Gottfried Semper Architekturpreis 2009 an Erich Schneider-Wessling
Werner DurthLaudatio auf Erich Schneider-WesslingWir haben heute gleich mehrfach Anlass zu feiern. Wir feiern den Beginn einer neuen Tradition, in der von Dresden aus, verbunden mit dem Namen Gottfried Sempers, ein Architekturpreis verliehen wird, der – so wollen wir hoffen –, weltweit aufmerksam macht auf Bauten, Projekte, und weiter: auf Lebensleistungen von Architektinnen und Architekten in Deutschland, deren Beitrag zur Gestaltung unserer Umwelt in besonderer Weise geleitet ist von der Sorge um die Voraussetzungen unserer Existenz auf diesem Planeten namens Erde und geprägt durch den verantwortlichen Umgang mit den begrenzten Ressourcen der Natur, in Verantwortung auch gegenüber den uns folgenden Generationen.
Ich freue mich sehr, dass für die erste Auszeichnung mit diesem Preis ein Architekt ausgewählt wurde, dessen gesamtes – bisheriges – Lebenswerk als Baumeister, als Lehrer und als missionarisch wirksame öffentliche Person erfüllt war von der Botschaft, dass Bauen nicht nur Nutzen bringt und Gestaltung bedeutet, sondern immer auch Eingriffe in die Natur erfordert, die in all ihren Folgen zu bedenken und zu verantworten sind, nachprüfbar bis zur Berechnung der Energiebilanz von Bauten.
Der Natur wieder zurückzugeben, was man ihr an Ort und Qualität genommen hat, ist eine der Maximen, die Erich Schneider-Wessling seit nunmehr fast einem halben Jahrhundert verfolgt und verbreitet hat. Von den einzelnen Bauwerken bis in den Maßstab der Stadtplanung sind seine Entwürfe stets auf die Gestaltung von Landschaft hin angelegt. Schon in den ersten Wohn-Landschaften des Architekten war die Verschmelzung von Innen und Außen nach dem Konzept des „fließenden" Raums Programm. Mit Pflanzen aller Art bewachsene Terrassen, Balkone und Dachgärten bildeten ein dichtes Netzwerk vielfältig nutzbarer Freiräume, sorgsam mit der Umgebung verwoben. Später wuchsen aus solchen Netzen ganze Städte mit ihren Parks und Promenaden, mit grünen Höfen und verglasten Hallen, fein gegliedert in Übergangszonen zwischen öffentlichen und privaten Bereichen, um den Menschen durch Architektur vielfältige Wahlmöglichkeiten zwischen Rückzug und Teilhabe an der Gemeinschaft einzuräumen. Grundlage solcher Transformation von Natur in Gebautes war für Erich Schneider-Wessling von Anbeginn ein empathisches Verständnis auch der Natur des Menschen, dem als schutzbedürftiges Mängelwesen zum Überleben zuallererst Obdach gegeben und Gemeinschaft ermöglicht werden muss, bevor Baukultur zur weiteren Entfaltung physischer, psychischer und sozialer Bedürfnisse wirksam werden kann. Erst dann kann schließlich auch Architektur zur Emanzipation der Menschen beitragen, zum Ausgang aus selbstverschuldeter Unmündigkeit, wie sie sich täglich in den unbefragten Routinen des Alltags verstetigt, angefangen von den gemeinschaftsfeindlichen Formen des Wohnens in einer zunehmend auf gelebte Solidarität angewiesenen Gesellschaft bis hin zur unbedachten Ressourcenverschwendung, gegen die auch ausgeklügelte Energieeffizienz im Bauen nicht ankommen kann, wenn das alltägliche Verhalten der Menschen den längst gewonnen Einsichten in biologische Notwendigkeiten zuwiderläuft.
Ich spreche nicht nur über Architektur. Denn mit Erich Schneider-Wessling wird nicht nur ein hervorragender und international renommierter Architekt ausgezeichnet, sondern auch ein engagierter Lehrer, der seine Einsichten seit Jahrzehnten vielen jungen Architekten vermittelt hat, ohne damit eine „Schule" im Sinne von Baustil-Bildung begründen zu wollen. Ihm ging es immer um Bildung in jenem existenziellen Sinne, der sich für uns mit dem Begriff der Aufklärung verbindet. Doch solche Emphase lässt sich weder auf das gebaute Werk noch auf das Wirken als Lehrer begrenzen: Als ein in zahlreichen Initiativen seit Jahrzehnten engagierter Protagonist der Bürgerbewegung gehört dieser Architekt mit seiner Mission zu der rar gewordenen Gattung jener „Weltverbesserer", ohne die unsere Erde längst unbewohnbar wäre. Denn anstelle von Theorien und Ideologien leitet ihn ganz unmittelbar die Liebe zur Natur und zu den Menschen.
