Archiv-Schaufenster
23. Januar 1996 - Berufung der Gründungsmitglieder der Sächsischen Akademie der Künste
Wie kam die Sächsische Akademie der Künste zu ihren ersten Mitgliedern? Wer gehörte dazu? Mit welchen Erwartungen und welchen Aufgaben war diese Mitgliedschaft verbunden? Um es gleich vorweg zu sagen: Der Gründungsprozess verlief nicht geradlinig, der Anspruch war hoch, aber auch die Freude an Diskussion, Austausch und Einmischung, was sich an der Vielzahl an Initiativen der ersten Jahre ablesen lässt.
Im Jahr 2024 blickte die Akademie mit einer Veranstaltung im Sächsischen Landtag auf die Gründungszeit zurück (https://www.sadk.de/archiv/programm-archiv/aufbruch-und-anspruch-30-jahre-gruendungsgesetz-der-saechsischen-akademie-der-kuenste), denn 30 Jahre zuvor, am 27. April 1994, hatte der Sächsische Landtag das Gesetz über die Errichtung der Sächsischen Akademie der Künste (SächsAKG) beschlossen. Dem Gesetz vorausgegangen war die Einberufung eines Gründungsausschusses aus Vertretern verschiedener Künste, der von Oktober 1992 bis Juli 1993 in fünf Beratungen die Grundzüge einer Sächsischen Akademie der Künste festgelegt hatte.
In §12 Absatz 1 des Gründungsgesetzes heißt es: »Der Ministerpräsident beruft auf Vorschlag des Sächsischen Kultursenats 30 Gründungsmitglieder der Sächsischen Akademie der Künste, wobei die Mitglieder des bestehenden Gründungsausschusses berücksichtigt werden sollen.« Doch wie sollte der im Mai 1993 gegründete Kultursenat Einfluss auf den Vorschlag der Gründungsmitglieder nehmen, wenn der zu berücksichtigende Gründungsausschuss bereits 17 Personen umfasste und weitere Personalvorschläge für die zu gründende Akademie unterbreitet hatte? Die Kontroverse über diese Frage führte zu Differenzen zwischen Kultursenat und Staatsregierung und verzögerte den Berufungsprozess über viele Monate. Auch Mitglieder des Gründungsausschusses waren verstimmt, da sie ihre bisher geleistete Arbeit für Entwürfe eines Gründungsgesetzes und einer Satzung in Frage gestellt sahen. So zog beispielsweise die bildende Künstlerin Doris Ziegler aus Leipzig ihre Bereitschaft zur weiteren Mitwirkung zurück.
Andere Mitglieder wie Wieland Förster, Friedrich Dieckmann und Werner Schmidt ließen sich jedoch nicht beirren und begleiteten den Entstehungsprozess weiterhin mit großen Erwartungen. Werner Schmidt, der auf der Mitgliederversammlung am 6. Mai 1996 zum ersten Präsidenten der Akademie gewählt wurde, sagte in einem Presseinterview zu den Zielen der Akademiegründung: »Gewollt ist der Diskurs, die Auseinandersetzung, Anregung der Persönlichkeiten in der Akademie untereinander und nach außen hin. […] Wir können keine Vorschläge machen, wo man Geld finden oder wegnehmen sollte, um Streichungen zu verhindern. Wir müssen aber warnen vor Kulturabbau, vor Verarmung des gesellschaftlichen Lebens. […] Gemeint ist ein langfristiger Prozess der Einflussnahme. Die Akademie könnte helfen, eine Atmosphäre zu schaffen, die Fehlentwicklungen, falsche Entscheidungen von vornherein ausschließt. Vielleicht sind in allen Dingen des geistigen Lebens die wesentlichen Einflüsse immer die indirekten und langfristig wirksamen.« (Sächsische Zeitung, 9. Mai 1996)
In seinem Beitrag »Anfänge und erste Schritte der Sächsischen Akademie der Künste« im ersten Jahrbuch der Sächsischen Akademie der Künste (1996–1997–1998, Dresden, 2000, S. 5 ff.) resümiert Schmidt, dass die Akademie »eine Frucht der friedlichen Revolution und des Aufbruchs der Bürgerbewegungen in der DDR war«. Der schon 1990 geäußerte Vorschlag zu ihrer Gründung sei aber zurückgestellt worden, um die neue Institution mit der Autorität des wieder zu begründenden Freistaates Sachsen verbinden und dadurch dauerhafter verankern zu können.
