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Dresdner Neueste Nachrichten 18.4.2012

Ästhetik des Außenseitertums

Von Tomas Gärtner

Wieland Förster stellte seine grandiose Autobiografie „Seerosenteich" vor.

Am Ende des Abends, ehe er das Podium verlässt, richtet sich Wieland Förster noch einmal an seinen zwei Gehstöcken auf und bedankt sich bei seinem Publikum, jenen etwa 150 Zuhörern, von denen einige im Saal des Blockhauses auf Fußboden und Fensterbrettern sitzen.
„Es ist ja immer ein Wagnis, einem solch späten Außenseiter wie mir zuzuhören“, sagt der 82-Jährige. Im Alter ist der bildende Künstler, der immer auch geschrieben hat, zu seiner Kindheit zurückgekehrt. „Seerosenteich", seine Autobiografie, die an diesem Abend Buchpremiere hat, führt uns in die Jahre 1930 bis 1946. Sie gehört zu jenen Büchern, die man, einmal angefangen, nicht wieder aus der Hand legen möchte. Von der ersten Seite an ziehen einen diese Sätze in ihren Bann. Schon weil diese wunderbare Sprache so viel Leben entfaltet im ruhigen, doch steten Fluss des Erzählens. Und welche Bilder findet er: Da riecht die Elbe „wie eine schwitzende Frau in der Waschküche“, da ordnet er die Haare seiner Freundin wie eine „orientalische Kalligraphie“.

Der Autor überhäuft uns nicht mit einem Sammelsurium von Fakten und Anekdötchen, sondern wählt sorgsam einige Begebenheiten aus, die zu markanten Wendepunkten seines Lebens geworden sind. Die aber gewinnen dann mit Detailfülle Kontur.

Der Schauspieler Friedrich Wilhelm Junge hat sich an diesem Abend eine der dramatischsten unter ihnen ausgesucht und sie großartig gestaltet: Der Versuch eines Agitators und Geheim-dienstlers, den Erzähler mit gezückter Pistole zum Verrat zu zwingen. Förster erweist sich als meisterhafter Plastiker des Wortes. Der auch die Kunst des Verschweigens, der beredten Andeutung beherrscht. Eine jede Begebenheit erzählt nicht nur über ihn, sondern zugleich über jene Zeit.

So erfahren wir, wie die Mutter die fünf Kinder durchbringen muss, der Vater ist gestorben, als der Erzähler fünf war. Ihre Angst, die Kinder einem männlichen Vormund überlassen zu müssen, die Demütigung auf den Ämtern - hier wird sie erlebbar.
Diese Lebenssituation macht ihn früh zum Außenseiter.
Eine Rolle, die er bald bewusst annimmt. Weil er am Ende stärker sein will als jener Lehrer, der den Linkshänder mit „heilsamer Gewalt“ zum Schreiben mit der „guten“ rechten Hand prügelt. Wir lernen einen Jungen kennen, der überlange Haare trägt, das wirkliche Abenteuer in der Freiheit, Unabhängigkeit, Wildheit entdeckt. Das macht ihn immun gegen die Verführungen politischer Massenbewegungen. „Ich mied auch später - ein Glück! -jeden kollektiven Gleichschritt, von dem keiner wusste, wohin er füh¬ren würde.“ Obgleich er im kleinbürgerlichen Milieu des Stadtrands, in Laubegast, aufwächst, unpolitisch dazu. Da gibt es so eine großartige Szene, die ganz ohne Worte auskommt: 9. November 1938, die Mutter fährt mit ihm in die Innenstadt, zeigt ihm stumm die brennende Synagoge. „Sie hat mir nie gesagt, was ein Jude ist“, erzählt Wieland Förster im Gespräch. „Sie wollte es mir nur zeigen. Ich sollte es speichern.“ Es hat wohl etwas mit Anstand und Würde zu tun, die diese ihres Ernährers beraubte Familie trotz Geldknappheit bewahrt.

Wie wohlkomponiert das Buch ist, zeigt, dass sich der Autor den Höhepunkt für das letzte Kapitel aufspart: Der erste Bombenangriff auf Dresden im Oktober 1944. Hier wird die Wirklichkeit zum Alptraum. Jenes Bild des „Seerosenteiches“, in dem das Staunen über das vermeintlich Schöne ins Grauen kippt, eine unglaubliche Synthese von „Wunder und Tod", gehört zu jenen, die man innerlich abzuwehren versucht, aber nie wird vergessen können.