Schneider-Wesslings Credo zur Architektur hat er als Synopse in einer Skizze zusammengefasst, in der über einem Kreis das Wort „Ortsbezug" zu lesen und als Aufforderung zu verstehen ist, jeden Entwurf und jede Planung zuallererst mit der Analyse des konkreten Ortes zu beginnen, der durch Bauen neu gestaltet werden soll. Darunter stehen, rechts und links seitlich des Kreises, die Begriffe „Natur" und „Klima", ihnen zugeordnet, wiederum darunter, „moderne Technik" und „angemessene Mittel". Der Kreis schließt sich durch zwei Begriffe, die gleichsam die Basis dieses Heptagons in der Kreisform bilden - „Individuum" und „Gemeinschaft". Die Pointe dieser kleinen Kosmologie des Bauens ist im Innenleben des Kreises zu entdecken. Hier verweisen Verbindungslinien zwischen den Begriffen auf die Vielfalt der Wechselbeziehungen, die nach diesem Schema als Analysekonzept bei jedem Projekt zwar gesondert untersucht werden können, aber doch nur dann einen Sinn ergeben, wenn sie überlagert, zusammen gedacht und ganzheitlich als System verstanden werden. Gleichzeitig wird so eine Handlungsanleitung für umweltbewusstes Bauen und ein Lehrkonzept angeboten, in sparsamster Ökonomie der didaktischen Mittel und umso überzeugender. Auch dies ist typisch für Erich Schneider-Wessling, doch in dieser Verdichtung, wie all seine Erfahrung, ein Ergebnis von Lernprozessen, die sich nicht zufällig dem amerikanischen Pragmatismus und seinem Misstrauen gegen jede ideologische Überhöhung des Bauens verdanken.
Die tiefe Abneigung gegen jede Art von Heilslehren und vorgefertigtes Wissen ist ihm gleichsam als Erbschaft deutscher Geschichte mit auf den Weg gegeben. Geboren 1931 in Weßling, in Oberbayern, kann er dem Jahrgang nach noch jener Altersgruppe zugeordnet werden, die als jugendliche Opfer der Verführungen des Nationalsozialismus als „skeptische Generation" bezeichnet wurde. Nach schweren Nachkriegsjahren begann er 1951 das Studium an der Technischen Universität in München, die jedoch seiner notorischen Neugier zu wenig Spielraum ließ. „Wir waren überzeugt, dass wir hier sehr weit zurückstanden, dass wir gar keinen Anschluss hatten an die Moderne", erklärte er im Rückblick auf sein Studium in München. „Diese Überzeugung hatten wir als Studenten sehr wohl, und unsere Lehrer waren Leute, die eher an das Vorgestern anknüpften und nicht an das Bauhaus oder ähnliche Strömungen."
Auf der Suche nach anderen Lehrern lernte er über Sep Ruf 1952 an der Münchner Akademie der Künste den damals schon legendären Architekten Richard Neutra kennen. Der verkörperte wie kein anderer eine weit gespannte und dabei international versierte Traditionslinie moderner Architektur. Ein abenteuerlicher Lebensweg hatte ihn aus dem Büro von Adolf Loos in Wien zu Erich Mendelsohn nach Berlin geführt, für den er nach dem Ersten Weltkrieg wegweisende Projekte wie das Mosse-Verlagshaus leitete und den er als ausgebildeter Gartenarchitekt wieder verließ, um 1923 in die USA überzusiedeln und einen ganz eigenen Weg zur Weiterentwicklung der aus Europa importierten Moderne zu finden.
Ein Fulbright-Stipendium ermöglichte 1956 dem jungen Schneider-Weßling eine Reise in die USA. Er studierte und arbeitete bei Richard Neutra, begegnete dem großen Frank Lloyd Wright, blieb auch über das Stipendium hinaus in Neutras Büro in Los Angeles und übernahm die Leitung von Projekten in Caracas und Venezuela. Endlich hatte seine Neugier ausreichend Stoff bekommen. Er bewunderte und analysierte die Bauten Neutras sowie dessen Philosophie des Bio-Realismus im Bauen. Er blieb mehrere Wochen bei Frank Lloyd Wright, Neutras Lehrer, dann zwei Jahre in Venezuela, bevor er 1960 sein eigenes Architekturbüro in Köln eröffnete. Hier geriet er in die Turbulenzen der Fluxus-Aktionen, der kultur-revolutionären Fusion von Dada-Tradition und Situationistischer Internationale. In Köln trafen sich damals Künstler wie John Cage, Nam June Paik und Wolf Vostell. Schneider-Weßling diskutierte mit André Thomkins, Eckhard Schulze-Fielitz und Yona Friedman neue Konzepte der Verstädterung und wandelbarer Architektur. Sein Büro am Appellplatz verwandelte sich zur „Ambulanzgalerie". Er befreundete sich mit Karlheinz Stockhausen, dem bis heute maßgeblichen Pionier der elektronischen Musik, zugleich Motor der Fluxus-Bewegung, auf der Suche nach neuen Lebensformen in der Gemeinschaft von Künstlern.
Für Stockhausen plante und baute Schneider-Wessling ab 1962 ein Wohn- und Studiogebäude mit dem bezeichnenden Namen „Labyr", zugleich Labor und Labyrinth, mit sich durchdringenden Räumen in Form von Sechsecken, eine Wabenlandschaft für eine Künstler-WG. Dieses Gebäude mit seinen ineinander geschobenen Ebenen, großen Fenstern, weiten Ausblicken und Terrassen machte den jungen Architekten gleichsam über Nacht bekannt. Es folgte ein Wettbewerbsbeitrag für eine Schullandschaft, wieder im gestapelten Wabensystem, um maximales Raumvolumen in minimale Hüllflächen zu kleiden. Systematisch wurden hier bereits in Schemaskizzen zur Sonneneinstrahlung, zur Belichtung und Lüftung Prinzipen energieeffizienten Bauens dargestellt, die in späteren Bauten erfolgreich angewandt werden konnten.
