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Pressestimmen 2007


DPA 9.2.2007

Kunstakademien warnen Dresden vor Verlust des Weltkulturerbe-Titels

Dresden/Berlin (dpa)

Die Akademien der Künste Berlin und Dresden haben im Zusammenhang mit dem
umstrittenen Brückenbau in Dresden vor dem Verlust des Weltkulturerbe-Titels und den Folgen für den Denkmalschutz in Deutschland gewarnt.

In einer Erklärung vom Freitag mahnten sie, die Planung zum Bau der umstrittenen Waldschlösschenbrücke «nochmals im Grundsatz und ohne Vorbehalte» zu diskutieren. Die zu Grunde liegenden Verkehrsprognosen seien überholt, die geplante Flussquerung «ästhetisch deutlich verbesserungsfähig».

Das «wunderbare Zusammenspiel» von Stadt und Landschaft sei für die langfristige wirtschaftliche, kulturelle und touristische Entwicklung Dresdens von hoher und unersetzlicher Bedeutung, der Schutz dieser Qualitäten unabdingbar. «Die Zerstörung des Elbtals wäre irreversibel», hieß es. Notwendig seien - auch im Sinne der Baukultur in Deutschland - gründliche Neuüberlegungen, um der Verantwortung für den Erhalt einer einmaligen Stadt- und Flusslandschaft gerecht zu werden.

Um das 160 Millionen Euro teure Brückenbauprojekt wird seit langem unter Befürwortern und Gegnern debattiert. Der Bau bedroht den Status des Dresdner Elbtals als UNESCO-Weltkulturerbe. Der Rechtsstreit zwischen Stadt und Freistaat um den Brückenbau liegt nach einer misslungenen Vermittlung erneut beim Oberverwaltungsgericht Bautzen, das bis Ende Februar entscheiden will. Das Gericht hatte den Parteien im November 2006 zu einer außergerichtlichen Einigung geraten.

Sachsen und damit das Regierungspräsidium beharren auf dem Bau, weil er auf einem Bürgerentscheid vom Februar 2005 beruht. Dresden sucht dagegen nach der Kritik der UNESCO nach möglichen Alternativen. Experten hatten vorgeschlagen, entweder für diesen Brückenstandort mit einer kleineren Querung zu planen oder den Standort selbst in Frage zu stellen.




Leipziger Volkzeitung 12.3.2007

„Oberer Durchschnitt"
Symposium über Leipziger Architektur seit der Wende
Stadtentwicklungskonzept kommt 2008


Peter Krutsch

Wenn es um die Zukunft der Stadt geht, scheut Baubürgermeister Martin zur Nedden (SPD) keine Superlative: „Sie hat mit ihrer Komptaktheit das Potential, eine der prägnanten Städte des 21. Jahrhunderts zu werden." So lautete eine seiner Schlussfolgerungen nach dem Symposium „Selbstbild und Leitbild: Kritische Bilanz der Architektur- und Stadtentwicklung seit 1990". Acht Tage lange analysierten Experten - eingeladen von der Klasse Baukunst der Sächsischen Akademie der Künste und vom Baudezernat - das städtebauliche Woher und Wohin. Darauf aufbauend, so zur Nedden, solle „das integrierte Stadtentwicklungskonzept" - die Strategie für den Umbau in den kommenden Jahren - erstellt werden. Das Papier werde 2008 vorgelegt, versprach der Bürgermeister.

Wichtig für den Blick nach vorn ist der Blick zurück. Welche Fehler wurden in der Ära des Ex-Planungschef Engelbert Lütke Daldrup (parteilos) gemacht? „Es gab einen, sagen wir mal, sorglosen Umgang mit niveauvoller moderner DDR-Architektur", so Thomas Topfstedt vom Institut für Kunstgeschichte der Leipziger Universität. Was aus Messehaus am Markt, Petershof oder Messehof entstand, ist keinesfalls besser als das, was vorher da war. „Dahinter stehen Investitionen, die nur sich selbst ausstellen wollen." Annette Menting, Professorin für Baugeschichte und Baukultur an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur bescheinigte Leipzig ebenfalls, nach der Wende einen „oberen Durchschnitt" in Sachen Architektur nicht übertroffen zu haben. Mit wenigen Ausnahmen wie dem KPMG-Gebäude. „Das Positive: Es gab unter Lütke Daldrup öfter den Versuch, Probleme über Wettbewerbe zu lösen. Auf der anderen Seite war die Vorgabe, städtebauliche Konturen zu wahren, bei Neubauten eindeutig zu wenig", meinte Menting. „So entstehen selten große Würfe oder architektonische Aussagen, die identitätsstiftend sind."

Topfstedt warnte vor einem Vergessen der Hauptpost am Augustusplatz. „Es geht ganz schnell, dann ist das Objekt weg." Auch beim Umgang mit Gründerzeitbauten habe oft Fingerspitzengefühl gefehlt, konstatierte er. „Ich bin froh, dass nun mit der Stadt in den Bereichen Gründerzeit und DDR-Bauten ein Diskurs eröffnet wurde. Vor und nach Olympia gab es eine bestürzende Zunahme von Abrissen - und keine Diskussion darüber." Leipzigs historischer Bestand sei ein gewichtiges Pfund, betonte auch Marta Doehler-Behzadi vom Büro für urbane Projekte. Zudem gehe es nicht nur um Häuser, sondern um soziale Strukture. „Sich nur auf den Ausbau der City zu konzentrieren, hieße, die Probleme nur hinauszuschieben."

Denkmalschützer Wolfgang Hocquel wies auf 15 000 Baudenkmäler der Messestadt hin. Da seien 2000 mehr als im Land Schleswig-Holstein. „Die Gründerzeitquartiere sind ein ungeheurer Schatz", so Topfstedt. Leipzig sei als Bürgerstadt gewachsen, ergänzte Klaus Michael, Präsidialsekretär der Sächsischen Akademie der Künste. „Aber die Übertragung der bürgerlichen Gesellschaft eins zu eins auf das Heute ist nicht mehr möglich."

Wer außer Investoren kann überhaupt noch aktiv werden? „Es gab den Vorschlag, Brachen als Kulturräume der Freien Szene zu nutzen. Wir waren uns einig, dass solche Impulse wichtig sind. Aber sie reichen zur langfristigen Kultivierung nicht aus." Die Baumwollspinnerei sei eine positive Ausnahme.

Um in Sachen DDR-Bauten einen Diskurs in Gang zu bringen, ist ein Buch in Arbeit, das diese Objekte in Leipzig alle beschreibt. „Die Dokumente haben wir zusammen", so Topfstedt. „Jetzt muss gedruckt werden."




Dresdner Neueste Nachrichten 19.3.2007

Mehr Qualität am Neumarkt gefordert
Klasse Baukunst der Akademie der Künste beriet über „Schule des Bauens"


heha

Um wenig geht es nicht am Neumarkt. Sondern um eine „Schule des Städtebaus" im Umgang mit der Wiederherstellung historischer Substanz. So formulierte es Prof. Werner Durth am Sonnabend nach einer Fachtagung der Klasse Baukunst der Sächsischen Akademie der Künste. Solche Tagungen sind eher für grundsätzliche Verständigung über ein Thema da, nicht für das Tagesgeschäft. Und doch, einem ganz hundfesten Ratschlag haben die Fachleute der Stadtverwaltung gegeben: bitte auf mehr Qualität achten!

Wenn man so etwas fordert, dann heißt das auch, bisher kann man noch nicht zufrieden sein. In der Pressekonferenz im Anschluss an die Tagung wurden zuerst die Leitbauten genannt. Die hatte man zunächst auf Leitfassaden-Niveau geschrumpft, und jetzt stimmen noch nicht einmal die im Detail. Bemängelt wurden zum Beispiel die Stuckarbeiten im VVk-Areal, die nicht den Ansprüchen genügen. Aus der Klasse Baukunst kam auch der Vorschlag, die Zahl der Leitfassaden zu verringern und dafür wenige, aber dann richtige Leitbauten vom Keller bis zum letzten Dachziegel zu errichten. Torsten Kulke vom Verein Historischer Neumarkt regte an, der Stadtverwaltung eine Kommission mit Fachleuten zu bilden, die Bauherren in Sachen qualitätsvolle Leitbauten en Detail berät.

Aber der Qualitätskontolle sind Grenzen gesetzt, wie auch Baubürgermesiter Herbert Feßenmayr (CDU) anmerkte. „Der Eigentümer hat auch Rechte", sagte er. Und das Baugesetzbuch steckt diesen Rahmen relativ weit. Aber da die Stadt nicht mehr unter dem Druck stehe, nur mit einem Investor arbeiten zu müssen, der Andrang mittlerweile viel größer geworden sei, könne man den auswählen, der wirklich bereit ist, Qualität zu bieten. Was das Hotel Stadt Rom betrifft, sagte Baukunst-Klassen-Sekretär Carlo Weber: „Man kann nicht zur gleichen Zeit alles machen." Das ist ein Appell dafür, sich Zeit zu lassen mit der Entscheidung, ob der Leitbau möglicherweise nur halb errichtet wird. Auch eine mangelnde Vielfalt, was Neubauten am Neumarkt betrifft, wurde beklagt.





Sächsische Zeitung 19.3.2007

Neumarkt braucht mehr Niveau

Künftig will die Stadt am Neumarkt eine schärfere Qualitätskontrolle durchfführen. Dabei kann sie allerdings nur auf die Einsicht der Bauherren hoffen.

Petra-Alexandra Buhl

Das Blatt wendet sich am Neumarkt. Nun muss Dresden nicht mehr jeden Investor akzeptieren, wie in den früheren Jahren. Deshalb wittert Baubürgermeister Herbert Feßenmayr (CDU) die Chance, bei künftigen Bauvorhaben das wiedergutzumachen, was in der Vergangenheit schief lief, und ein wenig mehr Einfluss auf die Gestaltung zu bekommen. Kritikern wie dem Star-Architekt Kulka soll damit ein bisschen Wind aus den Segeln genommen werden. Kulka bezeichnet den Neumarkt gern als „Disney-Land" rund um die Frauenkirche und verweist dabei auf die vorgetäuschten Walmdächer, die lieblosen Innenhöfe oder die zum Teil einfallslose Architektur der historisierenden Neubauten dort.

Diese Beuten waren Gegenstand einer Tagung der Klasse Baukunst der Sächsischen Akademie der Künste, die sich am Sonnabend im Blockhaus erneut der Neumarkt-Architektur zuwandte. Die beiden Schwerpunkte waren der Wettbewerb zum Gewandhaus und die unklare Lage beim Bauvorhaben Hotel Stadt Rom. Der Architekturprofessor Werner Durth sagt, der Wiederaufbau des Neumarktes sei inzwischen nicht mehr so umstritten. Eine kritische Bilanz des bisher Gebauten sei dennoch vonnöten: „Wir müssen die Vielfalt und die Qualität der Bauten am Neumarkt künftig vergrößern und Verfahren der Qualitätssicherung einführen", so Durth. Die Frage aber, wie die Qualität zu verbessern ist, kann Dresdens Verwaltung nur pauschal beantworten: Qualität sei immer ein Ergebnis des kreativen Prozesses, in Bebauungsplänen und Gestaltungssatzungen könne man sie nicht festlegen, so Feßenmayr. Wettbewerbe seien das beste Mittel, Qualität zu erreichen. „50 Entwürfe sind besser als zehn Entwürfe", sagte er. Überdies könne auch über die Grundstückspreise etwas erreicht werden. „Wenn die Keller erhalten bleiben, kann man niedrigere Preise verlangen, das ist vielleicht wirksamer als jeder Appell", so Feßenmayr.

Appelle mag die Klasse Baukunst aber sehr, und so mahnte Carlo Weber, es sei künftig nicht wichtig, die Zahl der Leitbauten am Neumarkt zu erhöhen, wohl aber deren Inhalt. Die Hofgestaltung der Quartiere entspreche nicht der geforderten Qualität, auch die Zugänge zu den Höfen konterkarierten meist die historisierenden Eingänge. Ob es bald besser wird?





Leipziger Volkszeitung 22.3.2007

Mann der Tat und Denker von Format
Stadt Leipzig und Sächsische Akademie der Künste ehren Hans Mayer zum 100.


Rolf Richter

Hans Mayer war ein begnadeter und brillianter Redner, der druckreif sprach, publizierte, organisierte. Er war Kenner der Werke Lessings, Goethes, Schillers, Heines, Büchners, war mit Thomas Mann und Bertolt Brecht bekannt, war Förderer des Nachwuchses, hasste Schwätzer und Doktrinen, half, stritt, beeinflusste wie kaum ein anderer Literaturwissesnchaftler Germanisten sowie Kulturpolitik und Literatur der frühen DDR. Er war Mittler zwischen Büchern und Lesern, Ost und Welt, ein vertriebener, geschähter, gelobter Gelehrter. ER reiste und war glücklich, im China der 80er Jahre jenen zu begegnen, die in den 50ern bei ihm in Leipzig studiert hatten. Er übte tätige Solidarität mit Verfehmten und Verhaßten.

Hans Mayer (1907-2001) war generös, einnehmend, ein Gourmet, der im Alter überaus geistig wach, milde gestimmt, körperliche Handicaps zu vertuschen suchte. Aber er war auch einsam, erregbar, ein wenig eitel, durchaus nachtragend, wenn man ihm nach seiner Meinung nach nicht den nötigen Respekt gezollt hatte. All das wurde lebendig, als ehemalige Schüler und heutige Beweunderer am Dienstagabend in Leipzigs Stadtbibliothekssaal den studierten Juristen aus Anlass seines 100. Geburtstages am 19. März feierten.

Die Sächsische Akademie der Künste, deren Ehrenmitglied er war, und die Stadt Leipzig, die lange mit der Verleihung der Ehrenbürgerschaft zögerte, HM aber noch freudig annahm, um sie ihn dann posthum zu verleihen, würdigten so einen herausragenden Zeitzeugen des vergangenen Jahrhunderts.

Oberbürgermeister Burkhard Jung bedauerte „den bitteren geistigen Verlust, den Leipzig 1962 durch den Weggang des Wissenschaftlers erlitt". Akademiepräsident Ingo Zimmermann schilderte Nachwende-Begegnungen. Stellvertreter Dieter Görne, einst Intendant des Dresdner Schauspiels, las des Meisters Gedanken über „Faust" und berichtete, wie ihm HM eine Prüfung schenkte. Horst Drescher verdankte wenigen Zeilen seines Lehrers, dass er „in der Deutschen Bücherei Literatur lesen durfte, die sonst nicht zugänglich war". In seinem Text „Hörsaal 40" hat er seinen Professor wunderbar porträtiert. Erich Loest erinnerte sich, wie der Professor seine Familie unterstützte, als er in Bautzen saß, aber auch daran, warum er plötzlich in Mayers Oeuvre ein Namenloser wurde. Bernd Leistner hob die Verdienste um die erste Thomas-Mann-Werkausgabe hervor, die 1955 beim Aufbau-Verlag erschien. Wehmütig blickte der ehemalige Hochschullehrer auf seine Studienzeit, in der man mit Respekt, zurückhaltend, nicht schwatzend oder strickend zu dem Vortragenden aufsah, der „wie Hans Mayer, wenn er sich in seinem hoch konzentrierten Darlegungen gestört fühlte, unaufmerksamen Studenten des Saales verwies". Volker Braun, der sich Mayer lesend eroberte und Christoph Hein, der ab 1987 auf Wunsch des Jubilars engen Kontakt zu ihm pflegte, rundeten mit dem moderierenden Mayer-Schüler Friedrich Dieckmann den anregenden Abend ab.

Die schönsten Augenblicke waren als der Jubilar, 90jährig, mit wachen Augen, leicht lächelnd und elegant formulierend in Filmausschnitten von der Leinwand blickte. Ein Mann, der sich seines Nationalpreises nicht schämte und den es wohl schmerzte, dass die Utopie DDR gescheitert ist. Denn wie schreibt er in seinem Buch „Der Turm von Babel": „Vierzig Jahre lang wurd in fünf Ländern nicht bloß unterdrückt, bestraft, hochmütig belehrt, sondern auch gehofft, gewartet, die Vernunft und die Menschlichkeit ‘geplant’: für Frauen, für Kinder, alte Leute, für Arme und Unwissende."