Dresdner Universitätsjournal 3/2012, 14.2.2012

Widerstand beginnt mit Wahrnehmung

Von Michael Ernst

Die Sächsische Akademie der Künste will sich künftig mehr einmischen. Schriftsteller und Akademiemitglied Ingo Schulze im UJ-Interview

Anlässlich einer Podiumsdiskussion zur Autonomie der Kunst Ende Januar in Dresden hatte die Sächsische Akademie der Künste (SAdK) angekündigt, sich im Lande mehr „einzumischen“, um „Impulsgeber und Anreger in Zukunftsfragen zu sein“, wie die DNN den SAdK-Präsidenten Peter Gülke zitierte. Bisher hatte die Akademie nämlich der Sächsischen Zeitung zufolge Einfluss auf kulturpolitische Entwicklungen nicht genommen. In einer öffentlichen Veranstaltung der Reihe „Zur Person“ am 6. Februar 2012 stellte dann Peter Gülke den Schriftsteller Ingo Schulze, Mitglied der Klasse Literatur und Sprachpflege der Sächsischen Akademie der Künste, und dessen derzeit viel diskutierte - eingreifende - Auffassungen vor. Zuvor hatte das Universitätsjournal Gelegenheit für ein Interview mit dem aus Dresden stammenden Schriftsteller.

Der in Dresden geborene Autor Ingo Schulze mischt sich ein. Nicht nur mit seinen literarischen Texten („Simple Storys“, „Adam und Evelyn“), den gesammelten Reden und Essays („Was wollen wir?“), sondern auch mit öffentlichen Auftritten und jüngst mal wieder einem Gastbeitrag für die Süddeutsche Zeitung. Er nimmt darin Stellung gegen fortschreitenden Demokratieabbau. Seine Polemik war Anlass zu folgendem Interview mit dem in Berlin lebenden Schriftsteller, der seine Geburtsstadt schon bald mit einem Beitrag zu den „Dresdner Reden“ beehrt.

UJ: Ihr Statement (Süddeutsche Zeitung vom 12. Januar) fügt sich ein in die Kapitalismuskritik etwa von Stéphane Hessel), der ein „Empört Euch“ als Aufforderung zu „Engagiert Euch“ verstanden haben will. Sind Ihre Thesen im Blatt, wird Ihre Dresdner Rede am 26. Februar eine solche Form von Engagement und Widerstand?

Ingo Schulze: Ich habe das Glück, dass ich ab und zu nach meiner Meinung gefragt werde, und dann hisse ich halt meine Flagge. Wie man die Dinge benennt, wie man Wirklichkeit darstellt, hat Einfluss auf unser Handeln. Das ist im Alltag so wie im Roman oder im Gedicht. Den Satz von Peter Weiss, dass Widerstand mit Wahrnehmung beginnt, kann man gar nicht oft genug wiederholen.

UJ: Nicht zuletzt aufgrund Ihrer Sozialisation hätten Sie wissen müssen, dass es im Kapitalismus um ein zunehmendes Auseinanderdriften von Arm und Reich geht. Dass dafür keine Demokratie gebraucht wird, dürfte Sie nicht überrascht haben?

Ingo Schulze: Doch, das hat mich überrascht. Denn das, was ich in der DDR über den Kapitalismus gehört habe, ging mich damals nichts an, es war so ein vormundschaftliches Wissen, das ich ablehnte. Es stand für mich a priori unter Verdacht, falsch zu sein, weil es die Mauer gab, mir also nicht zugebilligt wurde, dass ich mir selbst ein Urteil bilde. Als ich in dem Roman „Neue Leben“ dann Zitate aus meinem Staatsbürgerkundehefter der 9. Klasse einbaute - das hatte ich im Herbst 1977 von der Tafel abgeschrieben oder diktiert bekommen - erschien mir das brennend aktuell. Damals war es einfach nur lästig. Zudem ist der Westen heute ein anderer als vor 1989, zumindest gab es vorher noch eine andere Teilhabe am Reichtum in den westeuropäischen Ländern, obwohl es auch damals schon auf Kosten der sogenannten Dritten Welt ging. Es gab soziale Standards, die enorm waren. Von heute aus wirkt dies schon paradiesisch.

