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Sächsische Zeitung 6. Januar 2010

Akademie fordert würdigen Platz für "Trauernden"

Die Sächsische Akademie der Künste sowie die Kunstsammlungen fordern einen würdigen Platz für die Skulptur "Der Trauernde". Das Werk von Wieland Förster, das an die Zerstörung 1945 erinnert, steht zwischen Taschenbergpalais und Zwinger. Ursprünglicher Standort ist der Georg-Treu-Platz. (SZ)




Sächsische Zeitung 8. Januar 2010

Kunstakademie für Rückkehr des Trauernden

Präsident Udo Zimmermann setzt sich dafür ein, dass die Skulptur wieder neben das Albertinum kommt.

Thilo Alexe

In die Standort-Debatte um die Skulptur „Der große trauernde Mann" von Wieland Förster ist Bewegung gekommen. „Das Werk soll wieder zurück an seinen angestammten Platz, den Georg-Treu-Platz", sagt Udo Zimmermann. Der Direktor der Sächsischen Akademie der Künste hat weitsichtig reagiert und versteht sich als Moderator in einem eigenartigen Streit.

Seit Anfang der 80er-Jahre stand die Bronzeskulptur, die an die bei der Bombardierung Dresdens Getöteten erinnert, am Georg-Treu-Platz nahe des Albertinums. 2003 wurde sie dort entfernt. Mit dem Umbau des Albertinums verwandelten sich Tei-le des Areals zur Baustelle. Seither steht sie auf einem unangemessen wirkenden Rasenfleckchen zwischen Schinkelwache und Zwinger - nah an Straße und Bahngleisen. Ende November gaben die Kunstsammlungen bekannt, dass der Treu-Platz zu einem „lebendigen Platz zwischen Ausstellungshäusern" werden soll und daher für den Trauernden „unangemessen" sei. Förster zeigte sich entsetzt, der laute Platz vor dem Zwinger sei für sein Werk ungeeignet.

Zimmermann hat sich darauf mit Kunstsammlungschef Martin Roth getroffen. Beide erklärten im Anschluss schriftlich, „dass ‘Der Trauernde’ einen würdigen Ort der Kontemplation" verdient habe.

Am 18. Januar will die Akademie-Spitze über das Thema debattieren. Wahrscheinlich ist, dass sich die Mitglieder einhellig dafür aussprechen, dass der „Trauernde" wieder an den angestammten Ort zurück soll. „Das könnte in diesem Jahr passieren", sagt Zimmermann.

Unterstützung dürfte er dabei von Dresdens Rathauschefin Helma Orosz (CDU) erhalten. Auf die Frage, ob die mahnende Skulptur wieder nahe am Albertinum aufgestellt werden soll, antwortete sie unlängst: „Ja. So stelle ich mir es vor. Dort stand die Skulptur und dort soll sie meiner Meinung nach wieder hin. Das sind wir dem Künstler Wieland Förster schuldig."

Der 1930 in Dresden geborene Künstler hat als Heranwachsender die Bombardierung seiner Heimatstadt erlebt. Nun hofft er auf die Rückkehr seines Kunstwerks.




Dresdner Neueste Nachrichten 9./10. Januar 2010

Leben in der sprachlich geteilten Welt
Ota Filip übernimt die Dresdner Chamisso-Poetikdozentur


Tomas Gärtner

"Ich bin ein Wanderer zwischen Böhmen und Bayern, zwischen der tschechischen und der deutschen Kultur", hat der tschechisch-deutsche Schriftsteller Ota Filip einmal in einem Radiointerview gesagt. Jetzt ist Gelegenheit, mit ihm darüber öffentlich ins Gespräch zu kommen. Am 13. Januar ist er zu Gast im Blockhaus in Dresden zur ersten Vorlesung der Dresdner Chamisso-Poetikdozentur, die er in diesem Jahr inne hat.

Diese Vortragsreihe ist an den Adelbert-von-Chamisso-Preis geknüpft. Der wird Autoren verliehen, deren Muttersprache nicht die deutsche ist, wenn sie einen wichtigen Beitrag zur deutschsprachigen Literatur leisten. Ota Filip hat diesen Preis, den es seit 1985 gibt, damals als zweiter bekommen, 1986.

Ota Filip ist Jahrgang 1930, stammt aus dem mährischen Ostrava (Schlesisch Ostrau). In der Tschechoslowakei ist er 1968, während des "Prager Frühlings" bekannt geworden. Damals hatte er bereits seinen ersten Roman "Cafe an der Straße zum Friedhof" veröffentlicht. 19601 war er aus politischen Gründen den inhaftiert worden. 1970 erneut. Geschrieben hat er da-nach aber weiter. Zwei Romane - "Ein Narr für jede Stadt" (1969) und "Die Himmelfahrt des Lojzek Lapacek aus Schlesisch Ostrau" (1973) - sind in Westdeutschland veröffentlicht wor-den.

1974 musste er die Tschechoslowakei verlassen. Er hat dann in Westdeutschland als Journalist und Verlagslektor gearbeitet. "Der Großvater und die Kanone" war 1981 sein erster Roman, den er auf deutsch schrieb. Das hat er bis 1989, dem Jahr des politischen Umbruchs in der Tschechischen Republik, beibehalten. Seither verfasst er von jedem seiner Bücher zwei Versionen: eine tschechische und eine deutsche. Daneben äußerte er sich in Beiträgen für Zeitungen und Zeitschriften zum Thema der deutsch-tschechischen Versöhnung.

1998 berichteten Zeitungen und Fernsehen, er habe in den fünfziger und siebziger Jahren für den kommunistischen Geheimdienst gearbeitet. Nach diesen Enthüllungen beging sein Sohn Pavel Selbstmord. Darüber geschrieben hat Ota Filip in dem autobiografischen Roman "Der siebente Lebenslauf’ (2001). Eine Geschichte über das Schuldigwerden in der Diktatur.

2007 erschien "Das Russenhaus". Darin schildert er auf phantastische Weise die tragische Liebe zwischen den Malern Wassily Kandinsky und Gabriele Münter, die sechs Jahre im oberbayerischen Murnau zusammenlebten, bis sich ihre Wege mit dem ersten Weltkrieg trennten.

Sein jüngstes Buch ist 2007 erschienen, in der Tschechischen Republik - eine Fortsetzung seines autobiografischen Romans. Der Titel lautet übersetzt „Der achte oder unvollendete Lebenslauf".

In den achtziger Jahren auf deutsch zu schreiben, das hat Ota Filip einmal als "Flucht" bezeichnet. Doch bald schon, als er sich in dieser Fremdsprache fast zu Hause fühlte, habe er die Schönheiten seiner Muttersprache entdeckt. Auch die habe sich nun jedoch als Fremdsprache erwiesen. Deshalb sieht er sich in einer Art sprachlichem Zwischenraum: "Ich lebe in einer sprachlich geteilten, oder auf eine unheimliche Art und Weise eingekreisten Welt und bin sprachlich betrachtet wahrscheinlich nirgendwo zu Hause."

Über diese Zweisprachigkeit will Ota Filip nun in seiner ersten Dresdner Vorlesung am 13. Januar sprechen. Weitere Themen sollen sein: Der „Prager Frühling" 1968 (14. Januar), das Exil (26. Januar), seine „kakophonischen Klagelieder" (27. Januar) und seine „Anti-Helden" (28. Januar).




Sächsische Zeitung 15. Januar 2010

Ein Wanderer zwischen Böhmen und Bayern
Der tschechisch-deutsche Autor Ota Filip erzählt in Dresden von der Flucht in eine andere Sprache.


Undine Mateni

Ein neugieriger Schriftsteller wie Ota Filip kann nicht auf geradem Wege von A nach B reisen. So nahm ihn ein freundlicher Taxifahrer am Mittwochabend erst einmal auf eine längere Rundfahrt durch Dresden mit, ehe er ihn am Lesepult im Blockhaus ablieferte. Dort sprach der Autor über die „erträglichen Schwierigkeiten der Zweisprachigkeit".

Ota Filip, vor 80 Jahren in Ostrava/CSR geboren, lebt seit 35 Jahren in Deutschland und wurde bereits 1986 mit dem Adalbert-von-Chamisso-Preis ausgezeichnet. Den Preis vergibt die Robert-Bosch-Stiftung für herausragende literarische Leistungen deutsch schreibender Autoren, deren Muttersprache nicht die deutsche ist. Die damit verbundene Poetik-Dozentur veranstaltet das Mitteleuropa-Zentrum der TU Dresden mit der Stiftung und der Sächsischen Akademie der Künste. Zu den wesentlichen Themen der Vortragsreihe gehört immer auch die Auseinandersetzung mit Begriffen wie Heimat und Muttersprache. Ota Filips Lebensbilanz: 7 Regime, 16 Staatspräsidenten, 1 Hitler, 1 Stalin, 7 Generalsekretäre, 2 Staatsbürgerschaften, 2 Sprachen und 2 Heimaten. Er habe keine Lust mehr auf große Wahrheiten und sei auch nicht bereit, in seinen Romanen solche zu verkünden, denn die große Geschichte habe ihn um die schönsten Jahre seines Lebens gebracht.

Seine Kindheit verlebte Ota Filip in Mährisch-Ostrau, umgeben von Freunden und Nichtfreunden und mehreren Sprachen: Tschechisch, Jiddisch und Deutsch. Dies seien für ihn keine Fremdsprachen gewesen, nur andere. 1939 zwang ihn sein Vater Bohumil, der sich nun Gottlieb nannte, von der tschechischen in die deutsche Volksschule zu wechseln. Es dauerte Jahre, bis Ota Filip ihm das verzieh.

Der Druck wurde unerträglich

Das Leben des Autors war von ständigen Umwälzungen geprägt: Als „bourgeoises Element" erhielt er 1960 die Gelegenheit, 700 Meter unter der Erde sein Kaderprofil aufzupolieren, später als Bauarbeiter. Als wichtigsten Verbündeten gegen Langeweile und Hoffnungslosigkeit wählte er die Literatur. 1968 erschien sein erster Roman, "Das Cafe an der Straße zum Friedhof". Jedoch folgten Verhaftung, Zwangsarbeit und Gefängnisstrafen wegen Auflehnung gegen das kommunistische Regime. Als der politische Druck unerträglich wurde, emigrierte Ota Filip 1974 nach Deutschland, lebt heute in Murnau und ist seither ein Wanderer zwischen Böhmen und Bayern.

