Archiv-Schaufenster
Tanzarchive und Digitale Transformation
Bericht zur Podiumsdiskussion am 18.11.2023 in der Universitätsbibliothek Leipzig
Wie alle Archive stehen auch die Tanzarchive in Deutschland vor der Aufgabe, ihre Bestände und Sammlungen zu sichern, für die Nutzung bereitzustellen und die Bedeutung dieser Bestände in der Öffentlichkeit bekannt zu machen.
Die Dokumentation und Vermittlung des immateriellen Kulturgutes Tanz ist allerdings eine besondere Herausforderung, die im Zeitalter des Digitalen vielfältige Möglichkeiten, aber auch zusätzliche technische und rechtliche Aufgaben mit sich bringt. Der 2007 entstandene Verbund Deutscher Tanzarchive (VDT) präsentierte den Diskussionsstand zu diesem Thema bei einem Podiumsgespräch am 18. November 2023 in der Universitätsbibliothek Leipzig (UBL). Wie bereits bei einer ersten öffentlichen Veranstaltung im Februar 2023 hatten UBL, Sächsische Akademie der Künste und Tanzarchiv Leipzig e. V. Fachleute, Tanzpraktiker und Interessierte eingeladen, um über die Sicherung und Zugänglichmachung von Archivobjekten zu sprechen.
In einem ersten Teil stellten sich die beteiligten Tanzarchive vor: das Archiv für Darstellende Kunst der Akademie der Künste Berlin, das Deutsche Tanzarchiv Köln, die Mediathek für Tanz und Theater am ITI Berlin, das Deutsche Tanzfilminstitut Bremen, das Tanzarchiv Leipzig und das Archiv der Palucca Hochschule für Tanz Dresden – Institutionen mit jeweils verschiedener Trägerschaft, Finanzierung, Ausstattung, Aufgabe und Geschichte. Jedoch haben alle auch mit ähnlichen Problemen zu kämpfen: Wie lässt sich Tanz überhaupt dokumentieren? Wie sind analoge und digitale Medien langfristig zu bewahren und benutzbar zu erhalten? Wie kann der finanzielle, technische und zeitliche Aufwand für die Langzeitarchivierung bewältigt werden? Wie lassen sich Daten und Metadaten so verwalten und strukturieren, dass Nutzende mit ganz unterschiedlichen Interessen bei ihren Recherchen möglichst gut unterstützt werden? Was bedeutet Digitalisierung in diesem Zusammenhang genau, und was nicht?
Stephan Dörschel vom Archiv der Akademie der Künste Berlin erläuterte die vielfältigen Formen der Tanzüberlieferung: Nachlässe, Inszenierungs- und Probendokumentationen, Kostüm- und Bühnenbildentwürfe, Aufführungsfotos und ‑filme bis hin zu Tänzer-Figuren im Gerhard-Bohner-Archiv. Das Akademiearchiv ist seit 2015 mit der Archivdatenbank easydb online recherchierbar. Digitalisierung von Archivalien findet vor allem auf Anfrage nach einer Klärung der Nutzungsrechte an gewünschten Bildern und Filmen statt. Aber auch zur Schonung von Originalen bzw. zur Vorsichtung werden Nutzungskopien angefertigt.
Thomas Thorausch und Miriam Mende stellten die Vorteile des engen Zusammenwirkens von Tanzarchiv und -museum in Köln heraus. Der bisherige Online-Katalog soll demnächst von einem neuen abgelöst werden, in dem Digitalisate in die Datensätze eingebunden sind. Mit der Anbindung an überregionale Wissensportale wie „Archive in NRW“ ist das Tanzarchiv Köln gut auffind- und recherchierbar. In Zukunft soll die Zusammenarbeit mit dem Digitalen Archiv NRW die elektronische Langzeitarchivierung ermöglichen. Besondere Projekte wie die ab 2024 beginnende Digitalisierung und Präsentation historischer Tanzlehrbücher dienen der wissenschaftlichen Forschung zur Tanzgeschichte.
Heide-Marie Härtel vermittelte mit Filmsequenzen einen Eindruck der Sammlungen, Produktion und Nutzung des Deutschen Tanzfilminstituts Bremen (TaFI). Einerseits produzierendes Filminstitut, das auch regelmäßige Tanz-Sendungen fürs deutsche Fernsehen herstellte, sammelt das TaFI andererseits auch Fremdmaterial bedeutender Künstler und Künstlerinnen der deutschen Tanzszene. Der reiche Tanzfilmschatz mit 40.000 Videos stellt hohe technische und rechtliche Ansprüche an eine Bereitstellung für die Nutzung. Ein für die Bibliothek in Singapur geschaffenes Portal „Dance on Demand“ kann aufgrund ungeklärter Rechtsfragen nicht in Deutschland benutzt werden.
