Archiv-Schaufenster
Erste Tagung zum Stadtumbau Ost vor 30 Jahren. Auftakt der Klasse Baukunst in Chemnitz
Die Sächsische Akademie der Künste bestand erst wenige Monate, da initiierte der Architekt und Sekretär der Klasse Günter Behnisch die erste Fachtagung im Herbst 1996. Es war die erste Akademieveranstaltung, die sich nach der Akademiegründung nicht mit Organisationsfragen beschäftigte. Die Tagung der Klasse Baukunst war dem Thema »Probleme des Städtebaus und der Stadtentwicklung« gewidmet und als ersten einer Reihe von Orten wählten die Beteiligten Chemnitz.
Helmut Trauzettels Baubilanz als Ausgangspunkt: »Drohender Infarkt der Stadtzentren«
Helmut Trauzettel, einer der wenigen Architekten aus der DDR in der neu gegründeten Akademie, hatte bereits im Deutschen Architekten-Blatt vom Januar 1996 eine »Bilanz nach 5 Jahren Bautätigkeit in den neuen Bundesländern« gezogen und festgestellt: »Die deutsche Akademie für Städtebau und Landesplanung (DASL) bemühte sich ebenfalls über die auf ihren Jahrestagungen verabschiedeten Erklärungen, den sich mit dem Infarkt ihrer Zentren ankündigenden Strukturwandel ostdeutscher Städte aufzuhalten. So hat z. B. Chemnitz schwer eine Chance, den urbanen Pulsschlag auf die Leerflächen seiner ehemaligen Stadtmitte zurückzuholen. Protzige Speckpolster am Autobahnring umlagern das auch von sozialen Bindungen ausgezehrte Fleisch im Geäder der Ausfallstraßen.«
Auf Einladung des Vorsitzenden des BDA (Bund Deutscher Architekten) Sachsen Dr. Karl-Heinz Barth – ab 2002 selbst Akademiemitglied – trafen sich am 27. und 28. September 1996 neun von elf Mitgliedern mit den für Stadtplanung Verantwortlichen und Interessierten in Chemnitz zu Fachvorträgen und Diskussionen. Im Mittelpunkt stand der Stadtumbau Ost in Chemnitz, einer Stadt, der es »nicht nur um einige Korrekturen am Stadtbild geht. In Chemnitz geht es wesentlich um ein neues Stadtbild in der City, um ein neues Image und um Identifikation der Chemnitzer mit ihrer Stadt«, wie es in der vom Dezernat Stadtentwicklung und Bauordnung der Stadt Chemnitz 1996 herausgegebenen Tagungsdokumentation »Chemnitz – Karl-Marx-Stadt – Chemnitz« heißt, auf die sich dieses Archivschaufenster zu großen Teilen stützt.
Keine Investoren für Umnutzung der Chemnitzer Industriearchitektur
Bei der Chemnitzer Tagung standen Vorträge zur Geschichte und Entwicklung der Stadt bis 1945 (Gert Richter), zur Industriearchitektur (Tilo Richter), zu Höhenpunkten der Architektur der 1920er Jahre (Jens Kassner), zur städtebaulichen Entwicklung 1945–1989 (Gertraud Schaarschmidt) sowie zu Problemen der Chemnitzer Stadtplanung und Stadtgestaltung (Bèla Dören) auf dem Programm.
Im Jahr 1996 fehlten in der Stadt solvente Interessenten, die eine produktive, gewerbliche oder wohnungsbauliche (Um-)Nutzung von denkmalsgeschützten Bestandsbauten anstrebten. In der Diskussion um den Erhalt von Chemnitzer Industriearchitektur des 20. Jahrhunderts wurden Vorschläge der westdeutsch geprägten Akademiemitglieder Günter Behnisch, Thomas Sieverts und Carlo Weber konfrontiert mit den Erfahrungen der baupolitisch Verantwortlichen in Chemnitz wie der Leiterin des Stadtplanungsamtes Gertraud Schaarschmidt:
Carlo Weber: Es gibt aber Beispiele wie Sonderwohnformen. In Berlin die Hackeschen Höfe zum Beispiel.
Gertraud Schaarschmidt: Diese Investoren sind in Chemnitz alle von ihren Anträgen zurückgetreten.
Carlo Weber: Was in anderen Städten geht, muss doch in Chemnitz auch möglich sein.
