Pèter Eötvös
* 1944 in Székelyudvarhely (Ungarn, heute Rumänien) · † 2024 in Budapest · 1958–1965 Studium der Komposition an der Franz-Liszt-Musikakademie in Budapest · 1966 DAAD-Stipendiat im Fach Orchesterleitung bei Wolfgang von der Nahmer an der Hochschule für Musik und Tanz Köln, 1968 Diplom · 1968–1976 Pianist und Schlagzeuger im Stockhausen-Ensemble · 1971–1979 Mitarbeiter im Studio für elektronische Musik des WDR · 1978 Dirigent des Eröffnungskonzerts des ICRAM (Institut de Recherche et Coordination Acoustique/Musique) Paris · 1979–1991 Musikalischer Leiter des Ensembles Intercontemporain · 1985–1996 Leitung von Dirigenten-Meisterklassen am Bartók-Seminar in Szombathely · 1991 Gründung des »International Eötvös-Institute for young conductors and composers« · 1992–1998 Professor an der Hochschule für Musik Karlsruhe und 1992–1998/2002–2007 Professor an der Musikhochschule Köln · 1995–2005 Leiter des Kammerorchesters des Niederländischen Rundfunks (mit Ton Koopmann) · Mitglied der Akademie der Künste Berlin, der Széchenyi Kunstakademie Budapest, der Königlich Schwedischen Akademie für Musik Stockholm, der Königlich Flämischen Akademie Belgiens für Wissenschaft und Kunst, 1999 Mitglied der Sächsischen Akademie der Künste sowie Ehrenmitglied der Nationalen Akademie von Santa Cecilia in Rom · lebte in Budapest
Preise und Ehrungen (Auswahl)
1988 Officier/2003 Commandeur des Ordre des Arts et des Lettres · 1997 Bartók- Preis, Ungarn · 2002 Kossuth-Preis, Ungarn · 2002 Royal Philharmonic Society Music Award und SACD Palmarčs Prix Musique · 2004 Cannes Classicel Living-Composer-Award und Pro Europa für Komposition · 2007 Frankfurter Musikpreis · 2011 Goldener Löwe der Biennale von Venedig · 2015 Königlicher St. Stephans-Orden von Ungarn · 2018 Goethe-Medaille des Goethe-Instituts
Werke
Opern
1975/1997 Radames · 1996/97 Three Sisters (UA 1998 Lyon) · 2001/02 Le balcon (UA 2002 Aix-en-Provence) · 2004 Angels in America (UA Paris) · 2007 Lady Sarashina (UA 2008 Lyon) und Love and other Demons (UA 2008 Glyndebourne) · 2009 Die Tragödie des Teufels (UA 2010 München) · 2012 Paradise Reloaded (Lilith) (UA 2013 Wien) · 2014 Der goldene Drache (UA Frankfurt) · 2021 Sleepless (UA Berlin)
Solo- und Orchesterwerke
1961/1999 Kosmos, für Solo oder zwei Klaviere · 1963‒1990 Drei Madrigalkomödien für 12 Stimmen · 1970 Cricketmusic · 1971 Music for New York, für Saxofon und Percussion · 1972 Now, Miss! · 1973 Harakiri · 1975/1987 Sequences of the Wind · 1985‒1980 Steine · 1986 Chinese Opera · 1990 Brass ‒ The Metal Space · 1992 Korrespondenz · 1993 Triangel, Thunder und Psalm 151 · 1993/2001 Zwei Promenaden · 1995 Atlantis · 1996 Shadows und Psy · 1998 Two Monologues, für Bariton und Orchester · 1998 Replica, für Viola und Orchester · 1998/99 As I Crossed a Bridge of Dreams · 1999 zeroPoints, für Orchester · 2000 600 Impulse, für Brassband und Paris‒Dakar · 2001 Snatches of a Conversation · 2002 IMA, für Chor und Jet Stream · 2005 CAP-KO, dedicated to Béla Bartók (UA 2006 München) · 2006 Seven. Memorial for the Columbia Astronauts (UA 2007 Luzern) · 2007 Konzert für zwei Klaviere und Levitation · 2011 Cello Concerto Grosso · 2012 Speaking Drums, für Martin Grubinger (UA 2013 Monte Carlo) · 2013 2. Violinkonzert DoReMi · 2015 Senza sangue (UA 2016 Köln) · 2016 Halleluja ‒ Oratorium balbulum (UA 2016 Salzburg) · 2018 Tri sestry, nach Anton Tschechow (UA 2018 Frankfurt/M.)