Von den ersten Projekten an wurde geprobt, was später die Qualität der dann so genannten Solararchitektur ausmachen wird. Das ab 1964 errichtete Haus Neven-Dumont besticht trotz seiner komplexen Raumstaffelung durch eine Klarheit der Konstruktion, die an japanische Holzbauten denken - und doch noch den Einfluss Neutras erkennen lässt. „Die offenen Raumstrukturen stellen nicht nur die Verbindung zur Natur her, sondern fördern auch die Entfaltung sozialen Lebens im Inneren des Hauses", heißt es in einer Erläuterung zu diesem Projekt.
Solche Verbindung offener Raumstrukturen mit wandelbaren Elementen der Architektur zwecks individueller Gestaltung der Übergänge zwischen Privatsphäre und Öffentlichkeit ließ 1966 in Bonn-Bad Godesberg im Gästehaus der Alexander-von-Humboldt-Stiftung eine kleine Stadt in der Stadt entstehen. Dieses Gästehaus regte Gedanken zur weiteren Verdichtung von Stadtstrukturen an, die wenig später zu den internationales Aufsehen erregenden Projekten für eine Überbauung von Bahngleisen in München und Köln führten.
„Auf diese Weise werden nicht nur ansonsten brachliegende Flächen sinnvoll genutzt, sondern es entsteht auch ein bedeutender Zuwachs an Wohnraum mitten in der Stadt", heißt es in einer Erläuterung zu diesen Projekten. Dass in München die großen Gleisanlagen nicht überbaut waren, sei für ihn damals unverständlich gewesen, erklärte Schneider-Wessling später: „Dies war in meinen Augen die eigentliche Entwicklungsfläche und nicht die Wiesen, auf denen man dann z.B. Neu-Perlach baute. Es war für mich völlig befremdlich, dass sich das künftige Leben neuer Bewohner nicht in der Stadt abspielen sollte, sondern in Siedlungen auf der grünen Wiese."
Den Jahren des westdeutschen Eigenheimeinerleis folgte die Phase liebloser Stapelware. Während die noch überkommenen Stadtstrukturen dem Verfall überlassen oder als potenzielle Abbruchgebiete der Spekulation ausgeliefert wurden, probten Schneider-Wessling und seine Mitstreiter damals bereits die Erneuerung der Städte durch „innere Verdichtung", wie zwei Jahrzehnte später das populäre Schlagwort heißen wird. Freilich, Mitte der sechziger Jahre konnten solche Projekte noch leicht als Beispiele jener technischen Utopien abgetan werden, wie sie in gewaltigen Raumgitter-Strukturen in Frankreich, Japan und den USA entworfen wurden. Doch was da ab 1969 in Plänen und Modellen, Skizzen und Diagrammen in Köln als Beitrag zur Sanierung der Stadt zwischen Venloer Straße und Westbahnhof entstand, war ein durchaus praktikabler Vorschlag für neue Bau- und Lebensformen, die nun unter dem Programm „Urbanes Wohnen" firmierten. „Urbanes Wohnen" - das war zugleich der Name einer Genossenschaft, die Schneider-Wessling im September 1969 gegründet hatte mit dem Ziel, vor allem jungen Familien neue Formen gemeinschaftlichen Zusammenlebens mitten in der Stadt zu ermöglichen, als attraktive Alternative zum Land fressenden Häuslebauen am Stadtrand.
Durch eine Parkplatz-Überbauung im Kölner Severinsviertel sollte in einem ersten Schritt ein Terrassenhügelhaus für fast 100 Familien entstehen. Dieser Plan blieb zwar Papier, doch regte dieses weit über Köln hinaus bekannte Projekt in vielen Städten ähnliche Initiativen an und förderte die Debatte um eine neue „Urbanität durch Dichte" jenseits der damals massenhaft entstehenden Großsiedlungen im Umfeld der Städte.
Was in den ersten Anläufen nur Projekt und Provokation bleiben musste, gelang wenig später vorbildlich: Mit dem Nikolai-Centrum in Osnabrück wurde ein Stück kompakter Stadt neu erfunden. Nach einem Wettbewerb 1974 entstand im Maßstab der benachbarten Altstadt als Überbauung einer Tiefgarage ein urbanes Ensemble aus Läden und Büros sowie gemeinschaftsorientierten Wohnanlagen mit lichtdurchfluteten Wintergärten und begrünten Terrassen davor. Dieses bis 1984 vollendete Projekt setzte Maßstäbe für den künftigen Umgang mit Stadt. Mit dem Deutschen Städtebaupreis ausgezeichnet, wurde es ein Vorbild dafür, wie Stadt zu erneuern und zugleich die Maßstäblichkeit des Alten bis ins Geflecht der Straßen und Plätze zu erhalten ist. Wie sich nach ähnlichem Konzept ein neues Stadtzentrum als Bindeglied zwischen disparaten Teilen einer Vorstadt entwickeln lässt, zeigte Schneider-Wessling 1988 gleichsam als Lehre aus dem Projekt Osnabrück in seinem Beitrag zum Wettbewerb für eine neue Mitte der auf rund 40 000 Einwohner gewachsenen Siedlung Kaarst bei Düsseldorf. Hier entstand, landschaftlich eingebettet in einen Park mit See, gegliedert durch Plätze und Alleen, ein Ensemble aus Rathaus, Bürgerhaus und Markthalle mit Geschäftszentrum und Wohnanlagen, ein Ort der Begegnung und Identifikation, dominiert vom Turm des neuen Rathauses, der „wie aus einem Kinderbaukasten" entstanden „ein eindeutiges Zeichen in der Stadt" setzt.
