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Der Mythos des Nationalen. Ringvorlesung im WS 2024/25. Dritte Vorlesung: Zur Frage der Nationalkultur. Erfahrungen in zwei deutschen Staaten
Vortrag von Dr. h.c. Friedrich Dieckmann, Autor und Publizist Berlin
Ringvorlesung des Fachbereichs Kunstgeschichte am Institut für Kunst- und Musikwissenschaft der Philosophischen Fakultät der TU Dresden und der Sächsischen Akademie der Künste
Friedrich Dieckmann
ZUR FRAGE DER NATIONALKULTUR
Erfahrungen in zwei deutschen Staaten
Wenn man in deutsche Verfassungen blickt von der Zeit an, da die Dresdner vor 175 Jahren Barrikaden bauten, um eine neue Reichsverfassung zu verteidigen, so findet man, daß nur in zwei von ihnen von der Kultur die Rede ist: in der sozialdemokratischen Verfassung der Republik von Weimar und in der explizit sozialistischen, nicht mehr demokratischen zweiten Verfassung der DDR, die in zweiter Version von 1972 auf die Nation verzichtete, nicht aber auf die Nationalkultur. Daß die Kultur im Grundgesetz der vereinigten Bundesrepublik nicht vorkommt, liegt daran, daß man sie für Ländersache hielt, was spätestens dann sonderbar anmutete, als in Artikel 35 des Vertrags zwischen BRD und DDR die Kulturerhaltung in dem Beitrittsgebiet zur Bundesangelegenheit erklärt wurde. War das ein Bekenntnis zur Nationalkultur? Aber was ist Nationalkultur? Ist es eine exklusive oder eine inklusive Angelegenheit? Es ist eine inklusive Angelegenheit, insofern die auf dem Boden einer Sprache, aber vieler Dialekte in verschiedenen Regionen gewachsene Kulturüberlieferung in Dichtung, Musik, bildender Kunst, Architektur und vielen anderen Bereichen allen offensteht, die sich dafür interessieren, gerade auch denen, die aus zum Teil weit entlegenen Gebieten in Deutschland eine Heimat oder ein Asyl zu finden hoffen. Es ist eine exklusive Angelegenheit, indem sie auf den Besonderheiten dieser bestimmten Sprache und Geschichte aufbaut. Als etwas Eigentümliches ist sie exklusiv, aber nicht im ausschließenden, sondern im einladenden Sinn, so wie uns die Kultur anderer Nationen, europäischer wie außereuropäischer, einlädt, uns ihre Leistungen, ihre Errungenschaften zuzueignen, was nicht selten mit Umformung, mit Anverwandlung verbunden ist. Kultur ist, nicht anders als die materielle Produktion, mit Austausch verbunden, sie lebt vom Austausch, aber sich austauschen kann nur jemand, der selbst etwas in Tausch zu geben hat; es muß etwas Eigenes da sein, damit etwas Fremdes zugeeignet werden kann. Dieses Eigene zu bestimmen ist immer wieder einmal versucht worden, und so schöne und treffende Worte man dabei finden kann: ergiebiger ist es, in das Feld der Hervorbringungen einzutreten, die dieser besondere Boden genährt hat, im Wechselspiel der Setzungen und Entgegensetzungen eine Vielfalt zeugend, die selbst eine Haupteigenschaft dessen ist, was wir mit dem schönen Wort Nationalkultur umreißen.
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