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Sächsische Zeitung, 29.6.2005 (Ausgabe Hoyerswerda)

Wie in einem Brennspiegel

Neuerscheinung. Wer sich für Stadtentwicklung interessiert, kommt an dem Buch „Stadtumbau Ost – Superumbau Hoyerswerda nicht vorbei.

Uwe Schulz

Hoyerswerda. Es ist eines dieser typischen Low-Budget-Fachbücher unserer Zeit. Viele wollen es herausbringen, aber keiner hat das Geld dafür. Also arbeiten alle unentgeltlich, werden Texte und Fotografien honorarfrei zur Verfügung gestellt, klemmt sich irgendwann jemand mit unzähligen Stunden Freizeit dahinter, um alles zusammenzuzimmern. In diesem Fall waren es maßgeblich die mittlerweile in Dresden lebende Hoyerswerdaer Architektin Kirsten Böhme und Dr. Klaus Michael von der Sächsischen Akademie der Künste. Ausgehend von der Dokumentation von Workshops zum Stadtumbau seit 2001, ergänzt durch aktuelle Beiträge, macht die Klasse Baukunst der Akademie Vorschläge zum Stadtumbau von Hoyerswerda-Neustadt. Den Rückbau von außen nach innen findet man hier wieder und dass der Rückbau kulturalisiert werden soll. Die Forderung nach Zwischennutzungen der Abbruchflächen ist immer noch überaus interessant, findet sie doch bislang zu einem großen Teil in der Form statt, dass die entstehenden Wiesen später vielleicht einmal einer Wiederaufforstungsfläche weichen werden, wenn gar kein Haus mehr da steht. Projekte wie „Superumbau“ haben Seltenheitswert, wenngleich die Masse der Hoyerswerdaer für diese Formen der Kunst augenscheinlich eh nichts übrig hatte. Doch Kunst, egal in welchem Rahmen, trifft eh immer nur den Nerv einer bestimmten Gruppe.

Das Buch ist eine Momentaufnahme – entstanden zu einer Zeit, als die Einstein-Straße 1-5 gerade so noch stand, in der Stadtpromenade noch einige Leute wohnten und im WK IX gerade mal die Schwimmhalle abgebrochen war. Die Fotos in dem Buch sind bedeutend weiter. Sie zeigen schon Zustände von 2004. Insofern ist das Buch in den Stadtumbau-Prozess integriert. Worüber gestern noch geredet wurde, ist heute teilweise schon Geschichte. Anderes wird es nie geben. Und mancher Nachwende-Stadtplaner, der in dem Buch noch zu Wort kommt, ist schon nahezu vergessen. So ist das in solch großen Debatten von dieser Dimension.

Alles im Fluss

Klar geht es um das Wollen und Nichtwollen, die ewigen Anregungen zum Bilden von Gesprächs- und Entscheidungsforen, die Frage nach dem lieben Geld, das keiner hat. Das Buch „Stadtumbau Ost - Superumbau Hoyerswerda“ ist wie eine Momentaufnahme, ein Nachschlagewerk aus jener Zeit, als der Stadtumbau gerade so ins Laufen gekommen war. Für Leser in einer Zukunft, die all das genauso bewerten und mit dem jeweiligen Ist-Zustand vergleichen werden, wie heutzutage die alten Planungen von Hoyerswerda zu Rate gezogen werden. Alles im Fluss. Alles ein Prozess. Über manche Argumente wird man lächeln, andere für ihre Weitsicht bewundern. Immerhin trägt Hoyerswerda nach wie vor eine Vorreiterrrolle. Es gilt der letzte Absatz der Einleitung des Buches: „Vor allem hat die Auseinandersetzung mit der Hoyerswerdaer Neustadt gezeigt, dass der Prozess des Stadtumbaus nicht nur typisch für Hoyerswerda ist, sondern dass ihm fast alle Städte Ostdeutschlands und zahlreiche Städte der osteuropäischen Nachbarländer unterworfen sind. Die Auseinandersetzung hat auch gezeigt, dass Umbau, Rückbau und Abriss in wenigen Jahren die meisten Städte Westdeutschlands ereilen werden. In Hoyerswerda sind diese Entwicklungen wie in einem Brennspiegel vorweggenommen.“

Und das in Zeiten, wo die Finanzen überaus knapp sind, Hoyerswerda bereits auf Bedarfszuweisungen spekuliert. Schön, dass es dennoch gelingt, irgendwo ein paar hundert Euro zusammenzukratzen (aus dem Stadtsäckel konnte allerdings nichts beigesteuert werden), um ein solches Buch heraus zu bringen. Schön, dass es Menschen gibt, denen es wichtig ist, es zu produzieren.