Der Gründungsgedanke der Akademie galt nicht allein dem Rang ihrer Mitglieder und der Bewahrung des künstlerischen Erbes des sächsischen Kulturraums, sondern auch dem Auftrag, einen autonomen Ort für die interdisziplinäre Debatte zeitgenössischen künstlerischen Schaffens und kultureller Entwicklungen zu errichten, und zwar frei von politischer Einflussnahme der Staatsregierung. Der Bildhauer, Maler und Schriftsteller Wieland Förster führte bei seiner Berufung dazu aus: »Sachsen hat aus seiner Kunstgeschichte einen besonderen Auftrag und wer könnte die vielfältigen kulturellen Aufgaben Sachsens besser beratend unterstützen, als eine Akademie, die frei und unabhängig ist, ihrem kulturellen und künstlerischen Sachverstand folgt, die hilft, Altes zu bewahren und Neues zu installieren.« (Jahrbuch, 2000, S. 13)
Anfang des Jahres 1996 waren die Vorbereitungen zur Akademiegründung abgeschlossen. Am 23. Januar 1996 lud Ministerpräsident Kurt Biedenkopf (1930–2021) zu einer Festveranstaltung in den Böttger-Saal der Porzellansammlung des Dresdner Zwingers. In seiner Ansprache hob Biedenkopf die nicht zu unterschätzende Bedeutung der Kultur und Künste für den Gemeinschaftssinn der Gesellschaft in Sachsen und Europa hervor. »Deshalb haben wir mit der Gründung der Sächsischen Akademie der Künste nicht nur ein Forum des Dialogs geschaffen, von dem Professor Meyer [Staatsminister für Wissenschaft und Kunst] gesprochen hat, und das mir bedeutsam erscheint, sondern auch einen Anspruch angemeldet. […] Wir melden einen Anspruch an mit einer Sächsischen Akademie der Künste. Einen Anspruch, der nicht im Sinne einer Repräsentation gemeint ist [...]. Wir, der Freistaat, vertreten durch die Sächsische Staatsregierung, möchten Sie bitten, uns mit Ihrem Schaffen, Ihrer Arbeit und mit Ihrer Dialogbereitschaft dabei zu unterstützen, diesen Anspruch geltend zu machen.«
Anschließend berief der Ministerpräsident 30 Gründungsmitglieder in die Sächsische Akademie der Künste. Zu den mit einer Mitgliedschaft Geehrten gehörten
- in der Klasse Baukunst: Prof. Dr. h.c. Günter Behnisch, Wolfgang Hänsch, Prof. Peter Kulka, Prof. Dr. Dr. h.c. Heinrich Magirius, Dieter Schölzel, Prof. Dr. Helmut Trauzettel
- in der Klasse Bildende Kunst: Prof. Wieland Förster, Gerda Lepke, Michael Morgner, Prof. h.c. Werner Schmidt, Prof. Max Uhlig
- in der Klasse Darstellende Kunst und Film: Wolfgang Engel, Prof. Dr. Dieter Görne, Prof. Joachim Herz, Rolf Hoppe, Friedrich-Wilhelm Junge, Prof. Hanne Wandtke
- in der Klasse Literatur und Sprachpflege: Friedrich Dieckmann, Dr. Uwe Grüning, Angela Krauß, Reiner Kunze, Prof. Bernd Jentzsch, Prof. Dr. Ingo Zimmermann
- in der Klasse Musik: Dr. Peter Gülke, Prof. Ludwig Güttler, Prof. Kurt Masur, Günter Neubert, Prof. Peter Schreier, Prof. Siegfried Thiele, Prof. Udo Zimmermann
Die Gründungsmitglieder Rolf Hoppe, Kurt Masur und Michael Morgner waren verhindert, an dem Festakt teilzunehmen und fehlen demzufolge auf den Gruppenfotos, die anschließend im Zwingerhof aufgenommen wurden. Dafür sind der Landtagspräsident Erich Iltgen (1940–2019), der Staatsminister für Wissenschaft und Kunst Hans Joachim Meyer (1936–2024) und der Ministerpräsident Kurt Biedenkopf in der Mitte der Gruppe zu sehen.