Dresdner Neueste Nachrichten 26.3.2007

Buchvorstellung
Dresden als europäische Kunststadt


Anlässlich der 800-Jahr-Feier der ersten urkundlichen Erwähnung Dresdens 1206 hatte die Sächsische Akademie der Künste, die 2006 auf ihr zehnjähriges Bestehen zurückblickte, ein gemeinsames Festkolloquium mit der Landeshauptstadt über „Dresden als europäische Kunststadt" angeregt. Es sollte den fragen gewidmet sein, was die Stadt den Künsten verdankt, welche Anverwandlungen europäischer Einflüsse hier stattfanden und wie es zur Eigentümlichkeit der Dresdner Lebensform kam. Aus den Vorträgen entstand ein von Akademiepräsident Ingo Zimmermann herausgegebenes und im Michel Sandstein Verlag erschienenes Buch, dessen erster Teil mit dem Titel „Dresden als europäische Kunststadt, Erkundungen - Einblicke - Sichtweisen" morgen im Festsaal im Blockhaus, Neustädter Markt 19, vorgestellt wird. Der zweite Teil des Abends ist der Wiederherstellung des Neptunbrunnens gewidmet. Einem Vortrag von Heinrich Magirius über das Meisterwerk der barocken Bildhauerkunst schließt sich eine Podiumsdiskussion an, u.a. mit Moritz Woelk, dem Direktor der Skulpturensammlung.




Sächsische Zeitung 18. April 2007

Er lebt den Akzent der Fremde
Der preisgekrönte Dichter José F. A Oliver eröffnet in Dresden die sechste Charnisso-Poetikdozentur


Undine Materni

In der Laudatio zur Verleihung des Adalbert-von-Chamisso-Preises im Jahr 1997 nannte ihn Harald Weinrich einen „Gastling“. Zehn Jahre später, zum Auftakt der sechsten Dresdner Chamisso-Poetikdozentur am Montag, versuchte Werner Schmitz, Direktor des Mit-teleuropazentrums der TU Dresden, in seiner Vorstellung des Dichters José F. A. Oliver dessen Sprachherkunft mit ,,alemannischer Andalusier oder andalusischer Alemanne“ zufassen.

„Poet von vielen Sprachfetzen“

Die Dresdner Dozentur lässt deutschsprachige Autoren nicht-deutscher Muttersprache zu Wort kommen. José F. A. Oliver wurde 1961 als Sohn andalusischer Gastarbeiter in Hausach im Schwarzwald geboren, wuchs sowohl mit der spanischen und deutschen Sprache als auch dem eigenwilligen alemannischen Dialekt seiner Schwarzwälder Heimat auf: Er studierte Romanistik, Germanistik und Philosophie an der Universität Freiburg im Breisgau. Heute lebt er in seiner Heimatstadt, abgesehen von zahlreichen Aufenthalten in Italien, der Schweiz und in Südamerika.

Den Auftakt der fünf Vorlesungsabende überschrieb der Dichter mit „Denkgestöber - alphapoetisch“ und unternahm darin auf wortgewaltige Weise den Versuch einer Annäherung an das Wesen seiner sprachlichen Existenz. Er sei, so Oliver, „ein Poet von vielen Sprachfetzen, der sich aufgemacht hatte, um nicht zu verstummen“. Bei der Auseinandersetzung mit eben jenen Sprachfetzen sei es unumgänglich, „die Fremde im Inneren zu überwinden und um das Wesen der Sprachen zu wissen“.

Wesen der Sprache ergründen

Dieser Umgang mit Sprache widerspiegelt sich nicht nur in seinen erstaunlichen experimentellen poetischen Texten, er ist ihm auch Anlass für öffentliche Auseinandersetzung in essayistischer Form und den Versuch, das Wesen der Sprache gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern in Workshops in Deutschland, Osterreich, der Schweiz sowie in Peru zu ergründen. Letzteres betreibt José F. A. Oliver jedoch nicht etwa aus gut gemeintem pädagogischen Antrieb, für ihn ist eine derartige Aufgabe ein Geben und Nehmen, die er mit Anteilnahme und Begeisterung ausübt und die er zu dem wunderbaren Satz zusammenfügt: „Ich traue jedem Menschen Sprache zu und Poesie.“

Mit José F.A. Oliver ist also ein Dichter in der Stadt, der etwas zu sagen weiß, der mit der buchstäbli-chen Existenz der Sprache experimentiert, einer, der sich.mit ihr auf unvergleichliche Weise zu verteidi gen weiß „gegen den schweren Zungenschlag der Nachrichten“.

Weitere Poetikvorlesungen im Blockhaus, Neustädter Markt 19, Dresden, am 19. April 4., 16. und 18. Mai, jeweils 20 Uhr




Dresdner Neueste Nachrichten 18. April 2007

Der Lyriker als “Wort-Brecher“
Jose F.A. Oliver mit seiner ersten Poetikvorlesung


Tomas Gärtner

Am Montag hat der Dichter Jose F. A. Oliver in der Sächsischen Akademie der Künste im Blockhaus die erste Vorlesung seiner Chamisso-Poetikdozentur gehalten. Die haben die Initiatoren – die Robert-Bosch-Stiftung, die den Chamisso-Preis vergibt, das Mitteleuropazentrum der TU Dresden und deren Lehrstuhl für Neuere deutsche Literaturwissenschaft – bestimmt für „Migrantenliteratur“, für „deutschsprachige Autoren nicht deutscher Muttersprache“, wie es in der Ausschreibung heißt.

Dass die Wirklichkeit dem nicht immer ganz entspricht, legte Literaturprofessor Walter Schmitz, Direktor des Mitteleuropa-Zentrums, gleich zu Beginn dar. Und Jose Oliver, Dresdner Stadtschreiber 2001, rekapitulierte in einem etwa 20 Jahre alten Essay, dass er 1961 im baden-württembergischen Hausach geboren wurde, mit spanischer Staatsbürgerschaft. Migranten im engeren Sinne sind seine Eltern: Gastarbeiter aus Andalusien. Spanisch hat er als Kind ebenso selbstverständlich gesprochen wie Deutsch. Welche ist seine Muttersprache? Zumal er eigentlich in „zwei mal zwei“ Sprachen aufgewachsen ist: außer in Spanisch und Deutsch auch in Andalusisch und dem alemannischen Dialekt des Schwarzwalds. Und als Poet schließlich sah er sich schon früh „vor vielen Sprachfetzen“. Heute antwortet er auf die Frage nach Beruf und Auskommen, er sei Lyriker. „Der Lyriker schreibt die Gedichte, der, Schriftsteller bezahlt die Steuern.“ Ein Dritter vermittle zwischen beiden.

Oliver glänzte mit einem sehr dichten, anspruchsvollen Vortrag, reich an grundsätzlichen Aussagen. Vier weitere Vorträge sind bis 18. Mai geplant. Beim nächsten Mal will der Lyriker über das Reisen reflektieren, in der dritten Vorlesung poetologische Aussagen zu seiner Dichtung treffen, in der vierten soll es um Tod und Leben gehen, die fünfte und letzte trägt den Titel „So ergab ich mich“. Halten sie das Niveau, das die erste gesetzt hat, sind weitere hochinteressante Einblicke in die Arbeit dieses Wort-Handwerkers zu erwarten.

Hört Oliver ein Wort wie „wahr“, denkt er die Vergangenheitsform „war“ mit. Das setzt Assoziationen in Gang. Er sieht sich als „Wort-Brecher“. Treibt den Keil mal da, mal dort zwischen zwei oder mehr Buchstaben, spielt mit den Bruchstücken.

Vermittler ist er auch anderen gegen über: Im Literaturhaus Stuttgart hat er Lyrik-Werkstätten für Schüler angeboten. Sem Grundsatz: „Ich traue jedem Menschen Sprache und Poesie zu,“ Er praktiziert in Pilotprojekten eine neue „Pädagogik der Begegnung“. Ziel ist ein „dialogischer und prozessualer Deutschunterricht“, in der Praxis ein Literatur- und Schreibunterricht. Der deutlich macht, dass die Produktion von Lyrik ein nie abzuschließender Vorgang ist. Die Schüler, die experimentierend eigene Texte verfassen, lernen hier die „Ich-bin-nicht-fertig-Methode“, erläuterte Oliver. Und man wünscht sich in solchen Momenten, es möchten auch Deutschlehrer hier sitzen mit offenem Ohr und offenem Sinn.




Dresdner Neueste Nachrichten 23. April 2007

„Neumarkt darf kein Reservat für Touristen werden”
Akademie der Künste will mehr Wohnungen


Genia Bleier

Der Neumarkt - inzwischen als Orientierung auch für andere neue Altstädte herangezogen - hat einen Rang erlangt, dass sich die Klasse Baukunst der Sächsischen Akademie der Künste schon nach gut einem Monat erneue dem Thema zuwandte. Noch vor der angekündigten Auswertung der Ergebnisse zum Gewandhaus-Wettbewert diskutierten Fachleute in nichtöffentlicher Tagung Fragen der Nutzung des Areals, seiner städtebaulichen Anbindung, Kriterien für Leitbauten und moderne Architektur. Ein „Lernlabor” nannte Dresdens Baubürgermeister Herbert Feßenmayr (CDU) die Fachdiskussion, die nicht zuletzt das Rüstzeug für politische Entscheidungen liefern soll, sprich: die Wahl der Investoren beeinflussen und vor allem sensibler für Qualitätsstandards machen könnte.

Neubauten überzeugen nicht

Die Eile tut schon deshalb Not, weil das bis jetzt am Neumarkt Vorhandene als maßstabbildend noch nicht genügt, wie die Professoren Jürgen Paul, Carlo Weber und Thomas Sieverts von der Klasse Baukunst im Nachgang des Fachgesprächs betonten. Bisher könne kein Neubau wirklich überzeugen. Unter den historischen Fassaden ließen die Experten nur die des Quartiers I (QF) als einigermaßen gelungen gelten. Von einer wirklichen historischen Rekonstruktion hat man sich längst verabschiedet. „Das funktioniert nur bei wenigen öffentlichen Gebäuden, nicht bei Privatbauten”, unterstrich Feßenmayr. Übrig bleiben Leitfassaden. Und für die werden größere Stimmigkeil zwischen außen und innen (auch bei veränderten Grundrissen!) und mehr künstlerisch-handwerkliche Qualität ein gefordert.

Eine Kommission aus Fachleuten verschiedener Disziplinen sollte die Projekte begleiten und eventuell Probestücke begutachten, bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist, so Paul. Er nahm damit einen Vorschlag der Gesellschaft Historischer Neumarkt vom letzten Fachdisput auf. „Bei Semperoper, Schloss, Frauenkirche, Coselpalais oder Taschenbergpalais gab es Fachgremien. Warum nicht am Neumarkt?”, fragt Torsten Kulke vom Vereinsvorstand. Auch für moderne Bauten wird als wichtigstes Kriterium Qualität genannt. Das Wort Anpassung lassen die Bauexperten nur für die Einhaltung der Parzellenstruktur und die Höhenmaßstäbe gelten. „Angepasste Architektur läuft auf schmalen Gleisen”, sagte Weber. Dann müsse man sich nicht über „lauter graue Mäuse” wundern.

Dass auf begrenzter Fläche der alte historische Stadtgrundriss wieder ersteht, wird nicht in Frage gestellt. Doch je weiter von der Frauenkirche entfernt, umso wichtiger die Anbindung an den „Rest” der Stadt durch selbstbewusste moderne Bauten, konstatierte die Runde. „Hier muss man von außen her denken, nicht nur vom Neumarkt aus. Die Vernetzung zum Kulturpalast, zu Schlossstraße und Wilsdruffer Straße muss funktionieren”, so Sieverts. Dabei gab es Lob für das Bekenntnis zum Kulturpalast seitens der Stadt und - man höre und staune - auch für die Häuser an der „Wilsdruffer”. Es sei ein Segen, dass Dresden im Gegensatz zu vielen anderen Großstädten einen hohen Wohnanteil in der City habe.

Dieser Pluspunkt sollte nicht leichtfertig verscherzt werden. Weder darf die Wilsdruffer Straße durch Einkaufsgalerien zur toten Zone werden, noch der Neumarkt zum Touristen-Reservat. Deshalb fordert das Fachgremium nicht nur die räumliche Verflechtung, sondern stellt auch die inhaltliche Verzahnung in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen. Das ist nichts anderes als ein Plädoyer für Leben im Zentrum. Am Neumarkt sollten mehr Wohnungen entstehen (auch wenn nach Investorenangabe die Ladenmieten das Zehnfache bringen) und im angrenzenden Innenstadtbereich mehr Dienstleistungen und Angebote des täglichen Bedarfs, Einrichtungen für Kinder, mehr Kunst, etwa durch Aktionen der Kunsthochschule bis auf den Neumarkt. Kleiner Beitrag: In ihrem Objekt Rampische Straße will die Neumarktgesellschaft zehn Studentenwohnungen schaffen. Noch seien 90 Prozent der Besucher am Neumarkt Touristen, betonte Sieverts. „Die Dresdner müssen lernen, ihre gute Stube anzunehmen.”




Kulturkalender Dresden Juni 2007

Festspielhaus Hellerau
als gefragte Konferenzstätte


Die Sächsische Akademie der Künste lädt im Juni zu einer Tagung über das künstlerische Experiment Hellerau ein

Gabriele Gorgas

Zunehmend erobert sich das Festspielhaus Hellgrau als attraktiver Tagungsort das Interesse von Veranstaltern. Und dabei geht es immer wieder auch um das Phänomen Hellerau - in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Im April 2007 hatte beispielsweise die Hochschule für Bildende Künste Dresden gemeinsam mit dem Zentrum für Bewegungsforschung des Instituts für Theaterwissenschaft der Freien Universität Berlin eine internationale Tagung zu Raum und Bewegung mit namhaften Referenten und vielen Teilnehmern ausgerichtet.

Vom 8. bis 10. Juni lädt nun die Sächsische Akademie der Künste [SAK] gemeinsam mit dem Europäischen Zentrum der Künste zu einer Konferenz ein, die sich mit »Notwendigkeit und Wagnis des künstlerischen Experiments — das Beispiel Hellerau« befassen wird. Udo Zimmermann, Intendant des Europäischen Zentrums, wird die Teilnehmer im viel gerühmten Großen Saal begrüßen, und Ingo Zimmermann, Präsident der Sächsischen Akademie der Künste, hält den Eröffnungsvortrag.

Das Programm des Treffens kündigt viele anregende Themen und künstlerische Beiträge an. So gibt es zum Beispiel ein literarisches Präludium von und mit Durs Grünbein: Kleine Ode zum Dank. Und Werner Durth wird über »Die Gartenstadt und das Festspielhaus Hellerau« sprechen, eine Thematik, die einiges an historischem Zündstoff beinhaltet. Zudem gibt es einen Vortrag des Kulturwissenschaftler Christoph De Rentiis über Angewandte Kunst in Hellerau, und die Musikpädagogin Elisabeth Danuser aus Zürich wird sich über »Das musikalische Hellerau« äußern.

Walter Schmitz, Direktor des Mitteleuropäischen Zentrums der Technischen Universität Dresden, hat sich »Das literarische Hellerau« als Thema erwählt. Bereits zur Internationalen Rilke-Konferenz 2006 in Dresden, bei der Hellerau in Vorträgen, Diskussionen und Ex-kursionen eine wesentliche Rolle spielte, entwickelte er in seinem Referat zu »Rilke und die Städte« ein spannendes europäisches Zeitbild vor rund 100 Jahren. Und es wird auch auf-schlussreich sein, wie sich Udo Zimmermann »Das Experiment Hellerau heute« vorstellt. Geplant ist auch eine Performance, an der sich Christine Schlegel mit dem 3. Film aus »cocartoon« beteiligt sowie Texte von Durs Grünbein zu hören sind. Es wirken Annette Jahns und Friedrich-Wilhelm Junge mit. Im Zeitraum der Tagung gibt es zudem am 9. Juni, Beginn 15 Uhr, im Großen Saal des Festspielhauses ein öffentliches Programm aus Anlass der Jahresmitgliederversammlung der Sächsischen Akademie der Künste. [...]




