von Stadt und Landschaft in das Weltkulturerbe aufgenommen; ein Titel, der nicht selbstverständlich erhalten bleibt. Auch der Diskussionspunkt zu Hellerau als europäische Kunstwerkstatt für das 21. Jahrhundert gibt Anlass nicht nur zu rückblickender Debatte.
Die Veranstaltung wird musikalisch umrahmt von Schülern des Heinrich-Schütz-Konservatoriums. Zur Eröffnung am Freitagabend spielt das Blechbläserensemble Ludwig Güttler. Da die Sächsische Akademie der Künste in diesem Jahr ihr zehnjähriges Jubiläum begeht, kommen die Präsidenten der Schwester-Akademien aus Hamburg, Bayern und Berlin.
Dresdner Neueste Nachrichten 30.3.2006
Eigentümlichkeiten einer Kunststadt
Christian Ruf
"Ein Jubiläum ist ein Datum, an dem eine Null für eine Null von mehreren Nullen geehrt wird", spöttelte einst der große Mime Peter Ustinov. Aber die große Mehrheit der Dresdner freut sich denn doch, dass ihre Heimatstadt derzeit ein Jubliäum mit einer Doppelnull zu feiern hat - 800 Jahre ist das jetzt her, dass am 31. März 1206 der Markgraf Dietrich von Meißen in Dresden auf Pergament eine Urkunde ausstellte, die den Inhalt eines Rechtsstreits zwischen Bischof Dietrich II. von Meißen und Burggraf Heinrich II. von Dohna zum Inhalt hatte.
Im Rahmen der Feierlichkeiten wird ein Festkolloquium unter dem Titel "Dresden als europäische Kunststadt - Anverwandlung und Eigentümlichkeit" ausgerichtet. Die Sächsischen Akademie der Künste (SAK), die in diesem Jahr ihr zehnjähriges Jubiläum feiert, und Sachsens Landeshauptstadt laden morgen und am Sonnabend die Bürger bei freiem Eintritt in den Großen Saal des Kulturrathauses in der Königstraße 15 zum Nachdenken über die europäische Kunststadt ein. Im Zentrum des Forums stehen die Bedeutung der künstlerischen Atmosphäre der Stadt im Spannungsfeld europäischer Einflüsse und die Zukunftsmöglichkeiten, die das Erbe bietet. Es seien die verschiedensten Einflüsse aus den unterschiedlichsten Kulturkreisen gewesen, meint Ingo Zimmermann, Präsident der SAK, die das Ihre dazu beitrugen, dass sich sich eine eigentümliche Lebensform, eine der Kunstmetropolen Europas entwickelt habe. Dabei sei es insbesondere die Verbindung von Kunst und Macht gewesen, die den Charakter Dresdens als europäische Kunststadt geprägt habe, das Schloss, der Hof, er war dabei der Ausgangspunkt.
Ein bewusster Blick von außen auf die Stadt
Die Stiftung Ostsächsische Sparkasse Dresden steuerte ihr pekuniäres Scherflein dazu bei, dass für eine vergleichsweise immer noch "bescheidene Aufwandsentschädigung" fast 15 namhafte Autoren, Wissenschaftler und sonstige Gelehrte als Referenten gewonnen werden konnten. Etliche kommen nicht aus Dresden - es ist also durchaus zu hoffen, dass da nicht nur Nabelschau betrieben, sondern auch bewusst ein perspektivischer Blick von außen auf die Stadt geworfen wird.
In Vorträgen und Diskussionen beschäftigen sich die Teilnehmer mit wechselseitigen Wirkungen und Entwicklungen der europäischen Kunst von Literatur und Theater über Musik bis zur bildenden Kunst. Bei der Eröffnungsveranstaltung morgen, 19 Uhr beglücken gleich drei Akademiepräsidenten - Armin Sandig (Hamburg), Dieter Borchmeyer (München) und Matthias Flügge (Berlin) - die Dresdner mit Grußansprachen. Ingo Zimmermann wird dann den Festvortrag zum Thema "Europas Boten - die Künste in Dresden halten". Am 1. April werden sich von 11 bis 13 Uhr erstmal vier Referenten, u.a. Thomas Rosenlöcher und Dieter Görne, mit dem "Dresden der Dichter"auseinander setzen. Die Stadt kokettiere ja gern damit, meinte Zimmermann, dass sie keine Stadt der Dichter sei, de facto "ist sie das sehr wohl, erst recht in der literarischen Reflexion". Von 14.30 Uhr bis 18 Uhr wird sich europäischen Kunstereignissen in Dresden gewidmet, spricht etwa Peter Gülke aus Berlin über den europäischen Aufbruch in der Musik von Schütz bis zur Barockoper. Nike Wagner spricht über "Wagner in Dresden - die Anfänge einer Erfolgsgeschichte", Werner Schmidt über die Dresdner Malerei nach 1945 im Spannungsfeld zwischen Dix und Glöckner. Für 19.30 Uhr ist dann ein Podiumsgespräch mit dem Journalisten Dieter Bartetzko, dem Kunstwissenschaftler Jürgen Paul, dem Architekten Dieter Schölzel und dem Stadtplaner Jörn Walter angesetzt. Thema: "Dresdens Stadtlandschaft in der europäischen Architekturentwicklung". Es wird sich also nicht an vergangener Größe delektiert, es dürfte hier wie auch bei der Diskussion zu Hellerau als europäische Kunstwerkstatt für das 21. Jahrhundert um das Heute und Morgen gehen.
Musikalisch umrahmt wird das Kolloquium von Schülern des Heinrich-Schütz Konservatoriums Dresden. Bei der Eröffnung am Freitag gibt das Blechbläserensemble Ludwig Güttler eine Probe seines Könnens.
Sächsische Zeitung 3.4.2006
„Elb-Gemurmel" Geschichte. Sachsens Akademie der Künste lud zum Kolloquium zur 800-Jahr-Feier Dresdens.
Christian Ruf
Tradition kann hilfreich und ermutigend sein, sie kann aber auch im Wege stehen." Martin Flügge [d.i. Matthias Flügge - SAK], der derzeit amtierende Präsident der Akademie in Berlin, setzte in seinem Grußwort zur Eröffnung des Festkolloquiums zur 800-Jahr-Feier Dresdens, das die Landeshauptstadt und die Sächsische Akademie der Künste am Wochenende unter dem Titel „Dresden als europäische Kunststadt - Anverwandlung und Eigentümlichkeit" im Kulturrathaus ausrichteten, auch kritische Worte.
Mehr Mut sei gefordert
Natürlich fand er, wie seine Amtskollegen Armin Sandig aus Hamburg und Dieter Borchmeyer aus München, auch viele freundliche Worte, aber er erinnerte zudem an das traurige Ende der Kunstmesse, warnte vor der Gefahr zur „touristischen Kulturkulisse" herabzusinken. Die Liebeserklärung zur Dresdner Kunst falle ihm leicht, meinte Flügge, forderte aber auch zu mehr Mut auf, „Gerhard Richter heimzuholen" sei nicht mutig gewesen. Und weder Dresden noch das „geschichtsvergessene" Berlin, das sich viel schwerer tue mit den „Problemschichten der Vergangen-heit", seien, wie man 1989/90 gehofft habe, „Brücken der Verständigung: Ober beide Städte würden die Wirtschaftsströme des zusammenwachsenden Europas schlichtweg hinwegfahren.
Ansonsten wand man reichlich Lorbeer für das Haupt der städtischen Geschichte. Das Gros der Redner bei diesem im Vergleich zum 3. Geschichtsmarkt Dresden mäßig besuchten Redemarathon sparte nicht an Lob und Superlativen, um die Schätze und Persönlichkeiten der Kunststadt Dresden zu preisen. Nun war es zwar nicht wirklich zu erwarten, dass umwerfend neue Forschungsergebnisse präsentiert werden würden, aber der Versuchung des Langweile verbreitenden Aufzählens der Masse der Zuhörer sattsam bekannter Ereignisse und Personen der Stadtgeschichte erlagen viele der Referenten, die als Wissenschaftler, Autoren oder Künstler zweifelsohne famose Kenner der Materie sind.
Das Dresden der Dichter war ebenso Thema wie einige europäische Kunstereignisse in der Stadt. Dieter Görne, einst Intendant des Staatsschauspiels Dresden, reflektierte die theatralischen Widerklänge der Weltliteratur in Dresden, der Generalmusikdirektor Peter Gülke aus Berlin widmete sich dem europäischen Aufbruch in der Musik von Schütz bis zur Barockoper.
Sachlich gewohnt fundiert war der Beitrag von Harald Marx, dem Direktor der Gemäldegalerie Alte Meister, der an die Rückgabe der 1945 von den Trophäenkommissionen geraubten und nicht (wie es die Legende will) geretteten Kunstschätze der Dresdner Sammlungen erinnerte und dazu aufforderte, außer 800 Jahren Stadtgeschichte auch dieses 50-jährige Jubiläum zu feiern. „Wie stände Dresden da, welche Rolle als Kunststadt könnte es spielen, wenn der Rückgabebeschluss damals nicht gefasst worden wäre?", fragte Marx und gab gleich die Antwort: „Die Kunststadt Dresden gäbe es nicht."
Nike Wagner, die seit 2004 Leiterin des Kunstfestes Weimar ist, für das sie auch Werbung in eigener Sache machte, hatte einen Koffer mitgebracht: Sie setzte sich mit dem Inhalt des Koffers auseinander, den Richard Wagner 1843, als er seine Stelle in Dresden antrat, aus Paris anschleppte. Der „Rienzi" und der „Fliegende Holländer" standen im Mittelpunkt ihres auch mit einem Klangbeispiel unterlegten Vortrags, in den sie einige hübsche Sentenzen einflocht: „Wir winden dir den Jungfernkranz" aus Carl Maria von Webers „Freischütz" nannte sie ein „Nümmerchen in französischer Manier".
Die Wut des Dichters
Wie man es von einem Dichter erwartet, so hatte Thomas Rosenlöcher ein Gedicht als Präsent mitge-bracht. Für dieses „Erb-Gemurmel" habe er reichlich Zeit aufwenden müssen, um daran „herum zu murksen". Natürlich trug er sein „elend langes" Opus nicht einfach vor. Der Poet, der in Kleinzschachwitz aufwuchs, nutzte die Gelegenheit, um ein bisschen über die „Massenverblödungsmittel" unserer Zeit zu spotten, oder auch um zu wettern: „Ich habe eine gute alte Wut auf die Verhältnisse, und dass auch noch versucht wird, mir diese zu nehmen, das macht mich erst so richtig wütend." Dresden kann sich übrigens freuen: Rosenlöcher versprach, sich „nach erzgebirgischer Abwesenheit bald wieder ins Elbtal-Gemurmel einzuklinken".
Neueste Dresdner Nachrichten 3.4.2006
Ein „elend langes Gedicht" für einen Jubilar Die Sächsische Akademie der Künste richtete im Kulturrathaus ein Festkolloquium zur 800-Jahr-Feier Dresdens aus
Christian Ruf
Für Big Murray war es, im Film jedenfalls, die Hölle, dass ihn täglich das Murmeltier grüßte und ausmurmelte, wann denn endlich der Frühling Einzug halten würde. Da war das Gemurmel des Poeten Thomas Rosenlöcher, das am Sonnabend im Kulturrathaus im Rahmen des Festkolloquiums zur 800-Jahr-Feier Dresdens zu vernehmen war, von ganz anderem Kaliber - und das nicht nur, weil es eine einmalige Sache war. Peu à peu gab er ein „elend langes Gedicht" zum Besten, an dem er, wie er gestand, geraume Zeit schon „herum gemurxt, herum gemurmelt" habe - und zwar vorzugsweise beim Spazierengehen im Erzgebirge, was in seiner Umgebung für Verwunderung sorgte. „Wäre ich mit einem Telefon gegangen, wäre der Anblick normal gewesen", meinte der bekennende „Waldmurmler".
Um das Gedicht herum hielt er seine Rede, vergleichsweise frei und diese mit Witzen auflockernd, nicht lediglich Faktenwissen abspulend - auch deshalb war der Beitrag Rosenlöchers zu dem von der Sächsischen Akademie der Künste veranstalteten Kolloquium bemerkenswert und in gewisser Weise herausragend, Erfreulich zudem: Der in Kleinzschachwitz an der Elbe aufgewachsene Poet ließ durchblicken, sich „nach erzgebirgischer Abwesenheit wieder ins Elbtal-Gemurmel einzukhnken". Er hatte es, im Gegensatz zu vielen anderen Referenten, vermieden: das Langeweile verbreitende Aufzählen von Namen und Ereignissen. Immerhin hatte fast jeder Redner einige Zitate oder Histörchen ausgegraben, die neu oder zumindest nicht sattsam bekannt waren.
„Dresden als europäische Kunststadt -Anverwandlung und Eigentümlichkeit" war der Titel des Redemarathons, der durch Schüler des Heinrich-Schütz-Konservatoriums musikalisch etwas aufgelockert wurde. Zum Nachdenken und zum Dialog über jene verschiedenartige Einflüsse, die sich die Stadt im Laufe ihrer Geschichte anverwandelt und zu einer ihr eigentümlichen Lebensform fortentwickelt hat, hatte man einladen. Der Dia-log beschränkte sich dann weitgehend auf die Pausen und das Podiumsgespräch am Sonnabend über Dresdens Stadtlandschaft in der europäischen Ar-chitekturentwicklung.
Bei der Eröffnungsveranstaltung am Freitag war zunächst mal Blech Trunpf. Die Mitglieder des Blechbläserensembles Ludwig Güttler stießen ins Horn und anderes Instrumentarium, von den Akademiepräsidenten aus Berlin, Hamburg und Flügge gab es Grußansprachen. Dieter Bürchmeyer von der Bayerischen Akademie der Schönen Künste ging ein bisschen auf die trotz des konfessionellen Gegensatzes zuhauf real existierenden „Beziehungen, Querverbindungen und Netzwerke" zwischen München und Dresden in der Vergangenheit ein. Wieder einmal wurde Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen, deren Heirat in München die Tradition des Oktoberfestes begründete, als „Ursächsin" in Anspruch genommen.
Nicht Lob hudelnd und gerade deswegen wohltuend in diesen Tagen des von Amts wegen verordneten, aber im öffentlichen Straßenbild letztlich nicht erkennbaren Jubels (und das liegt nicht nur an der Flut) war die Ansprache von Matthias Flügge. Der amtierende Präsident der Akademie der Künste hielt klipp und klar fest, dass Dresden und Berlin letztlich lediglich eine Randlage im Osten Deutschlands haben, die Ströme der Wirtschaft innerhalb des zusammenwachsenden Europas über die, beiden Städte hinweg führen, sie eben keine Brücken der Ver-ständigung seien, wie man nach 1989/90 hoffte. Flügge konstatierte, das sich das „geschichtsvergessene" Berlin schwerer tue mit den „Problemschichten der Vergangenheit", freute sich zwar über das Aufbauwerk der sächsischen Metropole, schrieb den Dresdnern aber auch ins Stammbuch: „Tradition kann hilfreich und ermutigend sein, sie kann aber auch im Wege stehen," Natürlich sieht er für Dresden alle Chancen, wieder eine führende Rolle innerhalb der Kulturmetropolen zu spielen, erinnerte aber auch an das „traurige Ende" der einst mit hohen Erwartungen gestarteten Kunstmesse. Außerdem warnte er vor der Gefahr, zur „touristischen Kulturkulisse" herabzusinken.
