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Hearing zur Entwicklung der Literaturlandschaft in Sachsen
In der Sächsischen Akademie der Künste versammelten sich Vertreter kultureller Institutionen, des Literaturbetriebs und der Politik, um sich mit der prekären Situation vieler, insbesondere der Literatur gewidmeter Orte auseinanderzusetzen. In den Beiträgen wird eindringlich auf die zentrale Bedeutung von Kunst und Kultur für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, die Demokratie und die Zukunftsfähigkeit Sachsens hingewiesen. Es moderierte Benedikt Dyrlich, 1. Sprecher der Gruppe Leipzig und Präsidiumsmitglied im PEN Deutschland.
Begrüßung
Prof. Dr. Wolfgang Holler, Präsident der Sächsischen Akademie der Künste
Einführung und Moderation
Benedikt Dyrlich, 1. Sprecher der Gruppe Leipzig und Präsidiumsmitglied im PEN Deutschland.
Impulse
Bettina Baltschev, Sächsischer Literaturrat
Netzwerk Kultur Dresden: Dr. Frank Eckhardt, , Riesa e. V. Dresden, Geschäftsführer und künstlerischer Leiter; Andrea O‘Brien, Leiterin des Erich Kästner Hauses für Literatur in Dresden; Kristina Daniels, Villa der Kulturen Dresden
Dr. Thorsten Ahrend, Literaturhaus Leipzig
Patrick Wilden Literaturzeitschrift Ostragehege
Volker Sielaff, Literaturforum Dresden
Wortmeldungen und Diskussion
Alexander Geißler, Sandra Gockel MdL, Henning Homann MdL, Thomas Löser MdL, Dr. Ingolf Huhn MdL
Schlussbemerkung:
Matthias Politycki, Präsident des PEN Deutschland
Zusammenfassung
Prof. Dr. Wolfgang Holler, Präsident der Sächsischen Akademie der Künste, wirbt in seiner Begrüßung nachdrücklich für einen starken Kulturstaat Sachsen und eine enge Allianz von Kultur, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Kultur sei das Fundament einer freien, menschenwürdigen und zukunftsfähigen Gesellschaft; ihr Verlust gefährde den Zusammenhalt. Die Akademie versteht sich als Ort künstlerischer Exzellenz mit nationaler und internationaler Ausstrahlung und als freier Raum des Diskurses mit aufklärerischem Anspruch. Dazu zählen Leuchtturmprojekte wie die Jubiläumsveranstaltung 2026 unter dem provokanten Titel »Wie wenig ist genug?«. Im 30. Jahr ihres Bestehens sieht Holler die Institution jedoch in ihrer Substanz bedroht. Für eine starke Präsenz im Freistaat brauche es eine dem gesetzlichen Auftrag angemessene Grundfinanzierung. Er regt eine landesweite Interessengemeinschaft „Pro Kultur“ an, die Akteure aus Kultur, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft bündelt. Zudem schlägt er einen großen Sächsischen Staatspreis der Künste vor, verankert an der Akademie und getragen von der Staatsregierung. Nur mit ausreichenden personellen und materiellen Ressourcen könne die Akademie ihre Rolle als Partner für kulturelle Orientierung und gesellschaftlichen Dialog erfüllen.
Benedikt Dyrlich, Mitglied des Präsidiums des Deutschen PEN und Sprecher der Leipziger Gruppe, begrüßt die Anwesenden im Namen seiner Co-Sprecherin Katrin Aehnlich und des PEN-Präsidenten Matthias Politycki. Er betont die zentrale Mission des PEN: die Verteidigung des freien Wortes und die Sicherung von Orten, an denen Kultur und Literatur frei gelebt werden können. Dyrlich prangert Schließungsszenarien wie das des Literaturhauses Leipzig an, kritisiert Kürzungen in kulturellen Einrichtungen wie dem Kästnerhaus und unterstreicht, dass Kultur ein integraler Bestandteil der Demokratie ist, mit Verfassungsrang gesetzlich verankert in Sachsen. Er ruft dazu auf, Kultur als tragenden Pfeiler der Gesellschaft zu verstehen und als Partner für Freiheit, Kunst und Debatten über gesellschaftliche Zukunftsfragen zu agieren. Ziel der Veranstaltung ist nicht, über mangelnde finanzielle Mittel zu reden, sondern die Bedeutung der einzelnen kulturellen Initiativen als Grundlage der Demokratie herauszustellen und stärkere Anerkennung der Kultur im politischen Diskurs zu erreichen. Als Vertreter des PEN regt Dyrlich den Dialog zwischen Kulturakteuren und Volksvertretern an, um Freiheit, Kunst und gesellschaftliche Debatten gemeinsam zu fördern.
Bettina Baltschev, Geschäftsführerin des Sächsischen Literaturrates, unterstreicht die Vielfalt der sächsischen Literaturlandschaft, die weit über Leipzig hinausstrahle. Literatur sei weit mehr als Unterhaltung: Sie fördere Empathie, Verständigung und demokratische Kompetenz. Ehrenamtlich getragene Initiativen leisten unverzichtbare Basisarbeit und müssen gestärkt werden.