Was hier 1988 ersonnen und scheinbar spielerisch gestaltet wurde, könnte im Jargon unserer Tage als „Nachverdichtung der Zwischenstadt" oder als „Transformation der inneren Peripherieeiner Metropolregion" bezeichnet werden. Ohne derart große Worte war Erich Schneider-Wessling seiner Zeit weit voran, indem er einfach tat, was er für vernünftig hielt, ohne dafür die Werbetrommel zu rühren oder die Gebetsmühlen gerade aktuell angesagter Architektenparolen zu drehen.
Wie Solararchitektur und energieeffizientes Bauen auch im Hinblick auf das bestmögliche Befinden der Menschen darin Wirklichkeit werden kann, diese Frage war seit der Begegnung mit Neutra und seinem Konzept des Biorealismus ständig präsent. In jedem Projekt suchte Erich Schneider-Wessling neue Antworten auf derart vertraute Fragen nach dem richtigen Umgang mit der Natur. Aus einer Serie von „solartypologischen Modellen" für den Wettbewerb Landstuhl 1979 entwickelte er mit Per Krusche eine Reihe von Solarhäusern. Die dort gewonnenen Erkenntnisse wiederum gingen in die städtebaulichen Beiträge ein.
Wir erinnern uns an die Kreisfigur mit den sieben Begriffen. Oben „Ortsbezug", darunter „Natur" und „Klima", dem zugeordnet „moderne Technik" und „angemessene Mittel". Wie ein Extrakt aus den bisherigen Projekten, überprüft an den soeben genannten Kategorien, entwarf Erich Schneider-Wessling 1991 nach neuestem Stand der Technologie das Gebäude für die Deutsche Bundesstiftung Umwelt in Osnabrück, einen trotz seines großen Volumens geradezu zierlichen Bau, der sich mit seinen geschwungenen Fassaden fast vegetativ in den erhaltenen Baumbestand einfügt, 1996 ausgezeichnet mit dem Europäischen Solarpreis.
Die Liste der Projekte, Preise, Auszeichnungen und Professuren ließe sich nun mit vielen weiteren Höhepunkten fortsetzen über das nächste Jahrzehnt bis heute. Dass sich in der Werkliste auch Gutachten zur Stadterneuerung in Dresden finden, sei hier nur nebenbei erwähnt. Und in dichter Folge ließen sich zukunftweisende und beispielhafte Lösungen für drängende Themen unserer Zeit erläutern, doch möchte ich es in meinem Rückblick beim Exemplarischen belassen.
Die Maximen, die dieser Baumeister seit Jahrzehnten und anfangs noch als vermeintlich spinnerter Außenseiter vertreten hat, sind heute für viele der jüngeren Architekten selbstverständliche Handlungsanleitungen. Freilich nicht für alle. Da ist noch viel zu tun. Doch hat kaum ein anderer zur Verbreitung eines neuen Umweltbewusstseins im Planen und Bauen derart beigetragen wie Erich Schneider-Wessling. Zu Recht wird ihm als Erstem dieser Preis verliehen.
Zum Schluss noch ein persönliches Wort. Es war nicht leicht, aus der Vielzahl der Vorschläge eine signifikante Rangfolge der Kandidaten für diesen Preis zu benennen. Als die Findungskommission schließlich eine engere Wahl von 18 Namen zusammengestellt hatte, gruppierte sie nach Jahrgängen in die Kategorien Pioniere, Meister und Nachwuchs - und empfahl Erich Schneider-Wessling im Rückblick auf sein Lebenswerk als Pionier umweltgerechten Bauens gemäß den Statuten des Preises.
Da unser Vorschlag vom Kuratorium einstimmig angenommen wurde, ist es jetzt an mir, eine weitere Begründung auszuführen. Dieser Architekt wird zwar als Pionier gewürdigt, dabei ist aber auch aktuell in immer neuen Projekten der Meister tätig und im Geiste kann er immer noch dem Nachwuchs zugerechnet werden, da er mit unstillbarer Neugier und Entdeckungslust eine mitreißende Begeisterung entfalten kann, die wir bei jüngeren Architekten oft vermissen.
Ich gratuliere herzlich zu diesem Preis, den Erich Schneider-Wessling heute stellvertretend für all jene mit entgegennimmt, die ihn in den wechselnden Teams bei seinen Projekten begleitet und oft auch mitgetragen haben. Denn dieser Architekt ist ein Gemeinschaftsmensch: 1968 gründete er die Gruppe Bauturm in Köln als Gemeinschaft von Architekten und Ingenieuren. In all seinen Projekten hat er mit hervorragenden Vertretern unterschiedlichster Disziplinen kooperiert, aus der Überzeugung, dass Nachhaltigkeit im Bauen nur als Gemeinschaftsleistung zu erreichen ist.
Vielleicht ist es kein Zufall, dass ich ihn vor mehr als einem Vierteljahrhundert ausgerechnet auf einer Reise durch das damals noch alte China kennen lernte, als er begeistert die Haus- und Hoftypologien studierte, in denen die Menschen dort seit Jahrhunderten durch Holz- und Lehmbauten auf ihre Umweltbedingungen reagierten. Ich wusste damals: Dieser Lehrer wird immer ein Lernender bleiben, ein Architekt, dem jede neue Bauaufgabe – bei aller Erfahrung – stets wieder ein Anfang ist.