Sächsische Zeitung 11. Juni 2007

Reden über Hellerau, also über Großgedachtes
Die Sächsische Akademie der Künste erörterte Notwendigkeit und Wagnis des künstlerischen Experiments.


Wolfgang David

Vom Verlangen, neue Gegenstände und Ausdrucksformen zu probieren, ist kein Künstler frei. Kommt es doch zum „Kunsterlebnis" nur, wenn Künstler und Adressat Abstand halten, ohne sich freilich aus den Augen zu verlieren. Einander-finden-wollen ist das Wesen dieser Beziehung. Aufgabe des Experiments wäre es dann, Wege der Annäherung zu erkunden. Fragt sich nun, ob solche Versuche immer öffentlich gemacht werden sollten oder, wie in den Wissenschaften, lediglich deren Resultat. Früher war die Kunst da oft zu zaghaft. Könnte es sein, dass sie heute mitunter zu forsch ist? Eine der Fragen, die sich in diesem Zusammenhang stellen.

Nachdenken über „Notwendigkeit und Wagnis des künstlerischen Experiments" am Beispiel Helleraus versprach eine Veranstaltung der Sächsischen Akademie der Künste, die dazu am Sonnabend ins Festspielhaus geladen hatte. Udo Zimmermann, Intendant des Europäischen Zentrums der Künste daselbst, nahm das Thema wörtlich. Das EZKH stehe weiterhin zum Experiment, denen zum Trotz, die eine Richtungskorrektur wünschten - und selbst dann, wenn man, wie schon geschehen, beim Experimentieren selbst zum Experiment werde.

Für die anderen Referenten ist die Gartenstadt nicht Exempel, sondern, als habe sie der genius loci nicht aus seinen Fängen gelassen, Gegenstand. Der Besucher ist überrascht, aber nicht unzufrieden. Denn über Hellerau reden heißt von Großgedachtem reden, das zudem Realität war und vielleicht wieder wird.

Als Reaktion auf die Verwerfungen des jungen Industriezeitalters erhob sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Reformbewegung, die die gesamte gegenständliche Umwelt vom - so Werner Durth aus Darmstadt - „Sofakissen bis zum Städtebau" einer kritischen Musterung unterzog. Ein Dresdner Tischlermeister namens Karl Schmidt kaufte sogar Land und errichtete Werkstätten sowie Wohnungen für die Arbeiter. Ein Ort zum Arbeiten und Leben sollte es werden, nicht bloß einer, um die schnelle Reichsmark zu machen. Es entstand Hellerau, von dem anfangs nicht abzusehen war, dass es auch noch Künstlerkolonie werden würde.

Reformbegeisterung

Denn bevor sich mit dem Ersten Weltkrieg und seinen Folgen das Zeitfenster wieder schloss, riss die Reformbegeisterung andere mit sich. Den Schweizer Komponisten Emil Jaques-Dalcroz etwa, der sich von rhythmischer Gymnastik seelische Gesundung, ja „eine neue Humanität" erhoffte. In Genf konnte er dieses Konzept nicht umsetzen, Hellerau nahm ihn auf. Wie Elisabeth Danuser aus Zürich berichtet, wird mit seinen musikpädagogischen Ideen noch heute an ihrer Hochschule gearbeitet.

Dass Dresden kein „literarischer Ort" sei, ist der Ausgangspunkt von Gedanken des Literaturwissenschaftlers Walter Schmitz (TU Dresden). Selbst Hellerau, das sich gern das „neue Bayreuth" nennen ließ, habe daran nichts geändert. Dem beipflichtend, überlegt man, ob diese Eigentümlichkeit mit dem hedonistischen Naturell der Dresdner zu tun haben könnte. Ob es sie die „schönen" Künste bevorzugen ließ, weil diese ungetrübten Genuss verhießen -was die Wortkunst mit ihrem „leidenden Kritizismus gegenüber dem Leben" (Thomas Mann) von jeher seltener garantierte.




Dresdner Neueste Nachrichten 23. Juli 2007

Galerien bedeutender Köpfe
Dokumentation über Dresden als europäische Kunststadt


„Die Künste haben die bleibende Gestalt Dresdens in den Augen der Welt erschaffen" - auf diese Aussage ihres Präsidenten, des Kulturhistorikers und Schriftstellers Ingo Zimmermann, lässt sich die Quintessenz einer Publikation der Sächsischen Akademie der Künste bringen. Das Buch „Dresden' als europäische Kunststadt" enthält die Beiträge eines im vergangenen Jahr, zum 800. Jubiläum der Stadt veranstalteten Kolloquiums.

Welchen Ertrag hält es, über die bloße Dokumentation von Vorträgen und einer Podiumsdiskussion hinaus, für uns Leser bereit? Zunächst einen ordentlichen Schuss Selbstbewusstsein. Den kann sich der Dresdner Kulturbürger aus diesen 196 Seiten schon ziehen, wenn er an seinem inneren Auge diesen Reigen prominenter Künstler vorbeiziehen lässt, die die Stadt besuchten. Blieben die einige Zeit, war dies in der Regel eine äußerst schöpferische Phase. Deutsche Dichter aus allen Richtungen, slawische Künstler, namhafte Komponisten und Maler. Die Stücke der Weltliteratur waren auf dem Theater zu erleben, die Oper veränderte sich hier dank Wagner entscheidend. Das Prinzip der meisten Beiträge wird in dem des Kunsthistorikers Werner Schmidt am anschaulichsten: Sie führen uns durch Galerien mit bedeutenden Köpfen. Der Leser kann jetzt nach denen suchen, die ihn interessieren, hinten drin ist ein Namensverzeichnis - ein Vorteil des Buches.

Dass atemberaubendes Aufrufen von Namen allerdings rasch ermüdet, haben wohl schon die Teilnehmer des Festkolloquiums erfahren. Der Erkenntnisgewinn solcher hymnischen Puzzlespiele beginnt, wo Fragen gestellt werden. Etwa: Was faszinierte Künstler an dieser Stadt? Antworten gibt es ansatzweise. Raffaels Sixtinische Madonna nennt Peter Gosse, außerdem die sächsische Natur. Oder: Was macht ihre Besonderheit aus? Die „soziale Mischung" gehöre zum spezifisch Dresdnerischen, meint der Dichter Thomas Rosenlöcher. Peter Gülke, der am intensivsten nach einer Antwort auf diese Frage sucht, kommt auch zu einem schlüssigen Urteil: Ein „musisches Kinne nennt er als Erbschaft des 17. und 18. Jahrhunderts, der Ära von Schütz und Hasse. Residenzstädtischen Gemeinsinn führt er an, das überspringen der Grenzen zwischen Unten und Oben und verweist auf das schöne Paradoxon dieser Großstadt, „der eine modern-großstädtische Anonymität weitgehend fremd geblieben ist, in der höchste Kunstansprüche und ein erwärmend provinzieller Lokalstolz nahe beieinander geblieben sind". Nein, treffender könnte man's nicht sagen.

Aufgaben für die Zukunft aus der Rückschau formuliert am deutlichsten Udo Zimmermann mit Blick auf Hellerau. Um die weitere Entwicklung schließlich streiten Architekt, Architekturhistoriker, Architekturkritiker und Stadtplaner in der dokumentierten Podiumsdiskussion. Vor allem um die nicht vorhandene Mitte der Stadt, um Investorenzwänge und, wie es Dieter Bartetzko sagt, die Träume, »die wir vom historischen Dresden träumen". Ganz am Ende kann der Leser diese poetischen, dichten, zitat- und anspielungsreichen Reflexionen der Festrede Volker Brauns über „Die dresdner Denkart, noch einmal in Ruhe nachvollziehen.

Ingo Zimmermann (Hg.): Dresden als europäische Kunststadt. Sandstein Verlag, Dresden. 196 S., 12.00 Euro





Dresdner Neueste Nachrichten 4. September 2007

Palais als Asien-Museum?
Neuer Vorstoß für das Japanische Palais Dresden


T. Klaus

Die Diskussionen existieren seit Jahren. Wie soll sie aussehen, die künftige Nutzung des Dresdner Japanischen Palais? Im Gespräch war einiges, die Bandbreite reichte vom Kindermuseum bis zum Casino. Auf das aber immer noch unsichere ,,Quo vadis?" des 270 Jahre alten Baus gibt es nun von der Sächsischen Akadmie der Künste eine neue Antwort, die um einiges ernster genommen werden darf: Das Gremium regt an, ein Museum für die Kunst Asiens zu gründen und im Japanischen Palais unterzubringen.

In einem Papier, das zwölf Feststellungen zu diesem Thema vereint, führt die Akademie dabei vor allem. historische Gründe ins Feld, die den Vorschlag rechtfertigen würden. Barocker Skulpturen-schmuck ebenso wie die architektonische Gestaltung des Ensembles würden programmatisch auf China und Japan weisen., heißt es darin. Außerdem - sicher nicht von der Hand zu weisen - vereine Dresden rund 39 000 Objekte chinesischer und japanischer Kunst, was die Sammlungen in die erste Reihe Europas neben Amsterdam, London und Paris stelle.

Trotz der Tatsache,: dass das sächsische Museumskonzept erst im Frühjahr 2008 ausgiebig diskutiert werden soll, signalisiert das Kunstmuseum ein gewisses Wohlwollen, „ohne dass wir den Vorschlag bewerten", sagte Ministeriumssprecherin Eileen Mägel. Er solle in die Debatte um das Museumskonzept einfließen. ,,Wir freuen Zins, dass das Japanische Palais den Leuten am Herzen liegt." Noch gebe es aber innerhalb der Staatsregierung noch Gesprächsbedarf, was die Zukunft der sächsischen Museen betreffe.

Fakt ist: Das Palais soll öffentlich, kulturell und museal genutzt werden. Der Vorschlag eines Museums für die Kunst Asiens hätte also seinen Charme. Bleibt abzuwarten, wie er endgültig aufgenommen wird.





Dresdner Neueste Nachrichten 11.9.2007

Akademie und Stiftung loben Semper-Architekturpreis aus

Dresden. Die Sächsische Akademie der Künste und die Landesstiftung Natur und Umwelt vergeben künftig alle zwei Jahre einen Architekturpreis. Die nach dem Baumeister Gottfried Semper (1803-1879) benannte Auszeichnung soll jeweils einen deutschen Architekten würdigen, dessen Werk sich durch besondere Qualität nachhaltigen Bauens auszeichnet, teilten Stiftung und Akademie am Montag in Dresden mit. Der vom Energieunternehmen Vattenfall gestiftete Preis ist mit 25 000 Euro dotiert und wird am 19. Oktober in Schloss Wackerbarth in Radebeul erstmals verliehen.

Ein fünfköpfiges Kuratorium hat sich bereits „einstimmig und einvernehmlich" für einen Preisträger entschieden, sagte der Vorsitzende der Findungskommission Werner Durth. Dabei seien 18 Kandidaten in der engeren Wahl gewesen. „Wir hatten ein ganz weites Spektrum zur Auswahl - von Pionieren bis zu Nachwuchsarchitekten", so Durth. Der Name des Preisträgers werde aber erst kurz vor der erstmaligen Vergabe verkündet.

Namensgeber Gottfried Semper, genialer Entwerfer von Museen und Theatergebäuden, gehört zu Europas bedeutendsten Architekten. Als ein in allen Baugattungen erfahrener Baumeister bahnte er den Weg vom Historismus des 19. Jahrhunderts in die Moderne. Architektonische Spuren hat er mit Semperoper und Sempergalerie am Zwinger auch in Dresden hinterlassen, die zu seinen bedeutendsten Werken gehören. Die nach seinem Entwurf entstandene, 1840 geweihte Dresdner Synagoge wurde in der Reichspogromnacht 1938 niedergebrannt und geplündert. Auf deren Grundriss steht seit 2001 eine moderne Synagoge. (dpa)




ddp 10.9.2007

Neuer Gottfried-Semper-Architekturpreis für nachhaltiges Bauen

Für nachhaltiges Bauen wird in diesem Jahr erstmals der mit 25 000 Euro dotierte Gottfried-Semper-Architekturpreis vergeben. Die Sächsische Akademie der Künste und die Sächsische Landesstiftung Natur und Umwelt verleihen die Auszeichnung am 19. Oktober auf Schloss Wackerbarth, wie die Akademie am Montag in Dresden mitteilte. Stifter des Preisgelds ist das Energieunternehmen Vattenfall Europe Mining & Generation.

Für nachhaltiges Bauen wird in diesem Jahr erstmals der mit 25 000 Euro dotierte Gottfried-Semper-Architekturpreis vergeben. Die Sächsische Akademie der Künste und die Sächsische Landesstiftung Natur und Umwelt verleihen die Auszeichnung am 19. Oktober auf Schloss Wackerbarth, wie die Akademie am Montag in Dresden mitteilte. Stifter des Preisgelds ist das Energieunternehmen Vattenfall Europe Mining & Generation. Die Auszeichnung soll künftig alle zwei Jahre vergeben werden. Eine fünfköpfige Jury wählt den Sieger aus mindestens drei Kandidaten aus, die zuvor eine Kommission vorgeschlagen hat. Gottfried Semper (1803-1879) gilt als bedeutenster deutscher Baumeister und Architekturtheoretiker der Zeit um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Zehn Jahre lang war er Professor für Baukunst und Vorsteher der Bauschule an der Kunstakademie in Dresden. Nach der Märzrevolution 1848 verließ er Deutschland und ging nach Paris, London, Zürich und Wien. Zu seinen berühmtesten Bauwerken in Dresden zählen die Oper, die 1938 zerstörte Synagoge, die Gemäldegalerie und zahlreiche Villen in verschiedenen Stilformen. In Wien arbeitete Semper am Ausbau der Hofburg und an der Ringstraßenbebauung mit.





Sächsische Zeitung Online / DPA 10.9.2007

Semper-Architekturpreis ausgelobt

Die Sächsische Akademie der Künste und die Landesstiftung Natur und Umwelt vergeben künftig alle zwei Jahre einen Architekturpreis.

Die nach dem Baumeister Gottfried Semper (1803-1879) benannte Auszeichnung soll jeweils einen deutschen Architekten würdigen, dessen Werk sich durch besondere Qualität nachhaltigen Bauens auszeichnet, teilten Stiftung und Akademie am Montag in Dresden mit. Der vom Energieunternehmen Vattenfall gestiftete Preis ist mit 25000 Euro dotiert und wird am 19. Oktober in Schloss Wackerbarth in Radebeul erstmals verliehen.

Ein fünfköpfiges Kuratorium hat sich bereits „einstimmig und einvernehmlich" für einen Preisträger entschieden, sagte der Vorsitzende der Findungskommission, Werner Durth. Dabei seien 18 Kandidaten in der engeren Wahl gewesen. „Wir hatten ein ganz weites Spektrum zur Auswahl - von Pionieren bis zu Nachwuchsarchitekten", berichtete Durth. Der Name des Preisträgers werde aber erst kurz vor der erstmaligen Vergabe verkündet.

Namensgeber Gottfried Semper gehört zu Europas bedeutendsten Architekten. Als ein in allen Baugattungen erfahrener Baumeister bahnte er den Weg vom Historismus des 19. Jahrhunderts in die Moderne. Zu seinen bedeutendsten Werken gehören die Semperoper und die Sempergalerie am Zwinger in Dresden.




Lausitzer Rundschau 11.9.2007

Vattenfall stiftet Gottfried Semper Architekturpreis
Zeitbewusst und nachhaltig


Gabriele Gorgas

Architekturpreise gibt es schon einige in Deutschland, aber dieser dürfte doch ein ganz besonderer sein. Die Sächsische Akademie der Künste (SAK) und die Sächsische Landesstiftung Natur und Umwelt (LaNU) verleihen einen solchen erstmals 2007, wollen damit gemeinsam herausragende Leistungen der Baukultur würdigen, vor allem unter dem Aspekt eines ressourcenschonenden, umweltgestaltenden Bauens.

Als Dritter im Bunde sowie Stifter des mit 25 000 Euro dotierten Preises ist das im Raum Brandenburg und Sachsen wirkende Energieunternehmen Vattenfall Europe Mining & Generation mit dabei. Es habe sich mit seinen Bestrebungen einer kulturbezogenen Politik, so betonte Akademiepräsident Prof. Dr. Ingo Zimmermann gestern zur Pressekonferenz in Dresden, dafür nachdrücklich empfehlen können, unterstütze tatkräftig das bewährte Bündnis beider Institutionen und ihre Idee als Partner aus der Wirtschaft.

