Zum Hauptinhalt springen

Emil Schumacher

Maler und Künstler
Klasse Bildende Kunst

* 1912 in Hagen · † 1999 in San José · 1932–1934 Studium der Werbegrafik an der Handwerker- und Kunstgewerbeschule in Dortmund · 1935 freier Maler · 1939–1945 Technischer Zeichner in einem Rüstungsbetrieb · 1947 Mitglied der Recklinghäuser Künstlergruppe  »junger westen« · 1951 Reise nach Paris · 1958–1960 Professor an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg · Reisen nach Libyen, Tunesien, Südamerika und in die USA · 1966–1977 Professor an der Staatlichen Akademie der bildenden Künste in Karlsruhe · 1968 Mitglied der Akademie der Künste Berlin (West) · ab 1971 jährliche Aufenthalte auf Ibiza · 1998 Mitglied der Sächsischen Akademie der Künste · lebte in San José auf Ibiza

Preise und Ehrungen (Auswahl)
1948 Preis der Gruppe »junger westen« · 1958 Guggenheim Award New York · 1959 Preis der Internationalen Biennale in Tokio · 1962 Cardazzo-Preis und Erster Preis der I. Internationalen Kunstausstellung in Saigon · 1963 Großer Kunstpreis von Nordrhein-Westfalen Düsseldorf · 1965 Zweiter Preis der VI. Exposition Internationale de Gravure in Ljubljana · 1978 August Macke Preis Meschede · 1981 Pour le mérite für Wissenschaften und Künste · 1982 Rubenspreis der Stadt Siegen und Ehrenring der Stadt Hagen · 1983 Großes Bundesverdienstkreuz mit Stern · 1987 Ehrenbürger der Stadt Hagen, Jerg-Ratgeb-Preis der HAP-Grieshaber-Stiftung und der Stadt Reutlingen, Preis der Europäischen Akademie für Bildende Kunst Trier und Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen · 1988 Silber-Medaille der 2. Internationale Biennale Bagdad · 1990 Bürger des Ruhrgebiets, Verein Pro Ruhrgebiet · 1991 Harry-Graf-Kesseler-Preis des Deutschen Künstlerbundes · 1992 Ehrendoktor der Technischen Universität Dortmund · 1993 Salle dʼhonneur der XX. Biennale Internationale de Gravure Ljubljana · 2009 Eröffnung des Emil-Schumacher-Museums in Hagen

Personalausstellungen (Auswahl)
1956 Freie Künstlergemeinschaft Schanze Münster · 1957 Galerie il Milione Mailand · 1958 Galerie van de Loo München, Galerie Stadler Paris · 1959 Samuel M. Kootz Gallery New York, Galleria La Medusa Rom · 1961 Kestner-Gesellschaft Hannover · 1962 Kunstverein Hamburg · 1963 VII. Biennale São Paulo · 1966 Biennale 1967 Nationalgalerie Prag · 1971 Kunstverein Düsseldorf · 1975 Karl-Ernst Osthaus-Museum Hagen und Galeria Internacional de Arte Madrid · 1988 Nationalgalerie Berlin · 1993 Kunsthalle Rostock · 1994 Städtische Galerie Karlsruhe · 1995 BAT-Kunstfoyer Hamburg · 1996 Saarland Museum Saarbrücken · 1997 Karl Ernst Osthaus Museum und Hagen und Sprengel-Museum Hannover  · 1997/98 Galerie nationale du Jeu de Paume Paris, Staatliche Kunsthalle Hamburg und Haus der Kunst München · 1999 Städtisches Kunstmuseum Spendhaus Reutlingen und Altes Rathaus Schweinfurt · 2001 Kunsthalle Emden · 2003 Villa Wessel  Iserlohn ·  2009/2012/2013/2016/2019 Emil-Schumacher-Museum Hagen · 2013 Ulmer Museum und Kunsthalle St. Annen Lübeck · 2018 Museum Küppersmühle für Moderne Kunst Duisburg