„Vor mehr als 30 Jahren habe ich die Flucht in die deutsche Sprache angetreten, ohne mich als Deserteur zu fühlen", sagt er. „Dennoch empfinde ich ständig eine beklemmende metaphysische Angst, mein Tschechisch zu verlieren, doch wenn ich tschechisch rede und schreibe, fürchte ich, mein Deutsch zu verlieren." Beide Sprachen seien jetzt Fremdsprachen für ihn. „Ich lebe in einer sprachlich geteilten Welt und bin in keiner zu Hause."




Dresdner Neueste Nachrichten 15. Januar 2010

Chamisso-Poetikdozentur
Ota Filip: Ein sprachlich Unbehauster


Tomas Gärtner

Mehr als eine Sprache zu sprechen - das gehört zu den prägenden Kindheitserfahrungen von Ota Filip. Davon hat der tschechisch-deutsche Schriftsteller jetzt in seiner ersten Vorlesung der Chamisso-Poetikdozentur im Dresdner Blockhaus erzählt. Ostrau (heute Ostrava), in Mähren gelegen, wo er am 9. März 1930 geboren und aufgewachsen ist, sei damals, vor dem Zweiten Weltkrieg, eine multikulturelle Stadt gewesen. Bis heute kommt er von ihr nicht los, wie er bekennt.

Filips Erinnerungen an die anderen Kinder, mit denen er gespielt hat, sind zugleich Erinnerungen an andere Sprachen. Da ist der Junge, der beim Fußball auf Polnisch schimpfte. Da ist das Mädchen, dem er auf Deutsch seine Liebe zu gestehen versuchte oder der Sohn der jüdischen Familie, mit dem er sich jiddisch verständigte. Selbst durch die eigene Familie zogen sich die Sprachgrenzen: Ota Filips Mutter war Polin, der Vater Tscheche und Österreicher. „Deutsch, Polnisch, Jiddisch - das waren für mich nicht Fremdsprachen, nur andere Sprachen", sagt er.

1939, mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht erlebte er, wie das alles zerbrach. Das Mädchen aus deutsch-nationalistischer Familie blickte verächtlich auf ihn herab, jubelte den Okkupanten zu. Der Vater des jüdischen Spielkameraden fiel aus dem Fenster aufs Straßenpflaster und starb. Und der eigene Vater wollte auf einmal Deutscher sein, wollte nicht mehr Bohumil heißen, nannte sich Gottlieb und schleppte den Sohn in die deutsche Volksschule. Ota Filip hat das, was er „große Geschichte" nennt, als Trauma erlebt.

Anfang der 1960er Jahre erneut, als man ihn als „bourgeois-dekadentes Element" beschimpfte, aus der Redaktion warf, ins Kohlebergwerk und auf den Bau schickte. Dort hat er seinen ersten Roman geschrieben, „Das Cafe an der Straße zum Friedhof. Literatur ist ihm damals zum Ausweg aus Langeweile und Hoffnungslosigkeit geworden. Und er konnte sich frei schreiben vom traumatischen Verhältnis zu seinem Vater. „Die Literatur hat mich gerettet."

Nach politischer Verfolgung und Haft ist Ota Filip 1974 nach Westdeutschland gegangen. Dies ist zu einer „Flucht in die deutsche Sprache" geworden. Abermals spricht er von einer „Rettung". Seither lebt er in zwei Sprachen. Ist ein Buch in Mähren angesiedelt, schreibt er es zuerst auf Tschechisch. Spielt es in der Bundesrepublik, auf deutsch. Als zweites schreibt er es selbst in der jeweils anderen Sprache. Nicht als Übersetzung, wie er betont, sondern als andere Version.

Wie man auf diese Weise, in zwei Sprachwelten lebend, seinen Horizont erweitert, das haben wir von anderen Autoren bei diesen Chamisso-Poetikdooenturen erfahren. Ota Filip aber hat seinem Vortrag den Titel gegeben „Über die erträglichen Schwierigkeiten mit der Zweisprachigkeit" und zeigt uns, wie dies auch zum Problem werden kann. Wenn man wie er nicht mehr in der einen wie der anderen Sprache zu Hause sein kann. Das Symptom dafür, das er an sich beobachtet: „Ich spreche diese zwei Sprachen nicht mehr spontan, sondern auf eine ermüdende Art bewusst."

Das Deutsche, muss er sich eingestehen, ist ihm Fremdsprache geblieben. Das Tschechische hat sich entfernt - die Muttersprache ist zur Fremdsprache geworden. Wir haben es mit einem sprachlich Unbehausten zu tun. „Ich bin weder in der deutschen noch in der tschechischen Welt zu Hause." Als Wanderer sieht er sich, der sich immer wieder im Labyrinth zweier Sprachen verirrt.

9. Dresdner Chamisso-Poetikdozentur - die nächsten Termine:
26. Januar: „Über Glanz, Gloria und Misere des Exils und der schreibenden Exilanten"
27. Januar: „Meine kakophonischen Klagelieder"
28. Januar: „Meine Anti-Helden und Ich"
Beginn jeweils 20 Uhr, Blockhaus, Neustädter Markt 19




Dresdner Neueste Nachrichten 21. Januar 2010

Paul Fleming neu vertont
Fünf Uraufführungen in der Sächsischen Akademie der Künste


Alexander Keuk

Sehr erfreulich ist zu beobachten, dass sich die Sächsische Akademie der Künste mit ihrer illustren Runde von Künstlern und Wissenschaftlern nicht nur dem internen Diskurs hingibt, sondern immer wieder auch Projekte initiiert, die trotz oder gerade wegen eines hohen inhaltlichen Anspruches in die Öffentlichkeit drängen. So fanden im vergangenen Jahr einige Veranstaltungen aus Anlass des 400. Geburtstages des sächsischen Barockdichters Paul Fleming (1609-1640) statt. Ein Abend mit verschiedenen Ur- aufführungen auf Texte des Dichters bildete nun den Abschluss. Doch in der Versenkung wird Fleming gewiss nicht verschwinden, viel zu berühmt und faszinierend sind seine Schöpfungen, die nicht nur zeitgenössische Komponisten immer wieder zur Vertonung anregen.

Gut besucht war der Konzertabend im Dresdner Blockhaus mit insgesamt fünf Uraufführungen, die in Auftrag gegeben worden waren. Das Ensemble AUDITIV-VOKAL Dresden hat sich die Interpretation neuester Vokalkompositionen auf die Fahnen geschrieben und trat hier in der Kleinstbesetzung mit zwei Stimmen an, dennoch war die Kombination mit Instrumenten facettenreich. Leider war die Sopranistin Anna Palimina indisponiert, und Carsten Hennigs Uraufführung muss daher bis zur Wiederholung des Konzertes (am 28. Januar im Mendelssohnhaus Leipzig) warten. Sie sang jedoch dennoch eine Bach-Vertonung von Paul Fleming und beteiligte sich an der Aufführung des Werkes von Friedrich Goldmann. Der im vergangenen Sommer verstorbene Komponist schuf eine reizvolle Annäherung an Fleming mittels zweier grundverschiedener Duette. Das berühmte Gedicht "An sich" erklang als hoffnungsvoll-melodische Gabe, während die insistierenden Holzblöcke in den "Gedancken über die Zeit" immer wieder die Wort-Ebene unterliefen, oft sogar bestimmten.

Schön, dass man "An sich" in zwei verschiedenen Vertonungen betrachten konnte: Steffen Schleiermachers Sicht auf dieses Gedicht führte zu einem verbissenen Selbstgespräch, das der Bariton Sebastian Mattschoß mit intensivem Nachvollzug zeichnete. Gut und Böse lag hier nah beieinander, und eine Peitsche markierte samt wenigen vokalen Ausbrüchen eine eher ausweglose Situation, da mochte Flemings mehrfach zitiertes "dennoch" wenig helfen.

Die Kompositionen von Schleiermacher und Goldmann, Eckpunkte des Programmes, wirkten am aussagekräftigsten, während sich andere Komponisten mit den Texten eher schwer taten. Das allein wäre noch kein Kritikpunkt, denn wie Thomas Rosenlöcher in der anschließenden Diskussion richtig bemerkte, wirkt "das Fremde nah", wenn es einen offenen Raum erschließt. Mit der Flucht ins Klavierlied ist dies Günter Neubert und Siegfried Thiele wohl am wenigsten gelungen, denn auf tradiertem, besetztem Boden lässt sich auch mit Fleming keine neue Pflanze züchten. Neubert bekannte sich in den sieben Liedern "Auff die Liebste" zum syllabischen Strophenlied - mehr als eine kaum akzentuierte Lesung in Tönen sprang dabei nicht heraus. Thiele legte Flemings "Widerstreit" konsequent dramatisch an. Andreas Hecker (Klavier) blieb in beiden Werken zu sehr im Hintergrund und hätte mehr akzentuieren und gestalten können. In Thieles Stück wie auch in Friedrich Schenkers "Neujahrsode" (mit dem Komponisten an der Posaune) zeigte Sebastian Mattschoß eine kraftvolle und kompetente Interpretation. Während Schenker die Singstimme wie einen Ausrufer behandelte, schien in der Posaunenstimme die gleichzeitige Interpretation versteckt, die sehr viel persönlicher formuliert war.

Die Quintessenz dieses Konzertes war vor allem die gute Erkenntnis, dass es viele verschiedene Wege der Annährung an den Dichter gibt. Manchmal legt die Musik sogar etwas frei, was jenseits der Beschreibbarkeit und der Zeiten liegt. Genau dann wird das Fremde nah, und was sich hinter barocker Fassade verbirgt, sind vermutlich viel größere und wichtigere Anliegen.