Pressestimmenddp 19. Oktober 2007
Erich Schneider-Wessling mit Semper-Architekturpreis ausgezeichnetErich Schneider-Wessling ist am Freitag in Radebeul mit dem erstmals verliehenen Gottfried-Semper-Architekturpreis ausgezeichnet worden. Der 76-jährige Architekt gelte als «Pionier des umweltbewussten Bauens», teilte die Sächsische Akademie der Künste mit. Dies zeige beispielsweise sein Neubau der Deutschen Bundesstiftung Umwelt in Osnabrück.
Erich Schneider-Wessling ist am Freitag in Radebeul mit dem erstmals verliehenen Gottfried-Semper-Architekturpreis ausgezeichnet worden. Der 76-jährige Architekt gelte als «Pionier des umweltbewussten Bauens», teilte die Sächsische Akademie der Künste mit. Dies zeige beispielsweise sein Neubau der Deutschen Bundesstiftung Umwelt in Osnabrück. Schneider-Wessling habe sich «bemerkenswert früh in Veröffentlichungen, Vorträgen und Lehrkonzepten zur Umweltproblematik zu Wort gemeldet». Als Hochschullehrer habe er zudem Generationen junger Architekten auf diesem Geist geschult.
Der Preis ist mit 25 000 Euro dotiert. Verliehen wird er von der Sächsischen Akademie der Künste und der Sächsischen Landesstiftung Natur und Umwelt. Stifter des Preisgelds ist das Energieunternehmen Vattenfall Europe Mining & Generation. Schneider-Wessling (Jahrgang 1931) hat seit 1960 ein Architekturbüro in Köln. Dort gründete er 1969 die Gemeinschaft von Architekten und Ingenieuren «Bauturm». 1999 wurde er in die Akademie der Künste Berlin berufen.
Die Auszeichnung soll künftig alle zwei Jahre vergeben werden. Der Namenspatron Gottfried Semper (1803-1879) gilt als bedeutender deutscher Baumeister und Architekturtheoretiker des 19. Jahrhunderts. Zu seinen berühmtesten Bauwerken in Dresden zählen die Oper, die 1938 zerstörte Synagoge und die Gemäldegalerie.
MDR Figaro 30. Oktober 2007
Gottfried-Semper-Architekturpreis für nachhaltiges Bauen Der 76-jährige Kölner Architekt Erich Schneider-Wessling erhielt den erstmals verliehenen Gottfried-Semper-Architekturpreis für Werke mit besonderer Qualität nachhaltigen Bauens. Bekannt wurde er u. a. durch seinen Entwurf für den Neubau der Deutschen Bundesstiftung Umwelt in Osnabrück.
Den erstmals verliehenen Gottfried-Semper-Architekturpreis nahm am 19. Oktober in Radebeul der 76-jährige Erich Schneider-Wessling entgegen. Die Sächsische Akademie der Künste und die Sächsische Landesstiftung Natur und Umwelt verleihen künftig alle zwei Jahre den mit 25.000 Euro dotierten Preis. Damit soll ein deutscher Architekt geehrt werden, dessen Werk sich durch besondere Qualitäten nachhaltigen Bauens auszeichnet. Das fünfköpfige Kuratorium, bestehend aus den Verleihern sowie dem Stifter Vattenfall, habe sich einstimmig für den diesjährigen Preisträger entschieden, gab der Vorsitzende der Findungskommission, Werner Durth, bekannt.
Schneider-Wessling betreibt seit 1960 ein Architekturbüro in Köln. Er habe sich bemerkenswert früh in Veröffentlichungen, Vorträgen, Entwürfen und Lehrkonzepten zur Umweltproblematik zu Wort gemeldet, verlautete von der Sächsischen Akademie der Künste. Schneider-Wessling könne als Pionier auf mehreren Handlungsfeldern des umweltbewussten Bauens gelten. Als Beleg wurde der von ihm konzipierte und 1991 realisierte Neubau der Deutschen Bundesstiftung Umwelt in Osnabrück angeführt. Darüber hinaus habe er in seiner Rolle als engagierter Hochschullehrer Generationen junger Architekten in diesem Geist geschult.
Sempers Spuren in Dresden
Gottfried Semper (1803-1879) war einer der bedeutdensten Architekten Europas und ebnete den Weg aus dem Historismus des 19. Jahrhunders in die Moderne. Mit Entwürfen von Theatergebäuden und monumentalen Museen, als erfahrener Baumeister in allen Baugattungen und als umfassend gebildeter Theoretiker hat er die Architekturgeschichte entscheidend geprägt. Mit der Semperoper und der Sempergalerie am Zwinger hat er auch in Dresden Spuren hinterlassen, die zu seinen bedeutendsten Werken gehören.
Mit der sächsischen Geschichte verbunden
Auch die Dresdner Synagoge, die 1840 geweiht und in der Reichsprogromnacht 1938 niedergebrannt wurde, war nach seinen Entwürfen entstanden. Seit 2001 befindet sich auf deren Grundriss eine moderne Synagoge. Semper wirkte außerdem in Mainz, London, Wien, Zürich und anderen Städten. Sein Werk hat Generationen junger Architekten nachhaltig beeinflusst.
Dresdner Neueste Nachrichten 20./21. Oktober 2007
Revolutionäre erwünscht
Erster Gottfried-Semper-Architekturpreis für Erich Schneider-WesslingHeidrun Hannusch
Dass bei der Verleihung eines Architektur-Preises das Wort Revolution häufig fällt - zumal wenn damit nicht vorrangig eine ästhetische gemeint ist, ist schon ungewöhnlich. Und dann doch wieder nicht, wenn dieser Preis nach Gottfried Semper benannt ist. Es sagt einiges über den architektonischen Anspruch in Dresden, wenn hier sogar Barrikaden von einem Semper gebaut wurden. Und wenn ein Preis nach ihm benannt wird, kann die Devise nur lauten: Revolutionäre erwünscht!.