(Tagungsdokumentation, S. 18)
»Das war bei uns nicht anders«
Nach dem Vortrag von Gertraud Schaarschmidt zur Chemnitzer Stadtgestaltung 1945 bis 1989 wurden die Ursachen von Verfall und Abriss von Altsubstanz bei gleichzeitigem Neubauprogramm von Wohnungen und gesellschaftlichen Einrichtungen in der Ära der DDR diskutiert. Dabei offenbarten sich auch Parallelen und gemeinsame architektonische Tendenzen in Ost und West:
Günter Behnisch: Man kann doch sagen, dass da eine politische Absicht dahintergestanden hat. Man kann doch sagen: Die wollten nicht die alte Stadt erhalten, sondern eine sozialistische Stadt aufbauen.
Gertraut Schaarschmidt: Das ist der Punkt. Man wollte sich mit neuen Häusern, mit neuen sozialistischen Wohnbereichen darstellen. Diese alten Wohngebiete hatten keinen Stellenwert.
Peter Kulka: Man hat bis heute immer das Aktuelle überschätzt. Es war immer die Illusion der Planer, dass die moderne Stadt alles leisten kann. lch glaube, dass die ldeologie zur Stadt nur teilweise von den Politikern kam. Es waren eigentlich die Planer, die dringend die Moderne hierherbringen wollten. Man wechselte einfach die Überschrift und sagte »sozialistische Stadt« und hat eine unendliche Hoffnung da reingesteckt.
Thomas Sieverts: Das war ja bei uns nicht anders. Die sechziger Jahre waren die Zeit der Konvergenztheorie, wo wir alle der Meinung waren, dass sich aufgrund der Notwendigkeit die Dinge aufeinander zubewegen. Kollektivierung der Landwirtschaft, Flurbereinigung, lndustrialisierung des Bauens und Geringschätzung der Altstadt, das gab es bei uns genauso. Nur bei uns hat das dann schlagartig 1975 aufgehört, und hier hat es die Politik bis zum tödlichen Ende weitergetrieben. Aber in den 60er Jahren hatten wir in Ost und West ganz ähnliche Grundpositionen.
Peter Kulka: Nie waren sich die beiden Teile Deutschlands so nahe.
(Tagungsdokumentation, S. 33)
Zu den 1996 diskutierten Planungen, im Chemnitzer Plattenbau-Wohngebiet Fritz Heckert noch fehlende Versorgungseinrichtungen nachzubauen, warnte Günter Behnisch: »Ich würde es als Katastrophe empfinden, wenn Ihr jetzt diese westliche Dichte zwischen den Häusern produziert. Die Luft und das Nichtkommerzielle gehen verloren.« (Tagungsdokumentation, S. 35)
Neugestaltung der Chemnitzer Innenstadt
In den letzten Teil der Tagung führte der Chemnitzer Beigeordnete und stellv. Oberbürgermeister Bèla Dören ein und erläuterter den schwierigen Planungs-, Prüfungs-, Abstimmungs- und Kommunikationsprozess seit 1991, der zur Neugestaltung der Chemnitzer Innenstadt im Bereich um die Stadthalle mit Einkaufs-, Gewerbe- und Wohnbauten führen sollte. Günter Behnisch versuchte durch Nachfragen und Moderieren zu einem gemeinsamen Votum zu gelangen, aber die konkrete Lage war problematisch durch eingeschränkte Investorenbereitschaft, weitere Bevölkerungsabwanderung, Konkurrenzdruck durch Shopping-Center am Stadtrand und einen hohen Erwartungsdruck der Chemnitzer. Die anwesenden Akademiemitglieder gewannen einen anschaulichen Eindruck der komplexen Schwierigkeiten des Stadtumbau Ost außerhalb der Metropolen, denen man nicht mit vorgefertigten Rezepten begegnen konnte.