Den Festvortrag hielt dann Ingo Zimmermann, Präsident der Sächsischen Akademie der Künste: eine Hymne auf Dresden und die Kultur, ohne kritische Zwischentöne. Einzigartig", „grandios", „unvergleichlich", der Superlativ feierte Triumphe und sollte es auch beim Gros der Referate des nächsten Tages tun. Mit Stadtjubiläen ist es scheinbar wie mit den Menschen, „Bescheidenheit ist eine Zier, aber es geht auch ohne ihr".
Den Reigen der Vorträge zum „Dresden der Dichter" eröffnete der Schriftsteller und Essayist Friedrich Dieck-mann. Er spöttelte - zu Recht -, dass das Datum ein bisschen willkürlich gesetzt ist, „schon weil man mal die gregorianische Kalenderreform außer acht lässt". Dann erinnerte er, den Begriff „Dichter" nicht allzu eng fassend und Philosophen einbeziehend, an etliche der wichtigsten Dichter und Autoren, die in Dresden (zumindest zeitweise) lebten oder sich über die Stadt im Anschluss an Besuche äußerten. Peter Gosse aus Leipzig würdigte die Rolle Dresdens als Okzident, legte dar, wie die Russen über die Jahrhun-derte hinweg von Dresden fasziniert waren, „Theatralische Widerklänge der Weltliteratur in Dresden" rückte dann Dieter Görne, Intendant des Staatsschauspiels Dresden von 1990 bis 2001, ins Gedächtnis. Der Vortrag erwies sich als recht monotones „name-dropping".
Am Nachmittag ging es um europäische Kunstereignisse in Dresden. Dabei kam zunächst die Musik zu ihrem Recht, dann die bildende Kunst. Nike Wagner inspizierte, nachdem sie kurz Eigenwerbung für das von ihr geleitete Kunstfest Weimar gemacht hatte, „Richard Wagners Pariser Koffer in Dresden", in dem sich u.a. die Partitur des „Rienzi" fand, außerdem Entwürfe für den 1850 in Weimar uraufgeführten „Lohengrin" sowie den „Fliegenden Holländer", ein laut Nike Wagner „weniger anspruchsvolles Werk als der Rienzi".
Harald Marx, Direktor der Galerie Alte Meister, erinnerte im Rahmen seines Vortrags „Die Dresdner Galerie als europäisches Kunstforum" an die 1956 erfolgte Rückkehr vieler Kunstschätze der Staatlichen Kunstsammlungen, die 1945 von russischen Trophäenkommissionen als Kriegsbeute in die Sowjetunion gebracht, nach offizieller Lesart und, zu Marx' Bedauern, noch immer lebendiger Legende, vor der Zerstörung im Nachkriegschaos „gerettet" wurden. Wie schlecht das Gewissen war, das zeige u.a. die Tatsache, so Marx, dass man die Bestände bis 1955 verbarg, sie nie öffentlich zeigte, dass bei der Rückgabe sogar allerhöchste Stellen in Moskau überrascht waren, dass sich auch in Kiew noch viele Gemälde befanden.
Trotzdem: Außer 800 Jahren Stadtgeschichte und dem zehnjährigen Bestehen der Kunstakademie müsse, forderte Harald Marx, auch dieses 50-jährige Jubiläum gefeiert werden. Dresden verdankt der großzügigen, wenn auch nicht uneigennützigen weil politisch motivierten Geste der damaligen russischen Führung, dass es heute noch in der ersten Liga der Kunst- und Museumslandschaft mitspielen darf. „Wie stände Dresden da, wenn dieser Rückgabebeschluss nicht gefasst worden wäre?", fragte Marx. Die Rückgabe der Sammlung, sie war in der Tat eine wichtige Voraussetzung für die weitere Entwicklung Dresdens als europäische Kunststadt.
Sächsische Zeitung 24. April 2006
Mücke, Tücke, Ziegelstücke Literatur. Sächsische Autoren entdecken in Bautzen falsche Hasen und Engel aus Freital.
Karin Großmann
Goethe schätzte Brunnenwässer. Gleich ging es seinen Nieren besser. Doch nicht allein das Versprechen nach Heilung zog den Dichter nach Karlsbad. Es lockte ihn auch nicht nur die Damenwelt. Der günstige Umtauschkurs war es, der Goethe zum Reisen bewog. Mit dieser bemerkenswerten Erkenntnis verblüffte der Literaturwissenschaftler Bernd Leistner am Sonnabend in Bautzen das Publikum. Er verblüffte doppelt: Leistner trug seinen Text hübsch gereimt in Knittelversen vor. Damit geriet er in seelenverwandte Gesellschaft. Zwölf Schriftsteller traten nach und nach auf das Podium - und fast alle zeigten eine geheime Neigung zum Komischen. Reine Heiterkeit freilich war es selten, Zynismus, Spott und Ironie schwangen mit. Sollte der schwarze Humor das neue Merkmal der sächsischen Dichterschule werden? Ist es für Literaten derzeit das brauchbarste Mittel, die Wirklichkeit zu ertragen?
Ländliche Bilder
Bautzen war am Wochenende Ziel eines Klassenausflugs. Schriftsteller, die der Klasse Literatur und Sprachpflege der Sächsischen Akademie der Künste angehören, trafen sich an der Spree zu ihrer Frühjahrstagung. Sie lernten Domowina-Verlag und Smolersche Buchhandlung kennen, unternahmen eine Exkursion über die Dörfer, hörten einen Vortrag über die Geschichte der sorbischen Literatur, sie besichtigten das Stasi-Gefängnis Bautzen II. Das neue Theater an der Ortenburg, das am Wochenende regelmäßig zu literarischen Veranstaltungen einlädt, bot den Rahmen für die gut besuchte Lesung am Abend. „Wetterwendisches“ hieß das Motto. Natur und Politik kamen zur Sprache, Volker Braun etwa verband beides in seinen Gedichten. Angela Krauß erinnerte an die Wende in einem Manuskriptauszug; da geraten Dallas-Fan und Demonstrant aneinander. Elke Erb entwarf ländliche Bilder mit Kuh und Esel, doch ganz frei von Sentimentalität. Rainer Kirsch bot eine Schauerballade von Anna Katarina, Engel aus Freital, die halb Sachsen ins Unglück gebracht haben soll. Kerstin Hensel las aus ihrem jüngsten Roman „Falscher Hase“: Bei einer Übung wird ein Volkspolizist zum Küchendienst abkommandiert, und von seltsamem Verlangen getrieben, prüft er die Schärfe der Messer. Christoph Hein brachte einen Auszug aus seinem Roman „Horns Ende“, der wie spätere Bücher von ihm in Bad Guldenberg spielt; einer aus dem Ort notiert, was die Einwohner einander antun an Falschheit, Gemeinheit und tapsiger Arglosigkeit.
Sechs Minuten für Lyriker, acht für Prosaisten: Mehr gestand Richard Pietraß seinen Kollegen scherzhafterweise nicht zu. Er moderierte den Abend gemeinsam mit Ró¸a Doma¨cyna. So viel Leichtigkeit und Freundlichkeit findet sich selten auf einem Podium dieser Art. Keine Rivalitäten, kein Platzhirschtrompeten. Doch wie viel Lust an der Sprache, am doppelsinnigen Wortspiel! Ein Autor wie Kito Lorenc ist darin Meister. Alain Lance, korrespondierendes Mitglied der Akademie in Paris, las eine Litanei von Mücken, Tücken und Ziegelstücken - furios, wie er durch die Reime ritt. Seine französische Fassung und die deutsche ergänzte Róza Domascyna auf Sorbisch. Da waren, sagte Lance, die drei von der Globalisierung bedrohten Sprachen beieinander.
Serbske Nowiny, 24. April 2006
Treffen sächsischer Schriftsteller in Bautzen Sorbische Angelegenheiten kennen gelernt
Bautzen (SN). Ein etwas ungewöhnliches Klassentreffen fand am vergangenen Wochenende in Bautzen statt. Schriftsteller – Mitglieder der Klasse Literatur und Sprachpflege der Sächsischen Akademie der Künste – trafen sich zu ihrer alljährlichen Frühjahrstagung diesmal in der Spreestadt.
Das recht umfangreiche Programm umfasste in diesem Zusammenhang auch sorbische Besonderheiten: das Kennenlernen des Domowina-Verlages und der Smolerschen Buchhandlung, die sonntägliche Exkursion durch sorbische Dörfer und eingehende Informationen über Geschichte und Gegenwart des kleinsten slawischen Volkes, die den Teilnehmern der Direktor des Sorbischen Instituts Prof. Dr. Dietrich ¦olta vermittelte. Den Domowina-Verlag stellte am Sonnabend in der Smolerschen Buchhandlung dessen Geschäftsführerin Marka Maæijowa vor.
Einer der Höhepunkte war zweifellos die Leseveranstaltung am Samstag im Bautzener Burgtheater. Schon die Namen der insgesamt 13 Teilnehmer garantierten ein zahlreiches Publikum: z. B. Christoph Hein, Volker Braun, Rainer Kirsch, Elke Erb und nicht zuletzt Kito Lorenc. Die Moderation übernahmen Ró¸a Doma¨cyna und Richard Pietraß. Mit der Vorstellung der einzelnen Teilnehmer konnten sie zugleich bekannte und teils noch unveröffentlichte Lyrik und Prosatexte ansagen. Ró¸a Doma¨cyna hatte den französischen Beitrag von Alain Lance, Korrespondierendes Mitglied aus Paris, sogar ins Sorbische übertragen.
Das Publikum jedenfalls hatte seine Freude an der illustren und vergnüglichen Veranstaltung, die erneut besonders die große Lust der Beteiligten am kreativen Sprachspiel zeigte.
(aus dem Sorbischen von Kito Lorenc)
Sächsische Zeitung 25. April 2006
Sorge um die Waben Centrum-Warenhaus. Die Akademie der Künste setzt sich für den Erhalt des Silberwürfels ein.
Stefan Rössel
Die Dresdner hängen an „ihrem" alten Centrum-Warenhaus in der Prager Straße mit der auffälligen Waben-Fassade aus Aluminium. Eine Bürgerinitiative setzt sich für den Erhalt des Silberwürfels ein, der zeitweise Hertie beherbergte. Jetzt nimmt sich auch die Akademie der Künste des Falles an.
Der niederländische Projektentwickler Multi Development (vorher AM Development) will auf dem Centrum-Gelände und dem benachbarten ehemaligen Restaurant International eine neue Ladengalerie errichten. Der Abriss des geliebten Würfels ist programmiert.
Mit einem Appell an den Stadtrat und die Bauverwaltung, sich für den Erhalt des Warenhauses oder zumindest seiner markanten Fassade einzusetzen, meldete sich die Klasse Baukunst der Akademie zu Wort. 26 Architekten und Baukritiker von Rang. Sie treibt die Sorge um, dass die Moderne der sechziger Jahre ganz aus dem Stadtbild getilgt werden könnte. „Dresden verfügt gerade in dem Ensemble der Prager Straße über einige der bedeutendsten Zeugnisse jener Bauperiode des ‘International Style’ in Europa", heißt es in der Erklärung.
Allerdings hat die Multi Development GmbH bereits erste Entwürfe für die neue Bebauung vorgelegt (die SZ berichtete). Möglich erscheint noch die Integration eines Teils der Wabenfassade. Für die endgültige Gestaltung des Komplexes wurde ein Wettbewerb unter Architekten gestartet.
Sächsische Zeitung 28. April 2006
Ansichten eines Sauriers. Redenreihe. Intendant Wolfgang Engel diskutiert über die Zukunft des Schauspiels
Rainer Kasselt
Der Intendant war entsetzt. Im Spielzeitheft des Leipziger Theaters antwortet der Schauspieler Tobias J. Lehmann auf die Frage nach der Zukunft des Theaters: „In hundert Jahren wird vielleicht niemand mehr wissen, wer Beethoven war. Aber es kommt etwas Neues. Es kommt immer etwas Neues."
Als sich die Erregung bei Wolfgang Engel (62) gesetzt hatte, stimmt er seinem jungen Kollegen zu. „Ob es das deutsche Stadttheater mit festem Ensemble in hundert Jahren noch geben wird, weiß ich nicht. Ich bezweifle es. Aber es wird etwas Neues geben." Engel war am Mittwoch in Dresdner Blockhaus Gast der Sächsischen Akademie der Künste in der Reihe „Perspektiven des Schauspieltheaters". Er war nach Michael Thalheimer, Ulrich Khuon, Hermann Beil und Volker Lösch der fünft und vorletzte Redner. Der Prager Dusan Parizek wird die gelungene Reihe am 17. Mai beenden.
Theater soll Fragen stellen
Engel hatte ein Heimspiel. Im Publikum saßen viele Zuschauen und Akteure, die sich an die Dresdner Zeit (1980-1990) des Leipziger Intendanten lebhaft erinnerten. Inszenierungen wie Müllers „Die Schlacht", Hebbels „Nibelungen", Kleists „Penthesilea", Becketts „Warten auf Godot" oder beide Teile des „Faust" (mit Engel in der Titelrolle) haben sich ins Gedächtnis der Theatergänger gegraben. Er selber nennt die Dresdner Zeit die „schönsten Jahre meines Lebens".
Im Gespräch mit Dieter Görne, der damals als Dramaturg in Dresden wirkte, bekannte sich Engel zum Prinzip des Stadttheaters. Er bezeichnete sich als einen „Saurier", sieht im Ensemble sein „Ein und Alles", will auf die Bühne „Zeitgenossenschaft vermitteln" und als Regie führender Intendant die unterschiedlichsten Regisseure an seinem Haus wirken lassen.
Er macht die Beobachtung, dass junge Zuschauer zunehmend gut gebaute Stücke mit klaren Strukturen bevorzugen, auch „einfache Wahrheiten" suchen. Die Leipziger Einführungen in die Stücke, „Monolog davor" genannt, sind überlaufen, finden mehr Zuspruch als die Publikumsgespräche „Dialog danach". Engel plädiert für ein Theater, das „fragen stellt und keine Antworten" gibt. Die Fantasie ist für ihn das schönste Spielzeug, und mit ihr sollte pfleglich umgegangen werden.
Pøed¾enak (Beilage der Serbske Nowiny), 5. Mai 2006
Literarische Eindrücke aus der Perspektive des Menschlichen
Dörte Brankaèkowa
Die Lausitz ist, was das Wetter angeht, wetterwendisch. „In der Lausitz habe ich das Wetter am elementarsten erlebt“, bekennt der Schriftsteller Volker Braun. Richard Pietraß hält Bautzen für eine Stadt, die manchem Sturm getrotzt hat. Sicherlich meint er nicht nur das Wetter. Diese beiden meteorologisch interessierten Autoren sind Mitglieder der Klasse Literatur und Sprachpflege der Sächsischen Akademie der Künste. Vom 21. bis 23. April führte diese ihre Frühjahrstagung in Bautzen durch.
Im Burgtheater hat die Literatur ihren festen Platz, sagt Peter Stahl bei der Eröffnung der Veranstaltung. An diesem Abend jedoch wurde die Kunst des Wortes auf ganz besondere Weise erlebbar. Dort, wo sonst nur ein Akteur auftritt, wirken in dieser Lesung 13 Autoren mit. Um solch eine Qualität und Quantität von Schriftstellern und ihren Texten muß der Mensch sonst sozusagen auf Reisen gehen.
Der große Saal hat seine Hüllen fallen gelassen. Die Literaten sitzen an der alten Stadtmauer. „Wir weilen als 10jährige Klasse in der 1000jährigen Stadt. Da kommt man sich vor, als wäre man ein Küken“, sagt Richard Pietraß. „Die Autoren fädeln sich vor dem geneigten Publikum auf“, erklärte er den Verlauf der Veranstaltung. Sechs Minuten für Lyrik, acht für Prosa, heißt das Zeitgesetz des Abends. Prägnant und kurzgefaßt stellen Ró¸a Doma¨cyna und Richard Pietraß die Akademiemitglieder vor.
