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Archiv-Schaufenster

Blick in die Peter-Sodann-Bibliothek in Staucha, Foto
Wilfried Trompelt, Johanna Aberle und Heiko Isopp in der Peter-Sodann-Bibliothek Staucha, hinter einem Büchertisch
Blick in die Bibliotheksregale, hier: Verlag der Kunst Dresden
Ausstellungsplakate und Bücher zur Ausstellung Leseland DDR in der Peter-Sodannn-Bibliothek Staucha
Banner mit Zitaten u.a. von Bertolt Brecht an der Außenwand der Peter-Sodann-Bibliothek in Staucha

Besuch in der Peter-Sodann-Bibliothek in Staucha


Anfang Oktober hatte ich Gelegenheit, die Peter-Sodann-Bibliothek eG (PSB) im Rittergut Staucha, Gemeinde Stauchitz zu besuchen. Die Einladung war bei einem vorherigen Besuch der Genossenschaftsvorständin Hansi Merkel und des Genossenschaftsmitglieds Wilfried Trompelt in der Sächsischen Akademie der Künste (SAK) in Dresden ausgesprochen worden.

Bei dem Besuch ging es um einen ersten Austausch, auf welche Weise Kulturerbe-Einrichtungen der Region besser zusammenwirken können, um Kulturgut für zukünftige Generationen zu bewahren und der Erforschung zugänglich zu machen. Denn zu den gesetzlichen Aufgaben der SAK gehört auch, »die Überlieferungen des traditionellen sächsischen Kulturraums zu pflegen« (SächsAKG).

Ein Rittergut als Bibliotheksstandort

Das mit Fördermitteln restaurierte Rittergut Staucha machte bei meinem Besuch bei strahlender Herbstsonne einen einladenden Eindruck. Schmuckstück ist das als Gemeindeamt Stauchitz genutzte Gutshaus auf der einen Seite des Gebäudekomplexes. Im rechten Winkel dazu haben die PSB in der sogenannten Markthalle (dem früheren Kuhstall) und auf zwei Etagen darüber die umfangreiche Bücher- und Zeitschriftensammlung ihren Sitz. Weitere Räumlichkeiten kann die Bibliothek für das Antiquariat und das Buchlager in der angrenzenden Scheune nutzen.

Von der Bücherrettung zur Büchersammlung

Genossenschaftsvorstand Heiko Isopp gehört zu ca. einem Dutzend überwiegend ehrenamtlich Tätiger, die sich wochentags regelmäßig in der Bibliothek einfinden, um den Sammlungsbestand zu ergänzen, die Katalogisierung der Publikationen voranzubringen und Besucher zu begrüßen. Von den Bibliotheksbeschäftigten nehmen einige lange Anfahrtswege in Kauf, um die Idee der Bibliothek und deren Fortbestand tatkräftig zu unterstützen. 

Herr Isopp führt mich durch die Spezialbibliothek der im Osten Deutschlands 1945‒1990 erschienenen Literatur. Diese Sammlung ist hervorgegangen aus aufgelösten Betriebs-, Schul- und Behördenbibliotheken der DDR, als nach 1990 hunderttausende Bücher auf Initiative des Schauspielers und Hallenser Theaterintendanten Peter Sodann (1936-2024) erst im Neuen Theater Halle und in einem Lager in Merseburg vor der Vernichtung gerettet wurden. Seit 2011 ist die Büchersammlung im Rittergut Staucha zuhause, zwischen Meißen, Riesa und Döbeln gelegen. Nun schon seit dreieinhalb Jahrzehnten wurde auch aus vielen privaten Händen Literatur aller Sachgebiete und Genres entgegengenommen, um sie dauerhaft zu retten. Der Gesamtbestand umfasst inzwischen ca. 2,5 Mio. Bände, eine Außenstelle in Magdeburg eingeschlossen. Zur Verwirklichung wurde zunächst ein »Verein zur Förderung, Erhaltung und Erweiterung einer Sammlung von 1945 bis 1990 im Osten Deutschlands erschienener Literatur (Peter-Sodann-Bibliothek) e.V.« gegründet. Noch immer gehen Bücher, Zeitschriften und weitere Drucksachen ein, die der Komplettierung der Sammlung dienen. Außerdem wartet ein großer, z.T. noch ungeordneter Lagerbestand in der Scheune auf die Bearbeitung unter dem Motto »In den Bananenkisten des Westens schlummert das Wissen des Ostens«.

Die Genossenschaft sucht neue Wege der Wirksamkeit

Peter Sodann hat zu Lebzeiten mit regelmäßigen Lesungen, Gesprächen und Führungen viele Besucher nach Staucha gelockt und zur Unterstützung seines Projekts sowie zum Kauf überzähliger Exemplare im Hofbuchladen animiert. Nach dem Tod des charismatischen Bibliotheksgründers mussten neue Wege gefunden werden, das Projekt fortzuführen. Seit November 2018 hat eine Genossenschaft den ursprünglichen Verein als organisatorisches Rückgrat der Bibliothek abgelöst. Fachliche Anerkennung als Spezialbibliothek hat die PSB durch Aufnahme in den Deutschen Bibliotheksverband gefunden. Mitarbeitende der Bibliothek sind dabei, den Periodika-Bestand in die Zeitschriftendatenbank ZDB einzugeben und damit öffentlich nachzuweisen. Ebenso verweist eine Kooperationsvereinbarung mit der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin auf den Stellenwert der Sammlung für die Forschung. 

