30 Jahre Sächsische Akademie der Künste
Vom neu konstituierten Landtag 1993/94 wurde die Akademie zusammen mit der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen und dem Sächsischen Kultursenat als eines der drei wesentlichen Förderinstrumente des Freistaates Sachsen gegründet. Mit der Berufung der 30 Gründungsmitglieder im Jahr 1996 nahm sie ihre Arbeit auf, »Freiheit und Anspruch der Kunst gegenüber Staat und Gesellschaft« zu vertreten (Satzung §1,1).996 wurden die Gründungsmitglieder der Sächsischen Akademie der Künste durch den Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf berufen. Kurzer Abriß zur Geschichte der Sächsischen Akademie der Künste
Eine neue Ausstellung Die Sächsische Akademie der Künste - in der Mitte Europas in der Geschäftsstelle der Akademie am Palaisplatz 3, 01097 Dresden, beleuchtet die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte dieser Institution. Ausstellung vom 25.06.2026 bis 09.10.2026, geöffnet dienstags bis donnerstags, von 10 bis 15 Uhr und auf Anfrage.
Kontakt: Dr. Johanna Aberle
Archivarin der Sächsischen Akademie der Künste
E-Mail: aberle@sadk.de
Tel. + 49 (0) 351 810763-05
Die Sächsische Akademie der Künste nimmt ihr 30-jähriges Jubiläum zum Anlass, um gegenwärtige Entwicklungen in den Künsten zu zeigen. Künstlerinnen und Künstler aus den Bereichen Tanz, Literatur, Baukunst, Film, Bildender Kunst und Musik - und damit aus allen Klassen der Sächsischen Akademie – präsentieren ihre Erwiderung auf die Frage »Wie wenig ist genug?« im Rahmen der Festveranstaltung der Sächsischen Akademie der Künste am 3. Juli 2026, 19 Uhr, in HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste.
Darüberhinaus regt die titelgebende Frage Mitglieder und mitwirkende Künstlerinnen und Künstler zu Repliken an. Diese unterschiedlichen Perspektiven können Sie auf dieser Seite nachlesen. Die Statements werden laufend ergänzt.
Wie wenig ist genug? Zur Zukunft der Künste im 21. Jahrhundert
BAUKUNST
»Auf der Bühne werden zwei Familien 15 Minuten ihrer Zeit mit Ihnen teilen und sich über produktiven und unproduktiven Mangel in Selbständigkeit, Lehre und Privatleben austauschen: über Kontrolle und Kontrollverlust, über Arbeit und Fürsorge, über Ressourcen und Erschöpfung, über die Frage, wie viel Offenheit Architektur, Lehre – und vielleicht auch das eigene Leben – aushalten können.«
Anika Gründer, Architektin, Mitglied der Klasse Baukunst der Sächsischen Akademie der Künste
»Die Frage ›Wie wenig ist genug‹ richtet sich für uns weniger auf Mengen als auf Trennungen: Wie sehr müssen wir unterscheiden zwischen Denken und Machen, Planen und Ausführen, Herstellen und Nutzen, Lehren und Praktizieren, Erziehen und Erwerbsarbeiten? Oder anders herum: Wie wenig Abstand zwischen den Dingen ist genug?«
Anne Femmer, Florian Summer, summacumfemmer Architekt*innen
»Die Erhaltung der Denkmäler erfordert zunächst ihre dauernde Pflege, so hält es Artikel 4 der Charta von Venedig (1964) fest. Anstrengungen zur Erhaltung des Bestehenden, realisiert mit großer Kontinuität und maßvollen, angemessenen Mitteln, sichern Baudenkmalen Bestand und Dauer. Sie sind zuallererst, noch vor Instandsetzung, Sanierung oder Renovierung Objekte der aufmerksamen Sorge, notwendiger Pflege. Ein Zuwenig sollte es hier nicht geben.
Diese Pflege hilft, Ressourcen und Energien zu schonen und aufwendige Eingriffe zu vermeiden. Sie verlangt uns aber das ab, was als besonders wertvoll gilt: Zeit. Baudenkmale verdienen diese Zeit: Sie ist in ihnen als unersetzbare historische Dimension materialisiert. Wenn wir unsere Zeit sorgsam investieren, bereichern wir das Bestehende, und gerade dann, wenn es nicht unmittelbar sichtbar wird.«
Sigrid Brandt, Musikwissenschaftlerin und Kunsthistorikerin, Mitglied der Klasse Baukunst der Sächsischen Akademie der Künste
BILDENDE KUNST
»Manchmal reicht ein einziges Objekt, um drei Generationen sichtbar zu machen. Ein Puppenhaus wurde für mich zu einem Archiv von Erinnerungen, Verlusten, Sehnsüchten und Widersprüchen. Je länger ich mich damit beschäftige, desto mehr verschiebt sich die Frage von dem, was fehlt, zu dem, was sein könnte.«
Mathilda Augart, Bildende Künstlerin
DARSTELLENDE KUNST
»How little is enough?« is a dangerous question for art. Art has always learned to survive with little — little money, little space, little certainty. But survival should not become the measure of success. We can create from limitation. Sometimes limitation even sharpens imagination. But when artists spend more energy surviving than creating, something essential quietly disappears.
