Uwe Grüning
* 1942 in Pabianice bei Łódź · † 2024 in Zwickau · Kindheit in Callenberg bei Hohenstein-Ernstthal, ab 1951 in Waldenburg bei Glauchau · 1960–1966 Studium der Fertigungstechnik an der Technischen Hochschule Ilmenau, ab 1966 Wissenschaftlicher Assistent und Oberassistent, 1970 Promotion · seit 1966 Veröffentlichungen von Gedichten, Essays und Erzählungen in Anthologien und Zeitschriften · 1975–1982 Fachschullehrer für Technologie in Jena · seit 1982 freier Schriftsteller · 1990 Vorsitzender des Arbeitskreises Forschung, Technologie, Kultur und Bildung in der CDU-Fraktion der frei gewählten Volkskammer der DDR · 1990–2004 Mitglied des Kreistages im Landkreis Reichenbach und Abgeordneter des Landtages im Freistaat Sachsen · 1992–1994 kultur- und medienpolitscher Sprecher und 1994–2003 wissenschaftspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion · 1991 Vorsitzender des Rundfunkbeirates der fünf neuen Bundesländer · 1996 Gründungsmitglied der Sächsischen Akademie der Künste · 2004–2016 Mitglied des Medienrates der Sächsischen Landesmedienanstalt, bis 2010 Vizepräsident und 2010–2012 Präsident · lebte in Neumark/Vogtland
Preise
1997 Andreas-Gryphius-Preis (Förderpreis) der Künstlergilde Esslingen · 2005 Eichendorff-Literaturpreis des Wangener Kreises
Publikationen (Auswahl)
Eigene Schriften
Erlebtes Hier. Neue Gedichte neuer Autoren (mit Kurt Bartsch u.a.) Halle/S 1966 ·Auswahl 68. Neue Lyrik, neue Namen (Auswahl und Vorwort Bernd Jentzsch) Berlin 1968 · Fahrtmorgen im Dezember. Gedichte. Berlin 1977 · Auf der Wyborger Seite. Roman. Berlin 1978 · Hinter Gomorrha. Erzählungen. Berlin 1981 · Spiegelungen. Gedichte. Berlin 1981 · Laubgehölz im November. Miniaturen. Berlin 1983 · Im Umkreis der Feuer. Gedichte. Berlin 1984 · Moorrauch. Essays. Berlin 1985 · Das Vierstromland hinter Eden. Roman. Berlin 1986 · Innehaltend an einem Morgen. Gedichte. Berlin 1988 · Der Weg nach Leiningen. Erzählungen. Berlin 1989 · Goethes Garten am Stern. Berlin 1989 · Raum seiner Gnade. Text zum Bildband. Leipzig 1992 · Elly-Viola Nahmacher. Biografie. Leipzig 1992 · Grundlose Wanderschaft. Gedichte. Chemnitz/Berlin 1996 · Kloster Paulinzella. Essay zum Bildband. Spröda 1999 · Abschied und Willkommen. Goethe-Bilder. Spröda 1999 · Goethes Haus am Frauenplan. Text zum Bildband. Spröda 1999 · Goethes Gartenhaus. Text zum Bildband. Spröda 1999 · Kloster Jerichow. Essay zum Bildband. Spröda 2001 · Doppelkapelle St. Crucis Landsberg. Essay zum Bildband. Spröda 2002 · Unzeitige Heimkehr. Vignetten und Lebenslandschaften. Stuttgart 2004 · Schillers Wohnhaus in Weimar. Text zum Bildband. Spröda 2005 · Bienenkönigin Zeit. Gedichte. Aschersleben 2005 · Poesiealbum 280. Gedichte. Wilhelmshorst 2008
Herausgaben
Henry James. Gebrochene Schwingen. Erzählungen. Leipzig 1982 · Arthur Schopenhauer. Ich trete die Kelter allein. Aphoristisches aus seinem Werk. Berlin 1989
Übersetzungen und Nachdichtungen
Anna Achmatowa, Valeri Brjussow, Ernsto Cardenal, Antanas Daltschew, Afanassi Fet, Peja Jaworow, Guillaume de Machaut, Ossip Mandelstam, Arthur Rimbaud, Milan Rufus, Nikolai Tichonow, Fjodor Tjutschew
Gedenken
Nachruf von André Schinkel
Wie erst vor kurzem bekannt wurde, ist der Autor, Nachdichter und Politiker Uwe Grüning (1942–2024) bereits am 23. Juli 2024 in Zwickau gestorben. Grüning gehörte zu den stillen Dichtern im Land, sein veröffentlichtes Werk scheint mit dem »Poesiealbum 280« (2008) im Märkischen Verlag seinen Abschluss gefunden zu haben. Das Œuvre Grünings kann dabei alles andere als schmal genannt werden, es enthält neben Gedichten, Erzählungen, Romanen, Essays und Exegesen auch eine Vielzahl Nachdichtungen, Miniaturen und Sachtexte. Auch um die Bewertung dieses Werkes wird noch einmal zu diskutieren sein, scheint es doch vom Blickpunkt der Epoche, die uns soeben ansieht, aus durchweg weitsichtig und bedeutend.