Als erster liest Volker Braun aus einer Arbeit der 60er Jahre. „Die Wetter“ heißt das Opus. Etwas „sächselnd“ trägt er auch Auszüge aus neuesten Werken vor und überzeugt mit seinem scharfen, ironischen Blick auf die Gegenwart. Ró¸a Doma¨cyna liest als letzte der ersten Dreiergruppe. Die Dichterin, sorbisch und deutsch schreibend, spielt mit der Sprache, die Grenzen von Traditionen und Sprachen überschreitend. Sie zeigt die Musikalität, auch des Sorbischen, haben wir doch auch in Sachsen eine mehrsprachige Literatur. In den Gedichten von Ró¸ Doma¨cyna sind sogar die Sachen der Form lustvolles Spiel. Das Publikum bemerkt die Freude an Sprache und Klang.
Die Lyrikerin Elke Erb besieht aus Wuischke die Welt, und der Tschorneboh taucht aus einigen Gedichten empor, Gedichten, die sie mit ganz eigenwilliger Melodik, fast wie Musik, vorträgt. Der Lyriker, Essayist und Prosaist Peter Gosse läßt sich in seiner Textauswahl von den Eindrücken in dieser Stadt führen. Zur Erinnerung an den Besuch der Bautzner Gedenkstätte rezitiert er seine Nachdichtung eines Gedichtes eines russischen Häftlings. Als erster geht Christoph Hein zur Prosa über. Er liest aber nichts aus seinen neueren Werken, sondern einen Ausschnitt aus „Horns Ende“. Demgegenüber gibt Angela Krauß eine Probe aus ihrem neuesten Roman, der im Herbst erscheint. Am Ende der Veranstaltung liest Kito Lorenc aus veröffentlichten und unveröffentlichten Arbeiten – dichterische Erträge der vergangenen fünf, sechs Jahre. Beeindruckende Texte dies, denn aus ihnen erklingt auch ein Abschied.
Das Publikum ist herausgefordert, sich auf die verschiedenen Autoren und ihre Werke schnell einzustellen sowie sich in kürzester Zeit den unterschiedlichen Inhalten, Sprachstilen und Vortragsarten zu öffnen. Dafür aber wird es durch eine Fülle literarischer Eindrücke belohnt, geht es doch um Weltbeschreibungen aus der Sicht einer überaus menschlichen Perspektive.
(aus dem Sorbischen von Ró¸a Doma¨cyna)
Sächsische Zeitung, 19. Mai 2006
Redenreihe
Die Schwierigkeit mit Kleist
Der Prager Regisseur Du¨an David Paøízek diskutiert über die Zukunft des Schauspiels.
Rainer Kasselt
Ein junger Mann mit festen Prinzipien: Er engagiert sich für zeitgenössische Autoren. Er will auf dem Theater Geschichten erzählen. Er braucht dafür „sehr gute Schauspieler und sehr gute Texte“. Das Bühnenbild darf spartanisch sein. Der Regisseur hat sich nicht in den Vordergrund zu drängen. Er sei „ein reaktionärer Mensch“, sagt Du¨an David Paøízek. Und meint damit: Er sei kein Theater-Erneuerer, sondern einer, der sich zu „einfachen, konkreten Interpretationen von Stücken“ bekennt.
Als Kind im Westen
Seit vier Jahren leitet der 34-jährige Tscheche mit großem Erfolg das Prager Theater „Divadlo Komedie“. Ein reines Ur- und Erstaufführungstheater, das sich deutschsprachigen und tschechischen Autoren zuwendet. Paøízek nimmt für seine Intendanz in Anspruch, Stücke von Elfriede Jelinek, Werner Schwab, Thomas Bernhard oder Heiner Müller für das Prager Publikum erschlossen zu haben. „Da hatten wir großen Nachholebedarf.“
Paøízeks Vorliebe für deutsche Autoren erklärt sich aus seiner Biografie. Sein Vater, Schauspieler in Brno, wurde nach dem „Prager Frühling“ 1968 inhaftiert. Die Familie reiste später nach Wien aus. Der Vater arbeitete an vielen Bühnen des Westens. Sohn Du¨an sah bereits im Kindesalter Inszenierungen von Regisseuren wie Giorgio Strehler oder Claus Peymann. Er studierte Theaterwissenschaften in München, nach der Wende auch in Prag.
Paøízek ist am Mittwochabend im Dresdner Blockhaus sechster und letzter Redner der ambitionierten Reihe „Perspektiven des Schauspieltheaters". Sie wird veranstaltet von der Sächsischen Akademie der Künste, Klasse Darstellende Kunst. Der maßgebliche Initiator, Akademie-Vizepräsident Dieter Görne, führt anregend durch den Abend. Er freut sich, dass so unterschiedliche Theatermacher wie Michael Thalheimer oder Volker Lösch in der Reihe zu Wort kamen. Mit dem Auftritt von Paøízek erhalte die Reihe nun auch Internationalität, sagt Görne. Für das Theater sei die Vielfalt der Handschriften wichtig. „Es führen viele Wege nach Rom.“ Nur die Trittbrettfahrer, die Nachahmer der Nachahmer, sagt Görne, sind ein Ärgernis.
Die hohen Ideale des Stückes
Paøízek, der ein nahezu akzentfreies Deutsch spricht, steckt mitten in den Proben zu Kleists Drama „Prinz Friedrich von Homburg“ am Staatsschauspiel Dresden (Premiere: 10. Juni). Der Text sei schwer, die Sprache außerordentlich anspruchsvoll – er fühle sich quasi als Dolmetscher, sagt der Prager Regisseur. Die Dresdner Aufführung wird auf sechs Figuren reduziert. Eine Schwierigkeit des Stückes bestehe darin, dass es ideologisch oft missbraucht worden sei. Im Jahr 1934 „wurde die Reichstheaterwoche mit diesem Kleist-Drama“ in Dresden eröffnet, sagt Paøízek. Das alles müsse bei der Konzeption und Umsetzung beachtet werden. Ihn interessiert vor allem die Philosophie des Stückes, Kleists Ideale und Träume. „Das ist eine sehr ernsthafte und sehr schöne Aufgabe.“
Sächsische Zeitung, 26. Mai 2006
Lustvolle Gratwanderung Reihe. Sachsens Akademie widmet sich der Natur-Nachahmung.
Undine Materni
Anspruchsvoll und etwas verwirrend ist der Titel einer neuen gemeinsamen Veranstaltungsreihe der Sächsischen Akademie der Künste und der Sächsischen Landesstiftung Natur und Umwelt: „Dresdner Mimesis – Die Nachahmung der Natur in den Künsten". Den Auftakt bestritten am Mittwochabend auf äußerst ansprechende Weise die Dichter Rainer Kirsch und Peter Gosse vor leider nur spärlich besetzten Stuhlreihen im Saal des Blockhauses am Neumarkt.
Rainer Kirsch Dichter, Erzähler und Essayist lud im ersten Teil des Abends zu einem kurzen historischen Exkurs zur Erklärung des Mimesis-Begriffes ein. Poltrig-charmant, gewitzt und kenntnisreich umriss er in kurzer Zeit dessen Dimension, beginnend bei Platon über Aristoteles bis hin zu Goethe. Während Platon den Mimesis-Begriff einsetzt, um die Künste der Unwahrhaftigkeit zu verdächtigen und sie als Wirklichkeitsfälschung abzuwerten, sucht Aristoteles mit der v. a. an den literarischen Gattungen die Künste als realitätsbezogen und aus dem psychologischen Nachahmungstrieb des Menschen abgeleitet zu rechtfertigen.
Goethe schließlich entschied in seiner Theorie zwischen drei Methoden des Kunstschaffens, der Nachahmung, der Manier und schließlich dem Stil. Anschaulich demonstrierte Kirsch im Folgenden die Nachhaltigkeit des theoretischen Denkansatzes bei der Interpretation zweier Gedichte von Peter Gosse und Karl Mickel sowie dem Gesang des Frostgeistes in Henry Purcells Halboper „König Arthur" und J. S. Bachs 9. Invention F-Moll.
Im Folgenden ergriff der Leipziger Dichter Peter Gosse das Wort – leidenschaftlich sprachgewaltig und voller Lust an neuen Wortschöpfungen; nach einem kurzen Ausflug in die Musik, einem Stück aus Siegfried Thieles „Gesängen an die Sonne" wandte er dann seine Aufmerksamkeit der Bildenden Kunst zu: Baldwin Zettls wahnwitziger Maurer, der im babylonischen Turm die Beine an die bröckelnden Wände presst, ungläubig zum Betrachter aufschaut um dann weiter an seinem irrsinnigen Unterfangen festhält, die bröckelnden Steine im Inneren des maßlosen Bauwerkes zu befestigen, Volker Stelzmanns entwaffnend moderne Auffassung der Jesus-Gestalt im blauen Bademantel und schließlich zwei Landschaften Paul Cèzannes in ihrer magisch reduzierten Einfachheit waren Grundlage seiner Ausführungen.
Ein fürwahr opulenter und anregender Abend, auch Dank der Moderation durch Professor Dr. Dieter Görne, welcher während der anschließenden Diskussion unterhaltsames und Wissenswertes beizubringen wusste. Es soll weitere Veranstaltungen dieser Reihe geben und es bleibt zu hoffen, dass sich doch ein größeres Publikum zu neuen Gedanken über ein altes Thema verführen lässt.
Sächsische Zeitung 26. Juni 2006
Akademische Ahnen Die Sächsische Akademie der Künste beruft anlässlich ihres zehnjährigen Bestehens Mitglieder, die sie gern gehabt hätte.
Wolfgang David
Über tausend Jahre existiert der sächsische Stamm, eine Akademie der Künste leistet er sich seit zehn Jahren. An diesem Widerspruch vermag auch die „beinahe ernste Zuwahl" prominenter Ahnen sächsischer Kultur nichts mehr zu ändern. Eine „Sommerabenddreistigkeit" nannte Akademiepräsident Ingo Zimmermann das, was am Sonnabend im Dresdner Blockhaus veranstaltet wurde.
Heinrich Magirius verwendet sich für George Bähr. Dem Bau meister machte nicht nur Rivalenhäme zu schaffen, seine ambitionierten Pläne überforderten zudem das ingenieurtechnische Wissen der Zeit. Die Steinkuppel der Frauenkirche boxte er mit Hilfe Augusts des Starken durch. Was die Statik des Baus betraf, musste probiert werden. Bei aller Waghalsigkeit, das Ergebnis ließ sich bekanntlich sehen. Darum, aber auch eingedenk der Irrtümer des Kandidaten, so Sachsens einstiger Landeskonservator, plädiere er dafür, Bähr „aufzunehmen".
Holk Freytag, Intendant des Staatsschauspiels, kommt mit Besetzungssorgen. Vielleicht liegt es daran, dass das, was er zu Caroline Neuber vorbringt, wie rasch zusammengerafftes Schulwissen wirkt: Dass sie der Regellosigkeit des deutschen Theaters abhelfen wollte, sich dazu mit Gottsched verband und mit ihm ob seiner allzu starren Regelgläubigkeit wieder brach; dass sie, die den „Hanswurst" von der Bühne vertrieb, am Ende arm und verlassen starb. So richtig es ist, ihre symbolische Aufnahme in die Akademie als Wiedergutmachung zu bezeichnen: Dass mit der Neuberin, wie Freytag meint, der Siegeszug des deutschen Regietheaters begann, darf bezweifelt werden.
Ausgelassen sächselnd
Biografisch angelegt („Schon in frühester Jugend...") ist die Würdigung des Bildhauers Ernst Rietschel durch Wolfgang Holler, Stellvertretender Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und Chef des Kupferstich-Kabinetts. Seitenhiebe gegen die aktuelle Förderpolitik lockern seine sachkundigen Ausführungen auf: Bereits als Student sei Rietschel regelmäßig staatlicher Zuwendungen teilhaftig geworden, in einem Maße, das „unser ach so armes Land" kaum noch kenne.
Ausgelassen sächselnd stilisiert Joachim Herz, ehemals Chefregis-seur der Staatsoper Dresden, den Komponisten Richard Wagner zum Linksradikalen, der auch in späteren Lebensphasen gegen den Stachel gelöckt habe. So, indem er „vier Opern gegen das Kapital" schrieb, eine Anspielung auf den „Ring der Nibelungen". In seine Laudatio flicht Herz immer wieder Kalauer, den von der „freiheitlich-demografischen Abgründeordnung" beispielsweise.
Sein knappes Resümee: „Nähmern? Mir nähm 'n". Das von der Hitze gepeinigte Publikum belohnt den launigen Auftritt mit viel Applaus.
Dem Lyriker Thomas Rosenlöcher fällt Lessing zu. Keine leichte Aufgabe; Sorge, für „Zeigefingerartiges" Bewunderung heucheln zu müssen, habe ihn schon geplagt. Doch sei es ihm, etwa mit dem „Nathan", ergangen wie mit Beethovens Neunter: Man geht hin, weil man Karten hat, darauf gefasst, ein Ritual zu absolvieren - und dann ist es, als sei es das erste Mal.
Geschickt immunisiert sich Rosenlöcher gegen den Vorwurf mangelnder Kennerschaft des Lessingschen Werkes: Sei es nicht das Schicksal aller, die in Akademien aufgenommen würden, dass man über sie nicht mehr richtig Bescheid wisse?
In wohlfeile Kulturkritik, wie man sie bei solchen Anlässen erwartet, mischt er Sätze, die in punkto Schärfe keine Wünsche offen lassen: „Dieser Gesellschaft fehlt die Kultur, um zu merken, dass ihr Kultur fehlt."
Unakademisch improvisierend
Über die Pausen geleitete Andreas Böttcher mit Improvisationen. Dazu traktierte er meist sein Vibraphon, aber auch - wie um zu demonstrieren, dass es in einer Akademie nicht immer akademisch zugehen muss - schon mal das Pult oder die Wand.
MDR FIGARO 26. Juni 2006
Sächsische Akademie der Künste wird 10 „Eine Sommerabend-Dreistigkeit"
Die Sächsische Akademie der Künste feierte das 10. Gründungsjubiläum bescheiden. Dafür sorgten die Namen der neuen „imaginären Mitglieder" im Dresdner Blockhaus für Glanz! MDR FIGARO war dabei und traf Frauenkirchen-Erbauer George Bähr und Bildhauer Ernst Rietschel, die Schauspielerin Caroline Neuber, den Dramatiker Lessing und den Komponisten Wagner zum Interview.
Die „imaginären Mitglieder"
Von einer „Sommerabend-Dreistigkeit" sprach Präsident Ingo Zimmermann bei der Feier am 24. Juni: Damit meinte er die kecke Idee, der Sächsischen Akademie der Künste eine etwa 500-jährige Tradition anzudichten, um Mitglieder wie den Dichter Gotthold Ephraim Lessing, den Komponisten Richard Wagner, den Bildhauer Ernst Rietschel, die Schauspielerin Caroline Neuber und den Architekten und Frauenkirchen-Erbauer George Bähr berufen zu können. In ihren Laudationes schlugen Redner wie Staatsschauspiel-Intendant Holk Freytag zur Neuberin oder der Dichter Thomas Rosenlöcher zu Lessing elegant, aber meist kulturpessimistisch den Bogen ins Heute. Regisseur Joachim Herz lieferte ein Kabinett-Stück auf Richard Wagner: Darin verständigen sich zwei Kanzlei-Beamte, dass nicht seine Musik zähle, sondern sein Verhältnis zur „freiheitlich demagogischen Gründerväter-Verordnung".