UJ: Die derzeit sehr „freche“ Ökonomisierung aller Lebensbereiche, für deren soziale Absicherung bislang ausreichend Steuern erhoben worden sind, die offenbar zweckentfremdet werden, ist manchen Kritikern zufolge nur machbar, weil kein Gegenmodell mehr vorhanden ist. Teilen Sie diese Auffassung?

Ingo Schulze: Das Gegenmodell besteht in der Forderung, die Ungerechtigkeit in der Verteilung von Arbeit und Entlohnung zu bekämpfen. Unser Alltag hat einen doppelten Boden. Es gibt beispielsweise eine Sorte von Agrarsubventionen, die vor allem zur Folge haben, dass in anderen Weltgegenden - zum Beispiel in Lateinamerika - enorme Umweltschäden entstehen und in vielen Ländern Afrikas der einheimische Markt keine Chance hat, weil europäische Produkte die Anbieter vor Ort unterbieten, weshalb die Bauern aufgeben müssen - mit den bekannten Folgen. Oder denken Sie an die Spekulation mit sogenannten nachwachsenden Rohstoffen, was den Tod von Hunderttausenden bedeutet. Es fehlt der politische Wille, das zu ändern. Genauer gesagt: Wir wählen Politiker, denen Menschenleben in anderen Weltgegenden nicht so wichtig, sind wie die ökonomischen Interessen ihrer Klientel.

UJ: Die deutsche Bevölkerung (anderswo in Europa gäbe es ähnliche Beispiele) wird derzeit flächendeckend „zugewulfft“ - ist das Ihrer Meinung nach noch ablenkende Beeinflussung mit Absicht oder schlicht schon pure Gewohnheit?

Ingo Schulze: Die Frage für mich ist eher, wie wird über etwas berichtet. Die Präsentation der Börsendaten des Tages ist für mich so ein Fall. Es wird präsentiert wie das Wetter, nur meistens witziger, sprachgewandter. Was aber bedeutet es, wenn dieser Kurs steigt, jener fällt. Das wäre interessant. Es ginge darum, die Folgen von Entscheidungen klarzumachen. Und wenn das nicht passiert, bleibt es zweitrangig, worüber berichtet wird. Die Affäre um den Bundespräsidenten illustriert nur ziemlich gut, auf welch simplem Niveau man sich die Einflussnahme auf Politiker vorstellen muss. Wie leicht muss es ein intelligenter Lobbyist haben.

UJ: Die Intellektuellen schweigen, lautet einer Ihrer Vorwürfe. Sie und wenige andere dürften als Gegenbeispiele gelten. Glauben Sie, dass dies ausreicht und überhaupt noch Gehör findet?

Ingo Schulze: Das wird sich zeigen. Als vor einem Jahr in Berlin das Volksbegehren stattfand, das sich für eine Rekommunalisierung der Wasserbetriebe einsetzte, glaubten nicht mal die Initiatoren an einen Erfolg, weil sie kein Geld hatten und die Medien sie praktisch nicht beachteten, und dann war es der erste Volksentscheid, der im Sinne der Organisatoren glückte. Selbst der damalige rot-rote Senat war dagegen. Die demokratisch gewählten Volksvertreter mussten sozusagen zu ihrer Arbeit getragen werden.

UJ: Warum sind privatisierte Gewinne und sozialisierte Verluste etwas derart Selbstverständliches geworden, obwohl dieser Zustand doch eigentlich Ausdruck einer völlig absurden Situation ist?

Ingo Schulze: Ja. Aber wenn mir das täglich als Naturnotwendigkeit vorgeführt wird, wenn eine Verkäuferin im Supermarkt sagt, wie richtig sie ihre Lohnkürzung findet, weil das ihr Unternehmen wettbewerbsfähig mache - diese Internalisierung von Ausbeutung ist ziemlich verbreitet. Und das liegt hauptsächlich an den Medien.

UJ: Wagen Sie eine Antwort auf Ihre eigene Frage: Warum musste Angela Merkel nicht zurücktreten, als sie von „marktkonformer Demokratie“ sprach?