Helmut Trauzettel stellte vor allem Fragen nach den Zielen der Verkehrsströme nach Chemnitz, nach Pendlern aus der Erzgebirgsregion, nach den Konsequenzen der Deindustrialisierung: »Sind all diese Menschen, die täglich unterwegs sind, auch interessiert, in Chemnitz einen Punkt zu finden, wo sie mehr als Arbeit, mehr als Handelsangebot finden, sondern auch wieder eine Bürgergemeinschaft bilden können? Ist so etwas überhaupt zu erwarten? Kann man die Stadt des 21. Jahrhunderts wieder zu dem zusammenführen, was Arbeit, Heimat und natürlich auch Kultur bedeutet? Die Betrachtungen auf diesen einen Fleck hier (das Baufeld der Innenstadt) sind doch nicht darauf eingerichtet, neue Menschen zu sammeln, die Chemnitz ausmachen, die das Stadtbürgertum ausmachen, die hier vernetzt sein wollen.« (Tagungsdokumentation, S. 51)
Peter Kulka trug generelle Überlegungen vor: »Ich denke, wie wir selbst in unseren kleinen Einheiten den ungeheuren Wandel der letzten Zeit erlebt haben, zeigt doch, dass sich diese Gesellschaft hier und auch im Westen längst ganz anders bewegt. Wir können uns Bilder von der alten Stadt durch Medien ranholen. Ich frage mich einfach, was für eine Einheitssoße… […] Ich glaube, wir werden es alle nicht schaffen an diesen Unorten, chaotisch wie sie sind, Identifikationsorte zu schaffen, wenn sie nicht originär und zeitgemäß sind. […] Was sagen wir dieser Stadt? Wir wissen, wie Sie dahin kommen und wie diese Wünsche entstehen. Aber ich glaube nicht, dass das Chemnitz ausmacht und dass Chemnitz damit eine Chance bekommt. Es wird uniform sein bis zum Geht-nicht-mehr und haben will das keiner.« (Tagungsdokumentation, S. 52)
Thomas Sieverts zog ein versöhnlicheres Fazit und machte noch einen Vorschlag: »Ich würde jetzt den Stadtplanern den Rücken stärken wollen. Das Konzept ist gut und Sie sollten das zu Ende führen unter dem Gesichtspunkt, dass das ein Gebiet unter zehn mit einer ganz bestimmten Ausrichtung sein kann. Aber es ist wirklich nur eins und nicht das wichtigste. […] Ich würde die Anstrengungen jetzt gar nicht so sehr in die Innenstadt legen, das ist jetzt gelaufen. Ich würde mal versuchen, die Shopping-Center zu qualifizieren und sehen, was dort draußen entstehen kann. […] Welche werden bestehen bleiben und welche werden eingehen? Welche werden sich umwandeln? Kann man einzelne als urbane Ansatzpunkte für neue Stadtteile entwickeln? Das sind doch die Fragen, die auf die Stadt massiv zukommen und denen sie sich stellen muss.« (Tagungsdokumentation, S. 54)
Die Tagungsdokumentation bezieht ihre Anschaulichkeit daraus, dass nicht nur die Vorträge, sondern auch die Diskussionen als Tonbandabschriften wiedergegeben werden. Daraus geht zum einen hervor, mit wieviel Engagement die Akademiemitglieder debattierten. Zum anderen der Anspruch, bestmöglich zum Gelingen der stadtplanerischen Herausforderungen der Umbruchzeit beizutragen.
Fazit
Mit weiteren Städtebautagungen in Bautzen, Leipzig-Plagwitz, Freiberg, Görlitz, Hoyerswerda und Dresden bewies die Klasse Baukunst in den Folgejahren ein besonderes Interesse an der städtebaulichen Entwicklung sächsischer Kommunen. Diese standen trotz Fördergeldern seit der Deutschen Einheit -vor großen planerischen Herausforderungen: private Bau-Investitionen und Rekonstruktion historischer Bausubstanz einerseits, Leerstand in Stadtzentren durch Abwanderung andererseits.
Die Diskussionen von Mitgliedern mit Fachleuten und Kommunalpolitikern und die in eigenen Tagungsbänden publizierten Ergebnisse fanden großes, auch überregionales Interesse.
Dieses Engagement setzen auch die gegenwärtigen Architektinnen und Architekten in der Klasse Baukunst fort. Mit aktiver Beteiligung der Sächsischen Akademie der Künste stellt die Ausstellungs- und Veranstaltungsreihe »Ostmoderne.Kultur-Orte. UmBaukultur des industriekulturellen Erbes in Dresden, Chemnitz, Leipzig« im Herbst 2026 den Umgang mit beispielhaften Projekten in sächsischen Großstädten vor. Weitere Informationen
Eine Übersicht einschlägiger Publikationen ist hier zu finden: https://www.sadk.de/archiv/publikationen.
Bei Interesse können noch lieferbare Broschüren über die Geschäftsstelle der Akademie bezogen werden:
Sächsische Akademie der Künste, Palaisplatz 3, 01097 Dresden
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