Die Gründungs-Idee
Die Berufung dieser honorigen Sachsen post mortem liegt in der eher imaginären Tradition der Sächsischen Akademie der Künste begründet, wurde sie doch erst vor 10 Jahren unter nicht ganz einfachen Umständen gegründet. Die Idee bestand darin, Künstler aller Sparten und Geistesmenschen, die sonst oft als Eigenbrötler ihr Dasein fristen, zum Austausch zusammenzubringen und sich auch öffentlich in wichtige Belange der Kunst einzumischen sowie „die Überlieferungen des traditionellen sächsischen Kulturraums" zu pflegen.
Die Sächsische Akademie der Künste feiert ihr zehnjähriges Bestehen. „Freiheit und Anspruch der Kunst"
Vorgesehen war zunächst, den Freistaat in Sachen Kunst zu beraten, was aber dankend abgelehnt wurde. Auch die finanzielle Ausstattung durch das Land fiel zurückhaltend aus: 1,5 Mitarbeiter betreiben die Geschäftsstelle und das Archiv. Auf 227.000 Euro beläuft sich der Jahres-Etat inzwischen, 50.000 Euro davon sind für Projekte mit mittel- bzw. osteuropäischen Partnern gedacht. Allerdings gibt es inzwischen auch mehr als 100 namhafte Mitglieder, mit deren Hilfe das hehre Ziel, „Freiheit und Anspruch der Kunst gegenüber Staat und Gesellschaft" zu verteidigen, verfolgt werden kann. Zur Sächsischen Akademie gehören Architekten wie Günter Behnisch, Künstler wie Hartwig Ebersbach, Günther Uecker oder Carsten Nicolai, Theaterschaffende wie Peter Konwitschny oder Harry Kupfer, Autoren wie Volker Braun und Thomas Rosenlöcher sowie Musiker und Dirigenten wie Ludwig Güttler und Kurt Masur. Seit 2003 führt der Dresdner Ingo Zimmermann als Präsident die Geschäfte.
Bilanz: Engagement für die Nachkriegsmoderne
Was konnte und kann die Sächsische Akademie ausrichten? Ihr Sekretär Klaus Michael verweist auf die Rettung der Scharoun-Villa in Löbau, das Engagement der Akademie für die Nachkriegsmoderne, was sich beispielsweise im Einsatz gegen den Abriss der Prager Straße in Dresden manifestierte oder das Projekt „Atelier Neumarkt", das sich - wenn auch erfolglos - gegen eine historisierende Bebauung des Quartiers in Nachbarschaft der Frauenkirche aussprach.
Ausblick
Der „Reflexion" dienten Poetikvorlesungen, lautstark mischte sich die Sächsische Akademie in den vielstimmigen Chor der Rechtschreibreform-Gegner ein. Rede-Reihen zur Zukunft von Schauspiel und Oper dienten der Standortbestimmung. Fortgeführt wird die Regiewerkstatt. Eine neue Reihe soll sich ab 2007 mit den Perspektiven des Films und der Medienkunst beschäftigen. Geplant ist für 2007 ein Ausstellungsprojekt mit jungen deutschen und ungarischen Künstlern unter dem Titel „Sehnsucht! - Normalität!". Generell ausgebaut werden sollen die grenzüberschreitenden Projekte.
„Der Gesellschaft fehlt die Kultur, um überhaupt zu merken, dass die Kultur ihr fehlt." Thomas Rosenlöcher, Dichter, in seiner Rede über Lessings „Nathan".
„Als die Neuberin 1725 das sächsische Privileg bekam, Theater zu spielen, begann 275 Jahre vor Castorf, vor Schlingensief ... die beispiellose Entwicklung des deutschen Regietheaters, ... das Regietheater, das für ästhetische Genauigkeit steht - in Sprache und Erscheinungsbild." Holk Freytag, Intendant, in seiner Rede über Caroline Neuber.
Dresdner Neueste Nachrichten 27. Juni 2006
Niederschmetterndes Brücken-Urteil von der Kunstakademie
C. Springer
Die Waldschlösschenbrücke ist durchgefallen. Der geplante Betonbau ist „ästhetisch unattraktiv, banal und inaktzeptabel", schätzt die Klasse „Baukunst" der Sächsischen Akademie der Künste ein und meint, mit dieser Brücke würde sich Dresden „als Kunststadt nachhaltig blamieren". Doch nicht nur die Architektur der Brücke hält der Kritik der Baukunstfachleute nicht stand, auch die Wahl des Ortes, an der die Elbquerung gebaut werden soll, halten sie für einen schweren Fehler. Dies sei einer der „schönsten und empfindlichsten Abschnitte des Elbtals in Dresden", stellen sie fest, „und es herrscht wohl Einigkeit darüber, dass es wünschenswert wäre, wenn der Fluss und die ihn begleitenden Wiesen hier offen und unverbaut bleiben".
Diejenigen, die sich da so unmissverständlich äußern, sind nicht irgendwelche Schüler einer Klasse, die sich gerade mit Architektur und Brückenbau beschäftigt. Die „Klasse Baukunst" setzt sich aus 26 renommierten Fachleuten zusammen, darunter Architekten wie Axel Schultes, der das neue Bundeskanzleramt entworfen hat. Oder wie Günter Behnisch, der maßgeblich an der Gestaltung des Neubaus für die Akademie der Künste Berlin-Brandenburg am Pariser Platz in Berlin mitgewirkt hat. Unter anderem also Fachleute, die für herausragende Orte Architekturkonzepte entwickelt haben, die nicht nur dem Widerstreit verschiedener Interessen standhielten, sondern mittlerweile als weltweit anerkannte Beispiele für die hohe Qualität deutscher Architektur gelten.
Anlass der Stellungnahme zur Waldschlösschenbrücke war eine Mitgliederversammlung der Klasse „Baukunst" am Wochenende. Das Fazit der Kunst- und Bauexperten könnte für die Verfechter des Brückenstandorts und der gewählten Architektur nicht niederschmetternder sein. In dem Papier heißt es: „Die Sächsische Akademie der Künste lehnt das Projekt der Waldschlösschenbrücke ab. Sie tritt dafür ein, es zu Gunsten der Erhaltung des Weltkulturerbes Dresdner Elbtal ganz fallen zu lassen." Sollte es bei einer Brückenlösung bleiben, raten die Fachleute, „die besten internationalen Brückenbauer" zu einem neuen Wettbewerb um den besten Entwurf für die Elbquerung einzuladen.
Tageszeitung 27. Juni 2006
Ärger in Dresden
Knapp zwei Wochen vor der Sitzung des Welterbekomitees im litauischen Vilnius hat sich die Sächsische Akademie der Künste vehement gegen den Bau der Waldschlösschenbrücke in Dresden ausgesprochen. Der Stadt werde "dringend" empfohlen, das Projekt "neu zu überdenken", heißt es in einer am Montag in Dresden verbreiteten Erklärung der Klasse Baukunst. Die Unesco hatte das Vorhaben im Welterbegebiet Dresdner Elbtal scharf kritisiert. Langfristig droht nun die Aberkennung des Welterbestatus. Die architektonische Gestaltung der Brücke mit ihren Zufahrtsstraßen sei "ästhetisch unattraktiv, banal und inakzeptabel". Die Akademie trete dafür ein, den Brückenbau zu Gunsten der Erhaltung des Welterbestatus "fallen zu lassen". Der Klasse Baukunst der Sächsischen Akademie der Künste gehören unter anderem die Architekten Günter Behnisch, Peter Kulka und Joachim Schürmann an. Die Stadt stehe beim Brückenbau weder unter Zeitdruck noch unter einem unüberwindlichen Rechtszwang, so die Autoren. Die Fördermittel seien zeitlich nicht befristet oder an eine Elbquerung am vorgesehenen Ort gebunden.
Frankfurter Allgemeine Zeitung 27. Juni 2006
Mut zur Brückenlücke Akademie der Künste warnt Dresden
Wenige Tage bevor das Welterbekomitee der Unesco in Vilnius beraten wird, hat die Sächsische Akademie der Künste die Stadt Dresden „dingend" dazu aufgefordert, den Bau der Waldschlößchenbrücke zu überdenken. Gleichgültig ob das Dresdner Elbtal den Status Weltkulturerbe behalte oder nicht - Dresden würde mit dem Bau der Brücke einen schweren städtebaulichen und kulturellen Fehler begehen, heißt es in einer Stellungnahme der Akademie. „Dresden steht weder unter Zeitdruck noch unter unüberwindlichem Rechtszwang die Waldschlößchenbrücke jetzt und so zu bauen, wie sie geplant ist." Denn die Fördermitteln seien weder zeitlich noch an eine Elbüberquerung an der fraglichen Stelle oder eine Brückenlösung gebunden. Also habe die Stadt jede Freiheit, noch einmal kritisch über das Vorhaben nachzudenken.
Deutschlandradio Kulturnachrichten, 27. Juni 2006
Sächsische Kunstakademie kritisiert Bau der Waldschlösschenbrücke
Die Liste der Kritiker der geplanten Waldschlösschenbrücke in Dresden wird immer länger. Jetzt hat sich auch die sächsische Akademie der Künste zu Wort gemeldet. Sie empfahl der Stadt, das Projekt neu zu überdenken. Mit dieser Brücke würde sich Dresden als Kunststadt nachhaltig blamieren. Doch nicht nur die Architektur der Elbüberquerung empört die Fachleute der Akademie. Sie stören sich auch an der Wahl des Ortes, an dem die Brücke gebaut werden soll. Betroffen sei einer der schönsten Abschnitte des Elbtals, heißt es in der Erklärung. Die UNESCO lehnt die Brücke ebenfalls ab und droht damit, das Elbtal wieder aus dem Weltkulturerbe zu streichen.
Dresdner Neueste Nachrichten 30. Juni 2006
Notwendige Rettungsaktion für den Neptunbrunnen
Genia Bleier
Dresden ist mehr als Frauenkirche, Semperoper und Zwinger. Wertvolle steinerne Schätze schlummern noch im Verborgenen, weil die Mittel zur Sanierung fehlen. Das Städtische Krankenhaus Dresden-Friedrichstadt kann ein Lied davon singen. Als Erbin des Sommersitzes des Grafen Brühl bzw. von Camillo Marcolini hat die Klinik auch die größte barocke Brunnenanlage der Stadt in Gewahrsam: den Neptunbrunnen von Zacharias Longuelune und Lorenzo Mattielli. 1741 bis 1744 als Abschluss der Mittelachse des Parks errichtet, fristet er seit dem Bau der Chirurgischen Klinik um 1870 eher ein Randdasein. Was seiner Beliebtheit bei denen, die den Weg zur Gartenmauer finden, aber keinen Abbruch tut.
Nach ersten dringlichen Sanierungsmaßnahmen wie der Abdichtung des Brunnens kann das über 40 Meter breite, dreigeschossige Bauwerk inzwischen wieder fröhlich sprudeln. Täglich zwischen 12 und 13 Uhr sowie 15 und 17 Uhr ist nach Klinikangaben das Schauspiel zu erleben. Weitere Erhaltungsmaßnahmen aber übersteigen das Budget des kommunalen Krankenhauses. Seit Jahren werden Spender und Förderer für das angegriffene, teils gesprungene und abgeplatzte Sandstein-Kunstwerk gesucht. Der Verein Freunde des Krankenhauses Dresden-Friedrichstadt e.V. hat den Neptunbrunnen an oberster Stelle seiner Prioritätenliste stehen und bereits rund 9000 Euro zusammengetragen, so Kliniksprecherin und Vereinsmitglied Sabine Hunger.
Ein fertiges Sanierungskonzept nennt jedoch mindestens 1,7 Millionen Euro. Gestaffelt in einzelne Arbeitsschritte über einen Zeitraum von drei Jahren, könnte die Sanierung des wertvollen Denkmals sofort beginnen, wenn die nötigen Mittel zur Verfügung stünden. Die Sächsische Akademie der Künste appelliert jetzt an die Öffentlichkeit, den Dresdner Neptunbrunnen zu retten. Anlässlich ihres 800-jährigen Jubiläums solle die Stadt eine Spendenaktion starten, so der Vorschlag. Das Meisterwerk sei eine der bedeutendsten Brunnenanlagen des 18. Jahrhunderts in Europa und stehe dem berühmten römischen Wandbrunnen Fontana di Trevi an künstlerischer Höhe nicht nach, betont Akademiepräsident Ingo Zimmermann.
Freie Presse 13. Juli 2006
„Das Banalste, was es gibt" Kunstakademie will keine Elbbrücke
Dresden (ddp-lsc). Die Sächsische Akademie der Künste hat die Entscheidung der UNESCO zur Dresdner Waldschlößchenbrücke begrüßt. Die bisher geplante Brücke durch das Elbtal sei «ästhetisch nicht akzeptabel», sagte der Vize-Sekretär der «Klasse Baukunst» der Akademie, Jürgen Paul, am Mittwoch in Dresden der Nachrichtenagentur ddp. Die Klasse sei nach wie vor für den Verzicht auf eine Brücke an dieser Stelle.
Die bisher vorgelegten Konzepte seien allesamt nicht durchdacht, sagte Paul. Zum einen habe man sich die breiteste Stelle der Elbe für die Brücke ausgesucht, zum anderen beruhe die ganze Planung auf falschen Verkehrsprognosen. Es sei überhaupt nicht klar, wohin der durch die Brücke von Norden angezogene Verkehr im Süden der Stadt dann gelenkt werden solle. Sollte sich die Stadt dennoch für den Bau einer Brücke an dieser Stelle entscheiden, dann müsste ein völlig neuer, ästhetisch ansprechender Entwurf her, forderte Paul. Der jetzige Entwurf «ist das Banalste, was es gibt». Er machte sich dafür stark, in einem erneuten Wettbewerb die besten Brückenbauer der Welt einzuladen. Die geplante Elbquerung sei ästhetisch viel eleganter zu lösen.
Die Welterbe-Kommission der UNESCO hatte das Dresdner Elbtal am Dienstag wegen des geplanten Brückenbaus auf die Rote Liste der bedrohten gefährdeten Weltkulturgüter gesetzt.
Spiegel Online 12. Juli 2006
Welterbe Elbtal „Ästhetisch nicht akzeptabel"
Dresdner CDU-Politiker wollen am Bau der umstrittenen Waldschlösschenbrücke festhalten, auch wenn dadurch dem Elbtal der Entzug des Welterbe-Status droht. Die sächsische Akademie der Künste plädiert für einen Neu-Entwurf, der Kulturstaatsminister will einen Kompromiss. [...]
Doch in Sachsen regt sich Widerstand: Die Entscheidung der Unesco sei momentan nicht nachvollziehbar, sagte der sächsische Innenminister Albrecht Buttolo. Die Welterbe-Kommission sei bereits über die Pläne der Stadt Dresden für den Bau der Waldschlösschenbrücke informiert gewesen, als der Antrag zur Anerkennung des Elbtals als Welterbe-Stätte gestellt worden sei. [...]
„Ästhetisch nicht akzeptabel"
Das Unesco-Welterbe-Komitee hatte gestern auf seiner Tagung in der litauischen Hauptstadt Vilnius das Elbtal auf die „Rote Liste" der besonders gefährdeten Welterbe-Stätten gesetzt. Durch den geplanten Brückenbau drohe dem Tal-Ensemble ein unumkehrbarer Schaden, hieß es zur Begründung.