Ingo Schulze: Es hat kaum jemand bemerkt, es wurde in keiner Zeitung, keiner Talkshow aufgegriffen, es kam meines Wissens durch ein paar Publikationen im Internet - zum Beispiel auf www.nachdenkenseiten.de. Ich musste auch erst darauf aufmerksam gemacht werden. Wenn Angela Merkel nicht in der Öffentlichkeit mit ihrer Aussage konfrontiert wird, wenn sie nicht gezwungen wird, sich zu rechtfertigen, wenn es in der Öffentlichkeit nicht mal als Fehler bezeichnet wird, warum sollte sie dann zurücktreten? An dieser entscheidenden Stelle nachzuhaken, wäre eines Journalisten würdig gewesen.

UJ: Sie geben dem Gemeinwesen die Schuld dafür, dass seine Interessen nicht vertreten werden - und das in einem Staat, der sich vor gut zwanzig Jahren durch öffentlichen Widerstand grundlegend veränderte. Sind die Hungernden schon wieder zu satt? Oder zu sehr mit dem Hunger beschäftigt?

Ingo Schulze: Das kann man nicht mit ein paar Sätzen beantworten. Es hat aber auch mit dem Weltenwechsel von 1989/90 zu tun, mit dem Wechsel von Selbstverständlichkeiten. Es gab genug Rechte einzuklagen, und das ist ja zum Glück gelungen. Aber zumindest ein wichtiges Recht ist uns dabei abhanden gekommen, das Recht auf Arbeit. Wenn es uns Deutschen gelungen wäre, beide Länder tatsächlich zu vereinigen, statt dass man nur den Osten beitreten ließ, hätte der Westen die Chance gehabt, auch über sich nachzudenken. So gab es nur Bestärkung, weiter so. Und was unter Reagan und Thatcher begonnen hatte, eben jene Privatisierung aller Lebensbereiche, bekam durch die Globalisierung einen Schub, der praktisch jeder Lebensäußerung nun einen Wettbewerbscharakter verleiht. Das hat eine ungeheure Vereinzelung zur Folge, man empfindet sich gar nicht mehr als Teil des Gemeinwesens.

Ingo Schulze ist Mitglied der Klasse Literatur und Sprachpflege der Sächsischen Akademie der Künste. Zu Schulzes Veröffentlichungen, weiteren Akademiemitgliedschaften sowie seinen Auszeichnungen hier: http.www.sadk.de/i_schulze.html



Dresdner Neueste Nachrichten 8.2.2012

Wetterbericht von der Börse
Ingo Schulze im Dialog mit Peter Gülke


Tomas Gärtner

„Mit den Worten, die ich benutze, mit der von mir gesprochenen und geschriebenen Sprache fallen Vorentscheidungen in meinem Fühlen, Denken und Handeln“, lesen wir in einem Essay von Ingo Schulze, geschrieben 2009. Darin beschreibt er, wie das Wort „Verlierer“ in unsere Sprachwelt kam und welche Vorstellungen es transportiert. Äußerst erhellend, diese Überlegungen. Zu finden in dem Band „Was wollen wir?“ (Berlin Verlag). So lautete auch der Titel des ersten Abends der neuen Reihe „Zur Person“ in der Sächsischen Akademie der Künste, zu dem etwa 60 Zuhörer ins Blockhaus gekommen waren. Als Gesprächspartner von Akademiepräsident Peter Gülke auf dem Podium äußerte sich Akademiemitglied Ingo Schulze über Sprache und die Folgen ihres Gebrauchs.

Gülke, obzwar Dirigent und Musikwissenschaftler, zeigte sich auch in der Belletristik bestens belesen. So lief der Abend nicht als Frage-Antwort-Spiel, sondern Dialog, in dem beide ihre Ansichten darlegten. Hier und da widersprach Ingo Schulze vorsichtig. Für einen Streit lagen ihre Meinungen zu dicht beieinander. „Zur Perfektion unserer Gesellschaft gehört die Verdrängung“, konstatierte Gülke. „Die Literatur aber unterminiert diesen pragmatischen Begriff von Wirklichkeit.“

Worin Schulze die Verantwortung - nicht: nur die des Künstlers, sondern des Bürgers - sieht: in Differenzierung. „Je genauer, konkreter etwas dargestellt wird, desto besser können wir uns der Sache stellen.“ Stattdessen aber hantierten Politiker mit Abstrakta, hätten keine Sprache mehr für die Realität.