Dirigent bei den Berliner und Wiener Philharmonikern, beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Orchestre Philharmonique de Radio France, London Symphony Orchestra und beim Ensemble Modern · 1985‒2008 Chefdirigent und Erster Gastdirigent, u.a. beim BBC Symphony Orchestra, Budapest Festival Orchester, bei der Radio Kamer Filharmonie Hilversum, beim National Philharmonic Orchestra Budapest, Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR und beim Gothenburg Symphony Orchestra · 2009‒2012 Erster Gastdirigent des ORF Radio-Symphonieorchesters Wien
Interpret zeitgenössischer Musik, u.a. mit dem Stockhausen Ensemble
Publikationen
Eigene Schriften und andere Autoren
Fricke, Stefan: Über Peter Eötvös und ein komponiertes Harakiri. Saarbrücken 1999 · Jungheinrich, Klaus-Dieter (Hg.): Identitäten ‒ der Komponist und Dirigent Peter Eötvös. Mainz 2005 · Kunkel, Michael: Kosmoi ‒ Peter Eötvös an der Hochschule für Musik der Musik-Akademie der Stadt Basel. Schriften, Gespräche, Dokumente. Saarbrücken 2007 · Jungheinrich, Hans-Klaus; Stoll, Rolf W. (Hg): Identitäten. Der Komponist und Dirigent Peter Eötvös. Mainz 2014 Parlando ‒ Rubato. Gespräche, Monologe und andere Umwege. (Mit Pedro Amaral) Mainz 2018
Gedenken
Nachruf von Manos Tsangaris
Auch heute wird die musikalische Landschaft von außergewöhnlichen Persönlichkeiten geprägt. Aufgrund historisch bedingter Dynamiken mag einem das eine Zeitalter in der Entwicklung der Künste zwar heroischer vorkommen als das andere. Das scheint aber nur so. Denn das ist meistens gebunden an Abfolgen von Krisen und Kriegen, die hernach ein gewisses Reinigungs- und Reflexionsbedürfnis begründen. Immer wieder wollen Menschen es dann endlich anders machen als zuvor. Die letzte heroische Generation der klassischen Musik war wohl jene nach dem zweiten Weltkrieg, die in Europa gerne mit Darmstadt assoziiert wird, also mit der berühmten Darmstädter Schule um Messiaen, Boulez, Nono, Stockhausen und anderen. Später dann kamen Kagel und Ligeti hinzu, sowie John Cage als »anarchische Alternative«.
Der Dirigent, Pianist, Komponist und Lehrer Péter Eötvös, der am 24. März dieses Jahres verstarb, gehörte der Nachfolge-Generation an, der zunächst einmal weniger Chancen eingeräumt wurde, als ihrer Vorgängerin. Zwar kam auch Eötvös in den Genuss einer vielfältigen und umfassenden Ausbildung, doch um sich freizuschaufeln aus den Fängen der Lehrer bedarf es immer der eigenen Sinnsuche und Dringlichkeit.
Eötvös, der aufgrund seiner Hochbegabung schon im Alter von 14 Jahren in Budapest von Zoltán Kodály an die Musikakademie aufgenommen worden war, kam 1966 nach Köln, um an der dortigen Musikhochschule zunächst Dirigieren, dann aber auch Komposition bei Bernd Alois Zimmermann zu studieren. Recht bald geriet er in den inneren Zirkel des Stockhausen-Kreises, was ihn nachhaltig beeinflussen sollte. Er wurde Pianist des Stockhausen-Ensembles. Von daher schien sein Weg vorgezeichnet zu sein als Musiker, Experimentator, Performer, auch als Dirigent u.a. später für die Opern-Uraufführungen Stockhausens. In den 1970er Jahren gründete sich dann im Umfeld Stockhausens im Bergischen Land in der Nähe Kölns die Gruppe Oeldorf, eine loser Zusammenschluss von Komponisten, die die ländliche Ruhe suchten, um weitreichend zu experimentieren und um dort auch aufzuführen. Parallel dazu war Péter Eötvös von 1971 bis 1979 Mitarbeiter am Elektronischen Studio des WDR.
1979 dann wurde Péter Eötvös von Pierre Boulez als musikalischer Direktor des Ensemble Intercontemporain in Paris engagiert. Und ab da ging es allmählich, aber stetig bergauf.