Die Entscheidung kommt zur Unzeit für die sächsischen Politiker, denn der Dresdner Stadtrat wollte eigentlich auf einer Sondersitzung am 20. Juli die Bauaufträge für den Brückenbau vergeben. Laut einer Umfrage der „Sächsischen Zeitung" wollen 57 Prozent von 293 befragten Dresdnern auf die geplante Waldschlösschenbrücke verzichten, um Weltkulturerbe zu bleiben. Einen erneuten Bürgerentscheid zu dem Bauvorhaben lehnten 56 Prozent der Befragten ab.
Die Sächsische Akademie der Künste begrüßte heute die Entscheidung der Unesco. Die bisher geplante Elbquerung durch das Elbtal sei „ästhetisch nicht akzeptabel", sagte der Vize-Sekretär der „Klasse Baukunst" der Akademie, Jürgen Paul. Die Klasse sei nach wie vor für den Verzicht auf eine Brücke an dieser Stelle.
Die bisher vorgelegten Konzepte seien allesamt nicht durchdacht, sagte Paul. Zum einen habe man sich die breiteste Stelle der Elbe für die Brücke ausgesucht, zum anderen beruhe die ganze Planung auf falschen Verkehrsprognosen. Es sei überhaupt nicht klar, wohin der durch die Brücke von Norden angezogene Verkehr im Süden der Stadt dann gelenkt werden solle. Sollte sich die Stadt dennoch für den Bau einer Brücke an dieser Stelle entscheiden, dann müsste ein völlig neuer, ästhetisch ansprechender Entwurf her, forderte Paul. Der jetzige Entwurf „ist das Banalste, was es gibt". Er machte sich dafür stark, in einem erneuten Wettbewerb die besten Brückenbauer der Welt einzuladen.
Auch der stellvertretende Generalsekretär der deutschen Unesco-Kommission, Dietrich Offenhäußer, warnte davor, mit dem Bau der geplanten Waldschlösschenbrücke in Dresden zu beginnen. „Das schlimmste, was jetzt passieren könnte, wäre ein Baubeginn der Brücke", sagte Offenhäußer. Ein Baubeginn hätte die sofortige Aberkennung des Status als Weltkulturerbe zur Folge.
Es gebe aber Alternativen zur gegenwärtigen Situation, sagte Offenhäußer. Die Unesco habe sich nur gegen die jetzige geplante Variante der Brücke ausgesprochen, nicht generell gegen eine neue Elbquerung. Es sei jetzt Aufgabe aller Beteiligten, auch der Welterbe-Kommission der Unesco, eine neue Lösung zu finden. Man sei sich, so Offenhäuser, „der Probleme dieser Situation sehr bewusst".
Kulturstaatsminister Bernd Neumann empfahl den Landespolitikern am Nachmittag, ihre Planungen im Hinblick auf die Waldschlösschenbrücke „ noch einmal zu überdenken, um den Status des Weltkulturerbes nicht zu gefährden". Neumann sagte: Ich empfehle der Stadt Dresden und der sächsischen Staatsregierung, mit dem Unesco-Welterbekomitee einvernehmlich einen Kompromiss zu suchen, der beiden berechtigten Anliegen gerecht wird." bor/AP/ddp/dpa
Taz 12. Juli 2006
Unesco droht, Dresden zu enterben
Dresden steht auf der „roten Liste" jener Orte, denen die Unesco eine Aberkennung des Titels „Weltkulturerbe" androht. Der Grund ist der geplante Bau einer riesigen Brücke über die Elbe und die Elbauen. Die Gegner des Bauwerks bekommen Aufwind.
Michael Bartsch
Ein Hochhaus vor dem Kölner Dom, Windräder vor der Wartburg, eine monströse Brücke über die Dresdner Elbauen? Die Unesco nimmt es genau, wenn es um den Schutz ihrer Stätten des Weltkulturerbes geht. Köln kam auf die „rote Liste" der Wackelkandidaten, denen die peinliche Aberkennung des Welterbetitels droht. In Thüringen genügte die öffentliche Diskussion, damit der Blick auf die Wartburg unberührt blieb. In Dresden hat das jedoch nicht gereicht, obschon dort seit Jahrzehnten um die geplante Elbbrücke gestritten wird. Weil die Planungen für die Brücke im Elbtal, einem 18 Kilometer langen Flussabschnitt, weiter laufen, hat das zuständige Unesco-Komitee nun auch Dresden auf die „rote Liste" gesetzt. Köln dagegen wurde schon für sein Einlenken belohnt und wieder von der Liste gestrichen.
Bereits im Frühjahr hatte ein Gutachten der Technischen Hochschule Aachen im Auftrag des in Paris ansässigen Welterbekomitees von einer „irreversiblen Schädigung der besonderen Qualitäten des Elbtals" gesprochen, sollte die so genannte Waldschlösschenbrücke gebaut werden. Sie zerschneide die Landschaft und füge sich nicht organisch ins Bild der übrigen Brücken ein. [...]
Parallel zum Brückenstreit hatte sich Dresden jedoch um die Aufnahme in die Liste des Weltkulturerbes beworben und 2004 diesen Titel auch erhalten. Brückengegner hatten bislang nur mit ökologischen Bedenken, den Kosten und der verkehrspolitischen Sinnlosigkeit des Bauwerks angesichts des rückläufigen Verkehrsaufkommens argumentiert. Nun kamen ästhetische Gesichtspunkte und die optische Vereinbarkeit mit dem „Gesamtkunstwerk Elbtal" hinzu. Eine maßgebliche Rolle spielte dabei der aus Dresden stammende Nobelpreisträger Günter Blobel, der Unesco-Generaldirektor Francesco Bandarin in Paris alarmierte.
Die Sächsische Akademie der Künste kritisierte das geplante Bauwerk, Ex-Bundestagspräsident Wolfgang Thierse und weitere 300 Unterzeichner protestierten: „Dieser Blick gehört der ganzen Welt!" Angesichts der sich abzeichnenden Alternative „Brücke oder Weltkulturerbe" kippte auch in der Bevölkerung die Stimmung. Nur etwa die Hälfte will nach Umfragen die Brücke um jeden Preis. Die Grünen verlangten deshalb bereits eine Wiederholung des rechtlich bindenden Bürgerentscheids.
Mit der Unesco-Entscheidung ist die Strategie der Stadtverwaltung gescheitert, Brückenbau und Erbestatus miteinander zu vereinbaren. Unverdrossen sollen indessen auf einer Sondersitzung des Stadtrates am 20. Juli die Bauleistungen für die Brücke vergeben werden.
Sächsische Zeitung 15. August 2006
Malerei. Max Uhlig zeigt "Südliche Weinstöcke" bei Wackerbarth in Radebeul.
Jens-Uwe Sommerschuh
Wenn Max Uhlig „auf Schloß Wackerbarth" in Radebeul ausstellt, also einer der hier bekanntesten Maler in einem der populärsten Altbauwerke des Elbtals zu Gast ist, dann passt das sowieso. Wer nun aber weiß, dass Max Uhlig, 1937 in Dresden geboren, seit Jahren oft im Süden Frankreichs weilt, auf einem Provence-Gehöft, in den Weinbergen unweit des Mont Ventoux, der weiß den genialen Einfall erst recht zu würdigen. Voilà, in den Prunksälen des Wackerbarthschen Sächsischen Staatsweingutes sind also Zeichnungen und Radierungen von Max Uhlig zu sehen, die Weinstöcke zeigen, Wein, Wein und gar nichts anderes. Die barocke Architektur macht sich drumrum ganz respektabel, ein nobler Rahmen für die Bildmotive, die in ihrer Individualität und Pracht, in ihrer Knorrigkeit und Frische über jeden Geschmack erhaben sind.
Ein Fest auch für die Dichter
Max Uhlig durfte sich am Sonntagvormittag zur Eröffnung seiner von der Sächsischen Akademie der Künste mitgetragenen Ausstellung über erlesenes Publikum und eine kluge Ansprache freuen, in der es von literarischer Deutungsprominenz nur so sprudelte. Denn zunftgemäß haben Dichter sowohl zum Wein als auch zur Kunst von jeher gescheite Gedanken aus der Feder gelassen. Auch Uhlig weiß einen feinen Text durchaus zu schätzen. In seinem von allem anderen aber abgekoppelten, sich oft ins Ekstatische, gleichwohl nüchtern Rauschhafte steigernden Zeichen- oder Malprozess ist er jedoch völlig allein mit sich und seinem Sujet.
In unmittelbarer Zwiesprache
Grad den neuesten Blättern unter den über zwanzig, die gezeigt werden, ist diese Bedingungslosigkeit wunderbar anzusehen und zu erkennen. Letztlich kann jeder mit eigenen Augen begreifen, dass laut Signatur am 15. Mai 2006 nicht Literatur noch sonst etwas zwischen dem Künstler und einem „Alten Weinstock, austreibend" gestanden haben kann. Da ist er mit diesem Pflanzenwesen in unmittelbare Zwiesprache getreten. Die Zeichnungen auf Folie, die Max Uhlig an jenem noch gar nicht fernen Frühlingstage schuf, gehören zum Direktesten, Intensivsten, Seelenvollsten, Großartigsten, was er uns auf kleinem Format bisher je gezeigt hat.
Kostbar auch die Blätter der Radierfolge "la Vigne", an die sich Natur-, Kultur- und Brückenschlagsmetaphern in Hülle und Fülle anbinden oder -mauern ließen. Doch, weiß der Himmel, diese Bilder genügen sich selbst. Max Uhlig beherrscht, neben der Gabe des Schmunzelns, vor allem die Kunst des Sehens, und er ist ein Meister im Übersetzen von Sichtbarem. in Zeichenhaftes. Das klingt leicht und erlernbar, aber ach! Wenn er uns einweiht wie hier, ist Stille angemessen und Innehalten unabdingbar. Solche Pflanzen, Früchte, Bilder wachsen nicht in Stundenkilometern.
Sächsische Zeitung 11. September 2006
Begegnung mit dem Schöpfer schwerer Kost
Jubiläum. Unter dem Titel „Beckett 100" geben jetzt im Societaetstheater eine Ausstellung, Lesungen und ein Stück Auskunft über den Künstler.
Monika Dänhardt
Wem beim Namen Samuel Beckett nur das Theaterstück „Warten auf Godot" einfällt, der sollte in den nächsten Tagen im Societaetstheater auf der Hauptstraße vorbeischauen. Dort geben gegenwärtig eine dokumentarische Ausstellung und mehrere begleitende Veranstaltungen Auskunft über Leben, Reisen, Wirken des irischen Autors. Obwohl Samuel Beckett, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre, sich selbst nicht als Intellektuellen bezeichnete, verschließen sich seine Arbeiten dem oberflächlichen Konsum. Es ist schon eine tiefere Beschäftigung mit ihnen nötig, um die besondere Welt zu entdecken, die sie bieten.
So braucht es schon einige Geduld und Zeit, um sich durch die 15 Stelen zu arbeiten, die sich im Foyer des Theaters befinden. Übersichtlich und detailgetreu zeichnet diese Exposition der Sächsischen Akademie der Künste den Lebensweg Becketts unter dem Blickwinkel seiner vielen künstlerischen Facetten. In dieser Dokumentation erfährt der Betrachter dabei bewusst viel über Becketts dreiwöchige Kunstreise nach Dresden 1937. Hier in Dresden, vor dem Gemälde Caspar David Friedrichs „Zwei Männer in Betrachtung des Mondes", fand Beckett beispielsweise wieder einen Zugang zur Romantik. Er hatte Begegnungen mit Will Grohmann, Gret Palucca, Ida Bienert.
Die Geburt war ihm Tod
Die Deutschlandreise fließt auch in die Inszenierung „Beckett. Ein Stück Monolog" ein - eine der Begleitveranstaltungen zur Ausstellung. Wobei diese Inszenierung in der Regie von Walter Henkel - sie erlebte am Sonnabend ihre erfolgreiche Premiere - den Zuschauern mehr Ästhetik, Stil und Arbeitsweise Becketts nahe bringen will. Bei ihm hat die Sprache einen ganz besonderen Klang, hinter den die Bedeutung der einzelnen Worte zurücktritt. Nur beim genauen Hinhören erschließt sich eine Art Geschichte, besser vielleicht Befindlichkeit. Schauspieler Ralph Martin bringt genau die Emotions-, nicht Teilnahmslosigkeit auf, die dies erleben lässt. Die „Geburt war ihm Tod" sagt die fast im Dunkel verschwindende Figur auf der Bühne und berichtet von Lebenserfahrungen jenseits des Lichtes. Erfahrungen mit einem ewigen Gleichmaß bis „zu wessen Grab?"
Der so vorgetragene Monolog hat Spannung und zieht den Zuschauer - auch durch die musikalische Begleitung von Peter Koch - in einen ganz besonderen Bann. Ein Abend, der Lust auf Beckett macht. Nach der Aufführung waren die Stelen fast ein bisschen umlagert.
Dresdner Neueste Nachrichten 11. September 2006
„Alle modernen Bilder hängen im Keller" Umfangreiches Beckett-Projekt startete im Societätstheater
Gabriele Gorgas
Dass Becketts Welt ein Universum ist, wir wissen es längst, und wer ein Zipfelchen davon zu fassen kriegt, hat es noch längst nicht in der Hand, bleibt immer weiter auf der Spur. So ist es auch ein dankenswerter Versuch, initiiert von dem in Dresden lebenden Regisseur Walter Henckel, jene Monate im Leben des damals noch wenig bekannten irischen Autors Samuel Beckett (1906-1989) zu beleuchten, in denen er sich auf eine abenteuerliche Reise durch Deutschland begibt. Am 2. Okto-ber 1936 geht Beckett in Hamburg von Bord, und er hat sich ausdrücklich vorgenommen, in Deutschland jede Art von Kunst wahrzunehmen. Besonders die Moderne, doch dafür sind es schlechte Zeiten; überall in den Museen werden herausragende Werke als „entartet" in die Depots verbannt.
Am 5. November 1936 hat Reichspropagandaminister Goebbels eine entsprechende Anweisung an alle Museumsdirektoren gegeben. In Hamburg verschafft sich Beckett noch Zugang zu den geschlossenen Abteilungen der Kunsthalle und des Museums für Kunst und Gewerbe, doch in anderen Sammlungen wie im Berliner Kronprinzenpalais gelingt ihm das kaum mehr. Mit Ausnahmen wie in Halle oder Erfurt beispielsweise sind die entsprechenden Räume versperrt und Bilder abgehan-gen. Beckett schreibt ins Tagebuch: „Die Tour ist ein Misserfolg. Deutschland ist grässlich. Das Geld ist knapp. Ich bin die ganze Zeit müde. Alle modernen Bilder hängen im Keller."
Doch der Ire lässt sich nicht aufhalten. Bis zum 1. April 1937 besucht er in offenbar 22 Städten diverse Museen, Galerien, Sammler und Künstler, no-tiert das Erlebte in seinen „German Diaries". Die 500 Seiten umfassenden Tagebücher werden erst nach dem Tode des Nobelpreisträgers 1989 im Kel-ler seines Hauses wieder entdeckt. Bislang erschien lediglich das Hamburg-Kapitel der Aufzeichnungen 2003 un-ter dem Titel „Alles kommt auf so viel an". Herausgegeben hat es in einer einmaligen Auflage von 150 Exemplaren und mit eigener Originalgrafik Roswitha Quadflieg als letzten Druck ihrer Raamin-Presse. Sie hatte dafür die Rechte bei Becketts Erben erworben. Mit „Beckett was here" (Hoffmann & Campe) ergänzt sie später diese Ausgabe mit weiteren Recherchen und zum Teil erstmals veröffentlichten Fotos.