Der Schriftsteller sieht sich fatal an die Partei- und Staatsführer der DDR kurz vor 1989 erinnert. Beispiel Börse. Deren Auf und Ab werde in Zeitung, Radio, Fernsehen wie ein Naturereignis dargestellt, eine Art Wetterbericht. „Nicht als von Menschen Gemachtes. Und ihre Wirkung wird nicht beschrieben.“ Dass beispielsweise hierzulande mit Rohstoffen spekuliert werde, was anderswo, in den Entwicklungsländern, Hungertote zur Folge habe.

Ingo Schulze sieht, wie Vieles als Selbstverständlichkeit geschluckt und nicht mehr in Frage gestellt wird. Privatisierung als Allheilmittel zum Beispiel oder Wirtschaftswachstum als eiserne Notwendigkeit. Von der zunehmenden Ökonomisierung nahezu aller Lebensbereiche sieht er die Demokratie gefährdet. Eine Aussage von Bundeskanzlerin Angela Merkel, es komme darauf an, „das Vertrauen der Märkte wiederzugewinnen“, alarmiert ihn. Mit niedrigen Steuern für Unternehmen schwinden die Staatseinnahmen und damit die demokratischen Möglichkeiten des Eingreifens.

Helfen könnte für seine Begriffe auch ein kritischer Blick der Bürger: „Sich trauen, einfache Fragen zu stellen: Ist das für uns gut oder nicht? Was sind unsere Interessen?“ Und: Nicht gedankenlos Sprachhülsen übernehmen. Eine eigene, genauere Sprache sprechen. Die Dinge historisch betrachten. „Substantive zu Verben machen.“



Sächsische Zeitung 31.1.2012

Die Klimamacher in Sachen Kultur

Birgit Grimm

Was machen diese Herrschaften da eigentlich in der Sächsischen Akademie der Künste? Kreative Menschen sind dort versammelt: Künstler, Schriftsteller, Musiker, Architekten, Theaterleute und Filmemacher. Auch wenn sich eine Akademie der Künste „zuerst aus dem Werk ihrer Mitglieder legitimiert“, wie es der Komponist und Vizepräsident Wilfried Krätzschmar erklärt, kann man davon ausgehen, dass es sich dabei nicht um einen internen oder gar esoterischen Zirkel handelt. Die Sächsische Akademie der Künste ist seit ihrer Gründung 1996 mit Ausstellungen, Vorträgen und Diskussionen, mit der Verleihung eines hochkarätigen Kunst- und eines renommierten Architektur-Preises an die Öffentlichkeit getreten. Einfluss auf kulturpolitische Entwicklungen im Freistaat nahm sie nicht.

Peter Gülke, seit Sommer Präsident der Akademie, möchte das ändern: „Die Akademie versteht sich nicht nur als Veranstaltungsort, sondern als Anreger und Impulsgeber. Wir wollen uns an Stellen im Lande einmischen, wo Entscheidungen getroffen werden, die wir für falsch halten“, sagte der Musikwissenschaftler und Dirigent. Nicht Gralshüter der Kunst von gestern wolle man sein, sondern Entwicklungslinien für die Zukunft entwerfen. Ein hehres Ziel.

Dazu soll intern die Arbeit der fünf Klassen besser vernetzt und die Kooperation mit anderen Kulturinstitutionen in Sachsen und in Osteuropa enger werden. Ein erster „Brückenschlag“ führt Akademiemitglieder zur Jahresversammlung in die polnische Stadt Wrocław.

Gestern veranstaltete die Akademie in Dresden eine Debatte über die Autonomie der Kunst, eine erste „Werkstatt“ in einer Reihe, die sich mit der künstlerischen Produktion jenseits der Staatskultur der DDR beschäftigen wird. Die Akademie will „eine Dokumentation des subversiven Kunstschaffens in der DDR voranbringen und Gerechtigkeit herstellen“, sagte Gülke. Eigene Forschungsaufträge kann die Sächsische Akademie weder ausführen noch in Auftrag geben. Dafür ist das Budget zu schmal.

Gülke sieht die Aufgabe der Akademie eher darin, „kulturpolitische Prozesse konstruktiv zu begleiten und ein Klima zu schaffen, in dem man an bestimmten Themen nicht mehr vorbeikommt“. Der Dirigent bedauerte es, nicht hinzugezogen worden zu sein, als die Orchesterfusion von Elblandphilharmonie und Landesbühnen-Orchester verhandelt wurde. Auch zur Privatisierung der Staatlichen Schlösser und Gärten, über die Sachsens Regierung bereits heute beraten wird, war die Stimme der Akademie der Künste noch nicht zu hören.