Innovatives Bauen und nachhaltige Landschaftsgestaltung seien für das Unternehmen Vattenfall wichtige Themenfelder, betonte Vorstandsmitglied Dr. Hartmuth Zeiß. Der Braunkohlenbergbau biete die Chance, Neuland zu gestalten entsprechend der Bedürfnisse und Vorstellungen der in der Region Lebenden. „Wir orientieren uns dabei an der ökologischen Stabilität ebenso wie an einem multifunktionalen Nutzen."

Die alle zwei Jahre zu vergebende Würdigung trägt den Namen Gottfried Semper Architekturpreis, und über die erste Vergabe – sie erfolgt im festlichen Rahmen am 19. Oktober auf Schloss Wackerbarth nahe Dresden – ist gestern durch ein fünfköpfiges Kuratorium entschieden worden. Diesem gehörten 2007 SAK-Präsident Prof. Dr. Ingo Zimmermann, der Stiftungsdirektor der LaNU Bernd Dietmar Kammerschen, Vattenfall-Vorstandsmitglied Dr. Hartmuth Zeiß sowie als Leiter der Findungskommission Prof. Dr. Werner Durth und Prof. Carlo Weber, Sekretär der Klasse Baukunst der SAK an.

Jeder der Kuratoriumsmitglieder brachte nach eigenen sorgfältigen Erwägungen schließlich drei bis vier Vorschläge in die Entscheidung ein, und es war festgelegt, dass es ein in Deutschland wirkender Architekt sein soll. Zum Schluss blieben noch drei Kandidaten übrig, unter denen letztlich der Preisträger 2007 einhellig gewählt wurde. Der Name wurde leider noch nicht bekannt gegeben, und wird offenbar, falls die Überraschung tatsächlich glücken sollte, erst zum Übergabe-Termin auf Schloss Wackerbarth öffentlich werden.

Auf die Frage, ob sich der Architekturpreis ausschließlich auf Bauwerke in der Region Sachsen beziehe, kam die Antwort, dass es so sein könnte, aber das wäre nicht unbedingt bindend. Es müsste auch kein berühmter Name sein; wichtig sei allein die Art und das Durchsetzungsvermögen des Architekten oder der Architektin, zeitbewusst und zukunftsorientiert zu bauen. Einige wenige der ursprünglich Ausgewählten sind übrigens bei der Befragung der Nutzer ihrer Bauten wieder aussortiert worden. Und wenn wir alle mitentscheiden könnten, würden uns garantiert auch ein paar Namen einfallen, die einen solchen Preis nicht verdienten. Man nennt das „Green-Washing", wenn Umweltbewusstsein als Marketinginstrument leichtfertig benutzt wird, eben einfach „nicht drin ist, was drauf steht . . ."

Der Name des neuen Architekturpreises ist wahrlich verpflichtend. Gottfried Semper (1803-1879), so würdigt ihn Prof. Dr. Werner Durth, sei eine Schlüsselfigur der europäischen Architekturgeschichte, habe als genialer Entwerfer von Theatergebäuden, Museen, unterschiedlichster Bauten den Weg aus dem Historismus des 19. Jahrhunderts in die Moderne gebahnt, ein Werk hinterlassen, das Generationen von Architekten nachhaltig beeinflusst hat. Er sei maßgebend gewesen, auch in der Denkmalpflege.

Gefragt nach Einflüssen Sempers auf die Lausitz, erwähnte Werner Durth, dass dieser Hermann Fürst von Pückler-Muskau beraten habe sowie auf einige Wohnbauten der Region Einfluss nahm. Semper hatte Fürst Pückler beim Ausbau des Anwesen Branitz beraten, wohin dieser 1845/46 ausweichen musste. Nach Sempers Besuch im April 1847 zeichnete er in Briefen das Bild eines heruntergekommenen herrschaftlichen Gutes. Das 1722 entstandene, von einem Wassergraben umgebene Herrenhaus war baufällig, dem Eingang gegenüber befanden sich Viehställe, einfache Wirtschaftsgebäude, gar ein Misthaufen. Und der Garten war total verwildert.




Wochenkurier. Ausgabe Dresden 12. September 2007

Semperpreis für Architektur

Vattenfall stiftet Preisgeld von 25.000 Euro.
Am 19. Oktober wird zum ersten Mal der Gottfried Semper Architekturpreis der Sächsischen Akademie der Künste und der Sächsischen Landesstiftung Natur und Umwelt verliehen.

Karin Rodig

Dresden. Noch schweigt sich das Kuratorium über den Namen des Preisträgers/der Preisträgerin aus. „Wir schätzen uns glücklich, dass durch eine gute Partnerschaft von Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft ein derart anspruchsvoller Preis möglich wurde, der Architektur und ressourcenschonende Umweltgestaltung miteinander verbindet und dazu den Namen Gottfried Semper trägt", erklären übereinstimmend Akademiepräsident Professor Dr. Ingo Zimmermann und der Stiftungsdirektor der Landesstiftung Natur und Umwelt, Bernd Dietmar Kammerschen.
Alle zwei Jahre soll künftig der mit 25.000 Euro dotierte Preis vergeben werden, regionale Bezüge seien dabei nicht zwingend. Geldgeber bzw. Stifter ist das Energieunternehmen Vattenfall Europe Mining & Generation. „Innovatives Bauen und nachhaltige Landschaftsgestaltung sind für unsere Unternehmen ebenfalls wichtige Themenfelder", erklärt dazu Vattenfall-Vorstandsmitglied Dr. Hartmuth Zeiß. Der Braunkohlentagebau bedeute zwar einen tiefen Einschnitt in den Siedlungs- und Naturraum, berge aber auch die Chance, Neuland zu gestalten. Dabei die Interessen von Wirtschaft, Erholung und Naturschutz in Einklang zu bringen, habe für das Unternehmen hohe Priorität.

Auch zu dem Europäer Gottfried Semper, dem erfahrenen Baumeister vieler Baugattungen, gibt es gewisse Verbindungen. Galt dieser doch als zeitweiliger Berater des Fürstenhauses Pückler. Für die Garnisonsstadt Bautzen entwarf der Schöpfer des Dresdner Opernhauses einen stattlichen Kasernenbau.





Dresdner Neueste Nachrichten 15./16. September 2007

Die Furcht vor der Fassade
Im Blockhaus wurde über den Neumarkt diskutiert


Torsten Klaus

Die ewige Stadt ist eigentlich Rom. Was lang anhaltende - um nicht zu sagen: ewige - Diskussionen angeht, läuft Dresden, leicht übertrieben vielleicht, aber noch jeder Stadt dieser Welt den Rang ab. Vor allem auf dem Gebiet von Architektur und Städtebau haben die Elbestädter selbstbewusst Maßstäbe gesetzt. Zu den hier geführten Disputen gehört nicht nur reichlich Emotion und niveauvoller Austausch von Argumenten. Nein, wir Dresdner haben es offenbar gern eine Nummer heftiger: Da ist die Debatte über den Neubau des Gewandhauses am Neumarkt nur das jüngste Beispiel. Dieses heiklen Themas - Bebauung ja oder nein, und wenn ja, muss das dann modern sein? - widmeten sich gestern Fachleute und reichlich interessiertes Publikum im Blockhaus. Die Klasse Baukunst der Sächsischen Akademie der Künste richtete zusammen mit dem Stadtplanungsamt ein Kolloquium über "Neues Bauen in der historischen Stadt -Perspektiven der Neumarktgestaltung" aus. Wichtig war der Austausch von Argumenten, auch der Blick auf andere Städte und deren Herangehensweise an bauliche Probleme. Der Blick wurde gelenkt auf Ulm, Münster und Köln.

Im Anschluss an die Veranstaltung machte Baubürgermeister Herbert Feßenmayr klar, wohin die städtebauliche Reise in Dresden beim Thema Gewandhaus vorerst gehen soll. "Wir brauchen eine Diskussion in die Breite", sagte er. Der Architekt und HfBK-Professor Olaf Lauströer äußerte die Befürchtung, dass bisher eher ein akademisches Publikum erreicht worden sei. "Das könnte ein Fehler sein." Die beiden Professoren Carlo Weber und Jürgen Paul nahmen in dieser Hinsicht auch die Medien, vor allem die Tageszeitungen in die Pflicht. Fundierte Architekturkritik als Analyse einzelner wichtiger Bauten in der Stadt fehle dort, monierten sie.

Dass die Stelle am Neumarkt gegenüber der Frauenkirche bebaut werden soll, war unter den Experten Konsens. "Das Gewandhaus würde den Platz fassen, die Zugänge zum Neumarkt würden ihrerseits zu kleinen Plätzen". begründete Weber. Vielleicht müsste in der Argumentation so vorgegangen werden, dass erst der Sinn der Bebauung klar gemacht werde, fügte Feßenmayr an. "Dann kommt die Planungsphase, in der noch Änderungen möglich sind." Er sehe derzeit im Stadtrat keine eindeutige Positionierung, dafür aber Verengung der Debatte auf Äußerliches. "Die Furcht vor der Fassade verhindert vielleicht die Fertig-stellung", sagte er.

Dresden hat schon einige architektonische Neuheiten bekommen, Debatten inklusive. Ein gutes Beispiel mit Ergebnis: die Synagoge. Das Gewandhaus wäre eine Chance, eventuell auch als Bindeglied zum Kulturpalast zu wirken. Das Neue muss nicht per se gut sein. Aber es sollte auch in Dresden eine Chance bekommen.




Dresdner Neuerste Nachrichten 20. September 2007

Urbane Projekte
Zehnte „Baukunst und Umwelt"- Ausstellung im Blockhaus


Von Ullrich Bemmann

Baukunst und Umwelt sind zwei Dinge, die nicht so recht zusammenzupassen scheinen. Dort, wo der Mensch baut, muss die Natur weichen, wird die Umwelt zwangsläufig verändert. In letzter Zeit setzt sich jedoch die Einsicht durch, dass es sinnvoll ist, die Eingriffe so gering wie möglich zu gestalten.

Die Sächsische Akademie der Künste (SAK), zu der auch eine Baukunstklasse gehört, und die Sächsische Landesstiftung Natur und Umwelt (LaNU) haben sich diesen Anspruch auf die Fahnen geschrieben. Beide Institutionen verleihen in diesem Jahr zum ersten Mal den Gottfried-Semper-Architekturpreis für „herausragende Leistungen der Baukultur und räumlichen Entwicklung unter Berücksichtigung ökologischer Verträglichkeiten". Gestiftet wird der Preis von Vattenfall Europe.

Das Thema „Baukunst und Umwelt" spielt aber schon seit einiger Zeit eine wichtige Rolle in der Zusammenarbeit von SAK und LaNU, die beide im Blockhaus am Neumarkt ihren Sitz haben. Die gleichnamige Ausstellungsreihe im Foyer des gemeinsamen Domizils würdigt Architekten, die in ihren Bauvorhaben die Belange von Natur und Umwelt in besonderem Maße berücksichtigen. Die zehnte Schau widmet sich den Leipziger Architektinnen Dr. Marta Doehler Behzadi und Professor Iris Reuther sowie ihrem Büro für urbane Projekte.

Lange Zeit wurden Städte immer größer. Sie wuchsen nicht nur, sie wucherten über natürliche und von Menschen geschaffene Grenzen wie Flüsse, Berge, Bahnlinien und Straßen hinweg. Immer mehr Natur wurde verbaut, die Landschaft zersiedelt. Insbesondere ab Mitte des 20. Jahrhunderts beschleunigte sich diese Entwicklung. Seit 1990 gibt es jedoch gerade in Ostdeutschland eine gegenläufige Bewegung: Ganze Areale veröden, Menschen ziehen weg, Städte schrumpfen. Diesen „Transformationsgebieten" gilt das besondere Interesse des Büros für urbane Projekte Leipzig. Marta Doehler Behzadi, Iris Reuther und ihre Kollegen haben es sich zur Aufgabe gemacht, den Bedürfnissen der Menschen entsprechende Lösungen für diese Übergangsprozesse zu finden. So wirkten sie am EU-Projekt LHASA „Wohnfolgelandschaften" Leipzig-Grünau mit. Dort entstanden durch den Gebäudeabbruch Freiflächen, die zu tief greifenden Veränderungen der urbanen Strukturen aber auch von Nutzungsge-wohnheiten und Maßstäben führten.

Die Zeiten, in denen Architekten ganze Städte gestalten können, sind vorbei, ein „Masterplan" wird nicht mehr benötigt. Auch mussten sich die Baumeister von der Utopie einer Stadt als perfekt funktionierender Maschine trennen, die am Reißbrett entsteht.

Die Erfahrungen haben gezeigt, dass selbst ehrgeizige, gut gemeinte Entwürfe in die Realität umgesetzt, nicht immer auf Gegenliebe bei den Bewohnern stießen. Das Büro für urbane Projekte verfolgt deshalb eine andere Strategie. Statt abgeschlossene Konzepte vorzulegen, gibt das Team um Marta Doehler Behzadi und Iris Reuther Entwicklungsrichtungen vor. So kann auf Veränderungen schnell reagiert, sich vollziehende Wandlungen in das Konzept integriert werden. Mit zum Teil erstaunlichen Ergebnissen, wie die Projekte „Stadtumbau mit integrierter Denkmalpflege" in der Lutherstadt Eisleben oder die Mitwirkung am Konzept für „Ferropolis, die Stadt aus Eisen" zeigen. Gerade bei letzterem Vorhaben wurde deutlich, was alles möglich ist, wenn Planer, Behörden und Unternehmen an einem Strang ziehen. Ein Projekt, das auch anderorts als Anregung dienen kann.




Die Welt 11. Oktober 2007

Feindbild Puppenstube
Deutsche Architekten verweigern sich historisierendem Bauen - und provozieren damit den Bürgersinn


Dankwart Guratzsch

Der Wiederaufbau zerstörter Barockhäuser in Dresden und eines Ensembles von Fachwerkhäusern in Frankfurt/Main hat einen Grundsatzstreit ausgelöst: "Zwischen Original und Illusion. Gebaute oder konstruierte Geschichte?" So fragte unlängst das Denkmalschutzforum der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin. Und es ist nicht die einzige Plattform, auf der Denkmalpfleger und Architekten nach einer "Wende" im Nach-Wende-Bauen rufen.

Seit Monaten schon versucht die Sächsische Akademie der Künste in einer anspruchsvollen Veranstaltungsreihe dem neuen Historismus auf die Spur zu kommen. Sie nennt es "Das Verschwinden/Die Erfindung von Geschichte". Da passt es dazu, dass sich vor wenigen Wochen auch ein Expertenworkshop im weithin unzerstörten Erfurt, das mit der Pracht seiner frisch restaurierten Altstadt in Konkurrenz zu den schönsten Stadtbildern Europas tritt, zu der besorgten Frage aufgerufen sah, ob denn die "Thüringen-Metropole" zur "Puppenstube" werden solle?

In Dresden gibt es bereits ein Gegenkonzept. Am Neumarkt, direkt vor den neuen Barockfassaden, soll ein breit gelagerter Solitär, neues Gewandhaus genannt, entstehen, der in kompromisslos moderner Gestaltung der Frauenkirche Paroli bieten soll. Dazu wird ein Grundstück reaktiviert, das seit Jahrhunderten unbebaut geblieben ist - die einen sagen, aus Geldnot, die andern meinen, aus wohlerwogenen Gründen: um die Frauenkirche in ihrer majestätischen Platzwirkung nicht zu stören. Auf drei Tagungen mit Architekten und Denkmalpflegern wurde der in einem prominent besetzten Architektenwettbewerb zum Sieger erklärte Entwurf des Stuttgarter Ehepaars Cheret und Bozic zur Ausführung vorgeschlagen - und in drei Bürgerforen von einer nur mühsam zu bändigenden Menge ebenso leidenschaftlich abgelehnt. In einer Meinungsumfrage stimmten 81 Prozent der 1200 Befragten gegen das Projekt. Inzwischen droht sich der Streit zu einer Kontroverse wie das Gezänk über die Waldschlösschenbrücke auszuwachsen.