Uwe Grüning gehörte zum Kreis der Autoren, die man unter dem Begriff der „Landschafter“ versucht zu vereinen – Dichtern wie Johannes Bobrowski, Peter Huchel oder Erich Arendt war er poetisch, teils auch in Freundschaft verbunden. Zu seiner direkten Stil- und Motivverwandtschaft sind Autoren wie Wulf Kirsten und Harald Gerlach zu zählen. Ähnlich wie bei Gerlach fächerte sich sein Werk auf in ein reiches Genre-Rund, auch wenn er in der Grund- und Herkunftsschicht Lyriker war – woher auch seine Vorliebe für stilistische Akkuratesse rühren dürfte. Mit seinen reichen vor allem in einigen frühen Erzählungen vorantreibenden Phantasmagorien war Uwe Grüning zudem ein Meister der farbenprächtigen Desillusion.
Zuletzt lebte Grüning im nordwestlichen Zipfel des sächsischen Vogtlands, in Neumark. Der am 16. Januar 1942 in Pabianice bei Łódź Geborene wuchs bei Hohenstein-Ernstthal und Glauchau auf, er studierte und promovierte an der TU Ilmenau und war ab 1982 als freier Schriftsteller, Übersetzer, Herausgeber tätig – seine Gedichte, Erzählungen, kleinen Prosaarbeiten, Romane, seine Übersetzungen, Heraus- und Sammelausgaben etwa zur tschechischen und englischen Lyrik erzielten teils hohe Auflagen. Die ersten Texte des Ingenieurs der Fertigungstechnik, der von 1975 an mehrere Jahre an einer Fachschule in Jena arbeitete, erschienen 1966 in Zeitschriften, Anthologien, so in »Erlebtes Hier«, in der er sich an der Seite von Peter Gosse, Andreas Reimann und eben Kirsten in bester Gesellschaft fand.
Bereits hier zeigte sich seine Gabe des punktgenauen wie unbestechlichen Zugriffs, wie er ihn in »Landschaft« oder »Anabasis« formulierte: »Am sechsten Tag aber blühte / in den Bergen der Schnee auf, / der mit Blindheit schlug meine Füße, / daß sie aufgingen – zwei Knospen – / und wuchsen statt Blätter / Felsen aus ihnen auf / mit den fleischigen Schiefern …« War dieser Aufbruch einer neuen Generation ein Versprechen, so konnte dem auch religiös Beschlagenen nicht entgehen, dass einerseits das kleine Land, in dem er lebte, Anschluss an jene große Welt der Literatur suchte, in der ungeheuerliche Geister wie Márquez und Borges wirkten, zugleich aber auch in interne Grundsatzdiskussionen über das Wirken und Dienen von Literatur verstrickt war.
Uwe Grünings Bücher erschienen ab 1977 im Berliner Union Verlag, hier debütierte er, flankiert von einem Nachsatz Heinz Czechowskis, mit seinem Gedichtband »Fahrtmorgen im Dezember«. Die christliche Ausrichtung des CDU-eigenen Verlags, dem einst Bobrowski als Lektor wie Autor angehört hatte, bot offenbar einen günstigen Raum für die (bis in die 2000er) kontinuierliche Stimme von Uwe Grüning – in regelmäßiger Taktung wurden der Roman »Auf der Wyborger Seite« (1979), die furiose Erzählsammlung »Hinter Gomorrha« und der zweite Lyrikband »Spiegelungen« (beide 1981), gefolgt von »Laubgehölz im November« (Prosa, 1983), »Im Umkreis der Feuer« (Gedichte, 1984), »Moorrauch« (Essayistik, 1985) ediert. 1986 folgten der zweite Roman Grünings: »Das Vierstromland hinter Eden«, 1988 »Innehaltend an einem Morgen« (Gedichte) und 1989 mit »Der Weg nach Leiningen« ein weiterer Band Erzählungen.