Dresdner Neueste Nachrichten 31.1.2012

Auf der Suche. Die Sächsische Akademie der Künste setzt auf Brückenschläge, Einmischung und Öffentlichkeit

Michael Ernst

Gut ein halbes Jahr nach seiner Wahl zum Präsidenten der Sächsischen Akademie der Künste hat Peter Gülke gestern die künftigen Schwerpunkte dieser Institution vorgestellt. Man sei nicht als Gralshüter angetreten, erläuterte er das Selbstverständnis der vor gut 15 Jahren ins Leben gerufenen Akademie, sondern müsse Entwicklungen beobachten, rechtzeitig erkennen, um darauf reagieren zu können und gegebenenfalls Ratschläge zu erteilen.

Die nötige Kompetenz dazu dürfte die aus namhaften Literaten, Musikern, bildenden und darstellenden Künstlern sowie Architekten bestehende Einrichtung haben. Gülke, der die Autonomie dieser fünf Klassen zwar schätzt, sieht in deren Vernetzung jedoch die besondere Chance, um politischen Entscheidungsträgern, die in einzelnen Sachfragen „nicht ganz so tief drinstecken“, Empfehlungen zu geben. „Wir wollen uns einmischen“ formulierte er als Grundhaltung, „aber nicht mit Kritik um der Kritik willen, sondern um Impulsgeber und Anreger für Zukunftsfragen zu sein.“ In einem konkreten Punkt wie der bevorstehenden Privatisierung der Staatlichen Schlösser, Burgen und Gärten Sachsen (DNN berichteten) sei die Information schlicht zu spät erfolgt. Er habe bei diesem Vorgang „ein maues Gefühl“, so der Akademiepräsident.

Überhaupt ging es in der Vergangenheit und geht es auch in der Zukunft um die Selbstdefinition der Akademie. Einerseits sei sie ein hervorragendes Instrument, um den überwiegend als Einzeltätern aktiven Künstlerinnen und Künstlern ein gemeinsames Podium zu geben, andererseits wolle man auch unmittelbar in die Gesellschaft hinein wirken. Für die kommenden Monate legte der Präsident nun ein vier Punkte umfassendes Schwerpunktpapier vor. Der praktische Auftakt sollte nur wenige Stunden später mit einer Werkstatt und anschließender Podiumsdiskussion zur „Kunst jenseits der Staatskultur der DDR“ gesetzt werden. Das Fragezeichen im Titel „Autonomie der Kunst?“ lässt anklingen, dass viele Antworten zur einst engagierten, staatlich oder individuell ausgegrenzten Kunst noch immer offen sind. Eine Veranstaltungsreihe soll daraus erwachsen, an deren Ende die Dokumentation subversiver Kunst ähnlich vollständig wie die der offiziell anerkannten sein sollte.

Einstige Traditionen im Dreiländereck, Gülke zufolge ein Alleinstellungsmerkmal der Sächsischen Akademie, sollten wieder aufgegriffen und die Nähe zu Polen und Tschechen aktiviert werden. Die für Mitte Mai geplante Jahresmitgliederversammlung finde in Dresdens Partnerstadt Wroclaw statt und werde sich den Besonderheiten von „Nachkriegsarchitektur im europäischen Kontext“ widmen. Peter Gülke, der sich an frühe Gastspiele in der Oper von Wrocław erinnert, sieht in derartigen Brückenschlägen eine wichtige Funktion der Akademie. In der Tat scheint das Interesse Polens an Sachsen derzeit eher einseitig zu sein. Eine gute Gelegenheit, es bis 2016 nachhaltig zu ändern, dann nämlich ist Wrocław eine der europäischen Kulturhauptstädte.