Chiara de Nobili und Alexander Miller, Tanzkompagnie Miller de Nobili
FILM
»Wie wenig ist genug?« ist für uns keine theoretische Frage, sondern eine künstlerische Haltung. In unseren Filmen interessieren wir uns für einfache Gesten und unscheinbare Momente, aus denen große Welten entstehen können. Gerade in der Animation zeigt sich, dass es oft nicht der Überfluss ist, der berührt, sondern Reduktion, Aufmerksamkeit und Fantasie. Mit Arbeiten wie den »Lutken« oder »Pumphut« erzählen wir Geschichten, die mit wenigen Mitteln auskommen und dabei Raum für Humor, Magie und eigene Gedanken lassen. Vielleicht liegt im »Genug« nicht der Verzicht, sondern die Möglichkeit, wieder genauer hinzusehen.«
Eliza Plocieniak-Alvarez, Animationsfilmstudio Blaue Pampelmuse
»Stroh zu Gold spinnen zu können ist eine überlebensnotwendige Fähigkeit, ohne die in meiner Branche keiner eine Zukunft hätte. Meine Branche, das sind vor allem die Animations- und Kinderfilmschaffenden. Die Freude über Erfolge des eigenen Wirkens kann weit tragen.
Aber auf Dauer braucht es schon ein erhebliches Potential an Selbstermutigung, um über die ungleiche Verteilung von Risiken, Einkommen und Altersvorsorge hinwegzusehen. Die Kluft zwischen Kulturschaffenden auf der einen Seite und Kulturverwaltern und Berufspolitikern auf der anderen ist unübersehbar und Teil einer großen »Unwucht« in unserer gespaltenen Gesellschaft. Die Attraktivität schwindet rasch, wenn die aus dem Kinosaal nachhallende Begeisterung der Realität im Schaffensalltag weicht.
Wenn wir künftigen Generationen Mut machen wollen, müssen wir diese Ungleichheiten nachhaltig angehen. Am besten gemeinsam.«
Ralf Kukula, Filmemacher Dresden, Mitglied der Klasse Darstellende Kunst und Film der Sächsischen Akademie der Künste
»Wie wenig ist genug? Die Frage erreicht uns fern der Heimat, fern vom alten Europa im doppelten Sinne, mitten in Ostafrika, Tansania. Wir beobachten hier gewaltige Transformationen. Keine kleinteilige deutsche Zeitenwende auf der Suche nach Ausgleich und Kompromiss – sondern ein großer, diktatorisch verordneter Sprung aus teils archaisch-religiösen Strukturen in rücksichtsloser Beschleunigung – koste es, was es wolle. China, Türkei, Indien und die arabischen Staaten sind hier die großen Player. Es geht um Ressourcen, Bodenschätze, um Megaprojekte – eingebettet in eine explodierende Population, schwindelerregende Korruption und Verantwortungslosigkeit - »Goldgräberstimmung«.
Der Preis: Infrastruktur und Umwelt manövrieren nahe am Kollaps. Eine Welt, sehr fern unserer europäischen Werte und Selbstvergewisserung. Stets im Heute, geschichtslos und einzig dem großen Glücksversprechen einer goldenen Zukunft verpflichtet, das selbst den ärmsten Fischer beflügelt.
Mit einem Freund tauschten wir uns dieser Tage über das Glück aus. Es ging um die Korrelationen von Temperaturen und Glücksempfinden. Es ging um Hans im Glück, der immer im Augenblick seine Glücksentsprechung findet, obwohl die Folgen seiner Handlung gemeinhin mit »Pech« assoziiert würden. Die Glückslogik im Augenblick ist befreit von Verantwortung für das Morgen – das ist fatal und erleichternd zugleich. Und es ging um Phänomene der Wahrnehmung, die kein Morgen kennen, um anthropologische Muster, die etwas mit Klima, ganzjähriger Verfügbarkeit versus Vorratshaltung zu tun haben.