Seit den 1990er Jahren widmete sich Eötvös vermehrt der Komposition von Opernwerken für die großen Häuser Europas. Zunächst kamen ‒ mit gigantischem Erfolg ‒ seine »Drei Schwestern« 1997 in Lyon heraus, die seitdem weltweit nachgespielt und -inszeniert werden. Danach folgten noch zwölf weitere Opernwerke neben solchen in anderen Gattungen, gerne auch groß besetzt, also Orchesterwerke und Konzerte.
Währenddessen gab Péter Eötvös das Dirigieren und Aufführen zeitgenössischer und klassischer Stücke niemals auf. Die Liste der Orchester, die ihn regelmäßig einluden, spricht für sich – mit den Berliner und den Wiener Philharmonikern, dem BBC-Symphony Orchestra, dem Cleveland Orchestra u.v.m. Doch auch die seit den 1980er Jahren vielerorts aufsprießenden Ensembles neuer Musik, denen der Dirigent Eötvös ein maßgeblicher Lehrer und Coach wurde, spricht Bände, etwa das Ensemble Modern, das Ensemble Musikfabrik und andere.
Nur folgerichtig ist es also, dass Péter Eötvös, der zunächst auch an den Hochschulen in Karlsruhe und Köln lehrte, dann in späteren Jahren seine Kräfte und Möglichkeiten in einer Péter Eötvös-Stiftung von Budapest aus bündelte und damit seinen internationalen Einfluss, besonders auch auf junge Nachwuchs-Künstler und -Künstlerinnen, intensivierte. Zum Nutzen aller. Die Reihe der Dirigenten und Musiker, die bei ihm gelernt, studiert, Kurse besucht, sich fortgebildet haben, ist schier endlos.
Als Lehrer wie als Dirigent pflegte Péter Eötvös einen so ruhigen wie eindrücklichen und wirkungsvollen Stil. Der Autor dieser Zeilen genoss selbst Anfang der 1980er Jahre das Privileg, mit ihm als Dirigent zu arbeiten. Er hat niemals einen sensibleren, zuverlässigeren und kompetenteren musikalischen Leiter erlebt als Péter Eötvös. Komplexeste musikalische Strukturen wurden immer mit Leichtigkeit und Präzision freigelegt und ins klingende Leben geholt. Das Musizieren unter solchem Dirigat fiel trotz der zum Teil extremen Anforderungen sehr leicht. Es herrschte immer eine Atmosphäre gegenseitigen Vertrauens bei gemeinsamer Sachbezogenheit, Konzentration, Passion und Genauigkeit.
Diese Verbindung von Sachverstand, Zuverlässigkeit und Feinheit zeichnete Péter Eötvös auf allen Gebieten aus. Seine Opernarbeit war ausgesprochen pragmatisch, was die Realisierungsmöglichkeiten hinsichtlich der Produktions-Verhältnisse in den Opernhäusern anging. So gelang es ihm, solche Institutionen optimal für neuere Perspektiven, soll sagen, für die Kunst zu nutzen.
Die Musik des Komponisten Péter Eötvös ist von spezieller Virtuosität, Geschmeidigkeit und geprägt durch außergewöhnliches psychologisches Einfühlungsvermögen. So werden diverse soziale Situationen, Konflikte und Spannungsverläufe als Narration plastisch und plausibel, ohne je ins Plakative zu abzurutschen. Hier hat wohl auch die Erfahrung des Dirigenten Eötvös produktiv mitgespielt. Neue, ungewöhnliche und schillernde Klanglichkeiten wurden sowohl mit den üblichen Instrumenten als auch mit außergewöhnlichen, experimentellen Klangerzeugern erreicht. Kaum jemand vermag wie er den Orchester-Apparat zusammen mit Gesangsstimmen derart beweglich zu führen, die Balance herzustellen und in ein so lebendiges, »erzählerisches« Spannungsverhältnis zu setzen.
Der Künstler selbst hat sich als Theater-Komponist bezeichnet. Das Theater reicht immer durch die Musik in den Klang als Körper hinein und von daher mitten in die jeweilige szenische Konstellation. Diese Theatralität seiner Musik führte das Werk von Péter Eötvös weltweit in einen regelrechten Triumphzug. Ihm ist es gelungen, die Palette zeitgenössischen Komponierens in eine Reihe zu stellen mit den großen Opern vergangener Jahrhunderte.
Mit Péter Eötvös hat uns einer der faszinierendsten Musiker unserer Zeit verlassen. Er verstarb am 24. März 2024 in Budapest im Kreis seiner Familie.
Seine Werke werden weiterleben.