Noch weiter in die gesellschaftliche Zukunft dürfte die Auseinandersetzung der Akademie mit kulturpolitischen und künstlerischen Fragen sein, die unter dem Arbeitstitel „Ressource Kultur -Perspektiven von Kunst und Kultur bis 2020“ praktiziert werden soll. Wie müsse etwa mit schrumpfenden Kleinstädten umgegangen werden, um deren Lebenswert zu erhalten? Als schlimmes Gegenbeispiel verwies der Musiker Gülke - der Dirigent war unter anderem in den 70er und 80er Jahren Kapellmeister der Dresdner Staatsoper - auf die folgenschwere Fusion der Orchester von Riesa und Radebeul. „Wir waren bei dieser Entscheidung nicht einbezogen, obwohl wir gewiss bessere Erfahrungen hätten.“ Nun werde nicht nur die Orchesterlandschaft weiter reduziert, sondern sei künftig noch weniger Chormusik zu realisieren. Eine fatale Folge, so der Praktiker, der es als unbedingte Aufgabe der Akademie sieht, sich da einzumischen. Ihm sei jedoch der schmale Grat zwischen zu häufigen Wortmeldungen und Absenz der im stillen Kämmerlein schaffenden Kreativen bewusst.

Für mehr öffentliche Wahrnehmung der Akademie sollen auch deren nach Gottfried Semper und Hans Theo Richter benannte Preise wirken, zudem würden künftig noch mehr Kooperationen mit anderen Kunstakademien eingegangen. Die Eigenveranstaltungen im Blockhaus müssten wegen der „jämmerlichen materiellen Situation“ konzentrierter und effektiver ausgerichtet werden. Peter Gülke und seine Mitstreiter wissen schließlich um das „kostbare Gut“ der öffentlichen Aufmerksamkeit.

Einen verhaltenen Kontrapunkt setzte Vizepräsident Wilfried Krätzschmar mit seinem Hinweis, die Akademie müsse „auch das Recht haben, sich mit sich selbst zu beschäftigen - denn sie legitimiert sich zuerst aus dem Werk ihrer Mitglieder“.
Dennoch darf auf spannende Veranstaltungen gehofft werden. Am 6. Februar setzt Peter Gülke die kürzlich gestartete Gesprächsreihe „Was wollen wir?“ fort. Ging es darin zunächst um den Lyriker Georg Heym, so heißt es nun „Zur Person - Ingo Schulze“.



dpa / Focus online 30.1.2012

Akademie macht staatsferne Kunst in der DDR zum Thema

Dresden (dpa) - Die Sächsische Akademie der Künste will die lange überfällige Aufarbeitung des Themas der staatsfernen Kunst in der DDR anstoßen. „Das ist im Bereich der Bildenden Kunst immer noch virulent, für betroffene Künstler ein Lebensthema“, sagte Präsident Peter Gülke am Montag in Dresden.
Innerhalb der Akademie gebe es mehr als 20 Jahre nach der Wende noch immer Diskussionen über das schwierige Verhältnis zwischen denen, die zu DDR-Zeiten dem Staat ästhetisch zugearbeitet hätten, und denen, die ausgeschlossen gewesen seien. In einer internen Werkstatt sollen sich daher Experten mit der Einordnung und Bewertung von Werken jenseits der Staatskultur der DDR beschäftigen.

„Auslöser war die geplante Ausstellung der DDR-Kunstsammlung der Wismut GmbH“, sagte Gülke. Es gehe darum, Gerechtigkeit herzustellen, auch wenn eine Dokumentation dieses Schaffens „im Untergrund“ schwerer als die der offiziellen Kunst sei. Dabei gehe es auch um die Frage, ob Auftrags- und Staatskunst von vornherein korrumpiert seien und die andere die wahre Kunst sei. „Wir werden die Reihe so lange fortführen, bis Aufarbeitung und Dokumentation der einst subversiven Kunst den gleichen Grad erreicht hat wie die der offiziellen Kunst.“

Die DDR-Kunstsammlung der bundeseigenen Wismut GmbH soll im künftigen Haus der Archäologie in Chemnitz dauerhaft zu sehen sein. Die rund 4000 Kunstwerke aus dem Besitz des Unternehmens stammen aus den Jahren 1959 bis 1989 und waren zu einem großen Teil Auftragsarbeiten.

Die Akademie der Künste insgesamt will künftig mehr Impulsgeber als Veranstaltungsort sein. „Wir sind nicht Gralshüter der Kunst von gestern, sondern müssen als Beobachter die kulturelle Entwicklungen verstehen, sie vorausschauend erkennen, begleiten und kommentieren“, sagte Gülke. Dabei könne eine interne Vernetzung der Klassen helfen. Geplant sei zudem in einer Art Brückenschlag die Wiederbelebung alter Verbindungen zu Kollegen in Polen und Tschechien.