Die Mediathek für Tanz und Theater am Internationalen Theaterinstitut - Zentrum Deutschland e.V. in Berlin (ITI) ist in Kooperation mit Hochschulen, künstlerischen und technologischen Partnern den aktuellen Tanztrends und-events auf der Spur, indem Workshops veranstaltet, virtuelle Projekte dokumentiert und Künstler bei der Selbstarchivierung begleitet werden. Die Leiterin der Mediathek Christine Henniger berichtete, wie man z. B. mit der Dokumentation des Internationalen Theaterfestivals „Theater der Welt“, das seit 1981 in der Bundesrepublik veranstaltet worden ist, einen wichtigen Beitrag zur Theaterforschung leistet. Seit 2018 sammelt das ITI Objekte und Geschichten rund um das Festival in seinem Archiv Theater der Welt. Während der Festivals laden ein Mitmach-Archiv „Wand zum Denken“ und eine „Archivmeldestelle“ ein, sich an der Dokumentation zu beteiligen.
Patrick Primavesi gab als Vorstand des Tanzarchivs Leipzig e. V. einen kurzen Überblick zur Geschichte, den Beständen und Digitalisierungsmaßnahmen des Tanzarchivs, einer heute in der Universitätsbibliothek Leipzig betreuten Sammlung, die durch den Tanzforscher Kurt Petermann im Jahr 1957 etabliert wurde. Die vielfältigen Bestände, unter anderem zu Rudolf von Laban, einem der Begründer des modernen Tanzes, sind inzwischen im Handschriftenportal Kalliope erfasst und recherchierbar. Der Verein sieht seine Aufgabe derzeit vor allem in der Vermittlung und Erforschung des Tanzerbes in Ostdeutschland sowie in der Vernetzung mit ähnlichen Einrichtungen. So ist man Partner des Konsortiums in der Nationalen Forschungsdateninfrastruktur, das sich mit Sammlungs- und Forschungsdaten zu Kulturgütern (NFDI4Culture) beschäftigt, um deren Nutzungsmöglichkeiten zu verbessern.
Bianca Gleiniger stellte das von ihr geleitete Hochschularchiv der Palucca Hochschule für Tanz Dresden vor. Im Jahr 2000 gegründet, hat das Archiv vor allem hochschulinternen Anforderungen der Verwaltung und Lehre zu genügen, weshalb gegenwärtig auch die Einführung eines Dokumentenmanagement-Systems vorbereitet wird. Doch die Forschungsanfragen zu den 350 laufenden Metern Archivgut (z. B. Nachlässe, Fotos, Videos, Presseartikel, Plakate, aber auch Informationen zu ehemaligen Studierenden) nehmen zu. Ebenso sind große Herausforderungen der Bestandserhaltung zu bewältigen.
Alle sechs Archive streben gemeinsam nach größerer Sichtbarkeit. Mit dem Ziel, die Chancen eines Kompetenznetzwerkes zur Sichtbarmachung des Kulturguts Tanz im Digitalen zu sondieren, wurde eine Bedarfs- und Potenzialanalyse des Verbundes Deutscher Tanzarchive erstellt. Michael Freundt, Geschäftsführer des Dachverbandes Tanz Deutschland, beschrieb gemeinsam mit Caroline Helm und Clara Dolinschek die Methoden und ersten Befunde der Studie „Tanz – Gedächtnis – Digitalität“. Abschließende Ergebnisse liegen noch nicht vor. Jedoch ist schon jetzt erkennbar, dass die Tanzarchive angesichts neuer Herausforderungen gerade im Bereich des Digitalen zusätzliche Finanzierungspartner und Fördermöglichkeiten suchen müssen. Hoffnung setzt man in die Kulturstiftung der Länder, die bereits die Studie förderte und Initiativen zur gemeinsamen Sichtbarkeit der Tanzarchive unterstützt. Als Modell dafür könnte das Digitale Deutsche Frauenarchiv dienen, ein öffentlich finanzierter Verbund aus 30 Institutionen in verschiedenen Bundesländern, mit jeweils spezifischen Strukturen.