Die Sprecher für Soziokultur, Literatur und Interkultur des Netzwerkes Kultur Dresden und Leiter erfolgreich arbeitender freier Dresdner Kulturinstitutionen Frank Eckhardt (Geschäftsführer und Künstlerischer Leiter Riesa e.V. Kulturforum Dresden), Andrea O’Brien (Geschäftsführerin und Leiterin des Erich Kästner Hauses für Literatur) und Kristina Daniels (Geschäftsführerin des Kinder- und Elternzentrums Kolibri/Villa der Kulturen) warnen vor den dramatischen Folgen aktueller und geplanter Kürzungen bei freien Trägern. Steigende Kosten bei sinkenden Mitteln führen zu Personalabbau, Angebotsverlust und Projektsterben. Freie Kulturinstitutionen sind jedoch essenziell für kulturelle Grundversorgung, Integration, Bildung und Prävention. Gefordert werden strukturelle Absicherung, mehrjährige Finanzierungen, bessere Förderbedingungen, ein Kulturfördergesetz und die Anerkennung von Kultur als Pflichtaufgabe der Daseinsvorsorge.
Dr. Thorsten Ahrend, Geschäftsführer und Leiter des Literaturhauses Leipzig, beschreibt das Literaturhaus Leipzig als überregional bedeutenden Diskursort, der trotz hoher Effizienz und breiter Anerkennung mangels institutioneller Förderung vor der Schließung steht. Das Literaturhaus Leipzig wurde 1990 gegründet und ist seit über drei Jahrzehnten ein zentraler Ort literarischer und gesellschaftlicher Debatten in Sachsen. Durch die seit 10 Jahren anfallenden und steigenden Mietkosten und aufgebrauchten historischen Rücklagen steht das Literaturhaus 2027 vor dem Aus. Eine institutionelle Förderung ist notwendig, um diesen für Sachsen unverzichtbaren Kultur- und Diskursort zu erhalten.
Auch die Literaturzeitschrift OSTRAGEHEGE, die als Schaufenster neue literarische Entdeckungen im deutschen Sprachraum sichtbar macht und für Autoren und Übersetzer eine wesentliche Etappe auf dem Weg zu neuen Verbindungen zu Lesern, Verlagen und Institutionen darstellt, kämpft jedes Jahr aufs Neue mit prekären Finanzierungsbedingungen, die die ehrenamtliche Arbeit ihrer Redaktionsmitglieder Patrick Wilden, Annett Groh und Aron Koban an ihre Grenzen bringt. OSTRAGEHEGE erscheint seit 1994 drei- bis viermal jährlich und veröffentlicht Prosa, Lyrik, Essays, Interviews, Rezensionen sowie Positionen der Bildenden Kunst und führt Veranstaltungen durch. Ein Schwerpunkt liegt auf neuer mittel- und osteuropäischer Literatur und ihrer Übersetzung.
Der Schriftsteller Volker Sielaff macht auf die prekären Arbeitsbedingungen freier Autorinnen und Autoren aufmerksam. Kunst und Literatur seien unverzichtbar für die kulturelle Substanz der Gesellschaft; dafür brauche es faire, nachhaltige Fördermodelle. Insgesamt richtet sich ein klarer Appell an Politik und Förderer: Kultur ist kein Luxus, sondern ein zentraler Standortfaktor und Fundament des gesellschaftlichen Zusammenhalts in Sachsen.
In den anschließenden Wortmeldungen plädiert der Geschäftsführer des Sächsischen Musikrats Torsten Tannenberg dafür, weniger zur klagen und erinnert daran, dass Kultur nicht nur in Leipzig und Dresden, sondern auch im ländlichen Raum stattfinden müsse. Autoren sollten stärker selbst in Gremien mitwirken und realistisch diskutieren.
Alexander Geißler, Stadt- und Kreisrat der SPD in Freiberg bzw. im Landkreis Mittelsachsen, thematisiert die Herausforderung, Kultur im ländlichen Raum zu finanzieren und Akzeptanz dafür zu schaffen. Kommunen müssen trotz begrenzter Landeshaushalte erhebliche Eigenmittel aufbringen. Niederschwellige Angebote, wie die Einbindung von Schülern in Theaterprojekte, haben zwar Erfolg, reichen jedoch nicht zur Kostendeckung aus. Die Notwendigkeit von Kultur wird parteiübergreifend anerkannt, doch gibt es auf längere Sicht angesichts starker AfD-Mehrheiten im ländlichen Raum Unsicherheiten hinsichtlich der Akzeptanz und Finanzierung kontroverser Themen im Programm von Theatern und Kulturinstitutionen.