Dazu gäbe es noch viel zu schreiben, aber warum berichten wir das überhaupt? Vielleicht, weil die großen Worte, das Ringen um das Sinnfällige, um Traditionen, um Sprache – dieser Kontrast der Selbstvergewisserung, der das Fundament unserer Kunst bildet – hier für uns so exotisch und fremd geklungen hat.
So fühlt sich das an, das große, alte Europa – dachten wir wehmütig, als seien wir gerade ohne »Auftrag« aus Heiner Müllers »Fahrstuhl« gestiegen. «
Harriet Maria und Peter Meining, Mitglieder der Klasse Darstellende Kunst und Film der Sächsischen Akademie der Künste
LITERATUR
»Auf dem Süßknöchel/ der Wespe Klammergriff - lang/ lang her, du, long hair«. Für ein Haiku brauche ich nur siebzehn Silben, und wenn ich zweihundert Jahre alt werden könnte, würde ich den fünftausendseitigen Liebesroman »Vermeers Schatten« schreiben, der in meinem Grund- und Sickerwasser anwest. Kunst, in meinem Fall Schreibkunst, ist in der Kriegspfütze bei Gunter Eich, im Froschteich Bashos und auf der hohen See von Rimbaud und Shakespeare.
Beim Land Sachsen und seiner Akademie der Künste fällt mir ein Satz von Arno Schmidt aus seinem Deutschlandroman »Das steinerne Herz« ein: ›Kunst wäre so billig zu haben: und wird Euch Allen noch einmal so teuer zu stehen kommen!‹«
Wilhelm Bartsch, Schriftsteller (Halle), Mitglied der Klasse Literatur und Sprachpflege der Sächsischen Akademie der Künste
»Im Osten ist diese Frage selten abstrakt. Zu oft heißt »weniger« hier: keine Orte, keine Sichtbarkeit, keine Interessenvertretung, keine bezahlte Kulturarbeit. Die Sächsische Akademie der Künste ist einer der wenigen Räume, in denen künstlerische Erfahrung aus Ostdeutschland institutionell Gewicht hat. Wer sie so kürzt, dass sie kaum noch tagen, reisen, einladen, streiten kann, entzieht ihr die Stimme.«
Daniela Danz, Schriftstellerin, Mitglied der Klasse Literatur und Sprachpflege der Sächsischen Akademie der Künste
MUSIK
»So wie Rebecca Saunders in ihrem Werk »Scar« zarte Texturen und Resonanzen innerhalb einer ziemlich massiven Ensemblebesetzung untersucht, zugleich die Instrumente aber auch immer wieder in krassen Eruptionen zusammenbringt, die mal ein Ergebnis einer Entwicklung zu sein scheinen, mal selbst Auslöser für expressive Prozesse sind - so muss auch unsere Antwort auf diese Frage »Wie wenig ist genug?« widersprüchlich bleiben… Zum Glück gerät bei überzeugender Kunst unsere Wahrnehmung ins Wanken: Was ist Geste, was ist Präsenz? Liegt die Intensität im Beobachten des Impulses oder der Resonanz?«
Nicolas Kuhn, Dirigent und Komponist
»Wie wenig Freiheit wollen wir haben? Wie wenig Menschlichkeit soll uns umgeben? Wie wenig Entwicklung wollen wir als Menschen gehen? Kunst ist essentielle und vollwertige Nahrung. Sie ermöglicht Freiheit, Menschlichkeit und Entwicklung. Wer angesichts dessen nach Einsparungen fragt, offenbart nicht nur eine geistige Krise, sondern knabbert auch am Wertfundament unserer Weltgesellschaft. Wir erleben absurde Zeiten: Während der materielle Überfluss Höchststände erreicht, nehmen die Unzufriedenheitswerte der Gesellschaft zu. Während künstliche Intelligenz einen technologischen Fortschritt zeitigt, entfremden wir uns als Gesellschaft zunehmend, fallen in reaktionären Populismus zurück und lassen uns von einem entfesselten Kapitalismus beherrschen. Während sich das Weltwissen in immer höhere Sphären auftürmt, scheint die Wertschätzung für künstlerische Intelligenz in Sonntagsreden stecken zu bleiben. Wir leben in Zeiten, in denen die Ignoranz regiert, die Freiheit wankt und die Kunst immer weniger Entwicklung ermöglichen kann.
Die wahre Frage lautet, wie viel der künstlerischen Nahrung wir zusätzlich brauchen, um den besonderen Herausforderungen unserer Zeit nachhaltig zu begegnen – damit Freiheit, Menschlichkeit und gesellschaftliche Entwicklung uns wieder in dem Maße umgeben, wie wir sie zum Überleben brauchen.«
Olaf Katzer, Dirigent und Chorleiter, Mitglied der Klasse Musik der Sächsischen Akademie der Künste
