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Archiv-Schaufenster

»wer keinen grund sieht muss im nirgends ankern« Dokumente und Dichtung aus der Lausitz. Rückblick auf den bundesweiten Tags der Archive zum Thema »Alte Heimat – neue Heimat«


Zum 13. bundesweiten Tag der Archive unter dem Titel »Alte Heimat – neue Heimat« am 7. März 2026 widmete sich das Archiv der Sächsischen Akademie der Künste der Lausitz als einem Raum tiefgreifender physischer, sprachlicher und kultureller Umbrüche. Dr. Johanna Aberle und Anne Koban sprachen mit der deutsch-sorbischen Dichterin Róža Domašcyna über verschwundene Dörfer, Überlieferungsspuren und Literatur als Erinnerungsort. Präsentiert wurden Fotos und Erinnerungen an das 1976 abgebaggerte Dorf Tzschelln und seine Bewohner.

Alle zwei Jahre ruft der Verband deutscher Archivarinnen und Archivare e.V. (VdA) zu einem bundesweiten Tag der Archive auf, um die Öffentlichkeit mit den vielfältigen Funktionen von Archiven bekannt zu machen. 2026 richtete sich der Fokus auf Archivbestände über Migration, Flucht, Ankommen, Verwurzelung und Entwurzelung und den Wandel von Gemeinschaften. Was bewegt Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten? Lassen sich Traditionen an neuen Orten bewahren?

Radio-Feature und archivische Überlieferung

Ein Radio-Feature über Tzschelln / Čelno, das Róža Domašcyna 1990 für den Deutschlandsender Kultur produziert hat und aus dem Ausschnitte präsentiert wurden, war der Ausgangspunkt für die Frage, was an Erinnerungen und Dokumenten von Tzschelln und weiteren durch den Braunkohletagebau getilgten Orten in der Lausitz übrigblieb. In ihrem Vortrag informierte die Archivarin Johanna Aberle über die Auswirkungen der Devastierung des vormals im Kreis Weißwasser gelegenen Ortes Tzschelln für die mehrheitlich sorbische Einwohnerschaft, aber auch für kulturgeschichtlich wichtige Denkmale. Die 1788 erbaute Fachwerkkirche stand bis 1975 unter Denkmalschutz. Dieser wurde durch Beschluss des Rates des Kreises trotz eines gegenteiligen Gutachtens des Dresdner Chefkonservators Prof. Hans Nadler (1910-2005) mit Einverständnis des Kulturministers der DDR Hans-Joachim Hoffmann unter Auflagen 1976 aufgehoben. Nadler hatte vergeblich versucht, mit Verweis auf die Seltenheit dieses Bautyps in der Niederlausitz und der Charakterisierung der ausgereiften Konstruktion als „Endglied in der Volksarchitektur“ den Schutz der Kirche aufrechtzuerhalten, zumal erst wenige Wochen zuvor das Denkmalpflegegesetz der DDR am 1. Juli 1975 in Kraft getreten war.

Doch nicht nur im Sächsischen Landesamt für Denkmalpflege in Dresden oder im Zwischenarchiv Niesky des Landkreises Görlitz können Akten über Tzschelln eingesehen werden. Die archivübergreifende Recherche nach der Überlieferung des Dorfes erbrachte allein auf der Plattform Archivportal-D ca. 100 Treffer in sieben Archiven. Für eine erste Information über alle 136 verschwundenen Orte bzw. Ortsteile im Lausitzer Braunkohlenrevier steht insbesondere die Webseite „Archiv verschwundener Orte“ mit einer interaktiven Karte zur Verfügung. Dank der Unterstützung des Heimatvereins Tzschelln konnten die 2015 gedruckt erschienene Chronik und weitere Fotos des früheren Ortes und seiner Bewohner sowie der heutigen Erinnerungsstätte präsentiert werden. Auf weitere Literatur zum Thema konnte aus Zeitgründen nicht eingegangen werden.

Gespräch zu Literatur als Erinnerungsort

Anne Koban, Referentin für Presse und Öffentlichkeitsarbeit, führte in das Gespräch zur Literatur als Erinnerungsort ein, indem sie die Lausitz als besonderen Ort beschrieb, der vom Braunkohletagebau und Zerstörung, Sprach-, Kultur und Heimatverlust geprägt ist. Heimatverlust wird als drohender Identitätsverlust wahrgenommen, wenn identitätsstiftenden sorbischen Sprach-, Kultur- und Naturräume verschwinden. Die Sächsische Akademie der Künste hatte unter ihren Mitgliedern bedeutende literarische Stimmen, die in ihren Texten kritisch gegen das Verschwinden von Landschaften, Bräuchen und Sprache aus unserem Gedächtnis anschrieben: Wolfgang Hilbig (1941-2007), Elke Erb (1938–2024, lebte in Berlin und in Wuischke / Oberlausitz), Kito Lorenc (1938–2017). Ein weiteres Akademiemitglied ist Volker Braun, der u.a. in seinem Buch „Machwerk. Oder Das Schichtbuch des Flick von Lauchhammer“ (Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008) eine Figur entwirft, die bis zur Wende im Lausitzer Braunkohletagebau tätig und nun arbeitslos geworden nach neuem Sinn sucht. Die Lausitz wird hier zur geschundenen Gegend, die es "hinter sich hat".