Sandra Gockel, MdL CDU und Vorsitzende des Ausschusses für Wissenschaft, Hochschule, Medien, Kultur und Tourismus dankt für die Möglichkeit zur Diskussion und unterstreicht die große gesellschaftliche und demokratische Bedeutung von Kunst und Kultur, die auch gesetzlich verankert sei. Gleichzeitig macht sie deutlich, dass sinkende Steuereinnahmen zu Kürzungen führen und in den kommenden Jahren weitere Einsparungen zu erwarten sind. Es müsse ehrlich diskutiert werden, wie viel Förderung notwendig und leistbar ist und wie eigenwirtschaftliche Leistungen und institutionelle Förderung besser ausbalanciert werden können. Der Kultursenatsbericht zeige ein starkes Spannungsfeld. Künftige Entscheidungen müssten Qualitäten langfristig sichern. Neben staatlicher Förderung werden Mäzene, Stiftungen und bürgerschaftliches Engagement wichtiger. Angesichts der hohen Theaterdichte in Sachsen stellt sie zudem die Frage nach regionaler Mobilität.
Henning Homann, MdL SPD und Fraktionsvorsitzender der SPD betont, dass er als SPD-Vorsitzender in wirtschaftlich und international schwierigen Zeiten klug Prioritäten setzen muss. Kultur ist für ihn gemeinsam mit Medien und Gerichten eine der drei Säulen der Demokratie, die Freiheit und gesellschaftlichen Zusammenhalt garantieren und deshalb bei autoritären Bewegungen besonders im Fokus stehen. Umso wichtiger ist es, diese kulturellen Strukturen, die die demokratischen Werte stärken, zu sichern und Räume für gesellschaftlichen Austausch zu erhalten, auch wenn nicht alle Projekte fortgeführt werden können. Im Doppelhaushalt 2025/26 wurden bewusst Projektmittel reduziert, während Grundstrukturen wie beispielsweise der Landessportbund, Jugendclubs und Kulturverbände erhalten bleiben.
Thomas Löser, MdL Bündnis 90/Die Grünen, vertritt Frau Maicher in der Diskussion. Er betont die Bedeutung der aktuellen Debatte um Kulturförderung in Sachsen angesichts weltweiter Krisen und der Verteidigung humanistischer Werte. Die Sächsische Akademie der Künste, das Literaturhaus Leipzig und das Erich Kästner Haus in Dresden stehen finanziell unter Druck. Löser lobt ihre Arbeit und fordert, die Expertisen kultureller Institutionen stärker in Haushaltsentscheidungen einzubeziehen. Zudem schlägt er neue, angemessene Räume für die Akademie in Dresden vor und betont die Notwendigkeit, kulturelle Werte, insbesondere Bildung und Lesen, aktiv zu fördern. Er dankt allen Beteiligten für das Engagement.
Dr. Ingolf Huhn, MdL BSW, kulturpolitischer Sprecher, betont, dass Kultur politisch stärker verteidigt werden müsse, da ihr Abbau einem Verlust gesellschaftlicher Substanz gleichkommt. Er verweist auf den Verfassungsrang der Kultur im Freistaat, der ohne konkrete Festlegungen zur finanziellen Umsetzung ein Lippenbekenntnis bleibe. Konkret kritisiert Ingolf Huhn die unzureichende finanzielle Ausstattung der Sächsischen Akademie der Künste, die ihre Aufgaben und ihr Jubiläum unter diesen Bedingungen kaum erfüllen könne, sowie die derzeit ungeeigneten Räumlichkeiten mit zu geringer Kapazität und hohen Mietkosten. Sowohl Etat- als auch Raumfrage seien dringend zu klären. Bezogen auf die Entwicklung der Literaturlandschaft Sachsen hebt er die Bedeutung der Literatur- und Leseförderung, insbesondere im ländlichen Raum hervor und fordert umfassendere Förderprogramme über Bibliotheken hinaus.
Der Schriftsteller und Präsident des PEN-Deutschland Matthias Politycki zeigt sich in seinen Abschlussworten beeindruckt von der Qualität und Intensität der Diskussion, hervorgerufen auch durch die Not der anwesenden Kultureinrichtungen. Für Politycki „ist gerade das, was unsauber gedacht war, das Spannende“, denn die vorgeschlagenen offenen Lösungsansätze haben eine besondere Innovationskraft, da sie Bewegung erzeugen, bevor formale Strukturen greifen. Solche Impulse sind wesentlich für die kulturelle Arbeit. In seinem Amt als Präsident des PEN Deutschland habe er gelernt, dass Erfolg weniger durch Bitten um Mittel, als durch überzeugende Ideen und Projekte entsteht. Entscheidend sei es, der Politik als gleichberechtigte Partner zu begegnen. „Wir sind nicht nur die Arabeske dieser demokratischen Kultur, sondern wir sind das Herzstück. Hier werden die Debatten geführt. Wo denn sonst?“ Er sieht diese Veranstaltung als ermutigend und plädiert für die Fortsetzung
Pressemitteilung des PEN Deutschland, 9. Januar 2026
Die interne Werkstatt ging dem öffentlichen Podium mit Matthias Politycki, Präsident des PEN Deutschland, Friedrich Dieckmann, Gruppe Leipzig im PEN Deutschland und Wolfgang Holler, Präsident der Sächsischen Akademie der Künste, voraus.
Veranstaltung in Kooperation mit der Gruppe Leipzig im PEN Deutschland