„Stadtumbau Ost – Superumbau Hoyerswerda“. 120 Seiten, mit Abbildungen, Preis 7,50 Euro. ISBN 3-934367-07-0. I




Sächsische Zeitung 2.7.2005 (Ausgabe Hoyerswerda)

„Orange box“ soll über Stadtumbau informieren
Podiumsdiskussion. Bei der Präsentation des Buches „Stadtumbau Ost - Superumbau Hoyerswerda“ wurde die Entwicklung der Stadt debattiert.


Rainer Könen

Hoyerswerda. Es ist 120 Seiten stark, kostet 7,50 Euro, hat die ISBN-Nummer 3-934367-07-0 und ist in der Buch- und Musikhandlung der Altstadt, Friedrichsstr. 37, zu erwerben. Das von der Sächsischen Akademie der Künste und der Stadt Hoyerswerda gefertigte Buch wurde am Donnerstagabend im Rahmen einer Podiumsdiskussion vorgestellt.

Man sei ja „heute wieder unter uns“, meinte einer der anwesenden Architekten, die diese Veranstaltung besuchten, in deren Verlauf die freien Architekten Kirsten Böhme, Dorit Baumeister und Thomas Gröbe gemeinsam mit Hoyerswerdas Baubürgermeister Stefan Skora und Klaus Michael, dem Präsidialsekretär der Sächsischen Akademie der Künste, über das diskutierten, was sich derzeit in vielen „ostdeutschen Städten abspielt und Hoyerswerda eine Avantgardeposition besetzt“, wie das Klaus Michael fand. Der Schrumpfungsprozess, den die Stadt Hoyerswerda durchmache, den könne man in etwa mit den „Zeiten des Dreißigjährigen Krieges vergleichen“.

Immer mehr Menschen kehrten der Stadt den Rücken, viele Blöcke werden abgerissen, die Stadt werde immer kleiner, so Michael. In so einer Situation kippe dann auch das Leitbild der Architekten. „Die können dann nicht mehr bauen, sondern müssen Pläne entwickeln, wie man die Gebäude abreißt“, so Michael weiter. Bei diesem Prozess, wie er in Hoyerswerda in Gang gesetzt worden sei, müsse man die Bürger stärker involvieren, fand Thomas Gröbe. Aus diesen Gründen werde man eine „orange box“, ein Bürgerinformationszentrum, schaffen, wo man sich künftig auch über den aktuellen Stadtumbau-Stand informieren könne, meinte Hoyerswerdas Baubürgermeister Stefan Skora. Initiatoren dieses Projektes werden die Stadtverwaltung und die „Stadtwerkstatt 15+9“ sein. „Wir wollen, dass die Stadt weiterhin eine Qualität hat, die sie attraktiv für die hier Lebenden macht“, meinte Dorit Baumeister. Die Einrichtung einer solchen orange box solle da mithelfen.

Ein Platz für das Informationszentrum ist schon gefunden: an der Bonhoeffer-Straße, an der Sandfläche zur Buswendeschleife. Man wolle diese orange box mit einem bipolaren Charakter versehen. An der Nahtstelle zwischen Alt- und Neustadt solle die Box in traditioneller Ziegelbauweise errichtet werden, so Thomas Gröbe. Das Material sollen, so die Vorstellung der Initiatoren, die Bürger der Stadt zusammentragen. „Wir wollen da eine Ziegelbörse einrichten“, so Gröbe weiter. Start für diese Börse ist am 11. Juli. Von diesem Tag an könne man dann das Material am geplanten Standort abgeben, so Gröbe weiter. Überhaupt sollen mit der Installierung dieser orange box die Bürger enger mit dem Stadtumbau verwoben werden, erklärte Skora.

Allerdings: Im Laufe der Podiumsdiskussion mehrten sich die Stimmen, die meinten, dass „es schwer sei, viele der betroffenen Bürger für diese Sache zu gewinnen“.
Aus Sicht von Klaus Michael könne man das Interesse der Betroffenen nur dadurch wecken, dass „der Umbauprozess professionell moderiert wird“. Man müsse öffentliche Hearings veranstalten, um den Bürgern der Stadt die Möglichkeit zu bieten, sich zum Umbau zu artikulieren, so Michael weiter.