Im Eröffnungsgedicht von Róža Domašcynas Gedichtband »die dörfer unter wasser sind in deinem kopf beredt« heißt es »wer keinen grund sieht muss im nirgends ankern«. Für Domašcyna, ebenfalls seit 2002 Akademiemitglied, gibt es einen starken biografischen Bezug zum Thema, der sich aus ihrer sorbischen Herkunft und ihren Erfahrungen im Braunkohlewerk ,,Glückauf“ Knappenrode ergibt. Sie erlebte, wie die Bagger Dörfer auffraßen und musste ihre Eindrücke aufschreiben, weil mit dem Verschwinden der Dörfer alles verschwand, die gestaltete Landschaft, die darin lebenden Menschen und ihre Sprache. Von den poetischen Ergebnissen ihres Schreibens konnte man sich bei der Lesung einiger Gedichte einen Eindruck verschaffen. 2026 ist eine Werkausgabe ihrer Gedichte mit dem Titel „Unterm weißleinenen tuch“ in der Sorbischen Bibliothek des Domowina-Verlags erschienen.

Domašcyna führt den Sprachverlust auf die gesellschaftlichen Veränderungen während der Industrialisierung zurück, aber auch auf die historische Unterdrückung der sorbischen Sprache in preußischer und NS-Zeit. Trotz staatlicher Anerkennung und Förderung für Sprachausbildung und Kulturförderung in der SBZ und DDR blieb ein Misstrauen der Sorben gegenüber Staat und deutscher Mehrheitsgesellschaft lebendig. Auch nach der deutschen Wiedervereinigung wurde die Schrumpfung des sorbischen Siedlungsgebiets durch die Braunkohleförderung nicht beendet - diese soll voraussichtlich bis 2038 fortgesetzt werden.

Domašcyna sieht aber auch positive Beispiele, wenn sich junge Leute am Widerstand gegen die Abbaggerung von Mühlrose beteiligen oder junge sorbische Künstler mit innovativen Ansätzen zur Weiterentwicklung von Kultur und Traditionen beitragen. Ob der Bedeutungsverlust sorbischer Sprache zu stoppen ist, bleibt ungewiss, genauso wie der Erfolg der Renaturierungsmaßnahmen in den Tagebauen. Sorge bereitet ihr, dass das Bedürfnis, Sorbisch zu erlernen, bei Kindern und Jugendlichen eher gering scheint. Außerdem sind antisorbische Ressentiments vorhanden, werden immer wieder Beschädigungen an sorbischen Denkmalen festgestellt. Nachteilig wirkt sich aus, dass Sorben ihre Interessen nicht mit einer Stimme vertreten, sondern verschiedene sorbische Vertretungen/Organisationen (Serbski Sejm / Domowina) um Einfluss konkurrieren. Als historisches Vorbild für ein vielfältiges Engagement für Sprache, politische Selbstbestimmung und Kultur stellte Domašcyna den sorbischen Philologen und Verleger Jan Arnošt Smoler (1816-1884) vor.

Transformationsprozesse der Lausitz waren seit 1996 Thema in der Sächsischen Akademie der Künste, nicht nur aus literarischer Perspektive, erinnerte zum Schluss Anne Koban. Auch die Mitglieder der Klasse Baukunst widmeten sich in mehreren Tagungen dem Stadtumbau Ost in Hoyerswerda durchführten. Die dazu erschienene Publikation „Stadtumbau Ost – Superumbau Hoyerswerda“ (Redaktion: Dr. Klaus Michael und Kirsten Böhme, 2005) zur städtebaulichen Entwicklung Hoyerswerdas im Kontext der ostdeutschen Transformation nach der Wende, ist leider vergriffen.

Zum Abschluss der Veranstaltung wurde ausgewählte Korrespondenz aus einer Akte des Sächsischen Landesamtes für Denkmalpflege über Tzschelln und seine Denkmale gezeigt und mit den Anwesenden über Möglichkeiten diskutiert, der sorbischen Kultur und Sprache auch außerhalb der Lausitz zu mehr Anerkennung und Repräsentanz zu verhelfen.

 

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