Sächsische Zeitung 26. Januar 2010

Das Maß war ganz einfach voll
Der Lyriker Bernd Jentzsch verlässt unter Protest die beiden sächsischen Akademien der Künste in Dresden und Leipzig


Aus Protest gegen "Unterwanderung" durch vergangenheitsbelastete Mitglieder ist der Lyriker Bernd Jentzsch aus den beiden sächsischen Akademien der Künste ausgetreten. "Das Maß war ganz einfach voll", sagte der Mitbegründer der Sächsischen Akademie der Künste Dresden und der Freien Akademie der Künste zu Leipzig gestern. Er sei nicht damit einverstanden, dass aus der deutschen Demokratie "eine kommunistische Volksdemokratie in Gründung" werde. Namen nannte der aus Sachsen stammende und in Nordrhein-Westfalen lebende Schriftsteller nicht.

"Lügner und Wortbrüchige"

"Ich mache Platz für die ehemaligen Genossen der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, für die Parteisekretäre, für die Inoffiziellen Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR, für den Gast aus Tschechien, der Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit der Tschechischen Sozialistischen Republik gewesen ist, für Lügner und Wortbrüchige, für die kleinen Karrieristen in Gestalt von Ideendieben, für die Kommunisten, welche die Demokratie verhöhnen", schrieb er kurz vor seinem 70. Geburtstag an die Sächsische Akademie der Künste in Dresden.

Jentzsch wurde im Vogtland geboren, er studierte Germanistik und Kunstgeschichte in Leipzig und Jena. Dann arbeitete er freischaffend in Ostberlin, wo er die Reihe „Poesiealbum" im Verlag Neues Leben herausgab. Wegen einer drohenden Haftstrafe kehrte er 1976 von einem Schweiz-Aufenthalt nicht zurück. Er hatte in einem offenen Brief an Staatschef Honecker auch gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns protestiert. 1986 übersiedelte Jentzsch in die Bundesrepublik, nach der Wende war er 1992 Gründungsdirektor des Leipziger Literaturinstituts und blieb dort Leiter bis 1999.

Der 1996 gegründeten Akademie gehören derzeit 142 Mitglieder im In- und Ausland an, darunter die Schriftsteller Volker Braun, Erich Loest, Christoph Hein, Ingo Schulze und Martin Walser. Die Leipziger Akademie wurde 1992 gegründet und hat 77 Mitglieder.

Presseerklärung der Akademie zum Austritt von Bernd Jentzsch




Dresdner Neueste Nachrichten 26. Januar 2010

Lyriker Jentzsch tritt aus Akademien aus

Rückzug aus Frust über „Unterwanderung" durch vergangenheitsbelastete Mitglieder: Der Lyriker Bernd Jentzsch hat mit Briefen seinen Austritt aus den beiden sächsischen Akademien der Künste erklärt. „Das Maß war ganz einfach voll", sagte der Mitbegründer der Sächsischen Akademie der Künste Dresden und der Freien Akademie der Künste zu Leipzig sowie der Gründungsdirektor des Leipziger Literaturinstituts (1992-1999) gestern. Er sei nicht damit einverstanden, dass aus der deutschen Demokratie "eine kommunistische Volksdemokratie in
"Gründung" werde. Namen nannte er nicht. "Ich mache Platz für die ehemaligen Genossen der SED, für die Parteisekretäre, für die Inoffiziellen Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR, für den Gast aus Tschechien, der Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit der Tschechischen Sozialistischen Republik gewesen ist, für die kleinen Karrieristen in Gestalt von Ideendieben", schreibt er. dpa

Presseerklärung der Akademie zum Austritt von Bernd Jentzsch




Süddeutsche Zeitung 26. Januar 2010

Unter Protest
Bernd Jentzsch verlässt Akademien


Aus Protest gegen "Unterwanderung" ist der Lyriker Bernd Jentzsch aus der Sächsischen Akademie der Künste zu Dresden und der Freien Akademie der Künste zu Leipzig ausgetreten. "Ich mache Platz für die ehemaligen Genossen der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, für die Parteisekretäre, für die Inoffiziellen Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR, für Lügner und Wortbrüchige, für die kleinen Karrieristen in Gestalt von Ideendieben, für die Kommunisten, welche die Demokratie verhöhnen", schrieb der Autor kurz vor seinem 70. Geburtstag an die Dresdener Akademie. Namen nannte der aus dem Vogtland stammende und in Nordrhein-Westfalen lebende Schriftsteller nicht. dpa

Presseerklärung der Akademie zum Austritt von Bernd Jentzsch




Bildzeitung 26. Januar 2010

Sächsische Akademie bestätigt Jentzsch-Austritt

Dresden (dpa/sn) - Die Sächsische Akademie der Künste hat am Dienstag den Austritt des Schriftstellers Bernd Jentzsch bestätigt. In einer in Dresden verbreiteten Erklärung wies Präsident Udo Zimmermann die Äußerungen des 69-Jährigen vom Vortag "aufs Schärfste zurück". Die Akademie vertrete "Freiheit und Anspruch der Kunst gegenüber Staat und Gesellschaft", hieß es. Jentzsch hatte seinen Rückzug aus der Dresdner und der Freien Akademie der Künste zu Leipzig mit "Unterwanderung" durch vergangenheitsbelastete Mitglieder begründet, ohne Namen zu nennen. Der Schriftsteller, der an diesem Mittwoch 70 Jahre alt wird, lebt in Euskirchen (Nordrhein-Westfalen).



Stimmberg Zeitung 26. Januar 2010

Sächsische Akademie bestätigt Jentzsch-Austritt

Die Sächsische Akademie der Künste hat am Dienstag den Austritt des Schriftstellers Bernd Jentzsch bestätigt. Zugleich wies sie "aufs Schärfste" Äußerungen des Dichters als "Unterstellungen" zurück.

Gründungsmitglied Jentzsch (69) hatte den Rückzug aus der Dresdner und der Freien Akademie der Künste zu Leipzig mit einer "Unterwanderung" durch vergangenheitsbelastete Mitglieder begründet, ohne Namen zu nennen. Nach Darstellung der Akademie entbehrt das jeder Grundlage. Die Akademie vertrete seit ihrer Gründung 1996 "Freiheit und Anspruch der Kunst gegenüber Staat und Gesellschaft", hieß es in einer von Präsident Udo Zimmermann verbreiteten Erklärung.

Die Akademie verwies darauf, dass eine Mitgliedschaft laut Gesetz denselben Kriterien wie die Beschäftigung im öffentlichen Dienst unterliege. Dazu gehöre die Unvereinbarkeit mit einer Tätigkeit für das frühere Ministerium für Staatssicherheit der DDR. Jentzsch habe 14 Jahre lang weder an Mitgliederversammlungen noch an Sitzungen der Klasse Literatur und Sprachpflege und damit auch nicht an der Wahl neuer Mitglieder teilgenommen, für die es einer Zweidrittelmehrheit bedürfe, so die Akademie. Jentzsch sei stets über die Vorschläge informiert worden, ein Einspruch gegen die Kandidaten seinerseits sei "zu keinem Zeitpunkt erfolgt".

Der im Vogtland geborene Jentzsch hatte in Ostberlin die Reihe "Poesiealbum" im Verlag Neues Leben herausgegeben. 1976 war er von einem Schweiz-Aufenthalt nicht zurückgekehrt, nachdem er in einem offenen Brief an Staatschef Erich Honecker gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns protestiert hatte. 1986 übersiedelte Jentzsch in die Bundesrepublik. Nach der Wende war er Gründungsdirektor des Leipziger Literaturinstituts (1992-1999).




ddp / News AdHoc 26. Januar 2010

Akademie-Präsident weist Kritik des Schriftstellers Bernd Jentzsch zurück

Nach dem Austritt von Bernd Jentzsch aus der Sächsischen Akademie der Künste hat Akademie-Präsident Udo Zimmermann die Kritik des Lyrikers zurückgewiesen. Jentzsch, der zu den 1996 vom Freistaat Sachsen berufenen Gründungsmitgliedern der Akademie gehörte, habe 14 Jahre lang nicht an den Mitgliederversammlungen teilgenommen, sagte Zimmermann am Dienstag in Dresden.

Jentzsch hatte am Montag kurz vor seinem 70. Geburtstag nach eigenen Angaben aus Protest gegen eine "Unterwanderung" durch vergangenheitsbelastete Mitglieder die Akademie verlassen. Der aus Sachsen stammende Schriftsteller erklärte in einem Schreiben an die Akademie, er mache Platz unter anderem für die ehemaligen SED-Genossen, für die Parteisekretäre, für die Inoffiziellen Mitarbeiter der Stasi und für die Kommunisten, die die Demokratie verhöhnten.

Zimmermann sagte, Jentzschs "Unterstellungen" entbehrten jeder Grundlage. Der Lyriker habe nicht an Wahlen neuer Mitglieder teilgenommen, für die es im Plenum der Akademie jeweils einer Zweidrittelmehrheit bedarf. "Bernd Jentzsch war stets über die Zuwahlvorschläge für neue Mitglieder informiert. Ein Einspruch gegen die Kandidaten ist seinerseits zu keinem Zeitpunkt erfolgt", betonte Zimmermann.

Auch der Schriftsteller Friedrich Dieckmann wies die Vorwürfe von Jentzsch gegen die Sächsische Akademie der Künste zurück. Dieckmann sagte im Radiosender MDR Figaro, Jentzschs Kritik sei "reiner Blödsinn". Seine Vorstellung, die Akademie sei von Kommunisten und Stasi-Zuträgern unterwandert, zeuge von Inkompetenz. Jentzsch habe sich seit der Gründung der Akademie nicht mehr blicken lassen.

Der Schriftsteller Erich Loest sagte zu Jentzschs Kritik, würden Vorwürfe wie diese geäußert, wolle er Taten und Namen wissen. Dann könne man darüber reden, sagte Loest der in Dresden erscheinenden "Morgenpost" (Mittwochausgabe). Aus eigener Erfahrung könne er die Rundumkritik nicht teilen. na/ddp




Sächsische Zeitung 27. Januar 2010

Akademie der Künste wehrt sich

Dresden. Der Austritt des Lyrikers Bernd Jentzsch aus den beiden sächsischen Akademien der Künste ist gestern auf Unverständnis gestoßen. Der Präsident der Sächsischen Akademie der Künste, Udo Zimmermann, wies die Begründung des Schriftstellers in einer in Dresden verbreiteten Erklärung "aufs Schärfste" zurück und sprach von "Unterstellungen".