Ein Revolutionär, wenn auch in anderem Sinne als Semper, genannt werden kann auch der Gewinner des erstmals von der Sächsischen Akademie der Künste und der Sächsischen Landesstiftung Natur und Umwelt verliehenen Gottfried-Semper-Architekturpreises. Erich Schneider-Wessling gilt als Pionier des umweltbewussten Bauens. Er hat sich bereits vor Jahrzehnten zur Umweltproblematik zu Wort gemeldet, als dies noch nicht mehrheits-kompatibel schien und Ökologie-Verfechter gern als „grüne Spinner" abgetan wurden.
Der im Jahr 1931 geborene Schneider-Wessling studierte an der TU München und danach in Los Angeles bei Frank. L. Wright und Richard J. Neutra. Anschließend arbeitete er als Projektleiter in Caracas (Venezuela). Seit 1960 hat er ein Architekturbüro in Köln. Zu seinen bekanntesten Projekten gehört die neue Mitte für die Siedlung Kaarst bei Düsseldorf. „Hier entstand, landschaftlich eingebettet in einen Park mit See, gegliedert durch Plätze und Alleen, ein Ensemble aus Rathaus, Bürgerhaus und Markthalle mit Geschäftszentrum und Wohnanlagen, ein Ort der Begegnung und Identifikation, dominiert vom Turm des neuen Rathauses, der wie aus einem Kinderbaukasten' entstanden ‚ein eindeutiges Zeichen in der Stadt' setzt", sagte gestern Laudator Werner Durth. 1996 erhielt Schneider-Wessling den Europäischen Solarpreis für das Gebäude der deutschen Bundesstiftung Umwelt in Osnabrück.
„Die weltweite Diskussion um den Klimawandel gemahnt an den Ernst unserer Weltstunde. Wir wollen mit dem neuen Architekturpreis in Sachsen ein Zeichen für ein neues Umweltbewusstsein setzen, an dem auch die Künste, im konkreten Fall die Baukunst, tätig Anteil nimmt", erklärte der Präsident der Sächsischen Akademie der Künste, Ingo Zimmermann. Und Werner Durth fügte an: „Der Natur wieder zurückzugeben, was man ihr an Ort und Qualität genommen hat, ist eine der Maximen, die Erich Schneider-Wessling seit nunmehr fast einem halben Jahrhtmdert verfolgt und verbreitet hat. Von den einzelnen Bauwerken bis in den Maßstab der Stadtplanung sind seine Entwürfe stets auf die Gestaltung von Landschaft hin angelegt."
Der Preis ist dotiert mit 25 000 Euro, die vom Energieunternehmen Vattenfall Europe Mining&Generation gestiftet werden. Der Preisträger wandte sich gestern an die Firma und bat sie, „ein umfassendes Forschungsprogramm mit transparenter Arbeitsform aufzubauen, um die im Bauwesen produzierten Umweltschäden drastisch zu reduzieren". Und in bester Semperscher Revolutionärstradition hielt sich Erich Schneider-Wessling auch mit dezenter Kritik am Geldgeber nicht zurück. Mit der Minimierung der vom Bauwesen verursachten Umweltschäden, so sagte er, „könnte der eklatante Mangel von Atomkraftanlagen vielleicht wieder gutgemacht werden durch die Weiterentwicklung und den Ausbau von Angeboten der allerorts gegenwärtigen Sonne".
Sächsische Zeitung 20./21. Oktober 2007
Architektonisch die Welt verbessern
Erich Schneider-Wessling erhält den erstmals vergebenen Gottfried Semper ArchitekturpreisJudith Scholter
Angefangen hat alles mit pflanzenüberwucherten Terrassen und Dachgärten, einem Netzwerk von Grünräumen - einer Art zweiter Natur mitten in der Stadt. Der Architekt Erich Schneider-Wessling war sich immer bewusst, dass Bauen einen Eingriff in die Natur bedeutet und verfolgte darum die gestalterische Maxime, der Natur etwas von dem erbeuteten Raum zurückzugeben.
Die innerstädtischen Wohnlandschaften aus Grünflächen und Freiräumen sollten aber nicht nur der Natur ihren Platz in der städtischen Gesellschaft zurückgeben, auch der Mensch sollte in den stadtplanerischen Entwürfen Schneider-Wesslings eine Wahl haben: Die Wahl zwischen Rückzug und Teilhabe; zwischen öffentlichem Raum und dem ganz privaten Leben. Gestern ist Erich Schneider-Wessling auf Schloss Wackerbarth, mit dem erstmals vergebenen Gottfried Semper Architekturpreis 2007 ausgezeichnet worden. Der Preis ist mit 25 000 Euro dotiert und wird zukünftig alle zwei Jahre von der Sächsischen Akademie der Künste und von der Sächsischen Landesstiftung Natur und Umwelt vergeben.