In all diesen Fällen geht es um eine lange vernachlässigte Kategorie des Bauens: Identifikation. War die architektonische Moderne bestrebt, "internationale", "neutrale", "abstrakte" Bildwelten zu schaffen, so regte sich schon in den Frankfurter Häuserkämpfen und 30 Jahre später auch im revolutionären Herbst der DDR ein ungestümes Verlangen nach Individualität, kultureller Eigenart und überzeitlichen Werten. Es kann in den nackten und gläsernen Städten der Nachkriegszeit nicht gestillt werden.

Dass Sachsens Hauptstadt zum ersten Austragungsort dieses Grundsatzstreites geworden ist, hat seine Logik. In dieser durch den Bombenkrieg noch immer so schwer gezeichneten Stadt entsteht zu Füßen der Frauenkirche der größte zusammenhängende Bereich von Wohnhäusern der Vorkriegszeit, der je in einer deutschen Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Nichts neu erschaffen worden ist. Auch wenn damit nur eine einzige der architektonischen Glanzepochen des einstigen Elbflorenz, der Barock, in nachahmender Gestaltung in das Bewusstsein der Städter zurückgeholt wird (und zum Beispiel das 19. Jahrhundert mit den großartigen Bauten der Semperschule ausgespart bleibt), empfinden es viele Dresdner als Genugtuung.

Menschen "vom Fach" freilich stoßen sich an der falschen Frische dieses unwirklich "neuen", grellen Barock, am Betonkern der Gebäude, an den hineingezwängten Einkaufszentren, an zahllosen handwerklichen Ungenauigkeiten, an der Ausblendung der geschichtlichen Katastrophe durch den Schein der Vollkommenheit. Ihnen könnte nur ein Gegenschlag mitten im Traditionsquartier - und nicht an dessen Rand, wie das Publikum ersatzweise vorschlägt - Erleichterung verschaffen. Dabei übersehen sie möglicherweise, dass dieselben "Barockhäuser", die ihnen so befremdlich erscheinen, wenn sie den Krieg überstanden hätten, vermutlich nicht viel anders aussähen. Die grelle Farbigkeit mag unhistorisch sein, umso mehr ist sie Ausdruck des Lebensgefühls der heutigen Zeit und damit auf ihre Weise geschichtlich.

Deshalb ist der Blick auf Städte wie Erfurt so erhellend. Was in Dresden "künstliche" Altbaufassaden so schrill hervorhebt: Die noch junge Farbe ziert in der alten Waidstadt, deren Andreasviertel 1989 nur durch Menschenketten vor den Abbruchbaggern gerettet werden konnte, die original-historischen Häuserwände.

Und noch in einer zweiten Hinsicht ergibt sich eine Parallele: In das historische Bild sind hier wie dort Neubauten eingefügt, darunter viele, die mit ihrer Modernität modisch-exzentrisch auftrumpfen. Wenn Thüringens Architekten gleichwohl der Horror vor einer "Puppenstube" befällt und wenn ihre Dresdner Kollegen nach einem Gegenschlag rufen, so drückt sich darin das tiefe Unverständnis für einen "Zeitgeist" aus, der sich nicht mehr dem Deutungsschema vermeintlicher Modernität fügen will.

Der aus Prag stammende Berliner Architekt Ivan Reimann hat in einem Beitrag zur Dresdner Architekturdebatte die These vertreten: "Das heutige Erscheinungsbild des Neumarkts ist ein direkter Ausdruck unserer Zeit - so wie sie ist, und nicht so, wie sie die Architekten haben möchten." Auch eine nach wirtschaftlichen und funktionalen Kriterien entwickelte "neue" Architektur, die eine Shopping Mall in eine "spektakuläre Hülle" verpackt, leiste nichts anderes. Beide Gestaltungsmodelle seien Erscheinungsformen eines Zeitgeistes, der auf die "Herrschaft der Oberfläche und die Diktatur der Ökonomie" reagiert. Die vorgeblendeten Bilder eines neuen Historismus dürften nicht als "Provinzialismus", sondern als "wahrlich modernes, ja futuristisches Projekt" gelesen werden.

Für die Debatte über "gebaute oder konstruierte Geschichte" ist diese Wortmeldung lehrreich. Sie räumt mit der falschen Vorstellung auf, dass es beim Wiederaufbau verschwundener Städtebilder um Denkmalschutz gehe. Der vermeintlich "falschen" Geschichtlichkeit neuer historischer Bilder stellt sie mit entwaffnender Polemik das "echte alte Dorf" gegenüber, das zum Architekturdenkmal erklärt und unter Schutz gestellt wurde. Überflutet von Überseetouristen, die das Alte Europa bestaunen, regionale Küche kosten und Souvenirs kaufen wollen, hat es gleichwohl seinen Charakter geändert. Reimann: "Ohne etwas abzureißen, ja mit der festen Überzeugung, Geschichte zu bewahren, hat man sie erfolgreich beseitigt."





Dresdner Neueste Nachrichten 16. Oktober 2007

Ausstellung "Baukunst und Umwelt" im Blockhaus

Theodor van Bernum

Baukunst und Umwelt scheinen auf den ersten Blick extreme Gegenwelten zu sein. Wo gebaut wird verändert der Mensch nach seinen Vorstellungen gestaltend die Umwelt. Erst in neuerer Zeit hat sich dabei verstärkt die Erkenntnis durchgesetzt, dass nur ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Gestalten und Bewahren Schäden vermeiden und dadurch zu zukunftsweisenden Ergebnissen führen kann.

In der nunmehr bereits zehnten Ausstellung zur Thematik Baukunst und Umwelt präsentieren die Sächsische Akademie der Künste und die Sächsische Landesstiftung Natur und Umwelt im Foyer ihres gemeinsamen Domizils im Blockhaus am Neustädter Markt seit kurzem die Plakatausstellung „Urbane Projekte". Die Leipziger Architektinnen Dr. Marta Doehler-Behzadi und Professor Iris Reuther verdeutlichen anhand von mitteldeutschen Projektbeispielen ihres Büros für urbane Projekte welchen Herausforderungen sich Architekten und Stadtplaner vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen bei der verantwortlichen Gestaltung von urbanen Umwelten stellen müssen.

Im Zuge der Industriellen Revolution erlebten die Städte ein nahezu explosionsartiges Wachstum. Natur und Umwelt wurden zurückgedrängt, umgestaltet und überbaut. Die Landschaft rund um die Städte und Siedlungen wurde stark beansprucht und zersiedelt. Vor allem in Ostdeutschland zeigt sich allerdings seit Anfang der 90er Jahre auch ein gegenläufiger Trend: Die Städte beginnen zu schrumpfen. Die Menschen wandern ab, Leerstand und Verfall prägen das Bild ganzer Stadtteile und Regionen. Diesen Transformationsräumen, wo die Flächen erschlossen sind und Gebautes im Überfluss vorhanden ist, gilt das besondere Interesse des Büros für urbane Projekte in Leipzig. Am Beispiel des Leipziger Ostens wird exemplarisch die besondere Problemlage einer schrumpfenden Stadt aufgezeigt, die vor allem in Auflösungserscheinungen in den Außenbezirken bei gleichzeitigen Konzentrationsprozessen im Stadtzentrum ihren Ausdruck findet.

Die Antwort des Büros für urbane Projekte auf diese städtebauliche Herausforderung liegt in der Vorgabe von jederzeit flexibel und bedarfsgerecht aktualisierbaren Entwicklungsrichtungen anstelle von umfassenden Konzepten und starren Plänen, die oft genug an den Interessen der Anwohner vorbeigehen. Die ausgestellten Beispiele einer derartigen experimentellen Praxis in der planerischen Begleitung sich rasch wandelnder Städte und Regionen lassen sich auch auf andere Orte mit vergleichbaren Problemlagen übertragen und können daher viele wertvolle Anregungen für einen zeitgemäßen Städtebau liefern.





Sächsische Zeitung 17. September 2007

Ratlose Laien und überforderte Architekten
Während einer Debatte zur Neumarktgestaltung fordern Experten, dass die Baupläne künftig besser erklärt werden müssen.


Martin Machowecz

Einen einzigen Tipp gibt Anne Luise Müller vom Kölner Stadtplanungsamt den versammelten Architekten im Neustädter Blockhaus: Dass diese ihre Lehren doch besser vermitteln mögen. Architekten und Stadtbauexperten sind am Freitagabend auf Einladung der Akademie der Künste ins Blockhaus gekommen. In erster Linie, um Vertretern aus Ulm, Münster und Köln Gehör zu schenken – Städten, die bereits Großbauprojekte in historischem Umfeld realisiert haben. Außerdem um anschließend darüber zu diskutieren. Wieder einmal. Neumarkt und Gewandhaus bringen den Dresdner noch immer auf Temperaturen. Und machen ihn oft ratlos.

Auf dem Abschluss-Podium, das eigentlich über neues Bauen und Baukultur reden sollte, geht es schnell nur noch ums Gewandhaus. Peter Cheret, von dem der Siegerentwurf fürs neue Gewandhaus stammt, ist dabei, außerdem der Wiener Architekt Hubert Hermann und Architekturhistoriker Oliver G. Hamm aus Berlin. Offenbar wird: Der Bürger versteht den Neumarkt kaum, und das Gewandhaus schon gar nicht. Abgesehen von Studenten, Architekten und Neumarkt-Experten hat sich kaum ein Durchschnittsdresdner ins Blockhaus
Verirrt. Doch wer soll vermitteln? „Den Architekten die Rolle des Moderators zuzuschieben, ist nicht fair", sagt Hubert Hermann. Dafür seien Politiker und Bauherren verantwortlich. Dass Moderation, von wem auch immer, durchaus nötig wäre, beweisen die Fragen aus dem Publikum. Ob das schöne Gewandhaus nicht woanders errichtet werden könne, will einer wissen – warum am Neumarkt? Der nächste fragt, wieso man Moden hinterherlaufe, die heute anders als morgen seien. Peter Cheret dürften diese Fragen schmerzen, ist sein Entwurf doch auf den Neumarkt maßgeschneidert. Das neue Gewandhaus soll mit der Frauenkirche in Dialog treten.

Sich das anhand eines Modells vorzustellen, ist keine leichte Aufgabe. Die geplante begehbare 1:1 – Gewandhausattrappe auf dem Neumarkt könnte dabei helfen. Ob sie gebaut wird, diskutiert der Stadtrat am Donnerstag.




Dresdner Neueste Nachrichten 15. Oktober 2007

Matinee im Schauspielhaus
"Der weiße Schwan am Zwingerteich"


Ursula Fuchs-Materni

Am Anfang war Beifall, Lange und intensiv. Und allen beiderseits der Rampe wurde bewusst diese Demonstration galt dem Manne, der da still zunächst im dezent-diffuse n Licht allein auf der Bühne saß, ebenso wie einer ganzen vielgestaltigenkünstlerischen Epoche, die er in diesem Hause entscheidend mitprägte. "Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten..." Horst Schulze sprach Goethes "Zueignung" aus dem "Faust" (mit dem der nun schon fast legendäre Schauspieler vielfach so tiefgreifend umzugehen versteht) als Einleitung und Motto zur Wiedereröffnungsmatinee des original rekonstruierten Dresdner Schauspielhauses. An einem Tag, den Intendant Holk Freytag mit vollem Recht als einen rundum glücklichen bezeichnen konnte. Nachdenkenswert seine Erwähnung jenes Vereins zur Verzögerung der Zeit, der sich gegen den aktuellen kunstfeindlichen Beschleunigungsfuror wendet.

Das Schauspielhaus hat bekanntlich seine Geschichte seit 1913und wird also nächstens als "weißer Schwan am Zwingerteich" blanke 95. Fünf Eröffnungen geschahen dazwischen, eine davon nach allerdunkelster Zeit, eine sozusagen in die Spartenselbständigkeit nach dem Auszug von Oper und Ballett ins wiedererstandene eigene Semper-Haus und eine nach der Wende. Eine Wirklichkeit, die reichlich und vielerseits öffentliche finanzielle Unterstützung und engagierte Mitarbeiter andererseits fand. Die Architekten Wolfgang Hänsch und Thomas Wagner resümierten und belegten dies zum Teil mit Dokumentaraufnahmen, Roland Oertel vom Staatsschauspiel mit ganz persönlichem Engagement.

Ingo Zimmermann, Präsident der in der Mitte der 90er Jahre gegründeten Sächsischen Akademie der Künste, betonte in seinem Grußwort, als Appell an kommunale Träger, dass ein solches Projekt auch eine geistige Investition darstellt und mit künstlerischen Mitteln dazu beiträgt, die Freiheit und Freiheitsfähigkeit der Gesellschaft zu verteidigen und zu bewahren. Staatssekretär Knut Nevermann vom Ministerium für Wissenschaft und Kunst des Freistaates Sachsen wies auf die Bedeutung einer ausgewogenen Balance zwischen Literatur, Schauspielkunst und Regie hin.

Nun sind es also die Mimen, die, in Umkehrung des auch in der Matineezitierten Schiller-Worts, für die und angesichts der Nachwelt Kränze flechten mögen. "...doch mannigfach wechselt das Schöne" war denn auch der Titel der Matinee. Um der erlebten und angestrebten Ausstrahlung des Hauses willen. So jedenfalls die hier gleichsam „aufgewachsene" Sängerin und Regisseurin Annette Jahns.

Der Kammerchor Pesterwitz, der Dresdner Bürgerchor zu. Büchners "Woyzeck", das Bläserquintett der Sächsischen Staaskapelle, Albrecht Goette (mit Herbert Eulenbergs "Modernem Monolog" von 1913), die Sopranistin Christiane Kapelle und der Tenor Andreas Petzold (mit einem Duett aus Beethovens "Fidelio", am Klavier: Eckehard Mayer), Mario Grünewald (mit der Rede des "Simon Bolivar"), Wolfgang Engel (mit einem Shakespeare-Sonett), Kai Roloff (Peer-Gynt-Monolog) ließen wechselvolle Dresdner Schauspielgeschichte mit Beispielen aus wechselvollen Zeiten wieder aufleben.




Sächsische Zeitung 15. Oktober 2007

Weißer Schwan am Zwinger
Matinee und zwei Premieren: Zur Eröffnung zeigt das Schauspiel die Palette der Theaterkunst.


Valeria Heintges

Ein wütendes Regietheater am Freitag, ein gediegenes Autorentheater, das den Text über alles stellt, am Sonnabend – mit den Eröffnungspremieren hat das Dresdner Staatsschauspiel gezeigt, zu welcher Bandbreite Theater fähig ist. Es gehört Größe und Toleranz dazu, gerade diese beiden Abende an den Anfang zu setzen. Den einen wird der radikale Lösch-Abend gefallen, die anderen werden das wortgewaltige, nahezu statische Theater des Intendanten Holk Freytag bevorzugen – diese Wahl ist wirklich eine und keine zwischen lauwarm und lauwarm.

Die Brauerei fehlt noch

Am Sonntag früh dann zur Matinee der Blick zurück. "Doch mannigfach wechselt das Schöne" ist die Veranstaltung überschrieben. Und mannigfach wechselt das, was die Zeiten als "schön" empfinden, möchte man hinzufügen. Und das nicht nur, weil in der Reihe der Ausschnitte aus den verschiedenen Eröffnungspremieren Mario Grünewald den Agitprop-Revolutionär Simon Bolivar von der rot erleuchteten Loge sprechen darf: Eröffnung nach dem Krieg 1948. Vor allem aber wurde natürlich die Schönheit des nun wieder vollständig hergestellten Hauses gepriesen, das dem Zwinger stolz die Schokoladenseite zeigt.

"Einen weißen Schwan am Zwingerteich" nannte Architekt Thomas Wagner das nachts festlich angestrahlte Gebäude. Zunächst keinen Unterschied zur Semperoper fand Wolfgang Hänsch, der von 1993 bis 1995 den Schauspielsaal in den historischen Zustand zurückversetzte. Dann fand er doch noch ein Manko: "Sie brauchen eine zugkräftige Brauerei", die das schöne Gebäude bildschirmfähig mache.