Gründungsmitglied Jentzsch (69) hatte den Rückzug aus der Dresdner und der Freien Akademie der Künste zu Leipzig am Montag mit einer "Unterwanderung" durch vergangenheitsbelastete Mitglieder begründet, ohne Namen zu nennen. Akademie- und Schriftstellerkollege Friedrich Dieckmann bezeichnete die "Ausfälle" von Jentzsch als "reinen Blödsinn". Die Sächsische Akademie vertrete seit Gründung 1996 "Freiheit und Anspruch der Kunst gegenüber Staat und Gesellschaft", so Präsident Zimmermann. Die Mitgliedschaft unterstehe laut Akademiegründungsgesetz denselben Kriterien wie die Beschäftigung im öffentlichen Dienst. Dazu gehöre die Unvereinbarkeit mit einer Tätigkeit für das frühere MfS.

Jentzsch habe 14 Jahre lang weder an Mitgliederversammlungen noch an Sitzungen der Klasse Literatur und Sprachpflege und damit auch nicht an der Wahl neuer Mitglieder teilgenommen. Er sei stets über die Vorschläge informiert worden, Einsprüche seinerseits gab es "zu keinem Zeitpunkt". (dpa)




Dresdner Neueste Nachrichten 27. Januar 2010

Alben voller Poesie - Aus Liebe zur Lyrik
Bernd Jentzsch feiert seinen 70. Geburtstag im Rheinland – Sächsische Akademie der Künste weist seine Austrittsvorwürfe zurück

Michael Ernst

Zwei Tage vor seinem 70. Geburtstag sorgte der Dichter Bernd Jentzsch für Schlagzeilen und gab bekannt, aus beiden sächsischen Kunstakademien austreten zu wollen. Er begründete dies, wie berichtet, mit angeblich vergangenheitsbelasteten Mitgliedern. Udo Zimmermann, Präsident der Sächsischen Akademie der Künste (und 1992 Gründungspräsident der Freien Akademie der Künste zu Leipzig), konnte über derartige Vorwürfe gestern nur den Kopf schütteln. Es befremde ihn, wie jemand, der seit 14 Jahren an keiner Akademieveranstaltung teilgenommen, sich weder an Wahlen beteiligt noch zu Mitgliedern oder Kandidaten geäußert habe, nun einen solchen Generalverdacht aussprechen könne. Zimmermann verwies darauf, dass eine Mitgliedschaft per Gesetz nach den Kriterien des öffentlichen Dienstes geregelt und mit früherer Stasi-Tätigkeit nicht vereinbar sei. Auch der Schriftsteller Michael Lentz, Akademiepräsident in Leipzig, zeigte sich verwundert und bestätigte, dass Jentzsch jahrelang nicht mehr aktiv gewesen sei.

Schon einmal hat der Jubilar Jentzsch mit einem Brief für Aufsehen gesorgt. Den schrieb er im Herbst 1976 von der Schweiz aus an Erich Honecker. Der Literat protestierte damals gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns. Postwendend wurde Jentzsch staatsfeindlicher Hetze beschuldigt, verblieb in der Schweiz (freilich ohne die geplante Anthologie über moderne Schweizer Dichtung für den Verlag Volk und Welt fertigzustellen) und zog drei Jahre vor Mauerfall in die Bundesrepublik. Dort erschienen seine Lyrikbände bei Hanser, Heyne und im Insel-Verlag. Ein Sich-Reiben an der Welt, das kluge Begreifen und Schildern menschlicher Flüchtigkeit – stets ein Bekenntnis zum Heiteren, nicht aber zu Leicht-Sinn. Gerade da, wo Bernd Jentzsch gegen Vergängliches anschreibt, ist sein Ton nicht von vergeblichem Widerstand geprägt, sondern von tieferer Einsicht.

Jentzsch, der heute vor 70 Jahren in Plauen zur Welt kam, debütierte mit Anfang Zwanzig beim Mitteldeutschen Verlag Halle, wo sein "Alphabet des Morgens" erschien. Es sollte die einzige Publikation des Autors in seiner einstigen Heimat bleiben. Zwar erhielt er dort noch 1968 die Bobrowski-Medaille, für einen Lyriker hohe Weihen, war dann aber nur mehr als Herausgeber tätig, und zwar als einer der verdienstvollsten in dieser Zunft.

So hat auch, wer keine einzige Zeile von ihm kennen sollte, möglicherweise eine Menge von ihm erfahren. Die Reihe "Poesiealbum" hat Jentzsch über 275 Ausgaben hin betreut. Sie erschien unverwechselbar solide in gleicher Ausstattung - 32 Seiten mit Gedichten und doppelseitiger Grafik zum Preis des täglichen Brots, 90 Pfennige - und bot Lesenswertes von DDR-Autoren ebenso wie Entdeckungen aus Ost und West. Zwischen Bertolt Brecht und August von Platen sind angepasste und widerborstige Dichter ediert, lebende und tote - und beileibe nicht nur Literaten! Gereimtes von Karl Marx und Ho Chi Minh findet sich ebenso wie Revolutionäres von Kurt Tucholsky, Georg Weerth und Thomas Brasch. Anna Achmatowa, Marina Zwetajewa und Jewgeni Jewtuschenko stehen Wystan Hugh Auden, Walt Whitman und William Carlos Williams gegenüber, die Zeitskala reicht von Li Taibo (701 bis 762) über Michelangelo und Hans Sachs bis hin zu Kathrin Schmidt, Steffen Mensching (beide Jahrgang 1958), Kerstin Hensel (1961), Uta Ackermann (1964) und Nika Turbina (1974). Wirkliche Fehlgriffe gab es keine, auch wenn heute kaum mehr Lyrik von Shakespeare und Claudius, Baudelaire und Bukowski, Rainer Maria Rilke und Karl Kraus, Bob Dylan (ja, schon 1983!) und Allen Ginsberg (bereits 1978) neben Reinhold Andert und Franz Josef Degenhardt, Gisela Steineckert und Eva Strittmatter in einer Reihe bestehen würde. Es ging eben nicht ums Ebenbürtige, sondern ums Kennenlernen, um Liebe zur Lyrik.

Mit einiger Courage brachte Jentzsch Autoren wie Hans Martin Enzensberger, Rolf Brinkmann und Pier Paolo Pasolini in die ostdeutsche Lesewelt. Obendrein erwies er sich in vielen Dutzend Veröffentlichungen als Kenner der Literatur, in deren Dienst er sich sah. Bis 1999 leitete er das Leipziger Literaturinstitut, dessen (Neu-)Gründungsdirektor er war. Vor drei Jahren betrieb er die Wiedergeburt des "Poesiealbums", das freilich nie wieder den einstigen Stellenwert haben kann.

Mehr als all diese verlegerischen Glanzleistungen hängen ihm nun seine Briefe an. Der an Honecker ist Geschichte, bei den Akademie-Schreiben erstaunt die Rigorosität und auch der Termin. Jentzsch teilt nicht nur gegen bisherige Kollegen aus, sondern wendet sich auch an "einen Gast aus Tschechien." Der beschmutze die Poetik-Dozentur in Dresden, denn die trage den Namen Chamissos: "Und der musste als Hugenotte aus Frankreich fliehen!" Gemeint ist Ota Filip, der freilich über seine Verstrickungen bereits 2001 im biografischen Roman "Der siebente Lebenslauf" selbst Zeugnis abgelegt hat – und aus genannten Gründen kein Akademiemitglied ist.

Das ist der in Euskirchen in der Nähe von Bonn lebende Autor Bernd Jentzsch nun auch nicht mehr. Er halte den jetzigen Zeitpunkt für geeignet, mit sich ins Reine zu kommen und ein Zeichen zu setzen. Man sollte darüber dennoch nicht vergessen, seine Gedichte zu lesen. Der 70. Geburtstag ist gewiss ein guter Anlass!




Frankfurter Allgemeine Zeitung 27. Januar 2010

Vorwürfe haltlos?
Bernd Jentzsch und die Akademie Die Sächsische Akademie der Künste in
Dresden weist die Kritik des Lyrikers Bernd Jentzsch "aufs schärfste" zurück.


Der in Plauen geborene Autor, der heute seinen siebzigsten Geburtstag feiert (F.A.Z. vom 23. Januar), hatte vor wenigen Tagen unter Protest die Akademie verlassen, weil er ihr "Unterwanderung" durch Mitglieder vorwarf, die sich zu DDR-Zeiten schuldig gemacht hätten: Er wolle Platz machen, so Jentzsch in seinem Brief an die Akademie, "für die ehemaligen Genossen der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, für die Parteisekretäre, für die Inoffiziellen Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR" sowie "für Lügner, Wortbrüchige", welche "die Demokratie verhöhnen". Jentzsch sei seit seiner Berufung 1996 eine "Karteileiche" gewesen, heißt es nun auf Nachfrage in Dresden; er habe weder an Versammlungen der Akademie noch an den Wahlen neuer Mitglieder teilgenommen. Gegen die Wahlvorschläge, über die er stets informiert worden sei,habe er nie protestiert. Ansonsten beruft sich die Akademie auf ihr Gründungsgesetz, das die Mitgliedschaft einstiger Stasi-Mitarbeiter ausschließt. khil




Sächsische Zeitung 14. April 2010

Training des Widerstands
Intendanten diskutieren über Theater in Sachsen und einen „unlauteren“ Antrag der Politik.


Rainer Kasselt

Nach einer guten Stunde wird es laut. Richtig laut. Sebastian Hartmann hält es nicht mehr auf dem Podium. „Ich lasse mich doch hier nicht anpissen“, ruft er. Der junge Leipziger Schauspiel-Intendant ist entrüstet. Aus dem Publikum hatte einer gerufen, nach langem Gerede komme man endlich auf den Punkt. Und der Punkt sei: „Theater muss das, was da ist, infrage stellen.“ Der da gerufen hat, ist nicht irgendwer, sondern Regisseur B. K. Tragelehn. In der DDR zeitweise mit Berufsverbot belegt, versteht er Theater immer als Ort der radikalen Auseinandersetzung mit den Herrschenden. Unvergessen seine Dresdner Inszenierung von Heiner Müllers „Umsiedlerin“ von 1985.