Walter Henckel hat in Zusammenarbeit mit Wolff-U. Weder, unterstützt von der Sächsischen Akademie der Künste und weiteren Partnern, darunter auch die Dresdner Neuesten Nachrichten, innerhalb seines Beckett-Projektes eine Ausstellung konzipiert und realisiert, die seit dem Wochenende im Foyer des Societätatheaters dazu einlädt, sich mit reichlich Lesestoff, Bild- und dokumentarischem Material speziell auch auf die Kunstbegegnungen Becketts einzulassen. Die Ausstellung verweist insbesondere auf Becketts drei Wochen Aufenthalt in Dresden im Januar/Februar 1937, wo er beispielsweise mit Palucca und Will Grohmann, mit Friedrich Bienert und Ida Bienert zusammentrifft. Grohmann als profunder Kenner der Moderne beeindruckt ihn ganz besonders, und nicht minder findet er in der Privatsammlung von Ida Bienert Werke, von denen er sich erhofft hatte, sie in Deutschland zu sehen.
In den Kunstsammlungen bekommt er trotz seiner Ersuchen keinen Zugang zu den verbannten Gemälden, aber er hält sich viele Tage in der Sempergalerie auf, entdeckt für sich unter anderen den „Heiligen Sebastian" von Antonello oder von Caspar David Friedrich „Zwei Männer in Betrachtung des Mondes". Wie Beckett selbst und auch sein Biograf James Knowlson überliefern, gilt dieses Gemälde als das Urbild für das Stück „Warten auf Godot", für das Beckett bekanntlich 1969 den Nobelpreis für Literatur erhielt.
Zur Ausstellung gibt es ein bemerkenswertes Begleitprogramm. So wird beispielsweise am 16. September Erika Tophoven in Dresden zu Gast sein – sie transkripierte und kommentierte Becketts Aufzeichnungen für die erste Hamburger Ausgabe –, und am 24. September können wir Roswitha Quadflieg bei Lesung und Gespräch im Societätstheater begegnen. Am 17. September gibt es zudem eine weitere Aufführung von „Beckett. Ein Stück Monolog", das Walter Henckel mit dem Schauspieler Ralph Martin und dem Cellisten Peter Koch auf die Bühne gebracht hat. Dass er dabei sehr sparsam mit Szenischem umgeht, ist ihm hoch anzurechnen, wobei es trotz der wunderbar intensiven Off-Stimme von Christine Hoppe allein schon in der von Peter Koch musikalisch begleiteten Bildfolge im ersten Teil vielleicht ein paar Ideen hätten mehr sein können. Und Worte hören, sie gleichzeitig lesen und dazu Musikimprovisationen – da ist irgendetwas zuviel.
Den wenig bekannten Text „Ein Stück Monolog" von 1981, in dem Beckett spürbar wie mit einem Metronom die Monotonie der Worte, des Gedan-kens austestet, spricht Ralph Martin bewusst zurückgenommen, Man hätte ihn jedoch – trotz konkret benannter Anspielung – wahrlich nicht in einer Verkleidung mit Nachthemd und Socken auf die Bühne stellen müssen. Und sicher verträgt das Sprachspiel, das sich, wie alles von Beckett, garantiert nicht vordergründig erschließt, auch noch eine stärkere Konsequenz im Herangehen. Die beste Gelegenheit also, mein Lieblingszitat von Beckett anzuführen: „Alles seit je. Nie was anderes. Immer versucht. Immer gescheitert. Einerlei. Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern."
Dresdner Neueste Nachrichten 26. September 2006
Akademie der Künste stellt die „verschwiegene Bibliothek" vor
„Die verschwiegene Bibliothek" – so nennt sich eine Edition, die der Autor Joachim Walther seit dem vergangenen Jahr herausgibt. Sie publiziert Texte von Schriftstellern, die zu DDR-Zeiten aus politischen Gründen nicht veröffentlichen durften. Diese Texte entstammen dem „Archiv unterdrückter Literatur in der DDR", das Joachim Walther gemeinsam mit Ines Geipel zusammengetragen hat. In der Sächsischen Akademie der Künste will der Autor György Dalos heute Abend im Gespräch mit Joachim Walther auch über seine Erfahrungen mit unterdrückter Literatur in Ungarn und in der ehemaligen Sowjetunion berichten.
György Dalos, 1943 in Budapest geboren, ist Romancier und Essayist und gehörte 1977 zu den Begründern der demokratischen Opposition in Ungarn. Seit 1987 lebt er u. a. in Wien und Berlin. Joachim Walther, 1943 in Chemnitz geboren, Erzähler, Hörspielautor und Herausgeber, lebt in Grünheide bei Berlin. Er hat zahlreiche Publikationen zum Einfluss der Staatssicherheit auf die Literatur der DDR herausgegeben.
Sächsische Zeitung 28. September 2006
Vergessene Bücher Reihe. Die verschwiegene Bibliothek holt Texte hervor, die in der DDR keine Chance hatten.
Wolfgang David
Ist der Zensor das Negativ des Lektors? Natürlich nicht. Unterdrückt werden Bücher nicht, weil sie gut sind, sondern ohne Rücksicht darauf, ob sie es sind oder nicht sind. Die Arbeit an Pro-jekten wie der „verschwiegenen Bibliothek" wird durch dieses Wissen kaum leichter. 20 Bände soll sie umfassen, mit Texten, die in der DDR keine Chance hatten, gedruckt zu werden; die SZ berichtete mehrfach darüber. Die ersten fünf sind erschienen. Joachim Walther (Herausgeber) und der ungarische Schriftsteller György Dalos (Moderation) stellten sie am Dienstagabend im Dresdner Blockhaus vor.
Überfällige Ergänzung
Die in der DDR veröffentlichte Literatur nennt Walther einen „deformierten Textkörper", dem nun die überfällige Ergänzung zuteil werde. Kein Denkmal – Bücher hätten sich bei der Lektüre zu bewähren. Inwieweit dieser Anspruch berechtigt ist, lässt sich nach der Präsentation noch nicht sagen. Zumal sich vor das Gehörte Biografien schieben, angesichts deren man zu einem unbefangenen Urteil außerstande ist. Wer möchte über die Verse einer Zwanzigjährigen rechten, die ein Vierteljahrhundert Arbeitslager verbüßen sollte?
Einen starken Eindruck hinterlässt die Prosa der Thüringerin Gabriele Stötzer. Zu schreiben begann sie nach der politischen Haft. Einer der Texte fingiert das Gesuch, Prostituierte werden zu dürfen. Von den Rollenmustern, zwischen denen Frauen wählen könnten, sei sonst keines für sie lebbar. Abscheu vor jeder Art von Verstellung wie auch ihre starke Sinnlichkeit machten sie zur Außenseiterin. Ein Geständnis, das, da frei von Zynismus und Kalkül, imponiert.
Zirkus um Reiner Kunze
Kommt das Lesen etwas kurz weg, dauert das Zwiegespräch beider Autoren umso länger. Weshalb die Behörden der DDR auf Kritik durch Schriftsteller so überempfindlich reagiert hätten, will Dalos von seinem deutschen Kollegen wissen – das habe ihn schon immer beschäftigt. Walthers Erklärung befriedigt ihn nicht, und so beginnt der Ungar unversehens von den Vorzügen des heimatlichen Gulaschkommunismus zu schwärmen. So ein Zirkus, wie man ihn hierzulande um Reiner Kunzes Buch „Die wunderbaren Jahre" gemacht habe, sei im Ungarn der 70er undenkbar gewe-sen. Und erst in den 80ern! „Solange Sie nur schreiben, haben wir kein Problem mit Ihnen", habe ein Sicherheitsbeamter zu ihm gesagt. Dalos: „Hätten die zehn Jahre früher so zu mir gesprochen, wäre ich vielleicht gar nicht oppositionell geworden."
Dresdner Neueste Nachrichten 28. September 2006
Vielfalt im abgeschlossenen Raum György Dalos und Joachim Walther stellten in der Akademie der Künste die „Verschwiegene Bibliothek" vor
Tomas Gärtner
Was zu DDR-Zeiten in Ostdeutschland 'an Literatur veröffentlicht wurde, ist für Joachim Walther nicht vollständig: „einen deformierten Textkörper", nennt er das. Der Autor — Jahrgang 1943, durfte selbst in der DDR Romane und Erzählungen publizieren, ist aber als Verleger und Zeitschriften-Herausgeber aus politischen Gründen entlassen worden — trägt seit 2004 gemeinsam mit seiner Schriftsteller-Kollegin Ines Geipel zusammen, was in der DDR-Öffentlichkeit fehlte, im „Archiv unterdrückter Literatur in der DDR". Auf 40 000 Seiten ist das mittlerweile angewachsen. Im vergangenen Jahr hat er begonnen, zumindest einen Bruchteil davon bei der Büchergilde Gutenberg (Frankfurt am Main) herauszugeben, in der Reihe „Die Verschwiegene Bibliothek". Die bislang erschienen Bände hat er am Dienstag in der Sächsischen Akademie der Künste vor 18 Zuhörern vorgestellt, gemeinsam mit dem ungarischen Autor György Dalos.
„Wir erbringen den Nachweis, dass in einem abgeschlossenen Raum in der DDR eine sehr vielfältige Literatur entstanden ist", meint Walther. Da sind zum einen die Briefe, die Edeltraud Eckert 1950 bis 1955 aus der Haft schrieb. Sie saß, weil sie Flugblätter verteilt hatte. Außerdem aufgenommen ist in den Band „Jahr ohne Frühling" ihre Lyrik — Gedichte, zum Teil im Rilke-Ton, voll Liebessehnsucht und dem Gefühl von Verlorenheit. Zum anderen ist da die Prosa von Gabriele Stötzer („Ich bin die Frau von gestern"), entstanden ab 1977, nach einem Jahr Haft aus politischen Gründen. Stücke, die sie selbst „Textgedichte" nannte, radikal feministisch, experimentell. Manche klingen ein bisschen wie Manifeste — gegen Unehrlichkeit, gegen das Verschweigen, sprechen von Verstümmelungen, vom Gefühl des Eingesperrt-Seins. Aber das geht bei ihr tiefer, in die Psyche, ins Unbewusste, zurück zu uralten mythischen Grundmustern.
Ganz anders die Prosa und die Spottverse von Ralf-Günter Krolkiewicz („Nirgends ein Feuer mehr"). Dafür hatte er ein Jahr im Gefängnis sitzen müssen. Ernsthafter wiederum ist „Puppe im Sommer", die Erzählung von Heidemarie Härtl (sie war einige Jahre mit dem Schriftsteller Gert Neumann verheiratet). Sie knüpft an die sprachkritische Tradition an. Der Leipziger Radjo Monk dagegen wählt die unmittelbare Form des Tagebuchs, um das eine Jahr von Oktober1989 bis Oktober 1990 einzufangen („Blende 89").
Dalos kann über das Ausmaß der Zensur in der DDR nur den Kopf schütteln: „Absurd, dass die Angst vor Büchern mit Auflagen von 3000 Exemplaren hatten. Diese Angst kannte man in Ungarn nicht." Die Strategie des kommunistischen Sicherheitsapparates sei dort eine andere gewesen: Die Schriftsteller von der politischen Opposition zu trennen.
Wollen die Texte der „verschwiegenen Bibliothek", so ließe sich fragen, nachträglich Gerechtigkeit herstellen? Haben sie lediglich literaturhistorische Bedeutung? Walther ist entschieden anderer Ansicht: „Das ist keine tote Literatur, die nur Erinnerung bewahrt. In der Diktatur entstanden, gehen diese Texte über die Diktatur hinaus."
Dresdner Neueste Nachrichten 23. Oktober 2006
Schönheit als Randerscheinung
Heidrun Hannusch
Der Satz am Ende klang wie eine Beschwörung, wie ein Mutmacher für die Entmutigten. „Wenn man jetzt noch fünf bis zehn Jahre weiter macht, kriegt man das hin", sagte Jörn Walter, Stadtplanungschef in Hamburg und meinte eine Innenstadt, die mehr als ein Fragment ist. Davor fielen Sätze wie: „Das neugebaute Dresden ist keine besonders schöne, aber auch keine besonders hässliche Stadt." Und: „Die Architektur in Deutschland ist an sich besser geworden. Aber in Dresden ist sie nicht besser als anderswo."
In einer Stadt, deren Überzeugungs-Slogan lauten könnte „Schön, schöner, Dresden", ist das wenig, zu wenig. Aber Schönfärberei war nicht der Auftrag der Klasse Baukunst der sächsischen Akademie der Künste, als sie sich am Sonnabend zu einem Kolloquium zum Thema Städtebau und Architektur in Dresden seit 1990 traf.
Eine gewisse Ernüchterung darf aber nicht wundern angesichts der Euphorie am Anfang. Kunstwissenschaftler Jürgen Paul erinnerte daran, dass 1990 Dresden und Leipzig die größten Wachstumschancen in Europa zugeschrieben wurden. Alles war groß - wie der Plan für das Lingner-Areal, wo 1,7 Milliarden Mark verbaut werden sollten, oder hoch, wie der Turm des nie realisierten Lennepark-Zentrums. Und zahlreich die „unseriösen Ideen aus Wolkenkuckucksheim" (Paul), wie der Plan von Roland Ernst, aus dem Erlweinspeicher ein Kunsthaus zu machen, in dem 100 Picassos gezeigt werden sollten. Alles maßlos, die Pläne, die Selbstüberschätzung und die Zögerlichkeit auch. Und doch, vieles, was entstand, ist durchaus vorzeigbar, wie sie Ex-Baubürgermeister Gunter Just mit seinen präsentiertenBeispielen bewies: darunter die Richter-Siedlung Trachau, mehrere Universitätsbauten, das Lukas-Areal, Reihenhäuser in Hellerau. Und natürlich, auf dem Kolloquim als Erfolgsgeschichte gewürdigt: die Äußere Neustadt. Aber: Um die „Leuchttürme", also die ganz guten, abzuzählen, reiche ihm eine Hand, sagte Architekturhistoriker Falk Jaeger. Und die fünf genannten sind die fünf bekannten: Synagoge, Landtag, Benno-Gymnasium, Gläserne Manufaktur, Ufa-Palast. Und nur einer davon, und zwar die Synagoge, habe auch wirklich internationales Format. Ja, da sind noch die SLUB oder das Bundeswehr-Casino. Zum Beispiel. Jürgen Paul nannte noch andere wie den Ammonhof oder das „Haus der Biologie" der TU, das Max-Planck-Institut oder das neue Gebäude der Palucca-Schule.
Archiktektonische Schönheit als Randerscheinung. Denn das fällt auf, die schöneren Neubauten findet man seltener in der engeren Innenstadt, nicht an den Plätzen, die eigentlich Prestige versprechen. „Ein Armutszeugnis, Architektur von Charakterlosigkeit und Einfalt", so JürgenPaul zur „Prager Spitze" am Wiener Platz. Auch Dresdens Vorzeigeplatz, der Neumarkt, kommt nicht wirklich gut weg. Architekt Dieter Schölzel formulierte noch dezent. Das „Hotel de Saxe" befriedige nicht ganz, beim Cosel-Palais sei etwas schief gelaufen. Über Manches auf der Töpfergasse könne man streiten. Und eine Passage wie im Quartier F sollte in anderen Quartieren nicht wiederholt werden, man wolle doch die Höfe offen halten. Peter Kulka wurde eine ganze Spur deutlicher. „Ich habe noch nicht einen Leitbau in Gänze, nicht einmal eine Leitfassade in Gänze gesehen", kommentierte er bisher Gebautes. Und die moderne Architektur sei unendlich schwach. „Man kann dazu stehen, dass es Disneyland ist", sagte er. „Aber dann sollte man nicht von Kunst reden." Annette Friedrich, Stadtplanerin in Heidelberg, sprach von „Scheinleitbauten". Man müsse überlegen, wie man Nachbauten handwerklich meisterlich hinbekomme. Bei den bisherigen Neumarktbauten, so Friedrich, klaffen Anspruch und Wirklichkeit auseinander. Im Pausengespräch wird mancher noch schärfer. Die Einkaufspassage im Quartier F sei total misslungen, sagt Jürgen Paul. In Zukunft, so Schölzel, müsse am Neumarkt die Gestaltungssatzung noch strikter gefasst werden.