Für die Ausstellung »Leseland DDR«, die 2022 durch die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur erstmals präsentiert wurde, stellte die PSB die Buchrücken für Fotoaufnahmen und Interviews mit Peter Sodann u.a. prominenten Unterstützern zur Verfügung. Die Wanderausstellung ist seitdem in Schulen und öffentlichen Einrichtungen zu sehen. Die PSB hat zudem Buchpakete zu den Themen der Ausstellung an die Veranstalter geliefert, die ergänzend zu den Schautafeln für die Ausstellung genutzt werden können. »Leseland DDR« ist bei der Bundesstiftung Aufarbeitung erhältlich und sorgt für eine größere Sichtbarkeit der PSB in Ostdeutschland und darüber hinaus.

Das besondere Profil

Herr Isopp schätzt, dass inzwischen ca. 250.000 Titel von Büchern, Zeitschriften, anderen Periodika und Drucksachen wie z.B. Festschriften gesammelt und katalogisiert wurden. Damit sind ca. 70 Verlage vertreten, darunter große Verlage wie der Aufbau-Verlag oder der Mitteldeutsche Verlag, aber auch viele kleinere wie der Insel-Verlag. Zu den Besonderheiten dieser Präsenzbibliothek gehört, dass die gesammelten Publikationen nach Verlagen geordnet aufgestellt sind und so einen besseren Überblick über das jeweilige Verlagsprogramm erlauben: Autoren, Themen, Nachauflagen. Jede Erstveröffentlichung wird in zwei Exemplaren gesammelt, von nachfolgenden Auflagen jeweils ein Exemplar. Das geschieht, um Textveränderungen zwischen den Auflagen nachvollziehen zu können. 

Die schöne Lage des Standorts in der Lommatzscher Pflege ist allerdings nicht verkehrsgünstig, wenn man auf den ÖPNV angewiesen ist. Umso mehr freut sich die Bibliothek über Besucher und Forschende, die die Bibliothek nutzen möchten, um zum Verlagswesen der DDR, aber auch speziell zu Schutzumschlägen zu recherchieren. Schutzumschläge werden, soweit noch vorhanden, mit den Büchern aufbewahrt und sind eine wichtige bibliografische, aber auch kunsthistorische Quelle, weswegen auch schon Studierende der Buchgestaltung zu Besuch kamen.

Das Antiquariat, das zu Öffnungszeiten persönlich im Hofbuchladen, aber vor allem online besucht werden kann, erhält Buchbestellungen nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus den USA, Großbritannien, China oder Japan. Die Erlöse decken einen Teil der Betriebskosten der Bibliothek. Besonders gut nachgefragt werden Kinder- und Jugendbücher. Aber auch für Schul- oder Studienzwecke können z.T. ganze Klassensätze eines Romans zur Verfügung gestellt werden. 

Suche nach Aufmerksamkeit und Vernetzung

Dass das Thema DDR-Literatur und -verlage derzeit an Aufmerksamkeit gewinnt, dafür sorgen die Veröffentlichungen von Carsten Gansel »Ausradiert? Wie die Literatur der DDR verschwand« (2026) und Christoph Links »Das Schicksal der DDR-Verlage« (2010) sowie »Verschwundene Verlage. Ein unbekanntes Kapitel ostdeutscher Kulturgeschichte (1945–1990)« (2026). Dennoch fehlen bisher aus der Landes- und Bundespolitik Signale, dass den schwierigen und langfristig unsicheren Bedingungen, unter denen die PSB betrieben wird, in den nächsten Jahren abgeholfen werden soll.

Im Austausch mit unserem Akademiemitglied, dem Hallenser Literaturwissenschaftler Stephan Pabst, wird allerdings klar, dass es auch der Veränderung konzeptioneller Vorstellungen seitens der PSB bedarf. Stephan Pabst stellt fest: »Die Sammlungspolitik führt dazu, dass die PSB auch sehr viele Dubletten lagern muss, die nicht in dem Umfang veräußert werden können, der die Arbeit der PSB finanzieren würde. Auf Grund der eher ungünstigen infrastrukturellen Voraussetzungen, sind auch Veranstaltungen vor Ort nur sehr bedingt zu realisieren. Sinnvoll wäre ein Veranstaltungskonzept, das in die mitteldeutsche Fläche geht mit anderen Partnern (der Sächsischen Akademie der Künste, dem Zukunftszentrum Halle, Zentrum für vergleichende DDR- und Transformationsforschung Leipzig), oder dass man den Ort selbst als Veranstaltungsort mit einem Seminarraum und Unterkünften einrichtet, so dass mehrtägige Veranstaltungen möglich werden. Anreisen für einzelne Veranstaltungen sind selbst mit dem Auto zu aufwendig. Der Schwerpunkt sollte zudem auf der Bedeutung als einer Art »Bibliotheksdenkmal« liegen. Schließlich handelt es sich um die zusammenhängende und begehbare Sammlung der Literatur eines Landes. Während sich die PSB bisher eher als im weitesten Sinn Sammlung für ein breiteres an der Literatur der DDR interessiertes Publikum verstand, muss man sagen, dass dieses Publikum immer kleiner wird, was die Bedeutung der Sammlung eher in Richtung einer Forschungssammlung verschiebt. Dem müsste Rechnung getragen werden.«

Der mit der Sächsischen Akademie der Künste aufgenommene Kontakt der PSB ist ein Schritt zur besseren Vernetzung und Information entsprechender Kulturerbe-Einrichtungen untereinander. Um die Nutzungsmöglichkeiten und Relevanz der Bibliothek zu verbessern, braucht es verlässliche finanzielle Partner und auskömmliche Rahmenbedingungen zur Entwicklung einer Forschungseinrichtung. Vorerst ist den Betreibern viel Erfolg bei der Definition einer Vision, den nächsten Schritten dahin sowie der Suche nach entsprechenden Förderern zu wünschen. 

Johanna Aberle

Weitere Informationen zur Peter-Sodann-Bibliothek: psb-staucha.de

 

 

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