Warum rastet Sebastian Hartmann so aus? Er fühlt sich aus dem Dunkel des Parketts angegriffen, als habe er nur belangloses Zeug geredet. Hat er nicht. Er beschreibt sehr ausführlich, wie das Leipziger Schauspiel versucht, auf die „Agonie der Gesellschaft“ zu reagieren. Er sieht in Deutschland mit der „Filialerweiterung Ost“ kein wirkliches Aufbegehren. Wenn man die Zustände benennt, werde einem Schwarzmalerei und Defätismus vorgeworfen, sagt Hartmann.

Der Zwischenruf Tragelehns sollte kein Angriff gegen Hartmann sein. Die Montagsdiskussion der Sächsischen Akademie der Künste drohte zeitweise im Sande zu verlaufen. Zu lange hielt sich der „Akademiesalon“, die neue Werkstattreihe der Institution, bei der Aufforderung des sächsischen Kunstministeriums auf, über „Perspektiven der sächsischen Theaterlandschaft bis 2020“ nachzudenken. Moderator Holk Freytag, Ex-Chef des Dresdner Staatsschauspiels, jetzt Intendant in Bad Hersfeld, hält diesen Wunsch für unlauter, weil die Politik damit von ihren Aufgaben ablenken und das Theater zu ihrem „Erfüllungsgehilfen“ machen wolle. Es sei nicht die Zeit, den Stadtkämmerern die Arbeit abzunehmen. „Die Theater müssen beginnen, den Widerstand gegen ständige Kürzungen zu predigen“, sagt er.

Kleine Form im kleinen Raum

Zu kurz kommt im Dresdner Blockhaus die Debatte über Theaterinhalte. Michael Heinicke, Chef der Chemnitzer Oper, ist überzeugt, dass es 2020 noch die jetzigen Bühnen in Sachsen geben wird. „Aber möglicherweise gibt es eine andere Form des Theaters.“ Er denkt vor allem an kleinere Formen in kleineren Räumen. Auch Jens Groß, Dramaturg des Dresdner Schauspiels, weist in diese Richtung. Es gebe immer mehr unterschiedliche Interessengruppen im Publikum, nicht die große, einheitliche Masse. „Das Theater ist einer der letzten öffentlichen Räume, wo man sich noch über Probleme auseinandersetzen kann“, sagt er. So wie die Bühne in der DDR Plattform für das war, „was man auf der Straße nicht sagen durfte“, ergänzt Michael Heinicke, müsse sie heute die Verhältnisse kritisch reflektieren.

Ingolf Huhn, Intendant in Annaberg-Buchholz, unterstützt diesen Gedanken. „Der Kapitalismus hat keine Utopien“, das Theater aber brauche sie. Ein ständiger Spagat. „Wir dürfen uns nicht auf die Zuschauer von morgen herausreden, sondern müssen sie heute erreichen.“ Sie sind unser Kapital, sagt Huhn, „wir spielen für die Leut’“.




Dresdner Neueste Nachrichten, 14. April 2010

Akademie: Gegenwartsbezug ist Schicksalsfrage des Theaters

Michael Bartsch

Der Knoten platzte, weil dem renommierten Schriftsteller und Regisseur B.K. Tragelehn, im Publikum sitzend, am Montagabend nach einer reichlichen Stunde der Kragen platzte. Bis dahin hatte sich das Podium beim zweiten Salon der Akademie der Künste weitgehend darauf verständigt, dass es in einer zersplitterten Gesellschaft der Gruppen und Grüppchen auch nicht das eine Publikum geben könne, für das man Theater spielt. Folglich empfand Dramaturg Jens Groß vom Dresdner Staatsschauspiel sein Haus eigentlich schon als zu groß. Man spiele eben „fer de Leit“, so der seit Jahresbeginn in Annaberg waltende sächsische Wanderintendant Ingolf Huhn über seine theaterbegeisterten „Arzgebirger“. Oder für den einzelnen Besucher, der dann wieder eine Theatergesellschaft bilde, konstruierte der Chemnitzer Opernchef Michael Heinicke.

Oder vielleicht doch für eine Gesellschaft, der man im Ganzen einen agonieähnlichen Zustand bescheinigen müsse, wagte sich Leipzigs Centraltheater-Intendant Sebastian Hartmann vor. Man litt im Publikum geradezu mit der Suche der „Theatermacher“ auf dem Podium nach ihrer Selbst-Bestimmung in einer kaum noch zu bestimmenden Gesellschaft. Bis dann Ingolf Huhn doch den ketzerischen Vergleich mit den 80er-DDR-Jahren zog, als die Bühne Grundfragen der sozialistischen Gesellschaft reflektierte und eine enorme Ausstrahlung erreichte. In gleicher Weise müsse man heute nach dem Kapitalismus fragen, schloss Huhn in kalkulierter Simplizität. Schließlich stopfe das Theater schon jetzt die zahlreicher werdenden „Löcher“ dieser Gesellschaft, etwa seelische Bildung, Sozialverhalten oder die Sinnfrage betreffend.

„Das, was ist, in Frage stellen!“ entfuhr es Tragelehn darauf lautstark aus der letzten Reihe. Von nun an entspann sich ein spontaner Wortwechsel auf Zuruf, den Moderator Holk Freytag kaum noch steuern konnte oder wollte. Da gibt es offenbar doch ein kollektives Unbehagen, das alle angeht, ob nun der Einzelne zu einer bewussten Reflexion fähig ist oder nicht. Tragelehn äußerte wiederum Verständnis für die permanente Verteidigungssituation, in die das Theater wegen seiner materiellen Existenzbedrohung geraten ist, gerade jetzt, wo es eine dringende Rolle zu spielen hätte. Das Beispiel der geplanten Schließung in Wuppertal schwebte ständig im Saal des Blockhauses, nicht nur, weil Holk Freytag vor seiner Dresdner Ära 15 Jahre dort Intendant war.

Eigentlich sollte es ja um die Zukunft der Theater in Sachsen gehen. Aber diese Zukunft ist nicht von der des Theaters insgesamt zu trennen, auch wenn Sachsen dank des Kulturraumgesetzes und seiner dichten Strukturen noch wie eine Insel dasteht. Dass das angesichts der bereits eingetretenen Einbrüche bei den öffentlichen Einnahmen nicht so bleiben wird, wussten alle im Raum. Wie sollte man in diesem Zusammenhang eine Anfrage von Staatssekretär Hansjörg König an die Akademie beurteilen, die nach den eigenen Auspizien für 2020 fragt? Als ehrenden Expertenrat oder als Ausdruck der Hilflosigkeit verantwortlicher Politiker? In materieller Hinsicht überwog die Weigerung, angesichts der gewohnt labilen Finanzierungsgrundlagen irgendwelche Prognosen über lange Zeiträume abzugeben. Ingolf Huhn sieht das Theater ohnehin auf dem Rückmarsch in die Zeit vor der Institutionalisierung und Sicherung durch Höfe oder Städte, also auf dem Weg der Vaganten. Aber inhaltlich befinden sich die Theaterleute auch in einem Prozess der Klärung des Selbstanspruches, wie dieser Akademiesalon erneut illustrierte.
Am Ende erwiesen sich alle als flammende Demokraten, voran Sebastian Hartmann, als sie eine Problemlösung nicht von „denen da oben“ erwarteten. „Wir sind alle die Täter in einer Demokratie“, klang es auch aus dem Publikum.




Freie Presse 14. April 2010

Es geht um Leidenschaft - und ums Geld
Bühnenchefs aus Sachsen sind sich einig: Theater der Zukunft bedeutet, „Theater für die Menschen zu machen und nicht an ihnen vorbei“


Weil die öffentlichen Kassen auch in den nächsten Jahren nicht voller werden, gilt für die Theater in kommunaler oder staatlicher Trägerschaft: Die Zukunft ist ungewiss. Bei einer Podiumsdiskussion auf Einladung der Sächsischen Akademie der Künste haben Theatermacher über die Konsequenz dieser Tatsache diskutiert und eine Antwort auf die Frage gesucht: Was können wir tun?

Von Reinhard Oldeweme

Dresden. Eigentlich ist es einfach, obwohl den Intendanten und Direktoren diese Erkenntnis nicht leicht fällt, weil sie an alten Fundamenten rüttelt: „Wir müssen Theater für die Menschen machen, nicht an ihnen vorbei. Die Gesellschaft, in der auf den Bühnen gesagt werden darf, was sonst verschwiegen werden muss, gibt es nicht mehr“, sagte Michael Heinicke, Operndirektor in Chemnitz während des „Akademiesalons“ vorgestern in Dresden. „Die Leute wollen Theater. Wir sollten sie an die Hand nehmen, ihnen zeigen, was sie sehen wollen, und nicht das auf die Bühne bringen, was wir spielen wollen“, unterstützte Ingolf Huhn, seit Jahresbeginn Intendant in Annaberg-Buchholz, diese Meinung und fügte hinzu: „Entscheidend aber ist die hohe Qualität.“Wie wäre das - ohne Spielplan? Also - und wie soll das geschehen? Heinicke weiß eine Antwort: „Andere Formen der Aufführung, kleinere Räume, für die Zuschauer das hautnahe Erleben, dann ist für beide Seiten das Erfolgserlebnis viel größer.“

Für den Intendanten des Centraltheaters in Leipzig kommt es dagegen mehr auf schnelles Reagieren an: „Vorstellen kann ich mir Stücke, für deren Inszenierung man nur eine Woche braucht. Radikal wäre das Abschaffen des Spielplans, um beispielsweise über das Internet tagesaktuell über die Vorstellung am Abend zu entscheiden“, sagte Sebastian Hartmann. Diese auf Tempo ausgelegte Flexibilität käme auch Jens Groß entgegen: „Von dieser einen Gesellschaft, für die wir Theater machen, müssen wir uns verabschieden. Neu ist: Es gibt viele Interessengruppen mit den unterschiedlichsten Lebensräumen“, sagte der Dramaturg am Staatsschauspiel in Dresden und ergänzte: „Vor allem kleinere Theater sind die letzten öffentlichen Räume, wo es für diese Gruppen zu einer Auseinandersetzung kommen kann.“ Diese Räume müsse man unbedingt nutzen, eine gesellschaftliche Relevanz sei für die Theater unabdingbar. Aus einer großen Produktion zwei kleine zu machen, halte er beispielsweise für einen praktischen Lösungsansatz.