Dresden hat ein Platz-Problem. Und das in zweierlei Hinsicht. Zum einen mit seinen innerstädtischen großen Plätzen, von denen nicht einer wirklich gelungen ist. Der Altmarkt müsse weiter gebaut werden, in seiner jetzigen Form sei er „ungenießbar", hieß es. Der Wiener, wie schon gesagt. Der Postplatz mit der neuen monströsen Haltestelle, die den Mittelpunkt an die Seite verlegt, auch nicht das Wahre.
Und Platz im Sinne von Leere ist die andere Schwierigkeit. Noch zu viele Brachen, zu viele Lücken, die die Innenstadt zerrissen erscheinen lassen. Was also tun? Diese Frage versuchte das Kolloqium in einer abschließenden Podiumsdiskussion zu klären. Zum Füllen der Leere machte Carlo Weber einen Vorschlag, der nicht ohne Charme ist. Für Plätze, denen es derzeit an Investoren mangelt, eine temporäre und grüne Nutzung, einfach Bäume pflanzen, Rasen wachsen lassen. Der Postplatz als Garten. Sich Zeit zu lassen, dafür plädierte auch Falk Jager. „Es ist Unsinn, die Stadt in einer Generation vollklotzen zu wollen." Und wenn klotzen, dann in der Innenstadt. „Ziel ist es, das Wachstum in der Innenstadt zu lokalisieren", sagte auch Baubürgermeister Herbert Feßenmayr. Aber wie tut man das, ohne nur Mittelmäßigkeit zu produzieren? Man brauche erstklassige Architekten, zweit- oder drittklassige zu holen, das misslinge, sagte Annette Friedrich in der Diskussion über Neumarkt und Wiener Platz. „Aber wie kann man zweit- und drittklassige Investoren vermeiden?" fragte Architekturkritiker Wolfgang Kil nach. Feßenmayr verwies auf mangelhafte Investoren-Nachfrage noch vor wenigen Jahren. „Und wenn sie gezwungen sind, mit denen zu arbeiten, können sie die nicht zu Spitzenleistungen treiben", wurde er deutlich, ohne konkret zu werden. Die Nachfrage steigt wieder und damit die Hoffnung.
Und was können die Architekten selbst tun? Vielleicht Mut haben. Über die Moderne am Neumarkt sagte Peter Kulka: „Ich bemängele, dass man sich den Mut nicht erlaubt."
Sächsische Zeitung 13. Oktober 2006
Thema: Städtebau und Architektur seit 1990 Dresden hat sein Disneyland
Der Architekt Peter Kulka hält den historisierenden Neumarkt für misslungen. Die Stadt könne nicht durch Heile-Heile-Segen wieder aufgebaut werden.
Neumarkt, Schloss, Frauenkirche – Dresden gilt vielen inzwischen als Stadt der Denkmalkopien. Was halten Sie davon?
Was ist in Dresden Kopie, was ist echt? Das ist an vielen Stellen gar nicht mehr zu differenzieren. Das sind Träume von einer Sache, die die meisten nicht kannten. Für mich stehen diese Bauten dafür, dass Dresden in allem Unglück auch immer Glück hatte. Es war ein Glück, dass Dresden nach dem Krieg nicht unter den damaligen Bedingungen sofort wiederhergestellt wurde. Es war ein Glück, dass es Leute gab, die versuchten, die Reste von Semperoper, Frauenkirche und Schloss zu bewahren. Die Dresdner selbst haben große Anstrengungen beim Wiederaufbau gemacht und dann war es ein großes Glück, dass der reiche Bruder aus dem Westen solidarisch war. Es ist eine enorme Summe in die Stadt geflossen. Es wurde zum Teil gut genutzt. Es wurde Altes bewahrt, und Neues hinzugefügt. Beispielhaft ist für mich das Altstädter Elbufer, die Synagoge und der Abschnitt vom Landtag bis zum Kongresszentrum. Als Stadterweiterung ist das angemessen und maßstäblich – ohne den Preziosen der Altstadt den Rang abzulaufen.
Welche städtische Struktur hat Dresden für Sie?
Dresden ist leider längst nicht mehr dieses über Jahrhunderte gewachsene Stadtensemble, in dem verschiedene Zeitschichten und Stadtviertel harmonisch nebeneinander existieren. Heute ist Dresden sehr viel offener und fragmentarischer.
Alt und Neu fügt sich aber nicht zusammen. Es gibt keine städtebauliche Verbindung, oder?
Dresden besteht wegen des Verlustes eines urbanen Stadtzentrums aus Vierteln von unterschiedlicher Architektur und Funktion. Die einzelnen Bevölkerungsgruppen haben sich außerhalb des Zentrums ihre Viertel gesucht, so zum Beispiel die Jugend die Neustadt. Wieder entstanden auf ganz neue Weise ist das Einkaufsviertel auf der Prager Straße. Dieses in der DDR entstandene Neubaugebiet ist ein wichtiger Beitrag der DDR-Architektur der 60er/70er Jahre. In jüngster Zeit wächst das Bewusstsein der Dresdner für die Qualität dieser Straße. Sie wurde nach 1990 verdichtet und angepasst an die neuen marktwirtschaftlichen Bedingungen. Das größte Problem Dresdens ist, diese unterschiedlichen Teile zu vernetzen. Die Frage ist, ob das Sinn hat oder ob man sich andere Strategien ausdenken muss, um zwischen diesen ungleichen Teilen erlebnisreiche Stadträume zu schaffen. Zum Beispiel stellt sich die Frage, ob man in diesen Zwischenräumen nicht auch wohnen kann. Dresden wird nie mehr die Stadt werden, die es vor der Zerstörung war. Will man das? Highlights hat Dresden genug. Was die Stadt im Zentrum braucht, ist ein Stück Normalität. Die Weiterentwicklung Dresdens in die Zukunft wird kaum nach dem Heile-Heile-Segen-Prin-zip funktionieren.
Dieses Heile-Segen-Prinzip ist für Sie der historisierende Wiederaufbau des Neumarkts und am liebsten der ganzen Stadt?
Ich war acht Jahre alt, als Dresden zerstört wurde. Vieles wurde im Nachhinein idealisiert. Niemand möchte heute mehr in Häusern leben, in denen kein Sonnenstrahl in die Wohnung fällt. Nach dem Aufbau der Frauenkirche stand sie einsam wie eine Kaffeekanne auf dem Präsentierteller. Jetzt hat die Umbauung den Maßstab wieder hergestellt. Allerdings bezweifle ich, dass der Neumarkt als Vorbild für die übrige Stadt gelten kann.
Haben Sie Bedenken gegen den Wiederaufbau der Kirche?
Nein. Dieses einmalige Bauwerk hat große identitätsstiftende Wirkung. Bei der Ausmalung des grandiosen Innenraums habe ich allerdings so meine Zweifel. Es verniedlicht diese Kirche und hat mit unserem modernen Lebensgefühl so sehr nicht zu tun.
Das Coselpalais ist für Sie ein „Puderdöschen". Welche Zukunft geben Sie dem Neumarkt?
Den Leuten wird suggeriert, die Bauten seien Originale. Dem ist nicht so. Oft sind die historischen Fassaden nur auf Beton appliziert, und dahinter befinden sich ganz andere Strukturen und Funktionseinheiten. Für mich wirken all diese Bauten sehr kraftlos und ich fürchte, sie werden es bleiben. Die momentane Seligkeit der Menschen beim Anblick des Neumarkts erschreckt mich ein wenig, andererseits mache ich mir Gedanken, was die Ursachen dafür sind. Ich stelle mir die Frage, an wen wendet sich dieses Disneyland? Man glaubt, es handle sich um die eigene Identität, aber es ist nicht einmal die Identität der Vorfahren. Von Leitbauten war die Rede, aber außer der Frauenkirche selbst finde ich eigentlich bisher keinen wirklichen Leitbau im Neumarkt-Viertel.
Im Gegensatz dazu kommt moderne Architektur in den Herzen vieler Dresdner kaum an. Wieso?
Es ist eine unbestimmte Angst vor dem Neuen. Moderne Architektur vermittelt kaum wie die traditionelle durch Masse und Ornament Geborgenheit. Sie wird industriell gefertigt, und viele Gremien reden mit. August der Starke konnte machen, was er wollte. Wenn Sie heute bauen, müssen Sie zahllose Leute beteiligen und die Entwürfe zigmal ändern. Gute Architektur zu machen ist unter diesen Bedingungen sehr schwer. Alle glauben, sie könnten da mitreden. Eine Stadt ist kein Wohnzimmer, das sich jeder nach eigenem Geschmack einrichtet, sondern ein öffentlicher Raum. Solche Debatten über moderne Architektur gibt es überall. Aber es wird nirgends mit einer solchen Selbstgefälligkeit diskutiert wie in Dresden. Das finde ich erschreckend. Diese Diskussionen haben oft provinzielle Züge. Ich frage mich, ist es schon wieder die Stadt hinter den sieben Bergen? Welche Zukunft hat Dresden? Dresden muss auch Ort für eine progressive Jugend und deren Vorstellungen werden. Im Moment scheint es mir zu viele Liebhaber der älteren Generation zu geben.
Gespräch: Petra-Alexandra Buhl
Sächsische Zeitung 23. Oktober 2006
Der Neumarkt braucht mehr Qualitätsbauten
Diskussion. Architektur und Städtebau stehen in Dresden am Scheideweg: Wie entwickelt sich die Stadt jetzt weiter?
Petra-Alexandra Buhl
Mit dem Wiederaufbau der Frauenkirche hat Dresden ein architektonisches Juwel mit internationaler Ausstrahlung. Beim Kolloquium „Stadt Raum Fluß" der Sächsischen Akademie der Künste ging es unter dem Kunsthistoriker Jürgen Paul am Sonnabend darum, wie ihr Niveau künftig auf andere Stadtbauten übertragen werden kann.
Die Entwicklung von Städtebau und Architektur seit 1990 wurde sehr differenziert beurteilt: Neben wenigen herausragenden Solitären entstanden in der Stadt viele Investorenbauten, die eine künstlerische Gestaltung vermissen lassen. Amumstrittensten war die Bebauung des Neumarktes nach historisierendem Vorbild. Die etwa 100 Teilnehmer des Kolloquiums waren mehrheitlich der Ansicht, dass diese Bauten nicht als Leitbild für die Innenstadt gelten dürfen.
Das Bau-Interesse wird größer
Es fehle vor allem an der handwerklich meisterlichen Leistung dort, kritisierte Annette Friedrich, ehemals Stadtplanerin in Dresden, nun in Heidelberg tätig. „Der Anspruch hätte viel höher sein müssen, das darf man nicht einfach in drittklassige Hände geben." Der geplante Ansatz der Leitbauten sei gar nicht ernsthaft betrieben worden.
Baubürgermeister Herbert Feßenmayer (CDU) verteidigte den Neumarkt: „Man kann einen Investor niemals mit vielen Überredungen zu Spitzenqualität anreizen." 2001 hätten alle Banken abgelehnt, am Neumarkt zu investieren. Die Öffentlichkeit aber habe einen raschen Fortschritt in diesem Gebietverlangt. Weil die Investoren derzeit nicht Schlange stehen, könne sich die Stadt nicht leisten, potenzielle Bauherren durch hohe Qualitätsanforderungen zu vergraulen.
„Die Marktlage wird am Neumarkt besser werden, deshalb kann und muss man die Qualitätsan-sprüche an die Bauten dort auch höher schrauben", so Jörn Walter, jetzt Oberbaudirektor in Hamburg, früher in Dresden tätig. Problema-tisch ist für ihn auch die Bautätigkeit am Wiener Platz, am Altmarkt sowie am Postplatz. „Es ist die Achillesferse der Konzepte, dass sie auf Gründerzeit-Grundrissen entstehen. Dresdens Innenstadt war immer eine Stadt des Mittelalters." Dresden habe seit der Wende zu wenig in die Innenstadt investiert aufgrund der hohen städtischen Schulden. Nun müsse dort dringend etwas geschehen — mit neuen Konzepten. Problematisch ist für den Berliner Architekturkritiker Wolfgang Kil, dass Dresden abseits des alten Zentrums abrupt abbrichtund verödet. „Zwischen Postplatz und World Trade Center ist nichts als Steppe. Deshalb funktioniert auch der Postplatz nicht." Der Architekt Peter Kulka kritisierte, „der Postplatz ist ungenießbar, dabei ist der Zwinger mindestens genauso bedeutend wie die Frauenkirche. Jetzt liegt er hilflos da vor lauter Licht und Lampendesign."
Familien für die Innenstadt
Für die künftige Entwicklung der Stadt hat Engelbert Lütke-Daldrup, Staatssekretär im Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung den Wunsch, dass Dresden weniger Investorenprojekte und Hotels genehmigt. Wichtiger sei, Bauherren für die Innenstadt zu finden, die Urbanität schaffen, indem sie bezahlbaren Wohnraum für junge Familien anbieten. Dresden sei bereits jetzt eine moderne Stadt, sagte Jürgen Paul. Sie werde also solche von den Dresdnern aber kulturell nicht akzeptiert. Vielleicht ändert sich das ja bald.
Sächsische Zeitung 23. Oktober 2006
Die Rendite ist beim Bau gefragt
Dresdens ehemaliger Baubürgermeister Gunter Just sagt, „das Abenteuer Dresdens heißt bis heute Stadtreparatur." Die Sorgen, die er in den Bauboom-Zeiten nach der Wende hatte - er nannte es „Abwehrschlacht" - seien berechtigt gewesen: „Bauherren sind heute nicht mehr selbstbewusste Bürger der Stadt und nicht die öffentliche Hand. Bauherren sind Investoren, die gar nicht hier wohnen und vor allem renditeorientiert bauen." Die Planer müssten nun in Maß und Rhythmus zurückfinden zu Straße und Platz, neue Gebiete für sich entdecken. „Der Neumarkt ist das Herzblut der Bürger. Aber außerhalb des 26er Rings harren noch ungefähr zehn Quadratkilometer Brache einer Bebauung.
Die Innenstadt bleibt Sorgenkind
Die Probleme sind bekannt: Baubürgermeister Herbert Feßenmayr (CDU) sagte, Bevölkerungsentwicklung, Wirtschaftswachstum und Steuereinnahmen weisen derzeit nach oben. Ob das künftig reicht, um Dresden Investitionen zu sichern, ist unklar. Sicher sit: Es werden fast nur private Investoren bauen, weil die öffentliche Hand sparen muss.
Feßenmayr sagt, innenstadtnahe Brachen müssten in einen Vorteil verwandelt und entwickelt werden. Voraussetzungen dafür seien Vorgaben für Neubau und Abriss sowie Flächennutzungsplan und ein neues Leitbild. Städtische Eingriffe wird es kaum geben. „In der Innenstadt darf man nichts beschränken", so Feßenmayr.