Sinn fürs Nötige

Sachsens Staatssekretär Knut Nevermann sprach in seiner Rede die Unterschiedlichkeit der beiden Premieren an. Man munkelt, nicht zuletzt er habe dafür gesorgt, dass 2009 Wilfried Schulz Intendant Holk Freytag ablösen wird. Sicher, neue Besen kehren gut, und Schulz steht in Hannover für modernes, aufgeschlossenes Theater. Aber es wäre nach diesem Eröffnungsdoppel schlicht unfair, Freytag mangelnde Ermöglicher-Fähigkeiten zu unterstellen. Und wer sich in Sachsen des Themas Rechtsradikalismus annimmt, dem fehlen weder Mut noch Sinn fürs Nötige




Die Welt Online 16. Oktober 2007

Richter-Preis für Maler und Grafiker Wolfram A. Scheffler

Dresden/Berlin (dpa/bb) - Der mit 20 000 Euro dotierte Hans Theo Richter Preis geht in diesem Jahr an den Berliner Maler und Grafiker Wolfram Scheffler. Das teilte die Sächsische Akademie der Künste am Dienstag in Dresden mit. Die Auszeichnung wird von der Witwe Richters gestiftet und an diesem Donnerstag in der Elbestadt verliehen. Die Jury würdigte den Preisträger als «enfant terrible» der Kunstszene in der DDR. Scheffler, Jahrgang 1956, stammt aus Chemnitz und war 1986 nach Westberlin übergesiedelt. Richter (1902-1969) gehört zu den wichtigsten Künstlern Sachsens im 20. Jahrhundert. Sein grafisches Werk enthält mehr als 600 Blätter und etwa 200 Zeichnungen.




Radio Berlin Brandenburg 16. Oktober 2007

Auszeichnungen
Richter-Preis für Wolfram A. Scheffler


Der mit 20.000 Euro dotierte Hans Theo Richter Preis geht in diesem Jahr an den Berliner Maler und Grafiker Wolfram Scheffler. Das teilte die Sächsische Akademie der Künste am Dienstag in Dresden mit.
Die Auszeichnung wird von der Witwe Richters gestiftet und am Donnerstag in der Elbestadt verliehen. Die Jury würdigte den Preisträger als "enfant terrible" der Kunstszene in der DDR. Scheffler, Jahrgang 1956, stammt aus Chemnitz und war 1986 nach Westberlin übergesiedelt.
Richter (1902-1969) gehört zu den wichtigsten Künstlern Sachsens im 20. Jahrhundert. Sein grafisches Werk enthält mehr als 600 Blätter und etwa 200 Zeichnungen.



Dresdner Neueste Nachrichten 20./21. Oktober 2007

Eine Überfällige Ehrung
Hans Theo Richter-Preis 2007: Die Sächsische Akademie der Künste würdigt Wolfram Adalbert Scheffler


Lisa Werner-Art

Wolfram A. Scheffler? Sagt der Name vor Ort vielen nichts (mehr)? Zumindest findet sich in seiner Ausstellungsliste keine Dresdner Galerie, geschweige denn ein Museum. Die Entfernungen zwischen den sächsischen Städten scheinen ja mitunter Lichtjahre weit. Fragte sich gar mancher, warum gerade der? Oder gab es wieder einmal zuviel Kunsttermine gleich-zeitig? Die Anzahl der zu Ehren von Wolfram Adalbert Scheffler - geboren 1956 in Karl-Marx-Stadt - Gekommenen war nicht gerade groß. Es war eher eine kleine, allerdings gewichtige Runde von „Eingeweihten" - Künstler aus Dresden und Chemnitz, Akademiemitglieder, oft zugleich Weggefährten aus alten Tagen, die sich anlässlich der Verleihung des Hans Theo Richter-Preises der Sächsischen Akademie der Künste versammelt hatten.

Dabei gab es Jahre, da schien er - auch die Ausstellung „Kunst in der DDR" von 2003 in der Berliner Nationalgalerie verortete ihn mit seinem Bild „Englische Erinnerung" (1984) so - in der Szene der „Neuen Wilden" aufzugehen. Nach wenigen Monaten Studium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst 1980 war der Autodidakt schnell in Leipzig, Chemnitz und Berlin bekannt geworden. Produzentengalerien wie die der Clara Mosch in Chemnitz oder „rot/grün" in der Berliner Sredzkistraße boten Raum für unkonventionelles künst-lerisches Vorgehen. Künstler wie Klaus Hähner-Springmühl waren Inspiratoren für die künstlerische Behauptung. Grenzen wurden ausgeschritten. Und als sich zeigte, dass es nicht
weiter ging, folgte der Ausreiseantrag - wie bei so vielen. 1986 reiste der Künstler nach Berlin/West aus, suchte und empfing neue Anregungen - auch in Paris, Amsterdam -, ohne Berlin aufzugeben. Er hatte Erfolg, erkannte aber auch andere, mit dem Kunstbetrieb zusammenhängende Grenzen, was ihn sich auf einige Jahre in sich selbst zurückziehen ließ. Distanz aufbauen zu dem, was gerade allgemein ist, scheint eine der hervorragenden Eigenschaften Schefflers zu sein, der heute zwischen Antwerpen und Berlin pendelt. Dies zeigte nicht zuletzt die große Retrospektive im Lindenau-Museum Altenburg im Jahr 2005.

Neben den älteren „wilden" Werken, zeigte sie jüngere, in der Form reduzierte, in den Farben auf Schwarz, Weiß, Grau konzentrierte Bilder sowie minimalistische Zeichnungen. Mit wenigen Linien, die teils unbestimmte Figuren bilden, dichten Strichlagen, dunklen Kreisen, die das Blatt partiell oder auch ganz überziehen, schafft Scheffler darauf eine Welt, die auf seltsame Weise fesselt - auch die Autorin, als sie die naturgemäß wenigen, auf Podium und Foyerwänden zu sehenden Arbeiten betrachtete. Sie gewannen an Anziehungskraft mit der Zeit. Die Besonderheit des zeichnerischen Schaffens würdigten Jutta Penndorf, Direktorin des Lindenau-Museums Altenburg, die für die Klasse Bildende Kunst dür Akademie sprach, sowie Laudater Olaf Nicolai, Freund und selbst schon oft geehrter Künstlerkollege Schefflers, der meinte, dass dessen Ehrung mit dem Preis eine Geste sei, „die längst überfällig ist". In Schefflers Zeichnungen sähe er das „Aufscheinen einer alten ,Figur’", in der „Sinnlichkeit und Denken nicht getrennt sind". Für ihn sei Scheffler „ein sehr modischer Künstler", wobei er das „modisch" im Sinne der Aktualität verstanden haben wolle, so Nicolai. Werner Schmidt, Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen i.R. und Hüter der Hildegard-und-Hans-Theo-Richter-Stiftung, unterstrich denn bei der Preisübergabe auch die „Intensität", mit der sich Scheffler „der Zeichnung verschrieben" habe. „Hans Theo Richter wäre beglückt", so seine Worte.

Der dem renommierten Dresdner Zeichner und Grafiker sowie Hochschullehrer (1902-1969) gewidmete Preis ist mit 20 000 Euro dotiert. Er wird per Entscheid einer Jury vergeben, die aus Mitgliedern der Klasse Bildende Kunst der Akademie der Künste, dem Vorstand der Hildegard-und-Hans-Theo-Richter-Stiftung und dem Direktor des Kupferstich-Kabinetts der Staatlichen Kunstsammlungen besteht. Den ersten Preis, er ging an Max Uhlig, hatte Hildegard Richter noch selbst bestimmt. Seitdem wurden Jiri Kolar, Paula Ribariu und Werner Wittig zu gleichen Teilen, Peter Graf, Thomas Ranft sowie Lutz Fleischer damit geehrt.





Leipziger Volkszeitung 17. Oktober 2007

HTWK-Studenten zeigen Arbeiten in stillgelegtem Bowlingtreff

Leipzig. Im stillgelegten Bowlingtreff am Wilhelm-Leuschner-Platz wird am Mittwoch wieder das Licht angeschaltet. Anlass ist die Jahresausstellung Architektur der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig (HTWK Leipzig). Laut einer Mitteilung der Hochschule vom Montag zeigt der Studiengang Architektur unter dem Titel "Bowling together" eine Auswahl von Arbeiten des vergangenen Jahres.

Eine erste Jahresschau hatte 2006 im Werk II stattgefunden. Für Organisatorin Professor Annette Menting sei es wichtig, "eine regelmäßige öffentliche Ausstellung zu etablieren, um einen Austausch mit interessierten Bürgern, Fachleuten und Institutionen zu intensivieren".
Mit der Wahl des ehemaligen Bowlingtreffs als Ausstellungsraum solle ein vergessener Ort der sozialistischen Moderne wiederentdeckt werden. Der Bau von Winfried Sziegoleit werde dabei selbst zum Exponat.

Zur Ausstellungseröffnung soll zudem ein Buch mit dem Titel "Bowling together: Bowlingtreff Leipzig - eine Spielstätte auf Zeit" erscheinen, das ein Interview mit dem Architekten und die Baugeschichte des Bowlingtreffs enthält sowie die Entstehung der Idee zur Jahresausstellung erklärt. Die diesjährige Schau findet in Kooperation mit der Stadt Leipzig als Eigentümerin des Bowlingtreffs statt. Die Schirmherrschaft trägt Martin zur Nedden, Beigeordneter für Stadtentwicklung und Bau, sowie die Klasse Baukunst der Sächsischen Akademie der Künste.
Bis zum 24. Oktober können Besucher die architektonischen Arbeiten besichtigen. Begleitet wird "Bowling together" von einem kulturellen Programm: Der Film "Das Geheimnis von LE" wird gezeigt, der Poetenladen bringt Literatur in den Bowlingtreff, die Beziehung von Bürgerengagement und Bowling soll thematisiert werden und die Sächsische Akademie der Künste will sich der Architektur ihres Mitgliedes Sziegoleit unter dem Titel "Zeichen setzen - Orte bilden" widmen.

[Das Projekt steht unter der Schirmherrschaft der Sächsischen Akademie der Künste.]




ddp 19. Oktober 2007

Erich Schneider-Wessling mit Semper-Architekturpreis ausgezeichnet

Erich Schneider-Wessling ist am Freitag in Radebeul mit dem erstmals verliehenen Gottfried-Semper-Architekturpreis ausgezeichnet worden. Der 76-jährige Architekt gelte als «Pionier des umweltbewussten Bauens», teilte die Sächsische Akademie der Künste mit. Dies zeige beispielsweise sein Neubau der Deutschen Bundesstiftung Umwelt in Osnabrück.

Radebeul (ddp-lsc). Erich Schneider-Wessling ist am Freitag in Radebeul mit dem erstmals verliehenen Gottfried-Semper-Architekturpreis ausgezeichnet worden. Der 76-jährige Architekt gelte als «Pionier des umweltbewussten Bauens», teilte die Sächsische Akademie der Künste mit. Dies zeige beispielsweise sein Neubau der Deutschen Bundesstiftung Umwelt in Osnabrück. Schneider-Wessling habe sich «bemerkenswert früh in Veröffentlichungen, Vorträgen und Lehrkonzepten zur Umweltproblematik zu Wort gemeldet». Als Hochschullehrer habe er zudem Generationen junger Architekten auf diesem Geist geschult.

Der Preis ist mit 25 000 Euro dotiert. Verliehen wird er von der Sächsischen Akademie der Künste und der Sächsischen Landesstiftung Natur und Umwelt. Stifter des Preisgelds ist das Energieunternehmen Vattenfall Europe Mining & Generation. Schneider-Wessling (Jahrgang 1931) hat seit 1960 ein Architekturbüro in Köln. Dort gründete er 1969 die Gemeinschaft von Architekten und Ingenieuren «Bauturm». 1999 wurde er in die Akademie der Künste Berlin berufen.

Die Auszeichnung soll künftig alle zwei Jahre vergeben werden. Der Namenspatron Gottfried Semper (1803-1879) gilt als bedeutender deutscher Baumeister und Architekturtheoretiker des 19. Jahrhunderts. Zu seinen berühmtesten Bauwerken in Dresden zählen die Oper, die 1938 zerstörte Synagoge und die Gemäldegalerie.





Lausitzer Rundschau 20. Oktober 2007

Semper-Preis für Erich Schneider-Wessling

Der erstmals verliehene Gottfried Semper Architekturpreis geht an den Architekten Erich Schneider-Wessling. Die mit 25 000 Euro dotierte Auszeichnung wurde dem 76-Jährigen gestern in Radebeul überreicht. Der Preis würdigt herausragende Leistungen beim umweltverträglichen Bauen.
Er wird von der Sächsischen Akademie der Künste und der Sächsischen Landesstiftung Natur und Umwelt verliehen. Preisstifter ist das Energieunternehmen Vattenfall. Schneider-Wessling betreibt seit 1960 ein Architekturbüro in Köln. Als Beleg wurde sein Neubau der Deutschen Bundesstiftung Umwelt in Osnabrück (1991) angeführt. (dpa)





MDR Figaro 30. Oktober 2007

Gottfried-Semper-Architekturpreis für nachhaltiges Bauen

Der 76-jährige Kölner Architekt Erich Schneider-Wessling erhielt den erstmals verliehenen Gottfried-Semper-Architekturpreis für Werke mit besonderer Qualität nachhaltigen Bauens. Bekannt wurde er u. a. durch seinen Entwurf für den Neubau der Deutschen Bundesstiftung Umwelt in Osnabrück.

Den erstmals verliehenen Gottfried-Semper-Architekturpreis nahm am 19. Oktober in Radebeul der 76-jährige Erich Schneider-Wessling entgegen. Die Sächsische Akademie der Künste und die Sächsische Landesstiftung Natur und Umwelt verleihen künftig alle zwei Jahre den mit 25.000 Euro dotierten Preis. Damit soll ein deutscher Architekt geehrt werden, dessen Werk sich durch besondere Qualitäten nachhaltigen Bauens auszeichnet. Das fünfköpfige Kuratorium, bestehend aus den Verleihern sowie dem Stifter Vattenfall, habe sich einstimmig für den diesjährigen Preisträger entschieden, gab der Vorsitzende der Findungskommission, Werner Durth, bekannt.

Schneider-Wessling betreibt seit 1960 ein Architekturbüro in Köln. Er habe sich bemerkenswert früh in Veröffentlichungen, Vorträgen, Entwürfen und Lehrkonzepten zur Umweltproblematik zu Wort gemeldet, verlautete von der Sächsischen Akademie der Künste. Schneider-Wessling könne als Pionier auf mehreren Handlungsfeldern des umweltbewussten Bauens gelten. Als Beleg wurde der von ihm konzipierte und 1991 realisierte Neubau der Deutschen Bundesstiftung Umwelt in Osnabrück angeführt. Darüber hinaus habe er in seiner Rolle als engagierter Hochschullehrer Generationen junger Architekten in diesem Geist geschult.

Sempers Spuren in Dresden

Gottfried Semper (1803-1879) war einer der bedeutdensten Architekten Europas und ebnete den Weg aus dem Historismus des 19. Jahrhunders in die Moderne. Mit Entwürfen von Theatergebäuden und monumentalen Museen, als erfahrener Baumeister in allen Baugattungen und als umfassend gebildeter Theoretiker hat er die Architekturgeschichte entscheidend geprägt. Mit der Semperoper und der Sempergalerie am Zwinger hat er auch in Dresden Spuren hinterlassen, die zu seinen bedeutendsten Werken gehören.

Mit der sächsischen Geschichte verbunden

Auch die Dresdner Synagoge, die 1840 geweiht und in der Reichsprogromnacht 1938 niedergebrannt wurde, war nach seinen Entwürfen entstanden. Seit 2001 befindet sich auf deren Grundriss eine moderne Synagoge. Semper wirkte außerdem in Mainz, London, Wien, Zürich und anderen Städten. Sein Werk hat Generationen junger Architekten nachhaltig beeinflusst.




Dresdner Neueste Nachrichten 20./21. Oktober 2007

Revolutionäre erwünscht
Erster Gottfried-Semper-Architekturpreis für Erich Schneider-Wessling


Heidrun Hannusch

Dass bei der Verleihung eines Architektur-Preises das Wort Revolution häufig fällt - zumal wenn damit nicht vorrangig eine ästhetische gemeint ist, ist schon ungewöhnlich. Und dann doch wieder nicht, wenn dieser Preis nach Gottfried Semper benannt ist. Es sagt einiges über den architektonischen Anspruch in Dresden, wenn hier sogar Barrikaden von einem Semper gebaut wurden. Und wenn ein Preis nach ihm benannt wird, kann die Devise nur lauten: Revolutionäre erwünscht!.