Wohlwollende Programmleiter schrieben den teils aufs Schärfste entlarvenden Erzählungen in »Hinter Gomorrha« Turbulenz und Skurrilität, ja Humor zu, was für einen Teil dieser Texte so stimmen mag, jedoch im Blick auf »Die Hecke«, »Der Schatten« oder »Die Vollendung des Menschen« ein ziemlicher Unfug ist – sprechen diese Texte doch durchaus in der Dystopie mit Erfindungen, Erfahrungen in einer vergleichbaren Stärke wie Marlen Haushofers »Wand« oder die kühlen Sektionen Borges', den Grüning (auch wenn er das in einem Essay in »Moorrauch« zu verbergen sucht) bewunderte. Freilich: Es übt sich im Buch auch eine Pfütze im Kraftmeiern, spuckt ein Pudelgeysir plüschige Hässlons in irren Farben in die Welt. Im Licht unserer Ära, in der das Grauen in allen Neonfarben um die Ecken der frisch aufgestellten Fallen äugt, wäre es klug, dieses Kompendium wieder aufzulegen.
Uwe Grünings letztes Buch im Union Verlag war »Goethes Garten am Stern« (1989). Der Weimarer Maître sollte ihn noch mehrfach beschäftigen wie auch Kirchenkunst und die Jenaer Romantik. 1990 war Grüning Mitglied der letzten Volkskammer der DDR, danach für drei Legislaturen Mitglied des sächsischen Landtags, wo er zur CDU-Fraktion gehörte, wissenschaftspolitischer Sprecher war und sein Mandat 2004 niederlegte. Grüning gehörte zu den Gründern der Sächsischen Akademie der Künste. Politische Funktionen hatte er in den Medienanstalten des Freistaats inne und war so u. a. als Präsident des Medienrats der Sächsischen Landesmedienanstalt tätig. Um sein Werk wurde es indes zusehends stiller, erst spät wurde es geehrt und ausgezeichnet: 1997 mit dem Esslinger Andreas-Gryphius-Förderpreis, 2004 mit dem Eichendorff-Literaturpreis.
Große Teile seines Werks sind mittlerweile schwer zu erreichen – seine Gedichte nur vereinzelt im Netz zu lesen, die Bände, die sie sammelten, nahezu vollständig und bis auf ein paar wenige signierte Exemplare vergriffen. Dabei galt und gilt Uwe Grüning in seiner oft desillusionierten Sprache und Motivik als leiser Meister der Form, die auf das Wesentliche und Greifbare sich orientiert. 2005 und 2008 erschienen letztmals Sammlungen aus seiner Feder: in der Un-Art-Ig-Reihe des Grauen Hofs in Aschersleben, noch einmal mit einem für ihn so sprechenden Titel: »Bienenkönigin Zeit« und in der wiederbegründeten »Poesiealbum«-Reihe im Märkischen Verlag. Darin führt er letztmals seine strenge Dichtkunst, die vielen als formvollendet galt, vor.
Selbst die letzten Bücher, seine Essays zu Goethe, Jena, Landsberg; die Notizen und späten Gedichthefte sind, wenn man sie nicht längst im Schrank hat, so gut wie nicht erhältlich. 2023 starb seine Frau Barbara, mit der Uwe Grüning an zahlreichen Übersetzungen gearbeitet hatte; wenige Tage nach ihm der Komponist Wolfgang Rihm, dessen letztes Opus auf Gedichten Uwe Grünings fußt, die ihn begeisterten. Sein Titel: »Überwundene Zeit«. Das Gedicht führt noch einmal alle Kraft vor, mit der der Dichter auf zuweilen kleinstem Raum zu reüssieren wusste: »Der Sommer verrät schon das Land. / Die Mühlenflügel / stehen still wie mein Schicksal. / Jeder Spiegel bleibt blicklos. / Die Augen regen sich nicht. // Alles / scheint ohne Gewalt / und wird / unendlich leicht / wie mein Leben«. Zehn Zeilen, die Wucht und Leichtigkeit dieses leisen Schreibers einend.
In die Rihm‘sche Würdigung durch Musik gefasst, bleibt nun zu denken und zu hoffen, dass auch das Werk Uwe Grünings wieder in die Welt sprach- und denkmächtig zurückkehrt. Die Sächsische Akademie der Künste trauert um einen Dichter und Erzähler, dem es gelang, das zu Hinterfragende wie das zu Wünschende in Worte zu fassen, was viel ist, in dieser beherzt und zunehmend leidenschaftskühl sich entleerenden Zeit. Sie vermisst in Uwe Grüning eines ihrer Gründungsmitglieder, das sich um ihre Existenz verdient gemacht hat.