Lausitzer Rundschau 2.7.2005

Bürgerbeteiligung angemahnt
Diskussion zum Stadtumbau wieder beleben


Catrin Würz

Nach dem Kunstprojekt „Superumbau" und mehreren Fernsehdoku- mentationen rief diesmal ein kleines Büchlein zur öffentlichen Diskussion über den Stadtumbau-Prozess in Hoyerswerda. Donnerstagabend wurde die jüngste Veröffentlichung der Sächsischen Akademie der Künste in der Buch- und Musikhandlung Sygusch vorgestellt. Die 120 Seiten starke Broschüre mit dem Titel „Stadtumbau Ost - Superumbau Hoyerswerda" erhebt dabei keinen geringeren Anspruch, als eine jahrelang geführte Fach-Debatte der Architekten, Stadtplaner, Philosophen, Wohnungsunternehmen und Kommunen in einem bemerkenswerten Umfang zusammenzufassen.

Eine anspruchsvolle Lektüre also. Um am vergangenen Donnerstag aber den Einstieg in eine öffentliche Diskussion anzuregen, stellte die Hoyerswerdaer Architektin Kirsten Böhme zunächst nur einige wesentliche Thesen der im Buch geballten Ladung Kompetenz in einer Diashow an den Anfang. Und Klaus Michael, Präsidialsekretär der Sächsischen Akademie der Künste, machte klar, warum sich die Klasse Baukunst der Akademie seit Ende der 90er Jahre wiederholt vor allem mit Hoyerswerda beschäftigt hat. „Die Stadt ist von einem Prozess betroffen, der sich momentan in ganz Deutschland abspielt: das Schrumpfen der Städte aufgrund rückläufiger Bevölkerungsentwicklung. Aber in Hoyerswerda läuft dieser Prozess in einer Klarheit und in einem Tempo ab, sodass er wie in einem Brennspiegel fokussiert ist", sagte er.

Eine schockierende Zahl nannte Kirsten Böhme: Realistische Einschätzungen nennen für Hoyerswerda eine Einwohnerzahl von nur noch 24 000 Einwohnern in der Kernstadt (ohne Ortsteile) im Jahr 2020. Gerechnet wird mit 15 000 Einwohnern in der Neustadt und 9 000 Einwohnern in der Altstadt. Mit diesen Zahlen seien die heutigen Wohnkomplexe 1 bis 5 als relativ stabil einzuschätzen. Für die Wohnkomplexe 8 bis 10 steht fest, dass sie auf längere Sicht nicht mehr existieren werden. Diese Prognose betreffe allerdings Zeiträume etwa von 2015 bis 2020.

Für viele Bürger sind diese Vorstellungen grausam. „Viele Menschen sagen: Wir haben kein Bild von der Zukunft unserer Stadt", warf die Architektin Dorit Baumeister ein. Dort solle die „Orange Box" ansetzen, die als ein Bürgerzentrum für den Stadtumbau entstehen soll (siehe auch Seite 11). Peter Biernath bemerkte, dass mit dem konsequenten Abriss für viele Menschen der Eindruck entsteht, es werden Werte und zugleich Geschichte eingestampft, vernichtet. „Es müsste mehr Möglichkeiten geben, die Umgestaltung sichtbar zu machen - und die Menschen müssten größere Mitwirkungsmöglichkeiten haben", forderte er. In diese Wunde stach auch Grit Obst vom Verein „Stadtumbau und Bürgerbeteiligung - SuBVersionen". „Die Bürger werden nicht wirklich in dem Prozess mitgenommen, haben keine wirklichen Mitbestimmungsrechte. Wen wundert´s, dass die Menschen heute sagen: Mir ist alles egal, es ist doch eh schon alles entschieden."

Das dürfe nicht passieren, sagte Klaus Michael. Dass die Stadt einen Moderator für den Prozess der Umgestaltung brauche, könnte eine Lösung sein, schlug er vor. Und Michael Köllner brachte die Idee von den Quartiermanagern ein: „Die Menschen brauchen Ansprechpartner, die für sie erreichbar sind. Kontaktpersonen, mit denen sich konkrete Veränderungen machen lassen, Dinge bewegen lassen."

Die Podiumsdiskussion, zu der auch Baubürgermeister Stefan Skora Rede und Antwort stand, war ein erster Schritt, die Bürgerdiskussion in Hoyerswerda etwas zu beleben. Die neue „Orange Box" soll diesen Prozess fortsetzen.



Lausitzer Rundschau, 9.7.2005

Fünf vor 12 in Sachen Stadtumbau

Als Reaktion auf die Vorstellung des Buches „Stadtumbau Ost ...“ am 30. Juni schreiben Grit Obst, Peter Biernath, Uwe Mildner und Manfred Rudolph:

„Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt!“ Die Vorstellung des neuen Buches „Stadtumbau Ost - Superumbau Hoyerswerda“ am Donnerstag, 30. Juni, war eine Sternstunde der Wahrheit. Dank an alle, die dieses Buch ermöglicht, daran mitgewirkt und es uns vorgestellt haben. Warum eine Sternstunde?