Ein Revolutionär, wenn auch in anderem Sinne als Semper, genannt werden kann auch der Gewinner des erstmals von der Sächsischen Akademie der Künste und der Sächsischen Landesstiftung Natur und Umwelt verliehenen Gottfried-Semper-Architekturpreises. Erich Schneider-Wessling gilt als Pionier des umweltbewussten Bauens. Er hat sich bereits vor Jahrzehnten zur Umweltproblematik zu Wort gemeldet, als dies noch nicht mehrheits-kompatibel schien und Ökologie-Verfechter gern als „grüne Spinner" abgetan wurden.

Der im Jahr 1931 geborene Schneider-Wessling studierte an der TU München und danach in Los Angeles bei Frank. L. Wright und Richard J. Neutra. Anschließend arbeitete er als Projektleiter in Caracas (Venezuela). Seit 1960 hat er ein Architekturbüro in Köln. Zu seinen bekanntesten Projekten gehört die neue Mitte für die Siedlung Kaarst bei Düsseldorf. „Hier entstand, landschaftlich eingebettet in einen Park mit See, gegliedert durch Plätze und Alleen, ein Ensemble aus Rathaus, Bürgerhaus und Markthalle mit Geschäftszentrum und Wohnanlagen, ein Ort der Begegnung und Identifikation, dominiert vom Turm des neuen Rathauses, der wie aus einem Kinderbaukasten' entstanden ‚ein eindeutiges Zeichen in der Stadt' setzt", sagte gestern Laudator Werner Durth. 1996 erhielt Schneider-Wessling den Europäischen Solarpreis für das Gebäude der deutschen Bundesstiftung Umwelt in Osnabrück.

„Die weltweite Diskussion um den Klimawandel gemahnt an den Ernst unserer Weltstunde. Wir wollen mit dem neuen Architekturpreis in Sachsen ein Zeichen für ein neues Umweltbewusstsein setzen, an dem auch die Künste, im konkreten Fall die Baukunst, tätig Anteil nimmt", erklärte der Präsident der Sächsischen Akademie der Künste, Ingo Zimmermann. Und Werner Durth fügte an: „Der Natur wieder zurückzugeben, was man ihr an Ort und Qualität genommen hat, ist eine der Maximen, die Erich Schneider-Wessling seit nunmehr fast einem halben Jahrhtmdert verfolgt und verbreitet hat. Von den einzelnen Bauwerken bis in den Maßstab der Stadtplanung sind seine Entwürfe stets auf die Gestaltung von Landschaft hin angelegt."

Der Preis ist dotiert mit 25 000 Euro, die vom Energieunternehmen Vattenfall Europe Mining&Generation gestiftet werden. Der Preisträger wandte sich gestern an die Firma und bat sie, „ein umfassendes Forschungsprogramm mit transparenter Arbeitsform aufzubauen, um die im Bauwesen produzierten Umweltschäden drastisch zu reduzieren". Und in bester Semperscher Revolutionärstradition hielt sich Erich Schneider-Wessling auch mit dezenter Kritik am Geldgeber nicht zurück. Mit der Minimierung der vom Bauwesen verursachten Umweltschäden, so sagte er, „könnte der eklatante Mangel von Atomkraftanlagen vielleicht wieder gutgemacht werden durch die Weiterentwicklung und den Ausbau von Angeboten der allerorts gegenwärtigen Sonne".




Sächsische Zeitung 20./21. Oktober 2007

Architektonisch die Welt verbessern
Erich Schneider-Wessling erhält den erstmals vergebenen Gottfried Semper Architekturpreis


Judith Scholter

Angefangen hat alles mit pflanzenüberwucherten Terrassen und Dachgärten, einem Netzwerk von Grünräumen - einer Art zweiter Natur mitten in der Stadt. Der Architekt Erich Schneider-Wessling war sich immer bewusst, dass Bauen einen Eingriff in die Natur bedeutet und verfolgte darum die gestalterische Maxime, der Natur etwas von dem erbeuteten Raum zurückzugeben.

Die innerstädtischen Wohnlandschaften aus Grünflächen und Freiräumen sollten aber nicht nur der Natur ihren Platz in der städtischen Gesellschaft zurückgeben, auch der Mensch sollte in den stadtplanerischen Entwürfen Schneider-Wesslings eine Wahl haben: Die Wahl zwischen Rückzug und Teilhabe; zwischen öffentlichem Raum und dem ganz privaten Leben. Gestern ist Erich Schneider-Wessling auf Schloss Wackerbarth, mit dem erstmals vergebenen Gottfried Semper Architekturpreis 2007 ausgezeichnet worden. Der Preis ist mit 25 000 Euro dotiert und wird zukünftig alle zwei Jahre von der Sächsischen Akademie der Künste und von der Sächsischen Landesstiftung Natur und Umwelt vergeben.

Mündiges Bauen

Immer ist es der Mensch, um den sich Schneider-Wesslings ganzes bauliches Streben dreht. Als Bauen zum „Ausgang aus selbst verschuldeter Unmündigkeit" bezeichnete der Architekturhistoriker Werner Durth die Arbeiten des Preisträgers in seiner Laudatio. Denn Erich Schneider-Wessling wolle den Menschen in der Stadt aus der Isolation befreien und zugleich eine im Bauen angelegte unbedachte Ressourcenverschwendung vermeiden. Der Lobredner zählt ihn zur Gattung der „Weltverbesserer, ohne die unsere Erde längst unbewohnbar geworden wäre". Der Geehrte bekommt den Gottfried Semper Architekturpreis als Pionier umweltgerechten Bauens.

Die Überzeugungen des Baumeisters lassen sich mit den beiden Schlagworten „Urbanes Wohnen" und „Solararchitektur" auf den Punkt bringen - sie sind im Nikolai-Zentrum in Osnabrück 1984 mustergültige Wirklichkeit geworden. Da überbaute Schneider-Wessling eine Tiefgarage mit Läden und Büros, mit lichten Wintergärten und grünen Terrassen. Für dieses Projekt erhielt er den Deutschen Städtebaupreis. Den Europäischen Solarpreis bekam er dann 1991 für den Neubau der Deutschen Bundesstiftung Umwelt in Osnabrück, einen geschwungenen, fast filigranen Komplex, der sich in den alten Baumbestand integriert.

Erich Schneider-Wessling wurde 1931 in Oberbayern geboren. Im Baugeschäft seines Großvaters kam er mit Techniken in Kontakt, die ihn später prägen sollten: Er baute Baumhäuser, beschäftigte sich mit Vermessung und Gartenbau. Ab 1951 studierte er in München und ging 1956 mit einem Stipendium in die USA, wo Richard Neutra mit seinem Biorealismus sein wichtigster Lehrer wurde. In der Zusammenarbeit mit Neutra entstand das Konzept der „Solararchitekur".

1960 eröffnete Schneider-Wessling in Köln ein eigenes Büro. Er traf auf den Komponisten Karlheinz Stockhausen und baute ihm ein Studio zwischen Labor und Labyrinth mit dem passenden Namen „Labyr": eine Künstler-WG, die ihn über Nacht berühmt machte. Schon hier nutzte Schneider-Wessling die Sonneneinstrahlung zur Belüftung und Belichtung - er war seiner Zeit eben ein wenig voraus.





Wochenkurier Dresden 23.10.2007

Sachsen spielt in Öko-Bau-Liga mit

Erstmals haben die Sächsische Akademie der Künste gemeinsam mit der Landestiftung Natur und Umwelt und dem Unternehmen Vattenfall Europe Mining & Generation den mit 25.000 Euro dotierten Gottfried Semper Architekturpreis verliehen.

Karin Rodig

Dresden. Die Freude war groß, der Preisträger fühlte sich von den Ovationen nahezu überwältigt: Erich Schneider-Wessling aus Köln, Architekt, Baumeis-ter, Lehrer, Suchender wie Findender, Jahrgang 1931. Lang ist die Liste seiner Preise und Anerkennungen, nun gesellt sich der Gottfried Semper Preis hinzu.

„Die Findungskommission hat es sich nicht leicht gemacht, aus 50 Vorschlägen 18 in die engere Wahl zu ziehen und daraus den Preisträger zu küren. Schneider-Wesslings Lebenswerk sei exemplarisch dafür, dass Bauen nicht nur Nutzen bringt, sondern auch Eingriffe in die Natur erfordert, deren Folgen zu bedenken und zu verantworten sind", sagte Professor Werner Durth in seiner Laudatio. In seinem 1960 in Köln gegründeten Architektenbüro begann er seine Vorstellungen vom maximalen Raum in minimalen Hüllen umzusetzen, bereitete der Solararchitektur den Weg und setzte auf urbanes Wohnen als Form gemeinschaftlichen Zusammenlebens. Bauen sei die Vereinigung von künstlerischer und ökologischer Verantwortung, habe er einmal gesagt. Auf dem Gebiet der Stadterneuerung heißt sein Credo innerstädtische Verdichtung statt Expansion. In dieser Mission war er gutachterisch auch für Dresden tätig, erarbeitete Vorstellungen für die Gartenstadt Hellerau und beteiligte sich an einem Wettbewerb für ein Verwaltungsgebäude der Landeskirche Sachsen. In Gottfried Semper sieht er einen Architekten, dessen Zeit für den Durchbruch eines neuen Stiles noch nicht reif war. „Gemeinsam ist uns jedoch das Streben zur Förderung des Gemeinsinns."

Gemeinsinn ist auch die Motivation für das Energieunternehmen Vattenfall Europe, den Gottfried Semper Architekturpreis durch Stiftung des Preisgeldes zu unterstützen. „Der Braunkohlentagebau bedeutet Einschnitte in Siedlungs- und Naturraum, biete aber bei Rekultivierung die Chance, Kulturlandschaften hervorzu bringen, die den Bedürfnissen und Vorstellungen der Menschen entsprechen", so Vorstandsmitglied Dr. Hartmuth Zeiß. Der Semper Architekturpreis wird künftig aller zwei Jahren verliehen.




Universitäts-Journal der Technischen Universität Dresden Nr. 17, 30. Oktober 2007

Semper-Preis an Erich Schneider-Wessling
Gottfried-Semper-Architekturpreis an Erich Schneider-Wessling, einem Pionier umweltbewussten Bauens


Ursula Unger

Bekannt wurde Architekt Erich Schneider-Wessling erstmals durch Pläne zur Überbauung eines Parkplatzes im Kölner Severinsviertel mit einem Terrassenhügelhaus für fast 100 Familien gegen Ende der 60er Jahre. Auch wenn das Projekt nicht realisiert wurde, regte es die Diskussion um „neue Urbanität durch Dichte", an. Was dort noch Provokation bleiben musste, gelang wenig später auch praktisch, indem mit dem Nikolai-Centrum in Osnabrück durch Überbauung einer Tiefgarage mit einem urbanen Ensemble aus Läden, Büros und gemeinschaftsorientierten Wohnanlagen mit lichtdurchfluteten Wintergärten und vorgelagerten begrünten Terrassen ein Stück kompakte, lebensverbundene und anregende Stadt entstand. Für den 1931 geborenen Neutra-Schüler Schneider-Wessling war die vielgestaltige von Wohnen und Natur, innen und außen, zugleich von fließenden Übergängen zwischen privatem, halböffentlichem und öffentlichem Raum in städtischen Quartieren immer ein zentrales Anliegen.

In Caracas, Venezuela, wo er Richard Neutra ein Zweigbüro aufbaute, wurde er in Auseinandersetzung mit dein dortigen Klima zu Studien zur Nutzung der Sonnenenergie angeregt.

1960 nach Deutschland zurückgekehrt, blieb er offen für das Thema. So begann er etwa 1962 beim Entwurf einer kompakten Schullandschaft mit sich durchdringenden Räumen in einer Art gestapeltem Wabensystem, mit systematischen Schemenskizzen zu Sonneneinstrahlung, Belichtung und Lüftung. Auf diese Weise erarbeitete er sich frühzeitig die Prinzipien energieeffizienten Bauens. Zwei Jahre wirkte er unter anderem auch im Gründungsvorstand von EUROSOLAR mit.

Mit theoretischen Studien, öffentlichem Engagement und vor allem mit mehreren beispielhaften Gebäuden wie dem Anfang der 90er Jahre entstandenen Haus der Bundesstiftung Umwelt zählt Schneider-Wessling zu den Pionieren der Solararchitektur. Dieses Gebäude umschließt mit seiner ringförmigen Struktur in einem Park eine imposante 150 Jahre alte Buchengruppe und verwandelt so den Außenraum in einen Innenhof. Eine gläserne Doppelfassade ermöglicht Win-tergärten mit Pufferfunktion. Ein leichtes Rankgerüst garantiert durch seine Verschattung natürlichen Sonnenschutz. „Sonnenfänger" im Mittelpunkten der Ringe leiten das Licht tief ins Gebäude, so dass auf Kunstlicht tagsüber fast vollständig verzichtet werden kann.

Eine benutzerkontrollierte mechanische Lüftung erspart eine Klimaanlage. Solarkollektoren erzeugen Warmwasser, Photovoltaik dient der Stromerzeugung. Bis hin zum Einsatz von Isofloc-Dämmung aus Altpapier sowie voll Recyclingbeton, von Naturfarben und Naturmaterialien entstand ein innovatives, nachhaltiges Gebäude, das mit mehreren Architekturpreisen ausgezeichnet wurde.

Das Lebenswerk von Erich Schneider-Wessling überzeugte die mit der Auswahl des Preisträgers beauftragte Jury so klar, dass er aus 18 Kandidaten für die engere Wahl einstimmig nominiert wurde.

Initiatoren des mit 25 000 Euro dotier-ten Gottfried-Semper-Architekturpreises sind die Sächsische Akademie der Künste (SAK) und die Sächsische Landesstiftung Natur und Umwelt (LaNU). Der Preis wur-de erstmals ausgelobt und ist nach einer Reihe bemerkenswerter gemeinsamer Aus-stellungen beider benachbarter Institutio-nen im Blockhaus am Neustädter Markt ein Höhepunkt ihres Zusammenwirkens. Er wird künftig aller zwei Jahre vergeben und würdigt „herausragende Leistungen der Baukultur und der räumlichen Entwick-lung unter besonderer Berücksichtigung ökologischer Verträglichkeit".

Feierlich übergeben wurde der Preis erstmalig am 19. Oktober 2007 auf Schloss Wackerbarth. Der Laudator, Architekturhistoriker Prof. Werner Durth, Mitglied der SAK, sprach die Hoffnung aus, mit der Preisverleihung von Dresden aus eine neue Tradition zu be-gründen. Sie soll weltweit auf die Lebens-leistungen von Architekten in Deutschland aufmerksam machen, die Beispielhaftes zur nachhaltigen Gestaltung der Umwelt und zum verantwortlichen Umgang mit den begrenzten Naturressourcen leisten.

Als Maximen des diesjährigen Preisträgers bleiben in Erinnerung: beim Planen auf die Eigenheit des Ortes zu antworten, mit kreativer Nutzung von bauphysikalischen Gesetzen und maßvollem Einsatz von Technik energieeffizient zu bauen, für die Nutzer Umgebungsgrün und Landschaft vielgestaltig in das Gebäude einzubeziehen, sich intensiv mit den physischen und psychischen Bedürfnissen sowie den Verhaltensweisen der Menschen zu befassen, für die gebaut wird und architektonische Angebote für Gemeinschaft und Kommunikation zu schaffen.

Wer sich selbst ein Bild davon machen mag, wie diese Grundsätze in den gebauten Projekten mit Leben erfüllt sind, hat gegen Ende November für etwa 14 Tage Gelegenheit [verschoben auf Anfang 2008 - SAK], sich im Blockhaus am Neustädter Markt eine Fotodokumentation mit ausgewählten Werken von Schneider-Wessling anzusehen. Dazu wird ein Kolloquium vorbereitet, an dem der Architekt selbst teilnehmen wird. Die genauen Termine sind noch in der Abstimmung und bei der Akademie zu erfahren.