Mündiges Bauen
Immer ist es der Mensch, um den sich Schneider-Wesslings ganzes bauliches Streben dreht. Als Bauen zum „Ausgang aus selbst verschuldeter Unmündigkeit" bezeichnete der Architekturhistoriker Werner Durth die Arbeiten des Preisträgers in seiner Laudatio. Denn Erich Schneider-Wessling wolle den Menschen in der Stadt aus der Isolation befreien und zugleich eine im Bauen angelegte unbedachte Ressourcenverschwendung vermeiden. Der Lobredner zählt ihn zur Gattung der „Weltverbesserer, ohne die unsere Erde längst unbewohnbar geworden wäre". Der Geehrte bekommt den Gottfried Semper Architekturpreis als Pionier umweltgerechten Bauens.
Die Überzeugungen des Baumeisters lassen sich mit den beiden Schlagworten „Urbanes Wohnen" und „Solararchitektur" auf den Punkt bringen - sie sind im Nikolai-Zentrum in Osnabrück 1984 mustergültige Wirklichkeit geworden. Da überbaute Schneider-Wessling eine Tiefgarage mit Läden und Büros, mit lichten Wintergärten und grünen Terrassen. Für dieses Projekt erhielt er den Deutschen Städtebaupreis. Den Europäischen Solarpreis bekam er dann 1991 für den Neubau der Deutschen Bundesstiftung Umwelt in Osnabrück, einen geschwungenen, fast filigranen Komplex, der sich in den alten Baumbestand integriert.
Erich Schneider-Wessling wurde 1931 in Oberbayern geboren. Im Baugeschäft seines Großvaters kam er mit Techniken in Kontakt, die ihn später prägen sollten: Er baute Baumhäuser, beschäftigte sich mit Vermessung und Gartenbau. Ab 1951 studierte er in München und ging 1956 mit einem Stipendium in die USA, wo Richard Neutra mit seinem Biorealismus sein wichtigster Lehrer wurde. In der Zusammenarbeit mit Neutra entstand das Konzept der „Solararchitekur".
1960 eröffnete Schneider-Wessling in Köln ein eigenes Büro. Er traf auf den Komponisten Karlheinz Stockhausen und baute ihm ein Studio zwischen Labor und Labyrinth mit dem passenden Namen „Labyr": eine Künstler-WG, die ihn über Nacht berühmt machte. Schon hier nutzte Schneider-Wessling die Sonneneinstrahlung zur Belüftung und Belichtung - er war seiner Zeit eben ein wenig voraus.
Wochenkurier Dresden 23.10.2007
Sachsen spielt in Öko-Bau-Liga mitErstmals haben die Sächsische Akademie der Künste gemeinsam mit der Landestiftung Natur und Umwelt und dem Unternehmen Vattenfall Europe Mining & Generation den mit 25.000 Euro dotierten Gottfried Semper Architekturpreis verliehen.
Karin Rodig
Dresden. Die Freude war groß, der Preisträger fühlte sich von den Ovationen nahezu überwältigt: Erich Schneider-Wessling aus Köln, Architekt, Baumeis-ter, Lehrer, Suchender wie Findender, Jahrgang 1931. Lang ist die Liste seiner Preise und Anerkennungen, nun gesellt sich der Gottfried Semper Preis hinzu.
„Die Findungskommission hat es sich nicht leicht gemacht, aus 50 Vorschlägen 18 in die engere Wahl zu ziehen und daraus den Preisträger zu küren. Schneider-Wesslings Lebenswerk sei exemplarisch dafür, dass Bauen nicht nur Nutzen bringt, sondern auch Eingriffe in die Natur erfordert, deren Folgen zu bedenken und zu verantworten sind", sagte Professor Werner Durth in seiner Laudatio. In seinem 1960 in Köln gegründeten Architektenbüro begann er seine Vorstellungen vom maximalen Raum in minimalen Hüllen umzusetzen, bereitete der Solararchitektur den Weg und setzte auf urbanes Wohnen als Form gemeinschaftlichen Zusammenlebens. Bauen sei die Vereinigung von künstlerischer und ökologischer Verantwortung, habe er einmal gesagt. Auf dem Gebiet der Stadterneuerung heißt sein Credo innerstädtische Verdichtung statt Expansion. In dieser Mission war er gutachterisch auch für Dresden tätig, erarbeitete Vorstellungen für die Gartenstadt Hellerau und beteiligte sich an einem Wettbewerb für ein Verwaltungsgebäude der Landeskirche Sachsen. In Gottfried Semper sieht er einen Architekten, dessen Zeit für den Durchbruch eines neuen Stiles noch nicht reif war. „Gemeinsam ist uns jedoch das Streben zur Förderung des Gemeinsinns."
Gemeinsinn ist auch die Motivation für das Energieunternehmen Vattenfall Europe, den Gottfried Semper Architekturpreis durch Stiftung des Preisgeldes zu unterstützen. „Der Braunkohlentagebau bedeutet Einschnitte in Siedlungs- und Naturraum, biete aber bei Rekultivierung die Chance, Kulturlandschaften hervorzu bringen, die den Bedürfnissen und Vorstellungen der Menschen entsprechen", so Vorstandsmitglied Dr. Hartmuth Zeiß. Der Semper Architekturpreis wird künftig aller zwei Jahren verliehen.