Wir waren tief erschüttert zu hören, was bereits vor fünf Jahren, allerdings hinter verschlossenen Türen (im Buch Seite 94) diskutiert, empfohlen und gewarnt wurde, und wie diese wichtigen Erkenntnisse der Öffentlichkeit, den Bürgern und damit den direkt Betroffenen mit großer Energie vorenthalten wurde.

Schon vor fünf Jahren wurde davor gewarnt, den Stadtumbau dem Selbstlauf zu überlassen. Das Ergebnis heute: Es gibt kein aktuelles, schlüssiges und zukunftsorientiertes, städtebauliches Entwicklungskonzept für Hoyerswerda-Neustadt.

Stattdessen Wunschvorstellungen, Utopien, ein „sich sonnen“ in der Vorreiterrolle der „Avantgardeposition“ beim Stadtumbau und im Lob der höheren Dienststellen in Dresden und Berlin „... wir reißen schon ab, wo andere noch nachdenken ...“

Selbst wenn es zeitweilige Zwänge und falsch angewendete Förderungsregularien für Abrisse zu geben scheint, sind die Ergebnisse in unserer Stadt weit davon entfernt, ein Zentrum mit regionaler Attraktivität zu schaffen.

Aus dem Vortrag und der folgenden Diskussion ist klar geworden, dass es so nicht weitergeht. Wir stehen vor dem Scherbenhaufen des Stadtumbaus in Hoyerswerda und damit vor einem Wendepunkt. Der Stadtumbau, wie er von den Verantwortlichen der Stadt bisher verstanden wurde, wird in nächster Zeit nur aus weiterem Abriss bestehen. So ist es zumindest bei der Veranstaltung am Donnerstag klar geworden.

Es ist unstrittig, dass Hoyerswerda-Neustadt einen gewaltigen Rückbaubedarf hat. Im Schrumpfungsprozess, der sich zur Zeit in vielen ostdeutschen Städten abspielt, nimmt Hoyerswerda eine Vorreiterrolle ein. Gerade deshalb sind hier klare Konzepte gefragt, ist der Rückzug in den Kernbereich der Neustadt und dessen Aufwertung notwendig.

„Die Kassen sind leer“, also gibt es nur noch Abriss - das ist eine zu kurz gedachte Schlussfolgerung der handelnden Akteure. Die Stadt hat bereits wesentliche Teile ihres Image bildenden Baubestandes verloren, jeder kann sich davon im Stadtzentrum überzeugen. Die guten Ideen zur Aufwertung des Stadtzentrums zur „Neuen Mitte“ sind allesamt undurchführbar, weil nicht bezahlbar. So die Antwort der Stadtverwaltung.
Zur Bewahrung der Identität der Stadt gehört auch der Umbau und die Aufwertung des Bestandes. Will man den Niedergang von Hoyerswerda-Neustadt verhindern, ist ein sofortiger Abrissstopp im Kernbereich, besonders im Stadtzentrum notwendig.

Schon jetzt ist der Schaden, den unsere wunderbare Stadt genommen hat, nur noch schwer reparabel - die Abrissbagger laufen weiter und warten auf ihre nächsten Opfer. (...)
Was jetzt Not tut, ist ein Schrei aus Hoyerswerda, der die Öffentlichkeit und die oberen Dienststellen in Dresden und Berlin bis zum Bauminister aufrüttelt und zu Sofortmaßnahmen zur Rettung unserer Stadt veranlasst. Die Verantwortlichen unserer Stadt und der Großvermieter müssen den Ernst der Lage erkennen und sich zu einem gemeinsamen Schrei zusammentun. Die Vereine der Stadt und viele Bürger helfen sicher mit!

Es ist fünf vor 12! Im nächsten Jahr brauchen wir über den Flächennutzungsplan, den Rückbau von außen nach innen und die Aufwertung der Mitte nicht mehr reden. Denn dann gibt es nach den derzeitigen Planungen der Verwaltung und der Großvermieter diese Mitte nicht mehr, nur noch vier ganz unmotiviert in der Gegend herumstehende Hochhäuser - von Brachflächen umgeben. Ein Sammelsurium von Rudimenten. So weit darf es nicht kommen, eine sofortige Umkehr ist notwendig.

Ihr Verantwortlichen, schaut auf diese Stadt und erkennt, dass Ihr sie nicht aufgeben könnt und aufgeben dürft. Wir fordern den sofortigen Abrissstopp im Stadtzentrum und einen runden Tisch zur Stadtentwicklung.