Dresdner Neueste Nachrichten 1. November 2007

Akademie der Künste mahnt zum Erhalt der Dresdner Staatsoperette

Die Sächsische Akademie der Künste hat den Erhalt der Dresdner Staatsoperette an einem angemessenen Standort gefordert. "Das Theater, auch das heitere Musiktheater, ist unverzichtbarer kultureller Besitzstand unserer Gesellschaft", hieß es in einer am Dienstag verbreiteten Erklärung. Der neu entflammte Streit um die Zukunft der Operette war Mitte Oktober neu entflammt, als die Stadt das Vergabeverfahren für einen Neubau für gescheitert erklärte.

Aus Sicht der Akademie ist die Ausschreibung - bewusst oder fahrlässig - so gehalten gewesen, "dass sie zwangsläufig zum Scheitern führen musste". Es entstehe "der fatale, den Ruf der Kulturstadt Dresden erneut gefährdende Eindruck", dies nicht anders gewollt zu haben. Diese Entwicklung habe Befremden und Betroffenheit ausgelöst. Schließlich habe die Stadtverwaltung mit dem Bekenntnis zum Neubau suggeriert, sich für Erhalt und Förderung des Theaters einzusetzen. Das Ensemble habe sich im Vertrauen darauf zu einer außerordentlichen, der Kommune Millionen Euro sparenden Reduzierung aller Gehälter verpflichtet.

Das gegen Ende des Zweiten Weltkriegs gegründete Ensemble ist das einzige selbstständige Operettentheater Deutschlands. Träger ist die Stadt Dresden. Die Bühne stand 2002 schon einmal vor dem Aus. Das sorgte bundesweit für Schlagzeilen und löste Proteste aus.




Sächsische Zeitung 2. November 2007

Kunstakademie setzt sich für Operetten-Neubau ein

In einer Erklärung wird der Stadt vorgeworfen, die Ausschreibung halbherzig betrieben zu haben.

Präsident Ingo Zimmermann und der Senat der Sächsischen Akademie der Künste machen sich für den Bau einer neuen Operette stark. In einer jetzt veröffentlichten Erklärung heißt es: „Mit Befremden und Betroffenheit haben wir der Presse entnommen, dass der lange geplante Neubau für die Staatsoperette Dresden im Stadtzentrum überraschend erneut infrage gestellt ist." Nach jahrelanger Debatte habe man alle Argumente als geprüft und ausreichend erörtert angesehen. „Nun stellt sich heraus, dass die Ausschreibung für den Neubau am Wiener Platz, ob bewusst oder fahrlässig, so gehalten war, dass sie zwangsläufig zum Scheitern führen musst. Da sich einige der für Inhalt und Form der Ausschreibung Verantwortlichen wiederholt für die Schließung der Staatsoperette aus finanziellen Gründen ausgesprochen haben, entsteht der fatale, den Ruf der Kulturstadt Dresden erneut gefährdende Eindruck, dies sei nicht anders gewollt gewesen."

An der Haltung der Sächsischen Akademie der Künste zu diesem Problem habe sich nichts geändert: Das Theater, auch das heitere Musiktheater, sei unverzichtbarer kultureller Besitzstand der Gesellschaft. Zimmermann und der Senat fordern „mit Nachdruck die Rückkehr der Stadtverwaltung zu sachgemäßen und verantwortlichem Handeln, wenn es darum geht, die Staatsoperette einen ihrer Bedeutung angemessenen Wirkungsort im Zentrum der Kulturstadt Dresden zu garantieren."




Dresdner Neueste Nachrichten 3.-4. November 2007

Unbekannte Seitengasse der Moderne
Eine Ausstellung im Sächsischen Finanzministerium stellt den architektonischen Kubismus in der Tschechischen Republik vor

[Ausstellung der Sächsischen Akademie der Künste in Zusammenarbeit mit dem Tschechischen Zentrum]

Tomas Gärtner

Wen es einmal nach Libodrice verschlagen sollte, ein kleines Dorf abseits der Fernverkehrsstraße Nummer 12 von Prag nach Kolin, der kann dort eine seltene Entdeckung machen: ein zweistöckiges Haus in eigentümlichem Stil - mit Erkern, die sich nach oben zu verbreitern und gezackten Fensterumrahmungen. Noch größer dürfte sein Erstaunen sein, wenn er erfährt, dass diese Gestaltung mit Pablo Picasso zu tun hat - zumindest indirekt.

Bei dem Gebäude handelt es sich um die Bauer-Villa, 1914 errichtet von dem tschechischen Architekten Josef Gocar (1880-1945). Er gehörte zu den wichtigsten Vertretern des architektonischen Kubismus - ein weltweit einmaliger Baustil, der, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nur drei Jahre praktiziert wurde, von 1911 bis 1914, und nur an wenigen Orten in Böhmen und Mähren. Was Picasso 1907 mit „Les Demoiselles d'Avignon" (den „Damen von Avignon"), zum ersten Mal versuchte - den Gegenstand kantig aufzuspalten und neu zu konstruieren -, wurde hier in Architektur übersetzt.

Wo überall in der Tschechischen Republik diese Kleinode stehen, wer sie wann errichtete und was diese Architekten dazu bewog - das kann man jetzt im Rahmen der Tschechisch-Deutschen Kulturtage in einer einfachen, aber gründlich Auskunft erteilenden Ausstellung im Foyer des sächsischen Finanzministeriums erfahren.

Der geistige Vermittler zwischen Picasso und tschechischer Baukunst, so kann man dort auf den ersten der mehr als 30 Tafeln lesen, war Pavel Janak (1882-1956). Er wollte um 1910 weg von der übermäßigen Rationalität, wollte mehr Kunst in die allzu nüchterne Baukunst bringen und damit die Phantasie anregen. Die Lösung konnte er bei jenem in Paris wirkenden Maler finden, weil es damals einen intensiven kulturellen Austausch zwischen der Seine-Metropole und Prag gab. Auch von diesem europäischen Geist erzählt die Schau. Janak fand in der Moldaustadt Kollegen, die sich für seine Gedanken begeisterten.

Hier stößt man denn auch auf die meisten Zeugnisse. Darunter der bedeutendste Bau dieser Richtung, in der Prager Altstadt: das Haus zur Schwarzen Mutter Gottes, entworfen von Josef Gocar. Mit einem eindrucksvollen kubistischen Portal, wie auf einem der zahlreichen Schwarz-Weiß-Fotos in der Ausstellung zu sehen ist. Drinnen das Cafe „Orient", da kann man sich einmal mitten hinein setzen in kubistisches Interieur; 2005 ist es rekonstruiert worden. Auch eine ständige Ausstellung über den tschechischen Kubismus gibt es da.

Die Laterne auf dem Jungmann-Platz - Emil Kralicek hat sie 1913 da hin gestellt - gilt als so etwas wie das Kultsymbol dieser Richtung, wie uns der Text mitteilt. Berichtet wird darin auch, wie empört damals konservative Prager Denkmalschützer über jenen Frevel in Sichtweite altehrwürdiger Bauten waren. Sieh da, auch an der Moldau haben sie seinerzeit über die Moderne gestritten.

An manchen Ecken der tschechischen Hauptstadt haben die vom Kubismus besessenen Architekten den Einwohnern vielleicht auch ein bisschen viel zugemutet. Josef Chochol (1880-1956) etwa mit seinem Kovarovic-Haus in Prag-Vysehrad. Fassade aus schrägen Flächen, dazu ein mehreckiger Garten mit kubistischer Einfriedung - ein radikales Beispiel.

Aber es gab auch andere, die dieses Neue mit Altem zu verbinden suchten. Pavel Janak hat das südöstlich von Prag, in Pelhrimov versucht, mit dem Fara-Haus, einem Gebäude mit Barockfassade, das noch aus dem Mittelalter stammt. Ob das gelungen ist, kann man auch anhand eines Modells beurteilen, das in der Ausstellung steht. In diesen eckigen, scharfkantigen, spitzen Formen sind auch Gebrauchsgegenstände geformt worden. Vasen, ein Kaffee-Service sind im Original in einer Vitrine ausgestellt, Möbel auf Fotos zu sehen. Kurz: Es ist eine interessante Schau über eine weitgehend unbekannte, kleine Seitengasse der Moderne.





Dresdner Neueste Nachrichten 7. November 2007

Rilke der „ewige Prager"
Der tschechische Dichter und Diplomat Jiri Grusa las im Dresdner Blockhaus aus einem unveröffentlichten Essay


Tomas Gärtner

Es war eine zufällige Begegnung. Doch bald schon sollte sie sich als bedeutsam für die intellektuelle Biografie des tschechischen Dichters und Diplomaten Jiri Grusa erweisen. An einem Tag, irgendwann in den fünfziger Jahren, er war damals Student, zog er aus dem Regal in einem Prager Antiquariat ein dünnes grünes Büchlein heraus. Verse eines Dichters namens Rilke aus Prag, in einer Feldpostausgabe. Das Deutsch verstand Jiri Grusa mit seinem Schulwissen nur lückenhaft. Doch das Lautmalerische dieser Zeilen über Orpheus, Eurydike und Hermes klang schön, geheimnisvoll, so ganz anders als sein Tschechisch. Er beschloss, diese Gedichte zu übersetzen und steckte das Buch in die Manteltasche.

So erzählt es Jiri Grusa in einem Text, den er am Montag im Blockhaus in Dresden vor nahezu lückenlos besetzten Stuhlreihen gelesen hat. Die Sächsische Akademie der Künste hatte den „Brückenbauer zwischen den alten europäischen Kulturen der Tschechen und Deutschen", wie ihn Akademiepräsident Ingo Zimmermann nannte, eingeladen, zu einer Veranstaltung im Rahmen der von den DNN präsentierten Tschechisch-Deutschen Kulturtage. Bestimmt ist der Text - Grusa hat ihn „Rilke liberal" überschrieben - für ein neues Buch.

Keine Memoiren, wie er im anschließenden Gespräch mit Ingo Zimmermann betonte, sondern eine Sammlung von Essays zu verschiedenen Themen. Wann es erscheint, konnte er noch nicht sagen, denn die Arbeit als Direktor der Diplomatischen Akademie in Wien lasse ihm nicht viel Zeit zum Schreiben. In seinen Augen sind diese Texte eher eine Deutung seiner
Vergangenheit, das Interessantere daran die Zusammenhänge mit Geschichte und Gegenwart.

So erinnert er beispielsweise daran, dass Deutsch in den fünfziger Jahren als Sprache jener Besatzer galt, die Tschechen abgeholt und erschossen hatten. Die Übersetzung Rilkes ins Tschechische bedeutete für Grusa eine „Befreiung der Sprache" von der Forderung der kommunistischen Partei, sie in den Dienst ihrer Ideologie zu stellen. Unablässig belehrten Parteifunktionäre den renitenten Autor über die richtige „Aufgabe der Literatur".

Zu seinem maßlosen Erstaunen musste er ebenjene Forderung bei einem Besuch in Westberlin aus dem Mund eines langhaarigen Studenten vernehmen. Der, was Grusa über die Befreiung der Sprache sagte, als „liberales Larifari" abkanzelte. Es waren Worte, mit denen Grusa zuvor von der kommunistischen Parteizeitung „Rude Pravo" angegriffen worden war. Er erzählt von den unglaublichen Wendungen der Geschichte: Wie ihm 1981 in Bonn ein Bote aus der dortigen tschechoslowakischen Botschaft die „Rausschmiss-Urkunde" überbrachte, die Aberkennung der Staatsbürgerschaft. Und wie er 1992 in ebenjenes Gebäude als Botschafter der neuen Tschechischen Republik einzog. Wie die Veröffentlichung seiner Rilke-Übersetzung, der ersten tschechischen seit 1945, durch den Einmarsch der sowjetischen Truppen 1968 verhindert wurde. Wie er sie in einer handgemachten Samisdat-Zeitschrift publizierte, bis Anfang der neunziger Jahre ein junger Student bei ihm erschien, der mit diesen Übertragungen einen Verlag gründen wollte. Schließlich schafften es Zeilen daraus sogar als übergroße Aufschrift auf das Prager Kaufhaus eines westlichen Konzerns.

Wir dürfen gespannt sein auf dieses Buch. Vor allem, wenn sich einiges von dem darin findet, was Grusa im Gespräch mit Ingo Zimmermann äußerte. Beispielsweise, wie die Literatur die Sprache aus dem Dienst an der tschechischen Nation befreite, sodass antideutsche, nationalistische Rhetorik und Politik dort heute unmöglich sind. „Die Leute würden über so etwas lachen bei uns. In Polen klatschen sie." Eine vergnügliche Lektüre dürfte es werden, wenn auch dieser feinsinnige Witz darin waltet, den Grusa an diesem Abend zeigte. Rilke, sagte er zum Beispiel, habe er mit seiner Übersetzung zu einem „ewigen Prager" gemacht. Und die Auflage von dessen Gedichten sei in Tschechien mit 15 000 wesentlich höher als in Deutschland (1200 bei Suhrkamp), merkte er an. „Das ist die späte Rache der Tschechen an den Deutschen."




DNA Reflets 3.-9.11.2007

Les mots de la liberté
Strasbourg
L`Académie de Saxe se réunit pour la première fois en France à Strasbourg, et y débat des enjeux de la liberté dans le monde de l`après 11 septembre.


Veneranda Paladino

Après Prague, Budapest, Wroclaw et Bâle. L`Académie de Saxe – une association regroupani 143 artistes et theoriciens allemands et étrangers – organise sa première rencontre annuelle en France et a choisi la capitale alsacienne. A la confluence de multiples cultures, de forte tradition d`imprimerie et du livre. Strasbourg ambitionne d`ailleurs, ces jours ci, le titre de capitale, européenne de la culture.

Le poète Richard Pietrass suggéra pour cette rencontre d'articuler littérature et liberté. Si le theme demeure rebatru, la question reste toujours ouverte et d`actualité brulante sous certaines latitudes. Au sein même de l’Europe l’éxperience don’t remoigneront.les écrivains de l’ex RDA –Michael G. Fritz, Peter Gosse, Durs Grünbein, Kerstin Hensel, Angelika Krauss… meritera, quelques attentions. Sans parler des membres correspondants d’autres pays de l’Est tels que l’Ukrainien Jurko Prochasko et le Hongrois György Dalos.

Mais la censure qu’elle soit politique, religieuse, économique n’est que l’un des aspects de la relation de l’écrivain avec la langue, sa langue, les langues, previent Alain Lance qui se souvient également du distique d’Eugene Guillevic (qui a traduit le poète alsacien Nathan Katz) "Et toute langue/ est étrangère".

Le traducteur et écrivain, Alain Lance dirige aux côlés de Richard Pietrass la réunion strasbourgeoise. Cette dernière s’organise autour d’ateliers debats, en allemands et en francais (traduits par Gabriele Wennemer) qui definissent des pistes de reflexion. La langue nove, où le flot libéré réunissent les divers participants, l’écrivain de nature oulipienne Jacques Jouet entraînera, lui, la discussion vers le rôle contradictoire de la contrainte formelle qui permet de libérer les potentialities de l’écriture.

La présence d’Eduardo Manet dil combine la relation au pouvoir aussi revolutionnaire et (soit disant) émancipateur fut-il, demeure sujette à caution. Àpres avoir fui le Cuba de Battista, Manet quittera à nouveau son île natale en 1968, pour différent ideologique avec Fidel.

Durant l’exil. L’homme de theâtre de Manet et romancier commenca a écrire dans une langue étrangère. D’abord en anglais puis assaya l'italien et finalement le francais. Le theâtre de Manet se mêle de politique et comment en serait- il autrement? Même si aujourd hui, le pouvoir êconomique d'un Bill Gates par exemple ou de bien d’autres capitaines d’industrie à la tête, notamment en France, de groupes mêlant allègrements. Ou BTP archève de formatter les esprits.

Sur les traces du célebre poême de Paul Éluard, on appréciera le pouvoir d’un mot par lequel recommence une vie , être né pour le comnaitre pour le nommer. Bien au dessus du silence, êcrire ton nom… Liberté (dans Poesies et véritês. 1942), sans cesse prononcée et trop souvent entravée.

Le 9 novembre de 16 h à 18 h, et de 20 h à 22 h (lecture en allemand et francais) au Palais de Rohan. Le 10 a 17 h lecture par Sylvie Germain et Jacques Jouet à 17 h au Palais de Rohan.