Universitäts-Journal der Technischen Universität Dresden Nr. 17, 30. Oktober 2007
Semper-Preis an Erich Schneider-Wessling
Gottfried-Semper-Architekturpreis an Erich Schneider-Wessling, einem Pionier umweltbewussten BauensUrsula Unger
Bekannt wurde Architekt Erich Schneider-Wessling erstmals durch Pläne zur Überbauung eines Parkplatzes im Kölner Severinsviertel mit einem Terrassenhügelhaus für fast 100 Familien gegen Ende der 60er Jahre. Auch wenn das Projekt nicht realisiert wurde, regte es die Diskussion um „neue Urbanität durch Dichte", an. Was dort noch Provokation bleiben musste, gelang wenig später auch praktisch, indem mit dem Nikolai-Centrum in Osnabrück durch Überbauung einer Tiefgarage mit einem urbanen Ensemble aus Läden, Büros und gemeinschaftsorientierten Wohnanlagen mit lichtdurchfluteten Wintergärten und vorgelagerten begrünten Terrassen ein Stück kompakte, lebensverbundene und anregende Stadt entstand. Für den 1931 geborenen Neutra-Schüler Schneider-Wessling war die vielgestaltige von Wohnen und Natur, innen und außen, zugleich von fließenden Übergängen zwischen privatem, halböffentlichem und öffentlichem Raum in städtischen Quartieren immer ein zentrales Anliegen.
In Caracas, Venezuela, wo er Richard Neutra ein Zweigbüro aufbaute, wurde er in Auseinandersetzung mit dein dortigen Klima zu Studien zur Nutzung der Sonnenenergie angeregt.
1960 nach Deutschland zurückgekehrt, blieb er offen für das Thema. So begann er etwa 1962 beim Entwurf einer kompakten Schullandschaft mit sich durchdringenden Räumen in einer Art gestapeltem Wabensystem, mit systematischen Schemenskizzen zu Sonneneinstrahlung, Belichtung und Lüftung. Auf diese Weise erarbeitete er sich frühzeitig die Prinzipien energieeffizienten Bauens. Zwei Jahre wirkte er unter anderem auch im Gründungsvorstand von EUROSOLAR mit.
Mit theoretischen Studien, öffentlichem Engagement und vor allem mit mehreren beispielhaften Gebäuden wie dem Anfang der 90er Jahre entstandenen Haus der Bundesstiftung Umwelt zählt Schneider-Wessling zu den Pionieren der Solararchitektur. Dieses Gebäude umschließt mit seiner ringförmigen Struktur in einem Park eine imposante 150 Jahre alte Buchengruppe und verwandelt so den Außenraum in einen Innenhof. Eine gläserne Doppelfassade ermöglicht Win-tergärten mit Pufferfunktion. Ein leichtes Rankgerüst garantiert durch seine Verschattung natürlichen Sonnenschutz. „Sonnenfänger" im Mittelpunkten der Ringe leiten das Licht tief ins Gebäude, so dass auf Kunstlicht tagsüber fast vollständig verzichtet werden kann.
Eine benutzerkontrollierte mechanische Lüftung erspart eine Klimaanlage. Solarkollektoren erzeugen Warmwasser, Photovoltaik dient der Stromerzeugung. Bis hin zum Einsatz von Isofloc-Dämmung aus Altpapier sowie voll Recyclingbeton, von Naturfarben und Naturmaterialien entstand ein innovatives, nachhaltiges Gebäude, das mit mehreren Architekturpreisen ausgezeichnet wurde.
Das Lebenswerk von Erich Schneider-Wessling überzeugte die mit der Auswahl des Preisträgers beauftragte Jury so klar, dass er aus 18 Kandidaten für die engere Wahl einstimmig nominiert wurde.
Initiatoren des mit 25 000 Euro dotier-ten Gottfried-Semper-Architekturpreises sind die Sächsische Akademie der Künste (SAK) und die Sächsische Landesstiftung Natur und Umwelt (LaNU). Der Preis wur-de erstmals ausgelobt und ist nach einer Reihe bemerkenswerter gemeinsamer Aus-stellungen beider benachbarter Institutio-nen im Blockhaus am Neustädter Markt ein Höhepunkt ihres Zusammenwirkens. Er wird künftig aller zwei Jahre vergeben und würdigt „herausragende Leistungen der Baukultur und der räumlichen Entwick-lung unter besonderer Berücksichtigung ökologischer Verträglichkeit".
Feierlich übergeben wurde der Preis erstmalig am 19. Oktober 2007 auf Schloss Wackerbarth. Der Laudator, Architekturhistoriker Prof. Werner Durth, Mitglied der SAK, sprach die Hoffnung aus, mit der Preisverleihung von Dresden aus eine neue Tradition zu be-gründen. Sie soll weltweit auf die Lebens-leistungen von Architekten in Deutschland aufmerksam machen, die Beispielhaftes zur nachhaltigen Gestaltung der Umwelt und zum verantwortlichen Umgang mit den begrenzten Naturressourcen leisten.
Als Maximen des diesjährigen Preisträgers bleiben in Erinnerung: beim Planen auf die Eigenheit des Ortes zu antworten, mit kreativer Nutzung von bauphysikalischen Gesetzen und maßvollem Einsatz von Technik energieeffizient zu bauen, für die Nutzer Umgebungsgrün und Landschaft vielgestaltig in das Gebäude einzubeziehen, sich intensiv mit den physischen und psychischen Bedürfnissen sowie den Verhaltensweisen der Menschen zu befassen, für die gebaut wird und architektonische Angebote für Gemeinschaft und Kommunikation zu schaffen.
Wer sich selbst ein Bild davon machen mag, wie diese Grundsätze in den gebauten Projekten mit Leben erfüllt sind, hat Anfang 2008, sich im Blockhaus am Neustädter Markt eine Fotodokumentation mit ausgewählten Werken von Schneider-Wessling anzusehen. Dazu wird ein Kolloquium vorbereitet, an dem der Architekt selbst teilnehmen wird.