Als Kaufmännischer Geschäftsführer am Staatsschauspiel Dresden muss Hergen Gräper vor allem an Zahlen und Bilanzen denken, aber auch er gibt zu: „Wir müssen künftig noch mehr Theater für die Stadt machen. Dabei wird die kleine Form immer wichtiger, ebenso der attraktive Mix aus klassischen und zeitgenössischen Stücken.“ Seine Ansicht nach will das Publikum im Theater die Lebensrealitäten wiederentdecken, das müsse man den Menschen dann auch bieten.Widerstand predigen - nur wie?

In einem Punkt waren sich die Diskussionsteilnehmer einig, so aussprechen wollte es allerdings niemand: Den (finanziellen) Vorgaben der Verwaltungen steht man machtlos gegenüber. „Wir müssen anfangen, den Widerstand zu predigen“, hatte Moderator Holk Freytag zu Beginn provozierend in den Raum gestellt und von einer akuten Bedrohung gesprochen. Darauf aber wollte sich niemand einlassen, die Theatermacher beschränkten sich angesichts der Beschneidungen auf das Anklagen: „Die Politiker wollen sich ihrer Verantwortung entledigen“, hatte Freytag dieses Lamento in einem Satz zusammengefasst.

Dagegen sprach Huhn über das Kulturraumgesetz in Sachsen als „eine Errungenschaft in Deutschland, auf die andere Länder neidisch blicken“. Das Problem hier sind seiner Meinung nach die ländlichen Räume, wo die Träger der Häuser echte Probleme mit ihren Eigenanteilen hätten. „Weniger Vorstellungen, längere Spielpausen“ sind für den Intendanten aus dem Erzgebirge die logische Konsequenz; vor allem mit Blick auf die Entwicklung bis ins Jahr 2020. Reaktionen aus den Reihen der Zuhörer gab es bei der Podiumsdiskussion auch, es waren betont emotionale: „Das, was ist, infrage stellen - das ist die Aufgabe der Theater. Wir vermissen diese engagierte Kraft von unten“, machte ein Gast aus seinem Ärger darüber, das die Theatermacher sich mehr mit sich selbst beschäftigen würden, kein Geheimnis. Und erhielt sofort Unterstützung: „Die Theaterleute müssen ihre eigene Leidenschaft weitertragen“, sagte eine Zuhörerin.




Sächsische Zeitung 24.-25. April 2010

Der widerständige Magier

Ein Porträtfilm zeigt, wie Ingo Schulze zum Schriftsteller wird und was er vom Helmut-Kohl-Wahn der Dresdner hält.

Rainer Kasselt

Mit 13 wollte er ein kritisches Buch über die DDR schreiben. Wollte Dissident sein, auf einen Schlag berühmt. "Ich dachte, dann ist die DDR böse auf mich, ich muss nicht zur Armee und darf bald in den Westen fahren."

Das erzählt der Schriftsteller Ingo Schulze (47) in einem Arte-Porträt, in der ihm eigenen Mischung von sanfter Ironie und bodenständiger Freundlichkeit. Der 45-Minuten-Film "Unterwegs zwischen Ost und West" wurde am Donnerstag in Schulzes Geburtsstadt Dresden vor viel Publikum mit anschließender Diskussion vorab gezeigt. Eingeladen hatten der deutsch-französische Kulturkanal und die Sächsische Akademie der Künste.

Der Film von Burghard Schlicht geht mit dem Schriftsteller auf Reisen. Nach Prag, Florenz, Altenburg, Dresden und nach Berlin, wo Schulze seit 1993 wohnt. Eine Reise zu den Wurzeln. Die Dresdner Malerin Gerda Lepke, eine Freundin seiner Mutter, erinnert sich. "Ingo hatte schon als Kind viel Sinn für das Wort." Sie lehrt ihn genaues Beobachten, das Beschreiben der Bäume, des Lichts, der Landschaft, wie es aussieht, wenn Regen über eine Straße zieht. "Ingo war immer gierig auf Geschichten."

Das Jahr 1989 erlebt Ingo Schulze im thüringischen Altenburg. Als Dramaturg am Landestheater genießt er die geistigen Freiräume. "Wenn man am Theater nicht zur Wahl ging, passierte einem nichts. An der Uni wäre ich wahrscheinlich rausgeflogen." In seinem großen Roman "Neue Leben" (2005) beschreibt er diese Zeit. Damals hatte er das Gefühl, Subjekt der Geschichte zu sein. "Wir gingen auf die Straße und riefen: Die Mauer muss weg! Und sie fiel. Man hatte den Eindruck, man verändert wirklich die Welt. Und dann meinte die Losung ,Wir sind ein Volk' letztlich doch nur: Her mit der D-Mark!"

Unverdrossen gründet Schulze Anfang 1990 eine Zeitung, das "Altenburger Wochenblatt". Die kleine Redaktion setzt sich für Basisdemokratie, Freiheit und soziale Gerechtigkeit ein. "Und dann merkten wir auf einmal: Hoppla, wir sind Geschäftsleute geworden." Nach zwei Jahren steigt Schulze aus, reist 1993 für sechs Monate nach St. Petersburg. Der fremde Blick hilft ihm. Er hatte immer nach einer eigenen, unverwechselbaren Stimme gesucht. In dem Erstlingsband "33 Augenblicke des Glücks" von 1995 hat er sie gefunden. Die Verlegerin Elisabeth Ruge vom Berlin Verlag erkennt das Talent, die Magie seines Erzählens. Zwanzig Jahre nach dem Kindertraum katapultiert das Buch Ingo Schulze in die erste Reihe der deutschen Gegenwartsautoren.

Ost-West ist sein Thema. Im jüngsten Essayband "Was wollen wir?" bekennt er: "Mein Problem war und ist nicht das Verschwinden des Ostens, sondern das Verschwinden des Westens, eines Westens mit menschlichem Antlitz. Spätestens seit 1989/90 befindet sich die Politik auf dem Rückzug." Für ihn beginnt Widerstand mit Wahrnehmung.

Schulze begreift sich "durch und durch als Dresdner". So ganz kann er nicht verstehen, dass seine Stadt 1989 in den "Helmut-Kohl-Wahn" verfiel. Das hindert ihn nicht, am 13. Februar 2010 gegen die Neonazis zu demonstrieren, aber nicht in der "Operettenaktion der Menschenkette", sondern auf der Seite der Blockade-Errichter.

Dem Film, der manchmal zu schnell von Station zu Station eilt, gelingt eine Annäherung an den Autor. Schulze wird als geselliger Mensch gezeigt, als "begabter Esser mit einem eindrucksvollen Appetit". Und nicht zuletzt als Familienmensch, als "später Vater" von zwei Töchtern. Das Ost-West-Thema wird ihm nicht ausgehen. Es sitzt zu Hause am Tisch. Seine Frau Natalia ist Romanistin aus Bonn.

Der Film läuft auf Arte 2. Mai 17 Uhr




Naumburger Tageblatt 30. April 2010

Deutsche Dichter lesen Texte des Philosophen Nietzsche


Helga Heilig

"Naumburg ist eine der großartigsten deutschen Städte überhaupt", schwärmte Dr. Friedrich Dieckmann Donnerstagabend in Theater Naumburg. Immer, wenn er mit der Bahn an der Domstadt vorbeiführe, fühle er sich hingezogen, auszusteigen. Allerdings habe er Nietzsche und Naumburg noch nie zusammengedacht, gestand er. Der Philosoph sei durch Naumburg geprägt worden, so Dieckmanns Schlussfolgerung. Das Publikum hörte die Ausführungen mit Wohlgefallen, insbesondere der Stellvertreter des Naumburger Oberbürgermeisters, Gerd Förster. Letzterer hatte die ehrenvolle Aufgabe, namhafte deutsche Dichterinnen und Dichter, vereint in der Klasse Literatur und Sprachpflege der Sächsische Akademie der Künste, begrüßen zu dürfen.

Zurück zu Dieckmann: Der bekannte Publizist moderierte an diesem Abend eine außerordentliche, wenn nicht einmalige Veranstaltung. Dichter lasen nicht ihre eigenen Texte vor, sondern von ihnen ausgewählte Nietzsche-Schriften.

Die zweisprachige Lyrikerin aus Bautzen, Róza Domascyna, ging im Rahmen ihres "Auftritts" weit in die Familiengeschichte Nietzsches zurück, stellte fest, dass der Ururgroßvater des Philosophen im sorbischen Raum gelebt hatte, und vermutlich wie sie selbst auch der sorbischen Sprache mächtig war. Ein "Wintergedicht" war ihr Beitrag an diesem denkwürdigen Abend. Elke Erb, die ebenfalls besonders durch ihre Lyrik bekannt ist, stellte die These auf, dass Friedrich Nietzsche als erster tragischer Philosoph zu verstehen sei. Dessen Aufbruch war ein Angriff, so Erb. Sie ging in diesem Zusammenhang auf die Biografie der russischen Lyrikern Anna Achmatowa ein, die, wie Erb formulierte, "standgehalten hat - als Person und als Dichterin", zitierte letztlich ein Gedicht von Ingeborg Bachmann.

Der Vizepräsident der Sächsischen Akademie der Künste, Peter Gosse, zitierte aus "Die Fröhliche Wissenschaft". Das Buch enthält Gedanken zu unterschiedlichsten Themen in rund 400 Aphorismen verschiedener Länge. Es gilt als abschließendes Werk der "freigeistigen" Periode Nietzsches. Gosse: "Darin stehen die mir persönlich nähergehenden Texte."

Christoph Hein verglich die Biografie des Philosophen mit der von Henry Fielding (1707 bis 1754). Fielding war ein berühmter englischer Romanautor, Satiriker, Dramatiker, Journalist und Jurist. Hein las eine Rede Nietzsches von 1870 über die griechische Musik vor. Diese Ausführungen hätten ganz besondere Bedeutung, so der Autor von "Der Tangospieler", "Horns Ende" oder des Theaterstücks "Die Ritter der Tafelrunde".

