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Im Blick auf Sachsens Kulturmission


Ingo Zimmermann zum 70. Geburtstag

Friedrich Dieckmann

„Europa eine Seele geben" lautete vor einigen Jahren die Losung eines internationalen Kongresses, der sich, von Kurt Biedenkopf bis George Soros, Gedanken über die geistige Befindlichkeit eines krisenträchtig vereinten Kontinents machte. Auf einen so plakativen Imperativ wäre Ingo Zimmermann in den sechs fruchtbaren Jahren, da er der Sächsischen Akademie der Künste als ihr Präsident Themen und Problemfelder an die Hand gab, nicht gekommen. Aber die Frage, wie man in Europa den Nöten der Gegenwart und den Stürmen der Zukunft das Gewicht einer über Jahrhunderte gewachsenen kulturellen Verflechtung entgegensetzen könne, bewegt ihn seit langem; sie wurde dringlich, seit der Aufbruch des Herbstes 1989 durch den unerwarteten „Sieg der Gewaltlosigkeit ... die europäische Geschichtserwartung" umkehrte, wie er in einem unlängst gedruckten Essay schrieb. Die unerhörte Begebenheit hat den Blick dieses Autors auf Sachsen, auf Dresden unter weltgeschichtliche Auspizien gestellt.

Ingo Zimmermann, der 1958 die Dresdner Kreuzschule absolvierte und danach in Leipzig Theologie studierte, nicht um Pfarrer zu werden, sondern um eine von ideologischen Zwängen freie Basis für eine literarische Laufbahn zu gewinnen, wurde 1963 in dem mauerdurchschnittenen Berlin Lektor am Union Verlag, an der Seite Johannes Bobrowskis, auf dessen Roman „Levins Mühle" er 1972 ein Opernlibretto gründete. Von Udo Zimmermann, seinem jüngeren Bruder, vertont, wurde das Werk von Dresden aus ein über das eigene Land hinausreichender Erfolg. Vorangegangen war, ebenfalls von Udo Zimmermann vertont, „Die weiße Rose", Oper in acht Bildern über den Widerstand Münchner Studenten gegen einen verbrecherischen Krieg; drei weitere Operntexte, wechselnden Schicksalen unterliegend, kamen hinzu. Mit und neben ihnen wuchs ein literarisch-biographisches ¼uvre auf, in dessen Zentrum historische Gestalten standen, die um die Behauptung christlich fundierter Positionen in einer selbstsüchtig-machtbesessenen Gesellschaft gerungen hatten. Eine Erzählung über Luther als „Junker Jörg", mehrere Bücher (und zuvor eine Dissertation) über Reinhold Schneider, den katholisch-konservativ geprägten Antifaschisten, Studien über Jochen Klepper und Rudolf Mauersberger, den eminenten Kreuzkantor, waren wichtige Arbeitsstationen in den siebziger Jahren, zu einer Zeit, als Ingo Zimmermann als freischaffender Autor in die Heimatstadt zurückgekehrt war, der Tageszeitung „Die Union", die ihn beinahe einmal als Redakteur eingestellt hätte, als literaturkritischer Mitarbeiter verbunden.

Der geistige Spielraum, den die Christlich-Demokratische Union in der DDR auf dem kulturellen Feld nicht nur in ihrem Verlag, sondern auch in ihren Zeitungen bot, wird heute oft unterschätzt. Ingo Zimmermann fand hier einen Rückhalt, bis hin zu einem Buch, mit dem er das Wiedererstehen des sächsischen Freistaats gleichsam vorwegnahm; es galt dem vielhunderjährigen Wirken der wettinischen Markgrafen, Kurfürsten und Könige und erschien zu einer Zeit, da den Autor der politische Umbruch gerade mit Macht in die Politik geworfen hatte. Als Landtagsabgeordneter nahm er Einfluß auf eine Kulturgesetzgebung, die mit der etatpolitischen Verankerung regionaler Kulturräume ein Vorbild für ganz Deutschland gab; die Gründung eines politisch beratenden Kultursenats und einer Akademie der Künste setzte weitere Zeichen kultureller Landesverantwortung. Ingo Zimmermann wurde Gründungsmitglied beider Institutionen; nach der ersten Legislaturperiode des Landtags übernahm er an der Dresdner Musikhochschule eine Professur, die es ihm ermöglichte, sein immenses kulturgeschichtliches Wissen jungen Musikern als einen Fundus geistiger Orientierung an die Hand zu geben. Acht Jahre lang war er Präsident des Sächsischen Musikrats, danach folgte die Präsidentschaft der Sächsischen Akademie der Künste, auch dies ein honorarloses Ehrenamt, dem er Zeit und Kräfte opferte, die er eigentlich der Wiederaufnahme seiner literarischen Arbeit hatte widmen wollen.

Daß die Arbeit in leitenden Ehrenämtern, wenn man sie ernst nimmt, einer gesundheitsgefährdenden Selbstausbeutung gleichkommt, sollte im Blick auf Ingo Zimmermanns kulturpolitisches Engagement nicht übersehen werden. Sein Wirken ist exemplarisch dafür, wieviel Gewicht eine Institution gewinnen kann, wenn sich an ihrer Spitze das Wissen um die Kraftquellen der Überlieferung mit wachem Zukunftsbewußtsein paart. Der Ernst der Haltung, die Deutlichkeit der Rede, die Bonhomie der Persönlichkeit haben sich allen eingeprägt, die ihn in seinen Ämtern und darüber hinaus erleben konnten. Der Dresdner Brückenstreit traf ihn als Vorsitzenden des Dresdner Welterbe-Kuratoriums; sein Schmerz über das starre Schweigen der Regierungsverantwortlichen in einer die Bürgerschaft zerreißenden Krise nährte sich aus der Sorge um den Verlust dessen, was er als die europäische Mission der Stadt erkannt hatte, aus der Furcht vor dem Rückfall in machtbewehrte Provinzialität. „Ohne Ideen und Leitbilder, die vom Glauben an den geschichtlichen Auftrag für Europa erfüllt sind, wird der Bau des neuen Europa nicht gelingen", lautet ein Kernsatz des schon erwähnten Essays; würde dieser Auftrag verfehlt, drohe „Europa zum seelenlosen Konstrukt zu verkommen, zum bürokratischen oder technokratischen Monster".

In der Prägnanz seiner Äußerungen, der markanten Selbstlosigkeit, mit der er in seinen Schriften wie in seinen Ämtern auf Maßstäben des Handelns, auf Zivilität des Miteinander-Umgehens, auf Kultur als dem Grundnahrungsmittel einer überlebensfähigen Gesellschaft bestand, war Ingo Zimmermann niemals ein bequemer und stets ein inspirierender Zeitgenosse. Aus Weimar, der andern mitteldeutschen Kulturhauptstadt, der er sich von langer Hand verbunden fühlt, blickt er an seinem 70. Geburtstag auf die Heimatstadt. Sie hat an ihm eine geistig prägende Gestalt ihrer jüngeren Geschichte.

Der Text erschien am 17. Dezember 2010 in den „Dresdner Neuesten Nachrichten"