Publikationen
Eigene Schriften, Kataloge und Schriften anderer Autoren(Auswahl)
Thwaites, John Anthony: Eine Kunst der Metamorphose. In: Das Kunstwerk. Heft 5. Baden-Baden 1955 · Aufsatz von Hans Platschek in: Galerie Parnaß. Wuppertal 1956 · Aufsatz von Franz Roh in: Katalog der Galerie 22. Düsseldorf 1957 · Aufsatz von Will Grohmann in: Katalog der Gallerie La Medusa. Rom 1959 · Farben und Einfälle. In: Blätter und Bilder. Heft 3/4. Würzburg 1959 · Neue Kunst in Deutschland. In: The Geijutsu Shino. Heft 10. Tokio 1960 · Aphorismen. In: Ein Buch mit sieben Siegeln. Heidelberg 1972 · Schmalenbach, Werner: Emil Schumacher. Köln 1981 · Güse, Ernst Gerhard: Emil Schumacher. Djerba. Stuttgart 1983 · Jensen, Jens Christian: Emil Schumacher. Maroc. Stuttgart 1987 · Aufsatz von Dieter Honisch in: Emil Schumacher. Späte Bilder. Berlin 1988 · Aufsatz von Thomas M. Messer in: Emil Schumacher. Recent paintings. New York 1991 · Zuschlag, Christoph: »Alle Malerei ist Zerstörung«. Anmerkungen zu einem Aspekt des Werks Emil Schumachers. In: Kunstpresse Wien. 4/1992 · Klant, Michael; Zuschlag, Christoph (Hg.): Emil Schumacher im Gespräch. »Der Erde näher als den Sternen«. Stuttgart 1992 · Zuschlag, Christoph: Der unbekannte Schumacher. Ein wiederentdecktes Wandbild in Hagen. In: Weltkunst. Hamburg 65/1995 · Handke, Peter: Emil Schumacher, ferne Figur. Ferne Figur? In: Emil Schumacher. Retrospektive. München 1997 · Emil Schumacher. Der Erde näher als den Sternen. Malerei 1936–1999. München 2007 · Güse, Ernst-Gerhard (Hg.): Emil Schumacher. Leben in der Malerei. Gespräche und Texte. Ostfildern 2008 · Güse, Ernst-Gerhard: Emil Schumacher. Das Erlebnis des Unbekannten. Ostfildern 2011 · Emil Schumacher ‒ Blätter aus dem Engadin. (Hg. Ulrich Schumacher und Rouven Lotz) Dortmund 2019

Gedenken

In Erinnerung an Emil Schumacher (1912‒1999)

Nachruf von Wolfgang Holler

Emil Schumacher zählte zu Lebzeiten, und insbesondere in den späten fünfziger bis in die achtziger Jahre, zu den herausragenden künstlerischen Persönlichkeiten in Westdeutschland. Geboren wurde er 1912 in Hagen in Südwestfalen; er starb1999 in San José auf der spanischen Mittelmeerinsel Ibiza. Von 1932 bis 1934 studierte Schumacher Werbegrafik an der Handwerker- und Kunstgewerbeschule in Dortmund. Anschließend war er von 1935 bis 1939 freischaffend tätig, bevor er zwischen 1939 bis 1945 als technischer Zeichner in einem Rüstungsbetrieb verpflichtet wurde.

Schumachers künstlerischer Aufstieg begann in der unmittelbaren Nachkriegszeit als Mitglied der Recklinghäuser Künstlergruppe »junger westen«, die er 1948 gemeinsam mit Thomas Grochowiak, Heinrich Siepmann, Hans Werdehausen, Gustav Deppe sowie den Bildhauern Ernst Hermanns und Hermann Breucker gegründet hatte. Ziel war es, die ‚Winkelkunst‘ des Bauhauses zu überwinden und die künstlerischen Kräfte frei zu entwickeln. Damals arbeitete Schumacher wieder freischaffend und experimentierte zunächst mit kubistischen Landschaften. Eine Auslandsreise führte ihn 1951 nach Paris, wo er die neuesten Strömungen des Tachismus und der École de Paris kennenlernen konnte.

In den folgenden Jahren entwickelte er zielstrebig seinen unverwechselbaren Stil, der bald schon von Sammlerinnen und Sammlern geschätzt und für öffentliche Museen erworben wurde. 1958 übernahm er eine Professur an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg, die er für zwei Jahre innehatte.  Seine Lehrtätigkeit führte er von 1966–1977 als Professor an der Staatlichen Akademie der bildenden Künste in Karlsruhe fort.

Schumacher war bereits Teilnehmer der documenta II, 1959. Diese zweite, von Werner Haftmann kuratierte documenta legte einen Schwerpunkt auf die abstrakte Kunst und bezog erstmals im großen Umfang die amerikanische Kunst der Nachkriegszeit mit ein. So wurden die Gemälde des Informel und der europäischen Abstraktion mit den amerikanischen Stars, de Kooning, Guston, Pollock oder Rauschenberg, konfrontiert. Auf der folgenden documenta III, 1964, war Schumacher wiederum, diesmal mit drei großformatigen Bildern vertreten. Auch auf der documenta 6, 1977, die von Manfred Schneckenburger und Wieland Schmied kuratiert wurde, war Schumacher zu sehen. Diese documenta legte einen Akzent auf die Fotografie und den Film und stellte der westdeutschen Abstraktion erstmals Hauptvertreter des sozialistischen Realismus in der DDR wie Willi Sitte, Bernhard Heisig, Werner Tübke und Wolfgang Mattheuer gegenüber.

1988 stellte Dieter Honisch Schumacher in der Berliner Nationalgalerie aus. 2009 eröffnete in Hagen das Emil-Schumacher-Museum, das sein Sohn bis zu seinem Tode 2021 leitete und das mit dem Osthaus-Museum Hagen baulich verbunden ist. Zuletzt widmete ihm das Museum Küppersmühle für Moderne Kunst 2018/19 unter dem Titel »Emil Schumacher – Inspiration und Widerstand« in Duisburg eine umfassende Ausstellung.