Die Synagoge ist Dresdens Juwel
Architekturkritiker Falk Jaeger ist der Ansicht, dass Dresden in seiner Imagewerbung mit dem Schwerpunkt Barock Etikettenschwindel betreibt. Allerdings sei nach der Wende auch nur wenig bedeutsame, qualitativ hochwertige Architektur als Gegengewicht in der Stadt entstanden. Die bedeutendsten Bauten seien der Landtag, das St. Benno-Gymnasium, der Ufa-Palast und die Gläserne Manufaktur sowie die Synagoge. „Sie ist das einzige Bauwerk der Nachwendezeit in Dresden, das internationalen Rang hat. Dresden aber will sich nicht mit der Synagoge identifizieren." Im Vergleich zu diesem Bau sei die Gläserne Manufaktur wesentlich präsenter - dank der PR-Kraft von VW.
Neumarkt zeigt den Wertewandel
Für den Kultursoziologen Karl-Siegbert Rehberg ist die Rekonstruktion des Neumarktes in dieser Form Ausdruck eines gravierenden Wertewandels, „Zeichen einer geschichtstrunkenen Nostalgie". Noch nie sei eine Epoche so vergangenheitsbezogen gewesen wie die gegenwärtige. Der rasche Wandel der Moden in einer globalisierten Welt und Kultur fördere dies und die Rückbesinnung auf Vergangenes zur Identitätsstiftung. In Dresden drückten sich darin auch die Folgen der „Enteignung der eigenen Geschichte durch die SED-Diktatur" aus. Den Neumarkt so zu bebauen, dürfe als Anknüpfung an die Traditionen des „Refugiums bürgertums" gelten, das Hans Nad1er beschworen habe.
Mehr Grün wäre manchmal besser
Carlo Weber ist dagegen, jede Brache in Dresden so schnell wie möglich zu bebauen. Dabei träten häufig Fehler auf, die hinterher kaum wieder gutzumachen seien. „Es wäre oft besser, wenn wir erst einmal temporären Dingen den Vorzug geben würden, die nur auf eine Generation festgelegt werden", so Weber. Grünzäsuren täten Dresden an vielen Orten gut. So schlug Weber vor, den Postplatz gestalterisch mit Bäumen aufzuwerten. Da bislang rund um den Platz keine prägnante Architektur vorhanden sei, die mit dem Zwinger korrespondiere, müsse die Wirkung des Platzes gemildert werden. Vielleicht hätten kommende Generationen bessere Ansätze, diesen Ort zu gestalten.
Erfolgsgeschichte Äußere Neustadt
Die Sanierung der Äußeren Neustadt nach 1990 hält Architekt Andreas Friedrich – der selbst daran beteiligt war – für insgesamt gelungen. „Das ist authentische Stadt mit sehr viel Atmosphäre - etwas, das wir am Neumarkt nie haben werden." Probleme gebe es dort, wo die Flanken offen seien, zum Beispiel auf der Brache an der Bautzner Straße. Auch der Abschnitt Königsbrücker Straße zwischen Bischofsweg und Post sei in sehr schlechtem Zustand. Die Zukunft der Neustadt liege im Primat der Fußgänger und dem Schwerpunkt kinderfreundliche Stadt. Zu fragen sei jedoch, ob die aufwendige Sanierung der Äußeren Neustadt nicht zulasten anderer Stadtteile gegangen sei.
Dresdner Neueste Nachrichten 24.10.2006
„Diese Einkaufspassage ist ein Skandal"
Heidrun Hannusch
„Wie könnt' ihr bloß so was machen?", fragte ein auswärtiger Freund und schob mit einer Spur Süffisanz in der Stimme noch das Wort „Schildbürger" nach. Wir saßen des nachts vor dem Steigenberger Hotel, eigentlich der ideale Platz, um den Neumarkt so als großes Ganzes zu genießen. Wäre da nicht ein hellst erleuchtetes Detail, das sich vor Frauenkirche, vor den Rest des Areals schiebt und den Blick-Genuss zu einem heftig gestörten macht - es sei denn, man liebt Tiefgaragen-Aus- und -Einstiegshäuschen.
Dass auf dem Neumarkt nicht nur etwas falsch steht, sondern manches schief läuft, das resümierte nun die Akademie der Künste. Und jetzt geht es nicht nur um falsch platzierte Details, sondern um mehr. Es geht um Qualität, die fehlt, um Mogelpackungen, um das Auseinanderklaffen von Anspruch und Wirklichkeit und um Bauherren.
„Diese Passage im Quartier F ist ein Skandal", sagt Ex-Baubürgermeister Gunter Just. „Da hat man uns italienisches Flair versprochen und jetzt fehlt da jegliche Noblesse", wird er direkt. „Das ist die schlechteste Einkaufspassage, die in Dresden gebaut wurde", meint der Architekt. Nichts von der Qualität, die man hätte erwarten dürfen neben der Frauenkirche, dafür miserable Materialien, ein grob verarbeitetes Glasdach ohne eine Spur von Eleganz, das außerdem den Ausblick biete auf zum großen Teil triste Rückfassaden. Vorne Neumarkt, hinten Beliebigkeit - auch mancher Tourist, von der Fassade verführt, ist desillusioniert, sobald er eintritt.
Das „Hotel de Saxe" bekam in der Akademiesitzung ebenso seinen Teil Kritik ab. Als eine Art Mogelpackung, drinnen Hotelnutzung über den ganzen Block, draußen auf die Fassade kaschierte Kleinteiligkeit. Und ähnlich wie in der Quartier-F-Passage, im Innenraum ein Glasdach, das eine wenig überzeugende Hinterfront offenbart. „Eigentlich sollten die Höfe offen gehalten werden", formulierte Architekt Dieter Schölzel den bisher nicht eingehaltenen Anspruch.
Tatsächlich ist das Neumarkt-Problem eines des Anspruchs. War man doch angetreten, der Frauenkirche den rechten Rahmen zu geben. Jetzt sprach die Akademie von zweit- und drittklassiger Architektur, von Handwerk beim Historie-Nachbau, dem die Meisterlichkeit fehle, von Leitbauten, die es bisher nicht wirklich gibt. Jahrelang ist erbittert gestritten worden zwischen Verfechtern der Moderne und der Historie. Jetzt ist keiner von beiden glücklich. „Die bisher fertiggestellten Quartiere bleiben zum Teil weit hinter diesen Forderungen zurück", äußerte sich gestern die Gesellschaft Historischer Neumarkt. Die andere Seite hatte schon während des Kolloquiums eine Moderne beklagt, die am Neumarkt keine Kraft zeige.
Wenn man bedenkt, dass es der Neumarkt war, wo nach mehreren städtebaulichen Fehlschlägen an anderen Stellen der Innenstadt endlich alles richtig laufen sollte, beschreibt das Urteil der Akademie ein zumindest teilweises Scheitern. Aber vielleicht eines, das noch in einen Erfolg umzumünzen ist. „Wo müsste man nachsteuern?" fragte beim Kolloquium Jörn Walter, Stadtbaudirektor in Hamburg. Und sagte einen Kernsatz: die Ansprüche nach oben schrauben. Wie man das tun kann, dafür lieferte der Architekturhistoriker Falk Jaeger ein Beispiel aus Berlin. Da nehme die Bauverwaltung Einfluss auf die Architektenwahl der Investoren, und zwar, ohne großen Widerspruch zu dulden. Nicht ganze Blöcke für eine Nutzung freigeben, forderte Walter. Und Engelbert Lütke Daldrup, Staatssekretär im Bundesbauministerium, meinte, dass man, um Kleinteiligkeit zu erreichen, andere Bauherren suchen sollte, solche, die eben nur ein kleineres Haus bauen. Dafür müsste allerdings die Stadt ihre Vermarktungsstrategien ändern. Wie Kunsthistoriker Jürgen Paul erzählte, habe es einen Investor gegeben, der vorhatte, nur das Dinglinger-Haus - aber das originalgetreu - wieder aufzubauen. Keine Chance, die Stadt wollte nur das gesamte Quartier VI im Paket an den Mann bringen.
Eine andere Möglichkeit wäre, sich Zeit zu lassen, nicht an den erstbesten Investor zu verkaufen, sondern auf den besten zu warten. Und zwischendurch auf ein paar Millionen verzichten. Ansonsten könnte man an besonders misslungene Bauten ein Schild anbringen mit den Spruch: „Sorry, wir brauchten das Geld. Ihre Stadtverwaltung Dresden".
Sächsische Zeitung 24. Oktober 2006
Kritik ist berechtigt. Reaktion. Gesellschaft Historischer Neumarkt ist für qualitativ bessere Bauten rund um die Frauenkirche.
Petra-Alexandra Buhl
„Die bisher fertiggestellten Quartiere bleiben zum Teil weit hinter den höchsten Qualitätsanforderungen zurück", sagt Torsten Kulke von der Gesellschaft Historischer Neumarkt Dresden e.V.
Er nimmt damit die Kritik an der historisierenden Bebauung dieses Gebietes auf, die am Wochenende auf einem Kolloquium der Sächsischen Akademie der Künste laut wurde. „Es ist gut, dass auch die historische Fassadengestaltung nochmals hinterfragt wird mit dem Ziel, eine Qualitätsverbesserung zu erreichen", so Kulke. Die Diskussion um einzelne Bauten am Neumarkt sei berechtigt und wichtig. Für problematisch hält Kulke die Nutzung der Keller, aber auch die Art der Fassaden-, Dach- und Grundrissgestaltung. Genau dies seien auch die Hauptforderungen des Bürgerbegehrens 2002 gewesen.
„Die seitens der Stadt bestehenden Regularien haben sich als nachbesserungswürdig erwiesen", so Kulke. Der Weg, Stadtreparatur auf diese Weise zu betreiben, sei aber insgesamt richtig.
Serbske Nowiny 9. November 2006
Das Meer. Die Insel. Das Schiff.
Christine Ruby
Gestern Abend waren Ro¸a Doma¨cyna und Kito Lorenc zu Gast in der Sächsischen Akademie der Künste. In einer Lesung, die einen Einblick in die sorbische Dichtung aus fünf Jahrhunderten gab, stellten sie das Buch "Das Meer. Die Insel. Das Schiff." einem interessierten Hörerkreis im Dresdner Blockhaus vor. Professor Ingo Zimmermann, Präsident der Akademie, begrüßte die beiden Poeten, die auch Mitglieder der Institution sind, herzlich mit einem Deutungsversuch des triadischen Titels. Ob er damit die Gedanken des Herausgebers Kito Lorenc getroffen hatte, konnten die Zuhörer selbst herausfinden.
Abwechselnd lasen Doma¨cyna und Lorenc, dabei wichtige Schriftsteller der sorbischen Sprache vorstellend, deutsche Übersetzungen sorbischer Lyrik. Waren die ersten Beispiele von Liedtexten oder Sinngedichten oft noch anonym, fielen später bekannte Namen: Handrij Zeiler, Georg Sauerwein, Jakub Bart Ci¨insky, Lan leinert, Marja Krawcec, Benedikt Dyrlich, Beno Budar.
Manchen Zuhörern mag die Heiterkeit, der Witz, die scheinbare Leichtigkeit der Texte überrascht haben – zu wenig ist davon im deutschsprachigen Raum bekannt. Die Lesung der beiden Autoren, besonders ihre uneitle, aufgeräumte Vortragsweise, kann dazu beitragen, dass sich das ändert. Gespannt, amüsiert oder nachdenklich folgten die Hörer dem "Weberschiffchen Sprache, das zwischen Meer und Insel hin und her fährt".
Professor Zimmermann dankte den Gästen seines Hauses für die Öffnung einer Schatztruhe, in der zweisprachige Lyrik sorbischer Autoren warte, entdeckt zu werden. Etwas Stolz des Mitautors der Sächsischen Verfassung klang mit, als er auf die darin verankerte freie Entwicklung der sorbischen Kultur hinwies.
Das Buch kommt nicht zuletzt mit einem grandiosen Vorwort des Herausgebers sowie einem von ihm besonders gewürdigten Nachwort des Slawisten Professor Prunitsch aus Bayern auf seiner Entdeckungsreise entgegen: Hier werden Zusammenhänge, Hintergründe und ein großes Stück der "slawischen Seele" angesprochen, öffnen Tür und Tor für eigene Erkundungen. (Originaltext in sorbischer Sprache)
Dresdner Neueste Nachrichten 27. November 2006
Kontrastreicher Dialog zwischen Leipzig und Litauen Porträt von Bernd Franke und Mindaugas Urbaitis im Dresdner Blockhaus
Alexander Keuk
Eigentlich könnte das „binationale Gesprächskonzert" in der Sächsischen Akademie der Künste Vorbild für ähnliche Veranstaltungen zeitgenössischer Musik sein. In der schon im letzten Jahr begonnenen Reihe stellt sich ein Komponist der Akademie mit einem Werk vor und bringt einen weiteren Komponisten mit, dessen Musik Ansatzpunkt für einen Dialog bildet. So entsteht eine Stunde Musik, dazu lernt man die Komponisten kennen, erfährt im Podiumsgespräch (moderiert von Jörn-Peter Hiekel) Details aus der Werkstatt oder auch Gedanken zur Kunst, die die Tonschöpfer aktuell bewegen.
Dieses Mal stellten sich im Dresdner Blockhaus der Leipziger Bernd Franke und der litauische Komponist Mindaugas Urbaitis mit jeweils einem Streichquartett vor. Erschreckend war dabei, wie wenig wir vom reichhaltigen Musikleben Litauens kennen: Der Namensgeber der Interpreten, Mikolajus Constantinas Ciurlionis, ist zumindest im Osten der Republik noch ein Begriff. Die Verbreitung und auch die spezielle Faktur der Musik ist historisch begründet; Mindaugas Urbaitis betonte im Gespräch den Wendepunkt, der bei vielen osteuropäischen Komponisten Mitte der 70er Jahre im Euvre zu beobachten ist. Bernd Franke er innerte außerdem an die „singende Revolution" im Baltikum - lebendige Musik als Zeichen von Identität und Heimat wird dort anders ge pflegt als hierzulande. Die Hinwendung zu minimalistischer beziehungsweise reduktiver Musik ist in Litauen dagegen nicht nur mit Begeisterung für Amerika zu erklären, sondern liegt sogar in der eigenen Volksmusik begründet.
So war Urbaitis' „Quartetto per archi" auch ein Stück, dass mit wenig Material vor allem bewegte Flächen erzeugte. Die schwebende Atmosphäre wurde vom Ciurlionisquartett aus Vilnius treffend wieder gegeben. Einen starken Kontrast bildete das uraufgeführte Quartett „The way down is the way up" von Bernd Franke, dennoch gab es eine Gemeinsamkeit in der Bearbeitung der „musikalischen Freiheit" innerhalb einer Partitur. Franke gestaltete in sechs knappen Sätzen deutli che Pole zwischen gestauter Energie und frei fließenden Gedanken. Auch dieses Werk interpretierten die litauischen Musiker mit großem Engagement und einer hohen Spielkultur. Die insgesamt gelungen zu nennende Konzertform ist in zwei Punkten noch verbesserungswürdig: wenn die Musikhochschule als Kooperationspartner annonciert ist, wundert man sich (wie auch in anderen Konzerten in der Stadt) stark, wo denn die Studenten überhaupt sind. Das Konzert vermittelte neue Musik auf angenehme, lockere Weise, außerdem wäre Kontakt zu Interpreten und Komponisten möglich - somit entgangene Chancen. Der zweite Fakt ist ebenfalls oft beobachtet: In Gesprächskonzerten schweigt das Publikum beharrlich, obwohl sich jeder seine Gedanken macht. Das ist nicht zuletzt für die Komponisten schade, für die das Feedback zumeist eine wichtige Grundlage der Arbeit bedeutet.
|