Als einen gemeinsamen Ansatz zur zeitgemäßen Vermittlung der vielfältigen Bestände stellte Michael Freundt auch das Konzept und einige Funktionen des Web-Portals tanz:digital vor. Mit Bundesmitteln sind in der Zeit der Corona-Pandemie ca. 80 Tanzproduktionen realisiert und durch Making-of-Filme dokumentiert worden, die sich mit den Möglichkeiten des Digitalen in der künstlerischen Praxis auseinandergesetzt haben. Das Portal will diese neuen Entwicklungen ab Januar 2024 einem breiten Tanzpublikum durch die redaktionelle Verknüpfung mit besonderen Schwerpunkten und Themen online vermitteln. Perspektivisch können Tanzschaffende ihre Produktionen auch selbst im Portal veröffentlichen, ebenso Forschende und Journalisten ihre tanzbezogenen Texte, wobei die Produktionen, beteiligten Personen, Orte und Institutionen mit standardisierten Daten erfasst werden sollen. An diesem Projekt sind auch die Archive zunächst mit einigen ausgewählten Beständen beteiligt, deren historisches Foto- und Filmmaterial, etwa zum deutschen Ausdruckstanz oder zum modernen Tanztheater, verknüpft mit zeitgenössischer Tanzpraxis auf tanz:digital betrachtet werden kann.
Die Moderatorin des Gesprächs Melanie Gruß, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Theaterwissenschaft der Universität Leipzig, eröffnete die Abschluss-Diskussion mit der Frage nach einer „Komplizenschaft zwischen Kunst – Archiv – Wissenschaft“: Die Tanzarchive setzen große Hoffnungen in tanz:digital und ähnliche gemeinsame Präsentationen ihrer Sammlungen. Patrick Primavesi hob die Bedeutung des gesellschaftlichen und historischen Kontextes der Darstellenden Künste hervor, der in solchen digitalen Formaten besonders gut veranschaulicht werden kann, etwa in Verbindung mit den Aussagen von Zeitzeugen.
Christine Henniger beobachtete im Bereich des Digitalen bisher vor allem Investitionen in kommerzielle Technologie-Produkte, die noch keine einfache Lösung für die Übertragbarkeit digitaler Objekte in die Zukunft bieten. Heide-Marie Härtel vermisste in Digitalprojekten, die z. B. nur mit VR-Brille zu erleben sind, die choreografische Kunst und die Möglichkeit, Publikumsreaktionen erfahrbar zu machen. Einen faszinierenden Austausch hat sie allerdings mit Kolleginnen im Ausland per Online-Konferenzen erlebt, bei denen viele Anregungen und neue Fragen aufkamen. Bianca Gleiniger beobachtete bei studentischen Nutzern im Hochschularchiv den Wunsch nach Inspiration für neue Werke und sah in gemeinsamen Web-Portalen eine große Chance für zeitsparende Recherchemöglichkeiten.
Stephan Dörschel fragte, wer denn den Kanon des neuen Portals bilde. Er befürchtete, dass die Vielfalt des Tanztheaters damit noch nicht adäquat abgebildet werde. Andererseits scheine Bewegung im Film ein neues Kunstgenre zu bilden. Thomas Thorausch sah großes Potential in der VR-Technologie, mit der besonders junge Besucher des Tanzmuseums ansprechbar und einzubeziehen seien. Patrick Primavesi schlug im Hinblick auf die Ermöglichung eigener Erfahrungen neue Wissensräume für Tanz in Tanzarchiven, -mediatheken und -bibliotheken vor, damit Nutzende kreativ auf Tanznotationen oder -dokumentationen reagieren können.
Digitalisierung ist jedenfalls keine einfache Lösung aller Archivprobleme, sondern ein komplexes Tätigkeitsfeld mit vielen neuen Herausforderungen. Dazu gab es in dieser Veranstaltung eine ganze Reihe interessanter Einblicke und Ideen, wie Tanzarchive noch besser sicht- und erfahrbar werden könnten. Viele Probleme konnten jedoch nur angerissen werden und bedürfen einer fortgesetzten Verständigung untereinander: Wie wird Tanz der Gegenwart und Zukunft überliefert (Kanon, Bewertungskriterien, Zuständigkeit)? Welche Funktion hat Digitalisierung dabei (Entwicklung von Vokabular, Standards und Abläufen)? Gelingt es, mit den Rechte-Inhabern, vor allem den Verwertungsgesellschaften, ein vereinfachtes Rechtemanagement zu vereinbaren? Ebenso muss die gesellschaftliche Debatte weitergeführt werden, welchen Stellenwert Tanzarchive in unserem Kulturerbe haben sollen und welche öffentliche Unterstützung sie für ihre zusätzlichen Aufgaben erwarten dürfen. Ohne ein dauerhaftes Engagement des Bundes und der Länder ist die digitale Transformation der Tanzarchive und ihrer einzigartigen Bestände gefährdet.