Unter den vielen Preisen und Ehrungen, die er entgegennahm, seien erwähnt: 1959, der Preis der Internationalen Biennale in Tokio, 1963 der Große Kunstpreis von Nordrhein-Westfalen, 1968 Wahl zum Mitglied der Akademie der Künste Berlin (West), Aufnahme in den Orden Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste im Jahr 1981. Schumacher wurde 1987 Ehrenbürger seiner Heimatstadt Hagen und erhielt 1992 die Ehrendoktorwürde der Technischen Universität Dortmund.

Seine Werke finden sich heute in allen namhaften westdeutschen Museen und graphischen Sammlungen, aber zum Beispiel auch in der Kunstsammlung der Städtischen Museen Jena und im Kupferstich-Kabinett Dresden. Auch im westlichen Ausland wurde Schumachers Kunst gesammelt. Unter Schumachers Kunstwerken für den öffentlichen Raum finden sich u. a. großformatige Mosaikarbeiten für die U-Bahn-Station Colosseo in Rom.

Sein heute berühmtes Werk entwickelte sich in den 1950er Jahren, als er zu einem Hauptvertreter des Europäischen Informel wurde, einer vor allem den Westen, aber auch Osteuropa erfassenden Kunstrichtung, die von einem Willen zur Freiheit von normativer Beschränkung und zur eigenen Weltausdeutung getragen war. Das »Unbekannte« zuzulassen, dem »Unbekannten neue Werte zu entreißen«, wie es Willi Baumeister formulierte, war Schumachers Ziel. Schumacher suchte sich, ausgehend von seiner Landschaftsmalerei, in der bewussten materialen, ›geerdeten‹ Gebundenheit seiner Werke in ihrer gedämpften bis leuchtenden Farbigkeit von einer reproduktiven, beschreibenden und interpretativen Kunst zu befreien und nach den evokativen Potentialen der Kunst zu forschen. Entstanden sind dabei bildnerische Landschaften, in denen sich sein künstlerisches Selbst ausspricht. Karl Ruhrberg, einer der wichtigen Interpreten seines Schaffens, sprach davon, dass man vor Schumachers Bildern daran erinnert werde, dass Kunst selbst Natur sei und Norbert Kricke ergänzte, dass in der Kunst die Natur mit sich selbst ins Gespräch komme. Zentral wurde für Schumacher der künstlerische Gestus und die Merkmale des Bilderschaffens (Linie, Form, Farbe, Raum, Rhythmik). Wie für viele Künstler des damaligen Informel gilt auch für Schumacher, dass der aktionsorientierte Schöpfungsprozess konstitutiven Anteil am Werk hat und gleichsam mit dem vollendeten Kunstwerk konkurriert. Wesentlich auch wurde der Einbezug des Betrachters, dessen Schauen selbst als künstlerischer Akt verstanden wird, der von den Suggestionen, die das Kunstwerk in ihm hervorruft, zu eigenen Deutungsansätzen stimuliert. Heinrich von Kleist schon bemerkte in seinem berühmten Text »Empfindungen vor Friedrichs Seelenlandschaft« in den Berliner Abendblättern von 1810 mit Blick auf den Anteil des Betrachters: »… und das, was ich in dem Bilde selbst finden sollte, fand ich erst zwischen mir und dem Bilde.«

Die Glaubwürdigkeit, die Emil Schumachers Werk bis heute auszeichnet, liegt nicht mehr in ihrem frühen emphatischen Bewältigungs- und Wahrheitsdrang, in einer Art existentialistischem Zurückgeworfensein auf sich selbst, denn allzu schnell wuchs die Gefahr einer konfektionierten Blutleere unter den Vertretern des Informel und der expressiven Abstraktion. Schumachers Bedeutung liegt vielmehr in der Konkretisierung und Beschränkung auf mehr oder weniger bewusste Problemstellungen im künstlerischen Agieren und im souveränen Umgang mit dem bildschaffenden Material, letztlich sogar im erneuten Einlassen auf die Außenwelt und die Auseinandersetzung mit ihr. Auf die Frage, ob er dabei ein konkretes Thema habe, antwortete er ein Jahr vor seinem Tod lapidar: »Gute Bilder zu machen und immer wieder zu malen.«

Emil Schumacher wurde 1998 als ordentliches Mitglied der Klasse Bildende Kunst in die Sächsische Akademie der Künste berufen. Seine Wahl galt nicht nur der hohen Wertschätzung einer großen, integren deutschen Künstlerpersönlichkeit. Seine Wahl in Dresden darf auch als Hinweis darauf verstanden werden, dass auch im Osten Deutschlands sehr wohl informell-abstrakte Strömungen aufgegriffen, künstlerisch praktiziert und verstanden wurden, wenn man etwa an Hans Christoph, Edmund Kesting, Hermann Glöckner, Helmut Schmidt-Kirstein oder Wilhelm Müller denkt. Wie eine Brücke erscheint dabei Karl-Otto Götz, der kurze Zeit in Dresden studiert hatte und später neben Emil Schumacher zu einem Hauptvertreter des deutschen Informel wurde.