Bernd Leistner, dessen literarischer Schwerpunkt bei Johann Wolfgang Goethe liegt, hob besonders Nietzsches "witzige Epigramme" hervor. "Nachdem sich Nietzsche anno 1876 von Richard Wagner abwendete, gab es für ihn die große Beispielgestalt Goethe." Dieser sei der "Gegenwagner" gewesen. Leistner stellte den Schluss aus "Faust II" der Parodie Nietzsches aus "Menschliches, allzu Menschliches" entgegen. Das vergnügte Publikum dankte mit Zwischenapplaus.

Richard Pietraß fiel vor einigen Jahren ein Band aus dem Jahr 1917 mit Briefen Nietzsches in die Hände. Er las drei Briefe aus drei verschiedenen Lebensabschnitten vor. Darunter ein kurzes Schreiben an die Schwester, in dem er sich über die "nervenzerrüttende Musik" von Richard Wagner in dessen Oper "Parzival" auslässt. Rührend der Brief an Elisabeth, in dem er - offensichtlich sehr einsam - aufzählt, was ihm wichtig ist. Professor Dr. Ingo Zimmermann wandte sich den "signifikanten Stellen" in der "Fröhlichen Wissenschaft" zu, und insbesondere Nietzsches provokantester These: "Gott ist tot".

In einer anschließenden Diskussionsrunde gingen die Meinungen der deutschen Dichter zum Werk Nietzsches und zu dessen Persönlichkeit weit auseinander. Christoph Hein äußerte, dass der Philosoph "tief missverstanden" werde. "Er widersprach einfach", brachte es Hein auf den Punkt und verglich ihn mit Diogenes in der Tonne. Zimmermann würdigte ihn als einen der "großen, entscheidenden Wegbereiter der Moderne", der versucht habe, das abendländische Bewusstsein zu beenden. Geblieben sei die "Entwertung aller Werte". Neue Wege seien jedoch nicht mehr gefragt. Eine neue Religion habe Nietzsche nicht etablieren können. Hein äußerte, dass Nietzsche eine besondere Art von Humor hatte. Als er "Gott ist tot" schrieb, habe er sich vermutlich totgelacht. Ganz anders Peter Gosse. Seine Überzeugung: "Ironie stellt sich bei Nietzsche gar nicht dar." Er sei der Stachel, der zu eigenen Überlegungen herausfordere.

Die Mitglieder der Klasse Literatur und Sprachpflege der Sächsischen Akademie der Künste führten gestern in Naumburg eine Tagung durch und besuchten unter anderem das Nietzsche-Haus.




Dresdner Neueste Nachrichten, 21. Mai 2010

Peter Gülke legt neue Schumann-Monografie vor
Der manische Schöpfer


Hartmut Schütz

Anders als zum Mozart-Jubiläum wird sich die Flut neuer Bücher über Robert Schumann zu dessen 200. Geburtstag in Grenzen halten, und noch immer verstellen die Urteile früherer Generationenüber den Komponisten und Musikschriftstellereine genaue Wahrnehmungseiner Persönlichkeit.

Umso wertvoller dürfte eine Neuerscheinung sein, die jetzt im Rahmen eines Gesprächs beider Sächsischen Akademie der Künste im Blockhaus vorgestellt wurde. Peter Gülke, namhafter Dirigent und Musikwissenschaftler, hat mit seiner Monografie „Robert Schumann – Glück und Elend der Romantik“ (erschienen bei Zsolnay) einen vorbehaltlosen Blick auf Schumann gerichtet, den Moderator und Musikwissenschaftler Jörn PeterHiekel als „wesentlichen, substanziellen Beitrag zum Schumann-Jahr“ bezeichnete. Neben Autor Peter Gülke war der Leipziger LiteraturwissenschaftlerBernd Leistner zum Gespräch gebeten, der seine Sicht auf die bei Schumann zu findenden literarischen Einflüsse beitrug.

So termingerecht das Buch auch erschienen ist, so zufällig ist dies, denn Gülke hat nicht auf das Jubiläum hingearbeitet. Der Antrieb zur Arbeit kam vielmehr, als der Autor vor einiger Zeit beim Schreiben des Vorworts zu einem Sammelband über den Komponisten beiläufig feststellte, dass er zu wenig über Schumann wusste. Da waren das tradierte, schrecklich vereinfachende „Schumann-Bild“, Biografien voller Klischees und die Deutung des Werkes aus den Lebensumständen heraus. All dem folgt Gülke nicht und hat eine ArtGegenentwurf zu üblichen Biografien geschrieben. Die reinen Faktenfinden sich im hinteren Teil des Buches ausführlich in einer chronologischen Liste verarbeitet. Dagegen widmet der Autor seiner These, dass vielmehr das Schaffen, selbst der Schaffensprozesseinzelner Werke die Lebensumstände bedingte, großen Raum und verschränkt musikalische Analyse und Lebensbeschreibung.

Auf die Bedeutung der Beziehung zwischen Schumann und seiner Frau Clara wie der literarischen Tätigkeit des Komponisten verwies Bernd Leistner. Schon die Leistung der überlieferten fast 450 seitenlangen Briefe des Paares sei unfassbar (in den nächsten Wochen sendet MDR Figaro eine zehnteilige Reihe zu diesem Briefwechsel, die Leistner betreut hat), hinzu kommt Schumanns intensive Tätigkeit als Redakteur und Autor der „Neuen Zeitschrift für Musik“ über einen Zeitraum von zehn Jahren.

Nicht einigen konnten sich der Musik-und der Literaturwissenschaftler über Schumanns Verhältnis zu den Gedichten, die er für sein umfängliches Liedschaffen verwendete. Während für Leistner etwa zwischen der Klangmalerei Eichendorffs und den ironischen Zügen in Heines Texten eine auch musikalisch unüberbrückbare Kluft besteht, bewundert Gülke, dass Schumann gerade diese vielen Abstufungen der Sprache in seiner Musik hörbar macht. Seine Musik sei da wie ein Seismograph.

Der staunenswerteste Vorgang im Leben des Komponisten Schumann sei aber, wie er sich, ohne eine gediegene Ausbildung erfahren zu haben, in kürzester Zeit nach 1840 alle musikalischen Felder eroberte, in nur wenigen Jahren Kammermusik, Sinfonien und Lieder schuf und anders als mancher seiner Zeitgenossen nach Vielseitigkeit strebte. Schumann entwickelte ein „manisches Verhältnis zum schöpferischen Vorgang“, so Gülke, das sich aus einem Erlebnis heraus speiste, das damals alle jungen Künstler geprägt hatte: In die Phase ihrer künstlerischen Bildung fiel der oft frühe Tod der meisten bedeutenden Komponisten und Schriftsteller der vorigen Generation. Die Anhänger der Neudeutschen Schule im Umfeld Wagners verachteten Schumanns Orientierung an älterer Formensprache zur Strukturierung seiner großen Werke als „klassizistisch“.

Für Gülke erwächst aber gerade daraus der „innovatorische Impuls“, aus dem Schumann Neues schuf, ohne sich „an die vorhandenen Muster anzuklammern.“Ein Blick auf das Inhaltsverzeichnisdes Buches zeigt, dass auch das politische Umfeld, das literarische Leben und manches mehr in Peter Gülkes Betrachtungen eingeflossen sind. Gülke bietet einen „Kosmos unterschiedlicher Facetten“ zu Schaffen und Leben Robert Schumanns, wie es Jörn Peter Hiekel am Beginn des Abends bezeichnet hatte.





Dresdner Neueste Nachrichten 9. Juni 2010

Mein Ideal ist der zweifelnde Mensch
Der slowenische Dichter und Maler Gustav Janu¹ liest in der Akademie der Künste aus seinem Werk


Volker Sielaff

Auf die Frage eines Interviewers, welche Strecke er denn wählen würde, wenn er eine Woche zu Fuß gehen müßte, antwortete der slowenische Dichter Gustav Janu¹, er ginge dann wohl „um das Haus herum. Ich laufe täglich vierzig Runden auf meinem Grund, im Sommer barfuß, im Winter notgedrungen mit Schuhen. Ich erlebe jeden Tag neu den Sonnenaufgang, neu den Nebel, neu den Schnee, neu das Wachsen.“
Diese Antwort verrät viel über die Poetologie des 1939 in Zell Pfarre (Slowenisch: Sele Fara) geborenen slowenischsprachigen österreichischen Schriftstellers und Malers, der in den 50er Jahren dasselbe Gymnasium besuchte wie der drei Jahre jüngere Peter Handke, bevor er nach einem nicht beendeten Theologiestudium Volksschullehrer wurde. Heute lebt der Dichter in einem kleinen Ort im Rosental, am Eingang des Karawankentunnels, den der Erzähler Filip Kobal in Handkes Roman „Die Wiederholung“ auf seinem Weg ins Neunte Land (das ist: Slowenien) beschreibt. Der Tunnel ist in dem Roman die Schwelle, über die der Held in das Land seiner Vorfahren gelangt.
Von Sonnenaufgängen, Nebel, Frost und Schnee, von Feuerrändern und Fragestellungen, von klaren Nächten und „immerwährendem Heimweh“ ist in den Gedichten des Gustav Janu¹, des im deutschen Sprachraum meistübersetzten und meistgelesenen Lyrikers slowenischer Sprache, die Rede.
Als ich zum ersten Mal Verse von ihm in dem von Handke übersetzten Band „Gedichte“ der Reihe „Bibliothek Suhrkamp“ las, war ich überrascht. Zum einen enthielt das Buch fast satirische, auf eine Pointe hin geschriebene Gedichte. Zum anderen aber von Zweifeln und Fragen über das Sein geleitete, von den stillen Regungen der Seele durchwobene Texte, die dem, was Handke in seiner Petrarca-Preisrede auf Janu¹ formulierte, viel näher kamen: dem „Absichtslosen; Willen-Losen“.
Gustav Janu¨ als einen Naturlyriker zu begreifen, hieße ihn falsch zu verstehen. Die Natur ist im Kosmos dieses Dichters ja eigentlich Sprache geworden, eine Sprache, die es ermöglicht, Innenbilder aufleuchten zu lassen und Erkenntisse über ihn und die Welt zu präzisieren. Der Schriftsteller Arnold Stadler befand, alle „Aussagesätze und Verse“ im Werk Gustav Janu¹' seien „Existenzbeweise“ und zitiert als Beispiel den Satz „Die Zugvögel sind wieder da.“ Stadler: „Eine Art cogito, ergo sum - Die Zugvögel sind da. Also bin ich auch da.“
Von diesem In-der-Welt-Sein erzählen viele der Gedichte. Ein Dichter, ein Maler, der dem Schönen auf der Spur ist. Viel mehr als „eine Doppelbegabung“. Als ich ihn auf der Leipziger Buchmesse traf, erzählte er mir, daß er momentan mehr mit dem Malen als mit dem Schreiben beschäftigt sei und zeigte mir einen Ausstellungskatalog mit seinen Bildern. Vielleicht ist das die andere Möglichkeit, seine Gedichte zu begreifen: indem man den Zugang zu ihnen über die Bilder sucht. Denn auch in seinen Bildern sind Ränder und Übergänge, ist dieses Vom-einen-ins-Andere gehen, sind