Das Festprogramm, das um 16 Uhr begann, wurde von den Musikern der Sächsischen Staatskapelle Dietmar Hedrich (Klarinette), Egbert Esterl (Klarinette) und Andreas Börtitz (Fagott) umrahmt, die zwei Sätze aus dem Divertimento Nr. 2, KV Anhang 229 von Wolfgang Amadeus Mozart spielten. Von den 60 Exemplaren des Festprogramms, dessen Rechnung in der Akademie-Registratur abgelegt wurde, hat sich leider keines im Original für das Archiv erhalten.
Nach ihrer förmlichen Ernennung sollten die 30 Gründungsmitglieder - unter ihnen waren mit Gerda Lepke, Hanne Wandtke und Angela Krauß insgesamt drei Frauen vertreten - nun selbst wirksam werden. Ihnen oblag es, der zu errichtenden Akademie eine Satzung zu geben und durch Zuwahlen den Mitgliederkreis auf ca. 50 Mitglieder zu erweitern.
Wieland Förster fragt in einem Beitrag aus Anlass des 20-jährigen Jubiläums der Akademie nach den Intentionen der sächsischen Staatsregierung für diese Akademie, schildert die Arbeit des Gründungsausschusses und schlägt der Akademie als Ideal eine »Brudergemeinschaft der Demokratie« vor: Dass die Mitglieder sich und ihr Tun gegenseitig respektieren, sich nicht verlachen, sich aber auch »stimulieren, freier, vorbehaltloser, auch wagemutiger zu handeln, um Verkrustungen, die in Jahrzehnten als Selbstschutz gewachsen sind und die, ich vergesse das nicht, Widerstand waren gegen Eingrenzung und Verbote, aufzubrechen.« (Sächsische Akademie der Künste. Zwanzig Jahre 1996–2016 (2017), S. 36)
2026, ein Jahrzehnt später, begeht die Sächsische Akademie der Künste ihr 30-jähriges Bestehen. Mit einer Ausstellung wird die Geschichte der Akademie beleuchtet (in Vorbereitung). In weiteren Schaufenstern werden wir in diesem Jahr an die ersten Mitgliederversammlungen, erste Initiativen und Resolutionen der Akademie vor 30 Jahren erinnern und dies mit den Fragen unserer Zeit ins Verhältnis setzen.
Publikationen zu diesem Thema:
Die Begrüßungsansprachen von Kurt Biedenkopf und Wieland Förster zur Gründungsveranstaltung am 23. Januar 1996 sind ebenso wie Werner Schmidts Resümee dokumentiert im ersten Jahrbuch der Sächsischen Akademie der Künste (1996–1997–1998, Dresden, 2000).
Im Band »Zwanzig Jahre 1996–2016« finden Sie u.a. Rückblicke zur Akademiegründung von Friedrich Dieckmann, Wieland Förster, Günter Neubert, Peter Gülke, Reiner Kunze, Gerda Lepke, Heinrich Magirius, Michael Morgner, Max Uhlig, Ingo Zimmermann, Benedikt Dyrlich, Karl-Heinz Gerstenberg, Aline Fiedler und Franz Sodann. Sächsische Akademie der Künste. Zwanzig Jahre 1996–2016 (2017)
Die Publikationen können über die Geschäftsstelle der Akademie bezogen werden.
Sächsischen Akademie der Künste
Palaisplatz 3
01097 Dresden
E-Mail: info@sadk.de
Tel. + 49 (0) 351 810763-00
Welche Dokumente das Akademiearchiv zur Gründung und Anfangsphase verwahrt, ist nachzulesen in dem Beitrag von Johanna Aberle: Allem Anfang wohnt ein Zauber inne, in: Dresdner Hefte Nr. 162 (2025), S. 65–69.