Brüche und Berge, ist Rundes wie Gezacktes. Da gibt es in die Luft geworfene Steine und den Blick auf die Hügel der Krawankenkette, die der Dichter von seinem Fenster aus jeden Tag sehen kann.
„Kalkberge, Hügel, Täler, Steine; ihre Strukturen, Spuren, Zeichen, Farben“, so hat Gustav Janu¹ eimal gesagt, seien die Elemente, aus denen er seine Bilder im Gleichgewicht von Vitalität und Ruhe zu entwickeln versuche. Es ist spannend zu sehen, wie Bilder und Gedichte bei ihm aufeinander antworten, obgleich beides auch für sich stehen kann und muß. In Bildern und Gedichten, so Janu¹, suche er „nach Zuständen oder Orten, die vorher nicht da waren.“
Alltägliches und Transzendentes und ein wacher Sinn für die uns umgebende Natur gehören bei diesem Dichter zusammen: „Mein Ideal ist der zweifelnde Mensch“, sagt der ehemalige Volksschullehrer. „Wenn wir zweifelnde Menschen erziehen könnten – das wäre eine große Aufgabe.“

Gustav Janu¹ ist am 15. Juni, 20 Uhr, in der Reihe „Literarische Alphabete“ des Literaturforum Dresden in der Sächsischen Akademie der Künste zu Gast. In Zusammenarbeit mit der Sächsischen Akademie der Künste.






Dresdner Neueste Nachrichten 9. November 2010

Wertschätzung
Dieter Goltzsche erhält den Hans Theo Richter-Preis der Sächsischen Akademie der Künste


Dieter Goltzsche ist gestern Abend in Dresden mit dem mit 20.000 Euro dotierten, von Richters Witwe gestifteten Hans Theo Richter-Preis der Sächsischen Akademie der Künste ausgezeichnet worden. Mit der Ehrung ist verbunden, dass der Künstler ein Werk oder eine Werkgruppe dem Kupferstich-Kabinett der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden zukommen lässt. Prof. Dr. Bernhard Maaz, Direktor des Kupferstich-Kabinetts, war der Laudator. DNN veröffentlichen seine Rede geringfügig gekürzt.

Haltung bewahren und Experimentierfreude erhalten – so könnte man das Motto Dieter Goltzsches zumindest ausschnitthaft beschreiben, soweit einem bloßen Betrachter oder gelegentlichen Gesprächspartner ein derartiges, kühn verallgemeinerndes Resümee des Lebenskonzeptes eines anderen Menschen denn je zusteht.
Dieter Goltzsche wurde Ende 1934 in Dresden geboren; Kindheit und Schulzeit erscheinen, da Ort und Zeit hinlänglich bekannt sind, leicht ausmalbar. Dessen bedarf es hier nicht. Die Früchte der 1952 abgeschlossenen Lehrjahre als Textilmusterzeichner mit der gattungsgemäß vordringlichen Wertschätzung von Ornament und Flächengestaltung wirken in seinem gesamten Lebenswerk weiter, doch erlag Goltzsche nicht der naheliegender Gefahr dekorativer Oberflächlichkeit, sondern suchte stets nach weiterreichenden Fragen der Gestaltung.
Wenn die Sächsische Akademie der Künste ihm nun den Hans Theo Richter-Preis überreicht, so ist dies eine Auszeichnung, die in Erinnerung an diesen Dresdner Zeichner, der etliche Generationen jüngerer Künstler prägte und ihnen den Wert ganz eigentlich er-arbeiteter Zeichenkunst verdeutlichte, verliehen wird. Und es ist ein Preis, der sich dem eigentlichen wie dem geistigen Erbe Richters verdankt, also finanziell einer privatbürgerlichen Stiftung und mental einer Haltung.
Dieter Goltzsche studierte ab 1952 in Dresden bei Max Schwimmer, dessen Meisterschüler er später war, und bei Hans Theo Richter selber: so schließen sich zuweilen unerwartet Lebenskreise, oder sollte man doch eher sagen: folgerichtig? Wenngleich Goltzsche seit 1960 in Berlin tätig ist und zu den Altmeistern dortiger Zeichenkunst gehört, sind die Dresdner Wurzeln nicht ausgelöscht.
Ich habe Dieter Goltzsche vor fast 20 Jahren in Paris kennengelernt, in einem Café am legendären Boulevard St. Germain, vielleicht war es sogar das Café de Flore, wo er auf mich wirkte – so ist das erinnerte Bild – wie ein Künstler, der ganz selbstverständlich geistig in Paris beheimatet sei: Diese Selbstverständlichkeit kurz nach dem Mauerfall ist nicht überraschend, und zweifellos ging ihr in den Jahren der Ummauerung eine intensive geistige Auseinandersetzung mit Frankreich voraus – mit Henri Matisse ebenso wie mit Guillaume Apollinaire, um hier nur zwei mögliche Blickrichtungen zu offerieren. Die Nähe zu dichterisch-denkerischem Worte jedenfalls ist unbestreitbar, das Schwebende französischer Poesie ihm nahe.
Zahlreiche Ausstellungen haben siet der ersten Beteiligung im Jahre 1964 Dieter Goltzsches oft von zart-poetischen Stimmungen getragenes Schaffen weithin bekannt gemacht und zur Wertschätzung dieser Blätter beigetragen. Druckgraphik verschiedenster Technik und Zeichnung sind seine unendlich variierten Ausdrucksmittel, das von Goltzsche kultivierte Aquarell begleitete sein Künstlerleben ebenfalls seit jenem Jahr 1964. Gerade diese leise Ausdrucksform mit sublimierter Lichte und Dichte kultivierte er stetig, die Transparenz der mit weichem Pinsel gelegten Flächen ebenso auskostend wie die Lineamente der trocknenden Wasserränder, denen er ein kartographisch anmutendes Eigenleben gestattete oder gar abverlangte. Die transparente Aquarellfarbe mit ihrer Nähe zum ungetrübten Naturpigment siegte hier über die offensiven oder plakativen Öl- oder Dispersionsfarbstrategien der offiziellen Kunst in der DDR: Die Wahl der Mittel ist Ausdruck einer Haltung, nämlich einer poetischen Zurückgezogenheit in die Welten der Feinsinnigkeit und Feinheit. Daß überdies die auf dem Kontinent nicht genug bekannte bürgerlich-weltläufige britische Tradition des Aquarells im Hintergrund stand, sei mehr der Vollständigkeit halber angeführt; hier sind Autoritätsbeweise überflüssig.
Goltzsche versteht Zeichnung, Aquarell und Grafik nicht als abbildhafte Wirklichkeitswiedergabe, sondern nutzt das Papier als Gestaltungsfläche, als Experimentierraum oder -feld, und er nutzt das Motiv als Gestaltungsanregung. In der Regel betreibt Goltzsche eine weitreichende Abstraktion bis zur Zeichenhaftigkeit, aber abstrakte, also nur aus dem Formenspiel erwachsende Komposition sind nie sein Anliegen gewesen. Erst in jüngster Zeit tastet er sich heran an die Unternehmung lakonisch-abstrahierter Formen.
Goltzsches künstlerische Haltung ist bis heute von Experimenten und gleichsam – dieses Wort sei erlaubt – vom Fortschreiben des Lebenswerks geprägt. Erkennbar ist, dass sich nunmehr das Thema der Übermalung eigener früherer Werke als zentraler Aspekt seiner künstlerischen Auseinandersetzung etabliert hat. Folge einer weiteren stilistischen Wandlung [...] Übermalung ist nicht Auslöschung – das betont der Zeichner selber –, sondern indiziert Überarbeiten, Überdenken und Nachdenken: Was wird bleiben, und was ist wert, so zu bleiben, wie es entstanden war? Das überarbeitende Weitergehen ist ein Indiz für Neugier und Offenheit. [...]
Die beiden letzten Jahrzehnte hat Goltzsche das Leben als "Gelegenheit" mit sanfter Entschiedenheit genutzt und fruchtbar gemacht. Er schrieb mir jüngst ein kleines Bekenntnis, und man darf voraussetzen, daß er wußte, es werde dieses Credo vielleicht in eine Lebensbilanz-Laudatio einfließen. Daher sei es hier zitiert.
Der Satz stammt von Alberto Savinio, dem Bruder Giorgio de Chiricos, und lautet „Romantisch ist eine Seele, die verliert.“ Aber die umgekehrte Formulierung drängt sich sogleich auf: Verliert eine Seele, wenn sie romantisch ist? Wird die Seele romantisch, wenn sie verliert? Die Begriffe des "Verlierens" und des "Romantischen" in einen solchen Satz zu flechten ist das eine, diesen Gedanken in das eigene Weltbild einzufügen, das andere. Es gibt, das sei thesenhaft postuliert, keine Seele, die nicht verliert; die romantisch-empfindsame Seele aber gewinnt bei der rechten Balance mit vernünftiger Reflexion hinzu, nämlich Einsicht, Relativierung, Bescheidenheit. Und damit waren wir wieder bei Goltzsche.








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